Von den Conchacea unterscheiden sich die Chamacea durch die
Ungleichheit der beiden, meist sehr dickschaligen Klappen, eine Folge
des Festwachsens der einen derselben, ferner durch die sehr poröse
Structur der äusseren (prismatischen) Schalenschicht, welche meist
eine bedeutende Dicke besitzt und aus parallel der Schalenoberfläche
gestellten Prismen besteht. Die festgewachsene -- rechte oder linke
-- Klappe übertrifft die freie durchgängig an Grösse und ist häufig
anders gestaltet als die freie, oft deckelförmige (vgl. Fig. 270). Im
letzteren Falle wählt man für die Betrachtung der Schale eine andere
Stellung als gewöhnlich, nämlich derart, dass man die grössere Klappe
(s) mit der Spitze nach unten richtet und dass die Deckelklappe (s’)
nach oben zu liegen kommt (Fig. 270).
Die eine der beiden Klappen besitzt meist 2 (seltener 1) Schlosszähne
(Fig. 269 A x, y) und eine zwischen denselben gelegene Zahngrube (p’)
zur Aufnahme des einzigen Zahnes der anderen Klappe, welch’ letztere 2
(1) Zahngruben zu beiden Seiten dieses Zahnes aufweist (Fig. 277 B x,
y). Der Vorderzahn der zweizähnigen Klappe (Fig. 269 A x) liegt auf
der Schlossplatte in einiger Entfernung vom Schalenrande, der meist
verlängerte Hinterzahn (y’) dem Schalenrande und dem Ligament genähert.
Als normale Formen werden diejenigen bezeichnet, welche mit der
linken Klappe festgewachsen sind (Fig. 272), als inverse solche, bei
denen das umgekehrte Verhältniss statt hat (Caprinidae -- Fig. 269,
Hippuritidae -- Fig. 270). Meist erfolgt das Festwachsen mit grosser
Regelmässigkeit, nur bei der ältesten Gattung Diceras und bei der
jüngsten Gattung Chama kommen normale und inverse Formen neben einander
selbst bei ein und derselben Art vor.
[Illustration: Fig. 269. Plagioptychus Anguilloni d’Orb. Oberes Turon
(Hippuritenkreide). Le Beausset, Var. A linke, kleinere (zweizähnige)
Klappe von innen. m’ = vorderer, n’ = hinterer Muskeleindruck,
letzterer nach innen durch eine Muskelleiste (s’) begrenzt; x’ =
vorderer, y’ = hinterer (randlicher) Schlosszahn, über welchen
die innerliche Ligamentgrube beginnt und als schmale Furche dem
Schlossrande parallel verläuft; p’ = Zahngrube. B Schale gegen die
linke (kleinere) Klappe (s’) gesehen; s = grössere Klappe mit äusserem,
vom Schlossrande bis nach dem Wirbel verlängertem Ligament (b). C
Querschnitt durch die linke Klappe, um die radialen Canäle der inneren
Schalenschicht (h, k) zu zeigen, welche an verwitterten Stücken von
aussen sichtbar sind (A k, B k).]
Die Zähne sind kräftig und bei den Formen mit äusserem Ligament meist
stumpf und gebogen (Fig. 269 A x’, y’). Seitenzähne fehlen stets. Die
Mantellinie ist stets ganz. Die Muskeleindrücke sind meist gross, der
hintere liegt gewöhnlich auf einer starken Muskelleiste (Fig. 269 A
n’), wie bei den Megalodontidae (p. 266).
[Illustration: Fig. 270. Biradiolites cornupastoris d’Orb. Mittleres
Turon (Hippuritenkreide). Südfrankreich. s = rechte, festgewachsene
Klappe mit 2 engberippten Streifen, einem breiten (f) und einem
schmäleren (rechts); s’ = linke (deckelförmige) freie Klappe.]
Die ältesten, wenig ungleichklappigen Formen der Conchacea (Diceras
-- Jura) schliessen sich an triadische und jurassische Gattungen der
Megalodontidae enge an. Sie sind wie jene durch hornartig gewundene,
vom Schalenrande sich entfernende Wirbel (Fig. 271 A) ausgezeichnet.
Aehnliche, aber mehr ungleichklappige Gattungen mit normaler Anheftung
(Requienia etc.) finden sich in der Kreide; an diese schliesst sich
die einzige tertiäre und lebende Gattung Chama an, welche meist eine
normale, seltener eine inverse Anheftung zeigt. -- Familie Chamidae.
