VII.

Santjago (Chile).

Wenn man die Stadt nahebei erreicht hat, wird man erst inne, daß man

von dort, bis an den Fuß, an die Vorberge der hohen Cordillera,

noch drei bis vier Stunden zu reisen hat, trotzdem daß von einiger

Entfernung aus gesehen, Stadt und Gebirge sich zu berühren scheinen.

Theils die Größe und Höhe des Gebirgs, welches es näher erscheinen

läßt, trägt an dieser Täuschung die Schuld, theils aber auch eine

eigenthümliche in Chile auftretende Erscheinung, ich meine den Mangel

dessen, was die Maler mit Luftperspektive bezeichnen. Es ist

dort schwierig auf größere Entfernungen hin die wirkliche Weite

abzuschätzen, in welcher sich irgend eine Stadt, ein Berg u. s. w.

befindet, indem alle diese Objekte sich fast in gleicher Klarheit

darstellen, seien sie eine, zehn oder zwanzig Stunden weit entfernt.

Ich habe später von der Cordillera aus das 15 Stunden weit entfernte

Santjago so deutlich vor mir gesehen, daß ich auf einen Abstand von

höchstens anderthalb Stunden geschlossen haben würde, hätte ich nicht

den Weg von dort selbst zurückgelegt, und in Valdivia hätte ich dem 50

Stunden weit gelegenen Vulkane von Villarica höchstens 8 bis 10

Stunden Entfernung gegeben. Die Trockenheit der Luft und Mangel an

Wasserdünsten in derselben kann kaum hieran allein schuld sein, denn

obgleich trocken im Flachlande von Chile, war in der Cordillera

selbst die Luft feucht genug, und in Valdivia war zu jener Zeit der

Hygrometerstand etwa wie der mittlere von Deutschland. Ich erwähne

mithin diese Erscheinung, ohne sie näher erklären zu können[20].

Flüchtig will ich über die Beschreibung der Stadt hinweggehen und nur

den allgemeinen Eindruck zu schildern versuchen, den sie hervorruft. Es

ist Santjago, die Hauptstadt Chiles, nur mit Ausnahme von Lima wohl die

größte der Westküste, schon früher hinreichend geschildert, und

es hat sich seitdem dort im Ganzen nur wenig geändert. Alle Straßen

derselben schneiden sich im rechten Winkel, sind breit und mit Trottoirs

versehen; durch die Mitte vieler derselben laufen starke Rinnen, theils

auch gedeckte Kanäle zum Abzug der Unreinlichkeiten. Die durch die

parallel laufenden Straßen entstandenen Vierecke werden Quadras genannt

und haben einen Flächenraum von etwa zwei bayerischen Tagwerken.

Die Außenseiten der Häuser, welche diese Quadras bilden, haben

durchschnittlich ein klösterliches Ansehen, wenigstens die aus älterer

Zeit. Meist einstöckig sind sie häufig mit kleinen vergitterten

Fenstern versehen, und einfach weiß angestrichen. Durch jene

Eintheilung in Quadras aber bleibt Raum für den Privatbesitz, so

daß eine behagliche Einrichtung im Innern nicht fehlt. Ein ziemlich

geräumiger Hof mit kleinem Garten bildet dann die Mitte des Gebäudes,

die Thüren sind meist gegen diesen Hof hin geöffnet, und es hat mich

der Gesammt-Typus dieser Wohnungen, ich weiß nicht mit Recht oder

Unrecht, unwillkürlich immer an die alten römischen erinnert.

Indessen hat man auch größere zwei- ja dreistöckige Häuser erbaut,

welche den häufigen Erdstößen bis jetzt mit mehr oder weniger

Glück gut widerstanden haben. Am Hauptplatze, der Plaça, steht das

Gouvernements-Gebäude und einige Kasernen. Die Münze ist ein wirklich

großartiges Gebäude zu nennen, eben so die Universität, und unter

den durchschnittlich gut gebauten Kirchen nimmt die Kathedrale den

Hauptplatz ein und dürfte ihn auch in mancher großen Stadt Europas

behaupten.

Schöne öffentliche Brunnen zieren die Stadt, aber das Wasser der

meisten derselben ist trübe, d. h. fast milchähnlich gefärbt und es

befinden sich in allen Häusern Filtrir-Apparate, wo vermittelst

eines Sandsteins das Wasser klar erhalten wird. Man nennt dieß dort

destilliren.

Die Ursache dieser Unreinheit des Wassers ist die, daß alle Brunnen

der Stadt mit Flußwasser gespeist werden. Aber diese Flüsse selbst

verdanken ihre Entstehung dem geschmolzenen Schnee der Cordillera, von

welcher herab sie sich in's Flachland ergießen. Dieß geschieht im

Gebirge selbst mit einem solchen starken Falle, und in Folge dessen mit

einer so reißenden Schnelle, daß man in einem jener Gebirgswasser,

welches kaum einen Fuß Tiefe hat, häufig nur mit Mühe zu stehen

vermag.

In Folge dieser Heftigkeit des Laufes werden aber eine bedeutende Anzahl

größerer oder kleinerer Fragmente der Gesteine losgerissen,

durch welche die Gewässer strömen und diese Geschiebe reiben sich

fortwährend theils unter einander, theils an den noch fest stehenden

Felswänden des Flußbettes, so daß das Wasser mit einer Menge

unendlich kleiner nicht nur aufgelöster, sondern auch suspendirter[21]

Theile geschwängert wird, welche es trübe und milchähnlich erscheinen

lassen. Ich habe eine Zeit lang unweit der Schneegränze auf der hohen

Cordillera am Ufer eines solchen Flusses geschlafen und bin häufig

in der Nacht durch das donnerähnliche Getöse geweckt worden, was

plötzlich vorübergeführte Steinmassen verursachten, indem während

der Nachtzeit alle diese Gewässer stärker anschwellen und heftiger

strömen, da sie durch den durch die Sonnenhitze des Tages geschmolzenen

Schnee verstärkt werden. --

Es ist mir die Einwohnerzahl von Santjago auf 80 bis 90,000 angegeben

worden, allein die ziemlich zahlreiche Geistlichkeit und das Militär

sollen bei dieser Schätzung nicht mit inbegriffen sein, und ich muß

überhaupt bemerken, daß ich eher mehr als weniger Seelen für die

Stadt annehmen möchte.

Was den Charakter der Bevölkerung von Santjago betrifft, wie ihre

Sitten und Gebräuche, so gilt für dieselben was für Valparaiso

bereits ausgesprochen wurde. Doch herrscht in Santjago, trotzdem, daß

europäische Mode auch hier allgemein, doch noch mehr eigenthümliches

Leben und die Sitte altspanischer Zeit vor.

So ist z. B. die ganz verständige Sitte, gegen Abend einen leichten

Mantel zu tragen, dort ganz allgemein, und selbst die Senoritta schlägt

keck und malerisch den großen Shawl um sich, wenn sie sich in den

Räumen ihres Hauses bewegt.

Auch die glänzenden Läden und Verkaufsgewölbe werden in

Santjago nicht angetroffen, wie in Valparaiso. Die Mehrzahl der

Verkaufslokalitäten sind in Santjago eigentlich nichts weiter als

Kramläden, in welchen mancherlei Waaren bunt genug gemengt verkauft

werden.

Der eigentliche Ausdruck des chilenischen Lebens ist also in Santjago

besser kennen zu lernen als in Valparaiso.

