Octopoda (Achtfüssler)

führt. Hierher gehören fast ausnahmslos unbeschalte, freischwimmende

Thiere von gedrungener oder cylindrischer Gestalt. Der Mund (Fig.

547 m) wird von 8, meist ungleich entwickelten, freien oder ganz

oder z. Th. durch Lappen verbundenen, Saugnäpfen, nur selten auch

Häkchen tragenden Armen umstellt (Fig. 547). Meist sind das erste

(dorsale) Armpaar, zuweilen das zweite oder auch beide stärker und

länger ausgebildet als die übrigen. Bei einigen Formen ist der

Hautlappen, welcher die dorsalen Arme verbindet, in der Mitte tief

gespalten. Der Trichter (tr) bildet eine geschlossene Röhre, welche

ontogenetisch durch Zusammenwachsen zweier Lappen in der Mittelebene

entsteht. Flossen fehlen zumeist. Die Muskulatur zeigt im Vergleich

zum lebenden Nautilus folgende Verschiedenheiten: Es ist ein langer,

kräftiger, unpaarer Bauchmuskel vorhanden; an Stelle des einen

Paares von Schalenmuskeln bei Nautilus haben wir 2 Paare, von denen

das bauchständige (»Herabzieher des Trichters«) oft viel stärker

entwickelt ist, als das rückenständige. In dem unpaaren muskulösen

Nackenband, welches Kopf und Rumpf verbindet, endigen die »Anzieher

des Trichters«, wie bei Nautilus. Ein Tintenbeutel ist mehr oder

minder stark ausgebildet, fehlt aber zuweilen. Bei einigen Formen

findet sich ein knorpeliger oder fleischiger Schliessapparat an der

Basis des Trichters. Die meisten Octopoden (Fam. Octopidae) führen

eine litorale Lebensweise, die Familie der Philonexidae ist aber

ausgesprochen pelagisch.

[Illustration: Fig. 547. Argonauta argo L. Lebend. Mittelmeer. Das

Weibchen in der z. Th. aufgebrochenen Schale (stark zusammengezogen).

R = Rücken-, B = Bauchseite; m = Mantel; tr = Trichter; m’ = Mund;

I-IV = die 4 Armpaare, vom Rücken gegen den Bauch zu gezählt. I = das

dorsale Armpaar, in einem Spiralausschnitte der Schale liegend, mit

seiner lappenartigen Verbreiterung (l) die Schale von hinten her bis

zum Vorderrande umfassend. r = Rippen; zw = stärkere Zuwachsstreifen;

kn = Aussenknoten der Schale.]

[Illustration: Fig. 548. Argonauta hians Sol. v. Oweni. Lebend.

Indischer Ocean. A Schale von der Seite, B gegen die Mündung gesehen. r

= Rippen; z = Zuwachsstreifung; k = Aussenknoten; rf = Aussenfurche; tr

= Trichterausschnitt.]

Die Gesammtform sowie die Organisation und die embryonale Entwickelung

der Octopoden machen es sehr wahrscheinlich, dass ihre Ahnen

schalentragend waren. Manche Besonderheiten des Thieres fordern zu

einem Vergleiche mit dem Ammonitenthier auf. Die 6 Muskelpartien

entsprechen den 6 Fundamentalloben der ausgerollten Ammonitenschale

(und zwar der unpaare, bauchständige Muskel dem Aussenlobus, die

Herabzieher des Trichters den ersten, die sog. Schalenmuskeln den

zweiten Seitenloben, das unpaare Nackenband dem Innenlobus. Hierzu

kommt noch, dass das Weibchen der Gattung

Argonauta L. (Fig. 547-549) eine äussere Kalkschale besitzt, welche

in manchen Merkmalen von der Ammonitenschale abweicht, andererseits

aber eine sehr bemerkenswerthe Uebereinstimmung mit derselben

erkennen lässt. Die Schale ist exogastrisch spiral in einer Ebene

aufgerollt (Fig. 548), entbehrt der Perlmutterauskleidung, der

Luftkammern, des Sipho, sowie der Embryonalblase; sie steht mit dem

Thiere nicht in fester Verbindung, sondern sie wird nur von den

lappenartig verbreiterten Rückenarmen (Fig. 547 I l) festgehalten,

welche dieselbe von hinten her bis zum Vorderrande umfassen.

