Der Ritter von Maltheim war sanft entschlafen und in der Schloßkapelle

bei seinen Vätern beigesetzt. Afra hatte den trauernden Frauen treuen

Beistand geleistet; nach dem Begräbnis aber war sie ohne Gruß und

Abschied verschwunden. In tiefem Schmerz saßen Frau Kunigunde und

Irmgard bei einander, jede von Gedanken erfüllt, die mühsam nach einem

Ausdruck rangen.

„Es ist gut für Euch, daß Ulrich bald heimkehrt,“ sagte endlich das

Mädchen gepreßt --, „so werdet Ihr doch nicht lange ganz einsam sein.“

Die Mutter blickte erstaunt auf; der förmliche Ton, in dem jene sprach,

überraschte sie. „Ich habe ja noch dich, mein liebes Kind.“

„Aber nicht mehr für lange -- ich muß fort.“

„Du willst mich verlassen, jetzt, da ich traurig und einsam bin?

Irmgard, hat deine Mutter das um dich verdient?“

„O macht mir das Herz nicht schwer, Frau -- Frau Kunigunde von

Maltheim,“ rief das Mädchen, in Thränen ausbrechend, „Ihr wißt es doch

besser als ich, daß ich Euer Kind nicht bin, daß Ihr den Findling nur

aus Erbarmen aufgenommen habt! Ich kann nicht länger bei Euch bleiben,

aber ich kann auch nicht bei meiner Mutter leben -- laßt mich ins

Kloster gehn, das ist der einzige Ort auf Erden, wo ich Ruhe und

Frieden finden kann.“

Mit namenlosem Erstaunen vernahm die Edelfrau diese Rede; wie hatte

sie gesonnen und gegrübelt, auf welche Weise sie Irmgard die bittere

Kunde beibringen könne, -- und nun kam jene ihr zuvor, sie wußte alles

und hatte aus eignem Antrieb den Entschluß gefaßt, vor dem sie selbst

noch zurückbebte, und den sie doch als den einzig schicklichen Ausweg

in dieser Lage betrachten mußte. Sie that ihre Arme auf: „mein Kind,

meine geliebte Tochter!“ rief sie, „komm an meine Brust und laß uns in

alter Liebe alles miteinander besprechen, was uns beide so schmerzlich

bewegt. Hat dich die heilige Jungfrau mir nicht übergeben, daß du mein

Trost und meine Freude sein solltest? und bist du nicht deines Vaters

teuerster Schatz bis an sein Ende gewesen? Und wenn du uns nicht durch

deine Geburt angehörst, hat unsre jahrelange Liebe uns keinen Anspruch

an dich erworben?“

Da schmolz die Rinde von Härte und Bitterkeit, die sich um Irmgards

Gemüt gelegt hatte, sie sank in die Arme der treuen Mutter und sagte

ihr alles, was ihr banges Herz erfüllte.

Einige Tage danach erschien Afra, nach der man geschickt hatte, wieder

auf der Burg. Irmgard ging ihr entgegen und reichte ihr die Hand;

