VI.

Reise nach Santjago (Chile).

Wieder von den Mühlen nach Valparaiso zurückgekehrt, beschloß ich

nach kurzer Zeit tiefer in's Innere von Chile zu gehen, und vorläufig

mich nach Santjago zu verfügen. Ich miethete und bezahlte meine Wohnung

auf zwei Monate im Voraus, um einen ruhigen Platz für meine bereits

gesammelten Naturalien zu haben, nahm von meinen Freunden Abschied und

wurde von Uhde, Freundt und =Dr.= Ried mit sehr guten Empfehlungsbriefen

versehen, welche mir mehr Nutzen und bessere Aufnahme gebracht haben als

alle anderen zusammen, die ich aus Europa mit mir genommen.

Ich nahm eine Berloche, einen zweirädrigen und zweisitzigen Wagen, für

welchen ich nebenher gesagt 20 Peso bis nach Santjago zahlen mußte,

und machte mich eines Morgens etwa gegen 9 Uhr auf den Weg. Die Art, auf

welche man durch solche Berlochen fortgeschafft wird, ist folgende. Der

Wagenlenker erscheint am Hause, reitend, und führt das in einer Gabel

gehende Wagenpferd am Zügel. Die Effekten des Reisenden werden gepackt,

d. h. nach Seemannsart _festgestaut_, angebunden, eingekeilt, kurz

eigentlich mehr _befestigt_ als verpackt. Dann fährt man durch die

Stadt; an irgend einer Ecke gesellt sich ein zweiter Berittener zum

Wagen, und schon am Ende der Stadt erscheint ein dritter mit etwa

zwanzig oder dreißig ledig laufenden Pferden, und kaum vor der Stadt,

wo auf dem Wege nach Santjago zu sogleich ein Berg ansteigt, beginnt die

tolle Jagd, aus welcher eigentlich die ganze Fahrt besteht. Man lenkt

sogleich auf den äußersten Rand der Straße, wo häufig kein Geländer

gegen das Stürzen in den Abgrund schützt, und fährt bergan bergab im

schnellsten Galopp, und auf der Ebene oft Carriere. An steilen Stellen

helfen beide Reiter aufwärts ziehen, indem sie Haken, welche mit

starken Riemen an ihrem Sattel befestigt sind, am Wagen einhängen und

so zu beiden Seiten nebenher galoppiren.

Der dritte Reiter treibt, den Lasso schwingend, die frei laufenden

Pferde neben her, welche bald zurückbleiben, an günstigen Stellen ein

wenig grasend, dann wieder im vollsten Laufe an der Berloche vorüber

rasend, voraus eilen. Hie und da wird angehalten, eines dieser Pferde

mit dem Lasso heraus gefangen und statt des ermüdeten eingespannt. Ein

eigentliches Wettrennen beginnt auf den weiten Ebenen, welche man an

mehreren Stellen des Wegs antrifft und woselbst der von der Sonne hart

gebrannte Boden das günstigste Terrain bietet. Da fast alle Reisenden,

welche von Valparaiso nach Santjago gehen, zu gleicher Tagszeit

abreisen, so treffen auf jenen Flächen häufig die Berlochen zusammen

und nun beginnt die Wettfahrt.

Wenn man es mit einem -- wie soll ich mich ausdrücken -- mit einem

etwas aufgeregten Menschen zu thun hat, muß man entweder die größte

Ruhe beobachten, oder was auch bisweilen hilft, sich noch unsinniger

geberden. Wir fuhren dort mit noch zwei anderen Wagen fast in einer

Reihe. In dem einen zwei chilenische Herrn, in dem zweiten zwei Damen

mit einem Negerkinde. Als das raschere Fahren begann, setzten die Damen

das Kind neben sich auf den Boden der Berloche und hielten verschiedene

Schachteln und Büchsen mit den Händen fest, und die Herren nahmen

des stärkeren Luftzuges halber die Hüte ab, niemand aber zeigte eine

besondere Aufregung oder Verwunderung, sondern jene Vorkehrungen wurden

mit derselben Ruhe getroffen, mit welcher man eben bei uns, fängt es

gelinde an zu regnen, den Regenschirm aufspannt, oder einen Handschuh

auszieht und in die Tasche steckt. Dort rief ich meinen Chilenen zu.

