Den Gegenstand der paläontologischen Forschung bilden die Reste
abgestorbener Thiere und Pflanzen, welche sich zumeist in den
Erdschichten eingeschlossen, seltener auf der Oberfläche der
Erde finden. Man nennt diese Reste Fossilien, weniger passend
Versteinerungen oder Petrefacten.
An die Kenntniss der Fossilien knüpft sich ein doppeltes Interesse.
Rühren sie von organischen Wesen her, welche in der heutigen Schöpfung
nicht mehr vertreten sind, so erweitern sie unsere Kenntniss der
Organismen überhaupt. Aber selbst wenn sie von lebenden Thier- oder
Pflanzenformen nicht verschieden sind, dagegen an Orten gefunden
werden, wo die betreffenden Formen heute nicht mehr vorkommen, besitzen
sie für uns eine Bedeutung. Denn in diesem Falle legen sie -- bei der
bekannten Abhängigkeit der Verbreitung der Thiere und Pflanzen von
äusseren Bedingungen -- Zeugniss von irgend welchen Veränderungen ab,
die auf unserem Planeten vor sich gegangen sind. Es erhellt aus dem
Gesagten, dass die Paläontologie ein doppeltes Ziel verfolgt, ein
biologisches und ein geologisches.
Erst nachdem man begriffen hatte, dass die heutige organische Schöpfung
das Resultat einer allmählichen Entwickelung sei, ist die Bedeutung der
Paläontologie für die biologischen Wissenschaften richtig gewürdigt
worden. Wenn wir eine vollständige Kenntniss aller früheren Faunen
und Floren besässen, so läge uns der Entwickelungsgang, welchen die
organische Welt genommen, klar vor Augen. Leider wird aber durch die
Unvollständigkeit der paläontologischen Ueberlieferung die Bedeutung
der Paläontologie für die Aufhellung der Stammesgeschichte wesentlich
beeinträchtigt. Wir müssen uns damit bescheiden, innerhalb einiger,
besonders bevorzugter Abtheilungen des Thier- und Pflanzenreiches
mehr oder minder werthvolle Anhaltspunkte für die Beurtheilung
ihrer Stammesgeschichte zu gewinnen. Es wird dies besonders dadurch
ermöglicht, dass ein Zweig der Geologie, die Schichtenlehre oder
Stratigraphie, uns die Mittel an die Hand giebt, das relative Alter
der fossilen Reste festzustellen. Die verschiedenen Thier- und
Pflanzentypen sind nach einander auf der Erde erschienen und ihre
Reste finden sich deshalb in Gesteinen von verschiedenem Alter
eingeschlossen. Die Stratigraphie zeigt uns, welche Gesteine älter
und welche jünger sind, und so erfahren wir das relative Alter der
Fossilien. Da nun die zeitliche Aufeinanderfolge der Organismen auf
der ganzen Erde wesentlich die gleiche war, so werden die Fossilien
ihrerseits zur Altersbestimmung der Erdschichten verwendet, besonders
in denjenigen Fällen, wo die stratigraphische Methode allein nicht
dazu ausreicht. Somit wird die Paläontologie zur wichtigsten und
unentbehrlichsten Hilfswissenschaft der historischen Geologie. Man hat
die Fossilien passend »die Denkmünzen der Schöpfung« genannt. Denn
nicht allein fixiren sie die Zeitfolge der Ereignisse für unseren
Planeten, sondern sie geben auch wichtige Aufschlüsse über die
physischen Verhältnisse der Erde in früheren Perioden.
Der häufig sehr stark ausgeprägten Anpassungsfähigkeit der organischen
Wesen an äussere Lebensbedingungen sind bestimmte Schranken gezogen:
eine Meeresschnecke vermag nicht auf dem Lande oder im Süsswasser, ein
Waldbaum nicht unter Wasser zu existiren. Eine tropische Vegetation
setzt sich aus anderen Pflanzen zusammen, als eine polare oder eine
Steppenflora, und die reich verzierten und bunt gefärbten Schnecken der
wärmeren Meere sind den polaren Meeren fremd. In ähnlicher Weise waren
auch die Geschöpfe früherer Erdperioden von der Natur der Medien, von
der Temperatur, Meerestiefe etc. abhängig und eine fossile Fauna oder
Flora gestattet stets bis zu einer gewissen Grenze einen Rückschluss
auf die physischen Verhältnisse, welche an ihrem Wohnorte jeweils
herrschten. Das Wenige, was wir über die physische Beschaffenheit
unseres Planeten in früheren Stadien seiner Entwickelung wissen, ist
wesentlich mit Hilfe der paläontologischen Forschung ermittelt worden.
Es würde einseitig und unwissenschaftlich genannt werden müssen, wenn
man die Bedeutung der Paläontologie für die Erforschung der Geschichte
der Erde etwa geringer veranschlagen wollte, als die scheinbar
wichtigste, weil zunächst liegende Aufgabe derselben, welche eine
Erweiterung des Formenkreises der organischen Welt anstrebt.