Rückgrat, welches die Matrosen trocknen und als »Rarität« zu Hause
verkaufen. Alles übrige wird in See geworfen. Ich erinnerte mich in
Chamisso's Reise um die Welt gelesen zu haben, daß der Hai von den
russischen Seeleuten ohne Anstand gegessen wird. Auf mein Zureden gingen
einige Passagiere mit mir zum Kapitain um ihn um den Hai zu bitten,
d. h. um die Erlaubniß, daß der Koch ihn für uns bereiten dürfe.
Wir erhielten zur Antwort, das sei gewiß unser Ernst nicht und
überhaupt auf keinem Schiffe gebräuchlich. Ein Thier, was unsere
Kameraden frißt, essen wir nicht, sagte mit einer gewissen Würde der
Obersteuermann.
Vergebens wendete ich ernsthaft ein, es gebe keine bessere Revanche, als
Jemanden, der die Gewohnheit habe, unsere Freunde zu speisen, wieder zu
essen. Mit genauer Noth erhielt ich soviel, daß gestattet wurde,
den mit einem Stücke des Halses abgehauenen Kopf vom Koche sieden zu
lassen. Sollte uns die eklige Speise munden, so sei uns das übrige
vergönnt. Die Speise mundete uns aber ganz ausgezeichnet und nur wer
längere Zeit fast einzig auf Salzfleisch angewiesen war, weiß den
Genuß frischen Fleisches gehörig zu schätzen. Als wir aber uns auf
Deck nach dem Uebrigen des Fisches umsahen, war Alles längst von den
Matrosen über Bord gebündelt worden.
Ich habe den Kopf jenes Haies skeletisirt und mit zurück nach Europa
gebracht. Er befindet sich gegenwärtig im Besitze eines geehrten
Freundes, welchem ich durch diese Zeilen freundlichsten Gruß zu bringen
mir erlaube, wenn anders sein streng wissenschaftlicher Sinn es über
sich gewinnen kann, diese nicht sehr wissenschaftlichen Fragmente zu
durchblättern.
Schon am 21. Mai, unter 8° Breite, beobachtete ich das erste
Zodiakallicht. Merkwürdig ist, daß diese Erscheinung, welche
auffallend genug ist, um von jedem Unbefangenen bemerkt zu werden, erst
spät, Mitte des 17. Jahrhunderts beobachtet worden ist. Auch unsere
Schiffsmannschaft beachtete das Zodiakallicht nur wenig, oder ignorirte
dasselbe; aus welchem Grunde kann ich mir indeß nicht erklären.
Diese Leute besitzen ein scharfes Auge, dem der geringste Punkt auf der
Fläche der See nicht entgeht, und von welchem eine kleine von uns
kaum beachtete Wolke entdeckt und mit Interesse behandelt wird: und sie
sollten jenes Phänomen nicht bemerken, welches so augenfällig ist?
Indem ich aber hier der chronologischen Ordnung vorgreife und des in
Chile beobachteten Zodiakallichtes erwähne, muß ich bemerken, daß
ich bei den chilenischen Dienern, welche mich auf die Cordillera
begleiteten, dieselbe Unempfindlichkeit gefunden habe. Dort, und
besonders auf der Cordillera, tritt die Erscheinung glänzender auf, als
ich sie irgendwo gesehen habe, klar, leuchtend, so daß nur die Sterne
erster Größe durch sie hindurch zu bemerken sind. Als ich aber jene
Chilenen fragte, was denn jener Lichtschimmer eigentlich sei, was sie
davon hielten, bekam ich zur Antwort: =el es nada=, und die deutschen
Seeleute sagten mir, »das ist Nichts, das ist ein Schein, sonst
Nichts.«
Die Chilenen aber besitzen im Uebrigen einen lebhaften Sinn für die
Schönheiten der Natur, welchem sicher eine poetische Anschauung nicht
fehlt. Das Resultat dieser Untersuchungen ist aber, daß gewisse Leute
auf das Zodiakallicht nicht reagiren.
Das Zodiakallicht ist eine leuchtende Pyramide, welche etwa eine Stunde
nach Untergang der Sonne bei eingebrochener Dunkelheit an der Stelle,
wo die Sonne verschwunden, sichtbar wird. Die Basis, scheinbar etwa
30 Grade betragend, wird von den beiden andern Seiten an Länge
übertroffen. Indessen muß ich das soeben Ausgesprochene dahin
abändern, daß nicht direkt an der Stelle, wo die Sonne verschwunden,
sondern einige Grade nach Norden hin die Erscheinung sichtbar wird.
Sie folgt also dem Stande der unter den Horizont gesunkenen Sonne, sie
scheint von der letztern bedingt zu werden. Das Zodiakallicht hat den
Ausdruck einer kosmischen Erscheinung, es hat deren geheimnißvolle
Ruhe.
Oft und lange des Nachts im Freien, habe ich in Süddeutschland nie ein
Zodiakallicht beobachten können, und alle Wahrnehmungen, welche man
hier und da auf dasselbe bezogen, erwiesen sich als einer andern Ursache
angehörig; es dürfte mithin als eine, für unsere Breitegrade höchst
seltene Erscheinung betrachtet werden.
Ich habe wohl später Gelegenheit auf diesen Gegenstand zurückzukommen.
Am 26. Mai wurden wir ein Segel gewahr, welches bald als ein Bremer
erkannt wurde. Man signalisirte, der Landsmann näherte sich uns und da
eben ruhige See war, wurde Back gelegt und der Kapitain des befreundeten
Schiffes kam zu Boot an unser Bord. Er hatte die Westküste Amerikas
besucht, war in Kalifornien gewesen und wußte viel zu berichten von
dort und den Fahrnissen bei Cap Horn. Alles Dinge, die wir bald bestehen
sollten. Er hatte Passagiere nach Kalifornien gebracht, welche sich fast
sämmtlich bei Kap Horn die Finger erfroren hatten. Angenehme Zukunft
das, welche uns in Aussicht gestellt wurde, und nicht ermangelte manche
trübe Miene zu bewirken! Bei Kap Horn hatte er einen Matrosen verloren.
Der Unglückliche war in die See gestürzt und konnte nicht mehr
aufgefischt werden, ob er gleich, ein guter Schwimmer, dem Schiffe
eine Stunde lang folgte. Es ist schon schwierig einen in See Gefallenen
wieder zu bekommen, selbst wenn die See nicht eben sehr hoch geht;
bei den stets stürmischen Wogen unweit Kap Horn und in jener Gegend
überhaupt, erscheint es geradezu als Unmöglichkeit. Während der
Anwesenheit jenes Kapitains an Bord wurden Briefe geschrieben in die
Heimath und demselben mitgegeben. Ich schrieb nicht, indem ich von
Rio Janeiro als eine größere, bereits begonnene Epistel zu senden
beabsichtigte. Nachdem wir dem Kapitain einige Victualien gegeben,
welche wir bald in Rio zu erneuern hoffen durften, kehrte er auf sein
Schiff zurück, und kam bald außer Sicht.
Ich kann nicht umhin bei dieser Gelegenheit auf eine eigenthümliche
psychologische Erscheinung aufmerksam zu machen, welche sich bei vielen
der Reisegefährten, bei allen, welche ich befragte und auch bei mir
selbst zeigte.
Es war dies ein unangenehmes Gefühl, welches mehr oder weniger bei
Allen auftrat, die theure Erinnerungen an die Heimath bewahrten und
welches sich unklar auf die Heimath und jene Lieben bezog. Es war nicht
das peinliche Gefühl der Unentschlossenheit, ob man etwa umkehren und
mit jenem Schiffe wieder nach Hause wolle, was endlich hätte geschehen
können. Es war nicht einfache Erinnerung an das Vaterland, welche
wohl der Bremer Flagge nicht bedurfte, um erweckt, aufrecht gehalten
zu werden. Es war ein unklares Gefühl, welches eben deshalb schwer zu
beschreiben, kaum zu analysiren ist.
Die Trauer um einen geliebten Todten wird milder, ruhiger, wenn er der
Erde übergeben ist, und das zwar in der Stunde, wo solches geschehen;
ein bekanntes Gefühl, ein deshalb aber dennoch sicher nicht
hinlänglich erklärtes. Es ist nicht gleich mit dem erwähnten, aber
hat Aehnlichkeit mit demselben.
Mag man aber nicht glauben, daß solche wehmüthige Regungen lange
gedauert, denn bald hatte das leichtsinnige Völkchen der Reform
vergessen, was es bewegt hatte und trotz der Einförmigkeit, welche an
Bord herrschte, suchte man sich zu erheitern, wo es halbweg anging. Hier
unter den Tropen war es möglich auf Deck zu sein, und so wurden denn
häufig die Matrazzen hinaufgeschafft und man ruhte eine Stunde lang
auf der rechten Seite liegend aus von den Beschwerden, welche man eine
Stunde vorher erduldet hatte. Dort war man auf der linken gelegen. Die
Passagiere des Zwischendeckes hatten in diesem Betrachte gemüthlichere
Winkel zur Disposition als wir. Das große Boot, mitten auf Deck, in dem
ihnen zuständigen Bereiche aufgehängt, erlaubte mancherlei Lager und
Plätzchen sich einzurichten, welche vielfach benützt wurden. So
hatte der oben erwähnte Franzose sich ein artiges Zelt improvisirt, in
welchem er, gehüllt in den Burnus eines von ihm getödteten Beduinen,
selbst beduinenähnlich, die Abende und Nächte zubrachte. Hier und da
wurde Schafskopf gespielt, oder das edle Sechs und sechszig. Auch ich
habe dieses Spiel erlernt und lange Zeit des Abends sowohl auf der
Reform, als wie auch später auf dem Dockenhuden gespielt, und das genau
eben so schlecht wie ich mein ganzes Leben lang alle andern Kartenspiele
gespielt habe.
