IV.

Die Fahrt um Kap Horn nach Chile.

Wieder auf der Reform und geschaukelt auf den sanften Armen der alten

Thetis, schien uns anfänglich Alles sich vereinigt zu haben, die Fahrt

zu einer angenehmen zu machen. Segelnd _bei_ dem Winde mit Nord-Ost,

oder mit Nord _vor_ dem Winde und bei aufgesetzten Leesegeln kamen wir

so rasch vorwärts, daß wir in den ersten Tagen fast täglich drei

Breitegrade durchfuhren und bald die Höhe von Buenos-Ayres erreicht

hatten.

Am Bord war ein reges Leben. Die Passagiere suchten die in Rio de

Janeiro gekauften Vorräthe, meist alle eßbarer Natur, unterzubringen.

Ich verpackte und verstaute Naturalien, welche ich dort erworben,

indianische Waffen und andere Gegenstände, und des Abends wurde dem

erstandenen Lissabonwein, der an Portwein erinnert, aber süßer ist,

nicht selten wacker zugesprochen. So machte es wenig Eindruck, daß,

kaum aus dem Hafen von Rio ausgelaufen, uns der »Expreß« begegnete,

ein Schiff unseres Rheders, welches vor uns von Bremen abgesegelt und

auf der Höhe von Buenos-Ayres übel zugerichtet worden, so daß es

umkehren und in Rio bessern mußte. Die Barke hatte am linken Mast

Braam- und Royalstangen verloren und sah höchst jämmerlich und

zerschunden aus.

Die Fauna des Meeres ist in jenen Breitegraden eine reichliche. Wir

sahen häufig Quallen von allen Arten, unter welchen Scheibenquallen von

mehreren Fußen Durchmesser nicht selten. Delphine begegneten uns, Züge

von Butzköpfen wurden gesehen, und mannichfache Seevögel, worunter

auch schon Albatrosse, begleiteten das Schiff.

Aber auf der Höhe von Buenos-Ayres schon begannen wir einen

Vorgeschmack zu bekommen von den Freuden des Kap Horn. Die See ward

stürmisch und die häufigen Gewitter, welche unter jenen Breiten

herrschen, trieben uns bald ost- bald westwärts. Dort kamen die

ersten starken Wellen über Bord und ich erinnere mich noch des

eigenthümlichen Anblicks, welcher uns in der Kajüte während des

Mittagessens durch einen solchen unwillkommenen Gast zu Theil wurde.

Eine ziemliche Anzahl der Passagiere des Zwischendeckes standen an der

Luvseite des Schiffes, als plötzlich eine mächtige See über Bord

schlug, und da gleichzeitig sich das Schiff rasch auf die Leeseite

legte, wurden sie sämmtlich ziemlich unsanft, aber desto rascher von

der Backbordseite auf die Steuerbordseite geschleudert, begleitet und

durchnäßt von einer mächtigen Wassermasse. Da unser Skylight mit

vergittertem Glase gedeckt war, blieb es unbeschädigt, aber keiner von

uns in der Kajüte konnte sich anfänglich erklären, was die Menge von

Armen, Beinen und Köpfen zu bedeuten hatte, welche rasch und polternd

und bunt durcheinander gemengt, das Skylight passirte.

Bald übrigens erlangt man die Uebung beurtheilen zu können, ob eine

See über Bord kommen wird oder nicht, und kann so der namentlich in

höheren Breitegraden unangenehmen Durchnässung ausweichen, oder sich

schützen.

Die meisten Gewitter, welche uns dort überraschten, kamen des Nachts

und waren von einem heftigen Winde begleitet. Das Schaukeln des

Schiffes, das Brüllen des Donners und der über Bord schlagenden

Wellen, in Gemeinschaft mit dem Lärmen, der durch Bergen der Segel

und auf Deck nicht selten herumrollenden Gegenstände verursacht

wurde, machten manchem der Genossen schlaflose Nächte, zudem da die

Seekrankheit wieder alle dafür Empfängliche stark befallen hatte. Ich

selbst blieb davon verschont und wurde auch von dem nächtlichen Lärmen

nicht sonderlich beunruhigt, indem ich mich bald an denselben gewöhnt

hatte.

