Valparaiso (Chile).
Natürlich ist vor Allem die Frage: wie wird das Wort ausgesprochen? Man
schreibt Valparaiso, aber spricht man auch Valparaiso? oder spricht man
Valparaïso? oder vielleicht gar Valpareso? Die großartige Wichtigkeit
dieser Frage hat mir erst eingeleuchtet, als ich, nach Deutschland
zurückgekehrt, von fast allen meinen Freunden mit solchen Fragen
bestürmt worden bin. Leider habe ich an Ort und Stelle mein deutsches
Blut so weit verleugnet, keine Nachforschungen anzustellen, welches die
richtige, von dortigen Gelehrten anerkannte Aussprache ist. Ich
kann also nicht verbürgen, ob Valparaiso oder Valpareso recht oder
fehlerhaft, aber ich kann sagen, daß die Chilenen beide Aussprachen
gebrauchen, bald so, bald so sprechen, und daß mir an Ort und Stelle
die ganze Sache höchst gleichgültig gewesen ist. Woher die Stadt den
Namen bekommen, werde ich später berichten.
Nachdem, leider indessen höchst mangelhaft, dieser unzweifelhaft
interessanteste Punkt abgehandelt, muß ich mit wenig Worten
vorausschicken, wie und in welcher Form ich berichten werde, was ich
in Chile gesehen. Ich werde einige der größten Städte, welche ich
besuchte, beschreiben und das Leben und Treiben daselbst, die Sitten und
Gebräuche schildern, so viel mir davon bekannt geworden. Dann werde ich
deren Umgebung gedenken, weiterer Excursionen, und der Reisen durch das
Land. Indem mir so Gelegenheit werden wird, der Thier- und Pflanzenwelt
zu erwähnen, der Berge und Thäler, der Flüsse und Seen, so wie
klimatischer Verhältnisse, mag es vielleicht gelingen eine Skizze zu
geben von Chile, ohne durch tägliche Berichte den Leser zu ermüden.
In den ersten Tagen aber mag es mir vergönnt sein, mehr von mir selbst
zu sprechen als es später geschehen soll.
Kaum an's Land gestiegen, wo sich die Passagiere nach allen Richtungen
zerstreuten, eilte ich zu dem Kaufmanne, auf welchen ich Wechsel zu
beziehen hatte, um solche zu präsentiren, wie man es, wenn ich nicht
irre, nennt, und zugleich zu bitten, den Betrag noch zu verwahren, da
ich in fremdem Lande mich nicht mit unnöthigem Gelde beschweren
wollte. Alle Geldgeschäfte haben von jeher für mich etwas so unendlich
Widerwärtiges gehabt, daß ich sie so rasch als möglich beendete, und
eben dessen froh, das Store verlassen wollte, als ich mit Gerstäcker
bekannt gemacht wurde, der bereits seit drei Wochen in Valparaiso, sich
ebenfalls im Store eingefunden hatte, um Landsleute zu begrüßen und
Neues aus Europa zu hören.
Gerstäcker war der erste Landsmann, ja der erste Mensch, der in der
neuen Welt mir mit der liebenswürdigsten Freundlichkeit und Offenheit
entgegengekommen ist, und mir sogleich am ersten Tage unserer
Bekanntschaft die wesentlichsten Dienste erzeigte, indem er mit
Aufopferung seiner eigenen Zeit mir eine Wohnung suchen half.
Ich hatte an einen deutschen Kaufmann, dessen Namen ich vergessen habe,
einen Empfehlungsbrief von Haus mitgebracht, und wurde empfangen, wie
ich bereits in Brasilien frostige Vorläufer erhalten. Ich erhielt
den Rath, so bald als möglich in's Innere zu reisen, da in Valparaiso
nichts für einen Naturforscher zu machen, und wurde zugleich wiederholt
gefragt, was denn _eigentlich_ mein Geschäft sei, auf das Naturforschen
allein reise man ja doch nicht. Natürlich ließ ich mich nicht in
weitläufige Erklärungen ein, wie ich denn doch nur allein in »diesem
Artikel mache,« sondern bat, wie ich ausdrücklich sagte, als erste
und letzte Freundlichkeit, mir auf eine halbe Stunde einen jungen Mann
mitzugeben, welcher mir, der noch keines Wortes der spanischen Sprache
mächtig, eine Privatwohnung möge suchen helfen, aber ich wurde
abgewiesen; man sei zu sehr beschäftigt und Aehnliches, kaum aber
Spuren entschuldigender Formen.
Ich ließ den Menschen in seinem Musterlager sitzen und erzählte gleich
darauf Gerstäcker die Geschichte, der ob er gleich, wie ich später
erfuhr, dringende Arbeiten für Europa hatte, dennoch jenen Tag
noch mehrere Stunden mit mir umherlief, mit seinem wie er sagte
sechswöchentlichen Spanisch wacker dolmetschte, und mir wirklich eine
für Valparaiso ganz erträgliche Wohnung verschaffte.
Ich habe manche heitere Stunde mit Gerstäcker in und um Valparaiso
verlebt, wir versprachen uns, auf weiterer Reise nicht die Hälse zu
brechen, gesund nach Hause zurückzukehren und uns in Europa wieder zu
treffen. Wir haben uns getreulich Wort gehalten und ein freundliches
Wiedersehen in Nürnberg gefeiert. Wer aber wissen will, wie Gerstäcker
nach Chile gekommen und Weiteres, mag seine Reisebeschreibung kaufen,
die ohne Zweifel bereits erschienen ist, während ich Gegenwärtiges
schreibe.
Bald hatte ich das nordamerikanische Hotel, in welchem ich zuerst
eingekehrt, verlassen, und war in meiner neuen Wohnung eingerichtet.
Vier kahle Wände, ein mit gebrannten Steinen gepflasterter Boden, eine
aus Holzstückchen zusammengesetzte Decke und freies Wasser, was man
sonst in den meisten Häusern kaufen muß, war die Herrlichkeit, welche
monatlich eine halbe Unze[6] kostete, d. h. etwa ein und zwanzig
Gulden. Ich miethete einen alten Tisch für einen Peso per Monat, warf
meine Matrazze auf den Boden und indem ich meine drei Koffer als Sopha
und Stuhl benutzte, war meine erste Einrichtung beendet. Ich hatte meine
Hausfrau nur einmal gesehen, den Hausherrn in den ersten 8 Tagen gar
nicht, ich hatte Haus- und Zimmerschlüssel, obgleich ersterer kaum
nöthig, da das Haus bis nach Mitternacht stets offen. So war ich
wieder, nach langer Zeit einmal Herr in meinen vier Pfählen und lief
in's Freie, mir die Stadt zu besehen.
Valparaiso mag eine schöne Stadt genannt werden, wenn vielleicht nicht
ganz im alteuropäischen Sinne, wo manchfache Prachtgebäude gefordert
werden. Aber der unverkennbare Ausdruck des raschen und rüstigen
Vorwärtsschreitens, des fortwährenden Wachsens wirkt wohlthätig und
erfreulich auf den Fremden, der sich zum erstenmale die Stadt besieht.
Wohl eine Stunde und weiter, zieht sich dieselbe dicht am Ufer des
Hafens hinweg, schmal, an vielen Stellen öfters nur einige Straßen
breit, an einer Stelle nur zusammenhängend durch wenige Häuser, an
andern Orten aber sich wieder weit ausbreitend, wie es eben die Berge
erlauben, an welchen die Stadt liegt, und welche an manchen Stellen fast
an die See vorgeschoben sind. Der ausgebreitetste Theil der Stadt ist
der, wo früher das Dorf Almendral lag. Jetzt ist dort die Calle des
Almendral, eine breite, jeder Hauptstadt würdige Straße, und von dem
Kothe, von welchem frühere Reisende mißfällig berichten, ist dort
nichts mehr zu sehen. Auf den Hügeln nächst der Mitte der Stadt
und unweit des Hafens, liegen zierliche Häuser in südeuropäischem
Geschmacke meist mit kleinen Gärten versehen, umrankt und beschattet
von Schlingpflanzen und mit kostbarer Aussicht auf Hafen, See und
Stadt. Meist werden diese lieblichen kleinen Villen von den reicheren
Kaufleuten und häufig von Deutschen bewohnt, und sind gastfrei
dem geöffnet, der einmal Zutritt gefunden. Ich werde seiner Zeit
Freundliches hievon zu berichten haben, denn ich bin artig aufgenommen
worden von allen Deutschen, die ich kennen lernte; zuvorkommend aber und
herzlich von mehreren Männern, denen ich stets ein dankbares Andenken
bewahren werde.
In den Thälern zwischen jenen Hügeln und den nicht selten steil
abfallenden Schluchten, werden wohl auch noch hie und da hübsche
Häuser getroffen, doch wohnen dort meist ärmere Leute, und oft weit
sich an jenen Abhängen verzweigend, enden Häuser und Hütten, immer
mehr sich vereinzelnd endlich die Stadt.
Recht deutlich können diese Ausläufe der eigentlichen Stadt
ohnweit der Almendral bemerkt werden, und ich möchte solches als
charakteristisch bezeichnen für die meisten größeren Städte
Südamerikas. Die ansehnlicheren Gebäude werden in solchen Theilen
der Stadt allmälig seltener und wechseln mit kleineren bescheidenen
Wohnungen, welche endlich in Hütten übergehen. Gleichzeitig
verschwinden die Trottoirs, bald auch das Pflaster, man findet sich
nicht selten im tiefsten Kothe, ohne recht zu wissen, wie man dorthin
gekommen.
Die Hütten aber, anfänglich dicht an einander gebaut, stehen bald
vereinzelter und könnten endlich isolirte Gehöfte genannt werden,
wären sie bedeutender. In Rio de Janeiro sind es freundliche
Landhäuser, welche, so allmälig von der Stadt sich entfernend, den
Thälern einen malerischen Reiz verleihen, hier aber in Valparaiso
sind jene Vorposten der Stadt von den Lazaroni Chiles bewohnt. Die
europäische Tracht, die im civilisirten Theile der Stadt allgemein ist,
macht hier dem halb indianischen Kostüme Platz und tief braun gefärbte
Frauen mit wildem verworrenen Rabenhaar und glühenden Augen sitzen
an der Erde, kaum halb bekleidet, und umzingelt von ihren nackten
unbändigen Sprößlingen.
Das ist wohl noch Ursitte des Landes. In der Stadt selbst möchte ich
die Bauart als eine dreifache bezeichnen. Es sind die meisten Häuser
zweistöckig erbaut, und man hat, Rücksicht nehmend auf die häufigen
Erdbeben, alle Mühe darauf verwendet, sie gleichsam elastisch zu
construiren. So bildet korbartiges Flechtwerk die Mauer, ausgefüllt
mit Lehm und Sand, und ein leichtes Dach deckt das Ganze. Beim Einlegen
alter Häuser habe ich diese Bauart beobachtet, welche jetzt aber,
wie es scheint, mehr und mehr verschwindet und sich auf die Wohnungen
ärmerer Leute beschränkt.
Die bessere Methode, welche Eingang gefunden hat, ist die Construction
hölzerner Häuser, nur leicht mit Fachwerk bekleidet, und gefügt nach
Art der Schiffszimmerung, leichten Stößen widerstehend, und selbst
stärkeren Erschütterungen ausweichend, nachgebend, ohne bedeutend zu
leiden.
Endlich findet man aber auch große, selbst massiv von Stein erbaute
Häuser in Valparaiso, dreistöckig und würdig der größten Stadt
des alten Europa. Aber die meisten sind neu erbaut und es steht zu
befürchten, daß das nächste größere Erdbeben arge Verwüstungen
anrichten wird in jenen Prachtbauten, während die Häuser der älteren
Bauart sicher eher widerstehen dürften.