Auch dem, der am Lande sich wenig aus den Freuden der Tafel macht, wird
auf See die Essenszeit bedeutungsvoll. Wer gesund, das heißt nicht
seekrank ist, pflegt an Bord meist Hunger zu haben. Aber sehr oft pflegt
dieser Hunger ihm auch nach Tische ein unwillkommener Begleiter zu
bleiben, wenn er sich der Seemannskost nicht bald befreundet. Ich
spreche hier von der Reform und von den meisten Passagier-Schiffen. Auf
dem Dockenhuden, mit welchem ich die Rückreise machte, war zwar auch
Seemannskost, aber gut, und das Möglichste gethan für die Umstände.
Auf Kriegsschiffen ist die Tafel des Kapitains meist eine ausgewählte
zu nennen.
Wir auf der Reform bekamen des Morgens etwa um 7 Uhr Kaffee, ohne Milch;
dies war natürlich, denn für die 70 Passagiere hätte man einer halben
Schweizerei an Bord bedurft; aber auch ohne Brod, ohne Butter und
was das Uebelste war, ohne Saft und Kraft, eine wahre Parodie auf den
ächten, edlen, braunen Trank der Levante. Hinfällig und dünn,
so schwach, daß der Unglückliche eben noch im Stande war, den
unförmlichen Blechtopf zu verlassen, in welchem er uns vorgesetzt
wurde. Da die meisten der jungen Leute in der Kajüte gewohnt waren ein
etwas consistentes Frühstück zu sich zu nehmen, waren sie natürlich
nicht sehr erbaut von jener dünnlichen Flüssigkeit. Ich habe oben
gesagt, daß die Essenszeit bedeutungsvoll sei auf dem Meere, jene
Kaffeestunde aber war leider ziemlich bedeutungslos.
Ich für meine Person habe indessen das erwähnte Getränke verschluckt,
ohne zu murren, einestheils, weil ich wußte, daß Murren nicht half,
und ferner, weil ich seit langer Zeit gewohnt war, des Morgens nichts
zu genießen als schwarzen Kaffee, ohne alle Zuthat, wenn gleich etwas
besser als der reformische. Zur Entschuldigung des See-Kaffees aber, der
überhaupt auf den meisten Schiffen nicht von besonderer Stärke ist,
muß bemerkt werden, daß man, was an Qualität abgeht, durch die
Quantität zu ersetzen sucht. Es ist mit dem Thee der des Abends
gereicht wird, derselbe Fall, und eine alte Gewohnheit auf Schiffen.
Leider ist das Wasser meist verdorben und übelriechend, so daß der
Seemann nur selten solches für sich unvermischt genießt, aber die
für den Organismus nöthige Menge Wasser im verdünnten Kaffee und
Thee einnimmt. Der schlechte Geschmack des Wassers wird durch jene
Beimengungen einigermaßen verdeckt.
Dem Mittagsmahle will ich eine verhältnißmäßig kürzere Zeit widmen,
als dem Morgenbrode, und in der That ist die Speisekarte auch rasch
entworfen. Abwechselnd Linsen- oder Erbsensuppe, einmal in der Woche
Fruchtsuppe, nicht süß nicht sauer, eine schauderhafte Erfindung,
bestehend aus Wasser, mit welchem man einige getrocknete Kirschen oder
Preiselbeeren abgebrüht hatte. Es hatte sich an Bord ein unbestimmtes
Gerücht verbreitet, als seien hier und da einige Rosinen in jenem
Wasser gefunden worden, aber dieses Gerücht wurde durch wirkliche
Augenzeugen nie zur Thatsache erhoben. Der Suppe folgte entweder
Salzfleisch und Kartoffel, an einem Tage der Woche gesalzener Speck mit
Sauerkohl. Dies letztere Gericht war das genießbarste.
Des Nachmittags wurde Kaffee gereicht, analog dem Morgentranke. Des
Abends: Thee, oder ein Schnittchen Käse, oder endlich eine »Lapscaos«
genannte Speise, -- ich weiß nicht wie das Wort geschrieben wird. --
Es ist der Abhub des Mittagstisches, der, gemengt und unter einander
gequetscht, des Abends aufgetragen wird. Gesalzene Butter und wirklich
guter Senf waren indessen reichlich vorhanden.
Der wahrhaft lucullischen Tafel, welche uns des Sonntags servirt wurde,
muß ich indessen noch erwähnen. Hühnersuppe: so lange nämlich die
Hühner reichten, für die 18 Passagiere der Kajüte zwei Hühner.
=Ergo= jedes Huhn in neun Theile getheilt. Obgleich diese Thiere
entweder durch Heimweh oder andere Verhältnisse, vielleicht auch durch
die Schiffskost selbst ziemlich heruntergekommen und schlank geworden
waren, behagte doch das Stückchen frisches Fleisch, welches auch mit
unbewaffnetem Auge deutlich wahrnehmbar und für jeden von uns der
entsprechende Antheil war, ganz ausnehmend. Dann Salzfleisch, jene
sauere Unvermeidlichkeit, endlich aber Pudding, und letzterer derb zwar
aber doch schmackhaft und reichlich. Ich vergaß zu bemerken, daß wir
des Sonnabends gekochten Reis bekamen, ebenfalls ziemlich genießbar.
Zum Genuß des Salzfleisches muß man übrigens, wie ich glaube,
nothwendig von früher Jugend an gewöhnt worden sein; mir widerstand
dasselbe instinktartig in den ersten Tagen, und ich glaube nicht,
daß ich während der ganzen Ueberfahrt mehr als etwa 5 Pfunde jener
unangenehmen Speise genossen habe.
So gut wie möglich suchte man nun sich bei Tische zu belustigen, und
es fehlte nicht an scherzhaften, hie und da wohl auch ärgerlichen
Auftritten. Man suchte zu vergessen, daß nach vierwöchentlicher Fahrt
für sämmtliche Passagiere nur noch einige Gläser vorhanden waren,
denn daran war man theils selbst, theils war die See schuld. Man suchte
zu übersehen, daß im Schiffs-Lexikon das Wort Serviette ausgestrichen
schien, daß Messer und Gabeln in ihren Heften bedrohlich wankten, und
blos hier und da kamen Ausbrüche des Tadels zum Vorschein, welche, als
sie häufiger wurden, eine unangenehme Stimmung zwischen dem Kapitain
und den Passagieren zuwege brachten. Des Abends bildeten sich je
nach Geschmack und Neigung verschiedene Gruppen, theils wenn es nicht
regnete, einem Erzähler zuhörend, theils in der Kajüte trinkend,
rauchend, spielend. Die meisten von uns hatten sich von Bremen aus mit
einem Vorrathe von geistigen Getränken versehen, und wo es fehlte wurde
wohl nicht selten getauscht oder freundlich nachgeholfen. So vergingen
die Abende heiter. Was mich anbelangt, so hatte ich des Tages über
hinlängliche Beschäftigung. Ich nahm täglich einmal zu einer
bestimmten Zeit die Temperatur der See, viermal jene der Luft und
stellte des Tages über von früh 7 bis Abend 10 stündliche
Barometer-Beobachtungen an. Das Zeichnen gefangener Seethiere, die
nöthigen Notizen in das, wenn gleich nur skizzenhaft geführte
Tagebuch, füllte ebenfalls viele Zeit aus.
Was meine _Abende_ betraf, so ging ich wohl häufig auf Deck um mich
umzusehen nach irgend etwas Absonderlichem oder Neuem, obgleich ich
augenblicklich gerufen wurde, sobald sich irgend eine Erscheinung zeigte
in Luft oder Wasser; aber da ich schon gestanden, daß ich dazwischen
dem Laster des Spiels mich ergeben, und dem Sechs und sechszig
gefröhnt, so will ich noch beifügen, daß ich allabendlich eine
Flasche Ale getrunken, und nicht selten dabei an die Fleischtöpfe
Aegyptens gedacht habe, das ist an ächtes, aufrichtiges bayerisches
braunes Bier.
Solches war der Tageslauf auf der Reform unter dem lieblichen Klima
der Tropen, mit ähnlichem Typus, doch hier und da mit unangenehmen
Modificationen, auch unter anderen Breitegraden.
Am 1. Juni (24° 5' Länge, 0° 38' nördl. Breite) sahen wir einen
Zug von etwa 80 bis 90 Schwertwalen, von den Seeleuten Butzköpfe
genannt (=Delphinus gladiator=). Die Thiere zogen nicht weit von unserem
Schiffe vorüber und schwammen ganz nach Art der Wallfische, indem sie
nämlich von oben nach unten, im Vorwärtsschwimmen tauchen, mit dem
Kopfe wieder hervorkommen und wieder tauchen, so daß sie eigentlich
eine Reihe bogenförmiger Bewegungen machen. Diese Art sich von Ort
und Stelle zu bewegen, verleiht dem ganzen Zuge den Anschein lebhafter
Beweglichkeit.