Es wurde jetzt von Tag zu Tag die See stürmischer, und das, was wie

es scheint beinahe allen Schiffern, die Kap Horn umsegeln, geschieht,

begegnete auch uns, wir verloren unsere Hühner. Es wurde nämlich der

Hühnerkasten eines Morgens von einer starken Welle zerschlagen und ein

Theil seiner Insassen theils über Bord gespült, theils beim Bruche

des Behälters getödtet, die wenigen wieder eingefangenen aber, welche

trübselig und durchnäßt im nothdürftig reparirten Kasten ihres

weiteren Schicksals harrten, wurden sammt dem Kasten in folgender Nacht

vollständig in die See gespült.

Wir hatten jene Hühner in Brasilien eingenommen, sie waren von einer

hochbeinigen Race und schienen das Seeleben überhaupt nicht gut

zu vertragen, indem sie sichtlich abmagerten und überhaupt sich

jämmerlich geberdeten, während die früher von Deutschland

mitgenommenen frisch und munter blieben, wurden sie gleichwohl nicht

übermäßig fett befunden.

Am 16. Juli unter 50° 54' Länge und 44° 50' südl. Breite, wurde

mir von den Matrosen ein Regenbogen gezeigt, welcher am Himmel stand,

während an dem Orte, wo wir uns befanden, weder Regen noch Sonnenschein

war. Die Seeleute nennen die Erscheinung Sturmstack, wohl vom englischen

Stake herkommend, welches Stock, Pfosten bedeutet. Wie der Ausdruck

bezeichnet, bezieht man sie auf nahenden Sturm, welcher aber jenesmal

sich nicht einstellte. --

War schon auf der Höhe von Buenos Ayres häufig Wasser über Deck

gekommen, so war jetzt buchstäblich keine trockene Stelle mehr auf

demselben, indem sich das Wetter täglich verschlimmerte, und neben den

fortwährend einschlagenden Wellen häufiger kalter Regen fiel. Auch

die Temperatur sank bedeutend, des Mittags z. B. stand am 16. Juli das

Thermometer + 6.3 R. Dazu kam, daß während in der Kajüte selten

gelüftet werden konnte, es doch auch dort kaum wärmer war, weil

die fortwährende Nässe, erzeugt theils durch von oben eindringendes

Wasser, theils durch die Menge der durchnäßten Kleidungsstücke,

Alles erkältete. Geheizt wurde jetzt so wenig als später, da kein Ofen

vorhanden, und dunkle Gerüchte, die sich von einem am Bord befindlichen

Ofen verbreitet hatten, welcher in jenen Breiten aufgestellt werden

sollte, sich nicht bestätigten. So wurde der Aufenthalt auf der Reform,

je mehr wir uns dem Süden näherten, stets unbehaglicher, und diese

Unannehmlichkeiten wurden noch vermehrt durch die erneut ausbrechenden

Mißhelligkeiten zwischen Kapitain und Passagieren.

Ich habe, wie ich schon früher erwähnte, dort mehrfach begütigt und

mancherlei ersonnen, um die streitenden Theile auseinander zu halten,

bald mit mehr, bald mit minderem Erfolge, aber ich gehe über diese

Dinge hinweg, die den Leser ermüden müßten, wie sie mir zu jener Zeit

zum Ekel geworden sind.

Wir beobachteten am 21. Juli unter 56° Länge und 46° 54' südl.

Breite den ersten Tang und einige Tage hindurch wurden von Zeit zu Zeit

Stücke desselben gesehen und aufgefischt. Ueber 49° 5' Breite hinaus

konnte ich kein Exemplar dieser Pflanze mehr entdecken, obgleich

ich trotz des schlechten Wetters oft Ausspähe hielt. Es war =Fucus

pyriferus Linné=, und bald darauf wurde auch =Fucus antarcticus

Chamisso= an Bord gebracht. Diese von uns aufgefangenen Tange, welche

sonst bisweilen eine Länge von 300 Fuß erreichen, hatten indessen nur

höchstens eine Länge von 10 bis 15 Fuß, und es bleibt bemerkenswerth,

daß wir weiter gegen Süden zu keine mehr zu sehen bekamen. Auch als

ich etwa ein Jahr später Kap Horn abermals umschiffte, traf ich nur

sehr wenige und kurze Stengel dieser Pflanzen, so daß es scheint,

als sei das Fortkommen derselben in diesen Breiten veränderlich, oder

unbekannten Zufälligkeiten unterworfen, indem andere Reisende von

80 Fuß langen Stücken des =Fucus pyriferus= sprechen, welche dort

aufgefischt worden, und dessen Häufigkeit in jenen Breitegraden

hervorheben. Auch war an den von mir aufgefangenen Fucus-Stücken kein

lebendes Wesen zu finden, was sonst selten der Fall zu sein

scheint, indem fast alle anderen Beobachter große Mengen der

verschiedenartigsten Thiere auf denselben gefangen haben.

