1. Die Wirbelsäule und ihre Anhänge.

Als Grundlage der Wirbelsäule erscheint stets zuerst (Fig. 611)

die Chorda dorsalis (ch -- Wirbelsaite), ein ungegliederter,

gallertartiger, elastischer Längsstrang, umgeben von der ebenfalls

ungegliederten häutigen Chordascheide (c). In jedem Körpersegmente

können sich, median von der Rumpfmusculatur, unmittelbar über der

Chordascheide ein Paar dorsale, das Rückenmark (N) umfassende, oft auch

ein Paar ähnliche ventrale Knorpelspangen erheben, die oberen (ob) und

die unteren (ub) Wirbelbögen (Neuralbögen und Hämalbögen). Nur bei den

niedersten Fischen erhält sich dieser Zustand der Wirbelsäule während

des ganzen Lebens.

Gewöhnlich gliedert sich die nunmehr knorpelig werdende Chordascheide

in ebenso viele ringförmige Abschnitte, als sie obere Wirbelbogenpaare

trägt. Jeder solche Abschnitt mit dem dazu gehörigen Stück der Chorda

bildet ein Wirbelcentrum (c + ch, primitiver Wirbelkörper). Das

Wirbelcentrum in Verbindung mit den plattenartigen Basen der dazu

gehörigen Wirbelbögen, von denen es meist umwachsen wird, stellt den

(secundären) Wirbelkörper (k) dar. Wirbel wird der Wirbelkörper mit

seinen unbeweglichen Anhängen genannt.

[Illustration: Fig. 611. Schwanzwirbel eines Fisches im Querschnitt,

schematisch. N = Rückenmarkscanal; c = Chordascheide; ch = Chorda

dorsalis; ob = oberer Wirbelbogen; od = oberer Dornfortsatz; ub =

unterer Wirbelbogen; ud = unterer Dornfortsatz. Schraffirt sind die

Theile der Wirbelbögen, die an der Bildung des Wirbelkörpers (k)

theilnehmen. ft = Flossenträger; fs = Flossenstrahl.]

[Illustration: Fig. 612. Amphicöle Wirbel von Ichthyosaurus mit

getrennten oberen Bögen. n = oberer Dornfortsatz; o = obere, u = untere

Gelenkfläche für die beiden Rippenköpfe; z = Gelenkfortsatz; k =

Wirbelkörper.]

[Illustration: Fig. 613. Procöler Wirbel von Palaeophis typhaeus

Ow. Londonthon von England. d = oberer Dornfortsatz; h = hinterer

Gelenkkopf des Wirbelkörpers; r = Querfortsatz mit Gelenk für die

einköpfige Rippe; z = vorderer, z’ = hinterer Gelenkfortsatz.]

Bei höheren Formen tritt bald Verknöcherung (bez. Verkalkung:

Chondropterygii) an den Wirbeln auf, die geringeren oder grösseren

Umfang erreichen kann; stets finden sich zuerst die Wirbelbögen und

ihre Anhänge verknöchert; nach dem Verhalten des Wirbelcentrums

lassen sich verschiedene Stufen der Wirbelbildung annehmen:

1. Wirbelcentrum nicht verknöchert (Chordascheide noch ungegliedert):

Nacktwirbel (Fig. 618, 645).

2. Wirbelcentrum durch ein Paar getrennter oder dorsal verwachsener

Knochenstücke (Pleurocentra) dargestellt: rhachitome Wirbel (Fig. 614)

und Halbwirbel (Fig. 710).

3. Wirbelcentrum durch einen von der (persistirenden) Chorda noch

durchbohrten Knochenring dargestellt: Ring- oder Hohlwirbel.

4. Wirbelcentrum vollständig (bis zur Mitte) verknöchert, durch

Ligamente oder Nähte von den oberen Bögen getrennt (Fig. 612 u. 615).

5. Wirbelcentrum vollständig verknöchert, mit den oberen Bögen

vollkommen verschmolzen (synostosirt oder ankylosirt Fig. 613).

