II. Siphonostomata.

Die Siphonostomata, mit Sicherheit erst aus mesozoischen Schichten

bekannt, zeichnen sich durch den Besitz eines Ausgusses oder Canals

der Mündung aus. Die wichtigsten Formen lassen sich nach der Form der

Mündung folgendermaassen unterscheiden:

a. Mündung niedrig, mit kurzem, zuweilen atrophirtem Ausguss. Schale

hoch thurmförmig. Spindelfalten häufig vorhanden (Fig. 361-366)

A. Entomostoma.

b. Mündung hoch, mit deutlichem Canal. Spindelfalten fehlen. Gewinde

meist mässig lang oder kurz.

1. Aussenlippe ausgebreitet, häufig gefingert (Fig. 367-370)

B. Alata.

2. Aussenlippe einfach, weder ausgebreitet noch gefingert (Fig.

374, 372)

C. Canalifera.

A. Entomostoma.

Fam. Nerineidae.

Schale thurm- bis kegelförmig, dickwandig. Mündung unten mit kurzem,

aber selten erhaltenem Ausguss (Fig. 361 A c). Aussenlippe scharf, im

oberen Theile eingebogen und mit kurzem, schlitzartigem Einschnitte

(Fig. 362 A e), welcher ein Schlitzband unter der Naht der früheren

Umgänge hervorruft. Spindel, Innen- und Aussenlippe können Falten

(Fig. 362 f₁-f₅) tragen, welche sich durch die ganze Schale verfolgen

lassen; nur ausnahmsweise sind keine Falten entwickelt. Die Familie ist

ausgestorben und auf Jura und Kreide beschränkt. Einzige Gattung:

Nerinea Dfr. (Fig. 361, 362). Schale genabelt (Fig. 362 A n) oder

ungenabelt (Fig. 361 A) mit zahlreichen, ebenen oder eingesenkten,

seltener convexen, meist niedrigen Umgängen. Oberfläche mit queren, an

der Naht zurückgebogenen Anwachsstreifen (Fig. 362 A), häufig auch mit

spiralen Rippen oder Kantenreihen verziert (Fig. 361 A). Die Mündung

besitzt bei den hoch thurmförmigen Arten meist rhombischen Querschnitt,

bei den kurzen, eingerollten Formen ist sie lang spaltförmig; letztere

werden den Schalen von Actaeonella (p. 306) oft sehr ähnlich. Die

Falten -- auf dem medianen Längsschnitt (Fig. 362 B) am besten zu

beobachten -- fehlen nur selten; ihre Zahl schwankt zwischen 1 und

7. Sie sind entweder einfach kammförmig (Fig. 361 B f₂, f₃), oder

verbreitert und verzweigt (Fig. 362 B f₂, f₃, f₄), in welch’ letzterem

Falle der Windungsquerschnitt einen sehr complicirten Umriss annimmt

(Fig. 362 B). In der Nähe der Mündung verflachen sich die Falten häufig.

Die Nerineen gehören zu den häufigsten Formen in den Korallenkalken und

den mit ihnen vergesellschafteten »Nerineenkalken« des Jura und der

Kreide. Ihre Maximalentwickelung fällt in den Malm. Aus vorjurassischen

Schichten sind sie nicht mit Sicherheit bekannt. Die zahlreichen Arten

hat man in mehrere Untergattungen vertheilt, deren wichtigste hier

angeführt sind.

[Illustration: Fig. 361. Nerinea trinodosa Voltz. Oberer Malm

(Portland) Schweizer Jura. A Schale mit erhaltener Mündung. Dieselbe

zeigt 3 Falten: 1 Spindelfalte (f₂), 1 Falte der Innenlippe (f₁) und

1 der Aussenlippe (f₃). c = Ausguss; n = Naht. B Steinkern von 2½

Windungen, 2 einfache (f₂, f₃) und 1 schwach verbreiterte Falte (f₁)

zeigend.]