Ich war im englischen Hotel abgestiegen und hatte bald darauf einige

Deutsche aufgesucht, an welche ich Briefe von Valparaiso hatte. Von

=Dr.= Segeth, einem deutschen Arzte, wurde ich sogleich eingeladen, in

seinem Hause zu wohnen. Es ist mir von jeher durchaus zuwider gewesen,

_in einer Stadt_ auf solche Weise Gastfreundschaft anzunehmen, indem

man, selbst seiner Freiheit beraubt, den Gastfreund dennoch stets mehr

oder weniger stört. Als ich aber Segeth ganz unverholen deshalb meine

Meinung eröffnete, sagte er lachend, er sei ganz meiner Ansicht, aber

er habe einige Quadras weiter noch ein anderes Haus, blos von einem

Jäger bewohnt, und das solle ich als alleiniger Herr ungestört in

Besitz nehmen. Ich schlug ein, und hatte mich bald ganz behaglich

eingerichtet. Außer dem Jäger (einem Deutschen in Segeth's Diensten),

dessen Familie, einer unbestimmten Anzahl von Knechten, Pferden und

Maulthieren, einem lebenden Condor, verschiedenen Papageien und

anderem Gethiere, war niemand im Hause, und ich hatte bald eine gewisse

Obergewalt usurpirt.

Segeth war Minenbesitzer, hatte Landgüter und betrieb noch andere

Geschäfte. Er hatte sechszig und etliche Pferde und eine, wie ich

glaube, noch größere Anzahl von Maulthieren. Mir standen daher

stets Pferde zu Gebot, so viel ich benützen wollte, und ich machte

reichlichen Gebrauch von diesem Anerbieten, indem ich in Begleitung des

Jägers sowohl als auch allein oder mit einigen Knechten Ausflüge

in die Umgegend machte. Die Abende brachte ich dann, heimgekehrt von

solchen Excursionen, häufig bei einem deutschen Kaufmanne, F. Schulze,

zu, welcher mit gastlicher Freundlichkeit sein Haus allen Deutschen

geöffnet hatte und bei welchem ich heitere Stunden verlebte. Noch steht

lebhaft in meinem Gedächtnisse ein kolossaler Feigenbaum in Schulze's

Garten, unter welchem wir oft halbe Nächte in fröhlichen Gesprächen

verbrachten und in dessen Gipfel der =Trochylus gigas=, der größte

Colibri Chile's, nistete.

Im Umkreise von einigen Stunden Weges sind mehrere hübsche kleinere

Landseen bei Santjago, und dorthin ritten wir häufig um Wasservögel

zu schießen, Amphibien und Insekten zu fangen und die Gesteine der

Umgegend zu sammeln. So erwarb ich reichliche Ausbeute in der Laguna de

Quilicana. Der See hat eine Ausdehnung von etwa einer halben Stunde in

der Länge und Breite und ist auf der einen Seite von ziemlich steilen

Hügeln eingeschlossen, welche etwa 900 Fuß hoch sein mögen; dort

fallen auch seine Ufer ziemlich steil ab und das Wasser hat eine

Tiefe von 8 bis 10 Fuß; auf der andern Seite aber verflacht er sich

vollständig und geht in eine sumpfige Wiese aus. Er soll durch ein

Erdbeben entstanden sein. Trachyt und Dioritporphyr in manchfacher

Variation bilden die Hügel, und ich habe später einige der dort

auftretenden Gesteine in der Algodonbay in Bolivien wieder gefunden,

täuschend, und zum Verwechseln ähnlich. Glasiger Feldspath,

Magneteisen und Kupferkies wurden in jenen Gesteinen unter anderen

Beimengungen gefunden.

In jenem See lebt ein großer 7 bis 8 Zoll langer Frosch, er ist

indessen schwer zu erhalten und scheint eine neue Art zu sein. Ich habe

trotz aller Mühe ein einziges Exemplar mit nach Europa bringen können.

Wundervolle Jagdparthieen und zugleich gute naturhistorische Beute ergab

eine andere Lagune, irre ich nicht, etwa drei Stunden weit von der Stadt

entfernt.

Ich habe dort den =Ibis albicollis= geschossen und =Ibis nigricollis=,

wundervoll schöne Enten und die ersten Papageien. Am meisten aber

interessirte mich die Jagd des Coypo[22], einer anderthalb Fuß langen

Ratte, welche die Ufer des Sees bewohnt. Auf jenem See sowohl, als

auch auf anderen in der Umgegend der Stadt war das Thier früher sehr

häufig, wird aber jetzt selten getroffen. Obschon längst bekannt und

wie es scheint in ganz Südamerika zu Hause, sind dessen anatomische

Verhältnisse doch erst in neuerer Zeit näher bekannt geworden, so

z. B. die Eigenthümlichkeit, daß das Weibchen die Säugewarzen auf

dem Rücken hat, ohne Zweifel aus dem Grunde, weil es schwimmend seine

Jungen längere Zeit mit sich umherträgt. Das Thier schwimmt ziemlich

rasch und taucht unter sobald es Gefahr bemerkt; mit der Schnelligkeit

des Blitzes aber läuft es über liegendes Schilf und andere

Wasserpflanzen hinweg, welche selbst in nur schwacher Schicht die

Oberfläche des Wassers bedecken. Das Pelzwerk ist graubraun und hat

Aehnlichkeit mit dem Biberfelle.

Da der See längs dem Ufer und bisweilen ziemlich weit gegen die Mitte

hin mit Schilf bedeckt war, konnten wir uns mit dem Boote hinlänglich

versteckt halten, und es gelang mir, ein schönes und großes Exemplar

des Coypo zu erlegen, welches sich gegenwärtig in der Sammlung der

Gewerbsschule zu Schweinfurt befindet.

Geognostische Studien können in Santjago beinahe schon in der Stadt

selbst gemacht werden. Dicht an derselben, noch fast eingeschlossen von

ihr, liegt der Monte San Lucia, ein Hügel von etwa 250 Fuß Höhe, auf

welchem ein Engländer mit Erlaubniß der chilenischen Regierung zur

Zeit meiner Anwesenheit eine Sternwarte erbaute. Die Hauptmasse dieses

Felsens ist ein graugrüner Porphyr, in welchem glänzende Kristalle von

Feldspath häufig eingemengt sind. Hier und da findet sich Magneteisen

und bisweilen, doch seltener, Hornblende. Es finden sich kugelförmige

Absonderungen, welche aus concentrischen Lagen begehen, die größere

Masse des Felsens aber ist häufig plattenförmig gespalten, und in den

Absonderungsflächen findet sich, ohne Zweifel als secundäres Produkt,

Kalkspath in Kristallen.

War es nicht ein kleiner Anfall von Heimweh, daß es mich lebhaft

erfreute, in diesem Gesteine einen alten Bekannten getroffen zu haben?

In Franken, am Fuße des Steigerwaldes, und dort ganz vereinzelt alle

Formen des Keupers durchbrechend, tritt nämlich ein Gestein auf,

welches mit dem des Monte San Lucia so täuschende Aehnlichkeit hat,

daß neben einander gelegte Exemplare kaum zu unterscheiden sind. Ich

habe dort im fernen Lande mich lebhaft der Arbeiten erinnert, welche

ich vor Jahren über jenes Gestein in der Heimath unternommen, und,

nebenher, an manches Gute und vieles Schlimme, was ich seitdem erfahren.

Auch der Cerro blanco, der weiße Hügel, liegt dicht an der Stadt, an

deren nordöstlichem Ende. Eine reizende Fernsicht ergiebt sich dort auf

Stadt und Umgegend, und am Berge selbst, der kegelförmig emporgeschoben

ist, zeigen sich einige merkwürdige Erscheinungen. Er ist auf der

südlichen Seite durch Steinbruch-Arbeit aufgeschlossen, und dort finden

sich Ablagerungen von Geröll und Geschieben, welche mit Sand wechseln.