»=mas pronto!=« (rascher!) Sie sahen mich einen Augenblick verwundert

an, denn solches war ihnen wohl noch selten gesagt worden, hierauf aber

begann ein wirklich so verrücktes Jagen, daß wir bald unsere Rivalen

hinter uns hatten.

Durch diese Narrheit hatte ich mir die dauerhafteste Achtung und

Ergebenheit meiner Berlocheros erworben, welche mich von diesem

Augenblicke an für einen ächten Caballero hielten.

Man kehrt auf dem Wege nach Santjago zweimal ein; einmal in Casa

blanca, wo man zu Mittag speist und Siesta hält, das zweite Mal um

zu übernachten, in Curicavia. Die Gasthöfe an beiden Orten sind so

ziemlich in europäischem Style eingerichtet, und man befindet sich wohl

dort. Von Curicavia geht man bald des Morgens ab, und kömmt bei guter

Zeit in Santjago an. Die ganze Strecke, welche 40 bis 50 Stunden Weges

beträgt, fährt man in nicht ganz 15 Stunden.

Dem von Valparaiso nach Santjago Reisenden ist ein Ueberblick über

das Land wohl gestattet. Es mag das chilenische Land kurz so bezeichnet

werden. Seiner ganzen Länge nach ist der schmale Landstrich, welcher

Chile bildet, von zwei Gebirgszügen eingeschlossen und begrenzt. Gegen

Westen, und die Küste des stillen Oceans bildend, ist es die sogenannte

Cordillera de la Costa, die Küstenreihe, ein Gebirgszug, welcher in

wechselnder Höhe 800 bis 1200 Fuß ansteigt und selten die Höhe

von 3000 Fuß übersteigen wird. Bisweilen in sanfteren Krümmungen

abfallend gegen die See, erhebt sich jene Bergreihe doch meist in

steilen schroffen Ufern, an welchen eine donnernde Brandung sich bricht.

Es ist dieselbe gegen Süden auf dem Gipfel und gegen das Land zu

häufig bewaldet, aber im nördlichen Theile Chile's fast durchgängig

kahl und schroff. Indessen auch dort, wo schon die glühende Sonne kaum

auf den Höhen mehr eine Vegetation aufkommen läßt, sind noch jene

Schluchten, die ich schon oben erwähnte, so wie bei Valparaiso, mit

üppigem Grüne bekleidet, dem einzelne schlanke Palmen und mächtige

Schlinggewächse ein tropisches Ansehen verleihen.

Hat man diese Küsten-Cordillera überstiegen, so breitet sich das

Flachland von Chile vor unsern Blicken aus und gewährt den erfreulichen

Anblick eines Landes, von welchem die Cultur Besitz genommen hat, ohne

schon vollständig die Freiheit der Natur verdrängt zu haben. Kleinere

und größere Besitzungen, von der Hütte des armen Landmannes, der nur

wenige Hufen Landes besitzt, bis zu der wohl eingerichteten Hacienda des

Reichen, welche Tausende von Thalern jährlichen reinen Ertrag abwirft,

bieten sich allenthalben dem Auge dar, aber waldige Thäler, felsige

Schluchten und selbst öde, nur mit der Espina[17] spärlich bedeckte

Ebenen, liegen zwischen jenen Zeugen des Fleißes und beweisen, daß

noch fleißige Hände dort Beschäftigung finden würden, und der Fluch

der Uebervölkerung dort noch nicht eingetroffen.

Einzelne kleinere Gebirgszüge, aber nicht so regelmäßig fortgesetzt

wie die Küstenreihe, wohl auch isolirte kegelförmige Berge,

unterbrechen jene Ebene, bis endlich die hohe Reihe der Anden, la

Cordillera alta, Chile vom anderen Theile Südamerikas trennt.

Im Allgemeinen ist dies der landschaftliche Charakter des Landes und

namentlich im mittleren Theile. Während im Norden und Süden aber beide

Hauptgebirgszüge sich gleichmäßig fortziehen wie im mittleren Theile,

und auch jene Unterbrechungen der Ebene durch einzelne Bergformen

stattfinden, wird das landschaftliche Bild im Norden modificirt durch

den Mangel der Flora und erinnert bereits an die nachbarliche Wüste von

Atacama. Im Süden hingegen zeigt eine noch weit ausgebreitete waldige

Fläche und Ströme, die sie durchziehen, daß hier zwar der im

Norden mangelnde, alles befeuchtende Regen nicht fehlt, wohl aber noch

Bevölkerung und Arbeitskraft.

