Fam. Hippuritidae (= Rudistae).
Die Schalen der Hippuritidae gleichen einem gedeckelten Trichter.
Die rechte, festgeheftete Klappe wächst kegelförmig in die Dicke und
der Wirbel rückt an die Spitze des Kegels (Fig. 276 A s), die linke
verflacht sich zu einem schwach convexen oder flachen Deckel (A s’).
Keine der beiden Klappen ist spiral gewunden, höchstens zeigt die
rechte Klappe eine schwache Krümmung (Fig. 276 A s). Die Bandfurche
wird von der Schale eingeschlossen und ihre Lage ist im Inneren der
rechten Klappe durch eine nach innen vorspringende Falte angedeutet
(Fig. 277 B p) oder sie fehlt gänzlich. Die rechte Klappe (Fig. 277
B) zeigt in der Tiefe einen schmalen, leistenförmigen Zahn zwischen 2
Zahngruben (Fig. 277 B x-y). Die linke Deckelklappe besitzt 2 lange,
conische Zähne (Fig. 277 A x’-y’); beide Muskeln derselben heften sich
an vorspringende Apophysen (m’-n’). Radiale Canäle in der Deckelklappe
wie bei Plagioptychus vorhanden. Die Schale ist meist sehr dick. Die
äussere, prismatisch-zellige Schicht sehr leicht, wenn nicht mit
Mineralsubstanz infiltrirt, die innere compact, aber leicht zerstörbar.
Diese fremdartigsten aller Muscheln wurden lange Zeit für Korallen
oder Brachiopoden gehalten, bis Quenstedt ihnen die richtige Stellung
anwies. Sie sind, wie die meisten Chamacea, auf die Kreide beschränkt
und gehören zu den bezeichnendsten Fossilien dieser Formation. Ihre
Maximalentwickelung fällt in das obere Turon, Senon und Danien
(Hippuritenkreide). Ihre oft mehrere Fuss langen Schalen finden sich in
Südeuropa und den Alpen zu mächtigen Bänken oder Riffen angehäuft. Sie
waren Seichtwasserbewohner und liebten ähnliche Lebensbedingungen wie
die Riffkorallen.
[Illustration: Fig. 276. A-C Hippurites. A H. cornu-vaccinum Gf.
Oberes Turon (Hippuritenkreide). Gosau, Salzkammergut. s = rechte,
festgeheftete, s’ = linke, freie Klappe. B, C H. organisans Mtf. Oberes
Turon (Provencien). Le Beausset, Var. B mehrere Schalen an einander
gewachsen. s u. s’ = wie oben. C Längsschnitt durch den unteren, vom
Thiere nicht bewohnten Theil der Schale, um die durch Querböden (t)
abgetheilten Zwischenkammern zu zeigen.]
Hippurites Lmk. (Fig. 276-278). Schale dick, sehr ungleichklappig,
radial gerippt oder gefurcht, seltener glatt (Fig. 276 A, B), meist mit
3, in beiden Klappen correspondirenden Furchen versehen.
Grössere, rechte Klappe (Fig. 276 A s, B s) conisch oder kreiselförmig,
gerade oder gebogen, mit dem endständigen Wirbel festgeheftet. Den 3
(2) Furchen der Oberfläche entsprechen 3 (2) Vorsprünge im Inneren.
Der vorderste derselben (Fig. 277 B p), bei manchen Arten fehlend,
meist schmal und nach innen nicht verdickt, ist durch die Einfaltung
des Ligamentes in die Schale entstanden -- Schlosskamm; entspricht
der äusseren Schlossfalte. In seiner Fortsetzung nach innen liegt
der schmale Leistenzahn, welcher von der vorderen (B x) und hinteren
Zahngrube (B y) eingeschlossen wird. Der zweite, häufig kürzeste
Vorsprung heisst Afterkamm oder vorderer Pfeiler (B q), weil er
wahrscheinlich der Afteröffnung im Mantel von Chama entspricht. Er
schliesst den hinteren Muskeleindruck (n) nach hinten ab. Der hintere,
weiter vorspringende Pfeiler (B r) entspricht wahrscheinlich der
Kiemenöffnung im Mantel von Chama und heisst Kiemenkamm. Der vordere,
getheilte Muskeleindruck (B m) liegt weniger tief als der hintere (n).