Der Kopf dieser Thiere, welche gewiß 25 Fuß lang waren, ist
stumpf-mopsartig, daher wohl der Name Butzkopf. Sie haben eine starke
spitzige Rückenflosse und sind gefürchtet, indem sie, wie die Seeleute
sagen, Boote anfallen und überhaupt grimmig und blutgierig sind. Sie
verfolgen in Haufen die Wallfische, welche sie bisweilen tödten sollen.
Auch Landenden sind sie gefährlich.
Es ist die Größe dieser Thiere an verschiedenen Stellen sehr
abweichend angegeben, auch die Breitegrade, in welchen sie getroffen
werden. Ohne Zweifel sind hier verschiedene Arten beschrieben worden.
Ich habe später in Valparaiso einen Unterkiefer der Art, welcher wir
begegneten, erworben; er hat auf jeder Seite elf kegelförmige, spitze,
schwach einwärts gebogene Zähne, welche eng gedrängt an dem vordern
Theile des Kiefers stehen. --
Wir passirten am 2. Juni, eigentlich in der Nacht vom 2. auf den 3.
die Linie unter 26° 30' Länge. Es fanden keine jener Festlichkeiten
statt, welche bei diesen Gelegenheiten aufgeführt zu werden pflegen,
weil der Kapitain unangenehme Reibungen zwischen den Passagieren und der
Mannschaft fürchtete, und dies vielleicht nicht mit Unrecht. Es läßt
sich wohl denken, daß die Scherze, welche bei der tropischen Taufe vom
Stapel laufen, nichst eben der zartesten Natur sind.
Gewöhnlich erscheint Neptun an Bord, mit seinem Obersteuermann und
nicht selten mit seinem Hunde. Neptun trägt einen alten Frack oder
irgend ein anderes altes verwittertes Kleidungsstück, unvermeidlich
aber eine mächtige Perrücke von Werg oder Ziegenfell, wenn solches
irgendwo aufzutreiben. Der Obersteuermann Neptuns führt Parodien der
auf Schiffen nöthigen Meß-Instrumente in colossalen Dimensionen mit
sich. Der Hund Neptuns endlich, ein in Fell genähter oder mit Werg
decorirter Kajütenjunge bemüht sich nach Kräften possierlich zu sein
und den Angenehmen nach seiner Art zu spielen. Auf Schiffen, in welchen
sich keine Passagiere befinden, kömmt Neptun zum Kapitain, der an
diesem Tage einen Theil seiner Würde ablegt, und auf den Scherz
eingeht und sagt: er habe nicht umhin gekonnt, dem Herrn Kapitain seine
Aufwartung zu machen. Letzterer erklärt, wie ihm solches sehr angenehm
sei und fragt, ob Neptun und sein Gefolge etwa ein Glas Wein zu sich
nehmen wolle. Neptun meint, dies sei nicht so übel. Man bringt nun
vier Gläser und ein paar Flaschen Wein. Einer der Scherze ist nun, daß
Neptun bittet, das vierte Glas wegzunehmen, da sein Hund nicht aus einem
Glase, sondern blos von einem Teller zu saufen gewohnt sei. Es wird ein
solcher gebracht und der Junge muß nun, so gut es geht, mit der Zunge
nach Hundeart den Wein aus einem flachen Teller trinken oder eigentlich
schlürfen. Nach einer Reihe ähnlicher Scherze beschließt des Abends
ein Tanz der Matrosen, wobei einige Spaßvögel in improvisirter
weiblicher Tracht erscheinen, und ein kleines, vom Kapitain gegebenes
Zechgelage die Festlichkeit.
Auf Passagierschiffen übt sich der Witz an den Reisenden. Man soll
getauft, vorher aber mit Theer eingeseift und rasirt werden. Dieß
soll auf dem Rahmen eines auf Deck trichterförmig aufgespannten Segels
geschehen, welches durch eingegossenes Seewasser wasserdicht gemacht
und dann mit Wasser angefüllt worden ist. Natürlich wird der mit Theer
Bestrichene alsbald kopfüber in das Segel geworfen. Man kauft sich
durch eine Kleinigkeit los, und es scheint überhaupt, als ob zu jener
Rasirgeschichte blos Subjecte ausgewählt würden, welche ohnedieß
sich nur zweifelhafter Achtung an Bord erfreuten. Doch kömmt man nicht
leicht ungewässert durch, und fast jeder bekommt, wenn auch scheinbar
aus Versehen, plötzlich einen Eimer übergegossen. Daß unter der Linie
dieß wenig schadet leuchtet ein.
Wie schon erwähnt, hatten wir nichts dergleichen an Bord, doch gaben
die meisten der Kajüten-Passagiere eine Kleinigkeit oder Wein, was gut
auf- und angenommen wurde.
Am 4. Juni (26° 50' Länge, 2° 41' südl. Breite) sahen wir auf
unserer Backbord-Seite ein großes Schiff, einen Dreimaster, welcher
etwa zwei englische Meilen von uns entfernt, gleichen Cours mit uns
segelte.
Das Schiff schien übel zugerichtet. Es hatte den Fockmast verloren
und schien auch sonst Havarie erlitten zu haben. Es wurde bald von uns
überholt und kam außer Sicht. Es mußte jenes Schiff ohne Zweifel
von einer plötzlichen Boe überrascht worden sein, wie denn überhaupt
unter dem Aequator nicht selten auf geringe Entfernung das Wetter sehr
wechselnd auftritt. Wir auf der Reform hatten wohl auch in jenen Tagen
bisweilen schlimmes Wetter gehabt, welches man, auf der Seereise über
den Kanal von Deutschland nach England land als »fürchterlichen
Sturm« bezeichnen würde, aber so arg war es uns doch nicht geworden,
daß Havarie in Aussicht gestanden wäre.
Ich finde unter dem 5. Juni in meinem Tagebuche einer Erscheinung
erwähnt, welche ich schon einige Tage vorher beobachtet hatte, welche
ich aber am erwähnten Tage ausführlicher beschrieben habe und hier
mittheilen will, da ich nirgends eine Anleitung über dieselbe gefunden.
Bei klarem Himmel, wenn der Mond nahezu voll ist, wie bei Vollmond, und
bei ziemlich ruhiger See, findet sich der Widerschein des Mondes auf dem
Wasser besonders klar und leuchtend ausgesprochen. Die solchergestalt
beleuchtete Fläche des Meeres bildet, wie natürlich, eine Pyramide,
deren Basis vom Horizonte begränzt ist, während die Spitze derselben
auf den Punkt zugewendet ist (hier die Stelle an Bord), den der
Beschauer einnimmt. Betrachtet man bei dieser Lage der Dinge den
Mond und die ihn umgebende Stelle des Himmels allein, ohne besondere
Rücksicht auf dessen Reflex auf der See zu nehmen, so zeigt sich nichts
was auffallend wäre. Blickt man aber aufmerksam auf den Widerschein
im Wasser und zugleich auf den Mond und die Stelle des Himmels, welche
zwischen letzterem und der See ist, so bemerkt man schon nach kurzer
Zeit, etwa 20 bis 30 Sekunden eine zweite Pyramide, welche aber _dunkel_
ist, deren Basis mit jener der leuchtenden zusammentrifft, und deren
Spitze den Mond nahe bei zu Berühren scheint. Bemüht man sich, beide
Pyramiden, die helle und die dunkle, gleichzeitig längere Zeit zu
fixiren, so nimmt das Phänomen bis auf einen gewissen Punkt hin an
Intensität zu. Es ist klar, daß die Erscheinung eine subjective ist
und in die Reihe der complementären gehört, denn verdeckt man die
leuchtende Stelle der See mit irgend einem Gegenstande, einem Buche
z. B. oder einem kleinen Brettchen, so daß blos die obere, dunklere
Pyramide gesehen werden kann, verschwindet diese schon nach einigen
Augenblicken.
Die Erscheinung wurde von Allen auf dem Schiffe gesehen, nachdem ich
darauf aufmerksam gemacht hatte. Ich glaube, daß sie auf größeren
Landseen und bei heiterem Himmel ebenfalls stattfindet, aber ich habe
nie Gelegenheit gehabt, sie dort zu beobachten, und wie schon oben
gesagt, ihrer auch nirgends erwähnt gefunden. Ich habe deshalb
mitgetheilt, was ich gesehen habe, auf die Gefahr hin, vielleicht etwas
bereits Bekanntes zu erzählen.
Am 8. Juni (29° 25' Länge, 10° 50' südl. Breite) sahen wir 3
Seeschlangen. Ueber diese Thiere, namentlich über jene Arten, welche
die hohe See bewohnen, ist sicher noch wenig bekannt. Man weiß, daß
die meisten Wasserschlangen giftig sind, und feststehende Giftzähne
haben. Aber gewiß findet sich auf hoher See wenig Gelegenheit und
vielleicht noch weniger Lust diese Thiere einzufangen. Die, welche uns
zu Gesicht kamen, konnten eigentlich nur einige Augenblicke beobachtet
werden, da das Schiff einen ziemlich raschen Gang hatte. Sie mochten
5 Fuß Länge haben, waren ziemlich dick, hatten einen flachen
zusammengedrückten Kopf und breiten, fischartigen Schwanz. Sie
schwammen mit schlangenförmiger Bewegung, doch nicht sehr rasch
vorwärts und hielten sich dicht neben einander. Ihre Farbe schien
glänzend blaugrün, da sie aber einige Fuß tief unter Wasser
schwammen, so mag dieß wohl eine Täuschung und ihre Färbung grau
oder weißlich gewesen sein, denn bei klarem Himmel und Sonnenschein
erscheinen bei einiger Tiefe auf See alle helle Gegenstände mit grüner
oder blauer Farbe.