Auf dem trachytischen Gesteine selbst liegt unmittelbar Sand, hierauf

Geröll und dann wieder Sand. Jede Lage hat fast einen Fuß Mächtigkeit

und die Gerölle sind abgeschliffen, also jedenfalls von weiter

hergeführt. Es fällt der Berg an der Stelle, wo ich diese Formen fand,

steil ab, etwa in einem Winkel von 40 Graden, aber die Ablagerungen der

Gerölle fallen genau ebenfalls in diesem Winkel, also parallel mit

dem Abhang des Berges. Man muß also annehmen, daß sie früher sich

abgesetzt haben an der Stelle, wo der Berg sich gegenwärtig befindet,

und mit demselben später gehoben worden sind. Jene mächtigen Fluthen,

deren ich oben erwähnte, haben also schon in einer früheren

Periode statt gefunden, nach welcher noch das ganze Land mächtigen

Erschütterungen ausgesetzt war, denn ohne solche mag es wohl kaum

abgegangen sein bei der Hebung und dem Emporsteigen eines Kegels von

etwa 800 Fuß Höhe. Man kann den Cerro blanco als Trachyt-Porphyr

ansprechen. Gegen die Stadt zu ist das Gestein weißgrau mit

Einmengungen von Quarz-Körnern, Feldspath und glasigem Feldspathe.

Hornblende entdeckt man nur durch das Mikroskop in demselben. Gegen

Norden zu herrscht eine mehr röthliche Farbe vor, aber fast in der

Mitte und auf der Spitze des Hügels zeigt sich, gangartig auftretend,

ein dunkles Gestein. Manchmal sind in demselben Trümmer des röthlichen

Trachyt-Porphyr eingeschlossen und geben der Bildung das Ansehen eines

Conglomerats.

Einige Stunden von Santjago gegen die Cordillera und in der Nähe

eines Klosters liegen die Bäder von Apoquindo. Ich bin durch diese

Bade-Anstalt lebhaft an gewisse kleine Bäder in Deutschland erinnert

worden, welche bei uns allenthalben getroffen werden, so wenig ihre

Existenz auch über den Umkreis von einigen Stunden hinaus bekannt sein

mag. Hier besteht die größte Anzahl der Kurgäste meist aus Frauen der

Umgegend, mehr oder weniger mit fabelhaften Zuständen behaftet, und

mit Ausnahme der Zunge, hinfällig und leidend. Die Männer bilden die

Minderzahl, durchschnittlich ältere Leute, Pensionisten, ein Pfarrer,

ein Candidat oder Lehrer, vielleicht auch irgend ein Kranker, dessen Kur

von einer mildthätigen Anstalt bestritten wird. Mit wenig Ausnahme war

dort in den Bädern von Apoquindo dasselbe Publikum, derselbe Typus der

Badegäste, nur, wenn man so sagen darf, vom Deutschen in's Chilenische

übersetzt. Es sind zwei lange Gebäude zur Aufnahme der Kurgäste

errichtet, blos aus einem Erdgeschosse bestehend, und von Lehm erbaut,

mit einfachster Einrichtung im Innern. Die einzelnen Gemächer dieser

Häuser waren meist, ja fast sämmtlich von Damen in Anspruch genommen

und ich hatte dort Bedenkliches zu überstehen. Ein deutscher Landsmann,

welcher mich begleitete, eröffnete nämlich den Frauen, daß ich ein

großer und weltberühmter Arzt sei (=risum teneatis amici=?!); man

beobachtete ehrfurchtsvolles Schweigen bis ich die Temperatur der

Quellen genommen, und flüchtig die Wassermenge bestimmt hatte, welche

dieselben lieferten, dann aber wurde ich von ihnen umringt, sollte

helfen, retten, gesund machen, selbst Krüppel heilen, vor allem aber

»=un remedio=« geben. Ich frug meine Kranken, ob sie schon in Santjago

einen Arzt befragt hätten, und eröffnete ihnen, als die meisten

bejahten, gravitätisch, daß deutsche Aerzte nicht gewohnt seien einander

ihre Kranken abspenstig zu machen (Lieber Gott! wen hat nicht schon

_eine_ Frau zum Lügen gebracht und erst hier sicher ein Dutzend!), aber

das half wenig. Ich wurde von Zuständen in Kenntniß gesetzt, von deren

Existenz ich vorher keine Ahnung gehabt hatte, und konnte mich zuletzt

kaum durch die Flucht retten, indem ich mit Mühe mein Pferd gewann,

bald wieder zu kommen versprach und davon ritt.

Man nennt die fünf dortigen Quellen warme. Drei derselben entspringen

aus einem röthlichen Porphyr, die übrigen zwei brechen aus

Schuttland hervor, welches jedoch wohl nur in geringer Mächtigkeit das

porphyrische Gestein bedeckt. Dicht an der Quelle hat man Vertiefungen

in den Boden gegraben, in welcher sich das Wasser sammelt, und welche

man mit leichten, hie und da ziemlich durchsichtigen Reisighütten

bedeckt hat, und in diesen badet man.

Die Temperatur der drei aus dem Porphyr brechenden Quellen

war I + 17.0° R. II + 19.5° R. III + 19.0° R., die aus dem

Schuttlande kommenden hatten IV + 17.0° R. und V + 19.5° R.

Uebrigens entspringen alle fünf nur in geringer Entfernung von

einander, so daß der Abstand der beiden entlegensten kaum 15 Schritte

beträgt. Die Gesammtmenge, welche alle Quellen zusammen geben, beträgt

etwa 60 Litres für die Stunde. Eine Analyse der Quellen ist nicht

vorhanden, aber vier derselben haben einen sehr unschuldigen Geschmack

und die medicinische Wirksamkeit scheint, nach allem, was ich erfahren

konnte, sich ebenfalls in sehr engen Grenzen zu bewegen[23].

Eine derselben aber wurde mir als kupferhaltig bezeichnet, ihr Wasser

wird nicht getrunken und für giftig gehalten. Ich habe noch in der

Folge von mehreren kupferhaltigen Wassern der Westküste zu berichten,

welche dort kaum zu den Seltenheiten gerechnet werden dürfen, und den

Kupferreichthum bezeugen, der allenthalben dort in tiefer liegenden

Gängen vorhanden sein muß.

Als einer freundlichen Erinnerung muß ich des Dorfes Renca unweit

Santjago gedenken, das reich geschmückt mit Rebengeländern und

prachtvollen Feigenbäumen, einen ländlichen Vergnügungsplatz für die

Stadtbewohner abgiebt. Ich habe selten so artig gehaltene und zierliche

ländliche Wohnungen gesehen als eben dort, wo die Kunst kaum etwas,

aber die Natur alles zur Verschönerung gethan hat. An Sonn- und

Feiertagen aber ist auch stets eine zahlreiche Volksmenge dort

versammelt. Unter den Belustigungen, mit welchen man dort sich ergötzt,

ist mir eine Art theatralische Vorstellung lebhaft im Gedächtniß

geblieben. Heilige, gekrönte Häupter und einige Teufel trieben sich in

lebhaftem Wechselverkehr auf einer kleinen improvisirten Bühne herum,

bisweilen unterbrochen durch eine Reihe grotesker Tänze, welche von

einem der Schauspieler aufgeführt wurden. Obgleich ich kaum von den

rasch und heftig hergesagten Rollen etwas verstand, und auch wenig

Aufschluß über das eigentliche Wesen der Spiele erhalten konnte, hat

das Eigenthümliche desselben doch einen bleibenden Eindruck auf mich

gemacht. So wie ich auf dem Wege nach Santjago das schauderhafte

alte Weib gesehen habe, so sah ich nebenher gesagt, hier in Renca das

schönste Mädchen[24].

Es steht vielleicht zu erwarten, daß Chile in nicht sehr langer Zeit

das Ziel für manche deutsche Auswanderer werden wird, und in diesem

Sinne dürfte es manchem der Leser nicht unangenehm sein, die Notizen

zu durchblättern über die Form der Regierung, über das Militär und

Studienwesen, Handel und Gewerbe, welche ich hier folgen lassen will.