Bei allen älteren Häusern findet man den Boden mit gebrannten Steinen
gepflastert und dann wohl mit einem Teppiche oder einer Strohmatte
belegt. In neueren und namentlich größeren Bauten trifft man hölzerne
Dielen. In ganz Südamerika aber findet sich keine Zimmerdecke mit
Mörtel beworfen, sondern sie bestehen aus leichtem Fachwerke mit
dünnen Brettern von etwa 2 bis 3 Fuß Länge und 2 bis 5 Zoll Breite,
welche mittelst Nägeln an die Balken der Decke befestigt sind. Es
würde ein Mörtelbewurf an der Decke in Valparaiso z. B. keine vier
Wochen halten, ohne, allmälig erschüttert und gelöst durch
leichte Erdstöße, endlich durch einen etwas intensiveren auf die
Geräthschaften des Zimmers oder wohl auch auf die Köpfe der Bewohner
geworfen zu werden.
Die öffentlichen Bauten, meist von der Regierung in früherer Zeit
gebaut, sind fast durchgängig bescheiden, wenn auch ihrem Zwecke
entsprechend.
Von den Kirchen, die eigentlich den Baustyl repräsentiren sollten,
vermag ich leider wenig Tröstliches zu berichten. Reminiscenzen an
altspanische, mitunter fast maurische Zeit, aber jämmerlich, ja
barock verflochten mit Zopf und Perücke, und mit einer hie und da so
sonderbaren Ornamentik versehen, daß ich keinen Vergleich mit unserem
Lande dafür zu finden weiß, das ist der Eindruck, welchen ich von
den Kirchen in Valparaiso bewahrt habe. Ein einfaches, blos aus dem
Erdgeschosse bestehendes Gebäude ist das Hospital, welches vielleicht
recht die ältere Bauart vertritt, wie sie noch zu Zeiten der spanischen
Herrschaft geübt wurde. Es ist ziemlich weitläufig und besteht aus
mehreren Vierecken, deren innere Höfe den Genesenden zum Spazierengehen
dienen. Luftige Arkaden im Innern fehlen natürlich nicht und das Ganze
scheint seinem Zwecke zu entsprechen. Die Krankensäle sind luftig, frei
und reinlich gehalten. Da in jenem glücklichen Lande fast stets Thüren
und Fenster geöffnet erhalten werden können, so ist das erstere nicht
mit besonderen Schwierigkeiten verknüpft. Es befinden sich 180 Betten
für männliche Kranke und 154 für weibliche dort, welche natürlich
getrennt sind. Eine medicinische und chirurgische Abtheilung besteht
indessen nicht, und die Kranken liegen unter einander, so viel ich
weiß, in der Ordnung, wie sie eben in die Anstalt kommen. Ein Oberarzt
leitet das Ganze und ihm sind zwei Assistenten beigegeben, von welchen
jeder 20 Peso den Monat Besoldung bezieht. Im Hospitale befindet sich
ein Sectionszimmer und eine Apotheke mit Laboratorium. Beide gut und
zweckmäßig eingerichtet. Ich habe bei dieser Gelegenheit den Preis
eines Blutegels erfahren, der 6 Realen ist. Zu meiner Schande aber muß
ich gestehen, daß ich nicht weiß, ob man im Lande selbst diese Thiere
fängt, oder ob sie alle aus Europa dorthin gebracht werden. Daß dies
mit größeren Sendungen der Fall ist, habe ich erst später erfahren.
Es mag im Allgemeinen bemerkt werden, daß die häufigsten
Krankheitsformen Icterus, Syphilis in ihren verschiedenen Formen, und
eben so Phthisis und Tuberculose sind.
Die wenigen Notizen über den Krankheits-Genius von Chile, welche ich
gesammelt habe, muß ich indessen für einen andern Ort versparen,
da ich eigentlich hier nur von den Gebäuden der Stadt zu sprechen
beabsichtigte.
Ein anderes Hospital, erbaut auf einem der Hügel, welche die Stadt
umgeben, ist für kranke Seeleute bestimmt, doch werden, wie mir schien,
auch vermögende Kranke aus anderen Ständen angenommen, welche ihre
Verpflegung bezahlen. Es ist dort eine wirklich lurxuriöse Einrichtung
und das Haus liegt versteckt in einem wohl gepflegten Garten mit
kostbarer Aussicht auf Hafen und See.
Ich sollte jetzt noch vom Theatergebäude berichten und etwa von dem
Justizpalaste oder wie man eben die Anstalt benennt, in welcher die
öffentliche Rechtspflege ausgeübt wird. Abermals aber muß ich ein,
wenn nicht reuevolles doch offenes Bekenntniß ablegen, wie oben in
Betreff der Blutegel. Ich habe mich um das Wesen der Justiz, um
die öffentlichen Sitzungen und um die wirklichen theatralischen
Vorstellungen im Opernhause so wenig gekümmert, als ich es auch stets
in Deutschland gethan habe und so vermag ich, da das Innere mich wenig
interessirt hat, auch nur anzugeben, daß das Aeußere der Gebäude
einfach und zweckmäßig erscheint und nicht störend einwirkt auf den
guten Geschmack.
Vom Hauptsitze des Gouvernements, von Santjago aus, werde ich später
über Regierung und staatliche Einrichtungen zu sprechen haben, da ich
dort zuverlässige Nachrichten erhalten. --
Um aber die flüchtige Skizze der Stadt und ihres Weichbildes zu
beenden, sei es mir erlaubt der nächsten Umgebung von Valparaiso
zu gedenken, so weit ein guter Fußgänger dieselbe zu durchstreifen
vermag.
Ich habe schon der Hügel gedacht, zwischen und theils auf welchen sich
die Stadt längs der Meeresbucht hinzieht. Diese Hügel gewähren an und
für sich ein kahles und trostloses Ansehen. Sie bestehen aus Granit,
aber die Oberfläche desselben ist verwittert und so hat sich ein
eintöniges Braun erzeugt, bedeckt mit spärlichem und wenig zierlichem
Pflanzenwuchse, und das nur an einigen Stellen.
Der vier bis fünf Fuß hohe =Cactus Chilenis=, der sich am meisten
auszeichnet und an den steilsten und abschüssigsten Gehägen
vortrefflich gedeiht, giebt derselben allerdings ein »südliches«
Ansehen, aber die verwünschte Stachelbewaffnung desselben macht oft das
Erklimmen jener Gehäge höchst beschwerlich. Neben ihm trifft sich
am häufigsten eine Nesselart (=Losa acerifolia=), Ortiga in der
Landessprache, und diese macht, wo sie zahlreicher vorkömmt, jedes
Durchdringen unmöglich. Sie erreicht ebenfalls eine Höhe von drei bis
vier Fuß und blüht gelb im August und September, aber die geringste
Berührung ihrer Blätter bringt heftigen brennenden Schmerz hervor, und
die abgebrochenen feinen Stacheln erzeugen auf der Haut Pusteln, welche
hart werden und vierzehn Tage bis drei Wochen lang schmerzen.
Weiter entfernt von der Stadt und außerhalb des Bereiches der dichteren
Ansiedelung trifft sich in den Schluchten, welche jene Hügel trennen,
oft eine prachtvolle Vegetation. Die Sohle jener schmalen Thäler ist
fast immer bewässert und nährt so den Pflanzenwuchs, der weiter gegen
oben durch Wassermangel und glühende Sonne auf ein Minimum reducirt
ist. Schlinggewächse und zierliche Farren, die Quile, ein Rohr von oft
beträchtlicher Höhe, vereinzelte Palmen und hundert andere
Pflanzen von den verschiedensten Blattformen, bilden dort einen oft
phantastischen Baumschlag, und wahrscheinlich war es eines jener
Thäler, welches die Spanier bei ihrer Landung an jener Küste zuerst
betraten und =Val paradiso=, Paradiesthal nannten, da ihnen der
Gegensatz mit der übrigen großenteils sterilen Küste aufgefallen war.
Erklimmt man die Spitze jener größern Hügel[7], so nimmt allmählig
die Landschaft einen andern Charakter an. Es beginnt der Pflanzenwuchs
auch gegen die Höhen hin mehrfachere Ausbreitung zu gewinnen und
anfänglich kleine, bald aber ausgedehntere Gehölze oder Buschwerke
bedecken die Höhen. Die =Mimosa cavenia=, mit ihrem gleichsam
besenförmigen Wuchse und der strahligen Ausbreitung ihrer zahlreichen
Aeste, über und über mit Stacheln bedeckt, und dabei mit dem
zierlichsten feinen Laube, bildet einen angenehmen Contrast mit den
dunklen dickbuschigen Massen des =Laurus caustica= und zwischen ihnen
erhebt sich die =Puretia corocata=, deren 6 Fuß hoher und mit tausenden
von Blüthen bedeckter Blumenstengel würzige Düfte aushaucht, während
eine Unzahl drei bis vier Fuß langer Blätter mit spitzen, hakenförmig
gebogenen Stacheln den Fuß jener Blumenkrone bewahren[8]. Dort bieten
sich reizende Fernsichten dem Auge gegen das Innere des Landes zu, über
waldige Schluchten und fruchtbare Ebenen, und wendet man den Blick --
auf das unermeßliche Meer, wie sich denn dort wirklich Land und See
gegenseitig zur hebenden Folie werden.
Gegen Norden zu und dort, wo die oben beschriebenen »Ausläufe«
der Stadt unweit der Almendral sich allmählig verlieren, beginnen
pittoreske Felsenparthieen die Ufer der See zu bilden. Fischerhütten
und einzelne kleine Landhäuser liegen malerisch zerstreut zwischen
jenen steilen Felsenabhängen. Bisweilen ist der Weg an und um dieselben
so schmal, daß man kletternd und halb über dem Wasser hängend, sich
um irgend eine Ecke winden muß.
In den ersten 10 bis 12 Tagen meines Aufenthaltes hatte ich bereits
einige der nöthigsten Worte und Fragen gelernt, um mich im Spanischen
verständlich machen zu können. So war ich in jenen Klippen streifend
auf ein kleines fast von der See bespültes Plateau gekommen, wo einige
Chilenen sich mit Einsammeln von Muscheln beschäftigten, und frug,
da mit Ausnahme der Seite an welcher ich gekommen, allenthalben steile
Wände waren, wo der »Weg« sei. Die Leute zeigten alle mit der
größten Bereitwilligkeit auf eine senkrecht stehende Felsenwand, und
blos ihre freundlichen und unbefangenen Mienen bewiesen mir, daß
sie mich nicht zum Besten hatten, indem sie mir eine scheinbar
unübersteigliche Mauer als »Weg« bezeichneten.
Näher getreten aber und bei genauerer Beobachtung fand ich bald
einzelne Vorsprünge und Einbiegungen, so wie Spuren von Fußtritten
und indem ich jenesmal zuerst wie auf einer Leiter aufwärts kletterte,
überstieg ich auf späteren Excursionen häufig jene Stelle ohne mehr
der Hände zum Klimmen zu bedürfen.
Von jenen Felsengruppen aus giebt es einzelne wundervolle Blicke auf
die Stadt und den Hafen, welcher mit seinen Schiffen und der Unzahl von
Barken, die ihn beleben, den Vordergrund bildet. Ich habe dort,
fast allzu schwärmerisch, manche halbe Stunde verträumt, statt
pflichtschuldigst Exemplare zu formen von den Graniten, und diverses
Gewürme in den Klüften und Spalten des von der See bespülten Gesteins
zu fangen.
Folgt man in dieser Richtung hin noch weiter der Küste, so wird
das Ufer wieder flacher und blos einzelne Felsgebilde stehen aus dem
sandigen mit Muschelfragmenten bedeckten Boden hervor.
Blos ungewöhnlich hohe Springfluthen dringen weiter vor und man kann
zu Pferde bequem allenthalben weiter kommen, wenn man die oben auf den
Bergen hinziehende Straße, die in's Innere führt, verläßt.
Jene bewaldeten Schluchten, von welchen ich oben gesprochen, münden
dort häufig gegen die See hin aus, und es bilden sich nicht selten
einzelne Parthieen so zierlichen Baumschlages, eingeschlossen in
Felsgruppen, daß man unwillkürlich an künstliche Gartenanlagen denkt.