Kurz nach den Schlangen, nachdem sich der Wind etwas gelegt und das
Schiff einen langsamern Gang angenommen hatte, kam ein großer Fisch an
die Seite des Schiffes, auf welchen sogleich Jagd gemacht wurde. Es war
=Coryphaena hippurus= welche Species von den Seeleuten allgemein Delphin
genannt wird. Warum, wissen die Götter. Der Delphin, hieß es, liebe
ausnehmend silberne Geräthschaften, und man hängte deshalb sogleich
einen Zinn- oder Blechlöffel an einer Schnur über Bord, damit er
herbeigelockt werden sollte und, mit demselben spielend, dann harpunirt
werden könnte. Der angebliche Delphin näherte sich auch wirklich
dem Löffel, indessen blos in bescheidener Entfernung, ohne Zweifel
entrüstet, daß man ihn mit Zinn anstatt mit Silber ködern wollte. Er
folgte noch einige Zeit dem langsam weiter segelnden Schiffe und empfahl
sich dann. Wie kurz vorher die Schlangen, hatte auch dieser Fisch eine
prachtvolle grünlich blaue Farbe, aber auch unser Pseudo Silberlöffel
glänzte in ähnlicher Pracht. Indessen zeigt das Thier auch außerhalb
des Wassers eine wunderschöne Färbung. Ich hatte später Gelegenheit
mehrere derselben genau betrachten zu können und erfuhr auch dort, es
war nämlich auf der Rückreise von Peru nach Europa, vom Kapitain des
Dockenhuden, warum eigentlich jener Löffel als Lockvogel in die See
gehängt wurde. Diese Thiere stellen nämlich den fliegenden Fischen
begierig nach, und sollen sich durch den Glanz des Metalles verführen
lassen, dasselbe für einen solchen Fisch zu halten. Mit Ausnahme des
Glanzes hat freilich ein fliegender Fisch wenig Aehnlichkeit mit einem
Zinnlöffel, aber abgesehen von der Erfahrung, ist die Sache vollkommen
glaubwürdig, wenn man sich an die englischen Angelkästen und die
in denselben befindlichen Köder erinnert. Die meisten der letzteren,
welche für den Forellenfang bestimmt sind, sind zwar sehr zierlich und
solid verfertigt, aber es gibt kein Insekt auf der Erde, welches ihnen
ähnlich sieht. Es sind Phantasie-Fliegen. Dennoch aber gehen die
Forellen begierig nach diesen falschen Ködern und werden viel leichter
durch sie gefangen, als durch wirkliche Insekten, die man als Lockspeise
verwendet.
Vielleicht gehen die Forellen und andere Fische auf den Totaleffect,
auf den »Eindruck«, den das Ganze hervorbringt, ähnlich wie es
Kunstliebhaber und andere Leute bisweilen zu machen pflegen.
Unser anfänglich besprochener Fisch, =Coryphaena hippurus=, der
Stutzkopf oder Delphin der deutschen Seeleute, ist an 4 Fuß lang,
hat einen kurzen, von der Stirne rasch abfallenden Kopf und
verhältnißmäßig kleinen Mund. Die Rückenflosse ist sehr hoch
und läuft vom Kopfe bis zum Schwanze über den ganzen Leib. Die
Brustflossen sind klein, die Bauchflosse fängt in der Mitte des Leibes
an. Die Kiefer sind mit einer großen Menge kleiner, aber sehr spitzer,
feststehender und nach innen zu hakenförmig gebogener Zähne besetzt.
Die größten, welche außen stehen, sind kaum eine Linie lang. Ich habe
im Ober- und Unterkiefer des Fisches 120 der größeren Zähne gezählt,
kleinere sind gewiß in doppelter Menge vorhanden. Die Färbung des
Thiers ist prächtig. Oben bläulich, dann an den Seiten grün, unten
orange. Größere und kleinere, gelbe und blaue Flecken laufen längs
den Seiten hin. Die Rückenflosse ist blau und die Strahlen sind
gelb. Alle diese Farben haben Goldglanz und wechseln während des
Todeskampfes. Es gewährte, obgleich mich die Thiere dauerten, dennoch
einen prachtvollen Anblick, die auf Deck in der Sonne liegenden Thiere
rasch im Wechselspiele alle Farbentöne von Grün, Blau und Gelb
annehmen zu sehen. Man könnte die Erscheinung noch am passendsten mit
dem Anlaufen gewisser Metalle im Feuer vergleichen, wo die Oxydschicht
ebenfalls rasch wechselnd mannichfache Farbennüancen durchläuft. Diese
Fische gewähren eine herrliche und auf See stets willkommene Speise,
namentlich wenn man Monate lang blos auf Salzfleisch angewiesen war.
Ich gedenke mit dankbarer Erinnerung des 9. Juni und der freundlichen
Feier, mit welcher an Bord vom Kapitain sowohl als von den Passagieren
mein Wiegenfest gefeiert worden. Längere Zeit vorher hatte ich
zufällig einmal des Tags meiner Geburt erwähnt, und war nicht wenig
überrascht, jene Angabe so gut im Gedächtnisse festgehalten zu
sehen. Ich hatte die Nacht auf Deck zugebracht und war gegen Morgen dem
Scheuern der Matrosen weichend, zur Koje gegangen. Als ich zum Kaffee
in die gemeinschaftliche Kajüte kam, fiel mir allerdings auf, daß
alle Genossen bereits versammelt waren, und eine gewisse geheimnißvolle
Stille herrschte. Im Begriffe zu fragen, wurde ich durch die freundliche
Ansprache eines der Passagiere aufgeklärt. Glückwünschend, in
herzlichen und ehrenden Worten, in seinem und der Genossen Namen, wurde
mir von demselben zugleich ein kleines Gedicht gebracht, und mit einem
Lebehoch geschlossen auf mich und die entfernten Meinen. Dort habe ich
mit scherzhaftem Spruche zu antworten gesucht, aber ich war gerührt
im Herzen und habe jene Augenblicke festgehalten bis auf die heutige
Stunde.
Als das Hoch der Genossen erklungen, erschien der Kapitain auf der
Treppe der Kajüte, ebenfalls Spruch-sprechend, glückwünschend und
ein Hoch bringend. Als ich aber mit herzlichen Worten antwortete, bat er
mich auf Deck zu kommen. Dort stand mir eine neue Ueberraschung bevor.
Der Kapitain hatte sämmtliche Flaggen aufhißen lassen, so daß das
Schiff im festlichen Schmucke segelte, und so eine besondere Feier
am Bord angedeutet war. Die Passagiere des Zwischendeckes
beglückwünschten mich nicht minder freundlich, und vier der Matrosen
beschlossen endlich mit seemännischem Spruch und treuherziger Rede die
Reihe der mich Begrüßenden.
So wurde mein Wiegenfest auf der Reform festlich begangen, und der Tag
harmlos und fröhlich beendet.
Schon im Eingange habe ich jenes Pudels gedacht, der im Zwischendecke
die Ueberfahrt mitmachte. Anfänglich hatte derselbe durch allerlei
Kunststücke das Seine beigetragen zur Unterhaltung müssiger Passagiere
auf Deck. Wohl erfahren in der edlen Kunst des Apportirens, ja Meister
in derselben, setzte er durch mächtige Sprünge die Mannschaft in
Erstaunen und wußte die kleinsten Gegenstände, welche ihm vorher
gezeigt und hierauf versteckt worden waren, allenthalben aufzufinden.
Aber aller Orten werden Kabalen erdacht, Intriguen geschmiedet, so
auch hier gegen Leo, den Pudel. Das Quarterdeck war mit einem starken
Wachstuche, dicht mit Oelfarbe angestrichen, bespannt, und auf dieser zu
beiden Seiten etwas abschüssigen Fläche, war es in müssigen
Stunden des Abends oder Morgens höchst angenehm zu liegen und je nach
Umständen, die Sonne oder die Frische der Luft zu genießen. Fiel aber
Regen ein, so hatte jene Fläche eine andere Bestimmung. Es waren am
äußern Rande derselben nach Art der Dachrinnen kleine Blechröhren
angebracht, durch welche das abfließende Regenwasser unten aufgesammelt
und zu beliebigem Zwecke verwendet werden konnte. Nur wer lange Zeit
schlechtes und übelriechendes Wasser genossen hat, weiß auf See einen
Regen zu schätzen, und ich habe mit Wollust jenes Wasser getrunken
mit einer Temperatur von + 24° R. und mit allerlei gemengtem
Nebengeschmacke.