sie war noch bleicher als gewöhnlich, aber in ihren Zügen lag eine

tiefe Ruhe: der schwere Kampf war ausgestritten, in ihrer Seele volle

Klarheit. „Seid willkommen, liebe Mutter!“ sagte sie sanft, „ich stehe

an der Schwelle eines neuen Lebens und bitte um Euren Segen.“

Afra starrte sie an, als dürfe sie ihren Ohren nicht trauen. „Matthäa!“

rief sie dann jauchzend, „mein süßes Kind, erkennst du endlich deine

Mutter? O Gott im Himmel, habe Dank für diese Gnade! Du hast mir

meinen Liebling wiedergeschenkt!“ Sie zog Irmgard an ihr Herz und

überschüttete sie mit heißen Küssen und Liebkosungen; dann schob sie

sie einen Schritt von sich fort, um ihr Gesicht, ihre Gestalt mit

trunknem Blick zu betrachten. Endlich faßte sie sich, verbarg ihr

thränenbenetztes Gesicht einen Augenblick in ihren Händen und schaute

ruhiger auf. „Fürchte nichts, mein Liebling,“ sagte sie wehmutsvoll,

„denke nicht, daß deine Mutter dein Glück trüben, deine hohe Stellung

dir rauben will. Du sollst für jedermann das Edelfräulein bleiben,

und die edle Frau Kunigunde soll deine Mutter sein, wie bisher. Nur

zuweilen, in dunkler Abendstunde, darf ich mich herschleichen, nicht

wahr? und wenn kein Auge uns sieht und kein Ohr uns hört, dann darf

ich dich meine Matthäa nennen und dich küssen; und wenn du krank bist,

darf ich dich pflegen, und wenn du dich einmal verheiratest, darf ich

dir folgen und dir dienen und dein Haus verwalten helfen -- nicht wahr,

mein Kind? du sollst dich nie, nie meiner schämen dürfen, denn nie will

ich es einem Menschenohr anvertrauen, daß du meine Tochter bist!“

Irmgard war tief ergriffen von so selbstloser Liebe. „O meine Mutter,“

sagte sie bewegt, „wie gut bist du! Nein, ich werde mich nie deiner

schämen, denn du bist edel von Gesinnung und groß an Liebe und

Aufopferung! Aber ich werde nicht hierbleiben und nie einem Gatten

folgen -- ich gehe ins Kloster.“

„Ins Kloster!“ wiederholte Afra traurig, „ist dir die Welt vergällt,

das frohe Leben zur Last geworden? Ins Kloster! dahin kann ich dir

nicht folgen, dort kann ich meinem Kinde nicht dienen. O Matthäa, muß

es so sein?“

„Es muß so sein, Mutter, es war von Anfang an der Wille der heiligen

Jungfrau. Auch Frau Kunigunde denkt wie ich. Mit dem Beginn der

nächsten Woche scheide ich aus diesem Hause und trete in mein neues,

stilles Heim ein. Willst du bis dahin bei mir bleiben, Mutter?“ -- --

Wenige Tage später war Irmgards Stelle auf Maltheim leer, zwei einsame

Frauen blickten ihr trauernd und sehnsüchtig nach. Frau Kunigunde

hatte Afra nicht von sich gelassen, und auf ihr dringendes Bitten

hatte diese sich entschlossen, bis zu Ulrichs Rückkehr auf Maltheim

zu bleiben. Am Tage ging es noch an, da machten sich beide in Küche

und Keller, im Garten und in der Milchkammer, am Waschfaß und auf dem

Bleichplatze zu schaffen und ließen sich keine Zeit zu trüben Gedanken.

Aber wenn der Abend kam und des Tages Arbeit ruhte, dann saßen die

beiden Mütter bei einander und sprachen von ihrem Kinde und beweinten

das herbe Schicksal, das beiden die liebliche Tochter von der Seite

gerissen hatte. Dennoch waren beide davon durchdrungen, daß Irmgards

Entschluß der einzig richtige gewesen, daß sie weder als Edelfräulein

auf Maltheim, noch als die Tochter einer früheren Magd auf dem Annenhof

hätte leben können. Das Kloster erschien beiden wie ein stiller

Friedenshafen, in dem das zertrümmerte Lebensschifflein sicher vor

Anker gehen durfte.

[Illustration]

Dreizehntes Kapitel.

Sankt Sebaldus-Tag.

Kommt und laßt uns vereint den heiligen Sebald erheben!

Dankt ihm in frommem Gebet, preist ihn mit jubelnder Lust.

Seit alten Zeiten wurde der neunzehnte August in Nürnberg als hoher

Festtag gefeiert, galt er doch dem Andenken des heiligen Sebaldus, den

die Stadt als ihren eigensten Schutzpatron verehrte. Sechshundert Jahre

mochte es her sein, so erzählte die fromme Legende, als der heilige

Sebald mit seinen Gefährten Wilibald und Wunibald die Länder an der

Donau durchzog, lehrend und taufend und seine Predigt durch wunderbare

Thaten bekräftigend. Da geschah es einst, als die frommen Männer den

Strom erreicht hatten, daß die reißende Flut, welche mit Eisschollen

trieb, die Brücke zertrümmerte; zagend sahen die Genossen den Führer

an, der aber zog seine Kutte aus, legte sie auf das wildbewegte Wasser

und stellte sich darauf. Siehe, da trug ihn die Flut gehorsam bis ans

andre Ufer und netzte ihm kaum die Füße. Die andern folgten seinem

Beispiel; fast erstarrt kamen die Gottesmänner drüben an und traten

in eine dürftige Hütte, in der kein Feuer brannte, denn das Holz war

den Bewohnern ausgegangen. Da hieß Sebaldus die Frau, Eisschollen auf

den Herd tragen und anzünden, alsbald brannten sie lichterloh und

verbreiteten liebliche Wärme. Anbetend sanken die Hüttenbewohner vor

dem Heiligen auf die Kniee und wagten es, ihm eine Bitte vorzutragen.

