2. Die Unvollständigkeit der paläontologischen Ueberlieferung.

Verschiedene Ursachen wirken zusammen, um die paläontologische

Ueberlieferung zu einer sehr lückenhaften zu machen. Der grössere Theil

der Erdrinde, nämlich so weit dieselbe vom Wasser bedeckt ist, wird

unserer Forschung wohl stets unzugänglich bleiben. Aber selbst gesetzt

den Fall, wir könnten die ganze Erdrinde auf ihren Gehalt an Fossilien

hin durchforschen, so würden wir doch nur ein sehr unvollständiges

Bild der organischen Gesammtentwickelung erhalten. Der Grund hierfür

liegt in der leichten Zerstörbarkeit der organisirten Gebilde. Es

lässt sich als ein allgemein giltiges Gesetz aussprechen, dass nur

die widerstandsfähigeren Theile des Thier- und Pflanzenkörpers der

Nachwelt überliefert werden können und diese auch nur dann, wenn sie

durch baldige Einbettung in Gesteinsmasse vor der Zersetzung durch

die atmosphärische Luft einigermaassen geschützt werden. Selbst die

resistentesten Theile eines Organismus, das Knochenskelet eines

Wirbelthieres oder der Holzcylinder eines Baumes, zerfallen schon

nach wenigen Jahren zu Staub, wenn sie mit der Luft in Berührung

bleiben. Das Gleiche gilt in noch viel höherem Maasse von den sog.

Weichtheilen, von dem protoplasmatischen Inhalte der Pflanzenzelle und

von allen aus Protoplasma bestehenden Theilen des Thierkörpers, selbst

wenn der Organismus gleich nach dem Absterben im Sande oder Schlamme

begraben wird. Nur ein Gestein von antiseptischen Eigenschaften, wie

es das Eis ist, vermag ein Abweichen von dieser Regel herbeizuführen

(Mammuthcadaver im sibirischen Eise). Dagegen sind die sog. Harttheile,

die aus kohlensaurem oder phosphorsaurem Kalke (seltener aus

Kieselerde) bestehenden Schalen und Skelete, oder die hornigen oder

chitinösen Gebilde der Thiere, sowie die meist aus Cellulose, seltener

aus Kieselerde aufgebauten Zellmembrane der Pflanzen im fossilen

Zustande als solche erhaltungsfähig. Weichtheile können nur Abdrücke

im Gestein zurücklassen, aber auch diese Fälle sind relativ selten

(Quallenabdrücke im lithographischen Schiefer).

Daher kommt es, dass uns von manchen Abtheilungen des Thierreichs,

z. B. von den Infusorien, Würmern etc., entweder gar keine oder nur

nichtssagende Fossilreste überliefert wurden. Aus demselben Grunde

werden uns auch die ältesten Bewohner der Erde stets unbekannt

bleiben. Denn es zweifelt heutzutage wohl kein Biologe daran, dass die

Harttheile der Thiere und Pflanzen als Schutz- oder Stützgebilde erst

im Laufe der organischen Entwickelung sich herausgebildet haben, mithin

den ältesten Organismen sicherlich fehlten.

Unter besonders ungünstigen Verhältnissen werden anscheinend sehr

schwer zerstörbare Harttheile, z. B. die kalkigen oder kieseligen

Skelete der Protozoen und Spongien, noch ehe sie ins Gestein

eingeschlossen werden können, vollständig aufgelöst. In bedeutenden

Meerestiefen besitzt das mit CO₂ beladene Wasser ein hohes

Auflösungsvermögen für Kalkcarbonat und es scheint, dass daselbst ein

ähnlicher Auflösungsprocess mit den aus amorpher Kieselerde bestehenden

Harttheilen der niederen Thiere und Pflanzen vor sich geht.

Mit manchen thierischen und den meisten pflanzlichen Harttheilen geht

vor ihrer Einbettung in das Gestein eine Zerstückelung vor sich, welche

die Deutung der fossilen Reste wesentlich erschwert. Die Skelete der

Wirbelthiere maceriren im Wasser sehr rasch und fallen in einzelne

Knochen oder Skelettheile aus einander. Letztere werden aus ihrem

Zusammenhange gelöst an verschiedenen Punkten im Gestein begraben und

häufig isolirt aufgefunden. Der gleiche Vorgang vollzieht sich in wenig

erfreulicher Regelmässigkeit bei den Pflanzen. Die Blätter, Blüthen,

Früchte werden getrennt von Stamm und Wurzeln, sehr häufig auch die

Rinde des Stammes vom Holzcylinder. Bei den Skeleten der Wirbelthiere

erleichtert die Correlation, welche zwischen der Form der einzelnen

Theile derselben häufig besteht, das Auffinden des Zusammengehörenden.

Bei den Pflanzen verschafft meist nur ein glücklicher Fund, welcher die

einzelnen Theile im Zusammenhange zeigt, völlige Gewissheit über die

Zusammengehörigkeit. Die einzelnen Theile ein und derselben Pflanze

werden deshalb häufig mit verschiedenen Namen provisorisch bezeichnet.

Schliesslich haben die in Schichtgesteinen eingeschlossenen Reste

nachträglich mannigfache Veränderungen theils chemischer, theils

mechanischer Natur erfahren und sind durch dieselben oft bis zur

Unkenntlichkeit entstellt worden. Für die richtige Deutung der

Fossilreste ist die Kenntniss dieser Vorgänge unumgänglich nöthig. Es

mag deshalb zunächst »der Erhaltungszustand der Fossilien« besprochen

werden.

Elemente der Paläontologie · 第 20 / 606 题