Leo hatte sich manchmal auch auf dem Quarterdecke eingefunden und
freundlich geruht unter den andern Passagieren. Aber nach einem jener
wohlthätigen Regen, während welchem man das Regenwasser aufgefangen
und zum Trinken benützte, hatten sich üble Gerüchte verbreitet von
bedenklichen Dingen, die sich im Wasser gefunden, Dinge, die nicht vom
Himmel gefallen sein konnten, wie das Manna der Wüste zur Erquickung
der Kinder Israels, Dinge, die vom Organismus als untauglich für den
Stoffwechsel ausgestoßen worden waren, kurz Gegenstände, welche man in
guter Gesellschaft nie bei Namen nennt, die nothwendig von einem
Pudel herrühren, und in zum Trinken bestimmtem Wasser unter allen
Verhältnissen als höchst überflüssig bezeichnet werden müssen.
In Folge dieser Thatsachen, oder auch böswilligen Verleumdungen, wurde
Leo vom Quarterdeck verbannt, und selbst das Apportiren auf Deck
wurde mißliebig angesehen. Nun saß er halbe Tage trübsinnig und
unbeschäftigt am Fallreff in die See starrend und wie es schien in der
Hoffnung, irgend etwas aus dem Wasser holen zu dürfen, was zu Hause
eine erlaubte Ergötzlichkeit, aber hier zur Unmöglichkeit geworden
war. Wenigstens mußte er öfters mit Gewalt zurückgehalten werden,
nicht einem zufällig über Bord geworfenen, nutzlosen Gegenstande
nachzuspringen.
Müssiggang ist bekanntlich aller Laster Anfang, und so mochte es
kommen, daß der Hund sich plötzlich in die See stürzte, ohne Zweifel
verführt durch irgend einen sich emporschnellenden Fisch.
Es war fast Windstille, so daß die Bewegung des Schiffes kaum
zu bemerken war, aber doch war in kurzer Zeit der Hund weiter als
Schiffslänge von uns entfernt, denn ein Schiff auf hoher See, welches
vollkommen stille und an demselben Ort zu liegen scheint, bewegt sich
doch stets von der Stelle; theils wirkt selbst der leiseste Hauch des
Windes auf dasselbe ein, wohl aber am meisten die Dinung und hier und da
auch eine Strömung.
Man kann sich denken, daß das arme Thier allgemein bedauert wurde.
Der Kapitain ließ Back legen, aber eben weil kaum eine Spur von Wind
vorhanden, so folgte das Schiff nur langsam den gegebenen Befehlen, wir
drehten uns so, daß wir den wacker schwimmenden Pudel bald Backbord
bald Steuerbord in Sicht hatten, aber er entfernte sich immer mehr von
Bord, statt näher zu kommen, das heißt, _wir_ trieben weiter, und
der Hund blieb zurück. Das kleine Boot war erst Tags vorher frisch
angestrichen, und für die Ankunft in Rio Janeiro vorbereitet worden,
man setzte es also nur ungern aus; doch versprach der Kapitain das
Möglichste zu thun, um des Hundes wieder habhaft zu werden. Da
entschloß sich einer der Passagiere des Zwischendeckes, den Hund
schwimmend zu holen. Dieser Entschluß verrieth mehr Muth als
Besonneneit, und wurde allgemein beanstandet. Dessen ungeachtet aber
begann G. sich zu entkleiden, und schickte sich, trotz der ernstlichen
Einreden des Kapitains, an, über Bord zu gehen. Ohne Zweifel hätte
letzterer mit Bestimmtheit das tollkühne Unternehmen verbieten können,
allein, da in der letzten Zeit zwischen ihm und verschiedenen der
Passagiere bereits Mißhelligkeiten entstanden waren, wollte er
wahrscheinlich kein Machtwort sprechen, und alle friedliche Zusprache
nützte nicht.
Während mir der bereits zum Sprunge Bereitete noch seine Schlüssel und
andere kleine Gegenstände zum Aufheben gab, sprach ihm der Schiffsarzt
zu, sich wenigstens an der Bogleine befestigen zu lassen. Dieß wurde
angenommen, aber fehlerhafterweise die Leine zu kurz für die Höhe des
Sprungs genommen, so daß dieselbe riß, ehe noch der sich in die See
Stürzende das Wasser erreicht hatte. Doch schwamm er rüstig weiter und
hatte bald den Pudel erreicht, da sich beide, Hund und Mann, entgegen
kamen. Recht sichtbar aber wurde erst hier das Thörichte des ganzen
Unternehmens, und es nahm dieses eben so schnell eine bedenkliche
Gestalt an.
Als G. den Hund erreicht hatte, kletterte der letztere, bereits
ermüdet, sogleich auf den Rücken des Schwimmenden, so daß derselbe
nach mehrmaligen Versuchen den Hund abzuschütteln, untertauchen und
sich hierauf auf den Rücken werfen mußte, um sich des Thieres erwehren
zu können. Der Hund schwamm bald allein für sich weiter, und jetzt
konnte man bemerken, daß während es schon _ihm_ nicht möglich war das
Schiff einzuholen, der Mann weiter hinter ihm zurückblieb. Ein
leichter Wind erhob sich jetzt zur ungünstigen Zeit das Bedrohliche
des Augenblicks erhöhend, und uns allen an Bord wurde gleichzeitig die
Gefahr klar, in welcher der Schwimmende schwebte.
Es ist eine eigenthümliche Sache darum, einen Menschen, noch dazu einen
Mann, mit dem man längere Zeit freundlich verkehrt, so plötzlich in
drohende Todesgefahr versetzt zu sehen, und so läßt sich leicht die
Aufregung begreifen, die am Bord der Reform sich kund gab. Wir halten
uns rasch eingetheilt um den Matrosen hülfreiche Hand zu leisten, wo
es nöthig und möglich war, ohne mehr zu stören als zu nützen, aber
bereits begannen höhere Wellen den Schwimmenden anfänglich auf kurze,
bald auf immer längere Zeitdauer zu verbergen, und der mit den Wogen
Kämpfende war sich sicher seiner Gefahr bewußt, ja hatte vielleicht
bereits die Hoffnung aufgegeben, gerettet zu werden. Man hatte
mittlerweile das Boot losgemacht, um es in See zu bringen, aber da
dasselbe nur zum Trocknen auf Deck und ziemlich hoch anfgehängt
war, dauerte dies längere Zeit. Endlich war es flott, mit vier der
tüchtigsten Matrosen bemannt, und ruderte rasch nach der Richtung des
Schwimmenden, den wir nur selten und in bedeuteter Entfernung sehen
konnten. Auch das Boot verschwand jetzt in Zwischenräumen hinter den
immer höher werdenden Wellen. Es vergingen Minuten des Zweifels und
der Angst, bis endlich vom Mast aus der Ruf erscholl: »Sie haben ihn!«
Wohl selten wurde ein lebhafteres und freudigeres Hurrah gerufen, als in
jenem Augenblicke von den Reisenden auf der Reform. Nach einigen Minuten
wurde das Boot sichtbar und kam rasch näher. Unser Freund saß in
denselben, sehr hinfällig und bescheiden, wie es schien, aber glänzend
in allen Farben, einem Chamäleon gleich. Wir konnten uns die Ursache
dieser optischen Erscheinung erst erklären, als wir bemerkten, daß
die frischen Oelfarben des Bootes sich abgedrückt hatten auf seinen
Körper, als man ihn in dasselbe gezogen hatte.
An den Hund, den unschuldigen Anstifter alles dieses Unheils, hatte
Niemand mehr gedacht, so lange man den Menschen in Gefahr wußte; als
dieser aber geborgen im Boote sich dem Schiffe näherte, lugte man
auch nach Leo. Er schien verschwunden, und nur einzelne der Passagiere
wollten ihn bald da bald dort in weiter Entfernung gesehen haben.
Das erste lebende Wesen aber, was an Bord gehißt wurde aus dem
zurückgekehrten Boote, war der Pudel, der sich, dem Genius seiner Race
getreu, erst hier rechtschaffen schüttelte, und dann auf unbefangene
Weise im Getümmel verschwand.
Der Gerettete brach, kaum auf Deck angelangt, vollständig entkräftet
in sich zusammen, und war erst nach mehreren Stunden Ruhe im Stande,
seine Koje zu verlassen.
So endete das Abenteuer mit Leo dem Pudel. Mögen die freundlichen Leser
entschuldigen, daß ich so lange sie aufgehalten mit demselben. --
Ich habe vorhin von Mißhelligkeiten gesprochen, welche zwischen
Kapitain und Passagieren entstanden, und muß hierauf zurückkommen.
Ich habe erzählt, wie man ißt und trinkt, wie man schläft und sich
langweilt an Bord, ich habe die Unterbrechungen der Langweile durch
Haie, fliegende Fische, Delphine und Quallen angegeben. Aber wir haben
noch 8 Tage, bis wir Rio de Janeiro erreichen, und ich glaube sie
zweckmäßig auszufüllen, wenn ich jenes Unfriedens, und überhaupt des
Verhältnisses zwischen beiden Parteien gedenke.
Es steht irgendwo geschrieben, das Weib solle dem Manne unterthänig
sein und ihm folgen in allen vernünftigen Dingen. Alle Welt weiß, daß
dies geschieht, und daß das Weib wirklich bisweilen folgt, so lange es
ein Ding vernünftig findet.