Ein zweiter, bisher nur aus der Kreide bekannt gewordener Zweig
enthält ausschliesslich inverse (mit der rechten Klappe angeheftete)
Formen, deren Wirbel z. Th. wenig oder gar nicht eingerollt sind und
deren Schalen durch ihre Dicke, Ungleichklappigkeit und durch das in
denselben verlaufende Canalsystem nur noch sehr wenig Aehnlichkeit
mit normalen Muscheln aufweisen. Bei den aberrantesten Formen,
den Hippuritidae oder Rudistae, wird das Ligament innerlich oder
verschwindet ganz. Im letzteren Falle geschieht das Schliessen der
Schale nur noch durch Muskeln. -- Familien: Monopleuridae, Caprinidae,
Hippuritidae.
Die ca. 20, meist cretaceischen Gattungen, welche man unterschieden
hat, vertheilen sich in mehrere Familien. Die wichtigsten Gattungen
lassen sich folgendermaassen trennen:
A. Schale meist mit der linken, seltener mit der rechten Klappe
festgeheftet. -- Normale Formen. Wirbel stets gekrümmt oder
eingerollt. Schale ohne Canäle. Ligament äusserlich.
Fam. Chamidae.
a. Schalenoberfläche glatt oder concentrisch gestreift. Hintere
Muskelleiste in einer oder in beiden Klappen.
α. Beide Klappen convex, meist hornartig gewunden (Fig. 271)
Diceras.
β. Rechte (Deckel-)Klappe flach oder, wenn erhöht, mit concaver
Aussenfläche (Fig. 272)
Requienia.
b. Schalenoberfläche blätterig oder stachelig. Muskelleisten fehlen
(Fig. 273)
Chama.
B. Schale stets mit der rechten Klappe festgeheftet. -- Inverse Formen.
Wirbel gekrümmt oder gerade. Schale oft mit Canälen. Ligament
äusserlich, innerlich oder fehlend.
a. Ligament ganz oder z. Th. äusserlich, meist in einer zum Wirbel
ziehenden Falte.
α. Schale dünn oder mässig dick, ohne Canäle (Fig. 274).
Fam. Monopleuridae.
Monopleura.
β. Schale dick. Die kleinere, zuweilen auch die grössere Klappe
mit Längscanälen (Fig. 275).
Fam. Caprinidae.
Plagioptychus.
b. Ligament innerlich oder fehlend. Beide Muskelansätze der kleineren
(linken) Klappe zu vorstehenden Apophysen (Fig. 277 A m’, n’)
verlängert. Wirbel gerade oder schwach gebogen.
Fam. Hippuritidae.
α. Rechte (grössere) Klappe mit einer inneren Ligamentfalte (Fig.
277 B p) und 2 Pfeilern (q, r) hinter derselben.
Hippurites.
β. Rechte Klappe nur mit Ligamentfalte (Fig. 280 B l) oder ohne
Ligament und Pfeiler. Linke Klappe nicht von radialen Canälen
durchzogen.
Radiolites.
A. Normale Formen.
Fam. Chamidae.
Die Familie beginnt im Jura und reicht bis in die Gegenwart.
Diceras Lmk. (Fig. 271 A, B). Schale dick, ungleichklappig, mit dem
Wirbel der grösseren, gewöhnlich linken, seltener rechten Klappe
festgeheftet. Wirbel vom Schalenrande entfernt, nach vorn und seitlich
gekrümmt oder eingebogen (A). Ligament am Schalenrande gelegen und
von dort jederseits nach vorn einen Zweig bis zur Wirbelspitze
entsendend (B b’). Schlossplatte und Zähne stark. Einzähnige Klappe
bald festgewachsen, bald frei, mit einem ohrförmigen Zahne (B x’),
einer kleineren, vorderen (unterhalb des Zahnes gelegenen) und
einer hinteren, gebogenen Zahngrube. Zweizähnige Klappe mit einem
kleinen vorderen (unteren) und einem starken, oft nach aussen
gebogenen, dem Schlossrande parallelen, hinteren Zahne; zwischen
beiden eine ohrförmige Zahngrube. Hinterer (B n’), zuweilen auch
vorderer Muskeleindruck (m’) durch eine in das Innere der Schale
sich fortsetzende Muskelleiste gestützt, die auf dem Steinkerne eine
entsprechende Furche zurücklässt. Erheben sich die Muskeleindrücke bis
zur Höhe der Schlossplatte, so fallen die Muskelleisten und demgemäss
die Furchen auf dem Steinkerne fort.
