2. Der Schädel mit dem Visceralskelet.

Der Schädel bildet ursprünglich (wie jetzt noch bei Selachiern

Fig. 623) eine Knorpelkapsel um das Gehirn, deren Ausläufer die

Hauptsinnesorgane, Nase (N), Auge (A) und Ohr (O) umschliessen und

schützen (Primordialcranium). Unter und hinter diesem Schädel liegen

eine Anzahl paariger, ventral geschlossener Knorpelbögen, die die Mund-

und Kiemenhöhle umschliessen (Visceralskelet), und von denen die beiden

vordersten am Primordialcranium befestigt sind. Das Primordialcranium

in Verbindung mit diesen beiden vordersten Visceralbögen bildet die

Grundlage des Schädels der höheren Wirbelthiere.

[Illustration: Fig. 623. Scyllium canicula Cuv. Recent; Schädel und

Visceralskelet von der Seite. N = Nasenregion, A = Augenregion, O =

Ohrregion des Primordialcraniums. br = Kiemenstrahlen des Hyoidbogens

(Kiemenhautstrahlen); hm = Hyomandibulare; hy = Hyoideum; k =

Kiemenstrahlen der Kiemenbögen; l = Lippenknorpel; md = Mandibula; pq

= Palatoquadratum; r = Rostrum; x = Ectobranchialia; 1-5 = erster bis

fünfter Kiemenbogen.]

Der erste Visceralbogen (pq + md, Kieferbogen) bildet die

ursprünglichen Kiefer und besteht aus einem oberen Stück,

Palatoquadratum (pq, oder Palatopterygoid), und einem unteren damit

articulirenden Stück, dem Unterkiefer (md, Mandibula oder Meckel’scher

Knorpel). Das obere Stück des zweiten Visceralbogens (hm + hy, Hyoid-

oder Zungenbeinbogens) ist das Hyomandibulare (hm), das den Kieferbogen

mit dem Hinterende des Schädels verbindet und oft als Träger des

Unterkiefers (Suspensorium) dient; das untere Stück des zweiten Bogens

ist das Hyoideum (hy, Ceratohyale oder Zungenbein). Die folgenden Bögen

(1-5) sind die eigentlichen Kiemenbögen, zwischen und vor denen sich

seitlich die Kiemenspalten öffnen. Jeder Bogen des Visceralskeletes

kann Kiemenstrahlen (br und k) tragen. Das Palatoquadratum und das

Hyomandibulare sind oft mit dem Primordialcranium verschmolzen, mit

welchem dann Unterkiefer und Zungenbein direkt articuliren (Autostylie

bei Holocephali, Dipnoi, Quadrupeda).

Bei den meisten Wirbelthieren entstehen in der äusseren Kopfhaut

Hautknochen (Deck- oder Belegknochen), die bei niederen Formen oft

einen fast geschlossenen Kopfpanzer (Fig. 677) bilden, welcher bei

höheren Formen zum Theil wieder schwindet; auch im Dach der Mundhöhle

(Schädelbasis) entstehen derartige Knochen. Ein Theil der Deckknochen

tritt in innige Verbindung mit dem knorpeligen Innenschädel, der

stellenweise durch die auflagernden Deckknochen verdrängt und ersetzt

oder ergänzt wird. Ferner kann der Knorpel des Innenschädels selbst

von verschiedenen Ossificationspunkten aus in Knochen (Knorpelknochen)

sich umwandeln. In Folge davon wird der ursprünglich knorpelige Schädel

allmählich zum Theil oder ganz durch einen aus Deck- und Knorpelknochen

bestehenden knöchernen Schädel ersetzt. Soweit die Deckknochen, ihrer

ursprünglichen Aufgabe entsprechend, als Kopfpanzer die äussere

Oberfläche des Kopfes bilden, sind sie äusserlich skulptirt, selbst oft

schmelzbedeckt, während sie glatt und schmelzlos erscheinen, wo sie von

dickeren Hautlagen bedeckt sind und wesentlich nur noch zur Ergänzung

des Innenschädels dienen. Die einzelnen Schädelknochen sind entweder

durch Bänder oder Gelenke beweglich oder durch Nähte unbeweglich

mit einander vereinigt, oder sie können endlich ganz mit einander

verschmelzen ohne Nähte (Synostose). Es lassen sich verschiedene Stufen

in der Ausbildung des Wirbelthierschädels unterscheiden:

1. Innenschädel knorpelig, ohne Deckknochen (Chondropterygii --

Fig. 623, 645).

2. Innenschädel knorpelig, mit einzelnen Deckknochen (manche Dipnoi

und Heterocerci?).

3. Innenschädel knorpelig; Deckknochen bilden einen geschlossenen

äusseren Kopfpanzer (Placodermi -- Fig. 669, manche Dipnoi --

Fig. 676, zahlreiche ältere Teleostomi -- Fig. 677, zahlreiche

Stegocephali -- Fig. 741).

4. Hirnkapsel (auch andere Theile des Innenschädels) zum Theil

verknöchert; Deckknochen bilden noch einen geschlossenen äusseren

Kopfpanzer (Polypterus, Lepidosteus, viele Stegocephali -- Fig.

756).

5. Hirnkapsel zum Theil verknöchert; der ursprüngliche Kopfpanzer

ist mehr oder weniger lückenhaft (die meisten jüngeren Teleostomi,

die modernen Amphibia, die meisten Reptilia -- Fig. 730).

6. Hirnkapsel vollkommen verknöchert; der ursprüngliche Kopfpanzer

ist sehr lückenhaft (Ophidia, Pterosauria, Aves, Mammalia).

[Illustration: Fig. 624. Hatteria punctata Gray. Lebend. Neuseeland.

Schädel von der Unterseite. Ch = Choanen; co = Hinterhauptsgelenk;

g = Gelenkfläche für den Unterkiefer auf dem Quadratum; im =

Intermaxillare; j = Jugale; m = Maxillare; o = Opisthoticum; ob =

Basioccipitale; p = Parietale; pa = Palatinum; pt = Pterygoid; q

= Quadratum; qj = Quadratojugale; sb = Basisphenoid mit vorderem

schnabelförmigem Fortsatze, dem rudimentären Parasphenoid; st = Stapes;

tr = Transversarium; v = Vomer.]

Von wichtigeren Schädelknochen sind folgende zu nennen:

a. Durch Verknöcherung des Primordialcraniums entstehen (Fig. 625) die

4 Hinterhauptsbeine oder Occipitalia, nämlich 1 Occipitale basilare

(ob -- Basioccipitale), 2 Occ. lateralia (co -- Exoccipitalia), 1

Occ. superius (o.s -- Supraoccipitale), die alle an der Begrenzung

des Foramen magnum (F) theilnehmen können; kommt es zur Bildung einer

Gelenkverbindung (co) des Schädels mit dem ersten Wirbel (Atlas),

so können sich daran die beiden Occipitalia lateralia (Fig. 625 co)

und das O. basilare (Fig. 624 co) betheiligen. Aus der Basis des

Primordialcraniums entsteht vor dem Occipitale basilare (o.b) das

unpaare Basisphenoid (sb), manchmal auch ein Präsphenoid, und an

den Seiten paarige Alisphenoide (as) und Orbitosphenoide; nach vorn

entsteht das unpaare Ethmoid, in der Gehörregion das paarige Prooticum,

Epioticum und Opisthoticum (Fig. 624 o).