In der Nacht vom 25. auf den 26. Juli hatte ich Gelegenheit eine

eigenthümliche Modifikation eines Mondhofes zu beobachten. Der

Mond stand bei leicht bedecktem Himmel etwa 15 Grade hoch. Genau dem

Durchmesser des Mondes gleich zeigte sich in senkrechter Richtung ein

leuchtender Streif ober- und unterhalb desselben, von einer Totallänge

von ebenfalls etwa 15 Graden und ziemlicher Lichtstärke, welche am

intensivsten in der Nähe des Mondes selbst war. Rasch vorüber ziehende

Wolken oder Nebelschichten dämpften oder hoben, je nach ihrer Stärke,

die Lebhaftigkeit des Lichtes, welches bisweilen ziemlich glänzend

erschien. Man kann sich die Erscheinung am leichtesten versinnlichen,

wenn man sich einen gewöhnlichen, aber ziemlich großen und hellen Hof

um den Mond denkt, an welchem auf beiden Seiten, bis an die Ränder der

Mondscheibe hin, zwei Segmente abgenommen worden sind.

Obgleich ich häufig Gelegenheit gehabt hatte, sowohl in Europa als auch

auf und über der See den nächtlichen Himmel zu beobachten, habe

ich doch blos einmal später in Nürnberg (März 1852) eine ähnliche

Erscheinung gesehen, indessen, wenn ich mich so ausdrücken darf, blos

angedeutet, nicht klar ausgesprochen, und von geringer Intensität[5].

Wir gingen am 28. Juli des Morgens zwischen Staatenland und Good

Succeß, der südlichsten Spitze des Feuerlandes, hindurch und hatten

Gelegenheit bald die eine bald die andere der beiden Küsten ziemlich

deutlich beobachten zu können. So viel theils mit freiem Auge, theils

durch einen Feldstecher von Plössel zu beobachten war, möchte ich die

sichtbar gewordene Küste des Feuerlandes in der massenhaften Bildung

ihrer Formen sehr ähnlich bezeichnen mit dem Typus der Westküste

Amerikas überhaupt. Kleine Hügel schienen mehr oder weniger weit in

See vorgeschoben und bildeten die äußerste Küste. Sie waren dunkel,

fast schwarz gefärbt, theilweise in pittoresken Formen und schienen

basaltischen und doleritischen Gebilden oder plutonischen Conglomeraten

anzugehören, wie solche so häufig allenthalben an der Westküste in

größerer oder geringerer Ausdehnung getroffen werden. Das mit Schnee

bedeckte Gebirge, das gegen das Innere zu sich über jene dunklen

Vorgebirge erhebt, trägt den Charakter granitischen Gesteins in

weiterer Ausdehnung des Begriffes, wie denn solches eben auch an

der Westküste der Fall, wo mächtige Massen von Granit, Gneiß und

Glimmerschiefer das Festland bilden, bis sie durchbrochen werden von

der Andeskette, jener gigantischen Musterkarte aller plutonischen und

vulkanischen Gesteine der Erde.

Staatenland, uns, den Vorübersegelnden, auf der Backbordseite liegend,

zeigte im Allgemeinen ähnliche Formen und jene in's Meer reichenden

Felsgebilde traten bisweilen noch klarer ausgesprochen hervor. Es mag

nicht bezweifelt werden, daß Staatenland verbunden gewesen mit dem

Feuerlande, und entweder getrennt worden ist von demselben bei der

Hebung beider über die Oberfläche des Meeres, vielleicht aber auch

durch eine jener gewaltigen späteren Katastrophen, die periodisch

eingetreten sein müssen noch nach der Entstehung jener Länder.

