2. Nebenformen.

Die Nebenformen der Kreideformation, soweit sie nicht zu den

Lytoceratidae (p. 422) gehören, schliessen sich an die Gruppe der

Tuberculati, z. Th. auch wohl an Olcostephanus (p. 440) an. Sie sind

von jenen sowohl durch die unsymmetrische Zertheilung der Sättel

als auch vielfach durch stärkere und unregelmässigere Skulptur

unterschieden.

[Illustration: Fig. 543. Crioceras Duvali Lév. Neocom. Westalpen. Alle

Umgänge spiral in einer Ebene gerollt.]

[Illustration: Fig. 544. Crioceras Matheroni d’Orb. Aptien.

Südfrankreich. Schale anfangs spiral, später gerade und hakenförmig

umgebogen.]

Crioceras Lév. (= Ancyloceras d’Orb. p.p., Toxoceras d’Orb. --

Fig. 543, 544). Umgänge von einander abgelöst, spiral in einer

Ebene gerollt (Fig. 543) oder auch später hakenförmig gebogen (Fig.

544), seltener unregelmässig schneckenförmig. Rippen meist einfach,

seltener gespalten, häufig mit Knoten oder Stacheln verziert. Unter

den 6 Fundamentalloben sind die zweiten Seitenloben am schwächsten

ausgebildet, so dass scheinbar nur 4 Loben vorhanden. An Hoplites, z.

Th. auch wohl an Acanthoceras anschliessend. Sehr häufig in der unteren

Kreide, namentlich im Neocom. Europa, Ostindien, Südafrika, Südamerika.

Cr. Duvali Lév. (Fig. 543). Mittleres Neocom. Alpengebiet, Chile.

Cr. Emerici Lév. } Oberes Neocom (Barrême-Stufe). Alpengebiet.

Cr. Tabarelli Ast. }

Cr. Matheroni d’Orb. (Fig. 544). Aptien. Südfrankreich.

Cr. gigas Sow. Aptien. England.

Die schneckenartig oder unregelmässig gerollten Formen werden als

Heteroceras d’Orb. abgetrennt. Barrême-Stufe.

H. Astieri d’Orb. Alpengebiet.

Scaphites Park. (Fig. 545, 546). Der gekammerte Theil der Schale

involut, die Wohnkammer ganz, z. Th. oder gar nicht abgelöst, aber

ein kurzes Stück gerade gestreckt, dann gegen die Spirale hakenförmig

zurückgebogen und dieselbe zuweilen mit dem Dorsalfortsatze (Fig. 546)

wieder berührend. Mundrand etwas verengt und verdickt, gegen den Rücken

zu häufig tief ausgebuchtet und am Rücken mit einem plattigen Fortsatze

versehen. Rippen mehrfach gespalten, auf der Wohnkammer häufig

verstärkt, oft mit 1 oder mehreren Reihen Knoten verziert, die meist,

wie bei Holcodiscus, auf einzelne Rippen sich beschränken. Hilfsloben

entwickelt. Ein dünner, gekörnelter Aptychus vorhanden. Die Scaphiten

sind besondere Wachsthumsformen von Holcodiscus, vielleicht auch

von Olcostephanus. Häufig in der oberen Kreide, besonders im Senon,

vielleicht noch im ältesten Tertiär Nordamerikas. Europa, Ostindien,

Nordamerika.

[Illustration: Fig. 545. Scaphites Geinitzi d’Orb. Oberes Turon.

Paderborn. Die Wohnkammer ein kurzes Stück gerade gestreckt, dann

hakenförmig zurückgebogen.]

Sc. aequalis Sow. Weit verbreitet im Cenoman Europas und Ostindiens.

Sc. Geinitzi d’Orb. (Fig. 545). Im mittleren und oberen Turon

Mitteleuropas.

Sc. Roemeri d’Orb. } Oberes Senon (Mukronatenkreide). Weit

Sc. constrictus Sow. } verbreitet in Europa.

Sc. tridens Kner. }

Sc. nodosus Ow. Oberste Kreide (Fort Pierre Group). Nordamerika.

Sc. Conradi Mort. Oberste Kreide.? Eocän (Fox Hills Group).

Nordamerika.

Geologische Verbreitung und Stammesgeschichte der Ammonoidea.

