DOMIN Die sind nicht überflüssig, ich weiß. Aber wenn man die Menschen
künstlich erzeugen will, dann sind sie -- hm -- keineswegs notwendig --
HELENE Ich verstehe.
DOMIN Ich werde Ihnen im Museum zeigen, was er binnen zehn Jahren
zusammengebastelt hat. Es sollte ein Mann sein, und das lebte ganze
drei Tage. Der alte Werstand hat nicht ein bißchen Geschmack besessen.
Es war furchtbar, was er da produzierte. Aber es hatte innen alles, was
der Mensch hat. Wirklich, eine erstaunliche Tändelarbeit. Und damals
kam der Ingenieur Werstand, des Alten Neffe, hierher. Ein genialer
Kopf, Fräulein Glory. Als er sah, was der Alte anstellte, sagte er:
»Das ist ein Unsinn, zehn Jahre an einem Menschen zu arbeiten. Wirst
du ihn nicht schneller herstellen als die Natur, so huste ich auf den
ganzen Kram.« Und er machte sich selbst über die Anatomie her.
HELENE In den Lehrbüchern steht es anders.
DOMIN _steht auf_ In den Lesebüchern steht bezahlte Reklame und
überdies Unsinn. Es steht dort zum Beispiel, die Roboter habe der
alte Herr erfunden. Indessen mochte sich der Alte vielleicht für eine
Universität eignen, aber von fabriksmäßiger Erzeugung hatte er keinen
Dunst. Er glaubte, wirkliche Menschen herzustellen, also vielleicht
irgendwelche neuen Indianer, Dozenten oder Idioten, wissen Sie? Und
erst der junge Werstand hat den Einfall gehabt, daraus lebende und
intelligente Arbeitsmaschinen zu machen. Was in den Lesebüchern über
die gemeinsame Arbeit beider großen Werstands steht, ist ein Gefasel.
Die beiden haben sich fürchterlich gestritten. Der alte Atheist hatte
keinen Brocken Verständnis für die Industrie, und schließlich sperrte
ihn der Junge in irgendein Laboratorium, damit er dort an seinen
großen Fehlgeburten herumbastle, er selbst aber nahm die Erzeugung
ingenieurmäßig in die Hand. Der alte Werstand verfluchte ihn wörtlich
und hudelte bis zu seinem Tode noch zwei physiologische Popanze
zusammen, bis man ihn schließlich eines Tages tot im Laboratorium fand.
Das ist die ganze Historie.
HELENE Und der Junge?
DOMIN Der junge Werstand, Fräulein, das war das neue Zeitalter. Das
neue Zeitalter der Produktion nach dem Zeitalter der Erkenntnis.
Nachdem er die menschliche Anatomie beguckt hatte, sah er gleich, daß
dies allzu kompliziert ist und daß ein guter Ingenieur es einfacher
machen müßte. Er begann also die Anatomie umzuarbeiten und erprobte,
was sich auslassen oder vereinfachen ließe. -- Kurz gesagt, Fräulein
Glory, langweilt Sie das nicht?
HELENE Nein, im Gegenteil, es ist schrecklich interessant.
DOMIN Also der junge Werstand sagte sich: Ein Mensch, das ist etwas,
das -- sagen wir -- Freude fühlt, Geige spielt, spazieren gehen will
und überhaupt einen Haufen Sachen zu tun braucht, welche -- welche
eigentlich überflüssig sind.
HELENE Oho!
DOMIN Warten Sie. Welche überflüssig sind, wenn er etwas weben oder
addieren soll. Ich meine nicht für Sie -- Spielen Sie vielleicht
Violine?
HELENE Nein.
DOMIN Schade. Aber eine Arbeitsmaschine muß nicht Violine spielen,
muß nicht Freude fühlen, muß nicht einen Haufen andrer Dinge tun.