Meist sind die einzelnen Wirbelkörper gegen einander beweglich,

entweder nur durch elastisches Gewebe oder auch durch Gelenke mit

einander verbunden; öfter verwachsen mehrere Wirbelkörper mit einander

zu einer unbeweglichen Masse. Die Chorda kann durch Knorpel- oder

Knochenmassen, die von der Chordascheide aus entstehen, eingeschnürt

oder schliesslich ganz zum Schwunde gebracht werden, entweder nur

vertebral (in der Mitte der Wirbel) oder auch intervertebral (zwischen

den Wirbeln). Man unterscheidet danach verschiedene Arten von Wirbeln:

1. Wird die Chorda nur vertebral eingeschnürt oder ganz verdrängt,

während sie intervertebral noch wohl erhalten bleibt, so entstehen die

sanduhrförmigen biconcaven oder amphicölen Wirbelkörper (Fig. 612).

2. Wird die Chorda auch intervertebral verdrängt durch Knorpel- oder

Knochenmassen, welche förmliche Gelenke herstellen, so entstehen die

opisthocölen Wirbelkörper mit vorderem Gelenkkopfe und hinterer

Gelenkgrube (Gelenkpfanne), oder umgekehrt die procölen mit hinterem

Gelenkkopfe (Fig. 613 h) und vorderer Gelenkgrube.

3. Die Chorda kann intervertebral verdrängt werden durch elastische

Zwischenwirbelscheiben, welche die meist biplanen (vorn und hinten

ebenen) Wirbelkörper mit einander verbinden (Mammalia).

[Illustration: Fig. 614. Rhachitome Wirbel von Archegosaurus. A

Rumpfwirbel. B Schwanzwirbel. i = Intercentrum; p = Pleurocentra; ob,

od = oberer Bogen mit Dornfortsatz; ub = unterer Dornfortsatz; z =

vorderer, z’ = hinterer Gelenkfortsatz. Der von den Y-förmigen unteren

Dornfortsätzen eingeschlossene mediane Canal für die Blutgefässe ist

sichtbar.]

Die beiden Hälften eines oberen oder eines unteren Bogenpaares

verwachsen häufig am distalen Ende (mit oder ohne Hinzutreten eines

besonderen Knochenstückes) und bilden die oft sehr verlängerten

oberen und unteren Dornfortsätze (Fig. 611, 618 u. 619 od u. ud --

Processus spinosus). Die unteren sind fast immer auf die Schwanzwirbel

beschränkt. an denen sie oft Y-förmige ventrale Anhänge bilden (Fig.

617 ud u. 619 ub, Sparrknochen oder chevron bones). Intercentrum (Fig.

614, 615 i) oder Hypocentrum wird die oft selbständig verknöchernde

Basis der unteren Bögen genannt; dasselbe kann sehr verschieden

entwickelt sein:

1. Intercentrum wohl entwickelt, durch paarige Platten oder unpaare

Halbringe (oft keilförmig, wenn von der Seite gesehen) dargestellt,

die etwa die untere Hälfte der Wirbelkörper (Halbwirbel) bilden (Fig.

614, 620 u. 710 i), frei oder mit dem übrigen Wirbelkörper verwachsen

(Pisces und einige Stegocephali).

2. Intercentrum wohl entwickelt, durch Knochenringe dargestellt, die

je zwei Wirbelcentra vollständig von einander trennen, so dass der

Wirbelkörper in zwei hinter einander liegende Hälften getrennt

erscheint (embolomere Wirbel: Fig. 616 i, 711 B; einige Pisces und

Stegocephali).

3. Intercentrum rudimentär, durch winzige Knochenstückchen

dargestellt, die ventral an der Grenze je zweier Wirbelkörper liegen

(Fig. 615 i; einzelne Quadrupeda).

4. Intercentrum gar nicht verknöchert (die übrigen Quadrupeda).

[Illustration: Fig. 615. Zwei präsacrale amphicöle Wirbel von

Palaeohatteria. i = Intercentrum; c = Wirbelcentrum; ob = obere Bögen

mit Dornfortsatz (od); z, z’ = Gelenkfortsätze.]

[Illustration: Fig. 616. Embolomere Wirbel aus der Brustregion von

Cricotus. i = Intercentrum; k = Wirbelkörper; d = Gelenk für den

oberen, p = für den unteren Rippenkopf; od = oberer Dornfortsatz; z, z’

= Gelenkfortsätze.]

[Illustration: Fig. 617. Zwei Schwanzwirbel von Palaeohatteria. ud =

untere Dornfortsätze.]