Wem, wohnend auf dem, wenigstens wie es scheint geognostisch ziemlich

feststehenden Boden unsers guten alten Deutschlands, eine solche

gewaltsame Trennung so bedeutender Massen in vorhistorischer Zeit

unglaublich erscheint, den verweise ich auf die erst vor 100 Jahren

(1746) vor sich gegangene Entstehung der Insel San Lorenzo bei Callao,

welche früher ein Theil des Festlandes, im genannten Jahre durch ein

Erdbeben losgerissen wurde und jetzt eine Viertelstunde weit in See

liegt.

Wir hielten uns, verloren wir auch bald die Küste aus den Augen, doch

stets nicht weit vom Lande entfernt, und die Temperatur sank in Folge

dessen ziemlich bedeutend, so daß das Wasser jetzt stets um einige

Grade wärmer war als die Luft; so stand des Abends am 28. Juli das

Thermometer an 0° R., während das Wasser + 4° R. zeigte.

Eine kleine Tabelle über die Thermometerstände, welche ich weiter

unten im Auszuge folgen lassen werde, erläutert am besten diese

Verhältnisse, welche ich für jetzt in Zahlen ausgedrückt nicht weiter

berühren werde.

Ich will aber hier eine kurze Schilderung unseres Lebens und Treibens

während der Umschiffung des Kap Horn geben.

Jämmerlicher und trostloser kann nicht leicht etwas gedacht werden

als eine solche Reise für den Passagier. Wir passirten das Kap unter

56° 18' südl. Breite, aber wie ich schon erwähnt, hatte das schlimme

Wetter bereits auf der Höhe von Buenos-Ayres begonnen und so hatten wir

über fünf Wochen mit Unannehmlichkeiten aller Art zu kämpfen.

Eine See, die fast unaufhörlich 20 Fuß hohe Wellen wirft, Regen,

Schnee, Hagel und eisige Nebel, das waren die Erholungen auf Deck, wenn

man sich retten wollte aus der Kajüte vor dem Gestöhne der Seekranken,

der kalten dumpfen Luft, dem ekelnden Schmutze, der Nässe und der

Finsterniß, welche dort herrschte.

Die Tageshelle begann zwischen 10 und 11 Uhr, und verschwand wieder vor

3 Uhr des Nachmittags. In der Kajüte aber war die einzige Helle die,

welche durch die geöffnete Thür von oben eindringen konnte, oder die

spärlichen Strahlen, welche durch die einen Zoll breiten und etwa sechs

Zoll langen Prismen in die einzelnen Kojen fielen, denn das Skylight war

durch einen hölzernen Kasten gedeckt worden, da die unaufhörlich über

Deck einschlagenden Wellen dasselbe in kurzer Zeit zertrümmert hätten.

Trotzdem, daß die Fugen dieses Kastens mit Theer und Werg verklebt

waren, drang doch hie und da, von besonders ungünstig einschlagenden

Wellen, Wasser durch dasselbe in die Kajüte, und eben so kamen

durch die geöffnete Thür häufig ganz artige Wassermengen in unser

Gefängniß, und vermehrten die Nässe und den Schmutz.

Es war durchaus nöthig von Zeit zu Zeit auf Deck frische Luft zu

schöpfen. War man aber auch durch Uebung im Stande, meistens den

einschlagenden Wellen auszuweichen, so wurde man doch durch den fast

unaufhörlich fallenden Regen unbedingt durchnäßt und kehrte in die

Kajüte mit nassen Kleidern zurück. Da diese aber nie getrocknet werden

konnten, so besaß in kurzer Zeit Niemand mehr ein halbweg trockenes

Kleidungsstück.

Man kann sich eine Vorstellung machen von der Atmosphäre in dem

engen uns angewiesenen Raume, in welchem 18 Menschen aßen, schliefen,

theilweise Tabak rauchten, ihre nassen Kleider aufbewahrten und nebenbei

zum großen Theile seekrank waren, mit allen Erscheinungen jener

Krankheit, welche ich nicht näher bezeichnen will. --

Kap Horn ist als die Region des fortwährenden Regens bezeichnet, oder

besser als die Region der continuirlichen meteorischen Niederschläge,

und in der That wechseln dort Schnee, Regen und Hagel ohne Aufhören,

und nur selten wurde auf einige Augenblicke die Sonne gesehen als eine

gelbliche, schwach leuchtende Kugel, verdrießlich zwischen Wolken

hervorblickend und sofort wieder von diesen verdeckt. Bisweilen fiel ein

so dichter Nebel, daß auf keine 20 Schritte weit gesehen werden konnte

und vom Steuer aus am Bugspriet stehende Männer vollkommen unkenntlich

waren.