Stellen, auf welchen man Belege für das eben Ausgesprochene findet,

sind die Cuesta[18] de Valparaiso, die Cuesta de Zapata und die Cuesta

de Prado. Die Cuesta de Valparaiso, auf welcher die Mühlen erbaut

sind, ist ein Glied der Küsten-Cordillera. Ich habe sie nach meinen

barometrischen Messungen 1279 Fuß hoch gefunden; die Cuesta de Prado

2277 Fuß hoch. Der letztere Berg steigt steil an und die Straße,

welche über denselben führt, läuft im Zickzack aufwärts, wenigstens

30 Windungen machend. Von dort hat man eine besonders schöne Fernsicht

über das Land, während die wilden steilen Abhänge und Schluchten

einen romantischen Vordergrund bilden.

Ich habe in einer größern wissenschaftlichen Abhandlung, welche in den

Denkschriften der k. k. Akademie der Wissenschaften in Wien erschienen

ist, die geographischen Verhältnisse von Chile so ausführlich

behandelt als es mir nach den gemachten Erfahrungen möglich war, und

ich muß auf jene Abhandlung denjenigen verweisen, welcher sich speciell

für Geognosie interessirt. Als kurze Skizze eines geognostischen

Bildes, und vorzugsweise das mittlere Chile betreffend, möchte etwa

Folgendes anzuführen sein. Granitisches Gestein bildet die Hauptmasse

der Küstenreihe. Meist gegen Süden, z. B. in Valdivia, als

Glimmerschiefer auftretend, herrscht bei Valparaiso der eigentliche

Granit vor, hie und da vertreten durch Sienit, oder übergehend

in Gneis. Zahlreiche Gänge vom basaltischen, doleritischen und

vorzugsweise porphyrischen Gesteine, durchdringen die granitischen

Formen, an der Küste häufig als kegelförmige Erhebungen aus den

Fluthen ansteigend, in den Gebirgen des Landes aber mächtig sich

ausbreitend an manchen Stellen, so daß der flüchtig untersuchende

Geognost an ein Ueberwiegen wohl glauben mag. Wirklich aber beginnt

ein solches Vorherrschen dieser vulkanischen Gesteine weiter gegen das

Innere, gegen die hohe Cordillera zu. Es treten endlich dem Forscher

die Vorberge derselben entgegen, Trachyte, Dolerite, Porphyre der

verschiedensten Art werden immer häufiger, sie sind kaum mehr als

Gangbildung zu betrachten, sondern als selbständige Formen und bilden

große mächtige Kegelberge. Dort wird das granitische Gestein in

allen seinen Modificationen seltener, bis endlich in der Kette des

Andes-Gebirges selbst, das wildeste bunteste Gemenge aller Felsarten der

vulkanischen Reihe auftritt, bisweilen aber auch noch von vereinzelten

granitischen Schichten bedeckt, die offenbar empor gehoben worden sind,

nicht selten aber auch einschließend und umhüllend mächtige Massen

darstellen, die mehr oder weniger verändert und umgestaltet sind.

Es giebt vielleicht wenige Landstriche der Erde, für deren Entstehung,

d. h. für ihre Erhebung aus der Tiefe, aus den Fluthen des Meeres,

leichter eine glaubwürdige Theorie aufgestellt werden kann, als für

Chile und einen großen Theil der Westküste. Aber wir haben keinen

Maßstab mehr auf unserer Erde für jene gewaltigen Reactionen, welche

dort vorgegangen sein müssen, und gegen welche sich das Erdbeben

von Lissabon verhält, wie ein emporgeschnelltes Sandkorn gegen das

Auffliegen eines mächtigen Pulverthurmes.

Ohne Zweifel war der größere Theil von Südamerika, der jetzt die

östliche Seite bildet, längst empor gestiegen, als durch einen

jener gigantischen Vorgänge im Innern der Erde sich eine neue Spalte

öffnete, und ohne Zweifel mächtig erschütternd das ganze schon

bestehende Festland, die Kette der hohen Cordillera feurig flüssig aus

jener Riesenkluft hervordrang. _Gleichzeitig_ mag das wohl geschehen

sein, wenigstens das Emporsteigen des größten Theils der Andes-Kette,

wenn auch nicht gleichzeitig nach _unsern_ Begriffen von Raum und Zeit,

für welche hundert Jahre schon eine Periode.

