II.

Fahrt nach Rio Janeiro.

Der großartige erste Eindruck des Anblicks der See geht unbedingt

verloren bei der Abfahrt von Bremen. Man treibt abwärts auf der Weser,

man sieht stets die beiden Ufer des Flusses, der, wenn gleich ziemlich

breit, doch immer noch Fluß ist. Aber allmälig ziehen sich die Ufer

zurück, man sieht Bremerhaven, und ist dann auf einmal in die See

gekommen, ohne zu wissen, wie.

Ueberhaupt kommt bei der Abfahrt von Bremen oder Hamburg noch hinzu,

daß man den Kanal zu durchschiffen hat. Auch der Abschied vom alten

Europa wirkt nicht plötzlich ein. Allenthalben noch ein Fleckchen Land,

bald Frankreich, bald England.

Ein anderes ist es, wenn der Reisende das Festland von einem Hafen aus

verläßt, der sogleich in die See führt. Dort fällt das Große, das

Unendliche der Erscheinung plötzlich und massenhaft in's Auge, und

Land so wie See erscheint, gegenseitig sich zur Folie dienend, gleich

großartig. Solches war bei allen Häfen von Südamerika der Fall,

welche ich besuchte. Hat man aber auch die See schon befahren und ist

an das Imposante des Anblicks gewöhnt, so macht das unerwartete

Hervortreten desselben stets einen überraschenden und in der That

unvergeßlichen Eindruck.

So kletterte ich eines Nachmittags durch einige waldige Schluchten

unweit Valparaiso, bestieg endlich einige steile Gehäge und glaubte,

vermöge meiner jenes Mal noch mangelnden Ortskenntniß, jenseits des

erstiegenen Berges in ein ausgedehntes waldiges Thal zu kommen, in

welchem ich Colibri wußte, die ich jagen wollte. Aber ich war irre

gegangen, und stand nach Ersteigung des Berges an einem steilen Abhange,

der den ganzen unbeschränkten Anblick der See gestattete. Dort wußte

ich einige Augenblicke lang nicht wie mir geschah, denn wo ich mir

grünes, bebuschtes Thal gedacht, lag plötzlich eine endlose Fläche

des feurigsten Ultramarin vor mir, klar, hell, glänzend in südlicher

Sonne, nebelfrei und spiegelglatt, mit kaum zu bezeichnender Gränze

gegen den Himmel, der, wolkenlos, mit der See an Farbenpracht

wetteiferte. --

Auf hoher See selbst, ohne Blick auf irgend eine Küste, verliert

nach meiner individuellen Ansicht wenigstens die Größe des Eindrucks

bedeutend.

Ich habe nicht selten Augenblicke gehabt, in welchem mir die Entfernung

von Bord aus bis an die sichtbare Gränze der See gegen den Horizont

wirklich lächerlich nahe erschien, eine Flintenschuß-Weite etwa. Man

glaubt auf einer Scheibe zu stehen, deren Mittelpunkt das Schiff ist.

Nicht ich allein erhielt diesen Eindruck, es theilten ihn viele der

anderen Passagiere. Aber schon ein schwimmender Vogel zerstört jene

unangenehme Täuschung großentheils und ein Segel, welches am Horizonte

auftaucht, oder eine ferne Küste stellt den Begriff mächtiger

Fernsicht wieder her. --

Nach diesen Abschweifungen über den ersten Anblick der See, kehre ich

auf die nicht sehr klaren Wogen der Weser zurück und beeile mich, die

welche den Muth haben (figürlich gesprochen, ich meine den Muth die

Langeweile zu bekämpfen) mir auf meiner Reise zu folgen, -- ich beeile

mich, sage ich, sie von der Weser auf den Kanal, und auch von dort wo

möglich baldigst auf hohe See zu bringen.

Ich folge hier einfach den Eindrücken, wie ich sie empfunden, denn

Merkwürdiges oder Neues wenigstens ist nicht zu berichten von einer

durchschifften Strecke, die schon vielfach beschrieben worden. --

Uns aber, den Passagieren der Reform, war mancherlei fremd, ungesehen

wenigstens, wenn gleich schon öfters gehört, gelesen. Unsere

erste Fahrt auf der Weser dauerte einige Stunden, dann wurden bei

einbrechender Nacht die Anker geworfen. Des anderen Tages schlechter

Wind, das heißt, gar keiner, und langsames Treiben auf dem Flusse einem

Holzfloße ähnlich. Enten und Möven schwärmten um das Schiff, ich

schoß einige derselben, aber wir konnten ihrer nicht habhaft werden.

Endlich wieder bessern Wind; wir sahen Bremerhaven und kamen am

28. April in die Nordsee. Wangerooge wurde uns gezeigt, und auf eine

Zeit lang entschwand Europa unseren Blicken.

Auf der Nordsee sah ich die ersten Quallen. Manche derselben wurden

gefangen und von mir gezeichnet. Zu wenig aber bewandert in diesem

Zweige der Zoologie, darf ich nicht hoffen, Neues den Männern vom

Fach bieten zu können, und so mögen jene auf der Reise gesammelten,

ziemlich zahlreichen Skizzen in meiner Mappe bleiben, einfach zur

Erinnerung für mich allein.

Indessen werde ich später Gelegenheit haben auf diese eigenthümlichen

Geschöpfe zurückzukommen und einige Notizen über sie meinen

Lesern vorzuführen. Ich war zu jener Zeit nach einigen Tagen des

Zusammenlebens schon als »der Naturforscher an Bord« von den Genossen

anerkannt worden, und freundlich wurde mir Alles dahin Bezügliche

eingehändigt, dessen man habhaft werden konnte.

Hier kann ich nicht umhin einige Worte zur näheren Bezeichnung meiner

Reisegefährten einfließen zu lassen, und es gereicht mir, der ich

stets lieber gelobt als getadelt habe, zu großer Befriedigung, der

Wahrheit getreu, hier nur Freundliches berichten zu dürfen.

Die Passagiere der Kajüte waren meist junge Kaufleute, welche in

Kalifornien ihr Glück zu machen hofften. Einige gehörten auch, wie ich

glaube, keinem besonderen Stande an, und durften einfach als die

Söhne ihrer Väter betrachtet werden. Ein älterer Herr, ebenfalls

Kajüten-Passagier, hatte früher in preußischen Diensten gestanden

und wurde Lieutenant genannt. Ich habe während des viermonatlichen

Zusammenlebens mit diesen Leuten fast nie einen Zank oder Streit

gehört und kleine Mißhelligkeiten, unvermeidlich auf dem engen uns

zugemessenen Raume, blieben stets in den Gränzen des Anstandes. Ein

Fall von momentaner Tobsucht, hervorgerufen durch ungewohnten Genuß von

Spirituosen kann nicht wohl als Ausnahme betrachtet werden. Ich

erwähne dessen vielleicht später. Daß indessen kleine Neckereien mit

unterliefen, läßt sich denken, und fast wollte es in der ersten

Zeit der Fahrt scheinen, als solle ein oder das andere Individuum zur

ständigen Zielscheibe erwählt werden. Ich glaube einigen Theil zu

haben, daß dieß nicht wirklich geschah.

Was das Benehmen der Genossen gegen mich betraf, so muß ich

wiederholen, daß solches das freundlichste gewesen, und mit dankbarer

Anerkennung darf ich aussprechen, daß meine naturwissenschaftlichen

Bestrebungen den lebhaftesten Anklang, und wo immer möglich, Hülfe und

Beistand erfuhren. Was auch zu fischen und zu haschen war auf der

See, brachte man mir, leistete hülfreiche Hand beim Präpariren und

Zeichnen, und überließ mir willig den halben Raum der Kajüte zum

Lesen und Schreiben. Aber auch in anderen Beziehungen war man gefällig,

freundlich und zuvorkommend gegen mich, ich habe nie mit irgend einem

der Genossen einen Aerger gehabt, ja ich erinnere mich keines Zwistes.

Das Benehmen der Zwischendeck-Passagiere gegen mich war dasselbe wie

das der Kajüten-Passagiere, und ich muß einfach das dort Gesagte

wiederholen. Indessen kamen im Zwischendecke wohl einigemal

Streitigkeiten vor, doch selten und bald geschlichtet. Da Leute von

ziemlich verschiedener Bildung, wohl auch Ansicht und Leidenschaft,

dort zusammen leben mußten, und bei noch beengterem Raume als in der

Kajüte, waren dort Zwiste wohl unvermeidlich. Indessen waren mehrere

recht liebenswürdige Leute im Zwischendecke und ich erwähne als einer

auffallenden und angenehmen Erscheinung eines Franzosen, der früher

in Algier gefochten hatte und nun im Goldlande sein Glück verfolgen

wollte. Ein feiner und gebildeter Mann, der ernst in's Leben schaute,

aber dabei, so viel es nur immer thunlich, die Sorgfalt seiner Toilette

nicht versäumte. Ich glaube, er war der einzige Passagier der Reform,

der sich wöchentlich mehrmal rasirte. Er war offenbar aus guter

Familie. Was hatte ihn nach Algier, was nach Kalifornien getrieben? Man

wußte es nicht, denn solche Fragen werden nie an Bord gestellt und noch

weniger in überseeischen Ländern selbst gethan. Häkchen oder Haken

hat es da wohl nicht selten und so mag dort der alte Mantel christlicher

Liebe in die gefällige Form moderner Weltanschauung gebracht,

gegenseitig ersprießliche Dienste leisten. --

Auch musikalische Talente fehlten nicht im Zwischendecke, und wurden

mit mehr oder minderem Erfolge anerkannt. Noch muß ich eines Pudels

errwähnen, intelligent wie alle seiner Race und vielfach erfahren

in hündischen Künsten. Er unterhielt nicht selten die ganze

Genossenschaft, hätte aber später fast zu einer Tragödie Anlaß

gegeben.

