4. Das Alter und Vorkommen der Fossilien.

Seitdem das Wasser seine zerstörende Wirkung auf die Erdoberfläche

ausübt, haben sich als mechanische oder chemische Absätze aus

Quellen, Flüssen, Landseen und Meeren die Schichtgesteine gebildet.

Diese sind es, welche im Gegensatz zu den fossilfreien, weil zumeist

aus Schmelzfluss erstarrten, massigen Gesteinen, die Fossilien

einschliessen. Infolge der ununterbrochenen Veränderungen der

organischen Wesen im Laufe der Zeit führen Sedimentgesteine von

verschiedenem Alter im Allgemeinen verschiedene Fossilien. Umgekehrt

ist es aber nicht erlaubt, aus der Verschiedenheit von Fossilfunden

ohne Weiteres auf Altersunterschiede der betreffenden Gesteine zurück

zu schliessen. Denn es haben in früheren Perioden der organischen

Entwickelung, in ähnlicher Weise wie heut zu Tage, auf dem festen Lande

ganz andere Organismen gelebt wie im Wasser, in Landseen andere wie im

Meere. Man darf deshalb nur solche fossile Faunen und Floren, resp. die

Schichtgesteine, in denen sie sich finden, mit einander in directen

Vergleich stellen, welche in gleichen Medien existirt haben, isomesisch

sind, nicht solche aus verschiedenen Medien, die heteromesischen. Es

zeigt uns die räumliche Verbreitung der heutigen Thiere und Pflanzen,

dass auch innerhalb desselben Mediums (Salzwasser, Süsswasser,

Luft) unter ähnlichen oder ungleichen physikalischen Bedingungen

einschneidende provinzielle Verschiedenheiten in den Faunen und Floren

existiren, die zur Aufstellung zoo- und phytogeographischer Provinzen

Veranlassung gegeben haben. Ablagerungen aus der gleichen Provinz

nennen wir isotopische, solche aus verschiedenen heterotopische.

Endlich kommen die ungleichen physikalischen Verhältnisse, die

innerhalb einer und derselben Thier- oder Pflanzenprovinz herrschen

(die Temperaturen, Höhenlagen etc.), auch in der Verbreitung der

Organismen zum Ausdruck. Andere Thiere bewohnen das seichte Wasser,

andere die Hochsee; unsere Buchenwälder gedeihen nicht in alpinen

Höhen und manche Alpenpflanzen bemühen wir uns vergeblich im wärmeren

Tieflande zu acclimatisiren. Zur Bezeichnung solcher Verschiedenheiten

bedient man sich des Wortes Facies und versteht darunter den

Inbegriff aller derjenigen Verhältnisse, welche den Charakter eines

Schichtgesteins und der darin sich findenden organischen Reste

bedingen. So spricht man von einer Seichtwasser-, einer Tiefsee-, einer

Sand-, einer Schlamm-Facies etc.

Die Vertheilung von Meer und Festland auf der Erde war zu jeder Zeit

erheblichen Schwankungen ausgesetzt. Die Folge davon ist, dass wir

keinen Punkt auf der Erde kennen, wo zu allen Zeiten ausschliesslich

meerische oder Süsswasser-Absätze mit den jeweiligen organischen

Resten zum Absatz gekommen wären. Es wechseln vielmehr überall Absätze

aus tieferem mit solchen aus seichterem Wasser oder mit limnischen

Bildungen ab und dementsprechend auch die Faunen und Floren. Hierdurch

wird natürlich die Bestimmung der zeitlichen Aufeinanderfolge der

Organismen nicht unwesentlich erschwert. Sie kann nur auf eine

indirecte Weise geschehen, nämlich folgendermaassen:

An solchen Punkten, wo sich ein System fossilführender mariner

Sedimentschichten in möglichst wenig gestörter, am besten

horizontaler Lagerung befindet, und wo während der Bildungszeit

dieser Schichten möglichst ähnliche Verhältnisse geherrscht haben,

bestimmt man die Aufeinanderfolge der einzelnen Gesteinslagen und

ihrer Fossileinschlüsse. Aus jeder einzelnen Folge lernen wir nur ein

Bruchstück der Veränderung der marinen Thierwelt kennen, aber ein

Vergleich zahlreicher solcher Fossilfolgen von verschiedenen Stellen

der Erdoberfläche liefert uns ein mehr oder minder vollständiges Bild

der Gesammtänderung im Laufe der Zeit, wie es nachfolgendes Schema

verdeutlicht:

+---+----+----+----+----+----+----+

| I | II | III| IV | V | VI | |

+---+----+----+----+----+----+----+

|-- | -- | -- | -- | 12 | -- | 12 |

|-- | -- | -- | -- | 11 | -- | 11 |

|-- | 10 | -- | -- | 10 | -- 1 0 |

|-- | 9 | -- | -- | -- | -- | 9 |

|-- | 8 | -- | 8 | -- | -- | 8 |

|-- | -- | -- | 7 | -- | -- | 7 |

|-- | -- | -- | 6 | -- | -- | 6 |

| 5 | -- | -- | 5 | -- | -- | 5 |

| 4 | -- | -- | | -- | -- | 4 |

| 3 | -- | -- | -- | -- | 3 | 3 |

|-- | -- | 2 | -- | -- | 2 | 2 |

|-- | -- | 1 | -- | -- | -- | 1 |

+---+----+----+----+----+----+----+

Nicht alle Fossilien sind gleich brauchbar für die Altersbestimmung

der Schichtgesteine, vielmehr verdienen diejenigen, welche

mit einer ausgedehnten geographischen Verbreitung eine rasche

Formveränderlichkeit in successiven Zeiträumen verbinden, vor den

langlebigen und auf einen engen Wohnbezirk angewiesenen den Vorzug. Die

ersteren leiten oft in vorzüglicher Weise zur Auffindung gleichaltriger

Schichten und werden als »Leitfossilien« bezeichnet. Leitfossilien

können allen fossil erhaltbaren Abtheilungen des Thier- und

Pflanzenreiches angehören, doch erweisen sich die Reste freilebender

Meeresbewohner am brauchbarsten.

Der Stratigraphie fällt in Gemeinschaft mit der Paläontologie die

Aufgabe zu, diejenigen Schichtgesteine und Fossilien ausfindig zu

machen, welche gleichzeitig mit den normalen marinen, aber unter

anderen Verhältnissen entstanden sind. Für die vollständige Kenntniss

eines Fossils genügt nicht allein die Erforschung seines Verhältnisses

zu ausgestorbenen oder lebenden Formen, sondern es ist dazu die

Feststellung seines relativen Alters sowie seines Vorkommens überhaupt

nothwendig.

Elemente der Paläontologie · 第 22 / 606 题