Mit Ausnahme von Seethieren, die häufig erworben werden können am
Fuße jener vorher geschilderten, dicht an See abfallenden Felsen, hat
man bisher nur eine geringe Fauna getroffen, und nur hie und da
schwimmt dort eine Möve oder es sitzt auf einem Felsenvorsprunge ein
gravitätischer Seerabe. Aber hier belebt sich die Gegend. Gegen das
Meer hin sitzen oft hunderte der verschiedensten Seevögel auf dem
sandigen Ufer, ausgeworfene Muscheln und anderes Gethier suchend und
verspeisend.
Am grünen Saume der Berge aber und in den Schluchten schwärmt der
=Trochilus gigas= und =sepharoides= um Blüthen und Blumen und es werden
diese beiden einzigen Colibri des Flachlandes von Chile dort nicht
selten getroffen in Gesellschaft größerer, wenn gleich nicht so bunt
befiederter Genossen ihres Geschlechts.
Besteigt man die Hügel, zwischen welchen sich jene Schluchten
hinziehen, so findet man die Höhe meist bewaldet, doch fehlen auch
angebaute Felder nicht, indem sich in günstiger Lage einzelne Ansiedler
niedergelassen haben.
Aber es ist Zeit, daß wir zur Stadt zurückkehren und versuchen, deren
Leben und Treiben näher kennen zu lernen.
Ich hatte meine Zeit etwa in der Art eingetheilt, daß ich des einen
Tages die Umgegend durchstreifte, Mineralien, Gebirgsarten und Pflanzen
sammelte und geognostische Durchschnitte zeichnete, oder mit der Flinte
auf dem Rücken in den Schluchten kletternd, Vögel schoß, wohl auch am
Ufer der See Conchylien und andere Seethiere fing. Des folgenden
Tages wurde das Erworbene geordnet. Die erlegten Vögel abgebalgt, die
Pflanzen eingelegt und Notizen in's Tagebuch eingezeichnet. Was ich von
Thieren lebend erhalten konnte, suchte ich zu beobachten, so lange als
möglich, und man mag sich wohl denken, daß es bunt genug in meiner
Stube ausgesehen und ich genug Arbeit hatte.
Bald hatte sich ein kleiner Kreis von jungen Deutschen um mich gebildet,
welche, meist Kaufleute, dort eine Stelle zu finden hofften, aber
vorläufig noch ohne Beschäftigung waren. Sie haben mir getreulich
beigestanden und mich vielfach unterstützt in allen meinen Geschäften,
indem sie mich theils auf die Jagd begleiteten und thätigen Antheil
nahmen an derselben, theils freundlich genug waren, die mineralogischen
Hämmer, den Barometer und die Botanisirkapsel zu tragen, wohl auch bei
größeren Excursionen den Mundvorrath zu schleppen. Da auch bei der
sichtenden Arbeit des folgenden Tages ich häufig mich solcher Beihülfe
zu erfreuen hatte, so vermochte ich in kurzer Zeit mannichfache
Schätze zu sammeln und wurde bald als der »deutsche Naturforscher« in
Valparaiso bekannt, dem noch überdies manche freundliche Gabe geboten
wurde von selbst gesammelten Naturalien und allerlei Eigenthümlichem,
welches man eben durch Zufall erworben.
Auch von den Passagieren der Reform erhielt ich Besuche, so lange noch
das Schiff im Hafen lag, und Beweise von freundlicher Gesinnung gegen
mich. Ich hatte in Bremen einen größeren Vorrath von Rauchtabak
gekauft, konnte aber der Douane halber denselben nicht gänzlich an's
Land schaffen, obgleich ich einen Theil desselben, so wie Cigarren, wohl
theils durch Nachsicht der Mauth-Bediensteten eingeschmuggelt hatte.
Arbeitend in meinem Zimmer wurde ich kurz vor der Abreise der Reform
überrascht durch den Besuch von zwölf der Passagiere, welche, meine
Klause fast gänzlich ausfüllend, von mir knurrend und brummend
empfangen wurden, mit ärgerlichen Redensarten von Störungen in
der Arbeit, welche selbst in Südamerika eben so fortdauerten wie in
Deutschland, und anderen halb scherzhaften halb verdießlichen Worten.
Aber ich wurde überrascht und beschämt, als jeder der Besuchenden mir
ein Pfund jenes zurückgelassenen Tabaks überreichte. Sie hatten,
wohl wissend, wie ungern ich denselben vermißte, ihn einzeln an's Land
geschmuggelt und so den letzten Beweis ihrer Freundschaft gegeben.
Lange verbrannt sind jene Blätter, aber noch heute freue ich mich
aufrichtig jenes mir bewiesenen Wohlwollens.
Einige Tage darauf segelte die Reform aus dem Hafen ihrem eigentlichen
Bestimmungsorte St. Francisko zu, und ich sah mit theilnehmendem
Herzen die Männer einem ungewissen Schicksale entgegen gehen, die
mir freundlich gesinnt waren und mit welchen ich manche Fährlichkeit
bestanden, manches Ungemach ertragen.
Ich habe durch Gerstäcker, der mit ihnen nach Kalifornien reiste,
über Einzelne erst in der Neuzeit Nachricht erhalten, das Schicksal
der Meisten aber ist mir unbekannt geblieben. Gleich mir blieben in
Valparaiso zurück ein junger Kaufmann, Münchmeier, und ein Musiker
aus Bremen mit seiner Familie. Ich blieb während meines Aufenthaltes in
Chile mit dem Ersteren im freundlichsten Verhältnisse und wir wechseln
noch heute Briefe. --
Wie ich dann nach der Abreise der Reform mit den in Valparaiso lebenden
Europäern und Deutschen zuerst in nähere Beziehung getreten, will ich
ihrer auch zuerst erwähnen, da ich von den Bewohnern der Stadt und von
Chile's Bevölkerung im Allgemeinen spreche.
Namentlich für Valparaiso erscheint dies nicht unbillig, da, wenn auch
nicht der größere, doch jedenfalls ein bedeutender Theil der Einwohner
dort aus Fremden, d. h. aus Europäern besteht.
Ich glaube man kann sagen, daß die Hälfte der dortigen Kaufleute
Deutsche sind, während der Rest aus Engländern und Franzosen besteht.
Der Deutsche genießt in ganz Südamerika, besonders aber in Chile, die
allgemeinste Achtung und dieser Ruf ist wohl begründet und erworben
durch Fleiß, Thätigkeit und ein reelles Benehmen, so wie er durch eine
gewisse Gentilität erhalten wird. Die dortigen Deutschen unterstützen
Aermere und nicht ganz unwürdige Landsleute und suchen allenthalben
das Ansehen der Nation aufrecht zu erhalten. Wie sehr die chilenische
Regierung die Deutschen bevorzugt, geht schon allein daraus hervor, daß
sie keine anderen als deutsche Einwanderer haben will, und solchen die
günstigsten Bedingungen stellt.
Eine Partei in Deutschland, die der Mißvergnügten und Superklugen,
erschöpft sich in unaufhörlichen Lamentationen über die wenige
Achtung, welche der Deutsche im Ausland besitze. Der Grund solcher
Wehklagen braucht kaum entwickelt zu werden, es soll vor allem das
Mißvergnügen gesteigert werden. Was indessen Nordamerika betrifft,
haben diese Leute leider Recht. Aber ich glaube, sie selbst sind so gut
wie ich im Innern überzeugt, daß weder unsere Regierungen, noch
der Mangel einer Flotte schuld an dieser Mißachtung ist, sondern
das arbeitsscheue Gesindel selbst, oder jene Menschen, welche die
abenteuerlichsten Ideen dort zu realisiren suchen, und welche zusammen
die überwiegende Masse der Einwandernden bilden.
Man würde sich einer groben Unwahrheit schuldig machen, wollte man
Aehnliches von Südamerika behaupten, sowohl hinsichtlich des Charakters
der Einwanderer, als auch der Achtung, in welcher sie stehen.
Es versteht sich von selbst, daß in Chile ansässige Deutsche nicht
jedem Landsmann sogleich den Zutritt in ihre Familie gestatten, ohne
denselben vorher genauer zu kennen. Ich war aber dennoch bald herzlich
aufgenommen und wurde wie ein alter langjähriger Freund behandelt. So
namentlich in Valparaiso von Alto Uhde, in dessen Hause ich fröhliche
Stunden verbrachte, und dessen Benehmen gegen mich während meines
ganzen Aufenthaltes eine Reihe von Freundschaftsbezeigungen gewesen ist,
von J. Freundt, dessen Empfehlungsbrief nach Santjago mir mehr geholfen
als sämmtliche von Europa mitgebrachten Briefe, und von andern dortigen
Deutschen. Auch mit einem deutschen Arzte, =Dr.= Ried, bin ich bekannt
geworden und in freundschaftliche Berührung gekommen. Neben der
herzlichsten Aufnahme in seinem Hause verdanke ich ihm manche
schätzbare Notiz über Chile und die interessantesten Mittheilungen aus
seinem vielbewegten Leben.
Die Engländer sind nach den Deutschen die beliebtesten; dann kommen
die Franzosen. Ich bin in Chile mit den stolzen Söhnen Albions wenig
in Berührung gekommen, da ich mich nicht berufen fühlte, alle die
Ceremonien zu überstehen, welche verlangt werden, um Zutritt zu
erhalten; aber mit den leichtsinnigen Franzosen habe ich mich gut
vertragen, und sie dort so liebenswürdig gefunden, wie allenthalben auf
der Erde.
Die Eingeborenen von Chile, d. h. die Abkömmlinge der Spanier mögen
keck als ein gutes, ja liebenswürdiges Volk bezeichnet werden. Es
fehlen nicht die Sünden und Mängel des südlichen Blutes, aber sie
werden aufgewogen durch die Tugenden, die es bedingt.
Beide fehlen nicht bei den höheren Ständen, aber, theils
abgeschliffen, theils verdeckt durch die Kultur, treten sie hier weniger
hervor als beim Volke. Ich habe manchfach den Vorwurf aussprechen
hören, als seien die Chilenen eigennützig, aber ich glaube, daß sie
dieser Vorwurf nicht mehr und weniger trifft als jeden andern Menschen,
wenigstens habe ich nie Gelegenheit gehabt, das Gegentheil zu erfahren.
Aber ich habe sie bescheiden gefunden, und, so viel Untugenden stets
verknüpft sind mit habsüchtiger unverschämter Zudringlichkeit, so
kann auf der andern Seite der bescheidene Mann schon von vorne
herein mit günstigem Auge betrachtet werden. Durch kleine, scheinbar
unbedeutende Züge aber gibt sich oft Solches zu erkennen.
Oft bin ich, allein in den Bergen umherschweifend, Jägern begegnet,
welche mich um Pulver oder Schrote ansprachen. Aber nie hat einer
derselben, war mein Vorrath nur noch klein, die Gabe angenommen. Da ich
neben dem größeren, in der Tasche befindlichen Pulverhorne ein kleines
führte, und meist aus diesem das Gewünschte geben wollte, habe ich oft
und mit Vergnügen dies beobachtet. Derselbe Fall war mit Tabak zu den
dort vorzugsweise im Gebrauche stehenden kleinen Papier-Cigarren.
Ich bin einmal in jenen oben geschilderten Felsen an der See unweit
Valparaiso umhergeklettert, und traf auf mehrere Fischer, welche zwar
mit Tabak versehen waren, aber kein Papier zur Fertigung der Cigarren
hatten. Sie sprachen mich an, und ich wollte ihnen ein weißes Blatt
aus meiner Schreibtafel geben. Da drängte sich der ganze Haufe mit fast
mich anfangs überraschender Heftigkeit um mich, um das zu verhindern:
es sei schade um das schöne Buch, sie würden eher den Tabak in die See
werfen. Und das waren sonnenverbrannte, wilde, halb nackte Menschen,
die diesen Takt entwickelten, den ihnen kein Hofmeister und keine
Gouvernante andressirt hatte. Dort sprang ich zurück, riß rasch eine
Handvoll weißer Blätter aus dem Buche und warf sie in die Luft. Nun
freilich wurden sie aufgehascht und selbst die in See gefallenen geholt.