[Illustration: Fig. 362. Nerinea (Ptygmatis) Bruntrutana Thurm. Oberes

Oxford. Frankreich. A Schale mit erhaltener Mündung (m). e = Einschnitt

am oberen Theile der Aussenlippe; n = Nabel. B Querschnitt der Windung,

um die 5 Spindelfalten zu zeigen. f₁ = Falte der Innenlippe; f₂, f₃ =

Falten der Spindel; f₄, f₅ = Falten der Aussenlippe.]

A. Schale thurmförmig, meist ungenabelt. Mündung kaum höher als breit.

Falten selten über 5, meist 3, einfach oder schwach verzweigt (Fig.

361)

Nerinea s. str.

N. nodosa Voltz. Oxford. Schweiz, Frankreich.

N. turritella Voltz. Oxford. Frankreich.

N. Defrancei Desh. Oxford -- Tithon. Mitteleuropa.

N. Visurgis Rö. Kimmeridge. Norddeutschland, Schweiz.

N. trinodosa Voltz. (Fig. 361 A, B). Portland. Schweizer Jura.

N. Orbignyi Zeuschn. }

} Tithon. Mittel- und Südeuropa.

N. Zeuschneri Pet. }

N. Marcoui P. & C. Valengien. Frankreich, Schweiz.

N. gigantea H. F. Neocom und Urgon. Südfrankreich, Schweiz.

N. Requieni d’Orb. Turon. Südfrankreich, Libanon.

N. longissima Rss. Turon. Böhmen, Libanon.

N. flexuosa Sow. Hippuritenkreide (Senon). Salzkammergut.

B. Schale thurmförmig, meist genabelt. Mündung kaum höher als breit.

5-7, meist verzweigte Falten (Fig. 362)

Ptygmatis.

N. mumia v. Schl. Oberer Dogger (Hauptrogenstein). Badisches

Oberland.

N. Bruntrutana Thum. (Fig. 362 A, B). Oxford -- Tithon.

Mitteleuropa.

N. Carpathica Zeuschn. } Kimmeridge und Tithon. Mittel-

N. pseudo-Bruntrutana Gem.} und Südeuropa.

C. Schale thurmförmig, meist genabelt und glatt. Mündung breiter als

hoch. Nur 1 Falte (auf der Innenlippe)

Trochalia.

N. depressa Voltz. Oxford -- Tithon. Mittel- und Südeuropa.

N. subpyramidalis Mnstr. Kimmeridge und Tithon. Mittel- und

Südeuropa.

D. Schale länglich oval, fast stets genabelt. Gewinde meist kurz.

Mündung viel höher als breit. Falten einfach oder verzweigt

Itieria.

N. Mosae Desh. Oxford und Kimmeridge. Mitteleuropa.

N. Cabaneti d’Orb. Oxford -- Tithon. Mittel- und Südeuropa.

N. Staszycii Zeuschn. Tithon. Mittel- und Südeuropa.

Fam. Cerithidae.

Die ungenabelte Schale ist thurmförmig und erinnert durch die

niedrigen Windungen an die Nerineen. Oberfläche meist reich skulptirt,

oft gestachelt. Mündung niedrig, oval oder eckig, schräg gegen die

Schalenachse gestellt; zuweilen mit Spindelfalten, die sich aber nur

selten durch die ganze Schale verfolgen lassen. Unterer Ausguss der

Mündung kurz (Fig. 365 c), meist zurückgebogen; häufig auch eine

kürzere obere Rinne (Fig. 365 e). Innenrand umgeschlagen und meist

verdickt. Wichtig ist nur die Gattung:

Cerithium Ad. mit den Charakteren der Familie. Im Meer-, Brack- und

Süsswasser von der Trias bis zur Gegenwart (über 1000 Arten). Die

Maximalentwickelung fällt in das Eocän. Gesteinbildend im älteren und

jüngeren Tertiär. Die Schalen der Meeresbewohner sind glänzend, die

der Brack- und Süsswasserbewohner (= Potamides) mit brauner Oberhaut

bedeckt.