Zu den 18 Passagieren der Kajüte und den etlichen vierzig im

Zwischendecke kommen noch zwei weitere Passagiere, die in der oberen

Kajüte des Kapitains Platz gefunden hatten. Der Schiffsarzt und seine

Frau hatten eine kleine Koje ohnweit der Kapitains-Kajüte inne.

Ich kann nicht wohl dem freundlichen Leser meine Reise und Begebnisse

erzählen, ohne daß ich ihnen eben die erhaltenen Eindrücke vorführe,

wie sie sich mir einprägten. Werde ich auch häufig den Ort anzugeben

genöthigt sein, so mag doch die Tagbuchform nur im Nothfalle zu Hülfe

genommen werden. So melde ich denn jetzt, daß wir am 28. April

gegen Mittag in den Kanal einfuhren. Wir hatten abwechselnd gutes und

schlechtes Wetter, das heißt frischen Wind oder flauen, wie nämlich

die Seeleute das Wetter betrachten, nach unseren Begriffen wurde ein

kalter Regen, der häufig fiel, auch zum schlechten Wetter gerechnet.

Am 2. Mai hatten wir den Kanal passirt. Die Fahrt durch den Kanal ist

mannichfach geschildert worden, und ich will die Freunde und mich nicht

damit ermüden, Dinge zu wiederholen, die wohl besser beschrieben

worden sind, als ich es vermöchte, nach den flüchtigen Skizzen in

Zeichenmappe und Tagebuch. Daß der Kanal belebt ist, was man in diesem

Sinne belebt nennt, nämlich mit Hunderten von Fahrzeugen bedeckt,

weiß jedermann und auch wir sahen Schiffe jeder Art in Nähe und Ferne.

Ohnweit Dover, welches ich der Nähe halber erträglich zeichnen

konnte, kamen Fischer an Bord, weniger in der Absicht Fische an uns zu

verkaufen, als Briefe nach Europa von uns, gegen eine Vergütung, zu

befördern. Ich weiß nicht, ob sie Geschäfte machten, und kann mich

nur erinnern, daß ich in einem Anfalle von Sparsamkeits-Laune ihre

Forderung zu hoch fand, und keinen Brief nach Hause sendete, was ich

später bereute.

Quallen und allerlei anderes Seegethier wurde auch während der Fahrt

durch den Kanal häufig aufgefischt und mir überbracht. Aber auch

Landbewohner kamen an Bord; Sperlinge nämlich und ein finkenähnlicher

Vogel. Sie verließen uns wieder, nachdem sie im Tauwerk sich

hinlänglich ausgeruht.

An der Stelle des Kanals, von welcher man die französische und

englische Küste zugleich in Sicht hat, hing sich endlich das Gespinnst

von =Tetragnatha extensa= an Taue und Segel. Da ich bescheidene Zweifel

hege, daß alle meine freundlichen Leser genau wissen, wer oder was

=Tetragnatha extensa= ist, so nehme ich mir die Freiheit zu bemerken,

daß es die Spinne ist, deren fliegendes Gewebe man Sommerfäden, oder

alten Weibersommer nennt. Da wir Seitenwind von der englischen Küste

her hatten und mithin die Fäden ohne Zweifel in England gesponnen

worden waren, so nahm ich Gelegenheit den Reisegefährten zu erzählen,

daß ein Engländer Chaucer im 14. Jahrhundert zuerst der Sommerfäden

Erwähnung thut, und sie in einem Gedichte besang.

Man bewunderte meine Gelehrsamkeit und einige Stunden darauf eben so

die Virtuosität, welche ich in der Konsumtion von Portwein an den

Tag legte. Zu jener anfänglichen Zeit der Reise bestand zwischen dem

Kapitain und den Reisenden noch ein freundliches Vernehmen, und ersterer

hatte mehrere von uns eingeladen mit ihm ein Glas Wein in seiner

Kajüte zu trinken. Es blieb nicht bei einem Glase, und mancher wurde

todtenähnlich vom Schlachtfelde gebracht. Dort habe ich Süddeutschland

glänzend vertreten.

Aber während ich mannichfacher Besuche erwähnte, die wir von See und

Land aus erhielten, habe ich noch mit keiner Sylbe von jenem schlimmsten

Gaste gesprochen, der dem beginnenden Seefahrer schon am Lande Angst

und Schrecken einjagt, auf der See aber directe Verzweiflung bringt.

Jedermann weiß, daß ich die Seekrankheit meine. -- Schon auf der Weser

wurde einigen der Passagiere übel zu Muthe. Als wir in die Nordsee

eingelaufen waren, war der größte Theil derselben seekrank. Aber

während bei einigen das Unwohlsein kaum einige Tage dauerte, und dann

selbst beim stärksten Sturme[1] später nicht wiederkehrte, hatten

andere während der ganzen Reise zu kämpfen, und waren nur bei

vollständiger Windstille verschont. So z. B. W. aus Nürnberg, welcher

nur selten seine Koje verlassen konnte und dessen Ausdauer ich stets

bewundert habe.

Aber es giebt noch eine dritte Modifikation der Seekrankheit, jene

welche jedesmal bei schlimmem Wetter, bei hoher See wiederkehrt, und

mit mehr oder weniger Heftigkeit sich Jahre lang, Jahrzehente und selbst

länger wiederholt.

Ich habe einen alten sehr tüchtigen Seemann, einen ächten

»Seebären«, gekannt, der dreißig Jahre lang alle Meere der Erde

befahren und wahrlich nicht aus weichlichem Stoffe geformt war. Aber bei

hoher See wurde ihm unheimlich zu Muthe. Ich habe später eine

längere Fahrt mit ihm bestanden, und als wir jene unangenehmen Stellen

besuchten, wo fast fortwährend 20 bis 25 Fuß hohe Wellen ihre Tücke

übten, habe ich nicht selten mit Bedauern das leidige »mich ist flau«

aus seinem Munde vernommen.

Das eigentliche Erbrechen, -- nennen wir es beim rechten Namen, ohne die

bei dieser Gelegenheit üblichen Umschreibungen zu gebrauchen, -- ist

aber nicht allein der Ausdruck der Seekrankheit. Ich habe Passagiere

gesehen, welche lange Zeit bleich und still umherschlichen, so bald

ein wenig Wind die See bewegte, ohne sich zu erbrechen, und diese

behaupteten nicht seekrank zu sein. Aber ich glaube nicht, daß sie um

Vieles besser daran waren, als die übrigen.

Unter den Reisenden auf der Reform befanden sich, wie ich glaube, kaum

mehr als vier oder fünf Personen, welche verschont blieben, und ich

hatte das Glück zu diesen Bevorzugten zu gehören.

Allerdings hatte ich in den ersten Tagen der Fahrt einigemal das Gefühl

leichten Schwindels, nie aber irgendwie ein weiteres Unwohlsein, mit dem

bekannten unangenehmen Anhängsel. Durch ein Glas irgend eines geistigen

Getränks waren jene unbedeutenden Anfälle indessen leicht gehoben.

Einigermaßen mag durch ein keckes Entgegentreten und festen Willen

immerhin der Seekrankheit zu begegnen sein. Ich meine nämlich die

leichteren Modifikationen derselben, deren erste Motive gewiß im

Nervensystem zu suchen sind. Aber es ist schwierig, hierauf näher

einzugehen.

Uebrigens gestehe ich, daß ich überzeugt war seekrank zu werden, und

mich nicht eben besonders auf die neuen Erfahrungen freute, welche ich

zu machen fürchtete. Aber als bereits schon ein Theil der Reisenden in

verdächtigen Situationen zu sehen waren, während ich mich vollkommen

gesund befand, schöpfte ich frischen Muth.

Unsere Fahrt durch den atlantischen Ocean bot keine eigentlichen

Abenteuer dar. Wir hatten keine Gefechte mit Piraten, wir litten

nicht Schiffbruch und hatten keinen Schiffsbrand. Aber doch sahen

wir Allerlei, was dem Binnenländer neu, seltsam, und nach Umständen

erheiternd oder bedrohlich erscheinen mochte.

Allein auf sich beschränkt und eingeschlossen von jener unendlichen

Wasserwüste, wird den Passagieren sowohl wie der Mannschaft die

kleinste Neuigkeit zum Ereignisse. Ein Fisch, der dem Schiffe folgt,

Seevögel, ein fernes Segel, oder irgend eine Erscheinung am Himmel,

alles weckt das gemeinschaftliche Interesse. So war das erste Schiff,

welches wir am 8. Mai außerhalb des Kanales trafen, für uns ein

Gegenstand, der großes Interesse erweckte. Es wurde mit jenem Schiffe

geflaggt, d. h. der seemännische Gruß gegeben, durch mehrmaliges

Aufziehen und Herablassen der Flagge. Der Spanier, denn das Schiff war

ein spanisches, erwiederte den Gruß mit Artigkeit und so zogen wir an

einander vorüber wie zwei höfliche Männer, die sich mehrfach mit dem

Hute grüßen, wohl auch noch mit der Hand bewinken, ehe sie gänzlich

scheiden. Alle Nationen ziehen die Flagge gegenseitig auf und geben so

ein Zeichen der Höflichkeit von sich, mit Ausnahme des Nordamerikaners,

welcher, aus Artigkeit wenigstens, vor einem Schiffe gleichen Ranges

keine Flagge aufzieht. Bei amerikanischen Kauffahrern ist dies immer

der Fall und so oft wir später einem Yankee begegneten, habe ich

unwillkürlich an einen Gentleman gedacht, der die Hände in den

Taschen, den Hut auf dem Kopfe und die beiden Füße auf dem Tische

liegen hat.