Schlimmes Wetter, wie es die Seeleute nennen, herrscht immer in jenen

Breiten, aber es ist von der Art, daß man es getrost heftigen Sturm

nennen kann. Bisweilen aber treten plötzliche Windstillen ein, die

einige Stunden anhalten, so daß das Schiff dem Steuer nicht mehr folgt

und buchstäblich treibt. Aber die heftige Dinung, d. h. die

hohen stoßenden Wellen, welche vom kurz vorher stürmenden Winde

zurückgeblieben sind, werfen das Schiff dann so nach allen Seiten hin,

und ohne eine bestimmte Richtung, daß wie die Seekranken sagen, diese

Bewegung unangenehmer ist, als die des höchsten Sturmes. Meist wird

eine solche Windstille durch eine plötzliche heftige Boe beendet, bei

welcher nicht selten die Schiffe zu Schaden kommen. Strömungen des

Meeres von West nach Ost erschweren die Fahrt in jenen Regionen, wenn

man beabsichtigt westwärts zu gehen, wozu noch kommt, daß am Kap Horn

und in jenen Breiten überhaupt fast stets Westwinde wehen.

Unser Leben war dort ein kümmerliches und trübseliges, und blieb ich

auch von der Seekrankheit verschont, so hatte ich desto mehr von der

Kälte zu leiden, welche stets mein arger Feind gewesen ist. Es ist eine

schlimme Aufgabe Tag und Nacht Frost und Nässe zu ertragen, mehrere

Wochen hindurch, ohne sich nur ein einzigesmal halbweg erwärmen zu

können. So kam, trotzdem, daß die Temperatur in der Kajüte nicht

unter + 6° R. fiel, doch häufig Erfrieren der Hände und Füße

vor, und ich selbst hatte viel daran zu leiden, obgleich ich früher

in Deutschland zu manchen Zeiten bei hohen Kältegraden den Tag und die

halbe Nacht hindurch im Freien zugebracht hatte. Das Uebel machte

sich bemerkbar durch Röthung und Anschwellen der Finger und Zehen und

brennenden Schmerz in denselben. Ich habe als das beste Mittel gegen

dasselbe, bei andern und bei mir, Bleisalbe erprobt, welche rasch

heilend wirkte, und bei mir wenigstens keine der später wiederkehrenden

Folgen erfrorener Glieder bemerken ließ.

Ich bin in jener Zeit täglich, wie sonst des Morgens auf Deck gegangen

und habe mich mit Seewasser gewaschen, wobei ich mich freilich

sonderbar genug behelfen mußte, da des heftigen Schwankens halber kein

Waschgefäß gestellt werden konnte, oder vielmehr stehen blieb. Den

übrigen Theil des Tages brachte ich größtenteils in der Koje liegend

zu, welche ich mir möglichst artig und behaglich mit in Brasilien

gekauften Schaffellen ausgefüttert hatte. Halb schlafend, halb wachend,

habe ich dort böse Träume gehabt, und wer sich je eine erlaubte

anständige Erholung damit verschaffte, mich zu quälen und zu kränken,

kann mit Satisfaction diese Zeilen lesen. Die stündlichen Beobachtungen

des Barometers und die der Temperatur waren die einzige nützliche

Beschäftigung, welche ich dort vorgenommen habe.

Noch jetzt ist die eigentliche Gefahr bei der Umschiffung des Kap Horn

nicht ganz beseitigt und manche Schiffe werden dort übel zugerichtet.

In früherer Zeit aber gehörte diese Fahrt zu den berüchtigten. Manche

Schiffe waren gezwungen, umzuwenden, und um das Kap der guten Hoffnung

segelnd, den großen Ocean und das Ziel ihrer Bestimmung zu erreichen.

Anson's Reise in den Jahren 1740-1744 giebt hierüber interessante

Aufschlüsse und Beispiele wie ganze Geschwader zerstreut

und verschlagen wurden, und wie gegen die Jetztzeit eine

unverhältnißmäßig große Menge von Schiffen vollkommen zum Dienste

untauglich wurden, oder selbst verloren gingen.