[Illustration: Fig. 625. Sus scrofa. Lebend. Schädel von unten. co =

Hinterhauptshöcker an den Occipitalia lateralia; im = Intermaxillare;

j = Jugale; mx = Maxillare; ob = Occipitale basilare; os = Occipitale

superius; pe = Petrosum; pl = Palatinum; pm = Processus paramastoideus;

pt = Pterygoid; sb = Basisphenoid; t = Temporale; ty = Tympanicum;

C = Choanenöffnung; F = Foramen magnum; dc = Milcheckzahn; di₁₋₃ =

Milchschneidezähne; d₁₋₄ = Milchbackzähne; m₁₋₂ = Molaren.]

[Illustration: Fig. 626. Dawsonia polydens Fritsch. Carbon. Nyran,

Böhmen. Schädel von unten. im = Intermaxillare; m = Maxillare; pa =

Palatinum; ps = Parasphenoid; pt = Pterygoid; v = Vomer.]

b. Als Deckknochen entsteht auf der Schädelbasis als Dach der Mundhöhle

hinten das unpaare Parasphenoid (Fig. 626 ps), mächtig entwickelt bei

Fischen und Amphibien, sonst rudimentär und in das Basisphenoid (Fig.

624 sb) aufgenommen, vorn (unter der Ethmoidalregion) der manchmal

paarige Vomer (v -- Pflugscharbein). Auf dem Palatoquadratum entsteht

(Fig. 624 u. 626), jederseits an den Vomer (v) anschliessend, das

Palatinum (pa -- Gaumenbein), dem ein oder mehrere Pterygoide (pt

u. tr -- Flügelbeine) folgen, welche hinten an das Quadratum (q --

Quadratbein) grenzen; dasselbe ist ein Knorpelknochen, der, aus dem

Hinterende des Palatoquadratum entstanden, stets das Unterkiefergelenk

(g) bildet. Das Schädeldach (Fig. 627) bedecken von hinten nach

vorn, an das Supraoccipitale (o.s) anschliessend, die meist paarigen

Parietalia (p -- Scheitelbeine), Frontalia (f -- Stirnbeine, oft

mehrfach) und Nasalia (n -- Nasenbeine). Vom Quadratbein (q) zum

Parietale (p) zieht oft das Squamosum (Fig. 627 sq oder Mastoideum,

über dem ursprünglichen, häufig verknöcherten Hyomandibulare). Am

Unterkiefer entsteht jederseits von hinten nach vorn (Fig. 627) ein

Articulare (art), Angulare (ang), Supraangulare (sa), Spleniale und das

zahntragende Dentale (d); von diesen ist nur das das Gelenk bildende

Articulare (art) ein Knorpelknochen. Der am reinen Knorpelschädel durch

das Palatoquadratum dargestellte obere Mundrand wird bei den höheren

Fischen und den Quadrupeda von Deckknochen gebildet (Fig. 624 u.

627), dem Prä- oder Intermaxillare (im -- Zwischenkieferbein) und dem

Maxillare (m -- Oberkieferbein), die durch ein Jugale (j -- Jochbein)

und Quadratojugale (qj) sich mit dem Quadratum (q) verbinden können.

Die Anzahl der Deckknochen des Kopfes ist durchschnittlich am grössten

bei Fischen, geringer ist sie bei Reptilien, am kleinsten bei Säugern.

[Illustration: Fig. 627. Ichthyosaurus tenuirostris Conyb. Lias von

Württemberg. Schädel von der Seite und von oben, etwas schematisch. ang

= Angulare; art = Articulare; d = Dentale; F = Foramen parietale; f =

Frontale; fa = Praefrontale; fp = Postfrontale; im = Intermaxillare; j

= Jugale; l= Lacrymale; m = Maxillare; N = Nasenöffnung; n = Nasale; op

= Postorbitale; os = Occipitale superius; p = Parietale; q = Quadratum;

qj = Quadratojugale; S = obere Schläfengrube; sa = Supraangulare; sc =

Scleroticalring; sq = Squamosum; t.s = Supratemporale.]

Die Kiemenbögen bilden sich bei luftathmenden Wirbelthieren mehr und

mehr zurück.

Elemente der Paläontologie · 第 259 / 606 题