Durch jene kolossalen glühenden Felsmassen hindurch bahnten sich wieder

neue nachdringende Massen einen Weg, theils erstarrend ehe sie die

Oberfläche erreicht, theils sie durchdringend und mehr oder weniger

flüssig sich ergießend über dieselbe. Längs der ganzen Reihe des neu

entstandenen Gebildes aber blieben Kanäle offen nach der gährenden,

schmelzenden Tiefe. Fortwährende vulkanische Ausbrüche fanden statt

durch dieselben, eine Reihe meteorologischer Erscheinungen hervorrufend,

deren Intensität wir nur zu ahnen vermögen, nehmen wir auch die

analogen Processe zu Hülfe, welche noch heute vor unsern Augen bei den

Ausbrüchen unserer jetzigen Vulkane vor sich gehen.

Später wohl erst hob sich das Flachland von Chile und den andern

Ländern, welche jetzt die Westküste bilden. Sind nun jene Gänge

und Spalten-Ausfüllungen, welche den Granit und die Gesteine des

Flachlandes durchziehen, schon entstanden als noch das Meer alle jene

Formen bedeckte, oder erst später, so viel ist sicher, mächtige

Erschütterungen müssen durch eine lange Reihe von Jahren das neue Land

heimgesucht haben, davon geben die Erdbeben Zeugniß, welche noch heute

dort häufiger als irgendwo sonst auftreten.

An manchen Stellen in Chile, unweit Valparaiso, unweit Santjago, im

Norden und im Süden, trifft man neptunische Formen den granitischen

aufgelagert, und diese oft Versteinerungen führend; die Schichten

sind ohne Zweifel der alte Meeresgrund, in der Tiefe schon früher dem

Granite aufgelagert und später dann mit demselben emporgestiegen. Aber

auch mächtige Alluvialgebilde werden häufig in Chile getroffen und man

begegnet auf der Reise von Valparaiso nach Santjago vielfachen Spuren,

daß mächtige Wassermassen dort geströmt haben müssen, so wie die

schroffen und steilen Schluchten der Küsten-Cordillera, offenbar blos

mächtige Wasserrisse, ebenfalls dessen Zeugniß geben.

Alles deutet mit vollständiger Sicherheit darauf hin, daß diese

mächtigen Fluthen nicht von der See aus gegen das Land hin gedrängt

worden sind, sondern sich vom Lande aus gegen das Meer hin ergossen

haben.

Dies wird klar, so bald man sowohl dem Laufe der Flüsse folgt, mithin

jenen Rissen und Vertiefungen, die noch heute Wasser führen, als auch

den Ablagerungen jener Gerölle und der Form der Schluchten.

Jene Gewässer strömten (und wahrscheinlich in einzelnen öfters

wiederkehrenden Perioden) von der Andes-Kette aus hinab über das

Flachland von Chile, Gesteinstrümmer und Blöcke von dort mit sich

führend und allenthalben zurücklassend, bis sie, aufgehalten durch

den Damm, den die Küsten-Cordillera bildete, sich dort aufstauten und

endlich gewaltsam Bahn brachen durch jenes Hemmniß.

So sind jene Schluchten entstanden, in denen häufig noch jetzt ein

kleines Bächlein die früheren gewaltigen Wasserstraßen repräsentirt,

welche sich durch dieselben in das stille Meer ergossen haben müssen.

Es ist nicht schwer zu errathen, durch welche Vorgänge von der hohen

Cordillera herab solche Wassermengen gekommen sind, ja selbst die

Gegenwart giebt erklärende Beispiele hiezu, wenn gleich nicht in dem

kolossalen Maßstabe jener vergangenen Zeit.