Man verdankt den Verbesserungen in der Schifffahrt, vor allem wohl den

Aenderungen im Bau der Schiffe selbst die gegenwärtige sehr verringerte

Gefahr, denn eine bedeutende Veränderung in den klimatischen

Verhältnissen, in Windrichtung und Strömung und in der Intensität

beider ist nicht wohl denkbar und geht aus den Schilderungen jener Zeit

und den Erscheinungen der Gegenwart auch nicht hervor. --

Wir hatten am 31. Juli des Morgens Kap Horn in Sicht. Ich zeichnete die

Felsengruppe, wie ich es vorher auch bei den Küsten von Feuerland und

Staatenland gethan hatte. Kap Horn ist eine wild und grotesk aus dem

Meere hervorgehobene Felsenparthie und gehört, so wie Diego Ramirez und

andere Felseninseln jener Region wohl unzweifelhaft den basaltischen und

doleritischen Formen an, deren ich schon vorher erwähnte, als ich von

der Küste des Feuerlandes und Staatenland gesprochen habe. Zwei dunkle

mächtige Felsen, scheinbar dicht an einander liegend, wurden uns als

das eigentliche Kap bezeichnet, dann aber breitet sich gegen Osten hin

eine kleine Kette mit Schnee bedeckter kegelförmiger Berge aus, welche

wohl in der Wirklichkeit höher sind, da sie aber weiter zurück liegen,

niedriger erscheinen.

Kap Horn in Sicht hatten wir nach kurz vorausgegangener Windstille eine

heftige Boe aus Nordwest und dann plötzlich Ostwind, so daß wir, was

selten der Fall, mit ganzen Leesegeln rasch vorüber segelten. Es ist

übrigens kein seltener Fall, daß man näher vorüber fahrend dennoch

das Kap nicht zu sehen bekömmt, da häufig dichte Nebel dort alles

verdecken; viele Schiffe gehen auch weiter südlich, so daß man sich

immer glücklich preisen kann, bei der Umschiffung den berüchtigten

Felsen selbst gesehen zu haben.

Den meisten Passagieren stieg der Muth als wir so rasch dahin flogen und

der größte Theil der Beschwerden war vergessen, trotz des Hagels,

der dicht auf unsere Köpfe fiel, und des Eises am Tauwerk, welches

trotzdem, daß das Thermometer + 2° R. zeigte, erst gegen Mittag

verschwand.

Des folgenden Tages, am 1. August, stieg gegen Abend das Barometer

plötzlich sehr rasch, und es stellte sich alsbald ein so heftiger

Nordostwind ein, daß wir die schlimmste Nacht der ganzen Reise hatten,

und selbst der alte Steuermann versicherte »nicht oft« so schlimmes

Wetter erlebt zu haben.

Auch die bestmöglichst verstauten Effekten der Passagiere flogen in

allen Ecken umher; Fässer und Kisten, unsere Privatvorräthe, Mützen,

Pfeifen und Schuhe, kurz, all unser ärmliches Geräthe wurde bunt durch

einander gewürfelt, und Manches zerstört und verdorben. Bei dieser

Gelegenheit ging auch der Rest der für unsern Gebrauch bestimmten

Trinkgläser in Stücke, und die einzige Wasserkanne entleerte im

Sterben ihren Inhalt in die Koje eines Freundes, der sich übel

geberdete, und anfänglich die plötzliche Nässe den durch einen Leck

eindringenden Meeresfluthen zuschrieb.

Es hat sich nicht selten getroffen, daß in jenen Breiten auf ein

Steigen des Barometers etwas weniger übles Wetter folgte, und mein

pariser Aneroid, vermöge welchem ich leichter, als es auf des Kapitains

Quecksilber-Barometer geschehen konnte, ein leichtes Steigen oder Fallen

anzugeben im Stande war, hatte sich Ruf erworben am Bord, aber in jener

Nacht erlitt sein prophetischer Ruf einen bedeutenden Stoß.