[Illustration: Fig. 618. Zwei Schwanzwirbel von Pycnodus platessus

(Nacktwirbel). ob = oberer, ub = unterer Bogen; od = oberer, ud =

unterer Dornfortsatz.]

[Illustration: Fig. 619. Schema eines Schwanzwirbels von Reptilien

mit Y-förmigen unteren Bögen (ub). c = Wirbelcentrum; od = oberer,

ud = unterer Dornfortsatz; q = Querfortsatz: z = Gelenkfortsatz; N =

Rückenmarkscanal.]

[Illustration: Fig. 620. Rumpfwirbel eines Fisches, schematisch. c =

Chordascheide; ch = Chorda; ob = obere Bögen mit Dornfortsatz (od);

ub = untere Bögen; i = deren basaler Theil (Intercentrum); r = Rippe

(Pleuralbogen); N = Rückenmarkscanal. Schraffirt sind die Theile der

Wirbelbögen, welche an der Bildung des Wirbelkörpers theilnehmen.]

In der Rumpfregion der meisten Fische (Fig. 620) gliedern sich die

Enden der unteren Bögen von der Basis (i) ab und bilden Rippen

(r) (Pleuralbögen im Gegensatze zu den echten Rippen), welche die

Leibeshöhle umschliessen. Die Rippen der übrigen Wirbelthiere (echte

Rippen) sind abgegliederte und selbständig verknöchernde Theile

von seitlichen, in die Seitenmuskulatur hineinragenden Fortsätzen

(Rippenfortsätze oder Pleurapophysen), die von der Basis der

Wirbelbögen entspringen. Bei den Quadrupeda entspringen von der Basis

der oberen Bögen jederseits meist zwei Rippenfortsätze (Fig. 621, 622

r₁ u. r₂) über oder hinter einander an einem Wirbel; nur der eine

derselben ist wohl entwickelt und als bewegliche Rippe abgegliedert

(bei Sauropsida der obere, Fig. 621 r, bei Mammalia der untere, Fig.

622 r), mit der dann der andere weniger entwickelte verwächst (Fig.

621 r₂) oder in Gelenkverbindung (Fig. 622 r₁) steht (doppelköpfige

Rippen). Nicht abgegliederte Rippenfortsätze (Fig. 619 q, 622 r₁) oder

die die Rippen tragenden Wurzelstücke derselben (Rippenträger, Fig. 621

q) werden Querfortsätze genannt.

[Illustration: Fig. 621. Rückenwirbel (links), bez. Halswirbel (rechts)

eines Reptils, schematisch.]

[Illustration: Fig. 622. Rückenwirbel (links), bez. Halswirbel (rechts)

eines Säugethieres, schematisch.

c = Wirbelcentrum; ca = Rippenkopf (Capitulum); f = Foramen

transversarium; ob = distal verwachsene obere Bögen; od = Dornfortsatz;

r = Rippe; r₁ = oberer Rippenfortsatz (q = Querfortsatz); r₂ = unterer

Rippenfortsatz; st = Sternum; t = Rippenhöcker (Tuberculum); z =

Gelenkfortsatz; N = Rückenmarkscanal. Schraffirt sind die Theile der

oberen Bögen, die mit dem Centrum an der Bildung des Wirbelkörpers

theilnehmen.]

In der Brustgegend der meisten höheren Wirbelthiere verwachsen die

verbreiterten ventralen Enden der beiderseitigen Rippen mit einander

und bilden das meist unpaare Brustbein oder Sternum (Fig. 621 u. 622 st)

Gelenkfortsätze (Zygapophysen) (Fig. 613-617), ein vorderes (z) und

ein hinteres (z’) Paar, entspringen jederseits an den oberen Bögen

derart, dass je ein solcher nach hinten gerichteter Fortsatz in

Gelenkverbindung steht mit einem nach vorn gerichteten Fortsatze

des folgenden Wirbels; dadurch wird eine festere Verkettung der

einzelnen Wirbel unter einander erzielt, als durch die Verbindung

der Wirbelkörper allein möglich ist. Bei allen landbewohnenden

Wirbelthieren sind Gelenkfortsätze sehr wohl ausgebildet.

Elemente der Paläontologie · 第 258 / 606 题