Hier und da aber sind die Meinungen getheilt über das, was vernünftig
und unvernünftig ist, und dann entstehen Mißhelligkeiten, bisweilen
sogar »Familienverhältnisse.«
Aehnliches findet an Bord statt, -- auf einem Kauffahrteischiffe
nämlich[2]. Ernstlich gesprochen, glaube ich, daß wirklich von beiden
Seiten viel Takt dazu gehört, um ein fortwährend gutes Vernehmen
aufrecht zu erhalten. Es trifft sich oft, daß der Kapitain irgend etwas
an Bord zu verbieten genöthigt ist, es mag auch sein, daß bisweilen
Verbote mit unterlaufen, welche eben so gut oder noch besser vielleicht,
ganz unterblieben wären, aber in beiden Fällen hat er nicht die
hinreichende Macht, seine Befehle zu unterstützen.
Dieß ist gleichgefährlich zu Wasser und zu Land.
Wollte der Kapitain irgend einen Passagier durch die Matrosen zwingen
lassen, Folge zu leisten, so wäre auf einem Passagierschiffe, so z. B.
auf der Reform mit 70 und etlichen Reisenden, ein Zusammenstehn der
meisten, und mithin offenbare Meuterei sehr zu befürchten gewesen. Aber
auch wenn nicht dergleichen in Aussicht steht, so hat der Kapitain
doch immerhin den Ruf des Rheders zu bewahren, den Ruf der sogenannten
Humanität und des freundlichen Benehmens gegen die Reisenden.
Es gehen viele Leute über die See, aber in Hamburg und Bremen gibt es
auch viele Rheder.
Es bleibt mithin das Verhältniß des Kapitains stets ein sehr
eigenthümliches. Dazu kommt, daß die überwiegende Anzahl der
Passagiere, so wie der Kapitaine und Seeleute überhaupt, ganz gewiß
die verschiedensten Lebensansichten haben.
Die meisten der ersteren haben nie die See gesehen, von den wenigsten
der letzteren kennt einer das eigentliche Leben auf dem festen Lande,
mit Ausnahme der amphibienartigen See- und Hafenstädte. Meist
unweit der Küste geboren und selbst Kind eines Seemanns, Lootsen
und dergleichen, kommt der Knabe mit 13-14 Jahren an Bord als
Kajütenjunge, wird später Matrose oder Leichtmatrose, macht, wenn
befähigt, einige Monate in der väterlichen Hafenstadt die Studien
der Steuermannskunst, wird hierauf Unter- später Obersteuermann und im
günstigen Falle Kapitain, wenn er nämlich Glück und Geschick hat und
nicht etwa zufällig -- verloren geht. (Landratten-Sprache: bei einem
Schiffbruche ertrinkt.)
Die Seeleute, die deutschen wenigstens und eben so die von andern
Nationen, die ich kennen lernte, sind fast alle wackere, muthige und
brave Männer, sie sind barmherzig gegen Mensch und Thier; sie sind
bescheiden und ihrem Worte treu!
In näherer Berührung mit ihnen auf der Rückreise während längerer
Zeit, bin ich öfters sogar auf den Gedanken gekommen, als sei der
Mensch von Natur aus doch nicht so sehr =filou= (es macht sich Das
französisch besser), als es gewöhnlich scheinen will.
Aber dieser Seemensch hat vom Landmenschen, speciell aber von der
Species Passagier, einen verzweifelt schlechten Begriff.
Seiner Ansicht nach ist der Passagier ein Gegenstand, dessen Gegenwart
an Bord den Zweck hat, die nicht vorhandene Fracht des Schiffes nach X
oder Y zu decken, d. h. die Kosten des Rheders für die Fahrt, um von
dort andere Waare, Tabak, Ochsenhäute, Pfeffer, Farbholz oder andere
Sachen einzunehmen.
Der Passagier ist in den ersten Tagen ein jämmerliches Ding, welches
seekrank ist, das Deck verunreinigt und allenthalben im Wege steht. Dann
wird es neugierig, räsonnirt über Salzfleisch und Wasser und läßt
vor Allem unaufhörlich merken, daß seine einzige Sehnsucht nach dem
Lande steht.
Ob die Klagen, welche die Passagiere der Reform führten, gegründet
waren oder nicht, will ich nicht entscheiden. Einige mögen wohl
gerecht, andere unbillig gewesen sein. Aber wohl war an den meisten
jener Beschwerden der Kapitain unschuldig. Sie betrafen vorzüglich
die Kost und das Wasser. Erstere höchst einfach, und das Wasser
übelriechend. Aber Alles dieses war die Schuld des Rheders, welcher das
Schiff nicht zum Besten ausgerüstet hatte.
Die ständige Antwort des Kapitains auf alle, endlich täglich, ja
stündlich wiederholte Klagen war, daß er nicht mehr geben könne als
er habe, und daß es auf andern Schiffen auch so sei. Aber mehr und
mehr fand sich eine gegenseitig gespannte, gereizte Stimmung ein, welche
einen unheimlichen Eindruck hervorbrachte, ja bedenklich wurde.
Kapitain und Passagiere grüßten sich nicht mehr bei der Begegnung auf
Deck; ein, ich muß es leider sagen, öfters rücksichtsloses
Benehmen fand bisweilen von beiden Seiten statt, und als wir uns der
brasilianischen Küste näherten, wurde eine Schrift entworfen, welche
von allen Passagieren unterzeichnet und dem Konsul in Rio de Janeiro
übergeben werden sollte.
Diese Schrift enthielt alle Klagen und Beschwerden, welche man gegen
den Kapitain zu führen sich berechtigt glaubte und war ein Mittelding
zwischen Mißtrauensvotum und Anklage-Adresse, ein Nachklang des Jahres
1848. Ich glaube, daß alle Passagiere, außer ich und die beiden in der
obern Kajüte wohnenden Reisenden, jene Schrift unterzeichnet haben.
Die Stellung, welche ich in Hinsicht auf diese Mißhelligkeiten an
Bord beobachtet, war die, welche ich seit langer Zeit unter ähnlichen
Verhältnissen allenthalben eingenommen habe.
Einzeln den Parteien gegenüber, gab ich jeder Unrecht, suchte aber
deren Recht zu vertheidigen nach Kräften bei der andern.
Ich habe die Genossen erinnert, daß sie sich nicht in einem Hotel
befänden, und daß man für 300 Thaler von Bremen bis nach Kalifornien
keine lucullische Tafel verlangen könne. Ich habe ihnen gesagt,
daß man wohl auf andern Schiffen zäheres Fleisch, fauleres Wasser,
schmalere Bissen anträfe.
Dem Kapitain aber versicherte ich unter vier Augen, daß man doch mehr
thun könne für die gegebene Summe, daß das Fleisch sehr zäh, das
Wasser sehr übelriechend und die Bissen sehr schmal wären.
Da man durch die dicksten mittelalterlichen Mauern einer alten freien
Reichsstadt, über ganze Straßen und Stadtviertel hin, genau hört, was
gesprochen wird in den Häusern unserer Freunde und Nichtfreunde, was
Wunder, wenn solches geschah auf einem Schiffe, wo einige dünne Bretter
die dickste Scheidewand?
Auf der Reform aber hatte jene akustische Bauart nicht die üblen
Folgen, die auf dem Lande nicht selten durch sie erzielt werden, und
eine friedliche Lösung der schwebenden Fragen mag bisweilen durch sie
bewirkt worden sein.
Ich ward betraut mit der Stelle eines Mittelsmannes zwischen Kapitain
und Passagieren; habe Hader verhütet und große Errungenschaften
erworben. Man traute mir, da ich jedem meine Meinung sagte, unverholen
und mit so viel Derbheit, Artigkeit oder Laune, als ich eben zur Hand
hatte. Es muß die Seeluft ein besseres Medium sein für unverholene
Meinungen und Scherze, als die auf dem Lande, und es ist hieran
vielleicht ein größerer Jodgehalt der ersteren schuld[3].
Um aber wieder auf meine Errungenschaften zu kommen, so muß ich
berichten, daß ich unter Andern wöchentlich einen Pudding erwirkt,
für die Zwischendeck-Passagiere, und eine Thranlampe mehr, zur
abendlichen Beleuchtung. Für die Kajüten-Passagiere aber habe ich
_zwei_ Lichter erhandelt durch gute Worte beim Kapitain, ein Schälchen
eingemachter Früchte zum Sonntagstisch, und Käse für einen Abend in
der Woche um die Frugalität des Souper zu vermindern.
Ich habe die schwebende Zuckerfrage zu einem glücklichen Ende gebracht,
und trügt mich mein treuloses Gedächtniß nicht, so wurden durch meine
diplomatischen Verhandlungen selbst auf einige Zeit die Speckportionen
um ein Unmerkliches größer.
Aber auch dem Kapitain leistete ich wichtige Dienste. Eröffnete ich
nicht statt seiner den Passagieren, daß leider die Sauerkohlportionen
kleiner werden und bald ganz aufhören würden? Beschwichtigte ich nicht
jenen tobenden Sturm, als unter Absingung der Marseillaise und anderer
aufrührischer Lieder, ein Stück Salzfleisch, welches zufällig grün
statt roth war, über Bord geworfen wurde?
