NANA No gleich. _Nach links ab._

HELENE Was geht nur vor, um Gottes willen! Nichts, nichts sagt er mir!

_Schaut durch ein Trieder zum Hafen._ Es ist ein Kriegsschiff! Gott,

weshalb ein Kriegsschiff? Sie verladen etwas darauf -- und so hastig!

Was ist passiert? Es ist ein Name daran -- »Ul -- ti -- mus«. Was ist

das »Ultimus«?

NANA _kehrt mit der Zeitung zurück_ Auf dem Boden läßt er sie

herumwälzen! Sie so zu zerdrücken!

HELENE _öffnet hastig die Zeitung_ Alt, schon eine Woche alt! Nichts,

nichts darinnen! _Läßt die Zeitung sinken._

NANA _hebt sie auf, zieht eine Hornbrille aus der Schürzentasche, setzt

sie auf und liest_.

HELENE Etwas geht vor, Nana! Mir ist so bang! Wie wenn alles tot wäre,

selbst die Luft --

NANA _buchstabiert_ »Krieg auf dem Bal -- kan«. Ach Jesus, wieder eine

Strafe Gottes! Oh, der Krieg kommt sicher auch bis zu uns! Ist es so

weit von uns?

HELENE Weit. Oh, lies es nicht! Es ist immer gleich, immerwährend diese

Kriege.

NANA Wie denn nicht! Verkauft ihr denn nicht immerfort Tausende und

Tausende dieser Heiden als Soldaten?

HELENE Das geht vielleicht nicht anders, Nana! Wir können nicht --

Domin kann nicht wissen, wozu sie jemand bestellt, weißt du? Dafür kann

er nichts, was sie dort mit den Robotern machen! Er muß sie schicken,

wenn jemand sie bestellt!

NANA Er soll keine machen! _Blickt in die Zeitung._ Oh, Christus mein

Herr, dieses Unheil!

HELENE Nein, lies nicht! Ich will nichts wissen!

NANA _buchstabiert_ Die Ro -- bo -- ter -- soldaten ver --

schonen nie -- manden im er -- ober -- ten Ge -- biete. Mehr als

siebenhunderttausend Zivilpersonen wurden ermordet -- Helene, Menschen!

HELENE Das ist nicht möglich! Zeig -- _Neigt sich über die Zeitung,

liest._ »Mehr als siebenhunderttausend Zivilpersonen wurden ermordet,

offenbar über Befehl des Kommandanten. Diese Tat widerspricht« -- Da

siehst du, Nana, das haben ihnen Menschen anbefohlen!

NANA _buchstabiert_ »Auf -- stand gegen die Re -- gie -- rung in Ma

-- drid. Ro -- bo -- ter -- in -- fan -- terie schießt in das Volk.

Neuntausend Tote und Ver -- wun -- dete.«

HELENE O Gott, halt ein!

NANA Nein, da ist noch etwas ganz fett Gedrucktes. »Letzte Nachrich --

ten. In Hav -- re wurde die erste Ras -- sen -- or -- or -- or -- ga --

ni -- sa -- tion der Roboter ge -- gründet. Die Roboter-Arbeiter, Ka

-- bel und Bahn -- be -- amten, Ma -- tro -- sen und Sol -- daten er

-- lie -- ßen einen Auf -- ruf an die Roboter der gan -- zen Welt.« --

Das ist nichts. Das versteh ich nicht. Und dahier, lieber Gott, wieder

irgendein Mord! Christus mein Herr!

HELENE Geh, Nana, trag die Zeitung fort!

NANA Warten, dahier ist etwas Großes. »Po -- pu -- la -- ti -- on.« Was

ist das?

HELENE Zeig', das lese ich immer. _Nimmt die Zeitung._ Nein, denk' dir

nur! _liest_ »In der verflossenen Woche ist wiederum keine einzige

Geburt gemeldet worden.« _Läßt die Zeitung sinken._

NANA Was soll das sein?

HELENE Nana, es werden keine Menschen mehr geboren.

NANA _legt die Brille zusammen_ Dann ist das das Ende. Da ist's mit uns

zu Ende.

HELENE Ich bitte dich, sprich nicht so!

NANA Keine Menschen werden mehr geboren. Das ist die Strafe, das ist

die Strafe! Der Herr hat die Weiber mit Unfruchtbarkeit geschlagen!

HELENE _springt auf_ Nana!

NANA _steht auf_ Das ist der Weltuntergang. In teuflischem Hochmut habt

ihr gewagt, zu schaffen wie der liebe Gott. Gottlosigkeit ist das und

Lästerung. Wie Götter wollt ihr sein. Und wie Gott den Menschen aus dem

Paradies verjagt hat, so wird er ihn aus der ganzen Welt verjagen!

HELENE Schweig, Nana, ich bitte dich! Habe ich dir etwas getan? Habe

ich diesem deinem bösen Herrgott etwas angetan?