Den ersten Zug von Delphinen sahen wir Tags darauf, den 9. Mai, unter

14° 14' westlicher Länge und 35° 58' nördlicher Breite. Tümmler

(=Delphinus phocaena=) hatten wir in der Nordsee und am Eingange des

Kanals mehrere gesehen. Es ist wohl keinem Zweifel unterworfen, daß

die Thiere, welche der Seefahrer überhaupt Delphin, oder eigentlich

Schweinfisch nennt, sehr verschiedenen Arten angehören, von welchen

viele den Zoologen nicht genau bekannt sind; denn diejenigen Arten,

welche nur auf hoher See, oder an unbewohnten Küsten sich aufhalten,

kommen nur durch Zufall in kundige Hände, wird gleichwohl hie und da

auf der See einer gefangen. Die Fabeln, welche sich die Alten von

den Delphinen erzählten, werden theilweise gerechtfertigt durch die

Lebhaftigkeit und Intelligenz, welche diese Thiere beweisen. Jener erste

Zug, welcher uns entgegenkam, wohl etwa dreißig bis vierzig Individuen,

begleitete das Schiff längere Zeit, spielend um das Bugspriet, bald

vorauseilend, bald zurückbleibend und wieder dann in verdoppelter

Eile nachkommend. Es scheint dieses Begleiten der Schiffe, welches

die Delphine fast immer thun, keineswegs zu geschehen, um irgend eine

Nahrung zu erhaschen, sondern es hat den Anschein als geschehe es allein

aus Heiterkeit oder um einen Weltlauf zu veranstalten.

Der Kapitain warf mit einer Harpune nach einem der Thiere und traf es

auch wirklich; als man es aber herausholen wollte, riß die Harpune aus,

und das Thier gieng, schwer verwundet, verloren. Dies geschah übrigens

fast immer, da die Widerhaken der Harpunen zu klein sind, um das Gewicht

des Thieres, sobald es aus dem Wasser ist, tragen zu können.

Wir haben auf der ganzen Fahrt bis nach Valparaiso nicht einen einzigen

Delphin bekommen, während wir sicher acht bis zehn Stücke schwer

verwundeten. Erst auf der Rückreise wurden wir einiger habhaft, und

ich schmeichle mir, dort etwas dazu beigetragen zu haben; indessen davon

später.

Unter jenen Breitegraden trafen wir überhaupt häufig Delphine und

schon Tags darauf kam wieder ein Zug in die Nähe der Reform. Es

schienen die Thiere diesesmal eine Art Vorposten ausgeschickt zu haben,

denn der Hauptzug, etwa 50 Thiere, folgte langsam und dicht geschlossen,

während fünf oder sechs derselben voraus und auf das Schiff zueilten.

Als sie hierauf an der Steuerbord-Seite angelangt, sich wie gewöhnlich

anschickten, das Schiff zu begleiten, harpunirte der Kapitain einen

derselben, welcher, schwer getroffen, aber noch im Wasser, so heftige

Bewegungen machte, daß er losriß und verloren gieng, während das

Eisen der Harpune durch die Anstrengungen des Thieres fast im rechten

Winkel gebogen an Bord gezogen wurde. Ich stand neben dem Kapitain, und

half ihm die Leine fixieren, da die Mannschaft noch an einigen Stellen

ebenfalls auf der Lauer stand. Das auffallende und wirklich Intelligenz

verrathende Benehmen der Kameraden des Verwundeten setzte mich dort

höchlich in Erstaunen. Sobald das Thier getroffen war und sich, die See

mit Blut färbend, wieder losgerissen hatte, waren die nächsten an Bord

mit der Schnelligkeit des Blitzes verschwunden. Bei jenem großen, in

beiläufiger Entfernung von zwei oder drei Schiffslängen nachkommenden

Zuge konnte man aber die deutlichen Zeichen der Mißbilligung und

Entrüstung beobachten. Die Thiere sprangen knurrend und eigenthümliche

Töne von sich gebend über das Wasser empor, schlugen augenblicklich

eine der unseren entgegengesetzte Richtung ein, und in dem vorher

wohlgeordneten Haufen war ersichtlich Verwirrung und Schrecken

eingetreten. Mir schien, als wollten uns jene Delphine ihren Zorn und

ihre Kränkung zu erkennen geben, daß wir sie mörderisch empfangen,

sie, die gekommen, uns als Fremdlinge zu begrüßen, und uns eine

Strecke weit freundlich zu begleiten.

Die Matrosen hatten eine andere Lesart. Sie sagten, wenn ein

Schweinfisch geschossen ist und geht, d. h. wenn der Harpunirte schwer

verwundet sich losreißt, so freuen sich die anderen, schwimmen ihm

nach, beißen ihn vollends todt und fressen ihn auf. -- Man sieht, daß

die Seeleute die Sache von menschlichem Standpunkte aus auffaßten. Aber

ich hatte mir meine Poesie nicht nehmen lassen. Einige Tage später,

am 12. Mai, 16° Länge und 30° 51' Breite, ließ sich die Nähe des

Landes spüren, ohne daß wir solches in Sicht bekamen. Wir segelten

nämlich mit gutem Ostwind zwischen der afrikanischen Küste und den

kanarischen Inseln durch. Schwalben schwirrten auf See und Bienen kamen

an Bord, auch wurde mir ein kleiner Käfer gebracht. Bald zeigte sich

auch ein Falke, der auf die Schwalben Jagd machte.

Aber alle schienen Flüchtlinge und Verschlagene zu sein, des Ostwinds

halber wohl afrikanische. Die Schwalben kamen an Bord, und eine fiel

bald todt auf das Verdeck. Es war unsere kleine blaue Hausschwalbe

(=Hirundo urbica=), wenigstens sah sie ihr täuschend ähnlich.

Ich frage bei dieser Gelegenheit: wo ist der Instinkt dieser Thiere

geblieben, welche im Frühjahr und Herbst so weite Reisen machen, und

hier, einige Stunden vom Lande entfernt, ihre Küste nicht mehr finden

konnten? Ich kann mir hierüber keine Rechenschaft geben, und auch

darüber nicht, daß ihnen so bald die Kräfte ausgegangen waren. Unsere

Entfernung von der Küste konnte kaum mehr als vier oder fünf Stunden

betragen. Auch der Falke kam an Bord, gieng wieder und wurde endlich

von den Passagieren des Zwischendeckes gefangen, als er zum zweitenmale,

vollständig entkräftet auf Deck sich niederließ. Man suchte ihn in

einer Art improvisirtem Bauer lebend zu erhalten und ich habe nicht

erfahren, was aus ihm geworden ist, denn er war in einigen Tagen

verschwunden.

In jenen Breitegraden fing die Nähe der Tropen bereits an, sich kund zu

geben. Das Wasser, dessen Temperatur ich, so wie jene der Luft, täglich

nahm, hatte + 18° R., die Luft frühe 9 Uhr ebenfalls + 18° R.

Ach, mit welcher Behaglichkeit habe ich diese + 18° R. verglichen mit

der Temperatur des Kanales. In Betreff der Wärme befand ich mich dort

auf das Vortrefflichste.

Am 16. Mai sahen wir den ersten fliegenden Fisch. Von frühster Ingend

an hat fast Jedermann von diesem Wunder des Meeres erzählen gehört,

oder gelesen, und so läßt sich wohl denken, daß das erste Erscheinen

dieser scheinbaren Abnormität allgemeines Interesse erregte. Ich

gehörte zu den Glücklichen, welche, zufällig auf Deck anwesend, den

ersten sahen. Des Nachts kamen mehrere auf das Verdeck, welche mir

am andern Morgen eingehändigt wurden. Diese Thiere scheinen fast

ausschließlich die Gegend unter den Wendekreisen zu bewohnen, denn von

da an (wir befanden uns am 16. Mai unter 21° 19' Länge und 21° 10'

Breite), sahen wir fast täglich Züge dieser Thiere sich über die

See erheben. Ich glaube, daß es mit ihnen sich wie mit den Delphinen

verhalten mag und daß manche Arten derselben wenig oder gar nicht

bekannt sind. Ich habe geglaubt, fünf Arten unterschieden zu haben,

blos von solchen, welche auf Deck fallend in unsere Hände kamen. Aber

beweisen kann ich nichts, da ich leider nur ein Exemplar mit nach Hause

gebracht habe. Dieses Thier ist 11 Zoll lang und die Brustflossen, mit

welchen es die flugähnliche Bewegung ausführt, messen etwas über

6 Zoll; ich glaube, daß es die bekannteste Art (=Exocoetus evolans=)

ist, und will es nicht weiter beschreiben, da es wohl in den meisten

zoologischen Museen zu sehen ist. Was ich über das sogenannte Fliegen

dieser Thiere zu berichten weiß, ist etwa Folgendes. Sie vermögen

beiläufig eine Strecke von 1000 bis 1500 Schritten sich über der

Oberfläche des Wassers schwebend zu erhalten. Es ist übrigens nicht so

leicht, dies mit einiger Sicherheit festzustellen, denn einmal täuschen

die Entfernungen auf See bedeutend, und auf der anderen Seite sieht man

sicher zehn Haufen dieser Fische schweben und in das Meer einfallen,

bis man einen sich erheben sieht, wahrscheinlich, weil die Nähe des

Schiffes sie stört. Es ist aber klar, daß, um die Länge des Fluges

bemessen zu können, man Aufstehen und Einfallen beobachtet haben muß.