Bekanntlich ist Chile eine Republik und vielleicht hat nie ein Volk mit

mehr Recht eine Revolution begonnen, als eben die Chilenen.

Ich habe mehrfache Notizen gesammelt über die Bedrückungen, welche

die Spanier gegen ihre Provinzen ausgeübt haben, zwar von in Chile

wohnenden Deutschen, aber von Männern, welche unbefangen waren und

parteilos, so viel es überhaupt ein ehrlicher Mann sein kann, und

man weiß nicht, soll man unwillig oder bedauernd auf das Verfahren

hinblicken, welches die spanische Regierung eingeschlagen hatte,

indem sie Alles that um in allen ihren Besitzungen an der Westküste

Unzufriedenheit hervorzurufen, Nichts aber um sie sich zu erhalten. So

durften unter andern blos spanische Handelsschiffe die dortigen Häfen

besuchen, so daß der Handel auf das Aeußerste beschränkt war. Eine

der unsinnigsten Maßregeln war aber ohne Zweifel die, daß kein im

Lande, d. h. in Chile, Peru u. s. w. Geborener irgend einen höheren

staatlichen Posten dort begleiten konnte, sondern daß alle diese

Stellen stets mit geborenen Spaniern besetzt werden mußten. Der Sohn

des loyalsten Anhängers der Regierung wurde als _Fremder_ betrachtet,

war er in Chile geboren, und so gewissermaßen schon zum Feinde Spaniens

bei seiner Geburt gestempelt.

Die Erbitterung, welche sich allmälig einschlich, wurde durch jedes

spanische Schiff mit neuen Ankömmlingen stärker angefacht, denn diese

benahmen sich stolz und abstoßend gegen die eingeborenen Chilenen, und

man betrachtete sich gegenseitig mit argwöhnischen und feindseligen

Blicken, besonders nachdem einmal die ersten Unruhen ausgebrochen waren.

Es wurde nie vielleicht ein Bürgerkrieg mit mehr Erbitterung geführt,

als der chilenische Befreiungskampf. Die vom Mutterlande eingeführten

Truppen schlugen sich mit beispielloser Tapferkeit und ohne Zweifel

hätte sich, da die meiste taktische Kraft auf ihrer Seite war, auch

für sie der Sieg entschieden, hätte nicht die Unterstützung von

Spanien aus gefehlt. Hatte man dort die Mittel hiezu nicht, lag Perfidie

im Spiele, oder war es Nachlässigkeit, ich weiß es nicht, aber es ist

sicher, daß die Bewaffnung der Truppen, der Stand der Forts, der

Häfen und alle Hülfe von außen zu jener Zeit in demselben schlechten

Zustande war, wie vor hundert Jahren schon Anson dies geschildert hat.

So siegten die Chilenen. Diese Revolution verdankt nicht dem Beispiele

Nordamerikas ihren Ursprung, sie wurde nicht erzeugt durch Nachahmung

französischer Grundsätze, nicht durch englische speculative

Einflüsterungen, sie ging aus dem Bedürfnisse, aus der unabweisbaren

Nothwendigkeit hervor, das spanische Joch abzuwerfen, sie wurde von

_Besitzenden_ des Landes, von den am meisten Begüterten, und von dem

intelligentesten Theile der Nation entworfen und ausgeführt, und diese

halten auch noch gegenwärtig die Zügel der Regierung in den Händen.

Die Form der _Regierung_ ist etwa folgende: Ein Präsident, der das

Prädicat Excellenz hat, steht an der Spitze. Er wird auf fünf Jahre

gewählt, und kann hierauf auf's Neue für die gleiche Zeit, aber

nicht für die folgenden fünf Jahre gewählt werden. Die Wahl des

Präsidenten geschieht durch Wahlmänner, welche vom Volke gewählt

werden.

Die Regierung wird durch die Nationalversammlung, den Congreso nacional,

geleitet. Er besteht aus zwei Kammern. Die der Senatoren aus 20

Mitgliedern bestehend, welche 9 Jahre im Amte bleiben, und die der

Deputirten, welche alle drei Jahre neu eintreten. Die Kammer der

Senatoren hat unter andern das Recht die Ernennung der Erzbischöfe

zu bestätigen oder zu verwerfen und spricht, im Falle ein Minister

angeklagt wird, das Urtheil. Der _gesammte_ Congreso nacional aber

bestimmt die Stärke des Heeres, bewilligt die Etatsausgaben, stimmt

für Frieden oder Krieg, nachdem der Präsident die betreffenden

Vorschläge gemacht hat. Die Gerechtigkeitspflege wird durch

verschiedene Gerichtshöfe geübt, welche von unten herauf folgende

sind:

_=Inspectores=_, mit Urtheil ohne Appellation über Dinge von 12 Peso

Werth, und mit Freiheit des Verurtheilten zu appelliren, bis zu 39 Peso.

_=Subdelegatos=_ (wörtlich: Unterbevollmächtigte). Sie urtheilen in

erster Instanz über Sachen von 40 bis 150 Peso Werth, und in zweiter

Instanz über solche von 12 zu 40 Peso.

_=Alcades ordinarios=_, mit Urtheil in zweiter Instanz über Sachen von

40 bis 150 Peso und in erster Instanz über höhere Werthe.

_=Jueces de latras=_, entscheiden endlich alle Processe die über 150

Peso Werth haben, und in erster Instanz alle Processe gegen die vorher

genannten Richter, ebenso in Strafsachen.

Dann folgen in höherer und höchster Instanz ein _Appellationsgericht_

und ein _Oberappellationsgericht_.

Es mögen folgende Bestimmungen, Auszüge aus der Constitution und aus

Gesetzbüchern, vielleicht am besten geeignet sein, einiges Licht auf

den Geist der Regierung zu werfen:

Es darf Niemand verhaftet werden, außer durch Gerichtsbeschluß oder

auf frischer That ertappt.

Die Sklaverei ist abgeschafft[25].

Die Tortur und der Eid des Angeklagten in Kriminalsachen ist

abgeschafft.

Das Briefgeheimniß ist garantirt.

Es besteht vollkommenste Preßfreiheit. (Hiebei muß indessen bemerkt

werden, daß die Justiz, liberal im höchsten Sinne des Worts, kein

Preßvergehen zu kennen scheint. Macht sich aber irgend Jemand unnütz,

und zeigt sich als Feind der Regierung, so weiß ihn die Polizei zu

fassen. Ausländer werden in diesem Falle auf das nächste beste Schiff

einer befreundeten Macht gesetzt und friedlich in ein anderes Land

gefahren. Einerlei wohin: Bolivien, Centralamerika, Peru.)

Alle Abgaben und Lasten sind gleich.

Die Industrie ist vollkommen frei.

Literarisches Eigenthum ist gegen Nachdruck geschützt.

_Die öffentliche Macht gehorcht, sie deliberirt nicht_.

Eine Maßregel, welche in Gegenwart oder in Folge einer Aufforderung der

öffentlichen Macht getroffen worden ist, ist als nichtig zu betrachten.

Jede Repräsentation des Volkes, außer durch den Congreso nacional, ist

Aufruhr.

Bei Aufruhr kann der Belagerungszustand eintreten.

Beim Belagerungszustand ist die Constitution örtlich und zeitlich

aufgehoben.

Das Militär in Chile besteht aus den Linientruppen und der Landmiliz.

