HELENE Aber Primus, laß das garstige Geheimnis des Lebens sein! Was
geht dich irgendein Geheimnis an? Komm und sieh, rasch!
PRIMUS _tritt zu ihr ans Fenster_ Was willst du?
HELENE Die Sonne geht auf.
PRIMUS Schau' nicht in die Sonne, deine Augen tränen.
HELENE Hörst du? Die Vögel singen. Ach, Primus, ich möchte ein Vogel
sein.
PRIMUS Was?
HELENE Ich weiß nicht, Primus. Mir ist so seltsam, ich weiß nicht was
das ist; ich bin wie verrückt, ich habe den Kopf verloren, mein Leib,
mein Herz tut weh, alles tut weh -- Und was mir passiert ist, ach, das
sag' ich dir nicht! Primus, ich glaube, ich muß sterben!
PRIMUS Sag', Helene, ist dir nicht manchmal, als ob es besser wäre
zu sterben? Weißt du, vielleicht schlafen wir nur. Gestern im Schlaf
sprach ich wieder mit dir.
HELENE Im Schlaf?
PRIMUS Im Schlaf. Wir redeten in irgendeiner fremden oder neuen
Sprache, denn ich habe mir nicht ein Wort gemerkt.
HELENE Wovon?
PRIMUS Das weiß niemand. Ich selber verstand es nicht, und doch weiß
ich, daß ich niemals etwas Schöneres gesagt habe. Wie es war und wo,
das weiß ich nicht. Als ich dich berührte, glaubte ich zu sterben. Auch
der Ort war anders als alles, was je auf Erden erblickt ward.
HELENE Ich habe einen Ort entdeckt, Primus, da wirst du staunen. Es
haben dort Menschen gewohnt, aber jetzt ist es verwachsen und sein
Lebtag kommt niemand mehr hin. Sein Lebtag niemand als nur ich.
PRIMUS Was ist dort?
HELENE Nichts, ein Häuschen und ein Garten. Und zwei Hunde. Wenn du
sähest, wie sie mir die Hände lecken, und ihre Jungen, ach, Primus, es
gibt vielleicht nichts Herrlicheres! Du nimmst sie auf den Schoß und
wiegst sie, und dann denkst du an gar nichts mehr und kümmerst dich um
nichts, bis die Sonne untergeht; wenn du dann aufstehst, so ist dir,
als hättest du hundertmal mehr getan als viel Arbeit. Nein, sicher
nicht, ich bin zu nichts fähig; jeder sagt, ich sei zu keiner Arbeit zu
verwenden. Ich weiß nicht, wie ich bin.
PRIMUS Du bist schön.
HELENE Ich? Geh, Primus, was hast du da gesagt?
PRIMUS Glaube mir, Helene, ich bin stärker als alle Roboter.
HELENE _vor dem Spiegel_ Ich soll schön sein? Ach, die schrecklichen
Haare, wenn ich etwas hineintun könnte! Weißt du, dort im Garten
steckte ich mir immer Blumen ins Haar, aber dort ist weder ein Spiegel,
noch jemand -- _Beugt sich zum Spiegel vor._ Du, du sollst schön sein?
Warum schön? Sind die Haare schön, die dich nur belasten? Sind die
Augen schön, die du schließest? Sind die Lippen schön, in die du nur
beißest, damit es schmerze? Was ist das, wozu ist das: schön sein? --
_Erblickt Primus im Spiegel._ Primus, das bist du? Komm her, damit wir
dort nebeneinander sind! Sieh, du hast einen anderen Kopf als ich,
andere Schultern, einen anderen Mund -- Ach, Primus, warum weichst du
mir aus? Warum muß ich dir den ganzen Tag nachlaufen? Und dann sagst du
noch, ich sei schön!
PRIMUS Du läufst vor mir davon, Helene.
HELENE Wie bist du gekämmt? Zeig'! _Fährt ihm mit beiden Händen in die
Haare._ Sss, Primus, nichts fühlt sich so an wie du! Warte, du mußt
schön werden! _Nimmt vom Waschtisch einen Kamm und kämmt Primus die
Haare in die Stirn._
PRIMUS Ist dir nicht manchmal, Helene, daß plötzlich dein Herz schlägt:
Jetzt, jetzt muß etwas geschehen --
HELENE _beginnt zu lachen_ Sieh dich an!