Die Ammonoidea zweigen im Devon (? oder z. Th. schon früher) von den

Nautilidae ab; sie erhalten verhältnissmässig schnell neue Merkmale,

welche sie leicht unterscheiden lassen, wie namentlich die Vermehrung

und Verzweigung der Loben. Zu wiederholten Malen spalten sich von den

ursprünglich glattschaligen, involuten Ausgangsformen mehr oder weniger

weitnabelige, rauhschalige Zweige ab, welche sich rasch und reichlich

entwickeln und früher oder später unter Bildung sog. Nebenformen oder

ohne solche erzeugt zu haben, wie es scheint, erlöschen.

Der älteste trachyostrake Zweig sind die, im Allgemeinen sehr

weitnabeligen Clymenien, welche mit dem Oberdevon verschwinden, ohne

Nebenformen gebildet zu haben. Sehr bald folgen die Tropitidae,

später auch die Ceratitidae nach; nur die letztere Familie bringt

es zur Bildung von Nebenformen, während von ersterer nur Formen mit

ausgeschnürter Wohnkammer gefunden sind; beide gehen nicht in die

Jurazeit über (? Tropites im unteren Lias). Unter den Latisellaten

bleiben die Arcestidae glattschalig, von den Angustisellaten

sterben die Familien der Pinacoceratidae und Cladiscitidae wie die

Arcestidae mit der Trias aus, ohne typisch trachyostrak zu werden und

ohne Nebenformen zu erzeugen, aber die Ausschnürung der Schale ist

hier fast die Regel. Die Ptychitidae erhalten in der Trias z. Th.

Faltenrippen, ihre Nachkommen, die Amaltheidae bleiben in einzelnen

Vertretern glattschalig bis zum Ende der Kreideformation (? Eocän),

aber zu wiederholten Malen geben sie rauhschalige Seitenzweige ab,

wie Pleuroceras im mittleren Lias, Cardioceras im unteren Malm,

Schloenbachia in der unteren, Buchiceras in der oberen Kreide. Mit

dem Auftreten der Berippung ist durchgängig eine Depression des

Windungsquerschnittes und vielfach eine Erweiterung des Nabels

verbunden. Schalen mit ausgeschnürter Wohnkammer sind trotz der starken

Involution der Schale in dieser Familie unbekannt, ebenso Nebenformen,

aber zur Zeit der jüngeren Kreide tritt in allen Zweigen derselben eine

Vereinfachung des Lobenbaues, z. Th. bis zum Ceratiten-Stadium ein.

Die Phylloceratidae, mit welchen die Lytoceratidae und jedenfalls auch

die Aegoceratidae genetisch sehr enge verknüpft sind, verharren in

der Trias noch im leiostraken Zustande. Ihre jüngsten Vertreter (in

der obersten Kreide) unterscheiden sich von manchen Triasformen nur

durch stärkere Lobenzertheilung. Obgleich durchgehends engnabelig,

schnüren sie sich niemals aus, liefern auch keine Nebenformen. Auch

die Lytoceratidae werden in den jüngsten Kreideschichten noch durch

wenige, glattschalige, evolute Formen vertreten, aber der Bildung der

zahlreichen Nebenformen in der Kreide geht ein kurzes trachyostrakes

Stadium voraus und die Nebenformen selbst sind durchgängig rauhschalig,

wenn auch in weniger ausgeprägter Weise, als diejenigen der

Aegoceratidae. Letztere stellen die Trachyostraca ϰατ’ ἐξοχήν vor.

Die Abtheilung der Carinati erhält zwar nur in einzelnen Zweigen

eine reichlichere Verzierung; nur wenige engnabelige Formen des Jura

bilden eine geknickte Wohnkammer, die übrigen werden im Laufe der

Zeit weitnabelig und runden die Umgänge ab. Ihre jüngsten Vertreter,

z. Th. wahre Riesen unter den Ammoniten, erhalten annulate Berippung;

das carinate Stadium ist mit dem Jura überwunden. Ausschnürungen

und Nebenformen fehlen. Anders die Annulati. In manchen Zweigen

derselben entstehen schon im Jura ausgeschnürte Schalen (Hammatoceras,

Sphaeroceras, Stephanoceras) oder Nebenformen (Cosmoceras,? Simoceras).