Die Soldaten der Linie werden geworben. Ich kann keine Nachricht geben,

ob blos nur Chilenen oder ob auch Ausländer eintreten können. Indessen

weiß ich, daß während ich in Valparaiso war, ein Nordamerikaner als

Militärarzt angenommen wurde. Der Stand der Landarmee ist im Frieden

auf 3000 Mann festgesetzt. Zur Zeit meiner Anwesenheit betrug derselbe

indessen nur 2770 Mann. Der chilenische Soldat liegt während des

Friedens gerne im Schatten und raucht seine Cigarre, speist gerne und

thut am liebsten Nichts. In Sauberkeit der Uniform wäre Manches zu

wünschen. Im Kriege geht er wie toll auf den Feind und macht Märsche,

deren Größe ich hier nicht niederschreiben will, weil man mir nicht

glauben würde. Bei solchen Fällen herrscht strenge Mannszucht, und

ich will ein Beispiel anführen, welches mir von einem höchst

glaubwürdigen Augenzeugen erzählt wurde. Die chilenische Republik

führte Krieg, ich glaube mit der argentinischen, doch weiß ich dieß

nicht mehr so genau und ebenso nicht den Namen des Generals, welcher

einsah, daß es durchaus nöthig war, zu einer bestimmten Zeit über der

Cordillera zu sein. Die Jahreszeit war übel, die Wege gefährlich

und mühsam zu erklimmen. Jener Anführer aber erließ fast wörtlich

folgenden Tagesbefehl:

Mitbürger! Soldaten!

Wir _müssen_ über die Cordillera. Ich habe nur zwei Dinge zu befehlen:

Bei dem Marsche über die Cordillera gibt es keine vollständige Musik,

für je 30 bis 40 Mann reicht eine Guitarre aus!

Bei dem Marsche über die Cordillera gibt es keine Müdigkeit. Der

zurückbleibende Müde wird erschossen!

Man kam in unglaublich kurzer Zeit über das Gebirge, indem man beim

Klange der Guitarre marschirte und es meldete sich nicht ein Mann als

müde.

Die Offiziere der chilenischen Linie haben durchaus die Haltung der

europäischen und alle die ich gesehen habe, schienen mir feine Männer

zu sein.

Da jeder Chilene in die Liste des Heeres eingetragen ist, so beträgt

auf dem Papiere die Anzahl der Miliztruppen fast 80,000. Wie viele

indessen hievon dienstfähig und ob alle Milizen verpflichtet sind über

die Grenze zu gehen, weiß ich nicht. Indessen uniformirt und bewaffnet

der Staat diese Landwehr auf seine Kosten, und wenn sie im Diente sind,

werden sie besoldet. Den Rang eines Generals giebt der Congreso und vom

Major aufwärts ernennt derselbe ebenso alle Offiziere der Miliz, welche

Leute vom Fach sein und bereits bei der Linie gedient haben müssen. Vom

Major abwärts wählt die Miliz sich ihre Offiziere selbst. Es kömmt

kaum vor, daß hiebei Männer zur Wahl kommen, welche, wie soll ich

sagen, mißliebig sind.

Es mag sich treffen, wie anderwärts auch der Fall ist, daß die

militärischen Uebungen der Miliz nicht mit derselben Sorgfalt und

Präcision ausgeführt werden, wie jene der regulären Truppen; aber im

Kriege hat sich die chilenische Landwehr stets vortheilhaft benommen und

Tüchtiges geleistet. Daß die Cavallerie vorzüglich ist, braucht kaum

erwähnt zu werden, wenn man bedenkt, daß jeder Chilene ein geborener

Reiter.

Der Stand der Marine ist kein glänzender. Chile hat eine Fregatte, zwei

Corvetten und noch zwei andere kleine Schiffe. Es wollte mich bedünken,

als segle die Fregatte nicht sehr rasch und sei zum Dienste auf hoher

See nicht wohl zu brauchen. Obgleich nur allein Küstenland, hat Chile

doch vielleicht eingesehen, daß im Fall einer Mißhelligkeit mit einer

größeren Macht Europas oder mit Nordamerika, gegen jene bedeutenden

Seemächte mit aller Aufopferung doch Nichts auszurichten sei; da

aber Chile außerdem mit Ausnahme zweifelhafter Stationen in der

Maghellanstraße, keine überseeischen Besitzungen oder Colonien

hat, und überdem keine bedeutende Ausfuhr an Landesprodukten durch

chilenische Schiffe stattfindet, hält man wohl die Kosten einer

größeren Flotte für nicht äquivalent ihrem Nutzen. --

Ueber das _Unterrichtswesen_ weiß ich nur wenig zu sagen.

In Santjago ist eine Universität und ein höheres Gymnasium;

Realgymnasien (Collegio) sind in jeder Provinz, niedere Bürgerschulen

in jeder Stadt. Außerdem ist in Santjago eine Militärakademie, ein

geistliches Seminar, ein Schullehrer-Seminar und eine Hebammen-Schule.

Eine Navigationsschule ist in Valparaiso, eine Bergwerksschule ist in

Coquimbo.

Das Laboratorium der Universität zu Santjago ist vollständig

zweckmäßig erbaut und reichlich mit Instrumenten und Geräthschaften

ausgerüstet. Ich habe mich in demselben heimischer gefühlt als fast

irgendwo auf meiner ganzen Reise. Domeyko steht demselben vor und ist

überhaupt die Seele aller naturwissenschaftlichen Unternehmungen des

Landes. Ich bin erstaunt über das vielseitige und gediegene Wissen

dieses Mannes und über seine rastlose Thätigkeit. Aber ich habe nie

auf die in mein Fach einschlagenden Gegenstände des Unterrichts näher

eingehen können, und vermag keine Aufschlüsse zu geben über den Gang

der Gymnasialbildung, die Form und die Gesetze, welche dort eingehalten

werden bezüglich des Uebertritts auf die hohe Schule und ob dort alte

Sprachen, wie bei uns, vorzugsweise betrieben werden.

Im Uebrigen weiß ich aus guter Quelle, daß die Regierung sich

lebhaft für das Erziehungs- und Unterrichtswesen interessirt, dasselbe

cultivirt und nach ihrem Sinne regelt.

Obgleich Chile nach seinen gegenwärtigen Verhältnissen eher bestimmt

ist, den Ackerbau und das Bergwesen zu cultiviren, als vorzugsweise

ein Handel treibender Staat zu sein, ist der Handel doch einer der

wichtigsten Gegenstände für das Land und das schon deswegen, weil

sowohl wirkliche Luxusgegenstände, als auch zum Leben unentbehrliche

Bedürfnisse von Außen eingeführt werden. Obgleich ich vielleicht im

Stande wäre, ziemlich ausführliche Nachrichten in Betreff des

dortigen Handels mitzutheilen, muß ich mich doch auf einen kurzen Raum

beschränken, da der Zweck der gegenwärtigen Notizen nur der ist, eine

allgemeine Uebersicht zu geben.

Die Artikel, welche ausgeführt werden, sind vorzugsweise: _Silber_,

=plata pinna= und =plata en barras=, d. h. in kurzen runden Blättern

und Barren, und gemünzt, Pesos, als Zahlung nach Europa; _Gold_, doch

weniger. -- _Kupfer_, ein Hauptartikel, in Erzen sowohl nach England

und Hamburg, vorzugsweise aber =cobre in ejes=, d. h. schon einmal

geschmolzenes, ferner in Barren und fast vollständig rein. Das

chilenische Kupfer geht nach ganz Europa und nach den Vereinigten

Staaten.

_Wolle_, Schafwolle; indessen scheint es als würden blos geringere

Sorten ausgeführt, und man behielte die feinsten im Lande.

_Ochsenhäute, die Felle der Chinchilla_, letztere als ganz feines

Pelzwerk häufig nach Europa.

An Produkten des Ackerbaues, jedoch fast einzig für die benachbarten

Länder der Westküste, wird am häufigsten ausgeführt Waizen, dann

Gerste und Bohnen. Mit Ausnahme dieser letzteren Gegenstände, welche

meist durch chilenische Handelsschiffe verfahren werden, geschieht die

Ausfuhr der anderen durch fremde Schiffe, welche sie in den chilenischen

Häfen abholen.

Der Import aber ist ohne Zweifel in Chile der bedeutendste Handelszweig.