[Illustration: Fig. 271. Diceras arietinum Lmk. Oxford. St. Mihiel,
Meuse. A Schale von vorn gesehen. Die rechte (bei dieser Stellung
linke), grössere Klappe ist festgeheftet. B linke Klappe von innen. b’
= Bandfurche; m’ = vorderer, n’ = hinterer Muskeleindruck, letzterer
durch eine Muskelleiste gestützt; x’ = ohrförmiger Zahn, die vordere
kleinere Zahngrube umschliessend, nach hinten durch die lange,
gebogene, hintere Zahngrube begrenzt.]
Die Hauptmasse der Schale besteht aus dichter, porzellanartiger
Kalksubstanz, die lockere, prismatische Oberflächenschicht ist
nur selten erhalten. Diese Gattung ist bezeichnend für die
Korallenbildungen des Oxford, Kimmeridge und Tithon in Mittel- und
Südeuropa (»Diceraskalke«).
D. arietinum Lmk. (Fig. 271 A, B). Häufig im Oxford (»Corallien«),
bis in das Tithon reichend.
D. Muensteri Gf. Kimmeridge und Tithon.
D. Escheri d. Lor. }
} Tithon.
D. Luci Dfr. }
Aehnliche, aber inverse und durch eine andere Lage der hinteren
Muskelleiste ausgezeichnete Formen finden sich in der oberen
(Hippuriten-)Kreide Südeuropas (Bayleia).
Requienia Math. (= Caprotina) (Fig. 272). Stets mit der linken
grösseren, hornartig gewundenen Klappe (s’) festgeheftet. Rechte
Klappe (s) sehr viel kleiner als die linke, spiral eingerollt,
häufig deckelförmig, mit concaver Oberfläche. Ligament wie bei
Diceras. Schlosszähne deutlich (Toucasia) oder fast obsolet. Hintere
Muskelleiste, auf der Oberfläche durch eine spirale Furche angedeutet,
nur in der linken Klappe oder in beiden (Toucasia). In der Kreide,
besonders häufig im Urgon (Schratten- oder Caprotinenkalk) Südeuropas
und der Alpen.
R. ammonia Gf. sp. }
} Urgon. Nordalpen, Südfrankreich.
R. (Toucasia) carinata Math. }
R. Lonsdalei Sow. sp. Urgon. Südfrankreich, England.
[Illustration: Fig. 272. Requienia ammonia Gf. sp. Untere Kreide:
Urgon. Orgon, Bouches du Rhône. s = rechte (Deckel-)Klappe; s’ = linke,
festgeheftete Klappe.]
[Illustration: Fig. 273. Chama distans Desh. Untereocän (Sables
inférieures). Cuise-la-Motte, Pariser Becken. a = rechte, freie Klappe
von aussen; b = dieselbe von innen; c = linke, grössere, festgeheftete
Klappe von innen.]
Chama Lin. (Fig. 273). Meist mit der linken, seltener mit der rechten
Klappe aufgewachsen. Feste Klappe (c) stets, wenn auch nur wenig
grösser als die Deckelklappe (a, b). Oberfläche mit concentrisch
angeordneten Blättern oder Stacheln verziert (a). Muskeleindrücke nicht
durch Muskelleisten gestützt. Vorderzahn der zweizähnigen Klappe (b)
schwach oder fehlend. Schale aus 3 verschiedenen Schichten gebildet.
Häufig im Tertiär und in der Gegenwart (besonders in den wärmeren
Meeren).
Ch. distans Desh. (Fig. 273). Untereocän. Pariser Becken.
Ch. calcarata Lmk. Mitteleocän. England, Frankreich, Indien.
Ch. gryphoides Lin. Miocän, Pliocän. Mittel- und Südeuropa. Lebend.
Mittelmeer.
B. Inverse Formen.
Fam. Monopleuridae.
Schale meist mässig dick, sehr ungleichklappig, nicht von Canälen
durchzogen. Wirbel eingerollt oder fast gerade. Kleinere (freie) Klappe
meist mit 2 fast gleich grossen Zähnen. Ligament äusserlich, bis zu den
Wirbeln fortsetzend. In der Kreide Europas und Nordamerikas.
Monopleura Math. (Fig. 274). Schale glatt oder längsgestreift. Linke
(freie) Klappe deckel- oder mützenförmig, mit 2 nahezu gleich grossen
Zähnen und einer tiefen mittleren Zahngrube. Schlossplatte nach hinten
zu einer Leiste verlängert, welche den hinteren Muskeleindruck trägt
(Fig. 274 links). Rechte Klappe verlängert, conisch, meist spiral, mit
einem sehr starken, von 2 Gruben umschlossenen Mittelzahn. Hinterer
Muskeleindruck auf einer breiten Platte gelegen (Fig. 274 rechts).