Dieser letztere Vorgang wiederholt sich im verstärkten Maasse in der

unteren Kreide bei verschiedenen Gattungen (Crioceras), zum letzten

Male in der oberen in Scaphites, wo die Ausrollung der Wohnkammer oft

kaum über die Ausschnürung derselben hinausgeht.

Am Ende der Kreidezeit giebt es nur noch vereinzelte normal

eingerollte und gleichzeitig leiostrake Formen. Fast alle Zweige

des Stammes, soweit sie nicht schon früher verschwunden, sind

trachyostrak geworden; das Ueberwiegen fast durchgängig trachyostraker

Nebenformen verleiht der Cephalopodenfauna der Kreide ein besonderes

Gepräge. Die glattschaligen Ammoniten besitzen im Allgemeinen eine

geringe horizontale Verbreitung, erscheinen oft hier und dort in

wenigen, unvermittelten Vertretern, während die rauhschaligen in den

entferntesten Gebieten häufig gleich stark vertreten sind (Ceratitidae,

Tropitidae, Ptychitidae in der Trias, Aegoceratidae und die

trachyostraken Glieder der Amaltheidae und Lytoceratidae im Jura und in

der Kreide).

Bevor wir eine Erklärung für die erwähnten Thatsachen zu geben

versuchen, lassen wir im Anschluss an die p. 399 mitgetheilte Tabelle

zunächst eine Uebersicht über die verwandtschaftlichen Beziehungen und

die vertikale Verbreitung der wichtigsten Gattungen folgen, wie sich

dieselben nach dem heutigen Standpunkte unserer Kenntnisse darstellen.

Die erste Tabelle enthält die mit der Trias aussterbenden Familien, die

zweite die jüngeren. Die vertikale Verbreitung ist durch Pfeilstriche,

das hauptsächliche Vorkommen durch Doppelstriche bezeichnet; die

Nebenformen sind eingeklammert.

Tabelle I.

+----------+----------------------------------------------------------------------------------+

| Jura | ? |

+==========+==================================================================================+

|Rhätische,| [Choristoceras] ↑ ↑ ↑ ↑ |

|Karnische | ↑ ↑ | ↑ Tropites | ↑ | | |

|Stufe | | | | | | | | | |

+----------+---|--------|-------|-----|----------------↑------|----|-------|----------|-------+

|Norische | | | Trachyceras | | Arcestes | Pinacoceras Cladiscites |

|Stufe | | | | | Joannites | | Sageceras | |

+==========+===|========|=======|=====|================|======|====|=======|==========|=======+

|Muschel- | | | | Celtites | | Sphingites | | |

|kalk |Arpadites Ceratites ↓ |Acrochordiceras | | | | | |

+----------+-----|------|-------------|----------------↓------|----|-------|----------↓-------+

| | | | | | | | | | |

|Bunt- | Dinarites Tirolites | | | | +-----+------+ |

|sandstein | | | | | ↓ | | |

| | | | | | | Cladiscitidae |

+==========+============|====|========↓=======================↓============↓==================+

| | | | | | | | Cyclolobus Popanoceras Medlicottia |

| | +-----+---------+ +---+----+ | | | | |

| | | | +----------+------------+ +----+------+ |

|Perm | Ceratitidae Tropitidae | | |

| | Arcestidae Pinacoceratidae |

+----------+----------------------------------------------------------------------------------+

Tabelle II.

+==========+=============================================================================================================================================+

|? Eocän | |

| | ↑ ↑ ↑ |

+==========+=====|====↑======↑========|===↑=====↑=====↑=========↑====↑=====================================↑============↑===========|=======↑============+

| | | | | | | | | | | | | | | |

|Senon | | | | | | | | |Pachydiscus | | | | |

+----------+-----|----|------|--------|---|-----|-----|---------|----|-------------↑-----------------------|------------|-----------|-------|------------+

|Turon, | | | | | | | | | | | | | [Scaphites] | |

|Cenoman | | | | | | |[Turrilites] | | | | | | | |

+==========+=====|====|======|========|===|=====|===/===========|====|=============|===============↑=======|============|===========|=======|============+

| | | | |[Baculites] | | / | / | | | | / \ | |

|Gault | | Schloen- | \ | | / | / | | | | ------- \ | |

| | | bachia | \| | ↑ | / | | | | / ? | |

+----------+-----|---/-------|------------|-----|-----|---------|------------------|---------------|-------|------------|-------------------|------------+