Dies wird vollständig klar werden, sobald ich weiter unten die

gewerbliche Thätigkeit Chiles erwähne.

Dieser Handel ist durchgängig in den Händen von Europäern. Deutschen,

Engländern und Franzosen, und durch sie werden die Erzeugnisse ihrer

Länder nach Chile gebracht. Handelshäuser in Europa haben dort, meist

in den Häfen und vorzugsweise in Valparaiso, ihre Agenten, diesen

werden die verlangten und gangbaren Waaren zugeschickt und von ihnen

in größeren Parthieen an die Handelsleute verkauft, welche sogenannte

offene Geschäfte, d. h. Läden haben. Nicht blos alle Eisen-, Stahl-

und Messingwaaren, sondern auch Gläser, Papier, Linnen, Kattune,

Seidenzeug und tausend Artikel, die unter dem Namen der kurzen Waaren

begriffen sind, werden auf diese Weise eingeführt.

Kaum braucht bemerkt zu werden, von welcher Wichtigkeit für die

europäische Industrie diese Verhältnisse sind, wenn man bedenkt,

daß die stets wachsende Bevölkerung von Chile, ja fast der ganzen

Westküste, diese Produkte unsers Fleißes von uns zu beziehen

genöthigt ist, indem keine Fabrik in jenen Ländern existirt, und

wohl nach dem gegenwärtigen Stande der Dinge auch Manufaktur- und

Fabrikwesen so bald keine festen Wurzeln dort fassen dürfte.

Ohne unseren dortigen europäischen Landsleuten irgendwie zu nahe treten

zu wollen, läßt sich doch von vorne herein denken, daß dieselben

sicher der Errichtung und dem Aufblühen einer Fabrik mit allen Kräften

entgegentreten werden, denn der Absatz europäischer Waare würde

stocken, und mithin ebenfalls ihr Verdienst.

Auf der andern Seite glaube ich nicht, daß die Chilenen selbst gute

Arbeiter für solche Geschäfte abgeben würden; sie haben wenig

Sinn für sitzende Lebensart und überhaupt ist das Land, welches

allenthalben noch Feld genug bietet zum Ackerbau, nicht bestimmt, seine

Kinder in dem Baumwollstaube einer Spinnerei verkümmern oder in einer

Farbfabrik chronisch vergiften zu sehen[26].

Endlich aber wird wohl schwerlich die chilenische Regierung selbst

besonders lebhaft sich für die Errichtung von Fabriken interessiren.

Einestheils hat sie wohl eingesehen, daß dauernder Wohlstand in Chile

vorzugsweise nur durch Acker- und Bergbau begründet werden kann. Auf

der andern Seite aber würde durch das Aufhören des Imports fremder

Waaren ein unersetzlicher Ausfall in den öffentlichen Finanzen

entstehen, denn es ist der _Eingangszoll_, welcher vorzugsweise die

Ausgaben des Staats decken muß.

Ich will kurz die Einnahme des Staats und mithin zugleich die Abgaben

berühren. Es kömmt sogleich nach dem Zolle das _Tabaksmonopol_ in

Betreff der Ergiebigkeit für den Staat. Es darf in Chile kein Tabak

gebaut werden und die Einführung unterliegt der Aufsicht der Regierung.

Im Jahre 1845 hat die Einfuhr des Tabaks und der Verkauf im =Estanço

publico= des Staates, demselben 663,356 Pesos getragen.

Der _Zehnte_, vorzugsweise von Vieh und Getreide erhoben, ist nicht

bedeutend, da er nicht strenge eingefordert oder vielmehr geringer

gegeben wird, doch will ihn das Volk nicht abgeschafft wissen, da man

dann eine andere Steuer fürchtet.

Der _Catastro_, eine Art Grundsteuer, unbedeutend.

Der _Alcabala_, welches mit »Handlohn« übersetzt werden kann, wird

mit 4 Procenten beim Verkaufe von Grundstücken entrichtet; er trug im

Jahre 1845 102,176 Peso.

Die _Patente_, Gewerbsteuer, beim Kaufmanne 50 Peso nicht übersteigend,

beim Gewerbtreibenden nicht 25.

Ferner. Die _Post_, das _Wegegeld_, das _Stempelpapier_ und die

_Münze_, Alles aber nur spärliche Einnahmen, so, daß die Münze im

Jahre 1845 nur 23,959 Peso, die übrigen drei Punkte aber eine noch

geringere Einnahme boten.

Der Eingangszoll aber betrug im gedachten Jahr 1,763,739 Peso, und weder

die Regierung noch das Volk werden diese glücklich erdachte Steuer

missen wollen. Glücklich erdacht nämlich für Chile, indem die ganze

Masse der Fremden und alle Schiffe, welche Bedürfnisse einnehmen,

dieselbe mittragen müssen und beider Anzahl, gerade für Chile, das

Küstenland, eine bedeutende ist.

Außerdem besteuert sich durch den Zoll gewissermaßen das Publikum

selbst, indem der Luxus theuerer besteuert ist als Nothwendiges, feinere

Waaren höher als geringere. So richtet sich z. B. bei Linnen und

Baumwollenzeugen die Größe der Steuer nach der Anzahl von Fäden,

welche auf einen Quadratzoll gehen.

Der Empfänger gibt den Werth der Waaren an und scheint derselbe der

Zollbehörde zu gering, so hat sie das Recht gegen Erlegung des Preises

sie zu behalten.

Einige, durchschnittlich berechnete, Einfuhr-Ansätze sind folgende:

Baumwollenwaaren 20 - 30 Procent d. Werthes,

Garn 20 " "

Wollenwaaren 20 " "

Seidenwaaren 15 " "

Leinen 20 " "

Metalle 10 " "

Schiffsmaterialien 2 - 20 " "

Wein 20 -100 " "

Bier 100 " "

Spirituosen 40 - 75 " "

Eisen u. andere Metallwaaren 20 " "

Glas 20 " "

Steingut, Porcellan 20 " "

Lederwaare 30 - 35 " "

Kurze Waare überhaupt 20 - 35 " "

Mobilien 30 " "

Papier 20 " "

Diesen Notizen füge ich bei, daß die Zollbeamten artig sind und

Privatleuten, von welchen sie voraussetzen, daß dieselben keinen Handel

treiben, durch die Finger sehen. So habe ich offen einen großen Theil

meines Tabakes und meiner Cigarren vor das Mauthhaus in Valparaiso

gebracht, aber man that, als bemerkte man denselben nicht, nachdem man

erfahren, daß ich »=medico i naturalista=« sei.

Den Schiffkapitänen aber der Kauffahrteischiffe lauern sie ganz

speciell auf, da dieselben fast alle schmuggeln. Ich selbst habe die

chilenische Zollbehörde um nichts gebracht, als um den Zoll von 100

Flaschen englisches Bier, welche ich bei meiner Abreise von einem

amerikanischen Schiffe[27] auf das unsrige schmuggelte.

Jene Geschichte hat mir 40-50 Peso erspart und viel Vergnügen, d. h.

romantisches, verschafft, leider aber kann sie nicht ganz erzählt

werden, eben so wenig wie eine andere analoge Schmuggel-Expedition,

welcher ich später beiwohnte. Man muß oft das Interessanteste

verschweigen, und kann als »=naturalista=« nicht berichten von jedem

Schmetterling, den man gefangen, und von jeder Jagd (=caza=) die man

unternommen.

Der _Stand der Gewerbe_ in Chile geht zum Theil aus dem vorher über

den Import Gesagten hervor. Man kann z. B. annehmen, daß der größte

Theil der nach europäischem Schnitte verfertigten Kleider auch von

Europa aus schon fertig eingeführt werden, obgleich es Schneider in

Chile giebt, die ganz gut arbeiten und es ist mit analogen Dingen,

Schuhen, Hüten u. s. w. derselbe Fall.