So war ich denn nach mancher Verständigen Urtheil ein eben so großer
Narr als jene, die eine gebotene Gabe aus Bescheidenheit ausschlugen,
während ich sie ihnen aufdrang.
Es liegt im chilenischen Volke ein Zug von poetischer Auffassung
wirklicher Naturschönheiten, der schon an und für sich auf ein feines
Gefühl hinweist. Als ich mich später einige Wochen auf der Cordillera
aufhielt und zwei chilenische Knechte mit dorthin genommen hatte, wurde
mir manche Gelegenheit, dies zu beobachten. Beide waren so wenig als
ich jemals in der Cordillera, und ich staunte, welchen Eindruck
eine glänzende Fernsicht auf sie hervorbrachte, oder eine wilde und
großartig durch einander geworfene Felsenmasse, die uns plötzlich vor
Augen kam. Sie sprangen in solchen Fällen jauchzend in die Höhe, oder
tummelten verwegen ihre Pferde auf den Klippen, indem sie riefen: Nicht
wahr, unsere Cordillera ist schön! Oder haben andere Länder auch eine
solche Cordillera!
Ich bin vor Jahren einmal in Begleitung eines deutschen Knechtes
fußreisend in eine der schönsten Felsenpartien der fränkischen
Schweiz getreten. Nun, Claus, rief ich, was sagst Du _dazu_? »Ich bin
froh, daß alle diese Steine nicht zu Hausse bei uns sind, da könnte
der Teufel Frucht bauen.« war Clausen's prosaische Antwort.
Ein Nordamerikaner hätte ohne Zweifel überlegt, ob jene Steine etwa zu
einer großartigen Kalkbrennerei tauglich, und ein Schweizer hätte das
Heimweh bekommen -- nach einer _rentablen_ Gebirgs-Herberge der Heimat.
Ländlich, sittlich!
Doch noch einen chilenischen Zug. In einem jener wilden grotesken
Thäler der Cordillera, die plötzlich durch einen schwarzen, in die
Wolken reichenden Kegelberg mauerartig geschlossen erscheinen, hielt ich
einst mit Carlos, dem jüngeren der Knechte, an. Eingedenk der deutschen
Volksromantik der Teufelsmauern, Teufelsbrücken u. s. w., rief ich
aus. »Das ist das Haus des Teufels!« Aber Carlos erwiederte. »Nein,
Herr! Das ist das Haus _Gottes_«!
Liegt hierin nicht eine tiefere, eine kindlichere und feinere Poesie als
in zehn Druckbogen rosenfarbener Verse?
Trotzdem giebt Euch der chilenische Wechsler in den Städten fast immer
einen oder den andern nicht gültigen Realen, und der Handwerksmann, der
Euch den Fremden ansieht, verlangt unmäßige Preise, =tout comme
chez nous=; aber dafür beginnt dort in den Städten die Industrie zu
blühen, Bildung und Intelligenz entwickeln sich kräftig, und jene
Prellereien werden als »Geschäft« behandelt.
Es mag durch Lebensweise und Gebräuche, so wie durch das Aeußere
übrigens vielleicht am besten der Charakter des Menschen entwickelt
werden.
Die Chilenen beiderlei Geschlechts sind eher unter als über der
Mittelgröße, mit auffallend kleiner Hand und zierlichem Fuße. Die
Augen kohlenähnlich, die Haare von so glänzender Schwärze, daß sich
kaum in Deutschland ein gleiches finden wird. Anlage zur Dickleibigkeit
fehlt nicht gänzlich, schien mir indessen bei Frauen seltener als bei
uns. Auch Kahlköpfigkeit habe ich selten getroffen. Das Ergrauen
der Haare aber kommt häufiger vor und scheint wohl wie allenthalben
individuell zu sein. Rasch erblühend und reifend, altert das Weib auch
verhältnißmäßig schneller; eine gewisse Regelmäßigkeit der
Züge aber, bei vielen Individuen, bewahrt auch dann noch die Spur
jugendlicher Schönheit. Vielleicht ist dies bei der rein erhaltenen
spanischen Race mehr der Fall als bei Familien, welche früher mit dem
indianischen Blute sich vermischt haben. Doch ist dies blos Vermuthung
und etwas Gewisses läßt sich jetzt kaum mehr hierüber entwickeln. Die
Bewegungen der Frauen sind graciös und zierlich. Gleich in den ersten
Tagen unserer Ankunft wurden unsere Passagiere der Reform und ich in
das Haus eines Kaufmanns geladen und gebeten, auch für die Folge an den
wöchentlich einmal stattfindenden Abendunterhaltungen Theil zu nehmen.
Kaum noch eines Worts Spanisch mächtig, war ich dort in bedeutender
Bedrängniß, aber ich war erstaunt über sie Artigkeit, mit der man mir
zu Hülfe zu kommen sich bemühte, und zugleich über die Schnelligkeit,
mit welcher man eine fremde Sprache auf solche Weise erlernt. Dort
habe ich die Lieblichkeit bewundert, mit welcher die Frauen alle
europäischen Tänze ausführten, und vorzüglich die Leichtigkeit,
mit welcher sie sich im deutschen Walzer bewegten. Im Schweiße
meines Angesichts habe ich manche halbe Nacht dort auf den Fußspitzen
zugebracht, rastlos tanzend mit allen Damen, und -- kreuzlahm des andern
Morgens.
Ein solcher Salon ist meist mit einigen Nipptischen geziert, welche
Seltenheiten enthalten und Luxusgegenstände aus Europa, aber
selten fehlen auch die reichen silbernen Geräthe, die noch von dem
Silberüberflusse früherer Zeit ein Zeugniß geben. Ist der Hausherr
zufällig Minenbesitzer, sind meist auch pracht- und werthvolle Stufen
aus den Bergwerken zur Schau gestellt, nach welchen ich oft begehrliche
Blicke geworfen.
Wachslichter auf großen silbernen Leuchtern brennend, erhellen das
Gemach, dessen Thüren und Fenster geöffnet sind und meist den Blick in
den Garten gestatten, der selbst zu jener ersten Zeit meines Dortseins,
zur Winterzeit, reichlich mit Blumen geschmückt ist. Trotzdem hat die
Hausfrau auf dem Sopha im Kreise der geachtetsten älteren Damen meist
den Brasero, das Kohlenbecken, vor sich, an dessen Gluth sich bisweilen
die Damen die Finger wärmen, obgleich im Salon dieß wohl kaum nöthig.
Der Hausherr sitzt in einer Ecke sich auf einem Lehnstuhl wiegend,
und auf Bänken rings an den Wänden haben die übrigen Gäste Platz
genommen. Nie fehlt der Flügel, und nach kurzer Zeit der Unterhaltung
musicirt oder tanzt man. In den Pausen wird chinesischer Thee gereicht,
aber stets auch Paraguay-Thee nach der Sitte des Landes, dann Eis, feine
Liköre und Backwerk. Die Cigarre ist dem Cavalleros unvermeidlich.
Vor dem Ende einer solchen Abendunterhaltung, mehr eigentlich einer
nächtlichen, denn man versammelt sich gegen 9 Uhr und geht um eins oder
zwei des Nachts auseinander, werden stets alle Heimkehrenden mit Blumen
beschenkt, wie denn auch schon während des Abends bisweilen die Damen
irgend einem der Männer Blumen oder Zuckerwerk senden, oder selbst
bringen.
Aber diese süße duftende Sitte mag den Eitlen nicht glauben lassen,
daß er besonders bevorzugt sei. Sie ist blos durch Artigkeit bedingt
und spricht keine specielle Auszeichnung aus. Männern, mit denen die
Damen nur halbweg bekannt sind, werden Blumen in's Haus geschickt,
und es wird sehr freundlich angenommen, macht man ein analoges
Gegengeschenk. Ich war kaum drei Wochen in Valparaiso, so war ich stets
mit so vielen Blumen versehen, daß ich füglich eine Ziege hätte
ernähren können. Jenen prosaischen Gebrauch habe ich nun freilich
nicht von den zarten Kindern der Flora gemacht, aber ich habe Galanterie
und Oekonomie vereinend, jene Blumensträuße umgebunden, so unkenntlich
gemacht und mit beschnittenen Stielen zu Gegengeschenken verwendet.
Nun ich des heiteren Lebens der höheren Stände gedacht, will ich der
Freuden des Volks erwähnen. Handel und Wandel, Handwerk und Arbeit mag
später seine Licht- und Schattenseiten zeigen.
Das _Befreiungsfest_ in Chile giebt hiezu eine passende Gelegenheit. Es
beginnt am 18. September und ist der Jahrestag, an welchem sich Chile
für unabhängig von der spanischen Herrschaft erklärt hat.
Mit dem frühesten Morgen erweckte der Donner sämmtlicher Kanonen
von allen Forts des Hafens die Bevölkerung der Stadt. Die im Hafen
liegenden fremden Schiffe, zu jener Zeit sicher 70 bis 80 größere
Fahrzeuge, hatten alle Flaggen aufgezogen, wobei natürlich die
chilenische[9] nicht fehlte und meist an der Spitze prunkte. Eben
so waren alle Häuser der Stadt mit Fahnen geschmückt, wohl auch am
meisten die chilenische vorherrschend, doch flatterten die Farben
aller Nationen dazwischen, denn jedes Banner darf entfaltet werden, mit
Ausnahme des spanischen. Dann Glockengeläute, festlicher Gottesdienst
und Parade.
Das eigentliche Fest des Volks begann aber erst jetzt und wurde mit
einem Wettrennen der Boote im Hafen begonnen. Eine ziemlich weite
Strecke wird mit fabelhafter Schnelle durchrudert, und die Rudernden
sollen oft so angegriffen sein, daß sie ärztliche Behandlung
bedürfen. Den Weltkampf dürfen auch die Matrosen fremder Schiffe
mitmachen, ich glaube aber an jenem Tage bestanden die Kämpfenden bloß
aus Chilenen; der erste Preis besteht aus zwei Unzen Gold.
Des Abends und die Nacht hindurch wurde beleuchtet, indessen ohne Zwang.
Ich sah Laternen und farbige Gläser in welchen Lampen brannten, meist
wieder die Landesfarben und hie und da ein Transparent. Sehr glanzreich
war das Ganze eben nicht. Am Theater waren zwischen Transparenten zwei
Inschriften angebracht:
=La independencia nos hara fuertes y la libertad grandes=,
und
=Valparais recuerda con gratituda a los Patriotos de 1810=.[10]
Später war gegen Entrée von einem Peso großer Maskenball im
Theatergebäude, welcher indessen von sämmtlichen Damen besucht wurde,
die der Gattung =Phalaena nocturna= angehörten. Ich kann nicht sagen,
ob er glänzend gewesen, denn ich habe ihn nicht besucht, aber die
Masken, welche ich auf der Straße gesehen habe, schienen mir in's
Chilenische übersetzte Tyrolerinnen, Gärtnermädchen, Türken und
Ritter unsers Faschings zu sein. Das Fest dauerte 8 Tage, und erst an
diesen sprang die Eigenthümlichkeit des Volks und seiner Belustigungen
in die Augen, während am ersten und Haupttage europäische Formen
vorherrschten.
Auf einem der großen Plateaus, unweit des Leuchtthurms, waren Zelte und
Buden aufschlagen und dort trinkt, ißt und tanzt man. Aber man sitzt
nicht friedlich Stunden lang an einem und demselben Orte, mit Andacht
genießend, was der liebe Gott bescheert hat, sondern man ras't und
tobt von einer Bude zur andern, ein Glas hinunter stürzend, und wieder
weiter eilend, und das häufig zu Pferde; Mann, Weib und Kind wie toll
unter einander umher jagend, über Gräben setzend, und wo es halbweg
der Raum erlaubt, nicht das Terrain, denn das ist gleichgültig,
wettrennend.