Sie beschreiben in ihrem Fluge eine schwach gekrümmte, bogenförmige

Linie, machen aber meist beim Einfallen in die See einen kurzen,

schwachen Haken. Man behauptet, daß sie blos so lange sich in der Luft

zu halten vermöchten, als die langen Brustflossen feucht seien, und

dies ist wahrscheinlich, eben so, daß sie sich oft erheben, um den

Verfolgungen größerer Fische und der Delphine zu entgehen; indessen

glaube ich, daß sie nicht selten auch einfach zu ihrem Vergnügen eine

Flugpartie anstellen; ich habe wenigstens nie ein größeres Thier,

einen Hai oder ähnlichen Fisch an der Stelle oder in der Nähe des

Ortes, von welchem sich fliegende Fische erheben, bemerken können. Die

Höhe, in welcher sie sich über das Wasser erheben, mag 4 bis 5 Fuß

betragen, bei Tag sah ich sie wenigstens niemals diese Höhe

überschreiten. Dies scheint aber doch des Nachts der Fall zu sein,

indem sie dann ziemlich häufig auf Deck fallen, vielleicht von dem

Lichte beim Kompaß verleitet, so glauben wenigstens die Seeleute. --

Der fliegende Fisch gehört, wie bekannt, zu der Gattung der Häringe,

aber seine Züge sind nicht so zahlreich wie die des gemeinen Härings

(=Clupea harengus=) und ich glaube nicht, daß die Zahl eines Haufens

100 bis 200 Individuen überschreitet. Sein Fleisch bietet eine

wohlschmeckende und angenehme Speise, und stets willkommen an Bord ist

der unglückliche Verirrte, der des Morgens todt oder in den letzten

Zügen liegend auf Deck gefunden wird. -- So lange wir die Wendekreise

durchschifften, vergingen selten mehr als drei oder vier Tage, ohne daß

wir mehreren Zügen dieser Thiere begegneten, ich werde aber, nun ich

über sie berichtet, nicht weiter von ihnen sprechen; doch muß ich noch

einer Eigenthümlichkeit erwähnen.

Obgleich alle fliegende Fische, und wie ich schon anführte, jedenfalls

verschiedene Species, welche gefangen wurden, fett und wohlgenährt

waren, fand ich doch im Magen von keinem derselben irgend eine

verschluckte Speise. Der Schiffskoch versicherte mich, dies sei bei

jedem fliegenden Fisch der Fall. Ich habe 18 bis 20 Individuen geöffnet

und bei allen das gleiche Resultat gefunden. Nach unseren Begriffen von

fett sein und fett werden kann Letzteres leider nicht stattfinden, wenn

sich niemals etwas im Magen befindet, und so ist jene Thatsache immerhin

ein Räthsel. Ja, wenn der Kopf leer gewesen wäre!

Wir befanden uns jetzt bereits seit einigen Tagen unter den Tropen, und

ich bewahre von jener Zeit die dankbarsten und freudigsten Erinnerungen.

Ich kann nicht sagen, daß ich durch irgend etwas bedeutend überrascht

worden wäre, nicht das nächtliche tiefe dunkle Blau des Himmels,

nicht das der See im glänzenden Lichte der Sonne, nicht die prachtvolle

Thierwelt des Meeres, die Quallen und ihre Stammverwandte, welche

Edelsteinen gleich in prunkenden Farben an uns vorüber zogen, kam mir

unerwartet, obgleich Alles neu, wenigstens ungesehen war. Denn von Allem

dem hat wohl jeder Kunde, auch der die See nie gesehen, und ich hatte

mir diese Erscheinungen, wenn auch nicht figürlich getreu, doch in

gleicher Pracht, in gleichem Glanze vorgestellt. Aber genossen habe

ich diese Pracht, und ein freundliches Andenken jener schönen Zeit mir

aufbewahrt, für die schlimmen Tage die etwa kommen würden.

Sie sind gekommen jene Tage, sie sind gegangen, sie werden wieder kommen

und wieder gehen, aber das Bild jenes tropischen Glanzes wird keine

Perfidie trüben, keine Gemeinheit verlöschen können.

Zu den prachtvollsten Erscheinungen, die dem Seefahrer entgegen

treten, und welche sich hauptsächlich eben unter den Wendekreisen am

glänzendsten gestalten, gehört ohne Zweifel:

_Das Leuchten der See,_

dem ich jetzt einige Seiten widmen will. Ich habe dieses Phänomen

verfolgt und beobachtet wo ich nur konnte, und obgleich ich nicht

zweifle, daß die Erscheinung an sich sowohl, als auch die allgemeine

Ursache desselben ziemlich bekannt ist, kann ich doch nicht umhin einige

über dieselbe gesammelte Erfahrungen mitzutheilen.

Es liegt in dem Blitzen und Funkeln des Meeres ein so eigenthümlicher

Zauber, ein solcher mystischer, geheimnißvoller Reiz, daß auch der,

welcher sich nicht um Ursache und Entstehung kümmert, stundenlang und

täglich jenem leuchtenden Spiele der Wellen zusehen kann.

Schon auf der Nordsee sahen wir zum erstenmale die See leuchten. Ich

wurde dort aus der Kajüte auf's Deck gerufen, um die Erscheinung zu

beobachten. Es war nicht jenes prachtvolle glänzende Farbenspiel wie

es unter den Tropen getroffen wird, sondern es zeigte sich im Kielwasser

des Schiffes ein weißlicher Schimmer, dicht am Steuer und kaum zwölf

bis fünfzehn Fuß weit in die See reichend. Ich habe jenesmal, noch

nicht hinlänglich vertraut mit Bau und Einrichtung des Schiffes,

jenen Schein für ein von einer Luke ausstrahlendes und sich im Wasser

spiegelndes Licht gehalten, und habe mich erst nach einiger Zeit

überzeugt, daß das Licht kein reflektirtes war. Wie alle neue

Eindrücke, ist auch jener unverwischt geblieben, und ich sehe noch

heute das dunkle Steuer der Reform, umgeben von den fast milchweiß

leuchtenden Wellen vor mir.

So lange das Meer von Menschen befahren wird, ist das Leuchten desselben

beobachtet worden; Homer und Plutarch haben es geschildert, zwar

nach dem wissenschaftlichen Standpunkte ihrer Zeit, aber auch mit der

blühenden Sprache derselben und ihrem scharfen Beobachtungsgeiste.

In neuerer Zeit sind verschiedene Theorieen über jene Erscheinung

aufgestellt, mehrfache, ja viele Abhandlungen darüber geschrieben

worden. Ich will den gegenwärtigen Notizen nicht auch einen gelehrten

Anstrich dadurch geben, daß ich jene Literatur citire, obgleich

mir Manches darüber zur Hand wäre. Man hat zuerst in der Fäulniß

gestorbener Seethiere, dann in der Elektricität den Grund zu finden

geglaubt, und erst später, obgleich schon vor längerer Zeit, kam man

darauf, die Ursache in gewissen Thieren zu finden, welche das Vermögen

besitzen einen leuchtenden Schein von sich zu geben.

Ich kann nicht behaupten, daß nicht noch andere Gründe vorhanden sind,

aber nie, so oft ich auch beobachtet habe, ist mir ein anderer Grund

aufgestoßen, als eben lebende Individuen, welche berührt, oder

gereizt, die Ursache des Leuchtens waren.

Zerstreut in meinem Tagebuche finden sich eine Unzahl von Notizen über

diesen Gegenstand und ich werde hier nur einige derselben folgen lassen.

Das Leuchten der See findet statt, leuchtender, intensiver, je mehr man

sich dem Aequator nähert, mithin je wärmer das Wasser ist. Ich habe

dasselbe indessen auf der nördlichen Halbkugel weiter entfernt vom

Aequator getroffen, als auf der südlichen. So z. B. wie ich schon

erwähnte, auch an der Nordsee, während ich auf der Rückreise vom

Kap Horn kommend, erst unter 41° südlicher Breite wieder das erste

Leuchten, und das nur durch einzelne schwach schimmernde Punkte

ausgesprochen fand.

Unbedingt wird indessen die Erscheinung häufiger, und zugleich

prachtvoller auf dem atlantischen Ocean als auf dem stillen Meere

getroffen.

Tausende von Thieren, welche den verschiedensten Gattungen angehören,

haben das Vermögen zu leuchten. Obenan mögen die Akalephen und Salpen

stehen, bei denen, wegen der Größe vieler Arten, das Phänomen am

augenfälligsten hervortritt. Die =Entomostraca= (Insektenkrebse)

scheinen fast alle zu leuchten.