A. Schale glatt.

C. nudum Link. (Fig. 363). }

} Mitteleocän. Pariser Becken.

C. lapidum Link. }

C. laevissimum v. Schl. Mitteloligocän. Deutschland.

B. Schale mit spiralen Höckern und Stacheln.

C. armatum Gf. Leitfossil für die Grenzschichten von Lias und Dogger

(Torulosus-Sch.). Mitteleuropa.

C. limaeforme Rö. Oxford und Kimmeridge. Mitteleuropa.

C. provinciale d’Orb. Unteres Senon (Hippuritenkreide).

Südfrankreich. Salzkammergut.

C. funatum Mant. (= variabile Desh.). Untereocän. Pariser und

Londoner Becken, oft ganze Bänke füllend.

C. giganteum Lmk. Mitteleocän. Nord- und Südfrankreich, Belgien,

England. Erreicht eine Grösse von 0,5 m.

C. serratum Brug. (Fig. 364). Mittel- und Obereocän. Pariser Becken.

C. cristatum Lmk. Mittel- und Obereocän. Frankreich, England,

Ungarn.

C. Diaboli Brgt. Obereocän. Westschweiz, Vicentin.

C. pseudomargaritaceum Brocc. }

} Oligocän. Mitteleuropa.

C. Lamarcki Brgt. }

C. plicatum Bart. (Fig. 366). Oligocän und Miocän. Mitteleuropa.

Untermiocäner »Cerithienkalk« des Mainzer Beckens.

C. margaritaceum Brocc. (Fig. 365) }

} Miocän. Mitteleuropa.

C. lignitarum Eichw. }

C. pictum Bast. } Obermiocän. Mitteleuropa.

} »Cerithienschichten« der sarmatischen

C. rubiginosum Eichw. } Stufe.

C. vulgatum Brug. Pliocän -- Lebend. Mitteleuropa.

[Illustration: Fig. 363. Cerithium nudum Lmk. Mitteleocän. Chaumont,

Pariser Becken.]

[Illustration: Fig. 364. Cerithium serratum Brug. Mitteleocän

(Grobkalk). Damery, Champagne.]

[Illustration: Fig. 365. Cerithium margaritaceum Brocc. Untermiocän.

Nonndorf, Wiener Becken. a = verdickte Aussenlippe; i = umgeschlagene

Innenlippe; f = Spindelfalten; c = unterer Canal; e = obere Rinne der

Mündung.]

[Illustration: Fig. 366. Cerithium plicatum Bast. Oligocän. Ormoy,

Pariser Becken.]

B. Alata.

Da die Gehäuse der beiden wichtigsten hierher gehörigen Familien, der

Aporrhaidae und Strombidae, durch kein constantes Merkmal unterschieden

sind, so führen wir nur einige wichtige Vertreter beider Familien

ungesondert auf. Jura -- Gegenwart.

Rostellaria Lmk. (Fig. 367, 368). Schale mit hohem Gewinde, glatt oder

verziert. Mündung länglich, nach unten in einen kurzen Canal (Fig. 367

c), nach oben in eine, oft über die Spitze hinausreichende Rinne (Fig.

367 r) verlängert. Aussenlippe (a) mehr oder weniger ausgebreitet, oft

sehr gross (Fig. 368), aber nicht fingerförmig verzweigt, höchstens

gezackt; an ihrem unteren Ende mit kurzem Ausschnitte (Fig. 367 b)

versehen. Von der Kreide bis zur Gegenwart, hauptsächlich im Eocän.

R. fissurella Lmk. (Fig. 367). Eocän. England, Frankreich, Belgien,

Aegypten, Armenien, Ostindien.

R. macroptera Lmk. (Fig. 368). Mitteleocän. Frankreich, England,

Belgien.