ALQUIST _erhebt sich_ Was -- wie, Lachen? Menschen? Wer ist
zurückgekehrt?
HELENE _läßt den Kamm fallen_ Was könnte mit uns geschehen, Primus!
ALQUIST _taumelt auf sie zu_ Menschen? Ihr -- ihr -- ihr seid Menschen?
HELENE _schreit auf und wendet sich ab_.
ALQUIST Ihr seid Verlobte? Menschen? Wo kommt ihr her? _Faßt Primus
an._ Wer?
PRIMUS Roboter Primus.
ALQUIST Wie? Zeig' dich, Mädchen! Wer bist du?
PRIMUS Robotin Helene.
ALQUIST Robotin? Dreh' dich um! Was, du schämst dich? _Faßt sie am
Arm._ Laß dich sehn, Robotin!
PRIMUS Loslassen, Herr!
ALQUIST Wie, du verteidigst sie? -- Geh hinaus, Mädchen!
_HELENE eilt hinaus._
PRIMUS Wir wußten nicht, Herr, daß du hier schläfst.
ALQUIST Wann wurde sie erzeugt?
PRIMUS Vor zwei Jahren.
ALQUIST Vom Doktor Gall?
PRIMUS Wie ich.
ALQUIST Nun denn, lieber Primus, ich -- -- -- ich habe gewisse Versuche
an Galls Robotern zu machen. Alles weitere hängt davon ab, verstehst du?
PRIMUS Ja.
ALQUIST Gut, führe das Mädchen in den Seziersaal. Ich werde sie
zerschneiden.
PRIMUS Helene?
ALQUIST Nun freilich, ich sag's dir doch. Geh, mach' alles bereit. --
Nun, wird es? Soll ich andere rufen, daß sie sie herbeischaffen?
PRIMUS _ergreift einen schweren Porzellanstößel_ Wenn du dich rührst,
so zerschlage ich dir den Kopf!
ALQUIST Nun, zerschlag ihn! Zerschlag ihn doch! Was werden dann die
Roboter machen?
PRIMUS _sinkt in die Knie_ Herr, nimm mich! Ich bin genau so gemacht
wie sie, aus demselben Stoff, am selben Tage! Nimm dir mein Leben,
Herr! _Entblößt die Brust._ Schneide hier, hier!
ALQUIST Geh, ich will Helene schneiden. Mach' rasch!
PRIMUS Nimm mich statt ihrer; zerschneide diese Brust, ich werde nicht
schreien, nicht seufzen! Nimm hundertmal mein Leben --
ALQUIST Langsam, Knabe. Nicht so verschwenderisch. Willst denn du nicht
leben?
PRIMUS Ohne sie nicht. Ohne sie will ich nicht, Herr. Du darfst Helene
nicht töten! Was tut es dir, mir das Leben zu nehmen?
ALQUIST _berührt sanft sein Haupt_ Hm, ich weiß nicht -- Hör' mal,
Bursche, überleg' es dir. Es ist schwer zu sterben. Und weißt du, es
ist besser zu leben.
PRIMUS _erhebt sich_ Fürchte dich nicht, Herr, und schneide. Ich bin
stärker als sie.
ALQUIST _klingelt_ Ach, Primus, wie lang ist's her, daß ich ein junger
Mensch gewesen bin! Fürchte dich nicht. Helenen wird nichts geschehen.
PRIMUS _knöpft die Jacke auf_ Ich gehe, Herr.
ALQUIST Warte!
_HELENE tritt ein._
ALQUIST Komm her, Mädchen, laß dich anschauen! Also du bist Helene?
_Streichelt ihr Haar._ Fürchte dich nicht, weich nicht zurück.
Erinnerst du dich an Frau Domin? Ach, Helene, was hatte die für Haare!
Nein, nein, du willst mich nicht ansehn. Also was, Mädchen, ist der
Seziersaal aufgeräumt?
HELENE Ja, Herr.
ALQUIST Gut, du wirst mir helfen, nicht wahr? Ich werde Primus
aufschneiden.
HELENE _schreit auf_ Primus?