Man hat angegeben, und Versuche scheinen die Wahrheit der Angabe

bewiesen zu haben, daß der Schleim, welchen die Quallen absondern, und

ferner in Fäulniß übergegangene Thiere dieser Gattungen ebenfalls

leuchtend seien. Ich widerstreite dies keineswegs, aber während der

acht Monate, welche ich auf der See zubrachte, habe ich stets nur

_lebende_ Thiere leuchten sehen, d. h. die Thiere leuchteten, so

lange sie noch im Stande waren, sich zu bewegen, und contraktive oder

oscillirende Bewegungen zu machen. Ich habe nie ein Thier irgend einer

Art leuchten gesehen, ohne daß ein fremder Reiz, d. h. vorzugsweise

Erschütterung auf dasselbe eingewirkt hätte. _Ruhiges_ Seewasser

leuchtet nicht.

Ich habe nie das Leuchten der See als von Infusorien bedingt, getroffen.

-- Indem ich wiederhole, daß ich hier blos _meine_ Erfahrungen über

den fraglichen Gegenstand mittheilen, nicht aber widerstreiten will,

was etwa Andere gesehen haben mögen, will ich die beiden eben

ausgesprochenen Sätze mit einigen Worten besprechen.

Ich habe nie die See weiter hin als im Umkreise des segelnden Schiffes

oder eines andern sich rasch bewegenden Körpers leuchten gesehen,

außer in zwei Fällen, welche ich gleich unten anführen werde.

Die Thiere, welche das Leuchten bedingen, oder besser gesagt, welche

leuchten, sind vollkommen lichtlos, bis sie berührt werden. In

den Gegenden um den Aequator, wo überhaupt das Leuchten am meisten

stattfindet, tritt die Erscheinung doppelt prachtvoll auf, wenn des Tags

über kein zu starker Wind geherrscht, die Oberfläche nicht zu sehr

bewegt gewesen.

Aber auch schon bei Tage sieht man bei solchem Wetter die Oberfläche

des Wassers mit den meisten Thieren belebt. Bei stürmischem Wetter

gehen ohne Zweifel diese Bewohner des Oceans in Tiefen, welche

außerhalb der bewegenden Kraft des Windes liegen. Bei ruhiger See

genießen sie, so denke ich, des Lichts und der Wärme. Der Anstoß

des Schiffes direkt entweder an dieselben, oder der des heftig bewegten

durchschnittenen Wassers, bewirkt das Leuchten derselben; denn jede Art

von Reiz macht diese Wirkung auf sie.

Nicht selten treten innerhalb der Wendekreise Windstillen ein.

Aergerlich für den Seemann, sind solche Stillen, bis auf einen gewissen

Punkt hin, für den Naturforscher ein angenehmes Intermezzo. Vielerlei

Gethier kann dann aufgefischt, und manche Beute gewonnen werden, die bei

raschem Gange des Schiffes unserer spottend vorüberzieht. Aber war auch

während solcher Stillen des Tages das Schiff still liegend oder nur

kaum merklich dahin treibend, umgeben mit der reichlichsten Fauna, es

zeigte sich des Nachts keine Spur von Meeresleuchten. Es wurden die

Thiere nicht durch die Bewegung des Schiffes angeregt, gereizt. Wirft

man aber in solchen Nächten irgend einen Körper in die See, ja

gießt man nur ein Glas Wasser in dieselbe, so entsteht augenblicklich

lebhaftes Leuchten. Schöpft man Wasser, so leuchtet die Stelle an

welcher das Gefäß die Oberfläche des Meeres berührt, lebhaft, und

das geschöpfte und an Bord gebrachte Wasser leuchtet, wird es mit einem

Stabe geschlagen oder in einem Glase geschüttelt. Dann leuchten aber

eigentlich blos einzelne größere oder kleinere Punkte, welche dem sie

umgebenden Wasser die Helle mittheilen. Diese Punkte sind mit einiger

Vorsicht und Uebung zu isoliren und erweisen sich als ein oder der

andere lebende Organismus. Gießt man Schwefelsäure oder eine

andere stärkere Säure in die See, so entsteht momentan ein starkes

Aufleuchten, welches länger anhält und intensiver ist, als wenn

Wasser ausgegossen wird, da in diesem Falle nicht blos die mechanische

Erschütterung, sondern auch die chemische Einwirkung der Säuren gegen

die Thiere auftritt.

Ganz besonders prachtvoll ist in solchen Nächten das Schauspiel, wenn

sich plötzlich ein leichter Wind erhebt und das Schiff die mit Thieren

reichlich bedeckte Oberfläche der See durchschneidet. Das Bugspriet

eines Schiffes, das uns entgegenkömmt, scheint zu brennen, und

tausend glühende Tropfen spritzen wild um dasselbe empor, während

das Kielwasser unseres eigenen Fahrzeugs eine weithin glänzende Furche

zieht. Eine nicht minder schöne Erscheinung sind Delphine, die dem

Schiffe folgen, oder wie gewöhnlich das Bugspriet spielend umschwimmen.

Es scheinen die Thiere gänzlich zu glühen und hinterlassen

kometenartig einen leuchtenden, blitzenden Schweif, indem sie, feurigen

Schlangen gleich, die Wellen durchschneiden.

Das Leuchten des in's Meer geworfenen Gegenstandes, des dahin segelnden

Schiffes und jenes des schwimmenden Delphins, sie haben ein und dieselbe

Ursache. Die durch den raschen Anstoß gereizten Thiere leuchten, und

die in's Meer gegossene Schwefelsäure wirkt auf ähnliche Art durch

chemische Reaktion.

Alle die Individuen, welche auf solche Weise durch irgend einen Reiz

veranlaßt leuchten, thun dies in höherem Grade bei der _ersten_

Veranlassung, ähnlich wie beim elektrischen Aal die ersten Schläge die

heftigsten sind, und viele derselben scheinen nach öfter wiederholter

Berührung jenes Vermögen fast gänzlich verloren zu haben. Ich werde

durch direkte Beispiele dies später zeigen. Aber die beiden Fälle,

wo die See auf größeren Strecken, und nicht bewegt durch einen

sie durchschneidenden Körper, leuchtete, deren ich eben erwähnte,

beweisen, wie empfindlich jene Organismen, wenn sie sich vorher im

Zustande der Ruhe befunden haben, auch auf die leiseste Berührung

reagiren. Nicht weit vom Aequator entfernt, nach einem vollkommen

sonnenhellen Tage, und ebenso fast gänzlich heiterer Nacht, welche den

Sternenhimmel in vollständiger Klarheit erblicken ließ, trübte sich

plötzlich der Himmel, und bei beinahe vollkommener Windstille fiel ein

ziemlich starker lauwarmer Regen. Dort habe ich zum erstenmal das

Meer in weiter Ausdehnung und bei vollkommener Ruhe leuchten gesehen.

Tausende jener mit Leuchtkraft begabten Thiere, welche gelockt durch den

warmen hellen Tag und die entsprechende ruhige Nacht, sich dicht an

die Oberfläche des Wassers begeben hatten, wurden von den fallenden

Wassertropfen getroffen, und verbreiteten alsbald auf einige Augenblicke

ihr Licht, mehr oder minder glänzend je nach der Größe des

Individuums. Es schien die See den verschwundenen Sternenhimmel ersetzen

zu wollen, und die Erscheinung war in der That eine prachtvolle zu

nennen. Sie trat natürlich am deutlichsten hervor in nächster Nähe

des fast stille liegenden Schiffes, wo man das Aufblitzen und langsame

Verschwinden des Lichts mit Muße betrachten konnte. Ich habe mich

einige Tage später durch den direkten Versuch überzeugt, daß Quallen

leuchten, wenn sie an der Oberfläche des Wassers schwimmend mit einiger

Heftigkeit durch einen Tropfen Wasser getroffen werden, indem ich

auf Deck in einem Bottiche mit eingefangenen Thieren den Versuch

wiederholte. Aber schon jeder in die See geworfene Körper, oder wie ich

schon erwähnte, ausgegossenes Wasser, bringt die ähnliche Erscheinung

hervor. Daß sie sich im Großen nicht häufiger wiederholt (ich konnte

sie blos einmal beobachten), rührt ohne Zweifel davon her, daß die

nöthigen Bedingnisse nicht stets zusammentreffen.

Erhebt sich rasch der Wind, und die See fängt an stärkere Wellen zu

werfen, so entsteht hie und da ebenfalls bisweilen ein Aufblitzen des

Wassers, ohne Zweifel dadurch hervorgerufen, daß die Spitzen der sich

überstürzenden Welle, die in einzelnen Tropfen herabfallen, irgend ein

Individuum treffen.

Zum zweitenmale sah ich die See in einer größeren Ausdehnung im Hafen

von _Lima_, in _Callao_, leuchten. Es war ebenfalls Windstille und die

See buchstäblich spiegelglatt. Ich befand mich zufällig am Bord und

des Abends auf Deck, als der Signalschuß vom Fort aus gegeben wurde.

In demselben Augenblicke entstand vom Lande aus, sich rasch gegen die

Einfahrt des Hafens hin fortpflanzend, ein Ausleuchten der See, am

stärksten im ersten Momente, dann schwächer werdend, und nach

einigen Sekunden fast gänzlich verschwunden. Dauer und Ausdehnung der

Erscheinung mußten sogleich jeden Gedanken an einen Widerschein des

Signalschusses aufheben. Aber die, wenn auch leise Erschütterung,

welche dieser Schuß auf der Oberfläche der See hervorbrachte, reichte

hin, die an der Oberfläche befindlichen Seethiere zu erregen und auf

einige Augenblicke leuchtend zu machen.