[Illustration: Fig. 367. Rostellaria fissurella Lmk. Mitteleocän

(Grobkalk). Pariser Becken. a = Aussenlippe; b = Ausschnitt derselben;

i = Innenlippe; c = unterer Canal; r-r = obere Rinne.]

[Illustration: Fig. 368. Rostellaria macroptera Lmk. Mitteleocän

(Grobkalk). Pariser Becken. Der Ausschnitt am unteren Ende der

Aussenlippe ist nicht deutlich.]

Strombus Lin. Gewinde meist niedriger als bei Rostellaria. Schale sehr

dick. Aussenlippe verdickt, einfach, seltener mit kurzen Fortsätzen.

Schalenoberfläche mit Knoten oder Stacheln. Kreide -- Gegenwart. Lebend

in den wärmeren Meeren.

Str. Fortisi Brgl. Obereocän. Vicentin.

Str. coronatus Dfr. Miocän und Pliocän. Mittel- und Südeuropa,

Nordafrica. Lebend. Indischer Ocean.

Pteroceras Link. (Fig. 369). Mündung unten in einen langen, gebogenen

Canal (c) verlängert. Aussenlippe in mehrere fingerförmige Fortsätze

(f₁-f₆) zertheilt, die auf dem letzten Umgange durch Spiralwülste

(f’) angedeutet sind. Der untere Ausschnitt der Aussenlippe fehlt den

fossilen Formen (b), weshalb dieselben vielleicht von den lebenden zu

trennen sind. Malm, Kreide, lebend nur in den tropischen Meeren.

Pt. Oceani Brgt. (Fig. 369). Leitfossil für das obere Kimmeridge

(»Pteroceras-Stufe«) in Norddeutschland, Frankreich und der Schweiz;

fehlt in Schwaben.

Pt. pelagi Brgt. Untere Kreide (Urgon). Frankreich, Nordalpen.

Aporrhais Dillw. (= Chenopus). Von Rostellaria durch die meist

gefingerte Aussenlippe und die schwielige Innenlippe unterschieden.

Canal meist kurz. Jura -- Gegenwart.

A. Parkinsoni Sow. sp. Gault. England, Frankreich.

A. Reussi Gein. Obere Kreide. Mitteleuropa.

A. tridactylus A. Br. Oligocän. Deutschland.

A. pes pelecani Phill. Miocän -- Lebend. Europa.

Alaria Morr. & Lyc. (Fig. 370). Von der vorigen Gattung durch das

Fehlen des vorderen Ausschnittes der Aussenlippe und der hinteren Rinne

unterschieden. Schale oft stachelig. Canal meist lang, oft gebogen (c).

Innenlippe selten verdickt. Auf Jura und Kreide beschränkt und daselbst

ziemlich häufig.

[Illustration: Fig. 369. Pteroceras Oceani Brgt. Oberes Kimmeridge

(Pteroceras-Sch.). Lindener Berg b. Hannover. Schale von hinten

gesehen. f’ = Spiralwülste des letzten Umganges, die sich in die

fingerförmigen Fortsätze der Aussenlippe (f₁-f₆) verlängern; c = der

geschwungene Canal; b = die Stelle, an welcher sich bei den lebenden

Formen der Ausschnitt findet.]

[Illustration: Fig. 370. Alaria laevigata Morr. & Lyc. Oberer Dogger.

Frankreich. c = Canal; a = Aussenlippe; f, f’ = die fingerförmigen

Verlängerungen derselben.]

A. subpunctata Mnstr. Unterer Dogger (Opalinus-Sch.). Mitteleuropa.

A. laevigata Morr. & Lyc. (Fig. 370). Oberer Dogger. England,

Frankreich.

A. bicarinata Mnstr. Oxford und Kimmeridge. Mitteleuropa.

A. carinata Mant. sp. Gault. England.

Elemente der Paläontologie · 第 173 / 606 题