Geht man auf die einzelnen Gewerbe ein, so findet man, daß viele

Gewerbe, welche bei uns in sehr verschiedene Fächer zerfallen, dort in

ein einziges vereinigt sind. Selbst Ausländer, die dort ansässig sind,

betreiben auf diese Art ihr Geschäft. So habe ich in Valparaiso die

ziemlich bedeutende Werkstätte eines Franzosen gesehen, der Schmied,

Schlosser, Waffenschmied und Büchsenmacher zu gleicher Zeit war, und

welcher zwar gute, indessen ziemlich theuere Arbeit lieferte. Ich mußte

demselben für einen ganz einfachen Mineralienhammer drei und für einen

Ladestock mit Krätzer vier Peso bezahlen.

Viele Gewerbe sind sehr schlecht vertreten, z. B. das der Dreher; fast

alles in diese Fächer Einschlagende wird importirt. Ein gleicher Fall

ist mit Optikern und Mechanikern, und wohl größtentheils auch mit

Uhrmachern. Leder- und Riemenzeug wird im Lande sehr solid gefertigt,

doch zieht man, wenn es halbweg angeht, europäischen, oft wenig

dauerhaft gefertigten Kram vor.

Ich glaube fast, daß unter den Gewerben, welche reine Luxusartikel

fertigen, Gold- und Silberarbeiten am besten vertreten sind. Die

Zierlichkeit und Dünnheit europäischer Schmuck-Gegenstände findet man

nicht bei den dort gefertigten, obgleich viel eingeführte theuer

genug verkauft werden; aber noch sind Anklänge vorhanden altspanischer

Luxusliebe und des Reichthums und Ueberflusses an edlen Metallen,

der bei Entdeckung der Westküste angetroffen wurde. Von den schweren

Beschlägen an Sattel und Reitzeug habe ich schon oben gesprochen, aber

auch andere Dinge werden schwer und reich gefertigt. Ich habe mir dort

eine silberne Mechara, eine Lunte zum Anzünden der Cigarren für vier

Peso gekauft, aber ich habe solche von Gold gesehen, welche zwölf

Unzen kosteten. Aehnlich sind die im Lande gefertigten Ketten, Dosen und

dergleichen.

Während meiner Anwesenheit in Santjago kam bei einem mir bekannten

deutschen Goldarbeiter eine Sendung kalifornisches Gold im Werthe zu

etwa 9000 bis 10,000 Peso an. Alles wollte Schmucksachen von diesem

Golde besitzen, und der Vorrath war rasch aufgearbeitet. Ich wohnte

öfters diesen Arbeiten bei und kann behaupten, daß aus einer

Tabatière, wie sie dort gefertigt wurden, sicher sechs von jenen

hätten gemacht werden können, wie sie bei uns im Gebrauche sind,

und dabei fehlte eine gewisse, wenn auch eigenthümliche Eleganz jenen

Arbeiten durchaus nicht.

Die Gewerbe, welche die zum Leben unentbehrlichen Dinge liefern, werden

meist von eingebornen Chilenen betrieben, so z. B. sind Maurer und

Zimmerleute meistens Landeskinder. Ich habe da die Bemerkung gemacht,

daß gewisse Handthierungen vollständig den Unterschied der Nationen

aufzuheben scheinen. Der chilenische Maurer z. B. ist das lebendige

Ebenbild seines deutschen Collegen. Hier ist alle spanische Grandezza,

alles Feuer des Südamerikaners verschwunden. Er ist Maurer mit Herz und

Seele. Er nimmt aus einer großen Dose, die sich knarrend öffnet, seine

Prise, und bedient sich mit Geräusch eines blauen Taschentuches. Er

bedarf die dreifache Zeit, welche jeder andere Mensch bedarf, um von

einer Stelle des Baues zur andern zu gehen und streicht den Mörtel so

langsam und bedächtig auf, als wolle er dessen Erhärten abwarten. Mit

dem ersten Schlage der Feierstunde aber läßt er die Kelle aus der Hand

fallen und geht unerwartet raschen Schrittes von dannen.

Auch der chilenische Tüncher braucht, wie der deutsche, stets zwei Tage

länger als er versprochen hat zur Arbeit, und beschmutzt nach Kräften

alle benachbarten Gegenstände.

So umschlingt ein großes gemeinschaftliches Band alle Menschen als

Brüder!

Andere Gewerbe befinden sich noch auf der Stufe möglichster

Einfachheit. So z. B. die Weberei. Das Spinnrad und der eigentliche

Webstuhl sind unbekannt. Man spinnt mit der Spindel, und wie früher

unseren Frauen einzig die Weberei oblag, wird sie noch heute in

Chile allein von denselben betrieben, und das zwar auf mühsame und

beschwerliche Art. Die Kette wird an zwei Stäben von der Breite des zu

verbindenden Tuches befestigt, und diese Stäbe werden Anfangs in der

ganzen Länge der Fäden an der Kette angespannt und sechs Zoll hoch

über dem Boden an Pflöcken befestigt. Auf einem langen dünnen Stabe

ist der Einschlag aufgewunden und wird zwischen den Fäden der

Kette durchgeschoben, und diese wird durch Schlingen mittelst eines

durchgeschobenen schweren Holzes in die Höhe gehoben. Diese Arbeit ist

sicher mühevoll und beschwerlich, und je nach der Feinheit des Gewebes

können des Tags hindurch eine bis drei Ellen gefertigt werden. Aber

dennoch weben die Frauen und Mädchen jene feinen Ponchas, von welchen

ich schon gesprochen habe und welche theuer bezahlt werden.

Auch das Färben besorgen die Frauen, und die gewebten Wollenzeuge sind

schön und dauerhaft gefärbt; ich weiß indessen nicht auf welche Weise

und mit welchen Farben sie dieß bewerkstelligen, obgleich ich mich

mehrfach bemühte, es zu erfahren.

Ich will noch kurz der Mühlen und Töpferei gedenken.

Die chilenische Mühle wie solche auf dem Lande allenthalben im

Gebrauche, besteht aus einem niedern horizontal und festliegenden

Steine. Durch diesen geht eine Welle und in dieser läuft der obere

Stein. Unten sind horizontal eine Art keilförmige Speichen angebracht,

die man am Ende löffelförmig ausgehöhlt hat. Ein Wasserstrahl gegen

dieselben geleitet, treibt das Rad. Es giebt auch Mühlen, bei welchen

der Mühlstein in einer hölzernen Rinne auf und ab bewegt wird, ganz

auf ähnliche Weise wie bei uns an manchen Orten Aepfelwein bereitet

wird.

Ausländer aber haben großartige Mühlen eingerichtet nach neuem

amerikanischem System und deren befindet sich eine in Conception und

eine andere in Santjago, welche letztere einem Amerikaner gehörte.

Dicht an neben diesem Etablissement, welches außer der eigentlichen

Mühle noch aus verschiedenen großen Höfen, Speichern u. s. w.

besteht, befindet sich eine jener kleinen ärmlich construirten, bei

welcher der Mühlstein in einer Rinne läuft, eine Maus neben einem

Elephanten. Ihr Besitzer verlachte den Amerikaner als er seinen Bau

begann und wartet noch jetzt auf seinen Ruin, aber der Amerikaner macht

die besten Geschäfte. Der Windmühlen bei Valparaiso habe ich bereits

gedacht. Ihr Eigenthümer ist ein Engländer.