Der Wohnraum für das Thier (w) ist relativ klein; eine accessorische
Höhlung (v) liegt über der vorderen Zahngrube (x). Der Oberrand der
Schale ist nach innen abgeschrägt und mit radialen Gefässeindrücken
des Mantels bedeckt. Im unteren Theile der Schale entstehen durch
Aufblätterung der inneren Schalenschicht häufig Zwischenkammern, die
durch Querblätter (Fig. 276 C t) geschieden sind.
Kleinere, linke Klappe (Fig. 276 A s, B s’; Fig. 277 A) deckelförmig,
flach oder schwach gewölbt, mit 2 oder 3 Einbuchtungen (Fig. 276 B s’;
Fig. 277 A p’, q’, r’). Oberfläche von zahlreichen kleineren Poren
und zuweilen von 2 grösseren Oeffnungen durchbrochen, welche letztere
in ihrer Lage den Pfeilern der anderen Klappe entsprechen. Bei der
Verwitterung treten die vom mittelständigen Wirbel nach dem Umfange
verlaufenden, verzweigten Canäle zu Tage (Fig. 277 A s’). Der vordere
Muskeleindruck (A m’) liegt auf einem gebogenen, breiten Vorsprunge,
welcher mit dem Vorderzahn (x’) verwachsen ist. Hinterzahn (y’)
kürzer als der Vorderzahn. Hinterer Muskeleindruck auf einem langen,
zahnförmigen Vorsprunge (n’).
[Illustration: Fig. 277. A, B Schlossapparat von Hippurites radiosus
Desm. Dänische Stufe. Royan, Charente. A linke Klappe von der Seite
(von oben). Um dieselbe in die rechte (B) einzupassen, denke man
sie sich um ihre Längsachse um 180° und gegen die Ebene des Papiers
um 90° gedreht. p’, q’, r’ = die 3 Furchen; p’ = Schlossfalte; q’ =
Afterfurche; r’ = Kiemenfurche; m’ = vorderer Muskeleindruck, auf
einer mit dem Vorderzahn (x’) verwachsenen Apophyse befestigt; y’ =
Hinterzahn; n’ = hinterer Muskeleindruck auf langer Apophyse. B rechte
Klappe von innen. p = Schlossfalte, nach innen in den Schlosskamm sich
verlängernd; in der Fortsetzung nach innen der schmale Schlosszahn,
von der vorderen (x) und hinteren (y) Zahngrube eingeschlossen; q =
Afterkamm; r = Kiemenkamm; m = zweitheiliger vorderer, n = hinterer,
einfacher Muskeleindruck; w = Wohnraum des Thieres; v = accessorische
Höhlung.]
Beide Klappen werden aus einer äusseren prismatischen (Fig. 278 a,
a’) und einer inneren porzellanartigen, meist in späthigen Calcit
umgewandelten Kalkschicht (i, i’) gebildet. Die Muskelfortsätze und
Zähne bestehen aus letzterer. In der Deckelklappe verlaufen an der
Grenze beider Schichten die radialen Canäle und senden aufrechte Röhren
durch die Aussenschicht, welche als Poren auf der Oberfläche münden
(Fig. 278 a’).
Die Gattung Hippurites ist auf die obere Abtheilung der Kreideformation
beschränkt. In grösserer Häufigkeit und riffbildend trifft man sie
nur vom Provencien bis zum Danien in Gesellschaft der Gattungen
Plagioptychus und Radiolites. Den Kreidemeeren Mittel- und Nordeuropas
waren sie fremd. Die »Hippuritenkreide« ist in den Nordalpen,
Südfrankreich, Südeuropa, Kleinasien, Persien, Nordafrika verbreitet.
Die häufigsten Arten sind:
H. cornu-vaccinum Gf. (Fig. 276 A; Fig. 278). } Oberes Turon
} (Provencien)
H. organisans Mtf. (Fig. 276 B, C). } und Senon.
H. radiosus Desm. (Fig. 277). Danien.
H. sulcatus Dfr. Oberes Turon (Provencien) und Senon.
H. bioculatus Lmk. }
} Oberes Turon (Provencien), besonders Senon.
