Gewöhnlich dünn-, seltener dickschalige, meist etwas ungleichklappige
Muscheln, die stets hinten, zuweilen auch vorn klaffen. Der
Schalenumriss ist queroval oder seltener dreieckig, vorn abgestutzt,
nach hinten meist ausgezogen. Echte Schlosszähne fehlen. Häufig findet
sich ein löffelartiger Fortsatz am inneren Schalenrande in einer Klappe
oder in beiden entwickelt (Fig. 224), welcher als Träger des Ligamentes
dient. Die Ränder dieses Ligamentlöffels sind auch wohl zu zahnartigen
Vorsprüngen umgebildet (Fig. 239 B, C), die aber nie regelmässig
abwechseln, wie bei den Heterodonta (vgl. Mactra p. 245). Das Ligament
liegt äusserlich (Fig. 237 C l) oder z. Th. äusserlich, z. Th.
innerlich, oder ganz innerlich (Mya -- Fig. 233 B l). Bei äusserer Lage
des Ligamentes ist dasselbe meist in eine dem Schlossrande parallele
Vertiefung eingesenkt. Die Muskeleindrücke sind paarig. Die Mantellinie
zeigt durchgehends eine mehr oder minder tiefe Ausbuchtung (Fig. 236
A). Die Siphonen sind lang.
Von der Trias an mit Sicherheit bekannt, im Paläozoicum als
Paläoconchen vorhanden. Zahlreiche Gattungen in Jura, Kreide,
Tertiär und Gegenwart. Den paläozoischen Vorläufern, welche man den
Paläoconchen beizuzählen pflegt, fehlen Ligamentträger und Mantelbucht.
Ausschliesslich Bewohner des Meer- oder Brackwassers.
A. Ligament äusserlich. Schale dünn. Schlossrand ohne
Zähne oder deutlich entwickelten Ligamentlöffel.
Pholadomya Sow. (Fig. 234 A, B). Die dünnschalige, gleichklappige
Muschel zeigt einen querovalen oder fast dreiseitigen Umriss. Die
Wirbel der vorn und hinten klaffenden Schale meist stark nach
vorn gerückt und gegen einander gebogen (B). Schlossrand gerade,
zahnlos oder mit schwach entwickeltem Vorsprunge. Das Ligament liegt
äusserlich. Häufig trennen 2 von den Wirbeln nach hinten verlaufende
Kanten ein vertieftes Schildchen von der Schale ab. Oberfläche der
Schale mit concentrischen Anwachsstreifen und mit mehr oder minder
zahlreichen radialen Rippen verziert, die an den Kreuzungspunkten oft
zu Körnern oder Knoten anschwellen (A r).
[Illustration: Fig. 233. Ligamentstützen einer desmodonten Muschel
(Mya). A Oberrand der linken Klappe (rechts = vorn) mit dem nach innen
gerichteten Löffel, welcher das Ligament trägt, vr = Vorderrand, ml
= Mittelleisten, hr = Hinterrand des Löffels. B Querschnitt durch
die Wirbelgegend der beiden Klappen. ll = Ligamentlöffel der linken
Klappe; ll’ = zurückgebogener, fast ganz mit der Schale verwachsener
Ligamentträger der rechten Klappe. Zwischen beiden das Ligament (l).]
[Illustration: Fig. 234. A, B Pholadomya paucicosta Rö. Oxford (T. à
chailles). Berner Jura. A Steinkern gegen die linke Klappe gesehen, mit
Mantellinie (ml), Mantelbucht (c), dem hinteren Muskeleindruck (n) und
den radialen Rippen (r). B derselbe von oben, das Klaffen der Schale an
der Vorder- (v) und Hinterseite (h) zeigend.]
Die Pholadomyen finden sich meist gesellig, fast stets als Steinkerne
erhalten, vorwiegend in thonigen oder mergeligen Gesteinen der
Juraformation ausserordentlich häufig, mit abnehmender Häufigkeit in
der Kreide und im Tertiär. Eine einzige lebende, sehr seltene Art in
grossen Tiefen (Antillen, Atl. Ocean).
a. Formen ohne Schildchen. Dogger -- Gegenwart.