Von dem Obersteuermanne jenes Schiffes, einem intelligenten Seemanne,

und Mit-Augenzeuge jenes Phänomens erfuhr ich, daß er Aehnliches

ebenfalls schon in andern Häfen beobachtet, und er gab dieselbe Ursache

an, welche ich so eben entwickelte.

Ich habe durch diese beiden Fälle gezeigt, daß die See, oder vielmehr

die Bewohner derselben, stets einer, wenn auch einer unbedeutenden

Berührung oder eines äußerlichen Reizes bedürfen, um zu leuchten

und ferner, welch eine leise Berührung genügt, um die vorher nicht

gereizten Thiere zu erregen und leuchtend zu machen; ich habe zugleich

die einzigen Beispiele angeführt, wo ich die See in einer weitern

Ausdehnung leuchten sah.

Ich habe ferner oben ausgesprochen, daß ich das Leuchten der See

niemals von Infusorien ausgehend, angetroffen habe.

Es ist mir wohl bekannt, daß man an verschiedenen Orten dieses

beobachtet haben will oder hat. Ich selbst habe an verschiedenen Stellen

und unter sehr verschiedenen Breitegraden allerdings ebenfalls das Meer

im Umkreise des segelnden Schiffes mit einem Scheine leuchten gesehen,

welcher matt, bläulich oder milchweiß und zugleich so gleichartig war,

so durch die ganze Masse des Wassers verbreitet, daß man unwillkürlich

an ganz unendlich kleine Individuen denken mußte, welche, vertheilt in

großer Anzahl durch jene Stellen des Meeres, das Leuchten bedingten.

Meist finden sich dort keine größeren Thiere, wie Salpen und

ähnliche, welche eine intensivere, besonders hervortretende Helle

verbreiten, und es mag der Schein ein phosphorähnlicher genannt werden.

Solche Stellen fand ich z. B. in der Nordsee, im Kanale, noch weiter

südlich, und selbst unweit der Wendekreise in manchen Nächten. Auch

jenseits der Linie auf der südlichen Halbkugel und in entsprechenden

Breitegraden, findet solches Leuchten statt.

Man glaubt, wenn man vom Borde aus in die See blickt, das Wasser

so gleichförmig von dem leuchtenden Stoffe durchdrungen, daß man

überzeugt ist, eine herausgespritzte kleinere Menge müsse ebenfalls

und mit dem gleichen Lichte leuchten. Macht man aber den Versuch und

schöpft in einem kleinern Gefäße, etwa in einem Glase, welches ein

Litre faßt, so ist das geschöpfte und an Bord gezogene Wasser fast

immer dunkel, und hat keine _Spur_ irgend einer Lichterscheinung. Nur

in einzelnen Fällen sieht man einen oder mehrere kleine feurige Punkte

durch die Flüssigkeit sich hin und her bewegen, aber diese erhellen

dann auf einige Momente die ganze im Glase befindliche Wassermenge.

Schüttelt man das Glas heftig, oder schlägt man das Wasser mit einem

passenden Stabe, so kommen häufig auch in anfänglich dunklem Wasser

jene einzeln leuchtenden Punkte, welche sogleich das ganze Gefäß

erhellen, zum Vorschein.

Die geringe Menge einiger solcher Individuen ist also hinreichend eine

im Verhältniß ihrer Masse bedeutende Quantität Wasser auf kurze Zeit

leuchtend zu machen, und derselbe Fall, wie hier im Glase, findet außen

in der See statt.

Mit einiger Uebung gelingt es fast immer der leuchtenden Individuen

habhaft zu werden, sie zu isoliren und das Wasser bleibt dann dunkel,

es mag geschüttelt oder geschlagen werden. Sie waren mithin die Ursache

des Leuchtens.

Diese Individuen aber sind, wenn auch meist sehr klein, doch stets noch

mit freiem Auge zu erkennen und gehörten sehr oft dem Geschlechte der

=Entomostraca= oder Insekten-Krebse, bisweilen aber auch anderen Formen

an, welche ich indessen nicht näher zu bezeichnen oder zu bestimmen

vermag, obgleich ich eine ziemliche Anzahl derselben unter dem

Mikroskope zu zeichnen versuchte.

Auf solche Weise also habe ich das einförmige und schwache

phosphorähnliche Licht der See niemals durch Infusorien, sondern

stets durch Individuen bedingt gesehen, welche noch mit freiem Auge zu

erkennen waren.

Aus dem bisher Gesagten geht hervor, wie verschiedenartig das Leuchten

auftritt, wenn auch die Grundursache ein- und dieselbe ist. Namentlich

scheint in der Nähe des Aequators, wie ich schon öfter erwähnte, die

prachtvolle Lichtentwicklung stattzufinden, indem dort vorzüglich die

größeren Quallen und Salpen leuchtend gefunden werden. Meist stehen

diese Thiere in einiger Tiefe unter dem Wasser, aber in welcher

kann nicht wohl genau angegeben werden, da optische Täuschungen mit

unterlaufen. Berührt durch das segelnde Schiff, gereizt und leuchtend

werdend, scheinen sie glühenden Glaskugeln ähnlich vorüberzuziehen,

und das zwar scheinbar kaum einen Fuß tief unter dem Wasser, während

die demselben mitgetheilte glänzende Helle einige Fuß in der Breite

beträgt. Ich habe bei Tag einigemal Quallen gefangen, Scheibenquallen,

langarmige und kegelförmige Medusen, welche, auf Deck in großen

Gefäßen mit frischem Seewasser verwahrt, nach eingebrochener

Dunkelheit, wenn sie gereizt wurden, lebhaft leuchteten, aber es gelang

mir sehr selten, des Nachts mit dem Netze ein solches größeres Thier

zu erhaschen. Aber, wie auch schon andere Beobachter angegeben

haben, fand auch ich, daß das intensivste Licht von einer Salpe (der

=Pyrosoma=) hervorgebracht wird. Ich konnte nur in einer Nacht, am

22. Mai, unter 22° 37' Länge und 8° 30' Breite, einiger Exemplare

habhaft werden, da sie dort fast an der Oberfläche umherschwammen.

Bekanntlich besteht die =Pyrosoma= aus einer Verwachsung einer großen

Menge kleiner Individuen, bei welchen der Mund nach außen, der After

nach innen und einer zentralen Höhle zu liegt. Die ganze Menge dieser

zusammenhängenden Thiere bildet so einen Cylinder, der an dem einen

Ende geöffnet ist. Durch gemeinschaftliche Zusammenziehung aller Thiere

wird die centrale Oeffnung erweitert oder verengt und so wahrscheinlich

die Bewegung bedingt. Wir fingen in jener Nacht etwa sechs bis acht

Exemplare und lasen beim Lichte derselben in sonst vollständig dunkler

Koje mit Bequemlichkeit. Ich habe jenesmal meinem Freunde W., der

unwohl im Bette lag, aus einem kleinen zoologischen Vademecum eine kurze

Betreibung dieser Thiere bei ihrem eigenen Lichte vorgelesen.

Wir hatten dieselben in eine Blechschüssel, mit Seewasser gefüllt,

gelegt, und obgleich sie ungereizt vollständig dunkel waren, so reichte

doch die leiseste Berührung hin, sie augenblicklich leuchten zu machen.

Wurde die Schüssel von außen nur mit dem Fingernagel berührt, so

leuchteten sogleich sämmtliche, in derselben befindliche Individuen

mit dem schönsten Lichte. Wurde vorsichtig _eines_ derselben (stets

nämlich die Vereinigung der einzelnen Subjecte zum Ganzen, zur

eigentlichen Salpe, als Thier gedacht) mit einem Stäbchen berührt, so

leuchtete zuerst das gereizte Individuum, aber auch die anderen, direct

nicht berührten fingen alsbald, wenn auch stets mit schwächerem

Lichte, zu leuchten an.

Das Licht der =Pyrosoma atlant.= ist bläulich grün, von einer sehr

schönen Modifikation des Farbentones, und das Thier scheint, sobald es

leuchtet, transparent zu sein. Am glänzendsten und am längsten dauernd

ist die feurige Furche, die das segelnde Schiff hinterläßt an jenen

Stellen des Oceans, wo jene Thiere häufig sind.

Eine zierliche Erscheinung, geht ihr gleichwohl das Großartige der

flammenden See um ein großes segelndes Schiff ab, sind die Tausende

von Funken, die ein rasch gerudertes Boot begleiten, die durch jeden

Ruderschlag funkelnd in die Höhe geworfen werden und die Ruder, so wie

selbst die in See getauchte Hand feurig glänzend erscheinen lassen.

Flüchtig will ich über die Organe hinweggehen, welche bei der ganzen

Reihe der leuchtenden Seethiere dasselbe bedingen. Wissenschaftliche

Abhandlungen sind ausführlicher hierauf eingegangen und man hat

gefunden, daß während einzelne Arten gänzlich zu leuchten und von dem

phosphorescirenden Lichte überzogen oder durchdrungen scheinen, andere

blos an einigen Stellen des Körpers erleuchtete Stellen besitzen. Ich

habe eine ziemlich bedeutende Anzahl von leuchtenden Thieren aller Art,

und unter sehr verschiedenen Breitegraden untersucht und habe dasselbe

gefunden.