Ihr einziges Hab’ und Gut, ein paar Ochsen, war ihnen entlaufen;

vergebens hatte der Mann sie gesucht, bis die Dunkelheit einbrach.

„Geh noch einmal hinaus,“ gebot Sebaldus, „und bete auf dem Wege, und

du wirst sie finden.“ „In der Nacht?“ fragte der Bauer zweifelnd; aber

er folgte dennoch dem Gebot, und der Wald leuchtete ihm entgegen, wie

von hellem Sonnenschein beglänzt. Er betete und fand die Tiere; zum

Dank gelobte er sich dem Heiligen zu jedem Dienst, den dieser von ihm

verlangen würde.

Bald danach ging es mit Sankt Sebald zum Sterben, und seine Genossen

fragten ihn weinend, wo er begraben sein wolle. Er gebot ihnen,

jene Bauersleute um ihre Ochsen zu bitten und dieselben vor seinen

Leichenwagen zu spannen; niemand solle sie lenken, aber wo sie stehen

blieben, da solle man seine Leiche in die Erde senken. Die frommen

Männer suchten die Hütte an der Donau auf und erinnerten das Ehepaar

an sein Versprechen, aber jene wollten nichts davon wissen, sie hätten

sich nur dem Lebenden verpflichtet, nicht dem Toten. Kaum hatten sie

das Wort gesprochen, so brachen die beiden Stiere mit wütendem Gebrüll

aus dem Stall und rannten davon, vor dem Leichenwagen aber blieben

sie stehen und ließen sich geduldig anspannen. Dann lenkten sie nach

der Stelle hin, wo der Neroberg mit dem grauen Turm, dem ältesten

Wahrzeichen Nürnbergs, emporragte, und standen vor der kleinen Kapelle

des heiligen Petrus still. Kein Ruf, kein Peitschenschlag vermochte sie

von dieser Stelle zu vertreiben; da erkannten die Begleiter, daß es

die Stätte sei, die der heilige Sebaldus sich zur Rast erkoren hatte,

und sie begruben ihn dort. Als aber ein Blitz die Petrikapelle traf

und einäscherte, da ward man inne, daß sie des großen Heiligen, der

auch im Grabe noch herrliche Wunder wirkte, nicht wert gewesen sei; man

legte die Gebeine in einen mächtigen Sarg von gediegenem Silber und

führte darüber die gewaltige Sebalduskirche auf. Der Sarg ward ein Ziel

der Wallfahrt für alle, die auf Nürnberger Grund und Boden wohnten;

man legte reiche Gaben darauf nieder und erkannte immer deutlicher,

daß Sankt Sebald der Stadt hold und wohlgesinnt sei. Aber den Vätern

leuchtete auch ein, daß der kostbare Sarkophag einer schützenden Hülle

bedürfe, wenn sein Glanz nicht durch die tausende andächtiger Küsse,

die in jedem Jahr darauf gedrückt wurden, beschädigt werden sollte,

sie beauftragten daher den trefflichen Rotgießer, Peter Vischer, einen

kunstreichen Tempel zu fertigen, welcher den Sarg wohl den Blicken,

aber nicht den Händen und Lippen der Gläubigen aussetze. Dies Kunstwerk

war eben vollendet worden und sollte am diesjährigen Sebaldustage

enthüllt werden.[2]

[Footnote 2: Thatsächlich wurde Vischers Sebaldusgrab, wie Adam

Kraffts Sakramentshäuschen, erst einige Jahrzehnte später, nach

1500, vollendet, während unsre Erzählung erst bis zum Jahre 1480

vorgeschritten ist; doch haben wir die Beschreibung dieser Kunstwerke

hier vorweg genommen, um die Schilderung dieser Periode Nürnbergischer

Kunstblüte zu vervollständigen. Beide Künstler waren um diese Zeit in

ihrer Vaterstadt thätig.]