Ph. fidicula Sow. Unterer Dogger (Murchison-Sch.) -- Callovien.
Europa, Südamerika.
Ph. Murchisoni Sow. Mittlerer und oberer Dogger, }
Callovien. }
Ph. deltoidea Sow. sp. Oberer Dogger und Callovien. }
Ph. exaltata Ag. Callovien -- Kimmeridge. }
Ph. paucicosta Rö. (Fig. 234 A, B). Oxford und } Mitteleuropa.
Kimmeridge. }
Ph. multicostata Ag. Kimmeridge (Portland). }
Ph. decussata Mant. sp. Obere Kreide. }
Ph. Esmarki Nils. sp. Senon. }
Ph. Puschi Gf. Oligocän und Miocän. Mittel- und Südeuropa.
Ph. candida Sow. Recent. Antillen.
b. Formen mit Schildchen. Lias -- Miocän.
Ph. corrugata Dkr. & K. Unterer und mittlerer Lias. }
Ph. reticulata Ag. Unterer und mittlerer Dogger. }
Ph. ovulum Ag. Mittlerer Dogger -- Callovien. } Mitteleuropa.
Ph. decemcostata Rö. Oxford -- Kimmeridge. }
Ph. margaritacea Sow. sp. Eocän -- Miocän. }
Wesentlich nur durch andere Schalenverzierung sind folgende zwei
Gattungen unterschieden:
Goniomya Ag. Schale fast gleichseitig, durch ∨-förmig geknickte Rippen
verziert. Oberfläche fein gekörnelt. Lias -- Kreide.
G. litterata Sow. sp. }
} Oxford. Mitteleuropa.
G. constricta Ag. }
G. designata Gf. Senon. Norddeutschland.
Homomya Ag. (= Arcomya Ag.). Schale ungerippt, nur mit concentrischen
Anwachsstreifen. Oberfläche fein gekörnelt. Meist sehr grosse Muscheln.
Trias -- Kreide.
H. ventricosa Schl. sp. Oberer Muschelkalk. Deutschland.
H. lagenalis Schfh. Rhät. Nord- und Südalpen.
H. gibbosa Sow. sp. Oberer Dogger (»Homomyen-Mergel«), selten
mittlerer Dogger. England, Frankreich, Süddeutschland, Schweiz.
[Illustration: Fig. 235. Pleuromya peregrina d’Orb. Ob. Callovien.
Choroshowo b. Moskau. Steinkern. a = Ansicht der linken Klappe, die
Muskeleindrücke und die tiefe Mantelbucht zeigend. b = linke (unten)
und rechte (oben) Klappe von oben, um den Vorsprung und die Ausbuchtung
des Schlossrandes, zu zeigen. Rechts davon ein Querschnitt durch die
Wirbelgegend; der Schlossrand der rechten Klappe (links) greift über
den der linken (rechts) ein wenig über.]
Pleuromya Ag. (= Myacites) (Fig. 235 a, b). Schale quer verlängert,
sehr wenig ungleichklappig, ungleichseitig, meist schwächer gewölbt
als Pholadomya und Homomya (a). Schlossrand unter den weit nach vorn
gelegenen Wirbeln jederseits mit einem wagerechten kleinen Vorsprung
und dahinter gelegener Ausbuchtung (b). Der Schlossrand der linken
Klappe etwas unter den der rechten geschoben (rechts unten Fig. 235).
Band äusserlich. Oberfläche, wenn verziert, mit concentrischen Streifen
versehen. Jura und Kreide. Den hierher gerechneten triadischen Formen
fehlt die Mantelbucht, sie müssten also strenge genommen zu den
Palaeoconchae gerechnet werden.
Pl. (Myacites) musculoides Schl. sp. Sehr häufig im unteren und
oberen Muschelkalke, selten in der Lettenkohle. Deutschland.
Pl. jurassi Brgt. sp. Mittlerer Dogger. Mitteleuropa, Südamerika.
Pl. donacina Gf. sp. Dogger und Malm weit verbreitet.
Pl. peregrina d’Orb. (Fig. 235). Oberer Dogger und Callovien.
Mitteleuropa.