H. dilatatus Dfr. }
[Illustration: Fig. 278. Längsschnitt durch den oberen Theil der Schale
von Hippurites cornu-vaccinum Gf. a, a’ = äussere, i, i’ = innere
Schalenschicht. Die äussere Schalenschicht der linken Klappe von
aufrechten Canälen (a’) durchzogen. Man sieht, wie der vordere Zahn
und die vordere Muskelapophyse der linken Klappe (i’) sich in tiefe
Höhlungen der rechten einfügen und wie der schmale Leistenzahn der
rechten Klappe hinter den Vorderzahn der linken fasst.]
[Illustration: Fig. 279. Radiolites (Biradiolites) cornu-pastoris Desm.
Mittleres Turon (Carentonien). Charente. s = festgeheftete rechte
Klappe; s’ = Deckelklappe; f = das schmäler gerippte Afterband.]
[Illustration: Fig. 280. A, B schematische Darstellung des
Schaleninneren von Radiolites. A Deckelklappe. B grössere Klappe. p =
Schlosseinbuchtung; l, l’ = Schlosskamm (Ligament); m, m’ = vordere,
n, n’ = hintere Muskeleindrücke; x’, y’ = Vorder- und Hinterzahn der
Deckelklappe; z = Mittelzahn der grösseren Klappe; x, y = vordere
und hintere Zahngrube; w = Wohnraum des Thieres; q = Afterband; r =
Kiemenband.]
Radiolites Lmk. (= Sphaerulites) (Fig. 279, 280). Schale dick,
verkehrt kegelförmig bis schüsselförmig. Aeussere Schalenschicht dick,
innere dünn und häufig zerstört. Oberfläche der rechten (grösseren)
Klappe meist schuppig-blätterig oder längsgerippt, gewöhnlich mit 2
Längsbändern (Afterband und Kiemenband), welche durch Aufbiegung der
concentrischen Blätter oder andere Verzierung sich von der Schale
abheben (Fig. 279 f; Fig. 280 B q, r). Zuweilen werden diese Bänder
durch schwache Verdickungen der Wand im Innern der Klappe ersetzt, zu
einer Bildung von Pfeilern wie bei Hippurites kommt es aber nicht.
Meist ist das Ligament äusserlich durch eine Schlosseinbuchtung
angedeutet (Fig. 280 p). Bandhöhlung innerlich in beiden Klappen (Fig.
280 l, l’); seltener fehlend (Biradiolites). Schloss ähnlich wie bei
Hippurites; aber der vordere Muskelfortsatz der Deckelklappe (Fig. 279
A m’) vom Vorderzahne (x’) getrennt und etwa von gleicher Länge wie der
hintere (n’); hinterer Muskeleindruck der grösseren Klappe (n) erhaben
(nicht vertieft). Deckelklappe ohne Radialcanäle.
Die Gattung Radiolites ist wie Hippurites auf die Kreide beschränkt,
scheint aber schon in der unteren Abtheilung derselben zu beginnen. Die
horizontale Verbreitung ist grösser als bei Hippurites -- Nord- und
Südeuropa, Nordafrika, Persien, Indien, Südamerika, Nordamerika.
? R. Blumenbachi Stud. Häufig im Urgon (Schrattenkalk) der Alpen.
Verwandte Formen in Südamerika.
R. foliaceus Desm. Cenoman. Frankreich.
R. saxonicus Gein. Cenoman. Sachsen, Böhmen.
R. (Biradiolites) cornu-pastoris Desm. (Fig. 279). Mittleres Turon
(Carentonien). Südfrankreich.
R. radiosus d’Orb. }
} Oberes Turon (Provencien). Südfrankreich.
R. Sauvagesi H. F. }
R. augeoides Lap. Oberes Turon (Provencien). Südfrankreich, Gosau.
R. Hoeninghausi Desm. Senon. Südfrankreich, Turkestan.
R. alatus d’Orb. Senon. Südfrankreich.
R. cylindraceus Desm. Danien. Südfrankreich.
R. suecicus Lundgr. Danien. Dänemark.