Ernsthaft aber gesprochen, so drehen sich, trägt nicht specielle üble
Laune und widerwärtiges Benehmen eines Individuums die Schuld, die
Uneinigkeiten an Bord zwischen Kapitain und Reisenden meist um das
Essen, und es mag mir wohl bisweilen gelungen sein, ärgerliche
Auftritte zu verhüten. Ganz aber war die Spannung nicht zu heben. Sie
brach unangenehmer als vorher aus, als wir Brasilien wieder verlassen
hatten und machte mir manche trübe Stunde. Ich weiß nicht mehr,
ob jene Klagschrift in Rio de Janeiro übergeben worden ist. Unweit
Valparaiso wurde aber eine zweite entworfen, unterzeichnet und dort
wirklich dem Konsul eingehändigt.
Doch genug von diesen ärgerlichen Händeln. -- Ich will einer
lieblichen Erscheinung gedenken, welche ich unter diesen Breitegraden,
38° Länge, 22° S. B. in meinem Tagebuch verzeichnet finde. Ich
glaube, daß wir dieselbe dort zufällig das erstemal beobachteten,
obgleich sie bei günstigen Verhältnissen unter allen Breitegraden
vorkommen muß, und später auch noch verschiedenemale gesehen wurde.
Ich meine den Regenbogen, welcher bisweilen an der Leeseite des
Bugspriets gesehen wird.
Die Erscheinung zeigt sich, wenn bei vollkommen klarem Himmel und nicht
zu hohem Stande der Sonne ein schwacher Wind sich plötzlich erhoben
hat, so daß das Schiff rasch durch eine noch nicht zu stark bewegte See
geht. Die Sonne muß auf der Luverseite des segelnden Schiffes, nämlich
auf der stehen, wo der Wind herkömmt. Da der Wind die am Bugspriet
empor geschleuderten kleinen Wassertropfen nach der Leeseite treibt, so
ist die dort entstandene regenbogenartige Erscheinung sichtbar, wenn man
sich so stellt, daß man die Sonne im Rücken hat.
Aehnliche Phänomene kommen häufig bei Wasserfällen und selbst bei
größeren Fontainen vor, und müssen auch an den Rädern der Dampfboote
gesehen werden; der am Bugspriet der Segelschiffe sich zeigende farbige
Bogen aber hat die Eigenthümlichkeit, daß er sich durch Reflex tief in
den Grund der See fortzusetzen scheint, was, verbunden mit dem öfteren
plötzlichen Verschwinden und dem raschen Wiedererscheinen desselben,
einen wunderhübschen Anblick gewährt.
Noch muß ich des südlichen Himmels erwähnen, den wir später bei Kap
Horn freilich »noch südlicher«, aber nicht in der Klarheit wie hier
unter den Wendekreisen zu sehen bekommen. Jeder hatte vom südlichen
Himmel gehört, gelesen, von seiner Pracht und Herrlichkeit sich je nach
Begriff und Phantasie ein glänzendes Bild entworfen. So kam es, daß
das edle =Nil admirari= auf der Reform gänzlich vernachlässigt wurde,
und alle Welt schwärmte für den Glanz der südlichen Sternenwelt.
Insbesondere war es das Kreuz, was zur Bewunderung hinriß. Leider
aber zeigte es sich, daß die Ansichten über das Kreuz differirten,
nämlich, daß sehr verschiedene Stellen am Himmel angegeben wurden, wo
sich das Kreuz befinden sollte, und erst später hat der Kapitain mir
das wirkliche Kreuz gezeigt. Die süße Henriette (es hatte aus mir
unbekannten Gründen einer der Passagiere diesen Namen an Bord erhalten)
äußerte bei dieser Gelegenheit, es gäbe nicht blos ein südliches,
sondern auch ein nördliches, östliches und westliches Kreuz, und jeder
sähe das seinige an einer andern Stelle des Himmels oder der Erde. --
Daß das südliche Kreuz keine so außerordentlich glanzvolle
Erscheinung darbietet, wie man im Norden nicht selten glaubt, geht
vielleicht aus dem Gesagten hervor, denn es mögen die Urtheile
Unkundiger, die noch dazu den besten Willen hatten, Herrliches zu
erblicken, und sich doch nicht einigen konnten, wohl hiefür einen
Beweis liefern. Ein schönes Sternbild aber ist immerhin das Kreuz.
Auffallender aber, und für mich, den Nichtastronomen, interessanter
waren die zwei maghellanischen Wolken und die schwarzen Flecke, oder die
Kohlensäcke der Seeleute.
Die maghellanischen Wolken, besonders die größere, haben das Licht
der Milchstraße, machen aber wegen ihres Vereinzeltstehens einen
eigenthümlichen Eindruck. Man glaubt ein abgerissenes Stück derselben
zu sehen. Es hat die größere dieser beiden leuchtenden Flecken des
Sternenhimmels eine Größe von 42 Quadratgraden, während die kleinere
nur 10 Quadratgrade hat. Sie bestehen aus Nebelflecken, Sternschwärmen,
Sternhaufen und vielen einzelnen zerstreuten Sternen.
Die immensen Fortschritte, welche die Naturwissenschaften, besonders die
»populären«, im gebildeten Publikum gemacht haben, überheben mich
der Mühe anzudeuten, was Nebelflecken, Sternschwärme etc. eigentlich
sind, und ich darf sogleich zu den »_schwarzen Flecken_« übergehn,
welche am besten geschildert sind durch ihre Benennung selbst. Es
sind in der That dunkle Stellen am Himmel, gerade das Gegentheil jener
leuchtenden Wolken und von den Astronomen dadurch erklärt, daß an
jenen Stellen sich im Raume eine geringere Anzahl von Himmelskörpern
befinden, und daß ihre Dunkelheit noch hervorgehoben wird durch die
Dichtheit der sie umgebenden Sternschichten.
Auffallend und fremdartiger noch werden ohne Zweifel dem Bewohner der
nördlichen Halbkugel diese _schwarzen Flecken_ erscheinen, als die
maghellanischen Wolken, da auf unserer Erdhälfte Nichts Analoges
sich am Sternenhimmel dem unbewaffneten Auge darbietet, während
die Milchstraße uns schon an die ihr ähnliche Erscheinung der
maghellanischen Wolken gewöhnt hat.
Wenigstens war dies der Eindruck, welchen jene beiden
Eigenthümlichkeiten des südlichen Himmels auf mich hervorbrachten, der
Totaleindruck aber war gegen jenen unserer Halbkugel kein günstiger
zu nennen. Nur glänzendere Fixsterne erster Größe vermögen
einigermaßen die Sternenleerheit des südlichen Himmels, namentlich in
der Nähe des Pols, zu decken.
Daß der nächtliche Himmel unter den Wendekreisen überhaupt schöner
und lieblicher, als näher den Polen, bedarf keiner Erwähnung. Die
Helle und Klarheit dieser Nächte bei mondfreiem Himmel kommt nicht
selten einer Nacht unter unseren Breitegraden gleich, die von halbvollem
Monde erhellt wird, und das tiefe prachtvolle Blau entspricht allerdings
den Schilderungen, die hievon entworfen worden sind.
Wir sahen am 17. Juni zum erstenmal die Küste von Brasilien.
Scheinbar steile Abhänge, hier und da von fast kegelförmigen Formen
unterbrochen. Aber die Abstufung dieser Kegel verscheuchte den Gedanken
an basaltische oder doleritische Gebilde, und ließen granitische Massen
vermuthen. Ich habe, wo es thunlich war, Profile der Küsten gezeichnet,
und was mir dort während der Arbeit bisweilen als eine nutzlose
Beschäftigung erschien, giebt mir jetzt, wenn ich mein Skizzenbuch
durchblättere, eine klare Erinnerung an das Gesehene, ein, wenn auch
schwaches, geognostisches Bild, und ruft mir jene Stunden der Erwartung
deutlicher in's Gedächtniß zurück, als die Notizen meines Tagebuchs.
Kurz nachdem wir die Küste in Sicht gehabt hatten, fiel Regen und bald
darauf verhüllte ein ziemlich dichter Nebel alle Aussicht, bis endlich
plötzlich des Nachmittags die Nebel fielen, und wir in prachtvoller
Sonnenbeleuchtung und nicht allzugroßer Ferne die brasilianische Küste
vor uns hatten.
Die Geschäftigkeit der Seeleute hielt der Schwärmerei der Passagiere
die Wage. -- Brasilien! Eine Menge fast unbewußter Begriffe verbinden
sich mit diesem Namen, welcher mir wenigstens in früher Jugendzeit
stets der Repräsentant aller tropischen Pracht, aller überseeischen
Herrlichkeit gewesen. Kann ich aber leugnen, daß bei näherer Ansicht
der Küste, bei der Hoffnung, wohl morgen schon das Land zu betreten,
all das, was ich gelesen über dasselbe in den Werken gelehrter
Reisenden, zurückgedrängt wurde von der Erinnerung an jene Phantasien
des Knaben? Alle jene Bilder, welche seit mehr als 30 Jahren vergessen
in irgend einem Gedächtnißwinkel gelegen, tauchten dort mit
wunderbarer Frische wieder auf. Dort habe ich Bertuch's großes
Bilderbuch wieder vor mir gesehen mit den riesigen Faltern und
glänzenden bunten Vögeln, welche Zeugniß geben von der prachtvollen
Fauna jenes Landes. Ich habe die ermahnende Stimme jener gütigen
verehrten Frau, die Mutterstelle an mir vertreten, wieder gehört,
warnend, nicht so in Affect zu gerathen und den Theetisch nicht
umzuwerfen. Als aber dort die Küste plötzlich uns entgegentrat,
vergoldet von der abendlichen Sonne und umdonnert von der Brandung des
durchschifften Oceans, habe ich mich gefreut, daß ich alles das jetzt
sehen würde, jene Falter und Vögel, die Palmen und die Neger und die
mächtigen Stämme des Urwaldes mit ihren Schlinggewächsen. Ich habe
mich fast verwundert, daß das jetzt doch geschehen, was ich als Knabe
für so ganz unmöglich gehalten, trotzdem, daß so vieles geschehen,
_mir_ geschehen, was ich als Knabe, als Jüngling und als Mann für noch
viel unmöglicher gehalten.