Bis zum 5. August blieb der Himmel stets so bedeckt, daß weder Länge

noch Breite genommen werden konnte, und zugleich fiel unaufhörlich ein

kalter Regen, häufig mit Hagel wechselnd. Wir sahen, muthmaßlich unter

dem 50.° südl. Breite die ersten Wallfische an der Westküste, und

häufige Züge von Butzköpfen, aber sonst mit Ausnahme weniger Vögel,

Albatrosse und der kapischen Taube, kein lebendes Wesen, eben so keine

Spur von Leuchten der See. Delphine indessen und eine ziemliche Anzahl

Vögel verschiedener Art zeigten sich wieder am 6. und die folgenden

Tage. Endlich am 10. August sahen wir zum erstenmale die Küste

von Chile, welche ich mit speziellem Interesse betrachtete, da ich

beabsichtigte, dort längere Zeit zu verweilen.

Die erwähnten schwarzen doleritischen und basaltischen Formen fehlten

hier, und es schien, von der Ferne gesehen, die Küste aus einer Reihe

flacher und sanft abgerundeter Hügel zu bestehen, hinter welcher aber

direct sich eine Kette schroffer mit Schnee bedeckter Berge erhob, in

welcher Piks und groteske Formen nicht fehlten.

Wir sollten in einigen Tagen, so hieß es, in Valparaiso, wörtlich: im

Thal des Paradieses sein, und konnten uns nicht recht erklären, wie die

Palmen und Orangenhaine dieses glücklichen Landstriches so dicht bei

wilden eisigen Bergen liegen sollten.

Man vergaß das wieder, als wir, abhaltend von der Küste, sie bald

wieder aus dem Auge verloren; aber ich, der ich später in Chile blieb,

trug den Glauben, als seien die Gipfel dicht an der Küste liegender

Berge mit Schnee bedeckt wohl zehn Tage mit mir umher, und habe

gezeichnete Skizzen auch in diesem Sinne, wie ich es sah, behandelt.

Erst später habe ich erfahren, daß jene schneeigen Gipfel, welche wir

schon von Bord aus gesehen, die Andeskette waren, die =Cordillera alta=,

das vielbesprochene, aller Welt bekannte Gebirge. Eine eigenthümliche

optische Täuschung, welche fast allenthalben in Chile auftritt, ließ

die 40 bis 50 Stunden weit von jenem niedern Küsten-Gebirge entfernte

Kette der hohen Cordillera uns als dicht hinter demselben aufsteigend

erscheinen. Es fehlte das, was die Maler Lichtperspective nennen, und

ich hatte später von der Cordillera aus, gegen See blickend, eine

ähnliche Erscheinung.

Noch an demselben Tage beschied mich der Kapitain in seine Kajüte und

eröffnete mir, daß wir demnächst in Valparaiso einlaufen würden,

zugleich stellte er mir die Schiffsbücher zur Disposition, so daß ich

zu meinen Thermometer- und Barometer-Beobachtungen die tägliche Länge

und Breite beizufügen im Stande war.

Es ist Gebrauch auf den meisten Schiffen, auf welchen sich viele

Passagiere befinden, sorgfältig die Länge und Breite geheim zu halten.

Ja selbst die Matrosen wissen kaum wo sie sich befinden, und vermögen

nur muthmaßlich zu schätzen. Es hat dies seinen guten Grund. Abgesehen

davon, daß der Kapitain sich kaum retten könnte vor der Unzahl

müßiger Fragen taktloser Reisenden, warum man z. B. westwärts und

nicht mehr nach Osten steure, und umgekehrt, warum es heute so langsam

gehe, und bis zu welcher Zeit man diesen oder jenen Ort erreichen werde,

würde auch der Mißmuth der Passagiere besonders bei Reisen, wie die

um Kap Horn, bedeutend gesteigert werden, wenn man sich plötzlich

um einige Grade zurückgeworfen oder verschlagen sieht, oder wenn

der Kapitain zu laviren gezwungen ist. Bei bedrohlicher Stimmung der

Mannschaft aber, und offener Meuterei, hat der Kapitain immer die Mittel

in der Hand irgendwo einzulaufen oder wenigstens in die Nähe eines

Hafens zu gelangen, wo Hülfe und Schutz erwartet werden mag. Mir

speciell hatte der Kapitain die freundliche Erlaubniß schon in der

ersten Zeit der Reise gegeben, täglich nach dem Journale die Länge

und Breite verzeichnen zu dürfen. Aber ich lehnte dankend ab, da

ich einerseits, als Mitwisser des alle interessirenden Geheimnisses,

ebenfalls bestürmende Fragen befürchtete, auf der andern Seite aber

Sorge trug, für den Verräther desselben gehalten zu werden, wenn etwa

der Wahrheit nahe kommende Vermuthungen laut geworden wären. So zog ich

vor, erst jetzt das Fehlende nachzutragen in den freigelassenen Spalten

meiner Tabellen.