Nach Hebung der Andes-Kette war ohne Zweifel ein Zeitpunkt längerer

Ruhe eingetreten und die mächtigen Gipfel und Höhen bedeckten sich mit

Schnee und Gletschereis, wie es noch heute der Fall ist. Aber die, man

kann sagen dichtgedrängte Reihe von Vulkanen, in jener Zeit wohl

noch zahlreicher als jetzt, verharrte nicht immer in jener Ruhe, und

massenhafte Ausbrüche erfolgten von Zeit zu Zeit. Es ist bekannt, daß

selbst in unsern Tagen bei dem Ausbruche eines einzelnen Vulkanes sich

elektrische Anhäufungen oberhalb desselben in der Luft ansammeln,

Gewitter entstehen, Gußregen auf den Berg herabstürzen, und ist

derselbe mit Schnee bedeckt, oft Ueberschwemmungen in der Nachbarschaft

verursachen. Denkt man sich aber jene Masse von mächtigen Feuerbergen,

welche ohne Zweifel vereint, oder doch wenigstens in größerer Menge

und bedingt durch ein und dieselbe unterirdische Reaction, gleichzeitig

zu arbeiten begannen, denkt man sich die Masse der Elektricität,

welche sich so entlangs eine größere Strecke der Cordillera oberhalb

derselben angesammelt, und Wolkenbrüche auf dieselben herab ergossen,

nimmt man hiezu noch eine sehr wahrscheinliche Erwärmung der mit

Schnee bedeckten Außenseite der Krater an, so ist leicht erklärt,

wie plötzlich mit reißender Schnelle, theils durch die meteorischen

Niederschläge, theils durch geschmolzenes Gletschereis bedingt,

solche mächtige, Alles zerstörende, allenthalben sich Bahn brechende

Wassermassen über das Land sich ergießen konnten. Die tiefen Thäler

der Andeskette, auch heute von Flüssen durchströmt, welche einzig

dem Gletschereise ihren Ursprung verdanken und deren zeitweiliges

Anschwellen durch analoge Ursachen, wie die oben angeführten,

bethätigen vollständig das so eben Ausgesprochene.

Dem freundlichen Leser, welcher vielleicht kein besonderer Freund

geognostischer Studien, sich gelangweilt hat bei diesen Notizen, kann

ich leider kaum ein kleines Reiseabenteuer bieten, was ihn entschädigen

möchte.

Flüchtiger daher noch, als ich selbst im Galopp jene Strecke

zurückgelegt, will ich ihn, nun er die Gegend kennt, oder wenigstens

doch eine leichte Skizze derselben erhalten hat, durch dieselbe hinweg

und nach Santjago führen.

Ich begrüßte auf den Mühlen Abschied nehmend den Italiener, und

erhielt nach gewohnter Weise statt des verlangten Glases Portwein,

Cayrock mit der Bemerkung: daß er auch sehr gut sei. Er ermahnte mich

beim Scheiden, ja nicht so schnell fahren zu lassen, und man weiß

bereits, wie ich durch »=mas pronto=« seine Lehren befolgte.

Ich bin ferner einer Masse von Ochsenkarren begegnet, welche zwischen

ganz unsinnig hohen Rädern einherschleichen und sich auf die Länge

einer Viertelstunde durch schauderhaftes Knarren und Pfeifen derselben

ankündigen. Man hat vier, ja sechs Paar Ochsen vor dieselben gespannt

und der Fuhrmann führt einen vier oder fünf Klafter langen, dünnen

Stab mit eiserner Spitze, mittelst welcher er die Thiere antreibt.

Fährt man mit diesem Wagen einen steilen Berg abwärts, so spannt

man ein Paar der Ochsen aus und hängt sie hinter dem Wagen an, diese

müssen das Fuhrwerk aufzuhalten suchen, während man die vorderen zum

raschen Laufen und Anziehen antreibt. Ich habe nicht recht begriffen,

warum man überhaupt nicht gleichmäßig fährt, ohne auf der einen

Seite übermäßig anzureizen, so daß man auf der andern aufhalten

muß. Da aber die politischen Zustände mehrerer Länder ein ähnliches

Bild bieten, muß die Sache vielleicht doch einen vernünftigen Grund

haben.

Im Ganzen ist der Weg nach Santjago stets belebt. Neben jenen

Ochsenkarren, welche den Waaren-Transport mit dem Innern vermitteln,

begegnet man unzähligen Reitern und ganzen Zügen von Maulthieren und

Eseln, ebenfalls mit Waaren oder auch mit Victualien beladen.