Soll es schließlich gar nicht. Ein Naphthamotor soll keine Fransen
und Ornamente haben, Fräulein Glory. Und künstliche Arbeiter erzeugen
ist dasselbe wie Naphthamotore erzeugen. Die Erzeugung soll möglichst
einfach und das Erzeugnis das praktisch beste sein. Was meinen Sie,
welcher Arbeiter der praktisch beste ist?
HELENE Der beste? Vielleicht jener, der -- der -- Wenn er ehrlich --
und ergeben ist.
DOMIN Nein, sondern der billigste. Der, welcher die geringsten
Bedürfnisse hat. Der junge Werstand erfand einen Arbeiter mit der
kleinsten Menge Bedürfnisse. Er mußte ihn vereinfachen. Er warf alles
hinaus, was nicht unmittelbar der Arbeit dient. Damit warf er auch
alles, was den Menschen verteuert, hinaus. Damit warf er eigentlich
den Menschen hinaus und erschuf den Roboter. Teures Fräulein Glory,
die Roboter sind keine Menschen. Sie sind mechanisch vollkommener als
wir, haben eine erstaunliche Vernunftintelligenz, aber sie haben keine
Seele. Sahen Sie schon einmal, wie ein Roboter innen aussieht?
HELENE Nein.
DOMIN Sehr rein, sehr einfach. Tatsächlich, eine schöne Arbeit. Es
ist wie eine Hausapotheke. Wenige Stückchen, aber in tadelloser
Ordnung. Oh, Fräulein Glory, das Erzeugnis des Ingenieurs ist technisch
geläuterter als das Erzeugnis der Natur.
HELENE Man sagt, der Mensch sei ein Erzeugnis Gottes.
DOMIN Um so ärger. Gott hat keine Ahnung von der modernen Technik
gehabt. Würden Sie glauben, daß der selige junge Werstand sich als
Herrgott aufzuspielen begann?
HELENE Wie, ich bitte Sie?
DOMIN Er fing an, Über-Roboter zu erzeugen. Arbeitsriesen. Er probierte
es mit viermetrigen Gestalten, aber Sie würden es nicht glauben, wie
diese Mammute zerbrachen.
HELENE Zerbrachen?
DOMIN Ja. Von nichts und wieder nichts barst ihnen ein Bein oder etwas.
Unser Planet ist höchstwahrscheinlich ein wenig klein für Riesen. Jetzt
machen wir bloß Roboter von natürlicher Größe und sehr anständiger
menschlicher Ausstattung.
HELENE Ich habe die ersten Roboter bei uns gesehen. Die Gemeinde hatte
sie gekauft ... will sagen, zur Arbeit aufgenommen --
DOMIN Gekauft, teures Fräulein. Roboter werden gekauft.
HELENE -- als Straßenkehrer verpflichtet. Ich sah sie fegen. Sie sind
so seltsam, so still.
DOMIN Haben Sie meine Schreiberin gesehen?
HELENE Ich habe nicht acht gegeben.
DOMIN _läutet_ Wissen Sie, die Aktienfabrik von Werstands Universal
Roboters erzeugt bis jetzt keine einheitliche Ware. Wir haben feinere
und gröbere Roboter. Die besseren werden vielleicht zwanzig Jahre leben.
HELENE Dann schwinden sie hin?
DOMIN Ja, sie nützen sich ab.
_SULLA tritt ein._
DOMIN Sulla, präsentieren Sie sich Fräulein Glory.
HELENE _erhebt sich und reicht ihr die Hand_ Es freut mich. Ihnen ist
wohl sehr traurig so fern der Welt, nicht wahr?
SULLA Das kenne ich nicht, Fräulein Glory. Bitte, nehmen Sie Platz.
HELENE _setzt sich_ Woher stammen Sie, Fräulein?
SULLA Von hier, aus der Fabrik.
HELENE Ah, Sie sind hier geboren?
SULLA Ja, ich wurde hier gemacht.
HELENE _aufspringend_ Was?
DOMIN _lacht_ Sulla ist kein Mensch, Fräulein, Sulla ist ein Roboter.