Der fast einzige Tanz, den ich dort habe tanzen sehen, ist die
Zambacueca, welche man den chilenischen Fandango nennen kann. Sie
gehört dem Volke an, und ich habe gefunden, oder glaube gefunden zu
haben, daß man in den höheren Ständen sie vor Fremden nicht gerne
tanzt, da man sie nicht für europäisch mithin für »gebildet« genug
hält. Ein einziges Paar führt den Tanz aus, welcher aus einer Menge
zierlicher und mehr oder weniger leidenschaftlicher Bewegungen besteht.
Lockend beginnt der Mann. Das Weib zieht sich fliehend zurück, der Mann
folgt, scheint endlich zu verzichten und wendet sich; nun nähert sich
die Spröde halb entschuldigend, halb aufmunternd, um später wieder das
frühere Spiel zu beginnen. Die Bewegungen sind graciös, nicht heftig,
und beide Theile haben ein Taschentuch, auf dessen zierliche Handhabung
bald Lockung und Einladung, bald Schutz und Abwehr bedeutend, viel
ankömmt. Selten begleitet mehr als eine Guitarre den Tanz, aber die im
Kreise sitzenden Frauen begleiten ihn mit Gesang, der unerläßlich ist.
Eine einfache, fast klagende Liebesweise mit unzähligen Versen, die
wohl häufig aus dem Stegreife gesungen werden, z. B.
Himmel! wo ist meine Geliebte?
Himmel! wo ist mein Stern?
Ach er entschwand meinem Blicke,
Doch nimmer aus meinem Herzen.
Oder:
Grausame Du hast mich geblendet!
Für immer der Augen beraubt,
Denn Dunkel ist wo Du fehlest,
Wo Du bist, zu glänzendes Licht.
* * * * *
Dieß sind wörtliche und absichtlich nicht in Reim gezwängte
Uebersetzungen. Meist habe ich ältere Frauen die Zambacueca mit Gesang
begleiten hören, und bitter-süße Erinnerungen mögen manche Strophen
begleitet haben. Fast immer sind die Tänzer gewandt und es ist ein
Genuß dem Tanze zuzusehen, doch habe ich ihn auch von Eingebornen
so plump und täppisch ausgeführt gesehen, daß mir graute, während
Europäer, die Pas einflechten wollten, in affenartige Sprünge
verfielen.
Die wilde tolle Lustigkeit auf solchen Plätzen, durch Tanz und
Wein auf's höchste angeregt, macht sich bei der Heimkehr durch das
verwegenste Reiten Luft. Es ist in Valparaiso verboten im Galopp
durch die Straßen zu reiten oder zu fahren, und nur die berittenen
Polizeidiener und die Aerzte dürfen dieß thun. Streng wird hierin die
Ordnung gehandhabt und häufig sah ich Uebertreter von den Vigilanten
eingeholt und zur Strafe (ein Peso!) gebracht. In jenen Tagen aber ras't
alles in wüthender Carrière durch die Stadt. Männer und Frauen,
oft 6- oder 7jährige Kinder hinter sich, und in Haufen zu zwanzig bis
dreißig Personen, sprengen so durch die Straßen, da von dem Feste
heimkehrend, alles durch die Stadt passiren muß.
Häufig umschlingen Liebende, wer weiß vielleicht auch Eheleute, sich
mit den Armen während des rasendsten Laufes der Pferde, und es werden
Kunststücke ausgeführt, welche jedem Kunstreiter zur Ehre gereichen
würden. Es ist ein beliebtes Spiel der Chilenen, sich reitend dicht an
einander zu drängen und zu versuchen, ob einer den andern vom Pferde zu
bringen vermag. Die Thiere, meist hieran gewöhnt, unterstützen ihren
Reiter, indem sie sich, im Sinne seiner Bewegung, gegen das andere Pferd
neigen, so daß beide Reiter einen spitzen Winkel bilden. An einer stark
abschüssigen Stelle des vom Feste abführenden Weges, habe ich dort
gesehen, wie galoppirend zwei Männer dieses Spiel übten, und der eine
bereits hart bedrängt, fast zu unterliegen schien, als ein schönes
junges Weib, seine Freundin oder Frau, ihm zu Hilfe eilte, mit einem
gewaltigen Satze ihres Pferdes an seine Seite kam, und stets nebenher
sprengend durch ihr Gewicht den Freund in's Gleichgewicht brachte, so
daß bald der Gegner abstehen mußte.
So macht sich Lust und Jubel im übermüthigsten Reiten Luft, aber die
Gewandtheit der Reitenden und die Güte und Sicherheit der Pferde
macht die Sache weniger gefährlich, als sie dem unkundigen Zuschauer
erscheint. --
Was die Gesammt-_Lebensweise_ betrifft, so spreche ich absichtlich erst
hievon, nachdem ich solche einzelne Bilder gegeben. Mir schien, als
haben die in Valparaiso wohnenden Fremden einen Theil der Sitten des
Landes angenommen. Man steht ziemlich spät auf, hingegen wird mehr
als die halbe Nacht wachend zugebracht. Man macht Besuche des Nachts
um zehn, um eilf Uhr. Da der Gang des ganzen öffentlichen und
gesellschaftlichen Lebens hienach eingerichtet ist, muß sich jeder
nach demselben richten, selbst wenn es ihm anfänglich unbequem fallen
sollte. Des Morgens um 9 Uhr wird ein Frühstück nach englischer Weise
genommen, Thee, Kaffee, Eier, Schinken, Fische u. s. w. Des Abends
um 5 oder 6 Uhr die Mittagsmahlzeit. In den Häusern der Fremden ist
natürlich mehr oder weniger die Kochkunst ihres Landes repräsentirt,
der Norddeutsche genießt mit Anstand seine süße Fruchtsuppe, von
welcher sich der Süddeutsche und Franzose schaudernd abwendet. Wie in
den meisten wärmern Ländern spielt der Pfeffer[11] in der chilenischen
Küche eine bedeutende Rolle und ist beliebt bei arm und reich. Man
gewöhnt sich rasch an denselben, obgleich im Anfange die den Speisen
zugesetzte Menge dieses Gewürzes fast bedrohlich erscheint.
Die vorzüglichste Nahrung des Volkes, das heißt wie es scheint die
beliebteste, sind die Erbsen, Garbanzos genannt. Sie werden mit wenig
Fett in größerer Menge geschmort, anfänglich warm, und dann später
meist kalt, hie und da aber auch einige Mal wieder aufgewärmt gegessen.
Man hat mancherlei Ideen von der besonderen Nahrhaftigkeit dieser
Erbsen gehabt und ich bin mehrfach nach meiner Zurückkunft aufgefordert
worden, Aufschlüsse über dieselben zu geben. Sie unterscheiden sich
indessen in Nichts von den unsrigen. Ich habe solche Erbsen nicht
selten an Ort und Stelle selbst gegessen und habe auch eine Quantität
derselben mit nach Europa gebracht und sie untersucht. Aber in wärmern
Ländern ist die Masse der Fleischnahrung nicht nöthig, welche in
kälteren Gegenden unter höheren Breitegraden zum Bedürfniß wird.
_Liebig's_ hierüber aufgestellte Sätze sind allgemein bekannt, ich
brauche sie nicht zu wiederholen. Sie haben sich auch hier bestätigt,
wie vieles, was dieser Gelehrte ausgesprochen, und was man angegriffen
hat.
Ein Engländer, Besitzer eines Landguts unweit Valparaiso, erklärte
seinen chilenischen Arbeitern, sie vermöchten unmöglich bei jener
schlechten Kost die gewünschten Dienste zu leisten, und ließ ihnen
kräftige Fleischnahrung reichen, aber sämmtliche Chilenen erklärten
nach einigen Tagen, daß die Fleischkost ihnen nicht behage, und daß,
sollten sie arbeiten, ihnen wieder die Erbsen gereicht werden müßten.
Instinktartig greift hier der Mensch nach dem Tauglichsten. Die Macht
der Gewohnheit läßt freilich den Fremden in jedem Lande längere oder
kürzere Zeit seine alte Lebensweise beibehalten, nicht selten wohl zu
seinem Nachtheile; übergesiedelt aber, befolgt die zweite Generation
die Gesetze der Natur.
Es ist indessen in Chile Fleischnahrung nicht ausgeschlossen, man führt
auf Reisen den Charque, das getrocknete Ochsenfleisch mit sich, und auch
der Ausländer gewöhnt sich leicht an dasselbe, obgleich dessen Genuß
anfänglich einigermaßen an Talglichter erinnert.
Das frische Rindfleisch ist sehr schmackhaft, und es hat die
Eigenthümlichkeit sogleich von frisch getödteten Thieren genossen
werden zu können. Ich habe Ochsen mit dem Lasso fangen, tödten
und zerstücken sehen. Aber während die noch von thierischer Wärme
rauchenden Stücke an den Wänden der Hütten hingen, siedete schon
eine andere Portion desselben Fleisches im Topfe und wurde nach kaum
anderthalb Stunden von uns als vollkommen wohlschmeckend befunden.
Trefflich ist die Hühnersuppe, die Casuela, welche ungewöhnlich rasch
bereitet, dem im Lande Reisenden häufig eine sehr willkommene Speise
abgibt.
Unweit der See wird fast alles gegessen, was man fangen kann, oder was
durch die Fluth an's Land geworfen wird. Krabben, Seespinnen, Krebse
aller Art, Echiniten und fast alles was das Aussehen einer Muschel hat.
Vielerlei hievon wird in der Stadt zum Verkaufe ausgeboten, und ich habe
dort einen neuen Schmarozerkrebs aufgefunden und mit nach Deutschland
gebracht, welcher fast in jedem Exemplare der Seeigel getroffen wird,
die dort verkauft und sammt jenem Eindringling gespeist werden.
Arme Leute, welche nicht weit entfernt vom Ufer des Meeres wohnen, gehen
zur Zeit der Ebbe dorthin, lesen die von der See ausgeworfenen Thiere
auf und essen sie roh oder auch gekocht, wenn eben ihre Bequemlichkeit
erlaubte, einen Topf und Feuerung mitzunehmen. Da ich bisweilen in
Gesellschaft solcher Leute die Küste besuchte und Mahlzeit mit ihnen
hielt, wohl auch ein paar Vögel, die ich geschossen, zum Besten gab,
so habe ich ohne Zweifel mehrere zoologische Seltenheiten verzehrt, ohne
sie im Drange der Zeit gehörig zu würdigen.
Diese meine Gastfreunde führen im Uebrigen ein sehr freies, sehr faules
und, wenn man will, ein sehr glückliches Leben, und unterscheiden sich
wesentlich von dem Chilenen der Stadt, welcher Handel treibt und ein
Gewerbe ausübt, oder vom eigentlichen Landmanne.
Eine kleine, fast nothdürftig zusammengebaute Hütte, die
allernothwendigsten Kleidungsstücke und analoger Hausrath ist ihr
Besitz! Um zur Ergänzung des mit der Zeit Fehlenden einige Realen zu
gewinnen, bringen sie einmal einige Fische oder Krebse zur Stadt,
oder arbeiten auch, etwa im Hafen Last tragend, einen Tag. So wird
das Nöthigste erworben, Tabak und Erbsen gekauft, und im Schatten der
Hütte liegend geraucht, geschmaußt oder geschlafen, bis entweder die
See neue Speise an's Land bringt, oder nach einiger Zeit der Erwerb im
Hafen wieder hervorgesucht wird.