Auch die Fauna wird reichlicher. Vögel aller Art schwärmen im

Gebüsche, oder treiben sich auf dem Felde umher, so mehrfache

Geierarten und zierliche wilde Tauben. Indessen zeichneten sich mit

Ausnahme der bereits erwähnten Kolibri-Arten alle diese Vögel kaum

durch besonders glänzende Farben aus. Der =Sturnus militaris= mit

glänzender rother Brust macht hievon allein halbweg eine Ausnahme. Die

ziemlich reichliche Ausbeute in zoologischer und botanischer Hinsicht,

welche ich in Chile erwarb, habe ich in der bereits erwähnten

Abhandlung in den Denkschriften der k. k. Akademie in Wien angegeben,

und werde daher mit der Anführung lateinischer Namen hier nicht den

Leser ermüden, wenn ich nicht etwa über die Lebensweise irgend eines

Thieres oder die eigenthümlichen Eigenschaften einer Pflanze etwas

Besonderes anzuführen im Stande bin.

Ich habe indessen auf dieser Fahrt immerhin etwas Interessantes in

anthropologischer Beziehung getroffen, eine Greisin von unendlich hohem

Alter, welche an der Cuesta de Prado in einer kleinen Lehmhütte wohnte

und die Vorüberreisenden um Almosen ansprach. In einen alten schwarzen

Fetzen gehüllt, von weißem Haupthaar umflattert, und mit nicht

unbedeutendem gleichgefärbten Barte, machte diese lebende Mumie einen

fast grauenhaften Eindruck. Sie sprach mich mit einigen Worten an,

welche etwa bedeuteten: »Gebt einer alten Unglücklichen, welche selbst

nicht weiß, wie alt sie ist, eine Kleinigkeit«. Ich reichte ihr etwas,

worauf sie eine segnende Geberde machte, aber meine Knechte riefen

=Vamos!= und fuhren wie verrückt von dannen. Es ist des Teufels

Großmutter, sagte der eine, die jeden verflucht, der ihr nichts

schenkt. Sie erzählten mir ferner, daß das Weib schon vor der ersten

Revolution (1810) an jener Stelle gewohnt, und vorgebe, so alt zu sein,

daß sie ihr Herkommen vergessen habe, und auch die ältesten Männer

hätten sie, als sie noch Knaben gewesen, schon in diesem Zustande

gekannt. Also eine Art stabile Ahasvera.

Ich habe in Santjago dasselbe über die Alte gehört, wo man

hinzusetzte, sie sei die einzige öffentliche Bettlerin, welche kein

Privilegium[19] habe, welche aber niemand antaste, und ernähre sich

fast einzig von Brod und -- Branntwein!

Auf der Höhe der Cuesta de Prado tritt dem Reisenden die Cordillera

schon näher und imposant entgegen. Ich hielt dort einen Augenblick, um

den Stand meines Aneroid-Barometers zu bemerken, dann wurde natürlich

wieder am äußersten Rande der Straße, und was die Pferde laufen

konnten, bergab gefahren, und bald war die Ebene von Santjago erreicht.

Die Cordillera, an deren Fuße die Stadt erbaut zu sein scheint,

entwickelte sich hier zum ersten Male vor meinem Blicke in größerer

Ausdehnung. Es reichten ihre beschneiten Gipfel, so schien es, gerade

bis an die Wolkenschicht, welche oberhalb derselben schwebte, und ich

staunte über die Höhe des Gebirges. Aber oben in den Wolken bemerkte

ich einen schwarzen Fleck, den ich mir nicht erklären konnte.

Da vertheilte sich plötzlich jener Wolken- oder Nebelschleier, rasch

und in Zeit von wenigen Minuten der Sonne weichend, und vor mir stand

die Andes-Kette in _doppelter_ Höhe. Jene Wolken hatten die obere

Hälfte des Gebirges bedeckt und der schwarze Fleck von vorhin war eine

steil emporstehende, nicht mit Schnee bedeckte Felsenspitze gewesen.

Dort habe ich wie ein Kind diesem wundervollen Anblick entgegen

gejubelt, und noch heute -- -- nun noch heute sagen meine verständigen

Freunde, es sei eine Kinderei, über einen unfruchtbaren Berg solchen

Lärmen aufschlagen.

Reise in Südamerika. Erster Band. · 第 16 / 19 题