Der Töpferei erwähne ich vorzugsweise wegen der eigenthümlichen Form

der dort gefertigten Arbeiten. Es bedienen sich Wohlhabende meist aus

Europa eingeführter eiserner Töpfe und nur ärmere Leute, und nur

solche, welche weiter im Innern wohnen und das eiserne Geschirr schwer

erhalten können, haben irdenes. Die Form dieses irdenen Geschirres ist

merkwürdiger Weise ganz dasselbe wie sie noch heut zu Tage in allen

germanischen Gräbern gefunden wird, welche man von Zeit zu Zeit

in Deutschland öffnet. Ich habe früher in Franken mehrfach solche

Ausgrabungen geleitet, und dabei Mittel eingeschlagen die Gefäße

_ganz_ aus der Erde zu bekommen; ich habe aber dort nicht _eine_ Form

ausgegraben, welche nicht in Chile noch täglich gefertigt wird, und im

Gebrauch ist. Eine _zufällige_ Aehnlichkeit ist nicht möglich, denn

die Uebereinstimmung ist allen Einzelnheiten der verschiedenen Gefäße

ist zu groß. Es findet also irgendwie ein Zusammenhang statt.

Aber welcher? Ich habe später in der Algodon-Bai Gräber der alten

Titicacaner geöffnet und Reste von Töpfergeschirr gefunden, welche

allerdings Aehnlichkeit mit dem in Rede stehenden hatten, aber aus

jenen Fragmenten war eine _Gleichheit_ kaum mehr zu entwickeln. Die

Titicacaner-Race aber ist bereits 1000 bis 1500 Jahre von der Erde

verschwunden. In den Gräbern der ihnen folgenden Inca-Race finden sich

Gefäße von ganz anderer Form, hingegen bedienen sich die Ureinwohner,

welche von Panama an bis nach Kalifornien gefunden werden, ganz

derselben Geschirre, wie man sie in Chile findet, und fast an der

ganzen übrigen Westküste sind sie in Gebrauch. Ist die Form dieses

Töpfergeschirres von den Spaniern nach Südamerika gebracht worden,

oder haben dieselben jene von den Eingeborenen angenommen? Weder an

Ort und Stelle habe ich etwas Näheres hierüber ermitteln, und hier

in Deutschland eben so wenig erfahren können, welches Kochgeschirr man

gegenwärtig noch in Spanien gebraucht, so einfach dieß auch erscheint.

Die wichtigen Fragen, welche in ethnographischer Beziehung sich hieran

knüpfen lassen, brauche ich wohl nicht anzuführen. --

Fast ähnlich wie es mit dem Mühlenwesen in Chile geht, verhält es

sich auch mit dem Ackerbaue. In größeren Hacienden wird, ähnlich

wie in jener amerikanischen Mühle, mit verbesserten Hülfsmitteln und

vergrößertem Vortheile gearbeitet, auf kleineren Gütern aber ist die

Art und Weise des Ackerbaues noch auf niederer Stufe. So hat man gegen

den Süden zu kaum eisernes Geräthe, außer eine Axt, eine Sichel mit

gekerbter Schneide, also ganz antike Form, und ein starkes Messer.

Der Pflug ist ein gekrümmtes Holz mit einer ebenfalls hölzernen

Pflugschaar und die Egge ein Bündel irgend einer dornigen Staude. Die

Schaufeln bestehen aus dem Schulterblatte eines Ochsen oder Pferdes.

Gewöhnliche Transporte oder Lasten, die für Maulthiere zu schwer sind,

werden auf Ochsenhäuten fortgeschleift, zweirädrige Karren sind fast

schon ein Luxus und bei diesen bestehen die Räder einfach aus dem

Querschnitte eines starken Stammes. Aber auch weiter gegen den Norden

und auf größeren Besitzungen sind noch sehr einfache Methoden im

Gebrauch, so z. B. das Dreschen vermittelt Pferden. Es war dieß eine

der ersten Eigenheiten des Landes, welche ich, als ich mich Santjago

näherte, bemerken konnte und welche mir noch vollkommen neu war. Man

hatte einen großen Fleck des Landes geebnet, eingezäunt, dort das

Getreide aufgeschüttet und jagte nun etwa mit 100 Stuten im tollsten

Rennen auf demselben umher. Die ausgefallenen Körner werden gegen den

Wind geworfen und so von der Spreu gereinigt. Wie viel Getreide auf

solche Weise verloren geht, kann man sich denken.

Die Viehzucht ist in Chile sehr blühend, obgleich auf ziemlich andere

Weise betrieben, als bei uns. Kleinere Gutsbesitzer lassen ihr Vieh in

der Nähe ihrer Häuser weiden wie es ihm gutdünkt und man fängt,

je nachdem man vielleicht zum Verkauf oder zum Schlachten ein Stück

bedarf, das ausgewählte mit dem Lasso. In der Nähe des Gebirges aber

treibt man das Vieh jährlich dorthin, wo es unter der Aufsicht von

Kuhhirten den Sommer über bleibt, und nur in den Wintermonaten, wo der

Schnee sich in tiefere Regionen herabzieht, wird es ebenfalls weiter

abwärts gebracht.

Ich bin, als ich aus der Cordillera zurückkehrte, einem solchen Zug von

Rindern begegnet, aber glücklicher Weise durch eine Schlucht getrennt.

Es wurde dort eine Heerde von etwa 6 bis 8000 Stück getrieben, obgleich

oben schon eine bedeutende Anzahl zerstreut war. Wir waren froh, zur

Heimkehr nicht jenen Weg auf der entgegengesetzten Seite der Schlucht

gewählt zu haben, denn dort wäre kein anderes Mittel gewesen, als

umzukehren und mit dem rennenden Vieh bis an den Ort seiner Bestimmung

zurück zu reiten. Der ganze Haufe rannte in der That wie toll und

besessen auf dem schmalen und gefährlichen Bergpfade, dessen eine Seite

von einem tiefen in die Schlucht führenden Abgrunde begrenzt wurde,

vorwärts, blökend und brüllend und ohne Zweifel alles niederwerfend,

was nicht gleichen Schritt hielt. Einzelne Vaceros mit furchtbaren

Spornen und starken bis an die halben Schenkel reichenden

Ledergamaschen, hie und da mit langen speerartigen Stachelstöcken, alle

aber mit dem Lasso bewaffnet, ritten mit, leitend und antreibend, und es

gab das ganze wilde Treiben ein wirklich anziehendes Bild.

Oben angelangt, zerstreut sich das Vieh in den Bergen, indem es bereits

die dortigen Weiden kennt, wird indessen von den Vaceros in steter

Aufsicht gehalten. Die trächtigen Kühe werden näher zum Lagerplatz

getrieben, um die jungen Kälber gegen den Puma und den Condor

beschützen zu können, widerspenstige Thiere aber werden mit dem Lasso

niedergeworfen und so wird ihnen ein gewaltiger Respekt vor demselben

beigebracht.

Einmal im Jahre bringt man einen Theil des Viehes in die Nähe der

Hacienda und sucht dort dasjenige aus, welches zum Schlachten bestimmt

wird, ich glaube, daß auch bei dieser Gelegenheit die einjährigen

Kälber gebrannt, d. h. mit dem Zeichen des Besitzers versehen

werden. Man hat dann in der Nähe der Hacienda einen sogenannten Corral

aufgerichtet, nämlich eine starke Umzäunung in welche die Rinder

getrieben werden. Man sucht diejenigen aus, welche zum Schlachten

bestimmt sind, trennt sie von den andern und läßt sie noch einige

Monate auf gut bewässerten Wiesen in der Umgegend der Hacienda weiden,

bevor sie getödtet werden; das übrige Vieh aber wird wieder in's

Gebirge zurückgeschickt.

Auch Schaf- und Schweinezucht werden betrieben und in neuerer Zeit hat

man englische Schweine eingeführt, welche sehr gut gedeihen.

Ich habe von allen den Gegenständen, welche ich im Vorhergehenden

berührte, keineswegs ausführliche Nachrichten geben wollen, sondern

ich beabsichtigte eine Skizze der Zustände und der Verhältnisse des

Landes zu geben. Aber es ist auch Zeit _diese_ abzubrechen.

#Mannheim.#

Reise in Südamerika. Erster Band. · 第 17 / 19 题