Die für die Fremden bestimmten Gasthöfe sind in Valparaiso gut, wenn
gleich nach unseren Begriffen eben nicht sehr billig. Es ist dort ein
amerikanisches Hotel und ein französisches, deren Namen ich vergessen
habe, und außerdem mehre andere Gasthäuser, fast alle aber von
Ausländern gehalten. Man zahlt für den Mittagstisch einen Peso, eine
Flasche Wein, Bordeaux (weißer Wein mit Ausnahme von Champagner wird
kaum getroffen), Bier[12] ebenso einen Peso, chilenisches Bier 2 bis 3
Realen. Champagner 2 Peso. Eine Portion Kaffee 2 Realen, derselbe mit
Brod 3 Realen, Beefsteaks 2, 3, mit Ei auch 4 Realen. Für die ganze
Verpflegung mit Einschluß der Wohnung, aber ohne geistiges Getränke,
nur 2 Peso des Tages. Man ist hierbei gut gehalten und für den, welcher
des Abends nach der um 5 Uhr gehaltenen Mahlzeit noch etwas zu genießen
wünscht, stehen im Gastzimmer die Reste des Bratens oder ähnliche
Speisen zu beliebiger Disposition. Trinkgelder werden nicht gegeben, und
auch nicht auf Rechnung gesetzt. Außer diesen Gasthöfen existiren noch
eine ziemliche Menge kleiner Schenken verschiedenen Ranges, in welchen
man speisen kann und Fremde, welche sich nur kurze Zeit dort aufhalten,
oder nicht Zutritt in Familien haben, bringen manchen Abend in einer
der beiden Conditoreien zu, wo zugleich Kaffee, Bier, Wein und alle
verschiedenen andern Getränke geschenkt werden.
Das Volk in ganz Chile ist mäßig in Speise und Trank, und geistige
Getränke werden nicht, wie fast allgemein bei uns, täglich genossen,
sondern blos bei besonderen Gelegenheiten und selbst dann nicht mit
jener Virtuosität wie in gewissen andern Ländern. Es ist vorzugsweise
der einjährige rothe Wein, welcher vom Volke getrunken wird und den
man Choqali nennt. Er wird am häufigsten in Conception gebaut, indessen
auch weiter gegen Süden zu. Man keltert, läßt über den Hülsen
gähren und füllt ihn dann in große, oft mannshohe Töpfe oder in
Schläuche. Die Chincha, ein gegohrner Apfelwein wird, wie mir scheint,
mehr im Süden, in der Provinz Valdivia bereitet und auch genossen, doch
wurde mir auch in Valparaiso ein gutes derartiges Getränke vorgesetzt.
Der Markt ist, namentlich was Gemüse und Früchte betrifft, sowohl in
Valparaiso und Santjago, als auch in Valdivia und näher dem Süden
zu, gut bestellt. Man findet dort _alle_ Gemüse, welche im südlichen
Deutschland gezogen werden, und alle gut. Derselbe Fall ist es mit
Früchten, bei welchen ich aber die Pfirsiche ausnehme, denn diese
wohlschmeckendste der Früchte, welche die Ananas und Orange an Aroma
übertrifft, ist dort schlecht, und wird von der in deutschen Gärten
gezogenen weit übertroffen. Dafür treten die Erdbeeren, Frutillos, in
einer so enormen Größe auf, daß ich die ersten, welche ich sah, für
eine fremde, unbekannte Frucht hielt. Die Sandilla, die Wassermelone,
ist eine häufige beliebte Speise der ärmeren Chilenen, man erhält
vier Stücke derselben von einem Schuh Länge für einen Medio und ihr
Genuß ist unschädlich, wird er nicht übertrieben; man hält ihn für
ein gutes Mittel gegen Syphilis, und vielleicht nicht ganz mit Unrecht.
Es ist die Bemerkung vielleicht nicht uninteressant, daß diese Melonen
sich auf der See sehr lange Zeit halten. Ich habe deren am Bord
verwahrt von Chile bis nach Peru und von da, um Kap Horn bis fast an
den Aequator, mithin fast fünf Monate lang. _Alle_ haben sich nicht
gehalten, und auch diese hatten natürlich nicht mehr das frühere
Aroma, allein es war doch immer eine frische, dem Seefahrer willkommene
Frucht.
Außerdem besitzt man Granaten, Citronen, Mandeln, Kastanien, Oliven,
Orangen, die Cheremoya und andere Früchte, aber an Wildpret, mit
Ausnahme der Wildenten, ist der Markt schlecht bestellt, und an
vierfüßigem Wilde ist vollkommener Mangel, wenigstens in Valparaiso.
Der Waizen ist die Körnerfrucht, welche am häufigsten gebaut und
selbst nicht unbedeutend ausgeführt wird, dann Mais und Gerste. Hafer
und Roggen wurde blos in Valdivia bis jetzt vorzugsweise von Deutschen
gebaut.
Da ich später auf die Verhältnisse der Agrikultur zurückkomme,
will ich jetzt nicht weiter von derselben sprechen, aber noch kurz des
Maaßes erwähnen, nach welchem diese Früchte, bedarf man größere
Mengen, verkauft werden. Man kauft dann nach der Fanega, so daß man von
Allem was gewogen wird zu sagen pflegt, die Fanega kostet drei, sechs,
zehn Peso, oder eben einen bestimmten Preis; aber man würde sich sehr
irren, wenn man glauben würde, nach _gleichem_ Gewichte gekauft zu
haben. Die Fanega fast jeder Frucht hat _verschiedenes_ Gewicht. Ich
lasse hier des Beispiels halber einige Proben folgen:
=Aji=, Knoblauch, wiegt die Fanega 35 span. Pfd.
=Alpiste=, Kanariensaamen " 175 " "
=Anis= " 112 " "
=Azafran=, Safran " 15 " "
=Cal de concha=, gebrannter Kalk aus Muscheln " 175 " "
=Cal de piedra=, gebr. Kalk aus Steinen " 175 " "
=Cebada=, Gerste " 155 " "
=Cocos=, Kokosnüsse " 140 " "
=Camino=, Kümmel " 72 " "
=Frangollo=, gekochtes Getreide " 160 " "
=Garbanzos=, Erbsen " 200 " "
=Guindas secas=, getrocknete Kirschen " 150 " "
=Harina=, Mehl " 200 " "
" " andere Sorten " 160 " "
" " andere Sorten " 150 " "
=Higos=, Feigen " 170 " "
=Lentejas=, Linsen " 200 " "
=Mais=, Mais " 160 " "
=Nueces=, Nüsse " 96 " "
=Hrigo=, Waizen, " 160 " "
" " andere Sorten " 155 " "
* * * * *
Wie namentlich in den höheren Ständen europäische Sitte durchweg in
Chile tiefere Wurzel schlägt, so ist dies auch mit der Kleidung der
Fall. Man trägt sich, in den Städten wenigstens, allgemein nach
europäischer Mode und sucht ängstlich das Neueste zu erhalten.
Meist werden bereits fertige Kleidungsstücke von Europa aus importirt,
welche indessen wo möglich alle aus Paris sein müssen. Wie manches
ehrliche deutsche Beinkleid als pariser Fabrikat mit unterläuft,
will ich nicht entscheiden. Ich war in diesem Bezuge übel daran. Gut
ausgerüstet mit Reise-, Reit- und Jagdkostüm, war ich nur spärlich
versehen mit dem, was die Mode erheischte, und indem dort, wenigstens
sicher nicht minder als anderwärts, Kleider Leute machen, war ich
gezwungen, zu theuren Preisen mir jene Dinge zu kaufen. Liebig sagt: Der
jährliche Verbrauch der Seife sei der Maßstab für den Kulturzustand
eines Volks. Ich möchte aussprechen, daß die Grenzsteine dieser Kultur
durch den schwarzen Hut repräsentirt sind. Wo _der_ ist, folgt der
Frack bald nach, und das Bischen andere Bildung kommt dann schon
später.
Ich war alsbald in Valparaiso gezwungen, mir einen solchen
Repräsentanten für eine halbe Unze Gold zu kaufen, und zu analogen
Preisen ähnliche Dinge, die ich in Europa, theuer gerechnet, für den
vierten Theil des Preises bekommen haben würde.
Es versteht sich von selbst, daß die Damen noch erpichter auf die
neuesten europäischen Moden versessen sind als die Männer,
indessen finden sich doch in Valparaiso, wie in ganz Chile, noch zwei
Luxus-Gegenstände, welche, wenn auch nicht chilenisch, doch wenigstens
nicht aus Europa gebracht werden.
Es ist das schwere und reich mit Handstickerei versehene große
Umschlagtuch aus China für die Damen, der Strohhut aus Panama für die
Männer.
Ich habe den chinesischen Shawl in Santjago häufiger getroffen als in
Valparaiso, woselbst er durch die sogenannte französische Mode auch
schon theilweise verdrängt erscheint. Der Panama-Hut aber ist mit
Ausnahme der Wintermonate noch allgemeiner im Gebrauch und für die
feineren Sorten wird ein Preis bezahlt, der uns in Deutschland fabelhaft
erscheint. Es kostet die geringste Sorte etwa vier Thaler, ein halbweg
anständiger Hut aber zwölf, zwanzig, dreißig und vierzig Thaler und
es giebt welche, die mit zwölf Unzen, also fast mit 500 Gulden bezahlt
werden. Diese sind freilich selten, allein jene für zwanzig bis
dreißig Thaler sind häufig im Gebrauche. Der Hut ist ganz ähnlich
unseren Strohhüten, niedrig und mit breiter, doch nicht allzugroßer
Krempe, das Gewebe natürlich dem Preise nach stets feiner und bei den
besseren Sorten feiner Leinwand ähnlich. Da sie ohne allen Schaden
gewaschen werden können, und die Form derselben durch die Mode nie
verändert wird, kann derselbe Hut viele Jahre getragen werden und es
wird hiedurch der hohe Preis etwas modificirt.
Mit Vergnügen berichte ich, daß eine unserer Modethorheiten,
Handschuhe im Sommer zu tragen, in Chile kaum bis jetzt Eingang gefunden
hat.
Eine beim Volke noch ganz allgemeine Tracht ist der Poncho, eine eigends
hiezu gewebte Decke, mit einer Oeffnung in der Mitte, durch welche der
Kopf gesteckt wird, während die beiden Seiten des Poncho über Brust
und Rücken fallen und zugleich die Arme theilweise bedecken. Die
reichen Hacienda- (Landgut) Besitzer und alle Städter, welche Reisen
oder Partien im Lande machen, tragen dieses Kleidungsstück, welches
von einigen Peso an ebenfalls bis auf mehrere Unzen je nach Feinheit des
Gewebes im Preise steht.
Ich glaube, daß der Poncho von den Indianern auf die spanische
Bevölkerung der Westküste übergegangen ist, denn bei den jetzt in
Chile lebenden freien Indianern, den Araukanern, ist er ganz allgemein
in Gebrauch und eben so wird er auf mehreren der Südseeinseln[13]
getragen. Daß spanische Maulthiertreiber in Spanien selbst ebenfalls
wollene Decken auf ähnliche Weise tragen, beweist wenig, auch unsere
Fuhrleute bedienen sich bisweilen einer solchen Tracht.
Der größte Luxus wird in Chile mit dem Reitzeuge getrieben, und
obgleich in Städten der englische Sattel ebenfalls, doch meist aber nur
bei den Fremden in Gebrauch ist, bedient man sich bei größeren
Touren doch fast allgemein des chilenischen Sattels, welcher, ist
man gezwungen, im Freien oder in irgend einer Hütte zu übernachten,
zugleich als Bett dient. Es besteht derselbe aus fünf oder sechs
übereinander auf das Pferd gelegten Schaffellen, welche festgegürtet
werden. Hierauf folgt ein hölzernes Gerüste als eigentlicher Sattel,
und dem ungarischen Bocke ähnlich, dann kömmt manchmal die gleiche
Anzahl der unten liegenden Decken, und über das ganze thurmartige
Gebäude liegt zuletzt der sogenannte Pellon, ein gefärbtes feineres
Schaffell. Man sitzt nicht so warm als man glauben sollte auf allen
diesen Fellen, aber jedenfalls unendlich fest und bequem, und es
haben alle Nationen, welche vorzüglich gut reiten, z. B. die Ungarn,
Türken, ähnliche Sättel, statt auf einem kaum gekrümmten und
spiegelglatten Stück Leder zu sitzen, welches den englischen Sattel
vorstellt.
Die Sporen der Chilenen sind mächtig groß, die Räder derselben haben
zwei bis drei Zoll im Durchmesser und ich habe in Santjago ein
Paar gekauft und mitgebracht, bei welchen die Räder sieben Zoll im
Durchmesser haben und welche sechs bayerische Pfunde wiegen.