ALQUIST Nun ja, ja, es muß sein, weißt du? Ich wollte -- eigentlich --
ja, ich wollte dich zerschneiden, aber Primus hat sich an deiner Stelle
angeboten.
HELENE _verbirgt ihr Gesicht_ Primus?
ALQUIST Aber freilich, was liegt daran? Ach, Kind, du kannst weinen? --
Sag', was liegt an so einem Primus?
HELENE _leise_ Ich werde gehen.
ALQUIST Wohin?
HELENE Damit du mich zerschneidest.
ALQUIST Dich? Du bist schön, Helene. Es wäre schade um dich.
HELENE Ich gehe.
ALQUIST Bleib, Helene; gibt es etwas Stärkeres als das Leben?
HELENE _geht zum Seziersaal; Primus vertritt ihr den Weg_ Laß, Primus!
Laß mich hin!
PRIMUS Du wirst nicht gehn, Helene! Ich bitte dich, geh fort, hier
darfst du nicht sein!
HELENE Ich springe aus dem Fenster, Primus. Wenn du hingehst, so
springe ich aus dem Fenster!
PRIMUS _hält sie fest_ Ich lasse dich nicht! _Zu Alquist_ Niemanden,
Alter, wirst du töten!
ALQUIST Warum?
PRIMUS Wir -- wir -- gehören zueinander.
ALQUIST Du hast es gesagt. _Öffnet die Mitteltür._ Stille. Geht!
PRIMUS Wohin?
ALQUIST _flüsternd_ Wohin ihr wollt. Helene, führe ihn. _Schiebt sie
hinaus._ Geh, Adam. Geh, Eva; du wirst ihm Weib sein. Sei du ihr Mann,
Primus.
_Schließt hinter ihnen zu._
ALQUIST _allein_ Gesegneter Tag! _Geht auf den Fußspitzen zum Tisch und
schüttet die Retorten auf die Erde._ Fest des sechsten Tages! _Setzt
sich zum Schreibtisch, wirft die Bücher auf den Boden; dann öffnet er
die Bibel und liest._ »Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde: zum
Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie, einen Mann und ein Weib. Und
Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch,
und füllet die Erde, und macht sie euch untertan, und herrschet über
Fische im Meer und über Vögel unter dem Himmel und über alles Tier,
das auf Erden kreucht. _Er erhebt sich._ Und Gott sah an alles, was
er gemacht hatte; und siehe da, es war sehr gut. Da ward aus Abend
und Morgen der sechste Tag.« _Er geht in die Mitte des Zimmers._ Der
sechste Tag! Der Tag der Gnade! _Sinkt in die Knie._ Nun entlässest
du, Herr, deinen Diener -- deinen überflüssigsten Diener Alquist!
Werstand, Fabry, Gall, ihr großen Erfinder, was habt ihr ersonnen? Was
habt ihr Großes erfunden gegen dies Mädchen, gegen diesen Knaben, gegen
dies erste Paar, das die Liebe, Weinen, Lächeln, Lächeln der Liebe,
Liebe des Mannes und Weibes erfand? Natur, Natur, das Leben wird nicht
vergehen. Gott, das Leben wird nicht vergehen! Kameraden, Helene,
das Leben, wird nicht vergehen! Wieder wird es aus Liebe begonnen,
wird nackt und winzig begonnen; in der Wüste wird es Wurzel schlagen
und nichts wird ihm bedeuten, was wir getan und gebaut, nichts die
Städte und Fabriken, nichts unsere Kunst, nichts unsere Ideen, und
doch wird es nicht untergehen! Nur wir sind untergegangen. Häuser und
Maschinen werden zusammenstürzen, Systeme werden zerfallen und die
Namen der Großen abblättern wie Laub; nur du, Liebe, blühest empor
auf der Trümmerstätte und vertraust den Winden das Samenkörnchen des
Lebens an. Nun wirst du, Herr, deinen Diener in Frieden entlassen; denn
meine Augen gewahrten -- gewahrten -- deine Erlösung durch die Liebe
-- und das Leben wird nicht untergehen. _Er erhebt sich._ Wird nicht
untergehen! _Breitet die Arme aus._ Nicht untergehen!