Schon seit mehreren Tagen bemerkte man eine freudige Erregung in der

Stadt, denn alle Klassen, alle Geschlechter wollten an dem großen

Kirchenfeste teilnehmen. Als der festliche Morgen anbrach, tönten alle

Glocken in feierlicher Harmonie zusammen; gern lauschten die Einwohner

den ernsten Klängen, die ihnen von früher Kindheit an lieb und vertraut

waren, und begrüßten mit Freude die Töne besonders bekannter Glocken.

„Das ist die große Susanna,“ hieß es, „die übertönt alle übrigen,

und das ist die kleine Maria, die hat den hellsten Klang.“ In den

Straßen wogte eine erwartungsvolle Menge, hier eilten Mitglieder der

verschiedenen Innungen zu den bestimmten Sammelplätzen, dort ging

eine Schar würdiger Männer nach dem Rathause; geputzte Kinder zogen

haufenweise nach den Klosterschulen, und reich geschmückte Jünglinge

und Jungfrauen schlüpften, mit schützenden Mänteln angethan, nach der

Kirche, von welcher der Festzug ausgehen sollte.

Endlich war die Stunde für den Beginn der Prozession gekommen,

Pauken- und Posaunenschall bezeichnete den Anfang des Festes. Eine

Anzahl berittener Patriziersöhne, im schönsten Schmuck, mit wehenden

Federbüschen, eröffnete den Zug, gefolgt von einem Fähnlein zünftigen

Fußvolks. Dann kam die Schuljugend mit ihren Lehrern, die Mädchen

in hellen Gewändern mit Blumenkränzen, die Knaben mit zahlreichen

Prozessionsfahnen, die dreizipflig an einer Kreuzstange hingen. Es

folgte die Klostergeistlichkeit in grauen, weißen, schwarzen und

braunen Kutten, jeder Konvent mit Kreuz und Fahne; in festlichem Ornat

ging der Bischof unter einem Baldachin, hinter ihm die Weltpriester mit

ihren prachtvollen Kirchenfahnen; dann die Zünfte mit den Zeichen ihrer

Hantierung, die meisten mit brennenden Kerzen in den Händen, während

zahllose Chorknaben die Weihrauchgefäße schwangen, und Musik und Gesang

den ganzen Zug begleitete. Das Schönste aber war eine Schar von Mädchen

und Jünglingen, welche verschiedene Heilige darstellten und in der

Tracht alter Gemälde auftraten. Da war König David im Purpurmantel mit

goldener Harfe, der heilige Petrus mit den Himmelsschlüsseln, Sankt

Laurentius mit dem eisernen Rost, auf dem er den Märtyrertod gefunden,

die heilige Agnes mit dem Lamm, die heilige Cäcilie mit der Orgel und

viele andere. Gar lieblich anzuschauen war die heilige Margarete,

welche von Herrn Wilibald Ebners ältestem Töchterlein dargestellt

wurde; so mochte die Heilige wohl ausgesehen haben, so fromm und

demütig, so rein und furchtlos, als sie, nur mit einer Palme bewaffnet,

über den grimmigen Drachen hinschritt.

[Illustration: Eine Stimme rief plötzlich ihren Namen ....]

Margarete Ebnerin war sich des Eindrucks, den sie auf die Zuschauer

machte, nicht bewußt; ihre Gedanken waren aufwärts gerichtet, oder

mit ihrem Bruder beschäftigt. Warum durfte er heute nicht unter den

Genossen sein, die so stolz und stattlich daherritten, wie gut hätte

er dazu gepaßt! Sie fragte sich, ob er sich wohl schon völlig in das

geistliche Wesen eingelebt hätte, oder ob er immer noch in geheimer und

offner Auflehnung gegen die strenge Klosterzucht beharre? Nur selten

hatte der Vater den Sohn besuchen dürfen; er hatte ihn immer düster

und unglücklich gefunden, und der Prior hatte jetzt jeden Verkehr mit

den Seinen untersagt, bis der widerstrebende Novize sich völlig der

geistlichen Regel unterworfen haben würde. Das dauerte nun schon drei

Jahre; wie viele heiße Gebete stiegen täglich für ihn zum Himmel auf!

war es möglich, daß sie unerhört bleiben sollten? --

Eine Stimme aus der Menge rief plötzlich ihren Namen; der Ton berührte

sie wunderbar, er war ihr so fremd geworden und doch so wohlbekannt!