Der Schalenanfang ist röhrenförmig-conisch (Fig. 549 A k) oder

kapuzenförmig (C), besitzt an seinem äussersten Ende eine grössere

(C n) oder kleinere (A n) concave Embryonalfläche, welche bereits

bei einem Durchmesser von 1 mm Zuwachsringe zeigt (C n), und ist mit

äusserlich sichtbaren Zuwachsstreifen und Rippen bedeckt. Bei weiterem

Wachsthum verschwindet die Zuwachsstreifung von der Oberfläche, weil

die inzwischen ausgebildeten Rückenarme mit ihren Lappen die Schale

umfassen und auf derselben eine äussere Schalenschicht ablagern,

welche die Zuwachsstreifung verdeckt, aber noch durchscheinen

lässt (Fig. 548 A z). Durch die Thätigkeit der Rückenarme wird die

Bildung einer geschlossenen Schalenwand auf dem Rücken unmöglich

gemacht; die Schalenmasse häuft sich daselbst an und wird meist zu

einer Achsenleiste verdickt (Fig. 549 l), die zuweilen in seitliche

Fortsätze (Fig. 549 B f) ausläuft, z. Th. wird sie als Umschlag auf

dem vorhergehenden Umgange abgelagert. Bei ungenabelten Schalen

liegen zuweilen die Umgänge wie bei den Ammoniten längs einer Naht an

einander(Fig. 548 A, B), bei genabelten bildet sich dort wo die Arme

austreten, ein Spiralausschnitt (Fig. 547, 549 A), wie er in gleicher

Weise, wenn auch weniger tief, am Mundrande von Scaphites (Fig. 546)

beobachtet wird. Die Körperoberfläche ist überall muskulös verdickt

und das Thier liegt nirgends der Schale dauernd an; daher kommt es

weder zur Bildung eines Sipho noch zur Abscheidung von Luftkammern

und Perlmuttersubstanz. Aber die Schale bildet und verdickt sich

unablässig vom Mantel wie von den Rückenarmen aus, und daher zeigt die

Schalensubstanz dieselbe Schichtung wie das Perlmutter. In Folge der

bauchwärts übergeneigten Stellung des Thieres in der Schale ist der

Trichterausschnitt auf der Aussenseite mehr oder weniger tief.

[Illustration: Fig. 549. Argonauta hians Sol. Lebend. Indischer

Ocean. A eine junge Schale mit kegelförmigem Schalenanfang (k);

n = Embryonalfläche; l = Achsenleiste. B var. gondola Dillw. f =

Seitenfortsätze der Spiralleiste (l). C Schalenanfang eines anderen

Exemplars, die Anfangscalotte mit der concaven Embryonalfläche (n)

zeigend.]

Die recenten und fossilen (pliocänen) Argonauta-Schalen lassen sich

nach der Art der Berippung und der Gestalt der Schale in 3 Gruppen

zerlegen, von denen eine jede gewissen Ammonitenformen der oberen

Kreide überraschend ähnlich ist, nämlich:

1) Gruppe der Argonauta hians Sol. (Fig. 548, 549). Schale ungenabelt

oder sehr enggenabelt. Spiralausschnitt fehlend oder schwach. Grobe,

entfernt stehende, sparsam gespaltene, nach vorn geschwungene Rippen.

Nur im Alter entspricht jeder Spaltrippe ein breiter stumpfer Knoten

am Aussenrande, sonst ist die Zahl der Spaltrippen grösser als die der

Knoten. Aussenseite vertieft oder gerundet. Windungsquerschnitt oval

bis trapezförmig. Diese Gruppe besitzt die gleiche Skulptur wie die

Hopliten der Kreide aus der Gruppe des H. auritus (vgl. Fig. 541).

Pliocän und lebend in den wärmeren Meeren.

A. Sismondai Bell. Pliocän. Piemont.

A. hians Sol. Lebend. In allen wärmeren Meeren. Bildet zahlreiche Varietäten.

2) Gruppe der Argonauta tuberculata Lmk. Schale ungenabelt oder

enggenabelt. Zahlreiche, mehrfach gespaltene, ganz oder zum Theil in

gerundete Knoten aufgelöste, gerade oder schwach zurückgebogene Rippen.

Die abgeplattete oder vertiefte Aussenseite jederseits mit einer Reihe

breiter, seitlich zusammengedrückter Knoten besetzt, welche weniger

zahlreich sind als die Spaltrippen. Windungsquerschnitt oval.