Ligament gewöhnlich senkrecht zum Schlossrande gestellt. In der Kreide,
besonders häufig im Urgon Südfrankreichs.
M. varians Math. (Fig. 274) }
} Urgon. Südfrankreich.
M. trilobata d’Orb. }
M. marcida White. Obere Kreide. Nordamerika. Cenoman. Böhmen.
M. Marticensis Math. Unteres Senon. Südfrankreich.
M. gryphoides Bayle. Oberes Senon. Südfrankreich.
[Illustration: Fig. 274. Monopleura varians Math. Urgon. Orgon, Bouches
du Rhône. Beide Klappen von innen. Links: linke Klappe mit den 2
gleichen Zähnen und der mittleren Zahngrube. Rechts: grössere, rechte
Klappe mit dem starken Mittelzahn und den 2 Zahngruben.]
Häufiger und in der Kreide Nordeuropas und Westrusslands weit
verbreitet ist die verwandte Gattung Gyropleura Douv. Die
Schalenoberfläche wird von schuppigen oder stacheligen Rippen verziert.
Die Unterschale ist mit breiter Fläche angewachsen, ihr Schloss nach
hinten gerückt, der hintere Muskeleindruck auf die Schlossplatte
hinaufgeschoben und durch eine starke Leiste gestützt.
G. cenomanensis d’Orb. sp. Cenoman. Frankreich.
G. Delaruei d’Orb. sp. Senon. Nordfrankreich.
G. Moritzi Stromb. sp. Senon. Norddeutschland.
Fam. Caprinidae.
Schale dick, sehr ungleichklappig. Die Wirbel einer oder beider Klappen
eingerollt. Ligamentfurche äusserlich bis fast innerlich. Die innere
Schalenschicht der kleineren, zuweilen auch der grösseren Klappe von
radialen Canälen durchzogen (Fig. 275 C k). Die 3 Gattungen dieser
Familie sind auf die obere Kreide beschränkt. Europa und Nordamerika.
Plagioptychus Math. (Fig. 275 A-C). Grössere, rechte Klappe (B s)
conisch verlängert, gebogen oder eingerollt, mit äusserer, bis
zum Wirbel verlängerter Bandfurche (b). Kleinere Klappe (B s’, A)
gewölbt, mit schwach nach vorn gebogenem Wirbel und randlichem, am
hinteren Schlosszahne (A y’) endigendem, halb innerlichem Ligament.
Schlossplatte sehr kräftig. Vorderzahn der kleineren (linken) Klappe
(A x’) klein, Hinterzahn (A y’) gross, nach auswärts gebogen. Hinterer
Muskeleindruck (A n’) auf einer Apophyse gelegen und durch eine Leiste
(s’) gestützt. Vorderer Muskeleindruck (A m’) auf der Schlossplatte.
Vorderer Muskeleindruck der rechten Klappe vertieft, hinterer auf einer
Platte gelegen. Die dicke Innenschicht der linken Klappe wird von --
aussen weiten (C k), innen schmäleren (C h) -- Canälen durchzogen, die
bei der Verwitterung als radiale Furchen (A k, B k) erscheinen.
[Illustration: Fig. 275. Plagioptychus Aguilloni d’Orb. Oberes
Turon (Provencien). A Le Beausset, Var. B, C Gosau, Salzkammergut.
A kleinere, linke Klappe von innen. x’ = vorderer, y’ = hinterer
Schlosszahn; p’ = Zahngrube; m’ = vorderer, n’ = hinterer
Muskeleindruck, letzterer durch eine Muskelleiste (s’) gestützt; k =
durch Anwitterung hervortretende Canäle der inneren Schalenschicht. B
Schale gegen die linke Klappe (s’) gesehen. s = rechte, festgeheftete
Klappe; b = Bandfurche; k = wie in Fig. A. C Querschnitt durch die
kleinere Klappe, um die radialen Canäle (h und k) zu zeigen.]
In der Hippuritenkreide (Turon und Senon) Südeuropas häufig; auch in
Nordamerika.
Pl. Aguilloni d’Orb. (Fig. 275 A-C). Gosauschichten. Salzkammergut,
Südfrankreich.
Pl. Haueri Tell. sp. Cenoman. Böhmen.
Pl. Orcutti White sp. Obere Kreide. Californien.
Caprina d’Orb. besitzt in beiden Klappen Canäle. Die freie linke Klappe
ist grösser als die rechte.