Entsprechend sind die Steigbügel, meist schwer aus Holz geschnitzt,
während das Riemen- und Zaumzeug aus geflochtenem Leder, beim Zaume von
der Dicke eines Fingers besteht. Bei den reichen Chilenen finden sich
alle diese Gegenstände entweder, so wie die Sporen, ganz von Silber
oder so schwer beschlagen und überkleidet, daß ein vollständiges
Reitzeug auf tausend Peso wohl auch höher zu stehen kömmt. Die
Alforia, die Reisetasche, hängt bei längeren Reisen fast immer am
Sattel, unentbehrlich aber ist der Lasso, den man bekanntlich in ganz
Südamerika trefflich zu handhaben weiß.
Man weiß anfänglich nicht, soll man die Kunstfertigkeit des
chilenischen Reiters, oder die Ausdauer des Pferdes mehr bewundern,
indessen gehören beide zusammen um so vollkommen zu sein, wie sie
wirklich sind. Ich habe in der ersten Zeit meines Dortseins öfter
geglaubt zufällig einem Kunstreiter vom Fach zu begegnen, welcher
Privat-Uebungen anstellte. So ging ich noch während der ersten Tage
meines Aufenthaltes in Valparaiso auf einem schmalen, sehr abschüssigen
Pfade, der rechts von einer scharfen Felswand, links von einem mehrere
hundert Fuß tiefen Abgrunde begrenzt und kaum mehr als drei Fuß breit
war. Indem ich nun über mir, an der Felswand, den Granit mit einer
jener Quarzadern durchzogen sah, für welche ich mich sehr interessirte,
suchte ich eine passende Stelle, um aufwärts zu klettern und den
Quarzgang in der Nähe betrachten zu können. Da höre ich, eben
halb hängend, halb stehend auf einem kleinen Vorsprunge, plötzlich
Hufschlag und sehe zugleich einen Chilenen im wüthenden Galopp den
schmalen Weg dergestalt abwärts jagen, daß ich der festen Ueberzeugung
war, das Pferd sei im wildesten Durchgehen begriffen, und jeden
Augenblick einen furchtbaren Sturz in die Tiefe erwartete. Da hält,
keine zehn Schritte von mir, der Reiter plötzlich sein Pferd an, und
das mit einem so gewaltigen Rucke, daß es sich vollständig auf die
Hinterbacken setzt, und schneller als ich das Folgende niederschreiben
kann, hat er sich eine Papier-Cigarre gewickelt, angebrannt, sprengt
sein Pferd vom Platze aus wieder zum Galopp an und ist eher um eine
schroffe Biegung des Weges verschwunden als ich mich besinnen kann.
Warum ist jener Mensch so unsinnig geritten? Einfach zum Vergnügen! Und
ich selbst bin vier Wochen später, soll ich es gestehen, nicht _ganz_
zum Vergnügen, doch aber, nun -- eben um nicht zurückzubleiben, eben
so toll einen ähnlichen Weg hinab gejagt, indem ich einem deutschen
Landsmann folgte.
Man gewöhnt sich rasch an dieses Reiten, da man bald die
Vortrefflichkeit der Pferde erkennt, welche selten straucheln, aber fast
nie stürzen, und welche man zudem durch das scharfe Gebiß gut in der
Hand hat und fast buchstäblich niederreißen kann.
Eine beliebte Uebung des chilenischen Landvolks ist folgende: Von
einem frisch geschlachteten Stiere wird die Haut mit der feuchten
und schlüpfrigen inneren Seite aufwärts auf dem Boden mit Pflöcken
befestigt. Man stellt sich zwei bis dreihundert Schritte davon auf,
sprengt im Carriere an und arretirt auf der spiegelglatten Haut.
Aber die Pferde, gewöhnt von Jugend auf an solche Uebung, sind willig
und gutartig und haben dabei eine Sicherheit des Ganges und eine
Ausdauer, welche unglaublich erscheint.
Man reitet zwanzig bis fünf und zwanzig Stunden des Tags ohne das Pferd
nur ein einziges Mal zu füttern, höchstens reitet man es bis an den
Bauch in einen Bach, läßt es nach Belieben trinken und reitet im
Galopp weiter, denn alle diese Reisen werden galoppirend gemacht, das
Traben kennt man nicht.
Aber hat man solche starke Touren gemacht, so läßt man das Pferd
wenigstens einige Wochen lang ausruhen, und geht es an, auch länger.
Ueberhaupt bleibt ein Pferd nicht länger im Dienste als etwa vier
Wochen. Man schickt es dann auf's Land, wo es eben so lange Zeit frei
umherläuft, auf den Felsen umherklettert, und überhaupt ganz nach
Willkühr lebt. Es giebt Landleute, welche größere und unbebaut
liegende Landstrecken zu diesem Zwecke benützen. Man schickt seine
Thiere einem solchen, und die bereits ausgeruhten werden mit dem Lasso
gefangen und wieder zur Stadt zurückgebracht.
Selbst in den Städten besitzt fast jedermann einige Pferde, auf dem
Lande aber, wo der Unterhalt derselben fast gar Nichts kostet, ist kaum
irgend Jemand, der nur eine Hufe Landes besitzt, ohne fünf, zehn oder
mehrere Pferde, welche alle frei umherlaufen, grasen und sich, bis
man ihrer bedarf und sie mit dem Lasso fängt, vollständig selbst
überlassen sind. Auch die Ställe in den Städten sind von den
unsrigen sehr verschieden. Es sind Schuppen, in welchen die Thiere frei
umherlaufen und sich des Winters gegen etwaigen Regen, oder im Sommer
gegen allzustarke Sonne, unter einem im Ecke des Schuppens angebrachten
Dache schützen.
Es erhellt aber, daß auf solche Weise das Pferd nie den freien
Gebrauch seiner Glieder verliert und nachdem es wochenweise auf Felsen
umhergeklettert ist, um sich seine Nahrung zu suchen, später ebenfalls
nicht ängstlich ist oder strauchelt, wenn es seinen Reiter über
schmale Felsenpfade oder an Abgründen vorüber tragen soll.
Die Pferde werden mit Gerste gefüttert, da man den Hafer nicht kennt,
Grünfutter ist indessen die vorzüglichste Nahrung derselben.
Der Preis eines Pferdes ist sehr verschieden; um zwei bis drei Unzen
erhält man ein ganz taugliches Pferd, bisweilen aber werden wohl
auch vier bis fünfhundert Peso für eins gezahlt. Ich muß als eine
Eigenthümlichkeit erwähnen, daß man in Chile die Gewohnheit mancher
Pferde, im Paßgange oder Schritt die Vorderfüße über einander zu
werfen, für eine ganz besondere Schönheit hält, während bei uns dies
für einen sogenannten Schönheitsfehler angesehen wird. Indessen weiß
ich weder den deutschen noch den spanischen Kunstausdruck für diese
Tugend oder Untugend der Pferde, obgleich ein solcher existirt. Man
sucht sorgfältig Stuten und Hengste, welche diese Eigenschaft haben,
zusammen zu bringen, und gut ausgefallene Fohlen, welchen man möglichst
noch durch Dressur nachhilft, werden dann zu den oben angegebenen hohen
Preisen verkauft.
Maulthiere und Esel werden von den Chilenen weniger zum Reiten als zum
Waaren-Transport und Lasttragen verwendet, doch sieht man ärmere Leute
auf Eseln reiten. Unbedingt aber zieht man in Chile die Pferde den
Maulthieren für gefährliche Gebirgsreisen vor. Letztere sind, wie
Alles was zum weitverzweigten Geschlechte der Esel gehört, störrisch
und eigensinnig, ja selbst boshaft, und es gilt in Chile als
Regel, stürzt man mit einem Maulthiere, sich sogleich, selbst bei
gefährlichem Terrain, so weit als möglich vom Thiere hinweg zu
wälzen, da es augenblicklich nach dem Kopfe des Liegenden schlägt.
Ich habe den Pferden und dem Reiten eine, vielleicht anscheinend
ungebührlich lange Stelle gewidmet, aber da der Chilene als Kind von
drei Jahren auf's Pferd kömmt, und die siebzigjährige Matrone noch
Tagreisen auf demselben macht, so mag dem treuen Genossen jener Menschen
diese Schilderung seiner Vorzüge wohl gegönnt sein[14].
Ich komme jetzt auf einen eigenthümlichen fast schwierig zu
behandelnden Gegenstand, welcher nichts desto weniger mit einigen Worten
erwähnt werden muß. Ich meine das, was man die Sittlichkeit eines
Volkes im engeren Sinne des Wortes nennt.
Allenthalben ist man geneigt südlichen Völkern einen größeren
Hang zur Sinnlichkeit beizumessen, als solchen, welche in kälteren
Landstrichen wohnen. Man spricht von heißem Blute, von unbezähmbaren
Leidenschaften, von dem Feuer, welches sich in jenen glühenden Blicken
verrathe u. dgl. mehr. Ich möchte dem nicht unbedingt beipflichten,
nach Allem was ich erfahren habe in kalten und heißen Ländern, und
vielleicht gerade in _dem_ Punkte, im Punkte der sinnlichen Liebe. Es
will mir scheinen als sei der Saame der alten Erbsünde nahebei gleich
stark vertheilt in den Herzen aller Menschen, unter Blonde, Braune und
Schwarze, und es neige sich der Sohn des kalten Nordens so stark zu
verbotener Liebe, als das Kind der tropischen Sonne.
Aber ein bischen mehr Verstellung versteht der erstere zu üben, mancher
zügellose Wunsch wird dort mit dem Schleier der Sittsamkeit bedeckt,
und die scharfe Zunge einer Heuchlerin tadelt an der Nachbarin das
Vergehen, dessen sie selbst schuldig.
Näher dem Aequator ist man nicht so ängstlich bemüht seine
Leidenschaft zu verbergen, man sündigt weniger geheim, und begeht
deshalb in Wirklichkeit weniger Sünde, weil man minder lügt, minder
heuchelt.
Eigentlich mag Valparaiso im Betreff der Sittlichkeit, behalten wir den
Ausdruck bei, keine sichere Norm abgeben, denn es ist eine Hafenstadt
und in dieser begegnet man auch in tugendreichen Landen, mehr als in
andern Städten, gefallenen Töchtern und verlorenen Söhnen.
Aber eben wegen der Freiheit, mit welcher man in Chile gewisse Dinge
behandelt, tritt kein so strenger Gegensatz zwischen andern Städten des
Innern auf, und dort, so wie hier, öffnen des Abends jene Damen, von
welchen ich oben erzählte, daß sie den Maskenball besuchten, ihre
Thüren und lassen ein Paar Blumen, ein Paar Bilder an den Wänden, ein
Licht und eine freundliche Miene sehen. Fremde und Einheimische treten
ein, man spricht, scherzt, die Guitarre erklingt (bisweilen indessen
verzweifelt verstimmt) und man trinkt wohl auch ein Glas aus der
Nachbarschaft geholten Weines. Endlich werden die Thüren wieder
geschlossen, und die Besuchenden sind gegangen. Ich kann keine
Rechenschaft ablegen davon, ob nicht etwa einer derselben geblieben ist,
aber ich kann bezeugen, daß der Vorübergehende nicht in diese Zimmer
gelockt oder gerufen wird, ohne Zweifel bloß deßhalb, weil man weiß,
daß ohnedieß eintritt, wer Belieben dazu trägt. Das ist schon ein
großer Unterschied zwischen Valparaiso und andern Hafenstädten in
Europa. Bisweilen sieht man vor solchen geschlossenen Thüren einen Mann
oder ein altes Weib kauern und friedlich wartend eine Cigarre rauchen.
Ein Freund, der sich nähere Kenntniß erworben, hat mir versichert,
dieß sei nach der Aussage der Mädchen =un amigo= oder =mi matre=,
welche vorläufig außen verweilend, den Schlaf der Freundin oder
Tochter bewachen, und später wieder eintreten. Ländlich, sittlich!