Scaphites Conradi aus dem ? Eocän Nordamerikas besitzt dieselbe

Involution und ganz ähnliche Berippung. Lebend in den wärmeren Regionen

des atlantischen und indo-pacifischen Oceans.

A. tuberculata Lmk. (= nodosa Sol.).

3) Gruppe der Argonauta argo L. (Fig. 547). Schale ziemlich weit

genabelt. Spiralausschnitt tief. Jede der zahlreichen, geschlängelten,

durch wiederholte Spaltung entstandenen Rippen endigt an der schmalen

Aussenseite in einem feinen, spitzen Knoten. Windungsquerschnitt sehr

hoch, fast dreiseitig. Dieselbe zusammengedrückte Form der Schale und

die gleiche Verzierung besitzt die Wohnkammer von Scaphites compressus

aus dem oberen Senon Europas. In allen wärmeren Meeren, auch im

Mittelmeere.

A. argo L. (Fig. 547).

* * * * *

Die Ammoniten verschwinden in Europa und in anderen Gegenden mit dem

Ende der Kreideformation, obgleich noch keine einzige der zur Jurazeit

vorhandenen Familien vorher erloschen ist. Im pacifischen Becken

scheinen sie noch zur älteren Tertiärzeit vorhanden gewesen zu sein.

Die (rasch verschwindende) Schalenanlage des Embryo der Octopoden,

sowie ihre Organisation im Allgemeinen machen es im höchsten Grade

wahrscheinlich, dass sie von schalentragenden Formen abstammen.

Die Vertheilung der Muskulatur, ganz besonders aber die schlagende

Uebereinstimmung der 3 Argonauta-Gruppen mit Ammoniten-Gruppen der

oberen Kreide lassen kaum noch begründeten Zweifel an dem genetischen

Zusammenhange derselben aufkommen. Der Einwurf, dass z. Z. die

Verbindungsglieder zwischen Scaphiten bez. Ammoniten und Argonauta

aus dem Tertiär noch nicht bekannt sind, träfe, wenn er stichhaltig

wäre, in gleicher Weise für andere Thierabtheilungen (Kieselschwämme,

Seeigel, Ophiuren, Crinoiden etc.) zu, bei denen vermittelnde

Formen in Kreide oder Tertiär noch nicht gefunden sind. Der Schwund

der Schale ist in gleicher Weise, wie bei den Octopoden, bei den

marinen Nacktschnecken vor sich gegangen. Schalenrudimente, wie die

Argonauta-Schale, kommen bei den Heteropoden vor, die Besonderheit

der Schalenbildung von Argonauta durch Mantel und Arme gleichzeitig

findet ihr Analogon bei Nautilus (p. 349) und rein ostrakale Schalen

giebt es auch unter den Muscheln (z. B. Ostrea). Der Verlauf der

Zuwachsstreifung auf dem Schalenanfange und die Concavität der

Embryonalfläche von Argonauta endlich liefern den unumstösslichen

Beweis, dass die Schale schon vor vollendeter Entwickelung der

Rückenarme vom Embryo angelegt war.

Die lebenden Octopoden bilden eine Reihe sehr verschieden hoch

organisirter Formen. Die Familie der Philonexidae, zu welcher

Argonauta gehört, schliesst sich aller Wahrscheinlichkeit nach an die

Aegoceratidae an. Die vielfach höher organisirten Octopidae stammen

vielleicht von den Lytoceratidae (? und Amaltheidae) ab, während

die isolirte hakentragende Gattung Cirroteuthis, wie Funde aus den

Solenhofener Kalken beweisen, schon zur Zeit des oberen Jura schalenlos

war, also vermuthlich an die triadischen Nebenformen der Latisellati

(Ceratitidae) anknüpft.

Eine andere Art der Verkümmerung der Schale, welche z. B. auch bei

den terrestrischen Nacktschnecken Platz gegriffen hat, besteht darin,

dass der Mantel die Schale umwächst und das Thier sich mehr oder

weniger vollständig aus der Schale herauszieht. Dieser Vorgang lässt

sich bei der letzten Ordnung der Cephalopoden verfolgen, welche nach

der wichtigsten fossilen Gattung (Belemnites) als dritte Ordnung

Belemnoidea bezeichnet werden mag.

Elemente der Paläontologie · 第 223 / 606 题