Im Allgemeinen gänzlich leuchtend sind die stets mehr oder weniger

durchscheinenden Quallen und Salpen; mehr auf bestimmten Stellen, meist

am untern Theile des Körpers, beschränkt, die Krebs-ähnlichen kleinen

Thiere. Möglich, daß die Transparenz der Medusen und Salpen eine

Täuschung vermittelt. Bei der überwiegenden Mehrzahl der kleinen von

mir untersuchten und häufig auch unter dem Mikroskope gezeichneten

=Entomostraka= habe ich mit Bestimmtheit gefunden, daß die bei Nacht

leuchtenden Flecke bei Tage und selbst bei Lampenlicht röthlich

gefärbt waren.

Ich zweifle nicht, daß mit Schärfe und Genauigkeit und in kurzer

Zeit sich Wahrheiten über das Leuchtevermögen aller dieser Thiere

herausstellen ließen, wenn man sie im friedlichen Studierzimmer stets

frisch zur Hand haben und gute Instrumente, vielleicht auch chemische

Agentien anwenden würde. Meist aber fehlen auf See, bei dem

reichlichsten Material, die meisten Hülfsmittel zur genauen

Untersuchung, der mangelnden Literatur nicht zu gedenken. Ich hatte

ein kleines Mikroskop von Plössel bei mir, aber ich konnte kaum eine

stärkere Vergrößerung als eine dreißigfache lineare anwenden, und

öfters selbst diese nicht. Es ist nicht leicht ein Thier, was häufig

nicht die halbe Größe eines Nadelkopfes erreicht, aus einem Eimer

Wasser herauszufangen, entweder beim Lampenlichte, welches selten sehr

brillant ist, oder in der Dunkelheit, blos durch des Thierchens eignes

Leuchten geleitet, zudem da nach einigemal wiederholtem Reize dieselben

bald sterben oder wenigstens nicht mehr leuchten.

Die besprochenen Erscheinungen haben für den, der die See befahren hat,

ein solches Interesse und erwecken so vielgestaltige an sie geknüpfte

Erinnerungen, daß man es mir vielleicht verzeihen wird, so lange bei

denselben verweilt zu haben. Ich werde hinfür nur selten und flüchtig

des Gegenstandes mehr erwähnen. Doch muß ich, ehe ich ihn verlasse,

noch eine eigenthümliche Erfahrung anführen, welche ich gemacht habe.

Es gelang mir nämlich nie, ein des Nachts leuchtendes Seethier, im

absolut finsteren Raume, auch bei Tagszeit leuchtend zu machen. Ich fing

öfters während des Tages sowohl kleine, als auch größere Individuen,

von denen ich wußte, daß sie des Nachts leuchteten, brachte sie in

meine Koje, und reizte dieselben, um sogleich nachher bei Tageslicht

und unter dem Mikroskope das leuchtende Organ näher prüfen zu können.

Aber ich habe nie, auch nie eine Spur eines Lichtscheins gefunden. Ich

habe diese Versuche auf der Rückreise von Peru nach Europa angestellt,

wo auf dem Schiffe durch die Gefälligkeit des Kapitains alle möglichen

Hülfsmittel zu meiner Verfügung standen. Das kleine Prisma, welches

von oben die Koje erhellt, wurde auf das sorgfältigste verschlossen.

Die Thür, in Fugen laufend, und zum Schieben eingerichtet, wurde

zugeschoben und von außen so dicht mit Tüchern verhängt, daß absolut

alles Licht ausgeschlossen war; ich blieb dann etwa 30 Minuten in dem

verdunkelten Raum, um eine Spur etwa eindringenden Lichts zu entdecken,

und um mein Auge empfindlicher für den geringsten Lichtreiz zu stimmen,

aber ich habe nie ein anderes Resultat als das oben angegebene erhalten

können. Manche der Thiere, meist größere Medusen, welche nicht

zu heftig gereizt worden waren, und welche überhaupt länger leben,

leuchteten nach eingebrochener Nacht und dann selbst auf Deck, wo bei

Sternenhelle deutlich die nächsten Gegenstände zu erkennen waren.

Ist das Leuchtorgan jener Thiere an eine gewisse Zeit gebunden, hängt

diese Zeit zusammen mit dem Zwecke, den die Natur überhaupt damit

verbunden hat, oder war mein Auge in der verhängten Koje immerhin

noch nicht genug an die Dunkelheit gewöhnt, um die Lichterscheinung

wahrnehmen zu können? Ich weiß es nicht, aber ich habe die Erfahrung

wiedergegeben, wie sie sich mir geboten.

_So viel vom Leuchten der See._

Die Temperatur war in jenen Breitegraden in der That eine wahrhaft

köstliche zu nennen, wenigstens nach meiner Ansicht. Wir hatten meist

günstigen Wind, und die Stillen, welche hier und da eintreten, wie

solches dort öfters zu geschehen pflegt, dauerten nicht lange, und

waren, für mich den Medusenjäger, so wie für die Seekranken gleich

erwünscht. Regenschauer und einzelne Gewitter liefen wohl mit

unter, aber vorübergehend, indessen war dann die Schwüle in unserer

sogenannten Kajüte einigermaßen drückend, da auf das Skylight eine

luftdicht schließende, mit Glas versehene, Decke gesetzt wurde. Einige

jüngere Passagiere, welchen die tropische Hitze keine so angenehme

Zugabe wie mir war, dem nicht leicht (physisch nämlich) irgendwo zu

warm geworden ist, wurden unwohl und dies meist solche, welche längst

die Seekrankheit überwunden hatten.

Ich gab den Patienten Brechweinstein und später Citronensäure, und sah

auf diese Weise das Uebel leicht verschwinden.

Indessen brachte ich es auch beim Kapitain dahin, daß mittelst einiger

Querhölzer jene Skylight-Decke hohl gestellt wurde, so daß zwar dem

Regen gewehrt, nicht aber der Luft aller Zutritt abgeschlossen wurde.

Eine weitere Verbesserung unserer Umstände brachte ich dadurch

zuwege, daß ich den Genossen der Kajüte vorschlug, unser Kostüm zu

vereinfachen. Leichte leinene Beinkleider und Hemden, Pantoffel dazu --

und der Anzug für den Tag und für die Promenade auf Deck war beendet.

Ich gestehe es mit Erröthen und Schamhaftigkeit. Wir hatten dort gewiß

ein höchst ungebildetes Aussehen. Keine Strümpfe! nicht einmal jener

Repräsentant der Cultur und Bildung, die Kravatte, wodurch sich, mit

Ausnahme der behalsbandeten Kettenhunde, der Mensch vorzugsweise vom

Thiere unterscheidet. --

Noch ein anderes Schutzmittel gegen die allzugroße Hitze in der Kajüte

wurde am Skylight angebracht, ein Segel von etwa 12 bis 15 Fuß Höhe,

gegen unten in einen Schlauch endend, welcher in die Kajüte führte.

Die gegen das Segel strömende frische Luft wurde auf solche Weise stets

in die Kajüte geführt und bewirkte auf diese Art eine in der That sehr

angenehme Frische und perpetuelle Reinigung der untern Luft.

Ich muß gestehen, daß ich durch allerlei Kunstgriffe das Ende jenes

Schlauches sehr häufig in unsere Koje zu leiten wußte, was den drei

Mitbesitzern sehr wohl zu statten kam. Ich selbst schlief fast während

der ganzen Zeit, in welcher wir uns unter den Wendekreisen befanden,

unter freiem Himmel auf Deck.

Da mich die Matrosen gerne hatten, so weckten sie mich, ehe sie des

Morgens das Schiff zu scheuern begannen, und ich entging so der Taufe,

welcher nicht selten Passagiere ausgesetzt sind.

Anfänglich schleppte ich allabendlich mit Hülfe einiger freundlichen

Genossen meine Matrazze nebst einigen wollenen Decken auf die Stelle, wo

ich zu übernachten gedachte. Da aber einigemale Regen einfiel, und alle

diese Requisiten schnell und ohne Beihülfe wieder hinabgeschafft werden

mußten, beschränkte ich mich auf die wollenen Decken allein. Zuletzt

ließ ich auch diese unten, und schlief =à la= Diogenes einfach in

meinem Mantel auf den Brettern des Gangs. Ich lag etwas härter, aber

ich hatte die große Bequemlichkeit, nicht mehr den Regen fürchten zu

müssen. Bei größeren Schauern war ich rasch unter Deck, des Gepäckes

ledig, kleinere aber wurden oben bestanden, öfters schlafend, im

süßen Bewußtsein, daß die Sonne des morgigen Tages den einfachen

Mantel leicht trocknen würde.

Ich komme bei dieser Gelegenheit auf einen eigenthümlichen Gegenstand,

welchen ich mit einigen Worten behandeln will. Ich meine den

schädlichen Einfluß, den das Mondlicht, und namentlich jenes des

Vollmonds, unter den Wendekreisen äußern soll. Bei allen Seeleuten

ist der Glaube verbreitet, daß der Mondschein giftig, wie sie sagen,

einwirke. Im Mondscheine wird, selbst außerhalb der Tropen, nie ein

Seemann mit unbedecktem Haupte auf Deck erscheinen.