Wir sahen am 11. des Nachmittags zum zweitenmale die Küste von Chile

und liefen am 12. August des Morgens in den Hafen von Valparaiso ein.

Verwöhnt von der üppigen Pracht Brasiliens, wollten uns die kahlen,

verbrannten Hügel, die vor uns lagen, keinen besonders glänzenden

Eindruck hervorbringen, doch tröstete man sich für die Folge mit

Ausflügen »in's Innere«, für die nächste Gegenwart aber mit der

Hoffnung, bald wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, und, vor

Allem, Landkost zu verspeisen.

Ehe ich aber für immer die Reform verlasse, will ich, wie es oben

geschehen, Auszüge mittheilen aus meinen Notizen über die Temperatur,

um einen Ueberblick zu geben über diese Verhältnisse bei Kap Horn.

+-----------+------------+------------+------------+-----------+

| | Temperatur |Temperatur | | |

| Datum | der Luft |des Wassers | Länge | Breite |

| 1849 | des Mittags|des Morgens | westliche | südliche |

| | 12 Uhr | 9 Uhr | | |

+-----------+------------+------------+------------+-----------+

| Juli 6.| + 10.3 | + 13.8 | 50° 18' | 39° 22' |

| " 11.| + 6.6 | + 8.5 | 50° 20' | 44° 15' |

| " 16.| + 6.3 | + 6.7 | 50° 54' | 44° 50' |

| " 17.| + 5.3 | + 8.2 | 51° 34' | 43° 32' |

| " 18.| + 6.3 | + 6.5 | 52° 28' | -- |

| " 19.| + 9.5 | + 11.5 | -- | 44° 24' |

| " 20.| + 5.2 | + 5.5 | 55° 9' | 46° 8' |

| " 21.| + 3.8 | + 3.5 | 56° 0' | 46° 50' |

| " 22.| + 3.9 | + 3.8 | 56° 0' | 47° 46' |

| " 23.| + 4.5 | + 3.9 | -- | -- |

| " 24.| + 5.0 | + 5.4 | -- | -- |

| " 25.| + 5.0 | + 4.3 | 62° 36' | 49° 49' |

| " 26.| + 4.2 | + 4.0 | 63° 30' | -- |

| " 27.| + 3.5 | + 4.0 | 63° 47' | 52° 38' |

| " 28.| + 2.1 | + 4.0 | -- | 54° 52' |

| " 29.| + 0.5 | + 3.5 | -- | -- |

| " 30.| + 2.0 | + 3.5 | 64° 37' | 56° 6' |

| " 31.| + 2.5 | + 4.0 | -- | 56° 18' |

| Kap Horn | | | | |

| in Sicht | | | | |

| Aug. 1.| + 3.8 | + 4.8 | -- | -- |

| " 2.| + 5.0 | + 5.0 | -- | -- |

| " 3.| + 2.5 | + 5.0 | -- | -- |

| " 4.| + 5.5 | + 5.5 | -- | -- |

| " 5.| + 5.3 | + 5.5 | -- | -- |

| " 6.| + 5.3 | + 5.9 | 77° 18' | 47° 23' |

| " 7.| + 6.3 | + 7.0 | 77° 21' | 44° 50' |

| " 8.| + 8.0 | + 8.2 | 76° 30' | 41° 26' |

| " 9.| + 8.2 | + 9.0 | 75° 32' | 38° 54' |

| " 10.| + 9.2 | + 10.0 | 73° 59' | 35° 46' |

| " 11.| + 10.5 | + 10.5 | -- | -- |

Es fällt bei Durchsicht dieser kleinen Tabelle und bei etwaiger

Vergleichung derselben mit der vorher gegebenen, die Tropen betreffend,

sogleich in die Augen daß, während dort die Temperatur des Wassers

stets eine etwas niedere war als jene der Luft hier in höheren

Breitegraden, etwa von 40° südl. Breite an bis am Kap Horn und wieder

auf dieselbe Höhe, das Wasser durchschnittlich, ja fast immer, eine

höhere Temperatur als die Luft zeigte.

Reise in Südamerika. Erster Band. · 第 14 / 19 题