| | | / | | | | Desmoceras Acanthoceras [Crioceras] | | | |

|Neocom | | / | | | | / \ | Holcodiscus | |

| | |/ | ↑[Hamites]| Haploceras ↑ \| ↑ / ↑ Olcostephanus |

+==========+=====|===========|========|========\|=====|=========↑====↑=========|======================|===========|==/==============|=======|============+

|Tithon, | | | | | | | | | Simoceras | Hoplites | / | \ | |

|Kimmeridge| | ↑ | | | | | | | | | \ |/ | \| |

+----------+-----|----|------|--------|---------|-----|---------|----|---------|----↑-----↑----↓------|-----------|-----------------|-------↓------------+

| | | | | | | | | | | | | / | | | / |

|Oxford | | | | | | | | | | | | / Aspidoceras | ↑ | / |

+----------+-----|----|------|--------|---------|-----|---------|----|---------|----|-----|-----------------------|------------|----|-------↑------------+

| | | Cardio- | | | | | Oppelia | | Peltoceras \ | | | | Macroce- |

|Callovien | | ceras | | | | | | | | \----- ------ | | | | phalites |

| | | | | | | | | | | | \ | | Reineckia | | |

+==========+=====|====|======|========|=========|=====|=========|====|===↑=====|====|=============================|============|============|=====|======+

| | | / | | | | | | | | | | | | / |

|Oberer | | / | | | | | | Parkin- | [Ancylo- | | | / |

|Dogger | | / | | | | | | sonia | ceras] | | | / |

+----------+-----|-----------|--------|---------|-----↓---------|----|------\--|--/-------------------------------|------------|------------------↑------+

| | | | | || | | | \ | / | | | | |

|Mittlerer | | | | |+----+-----+ | | Cosmoceras | Stephanoceras / | | |

|Dogger | | | | | | | | | | | / | | |

| | | | | |Haploceratinae | | | Perisphinctes | Sphaeroceras | |

+----------+-----|-----------|--------|---------|-------\-------|----↓---------↓----------------------------------|------------↓------------------|------+

| | | | | | \ | / | | | ↑ / | |

|Unterer | | | | | \ | / +------+------+ ↓ | / | |

|Dogger | | | | | \ | / | ↑ | / | |

| | | Phylloceras | Lytoceras Harpoceras Cosmoceratinae | | / | |

| | | | | | | ↑ | | | |

+==========+=====|===========|========|=========|===============|===================|=============================|============|==================|======+

| | | | | | | Dumortieria | | | |

|Oberer | | | | | | | Dactylioceras Coeloceras Hammatoceras |

|Lias | | | | | | | | | | | | |

+----------+-----|-----------|--------|---------|---------------↓-------------------| -------------------- +----+------+ +----+-----+ --------|------+

| | | Pleuro- | | | | | ↓ | | | |

| | | ceras | | | +-----+------+ Perisphinc- Stephano- Cycloceras |

|Mittlerer | | / | Rhacophyllites | | tinae \ ceratinae / |

|Lias | Amaltheus | | | Harpoceratinae ↑ \ Aegoceras / |

| | | | | | ↑ | \ | / |

+----------+-----|-----------|--------|---------|---------------|-------------------|------------------------------------------|-------------------------+

| | | | | | | Polymorphites Schlotheimia / |

| | | | | | Arietites -- \ | | / |

|Unterer | | | | | | | \ \ +--------------------+------------------+ / | ------------------------

|Lias | | | | | +----+----+ \ \ | / |

| | | | | | | ------------------- Aegoceratinae / |

| | | | | | Arietitinae Psiloceras / |

+==========+=====↓===========↓========|=========↓========================================================================================================+

| || | | |

|Obere |+----+-----+ | | | |

|Trias | | ↑ ↓ +--------------------------------------------+-----------------------------------------+ |

| | Amaltheidae | | |

| | ↑ | Monophyllites Aegoceratidae |

+----------+-----|-----------|---- ---|------- ----------------------------------------------------------------------------------------------------------+

| | | | | | | / |

|Untere | | | | +-------+-----+ ----------------------------------- |

|Trias | | | | | / |

| | | | | Lytoceratidae / |

| | Ptychites Megaphyllites | ? / |

| | | | | |

+==========+=====|===========|========|==================================================================================================================+