NANA _mit großer Geste_ Nicht lästern! -- Er weiß wohl, warum er Ihnen

kein Kind geschenkt hat! _Ab nach links._

HELENE _beim Fenster_ Warum er mir kein -- Mein Gott, kann denn ich

dafür? -- -- _öffnet das Fenster und ruft_ Alquist, hallo, Alquist!

Kommen Sie herauf! -- Wie? -- Nein, kommen Sie ~eben~ so, wie Sie sind!

Sie sind so lieb in dem Maurergewand! Rasch! _Schließt das Fenster,

bleibt vor dem Spiegel stehen._ Warum er ~mir~ keins geschenkt hat?

Mir? _Neigt sich gegen den Spiegel._ Warum, warum nicht? Hörst du

nicht? Ist es denn deine Schuld? _Richtet sich empor._ Ach, mir ist

bang! _Geht nach links Alquist entgegen._

_Pause._

HELENE _kommt mit Alquist zurück. Alquist, wie ein Maurer, mit Kalk und

Ziegelstaub beschmutzt_ Nur herein. Sie haben mir eine solche Freude

bereitet, Alquist! Ich habe euch alle so lieb! Zeigen Sie die Hände!

ALQUIST _die Hände versteckend_ Frau Helene, ich würde Sie beschmutzen

mit meinen Arbeitshänden.

HELENE Das ist an ihnen das beste. Geben Sie her! _Drückt ihm beide

Hände._ Alquist, ich möchte gern ganz klein sein.

ALQUIST Warum?

HELENE Damit mir diese rauhen, beschmierten Hände die Wange streicheln.

Setzen Sie sich, bitte schön.

ALQUIST _hebt die Zeitung auf_ Was ist das?

HELENE Die Zeitung.

ALQUIST _steckt die Zeitung zu sich_ Sie haben sie gelesen?

HELENE Nein. Steht etwas drin?

ALQUIST Hm, wohl irgendwelche Kriege, irgend paar Massaker -- Nichts

Besonderes.

HELENE Was würde Ihnen als besonders erscheinen?

ALQUIST Vielleicht -- irgendein Weltuntergang.

HELENE Hu, das ist heute schon das zweite Mal. Alquist, was bedeutet

»Ultimus«?

ALQUIST Das heißt »Der Letzte«. Weshalb?

HELENE Weil mein neues Schiff so heißt. Sahen Sie es? Glauben Sie, daß

wir bald -- -- -- einen Ausflug machen werden?

ALQUIST Vielleicht sehr bald.

HELENE Ihr alle mit mir?

ALQUIST Ich wäre froh, wenn wir -- wenn wir alle dabei wären.

HELENE Oh, sagen Sie, geht etwas vor?

ALQUIST Durchaus nichts. Nur lauter Fortschritt.

HELENE Alquist, ich weiß, es geht etwas Furchtbares vor.

ALQUIST Sagte Domin etwas?

HELENE Er sagte nichts. Niemand will mir etwas sagen. Aber ich fühle --

ich fühle -- Um Gottes willen, geht etwas vor?

ALQUIST -- -- Wir wissen bis jetzt von nichts, Frau Helene.

HELENE Mir ist so bang -- -- Baumeister! Was machen Sie, wenn Ihnen

bange ist?

ALQUIST Ich arbeite. Ich ziehe den Rock des Bauchefs aus und klettere

auf das Gerüst hinauf --

HELENE Oh, Sie sind schon seit Jahren nirgend anderswo als auf dem

Gerüst.

ALQUIST Weil ich schon seit Jahren nicht aufgehört habe, bange zu sein.

HELENE Wovor?

ALQUIST Vor diesem ganzen Fortschritt. Mir schwindelt davor.

HELENE Und auf dem Gerüst schwindelt Ihnen nicht?

ALQUIST Nein. Sie wissen nicht, wie wohl es den Händen tut, einen

Ziegel zu heben, hinzulegen und festzuschlagen --

HELENE Nur den Händen?

ALQUIST Nun also, auch der Seele. Ich glaube, es ist richtiger, einen

Ziegel hinzulegen als allzu große Pläne zu zeichnen. Ich bin schon ein

alter Herr, Helene; ich habe meine Steckenpferde.

HELENE Das sind keine Steckenpferde, Alquist.

ALQUIST Sie haben recht. Ich bin furchtbar rückschrittlich, Frau

Helene. Ich liebe diesen Fortschritt nicht ein bißchen.

HELENE Wie die Nana.

ALQUIST Ja, wie die Nana. Hat die Nana irgendwelche Gebetbücher?

HELENE So dicke.

ALQUIST Und gibt es dort Gebete für allerlei Fälle des Lebens? Gegen

Gewitter? Gegen Krankheit?

W U R · 第 41 / 99 题