Aber selten wird irgend ein ähnlicher Glaube allgemein unter einem

ganzen Stande verbreitet sein, ohne daß irgend wie eine Wahrheit, ein

Thatsächliches zu Grunde liegt. Die Folge des Schlafens oder überhaupt

nur das Liegen mit unverhülltem Antlitze im Mondscheine soll Geschwulst

im Gesichte, Lähmung, Blindheit, in manchen Fällen Wahnsinn und mit

dem Tode endende Raserei herbeiführen. In Europa, irre ich nicht im

südlichen Frankreich, sind ähnliche Erfahrungen gemacht worden.

Soldaten, welche des Nachts auf den Wällen einer Festung Schildwacht

standen, wurden »mondblind.« Dies ist so viel ich weiß der

wissenschaftliche Ausdruck für das Leiden, Mondblindheit, =Nyctalopia=

und die vorzüglichste Erscheinung mit welcher es, nach der Aussage

eines deutschen Arztes in Valparaiso, auftritt, ist eine mehr

oder weniger verbreitete Geschwulst in der Augengegend, und die

Eigenthümlichkeit, daß des Nachts vollständige Blindheit eintritt,

sei nun Mondlicht oder Feuerbeleuchtung. Jener mir befreundete Arzt

hatte als Oberarzt eine Abtheilung chilenischer Truppen über die

Cordilleren begleitet und es fanden dort natürlich längere Zeit

hindurch nächtliche Bivouaks im Mondscheine statt. Die Hälfte jener

Soldaten wurden mit Mondblindheit befallen, und es dauerte einige Monate

bis die Erkrankten vollständig geheilt waren.

Ich weiß nicht, ob der keusche unschuldige Mond wirklich die Schuld

an dem Uebel trägt, ob es nicht vielleicht die rasche Abkühlung nach

einem anstrengenden und erhitzenden Tagmarsche hervorgebracht hat,

oder ob nicht andere klimatische, vielleicht nicht beachtete Einflüsse

dasselbe hervorgerufen haben. So viel steht indessen fest, daß man

dem Liegen im Mondschein alle Schuld aufbürdet, und daß eine leichte

Verhüllung des Gesichtes dagegen schützen soll.

Es verdient noch bemerkt zu werden, daß unter den Seeleuten der Glaube

herrscht, daß Fleisch geschlachteter Thiere, besonders aber das von

Fischen, dem Scheine des Vollmondes ausgesetzt, leichter in Fäulniß

übergehe als anderes, ja daß solches Fleisch beim Genusse selbst

schädliche Eigenschaften habe. Es liegt eine eigene Mystik in diesem

Glauben, der zusammenzuhängen scheint mit mancherlei Erfahrungen über

die Einflüsse des Mondes, welche man von andern Seiten her gewonnen

haben will. Indessen bedecken die Seeleute sorgfältig frisches Fleisch,

was des Nachts über auf Deck bleiben soll und ich muß gestehen, daß

ich eines Nachts sehr überrascht war, ein vollständig angekleidetes

Schwein an der Schanzverkleidung stehen zu sehen, welches mit einem

leichten Anstriche von Melancholie den Hauptmast zu betrachten schien.

Die Sache klärte sich einfach dadurch auf, daß man das bei Tage

geschlachtete Thier auf Deck gehängt, aber des Mondscheins halber mit

alten Kleidern behangen und mit einem Hute bedeckt hatte. -- Dem sei

aber nun wie ihm wolle, sei die Sache ganz eine Fabel, oder sei sie

halbe oder ganze Wahrheit, -- so viel steht fest, daß ich nicht die

geringste Anwandlung irgend eines Unwohlseins erfuhr, obgleich ich,

während wir die Wendekreise durchschifften mit wenig Ausnahmen fast

immer unter freiem Himmel und den Mondesstrahlen ausgesetzt schlief.

Nicht selten brachten auch noch einige andere Passagiere die Nacht auf

Deck zu, aber auch bei diesen zeigte sich Nichts dem Uebel ähnliches.

Aber ich habe an jene Nächte eine freudige dankbare Erinnerung bewahrt,

die mich nicht verlassen hat in manchem Sturme der See und des Landes.

Wie oft habe ich dort jener lieben Herzen in der Heimath gedacht, von

welchen ich sicher wußte, daß sie für mich schlugen, und deren Zahl

ich nicht nennen will, weil Beispiel, Namen und Zahlen gehässig sind.

Doch die feierliche Ruhe jener Nächte beschwichtigte den Kummer und

die Sehnsucht. Die See, scharf abgegränzt bei Tage und scheinbar nur in

mäßigen Dimensionen dem Auge erreichbar, erhält dort das Gepräge

von Unermeßlichkeit durch jene fabelhaften Wolkengebilde, die vom Monde

beleuchtet, die Gränze zwischen Himmel und Wasser verhüllen. Aber

diese irdische Unendlichkeit, sie verschwindet, wenn sich der Blick zu

den Gestirnen wendet, und weicht dem Gedanken an eine Ewigkeit, an eine

Schöpfung ohne Anfang, ohne Ende, eine unumstößliche Wahrheit, eine

unbegreifliche, und deshalb fast eine grauenhafte.

Oft habe ich in solchen Nächten jener ersten Blicke gedacht, wo ich

als Knabe den Sternenhimmel betrachtet und wo ich nicht mehr recht die

Erzählung meiner Wärterin glaubte, daß die Sternlein lauter

Löchlein seien, durch welche der liebe Gott erlaube einen Theil seiner

Herrlichkeit im Himmel zu erblicken, wohl auch herabblicke auf artige

Kinder und sich freue über sie.

Später erfährt man freilich, daß der liebe Gott eine Constitution

bekommen hat, daß alles nach Gesetz und Maaß gehen muß, und jene

Bücher-Lehren oder wenigstens der Glaube daran nicht mehr zulässig und

statthaft sei.

Ich mag den Freunden nicht bergen, daß ich dort zuweilen ein rechtes

großes Kind gewesen und wohl bisweilen gewünscht, zu glauben wie ein

kleines.

Während aber so in der Stille jener Nächte der Blick bald über das

Wasser schweift und den Streiflichtern des Mondes folgt oder in den

fernen Wolken mannichfache Gebilde zu erkennen glaubt, bald in der Tiefe

des Himmels sich verliert und sich Spekulationen so verschiedener

Art hingiebt, beginnen wir allmählig auf das Murmeln der neben uns

vorüberziehenden Wellen unwillkürlich zu lauschen. Sie flüstern uns

bisweilen seltsame Dinge zu diese Wellen, Dinge, die man nicht wieder

erzählen kann und will, aber sie flüstern uns in den Schlummer.

Es ist Zeit, daß ich wieder einmal eines Datums erwähne, irgend etwas

Wichtiges erzähle, was vorgefallen am Bord, ein Ereigniß melde. So

will ich denn mittheilen, daß am 25. Mai (unter 22° 22' westlicher

Länge und 4° 58' nördl. Breite) während einer Windstille ein Hai

gefangen wurde. Dieses kann aber der vollkommensten Wahrheit gemäß

an Bord, und besonders an Bord eines Passagier-Schiffes ein Ereigniß

genannt werden. Ich hatte die Nacht auf Deck geschlafen, war aber gegen

Morgen vom Regen vertrieben in meine Koje gegangen, als plötzlich gegen

5 Uhr ein furchtbarer Lärm auf Deck entstand. Der Ruf: ein Hai! der

Alles übertönte, ließ auch mich so schnell als möglich auf Deck

eilen, woselbst man eben beschäftigt war, jene »Hyäne des Meeres«

an Bord zu ziehen. Man hatte schon seit einigen Tagen eine Angel

ausgeworfen, welche unweit des Steuers befestigt, nachschleifte, aber

obgleich schon mehrere jener Gäste den Köder, ein Stück Speck,

umspielt, hatte doch erst am erwähnten Morgen einer derselben ernstlich

angebissen. Das gefangene Thier war 7 Fuß lang und von beträchtlicher

Stärke. Es ist übrigens keine ganz gefahrlose Sache, jene Ungethüme,

welche natürlich an der Angel sich rasend geberden, an Bord zu bringen,

und man muß sich wohl hüten in den Bereich des Rachens oder des

Schweifes zu kommen. In letzterem entwickeln sie eine furchtbare Stärke

und man versichert, daß unvorsichtig sich Nahenden öfters Arme und

Beine zerschlagen worden seien. Der starke, 9 Zoll bis 1 Fuß große

Angelhaken hängt an einer etliche Fuß langen Kette und diese an einem

Taue. Sobald nun der Fisch auf Deck gezogen ist, wird durch einige

Männer das Tau rasch um einen irgendwo befindlichen festen Gegenstand,

etwa einen Kabelnagel geschlungen, so daß die Angel mit dem Kopfe des

Thieres fixirt ist. Einer der Matrosen nähert sich dann behende dem

wüthend um sich schlagenden Hai, und schlägt ihm mittelst eines

breiten Beiles rasch den Schweif ab. Gewöhnlich wird hierauf auch der

Kopf mit der Axt abgeschlagen, würde man aber dies zuerst thun, so

würde der nicht mehr festgehaltene Körper arge Verwüstungen auf dem

Decke anzurichten im Stande sein, da er, auch kopflos, noch lange Kraft

und Bewegung besitzt.

Reise in Südamerika. Erster Band. · 第 11 / 19 题