Gresslya Ag. (Fig. 236 A, B). Schale vorn gerundet, hinten meist
stark verschmälert. Wirbel vorn gelegen. Von Pleuromya durch die
innere Ligamentleiste der rechten Klappe (B l) unterschieden; dieselbe
hinterlässt auf dem Steinkern eine tiefe, dem Schlossrande parallele
Furche (A f). Die rechte Klappe ist stets über die linke hinauf
gerückt (B), da ihr Schlossrand über den der linken übergreift, wie
bei Pleuromya (Fig. 235). Ligament links äusserlich, rechts innerlich
gelegen. Sehr häufig im Jura.
G. gregaria Gf. sp. (Fig. 236 A, B). } Häufig im mitteleuropäischen
G. abducta Phill. sp. } Dogger.
[Illustration: Fig. 236. A, B Gresslya gregaria Gf. sp. Mittlerer
Dogger. Schwaben. A Ansicht des Schlossrandes. Steinkern. f = die
Furche, welche die Ligamentleiste auf dem Steinkern zurücklässt. r =
rechte, l = linke Klappe. B Ansicht der linken Klappe (l’) und des
überragenden Theiles der rechten (r’). l = Ligamentleiste in der
rechten Klappe. Die Muskeleindrücke (m = vorderer) und die Mantellinie
schimmern durch die dünne Schale hindurch. b = Mantelbucht.]
[Illustration: Fig. 237. A-C Panopaea. A, B P. Menardi Desh. Miocän.
Wiener Becken. A Ansicht der rechten Klappe. B beide Klappen von oben.
l = Ligament; v = vorn; h = hinten. C Schlossrand der linken Klappe von
P. Aldrovandi Men. l’ = Ligamentgrube, nach innen durch eine starke
Leiste (ml) begrenzt; zg = Grube für den Zahn der rechten Klappe; vr =
Schlosszahn (Vorderrand des Löffels).]
B. Ligament äusserlich. Schale meist dick. Ein Ligamentlöffel
oder Zähne vorhanden.
Panopaea Men. (= Glycimeris Lmk.) (Fig. 237 A-C). Schale
querverlängert, dick, hinten weit, vorn weniger klaffend. Ligament
äusserlich, aber in eine tiefe, nach innen durch eine starke
Bandleiste (Nymphe) begrenzte Grube eingesenkt. Diese Leiste entspricht
der Mittelleiste des Löffels bei Mya (Fig. 238 A ml), während der in
jeder Klappe vorhandene -- seltener fehlende -- conische Schlosszahn
(C vr) mit dem Vorderrande des Löffels von Mya (Fig. 238 A vr) zu
vergleichen ist. Das Schloss ist als ein umgebildeter Ligamentträger
aufzufassen. Wahrscheinlich schon zur Kreidezeit vorhanden, ziemlich
häufig im Tertiär. Mehrere lebende Arten.
P. Menardi Desh. (Fig. 237 A, B). Weit verbreitet im Miocän,
seltener im Pliocän Europas.
P. Norwegica Speng. sp. Pliocän. Süd- und Nordeuropa. Glacial
und Recent. Nordeuropa.
P. Aldrovandi Men. (Fig. 237 C). Lebend. Mittelmeer.
[Illustration: Fig. 238. Mya truncata L. Lebend. Nordsee. A Schlossrand
der linken Klappe, den Ligamentlöffel zeigend. vr = Vorderrand, ml
= Mittelleisten, hr = Hinterrand desselben. B Querschnitt durch die
Wirbelgegend beider Klappen, um die Lage des Ligaments (l) zwischen
dem Ligamentträger der linken (ll) und dem der rechten Klappe (ll’) zu
zeigen.]
[Illustration: Fig. 239. A-C Mactra. A M. Podolica Eichw. Neogen
(Sarmatische Stufe). Wiener Becken. B Schloss der rechten, C Schloss
der linken Klappe von Mactra sp. Lebend. vr, vr’ = »Vorderzahn«
(Vorderrand des Löffels); ml, ml’ = »Mittelzahn« (Mittelleiste des
Löffels); hr, hr’ = »Hinterzahn« (Hinterrand des Löffels).]