| | Xenodiscus |

| || | | | |

|Perm |+----+-----+ +---------+-----------+ |

| | | | |

| |Ptychitidae Phylloceratidae |

| | |

+----------+---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------+

Keine Abtheilung der Wirbellosen ist uns mit solcher Vollständigkeit

überliefert, wie die Ammonoidea und ihre Vorfahren, die silurischen

Nautiloidea. Wenn auch weitere Forschungen noch manche Verschiebungen

in dem Stammbaum herbeiführen mögen, so werden doch die Grundzüge der

Entwickelung des gesammten Stammes kaum merklich verändert werden. Hier

mehr denn irgendwo ist der Paläontologie die Berechtigung gegeben,

eine Deutung des Entwickelungsganges einer wirbellosen Thiergruppe zu

versuchen, soweit dies überhaupt nach den Schalen allein möglich ist.

Die ältesten Cephalopoden besitzen eine gerade, kegelförmige Schale,

in deren hinterem Ende das Thier festgeheftet war. Das ringförmige

Haftband verhinderte das Entweichen der am Hinterleibe ausgeschiedenen

Luft und so wurde das Thier in der Schale vorgetrieben. Dabei konnten

die successiv sich bildenden Lagen von Perlmutterschicht nicht wie in

den Muscheln mit einander in Berührung bleiben, sondern sie wurden

durch Luftkammern von einander geschieden, ein Vorgang, der auch

gelegentlich an den Schneckenschalen und bei den Conularida (p. 342)

zu beobachten ist. Da nun eine gerade, zum grossen Theil mit Luft

erfüllte Schale einerseits leicht zerbrechlich ist, andrerseits für

die Fortbewegung eine wenig zweckmässige Gestalt besitzt, so griff im

Nautiloideen-Stamm jedenfalls, im Ammonoideen-Stamm wahrscheinlich

mehrere Male eine spiral-symmetrische Einrollung des Thieres vom

Rücken aus Platz. Die in der Mitte durchbohrten Schalen der älteren

Nautiloidea (Fig. 412) und Ammonoidea (Fig. 473) zeigen uns, dass das

ausgewachsene Thier bereits die Fähigkeit besass, sich an den früher

gebildeten Theil der Schale dauernd anzulegen, während in der Jugend

die Windungen sich noch nicht berührten. Die meisten Goniatiten und

die glattschaligen Ammoniten der Trias, z. Th. auch die des Jura

regelten die Einrollung der Schale in derselben Weise wie der lebende

Nautilus, indem das Thier mit einem ungetheilten Lappen (Kopfklappe bei

Nautilus) dem vorhergehenden Umgange auflag und darauf weiter kroch;

daher die Runzelschichten vor der Mündung bei Goniatitidae, Arcestidae,

Pinacoceratidae etc. Die Bewegung des Thieres war hierdurch erheblich

beschränkt. Leiostrake Beschaffenheit der Schale und starke Involution

bezeichnen im Allgemeinen dieses Stadium der Einrollung, über welches

hinaus es der lebende Nautilus nicht gebracht hat. Die Herausbildung

der Skulptur, wie sie bei den meisten Ammoniten, in beschränktem Maasse

auch bei einigen Nautiloidea, früher oder später Platz greift, geht

Hand in Hand mit dem Verluste der Runzelschichten, mit der Verringerung

der Involution und bei hochmündigen Formen mit einer Depression des

Windungsquerschnitts, wie uns das die Uebergangsreihe des Amaltheus

margaritatus -- Pleuroceras costatum deutlich zeigt. Wahrscheinlich

trat bei dem Thier der trachyostraken Schalen an Stelle des einfachen

Rückenlappens ein mehr oder minder differenzirtes Armpaar, welches die

Einrollung der Schale regelte, indem es die Rauhigkeiten der Schale zum

Anklammern benutzte. Hierdurch war die Möglichkeit für eine geringere

Involution und für eine erhöhte Beweglichkeit gegeben, da die dorsalen

Arme die Schale seitlich umfassen konnten. Das Auftreten eines dorsalen

Mündungsausschnitts für die Rückenarme fällt durchgängig mit der

Trachyostrakie zusammen (vgl. Ceratites nodosus Fig. 483, Harpoceras

opalinum Fig. 519, Haploceras Cadomense Fig. 522, Stephanoceras

Humphriesi Fig. 529, Sphaeroceras microstoma Fig. 530 A, Scaphites

spiniger Fig. 546), den leiostraken Schalen fehlt derselbe in der Regel

(vgl. Fig. 487, 497).