Mancherlei noch wußte mein Freund zu berichten, aber streng und
nördlich gesinnt, habe ich Alles wieder vergessen, bis auf die burleske
Schilderung, die er mir entworfen von der künstlerischen Ausschmückung
jener Zimmer. Es bestünden die Bilder an den Wänden dort meist aus
deutschen Lithographien, und friedlich habe er dort neben einander
hängen gesehen europäische und deutsche Fürsten, Marien und Heilige,
Robert Blum und Hecker. Sieht man da nicht, sagte mein Freund, wie
Liebe, Unschuld und ein kindliches Gemüth alle Gegensätze zu einen
wissen?
Im Kreise der höheren Stände und der Leute, welche Geld besitzen,
hat man sich ohnedem ganz nach europäischem Typus eingerichtet, wie
solches, mit Ausnahme der Glacé-Handschuhe, auch mit den Kleidern
geschehen ist; es ist also wohl auch derselbe Fall mit der Tugend und
Moralität eingetreten, gegen außen wenigstens.
Aber manche rosenfarbene Sünde, die geheim betrieben wurde, mag auch
durch geheime Buße und Reue gesühnt worden sein, denn noch sind die
Frauen fromm und gläubig in Chile.
Aber es ist Zeit wieder einmal von mir selbst zu sprechen. Ich hatte
fast acht Wochen in Valparaiso und der Umgebung zugebracht. Da meine
Excursionen mich oft weit ab von der Stadt führten, hatte ich häufig
Gelegenheit, oder war viel gezwungen, auf dem Lande in einem einsamen
Gehöfte oder einer Hütte zu übernachten, das Leben der Landbewohner
kennen zu lernen und praktisch so viel Spanisch zu erwerben, daß
ich nothdürftig ein Gespräch führen konnte. Allenthalben wurde ich
gastlich aufgenommen, und obgleich von Chilenen selbst vor Räubern
gewarnt, ist mir doch nie das Geringste begegnet. Indessen wurde einmal
während meines Aufenthalts in Valparaiso eine Räuberbande, oder
wenigstens in die Gattung einschlagendes Gesindel eingebracht. Von einem
Morde aber oder von einem räuberischen Anfalle verlautete während der
ganzen Dauer meines Aufenthaltes Nichts. Fürchten aber mag man sich
wohl vor Aehnlichem. Wenn ich des Abends oder während der Nacht allein
auf einsamen Straßen ritt und mir ein oder mehrere Reiter entgegen
kamen, bin ich denselben nicht ausgewichen, sondern ritt stets auf
derselben Seite der Straße, welche sie behaupteten; meist wich dann der
Entgegenkommende schon in der Entfernung aus. Lenkte ich aber mein Pferd
nochmals auf die Seite der fremden Reiter, so bogen jene häufig von
der Straße ab, gaben auch wohl querfeldein Fersengeld. Freilich war ich
stets bewaffnet und mag einem »Ladron« nicht unähnlich gesehen haben
in meinem Reise- und Jagdcostüme.
Wenn man aber fragt, warum ich eigentlich jenen Reitern entgegen
geritten, so muß ich antworten, daß dieses ziemlich aus demselben
Grunde geschehen, aus welchem sie auswichen. Da ich denn doch nicht
wußte, wem ich das Vergnügen haben sollte zu begegnen, so zog ich vor,
das Prävenire zu spielen.
Vierzehn Tage wohnte ich während jener Zeit auf den Windmühlen etwa 2
Stunden von Valparaiso. Ein deutscher Aufseher, Namens Schmids, der dort
wohnte, trat mir freundlich eine Stube ab, stellte mir seine Pferde
zur Disposition, und half mir gefällig in meinen Arbeiten. Ich habe in
seiner Begleitung größere Touren in das Land gemacht, und noch später
überbrachte er mir für mich gesammelte Naturalien nach Valparaiso. Mit
wahrhaft aufrichtiger Freude gedenke ich stets der deutschen Landsleute
aus allen Ständen, welche mir im fernen Lande so freundlich entgegen
gekommen sind, und ich schalte bei dieser Gelegenheit ein, daß während
meines zweiten Aufenthaltes in Valparaiso, vier Monate später, mir
mehrere deutsche Handwerker, welche dort als Gesellen arbeiteten, Käfer
und Conchylien überbrachten, da sie durch das Gerücht erfahren hatten,
daß ich Naturforscher sei und solche Dinge sammle.
Die Abende auf jener Mühle wurden gewöhnlich bei einem Italiener
zugebracht, welcher eine Frau aus Buenos-Ayres geheirathet hatte und
dort an der Straße nach Santjago einen kleinen Kaufladen und eine
Schenke unterhielt. Sein Lager war ziemlich gut mit verschiedenem
Getränke versehen, aber wie überhaupt in jenen Ländern gebräuchlich,
waren alle Flaschen und Vorräthe auf Gestellen längs den Wänden
aufgestellt, und durch kürzlich vorgenommene Baureparaturen in einige
Unordnung gekommen. Selten war das Richtige zu finden, und so kam es,
daß statt chilenischem Biere Portwein, statt Teneriffa Ale, und statt
Madeira Bordeaux gereicht wurde. Nach einigem Suchen überreichte der
Wirth irgend eine Flasche mit der stehenden Redensart. »Ich weiß
nicht, was es ist, aber es wird wohl auch gut sein,« und auch die
Preise wurden willkürlich gemacht.
Diese Art, Wirthschaft zu betreiben, ergötzte mich höchlich. Die durch
Zufall erworbene Flasche wurde meist mit den Wirthsleuten getheilt,
während ich an ihrem Abendessen Theil nahm und Paraguai-Thee mit ihnen
trank. Obgleich bei Tage schon stärkere Hitze eingetreten, waren doch
die Abende und Nächte ziemlich kühl, da der Berg, auf dem die
Mühlen erbaut, der höchste der nächsten Umgebung und dem Winde stark
ausgesetzt war, und es fehlte bei diesen abendlichen Unterhaltungen nie
der Brasero. Ich habe dort gemüthlich am Kohlenfeuer sitzend manche
schätzenswerthe Aufschlüsse über Chile und die benachbarten Länder
erhalten, welche theils der Deutsche, theils der Italiener durchzogen
hatte, und welche ich großen Theils, einmal aufmerksam gemacht,
bestätigt fand.
Ich muß bei dieser Gelegenheit einer eigenthümlichen Notiz erwähnen,
welche mir dort mitgetheilt wurde, und welche zwar allerdings theilweise
gewiß eine Fabel, eben so gewiß aber auch nicht ganz aus der Luft
gegriffen ist. In den La Plata-Staaten -- erzählte der Müller -- also
auf der »andern Seite« wie man in Chile zu sagen pflegt, existirt
ein sonderbares und gefährliches Thier. Es ist eine Schlange von etwa
fünfzehn Fuß Länge, aber von der Dicke eines sehr starken Mannes,
wohl auch stärker. Dieses Thier hat eine nur langsame Bewegung, aber
eine furchtbare Kraft im Athem. Selbst größere Säugethiere, zum
Beispiel Füchse, werden, sind sie einmal auf zehn oder zwölf Schritte
im Bereich der Schlange, von ihr angezogen und verspeist. Die Thiere,
welche, einzig durch das mächtige Einziehen der Luft, dem Unthier
immer näher gebracht werden, stemmen sich mit aller Kraft dagegen, und
schreien häufig aus Angst, aber alles ist vergebens. Die Schlange zieht
auf gleiche Weise kleine Kinder an sich und ist sehr gefürchtet, da sie
sich nicht selten in der Nähe von Dörfern und Städten blicken läßt.
So bei Mendoza, San Juan, La Bioja. Da sie keine raschen Bewegungen hat,
können kräftige Männer ihrer Herr werden, und man erschlägt sie mit
Aexten. Ihre Haut giebt dann Riemen und Lederzeug und wird in Streifen
geschnitten und zu Reitpeitschen verwendet. So weit der Müller. Daß
die Geschichte mit dem Anziehen durch den Athem eine Fabel ist, begreift
jedermann. Aber daß dort ein Thier von ähnlicher Form und Größe
existirt, was von unsern Naturforschern bis jetzt noch nicht gekannt
ist, unterliegt fast auch keinem Zweifel. Ich habe später mit einem
deutschen Arzte in Santjago, welcher sich vielfach mit der Fauna jener
Gegenden beschäftigte, über die Sache gesprochen, und er sagte mir,
daß jene allgemein verbreitete Sage in Betreff der Größe der Schlange
ihre Richtigkeit habe und es sei ihm durch die glaubwürdigsten Zeugen
bestätigt, daß kleinere Säugethiere, Vögel und Amphibien sich
wirklich der Schlange nähern und von ihr verspeist werden. Aber die
Haut der Schlange sei stets klebrig, so daß eine Menge von Insekten,
ja selbst kleine Vögel auf derselben klebten und diese sowohl als die
größeren, später zum Opfer fallenden Thiere, sähen die Schlange
selbst für einen liegenden Baumstamm an, dem sie wirklich ähnlich
sehe. Auf diese Weise würden letztere eine Beute des Unthiers, indem
sie sich der kleinen fest klebenden Thiere bemächtigen wollten. --
=Relata refero!=
Aber selten ist eine so allgemein im Volke verbreitete Sage wie die eben
erzählte ganz ohne Grund; und ich halte es für Pflicht des Forschers
ihrer zu erwähnen um spätere wissenschaftliche Reisende aufmerksam zu
machen.
Bei meinem Aufenthalte auf den Mühlen traf ich einige Mal Leute,
welche aus den Vorbergen der Cordillera herabkommend, verschiedene
Volksheilmittel und ähnliche Gegenstände zum Verkaufe brachten. Ich
bin durch einen eigenthümlichen Zufall, den ich nicht näher erwähnen
kann, um jene Medikamente gekommen, aber ich glaube, daß sie wenigen
Werth für die Wissenschaft gehabt hätten, indem die Wurzeln und
Kräuter, aus welchen sie bestanden, meist zu unscheinbarem Pulver
zerrieben waren, während ihre Bezeichnung der beim Volke gebräuchliche
Name der Pflanze ist, der sich noch häufig nur auf kleinere Distrikte
beschränkt.
Des Beispiels halber führe ich indessen einige solche Artikel an,
welche ich im Hausschatze einer Landbewohnerin fand, bei welcher ich
öfter auf Excursionen einkehrte:
_=Voican=_, klein geraspelte Holzspähne, gegen Leucorrhoea;
_=Mansarilla de Castilio=_, Blattfragmente gegen Magenschmerzen;
_=Goma[15] de Mimbrilla=_, Samenkörner, gegen Hämorrhagien aller Art;
_=Triaca[16]=_, Wurzel gegen Magenschmerzen;
_=Pichoa=_, Blattfragmente, als Purgirmittel gebräuchlich;
_=Pietra de aguila=_, Adlerstein, wurde als reines Eisenoxydhydrat
befunden, von der Besitzerin aber als eine große Seltenheit und theurer
Gegenstand geschätzt. Es wird gegen Fallsucht angewendet.
Endlich _=Asarcon=_ gegen Verstopfung. Dieses Mittel bestand aus reinem
Mennige, welcher im Spanischen =minio= heißt. Woher der Name =asarcon=,
weiß ich nicht, wenn nicht vielleicht von =asarse=, verbrennen.
Die Frau hielt dieses Mittel, vielleicht wegen der rothen Farbe, am
höchsten in ihrem ganzen Arzneischatze. Ich gab ihr einige Aloë-Pillen
mit der Anweisung _zwei_ derselben bei vorkommenden Fällen zu
gebrauchen, und die Mennige zu entfernen. Als ich des andern Tages
wiederkehrte, fand ich ihre Magd, ganz nach Art der deutschen
Stubenmädchen, mit verbundenem Kopfe und mürrischer Miene
umherschleichen, und nachdem sie sich entfernt hatte, gestand mir die
Herrin mit heimlicher Freude, sie habe, um die Stärke meines Mittels zu
prüfen, dem Mädchen _fünf_ Pillen gegeben. =Well!= man sieht hieraus
wie der Drang, wissenschaftliche Experimente anzustellen, selbst
unschuldigen Naturkindern einwohnt.