Ich habe vorhin von der Geschäftigkeit der Seeleute beim Anblicke der
Küste gesprochen und ich komme darauf zurück. Theils rüstete man
sich zur baldigen Landung und traf Vorkehrung, um die Anker werfen
zu können, anderntheils aber schien es mir, als wisse man nicht ganz
genau, wo man sei und sei bemüht, sich zu orientiren. Gegen Abend wurde
etwas von der Küste abgehalten und es dauerte bei der in jenen Gegenden
so rasch eintretenden Finsterniß nicht lange, als wir Feuer am Lande
und zugleich einen Leuchtthurm mit Drehfeuer erblickten. Aber es war
an diesem Drehfeuer nicht zu erkennen, ob wir Kap Frio oder Rio vor uns
hatten. Ich kann mich nicht mehr der Unterschiede erinnern, durch welche
beide Leuchtthürme erkannt werden. Im Allgemeinen sind die Drehfeuer
so eingerichtet, daß einige Sekunden das Licht erscheint, dann eine
bestimmte Anzahl von Sekunden verschwindet und hierauf wieder, und
bisweilen mit verändertem Farbentone, sichtbar wird. Während wir aber
nun sicher waren, eines der beiden Leuchtfeuer vor uns zu haben, traf
keins der in den Handbüchern angegebenen Signale mit dem von uns an der
Küste gesehenen zusammen. Ich habe mich hievon überzeugt, indem ich
abwechselnd mit dem Kapitain die Zeitdauer des Lichts beobachtete.
Da besonders für Schiffer, die das erstemal die Küste von Brasilien
besuchen, und eben so bei nebligem Wetter die beiden Leuchtthürme, oder
vielmehr die Orte, wo sie stehen, leicht zu verwechseln sind, so dächte
ich, daß es ganz einfach und sicher unterscheidender wäre, dem einen
der Thürme weißes, dem andern rothes Drehfeuer zu geben. Ein in
gewissen Intervallen verschwindendes Feuer ist übrigens nothwendig,
da in größerer Entfernung und bei Nebel das Signal leicht mit irgend
einem andern, zufällig an der Küste brennenden Feuer verwechselt
werden könnte, und umgekehrt.
Unser Kapitain, jung zwar, er machte die erste Reise als Kapitain, aber
vorsichtig und gewissenhaft, entfernte sich wieder von der Küste,
und da es bei Anbruch des folgenden Tages neblig war, kreuzten wir des
Morgens, ohne uns zu nähern. Windstille folgte, und bald auf dieselbe
gegen Abend eine ziemlich starke Boe. Es wurden die Segel gerefft, und
alles angewendet, um uns von der Küste zu entfernen.
Jeder, der einige Zeit lang Salzfleisch gegessen, weiß, daß auf hoher
See nur weniges zu befürchten, daß aber eine gewisse Gefahr immerhin
an der Küste in Aussicht steht. So war auch bei den Reisenden hie und
da ein Anhauch von Aengstlichkeit nicht zu verkennen, und bedenkliche
Mienen zeigten sich, als die Feuer an der Küste nicht verschwinden
wollten, der Wind stärker und das Schwanken des Schiffes immer heftiger
wurde. Doch ging die Nacht ohne Unfall vorüber.
Wir kreuzten des andern Vormittags fortwährend an der Küste, näherten
uns aber endlich derselben so weit, daß wir den Eingang zum Hafen in
Sicht hatten. Bereits wurde die See belebter. Vögel, Möven in
großer Anzahl schwärmten umher, Quallen von ein bis anderthalb Fuß
Durchmesser und scheibenförmig gestaltet, zogen ganz langsam am Bord
vorüber und Züge von Delphinen wurden nahe und ferne gesehen. Da nur
ein sehr schwacher Seewind wehte, so hatten wir Gelegenheit Alles
mit Muße beobachten zu können. So war nicht weit von uns ein
eigenthümliches Schauspiel zu bemerken. Ein Zug Delphine schwamm in
gleichem Curse mit der Reform, und eben so langsam wie sie dem Hafen zu,
und wurde von den allenthalben umherschwimmenden Möven bemerkt.
Alsbald versammelten sich diese Vögel über den schwimmenden
Delphinen, anfänglich einzelne, bald mehrere Hunderte, und begannen
ein eigenthümliches Treiben. Sie stürzten sich aus der Luft mit
Blitzesschnelle auf die Delphine, verweilten dort entweder einige
Sekunden, oder schwangen sich eben so schnell wieder in die Luft.
Entweder nehmen diese Vögel irgend eine Art Parasiten von der Haut der
schwimmenden Thiere ab oder benützten sie die Gelegenheit um kleine
Fische zu fangen, welche nicht selten die Züge größerer warmblütiger
Seethiere begleiten. Ich habe deutlich beobachtet, daß sich einzelne
Möven an Delphine anklammerten und unter Wasser gingen, wenn diese
tauchten, und erst beim Wiedererscheinen derselben sich in die Luft
schwangen. Die Delphine selbst schienen sich nicht im Mindesten um die
Vögel zu kümmern, sie setzten mit größter Unbefangenheit ihren Weg
fort, und die letzteren gaben ihre Beschäftigung erst auf, als der Zug
der Delphine sich uns auf Schiffsweite genähert hatte.
Kurz hierauf kamen wir an einige Stellen, woselbst die See ganz roth
gefärbt war. Die Ursache war eine Unzahl kleiner rother Krebse,
von welchen ich einige aufgefischt, sie aber leider später in Chile
verloren habe.
Bereits sahen wir schon den Leuchtthurm des Hafens. Er scheint von ferne
gesehen hart am Ufer zu stehen, befindet sich aber in Wirklichkeit weit
ab von demselben, auf einem isolirt in See stehenden Felsen, -- erinnere
ich mich recht, vielleicht zwei englische Meilen vom Eingange des Hafens
entfernt.
Wir ließen den Leuchtthurm Backbord liegen und hatten uns kurz vor
Untergang der Sonne dem Eingange des Hafens bis auf eine kurze Strecke
genähert.
In nächster Nähe hatten wir einige vereinzelt liegende ziemlich steile
Felseninseln vor uns, und auf ihnen sahen wir die ersten Palmen. Weiter
entfernt gegen rechts bewaldete Höhen, auf welchen die scheidende Sonne
eben noch erlaubte, die wunderbaren Formen der tropischen Vegetation
zu begrüßen. Noch weiter gegen das Land zu, gegen rechts, liegt
am Eingange des Hafens das Fort Santa Cruz, welchem gegenüber der
Zuckerhut, ein steiler, etwa 1300 Fuß hoher Felsen, den anderen Theil
des Hafeneinganges bildet. Ihm schließen sich Berge und Felsen an,
prangend im tiefsten prachtvollen Grün des Pflanzenwuchses.
Es wurde das Loth geworfen, um Tiefe und Beschaffenheit des Ankergrundes
zu erforschen und der Kapitain bat die Passagiere um Ruhe und Stille auf
einige Zeit, um ungestört jene Arbeit vornehmen zu können.
Denken läßt es sich, daß Alles auf Deck war, was sich rühren konnte
an Bord; aber mit Ausnahme der beschäftigten Seeleute, welche hie und
da einen Befehl empfingen und Antwort gaben, sprach dort Niemand eine
Sylbe und es wurde dem Willen des Kapitains die möglichste Folge
geleistet. War es die Achtung vor dem Worte desselben, war es die stille
Lust am neuen nie gesehenen Anblicke, hatte sich Aller eine stille
beschauliche Stimmung bemächtigt? Ich weiß es nicht, aber ich weiß,
daß wenig Momente im Leben (angenehmen Andenkens nämlich) mir so
unvergeßlich sein werden, als jene nächtlichen Stunden.
Wir hatten die Anker geworfen und ein leichter Landwind brachte uns eine
Fülle von Wohlgerüchen an Bord, während große Nachtschmetterlinge um
das Kompaß-Licht flatterten und dann wieder verschwanden.
Der Mond, welcher nur kurze Zeit geleuchtet, hatte den Sternen
gestattet, uns das prachtvolle Blau jenes glücklichen Himmels in seiner
ganzen Herrlichkeit zu zeigen. Dabei Klänge vom Land, Musik in
der Entfernung, in größerer Nähe menschliche Stimmen in fremder
unverständlicher Sprache und bewegliche Feuer. Im Hintergrunde
und durch das Thor des Hafens ersichtlich die Stadt, beleuchtet von
Tausenden von Lichtern längs dem dunklen Saume der Küste.
Alles das ist nichts besonderes. Aber es macht einen eigenen Eindruck
wenn man es erfährt nach einer fast zweimonatlichen Seereise an der
Küste eines Landes wie Brasilien und mit der Hoffnung, morgen jenes
Land betreten zu können!