[Illustration: Fig. 546. Scaphites spiniger Schlüt. Oberes Senon.

Westfalen. Die Wohnkammer ist z. Th. von der Spirale abgelöst und

hakenförmig auf dieselbe zurückgebogen. Ein Dorsalfortsatz und ein sehr

tiefer Armausschnitt an der Mündung sichtbar. ¹⁄₁.]

Die Skulptur beginnt mit der Entstehung flacher Schalenfalten oder

feiner Streifen, aus denen die Rippen hervorgehen; später folgt

die Bildung der Knoten und Stacheln (Familie der Aegoceratidae,

Lytoceratidae), oder die Stachel- und Knotenbildung geht der Entstehung

der Rippen voraus (Familie der Amaltheidae).

Die sog. Nebenformen werden gewöhnlich als pathologische oder senile

Bildungen aufgefasst (»Krüppelformen«). Als solche erscheinen sie uns,

wenn wir an eine normale Schale die Anforderung der regelmässigen,

geschlossenen spiralen Einrollung stellen; für das Thier hatten sie

aber wohl eine andere Bedeutung. Sie dürften zu den eingerollten,

trachyostraken Schalen in demselben Verhältnisse stehen, wie diese

zu den leiostraken, d. h. sie bekunden das Bestreben des Thieres

nach freierer Bewegung; eine gleiche Deutung lässt die Ausschnürung

zu. Die gesetzmässige Spiralrollung des Thieres war eben nur in

einer Periode der Stammesentwickelung die zweckentsprechende. Die

Ablösung der Umgänge oder das schneckenförmige Wachsthum gestattete

eine freiere Bewegung des Thieres nach hinten (oben) und bedeutet

somit einen Fortschritt. Zumeist wurde die Ausrollung durch

Streckung der Wohnkammer eingeleitet (Macroscaphites), sobald aber

auf den gestreckten Theil Luftkammern zu liegen kamen, wurde die

Zerbrechlichkeit der Schale bedeutend erhöht und das Thier sah sich

gezwungen umzudrehen und gegen die Spirale zurückzuwachsen, wie zu

erwarten steht unter exogastrischer Drehung. Die Zerbrechlichkeit

gerade gestreckter Schalen wird durch die Thatsache illustrirt, dass

vollständige Schalen von Baculites bisher noch nicht gefunden sind.

Das Wachsthum der Scaphiten (Fig. 546) zeigt uns alle Stadien zwischen

einfacher Ausschnürung und Ablösung der Wohnkammer. Die Ablösung

erstreckt sich nur auf ein kurzes Stück, und das Thier legt sich mit

dem Dorsalfortsatze häufig wieder an die Spirale an. Die dorsalen

Ausschnitte sind hier tiefer, als bei irgend einer anderen Nebenform.

Nur wenn wir uns das Ammonitenthier mit verlängerten Armen versehen

vorstellen, wird uns die Bildung der Nebenformen verständlich.

Nicht nur eine Reduction der Loben auf die Fundamentalzahl 6 begleitet

die Entstehung der Nebenformen, sondern zuweilen ist auch eine

Vereinfachung des Lobenbaues damit verbunden (Choristoceras und

Verwandte, Crioceras p. p., Scaphites p. p.). Letztere findet sich in

sehr ausgesprochenem Maasse bei den normal eingerollten Kreideamaltheen

(Buchiceras Fig. 503, Schloenbachia) und darf als gleichbedeutend mit

dem Beginn der Loslösung der Muskeln aus der Schale angesehen werden.

Beide Erscheinungen, die Entstehung der Nebenformen und die

Vereinfachung des Lobenbaues lassen sich ungezwungen deuten als

Ausdruck für das Bestreben des Ammonitenthieres sich behufs freier

Bewegung der Schale zu entledigen, ein Vorgang, der vielleicht durch

den Aufenthalt an felsiger Küste befördert wurde. Einen weiteren Beleg

für die Richtigkeit dieser Auffassung liefert das Auftreten einer

lebenden Cephalopodengruppe, welche den Namen

Elemente der Paläontologie · 第 222 / 606 题