Eine heiße Röte stieg in ihre Wangen, unwillkürlich hob sie den Blick

empor, um den Rufenden anzusehen. Eine hohe, männliche Gestalt, in

dem schwarzen Samtwams, dem kurzen Mantel und schwarzen Barett eines

Baccalaureus, drängte sich durch die Reihen der Gaffenden, die ihn nur

widerwillig durchließen, und streckte grüßend die Hände aus. Trotz

der vier Jahre der Trennung erkannte sie ihn auf den ersten Blick an

den goldenen Locken und den blauen Augen. In der ersten Überraschung

war es, als ob sie stehen bleiben und seinen Gruß erwidern wollte,

doch besann sie sich schnell, daß sie mitten in einer kirchlichen

Feier stände; sie neigte das Haupt noch tiefer herab und schritt,

scheinbar unbewegt, vorwärts. Aber in ihrem Herzen war plötzlich

heller Sonnenschein, sie konnte an nichts anderes denken, als an den

Jugendfreund, und zu all der Musik der verschiedenen Instrumente und zu

dem tausendstimmigen Chor um sie her sang sie in ihrem Herzen nur die

Worte: „der Ulrich, der Ulrich ist wieder im Land!“

Der Zug hatte jetzt die Kirche erreicht, welche zum festlichen Tage

den schönsten Schmuck angelegt hatte. Die Wände waren mit gewebten

Teppichen bekleidet, auf denen die Wunderthaten des heiligen Sebaldus

in bunten Farben dargestellt waren; auf allen Altären prangten Blumen

und geweihte Kerzen, und ein sanfter Weihrauchduft erfüllte das

herrliche Gebäude. Inmitten des Hauptschiffes ragte ein verhüllter

Bau empor, welcher das neue Sebaldusgrab einschloß; um denselben

gruppierten sich die Hauptteilnehmer des Festzuges, während die Gewerke

und die Söldner an den Thüren die Wache hielten. Der ganze Kirchplatz

war von einer wogenden Menschenmenge erfüllt, die in ihrem Hin- und

Herdrängen und mit ihren zahllosen, summenden Stimmen den Eindruck

einer bewegten Meeresflut machte.

Nach vollendeter Messe trat der Bischof, gefolgt von einer Schar von

Geistlichen, die ihn wie ein Glorienschein umgab, in das Mittelschiff

und gab mit erhobener Hand ein Zeichen; nun stimmten alle Chöre einen

Lobpsalm an, die Posaunen dröhnten dazwischen, und die Decken sanken

herab. Ein halb unterdrücktes: Ah! erklang von allen Lippen, als das

unvergleichliche Kunstwerk frei vor allen Blicken dastand. Eine erzne

Kapelle umschließt den silbernen Sarg des Heiligen; kunstreiche Pfeiler

tragen die schön geschwungnen Bogen des Gewölbes, an sie lehnen sich

die zwölf Apostel, als die wahrhaften Stützen der Kirche. Zwischen den

Pfeilern erheben sich hohe Leuchter, aber ihre Lichte sind auch wieder

schlanke Säulchen, welche das Gewölbe tragen helfen. Drei vielfach

durchbrochene Türmchen krönen das Werk, dessen untere Platte auf

kriechenden Schnecken ruht, und das durch unzählige, kleine Figuren,

unter ihnen das Bild des Meisters im Schurzfell, geziert wird.

Margarete konnte heute ihre Gedanken nicht in rechter Andacht sammeln;

statt ihre Blicke auf das herrliche Kunstwerk zu richten und der

Weiherede des hochwürdigsten Bischofs zu lauschen, ließ sie ihre Augen

verstohlen in der Kirche umherschweifen, um ihren Freund zu entdecken.

Als sie aber seinem Blick begegnete, der fest auf sie geheftet war,

da erschrak sie und schaute nicht wieder auf; sie fühlte sich tief

beschämt über ihr unfrommes Gebaren und suchte jeden Gedanken zu

verbannen, der nicht eng mit dem heiligen Feste zusammenhing.

Als die Feier beendet war, verließ der Zug in der vorigen Ordnung das

Gotteshaus, und neue Hunderte strömten herein, um das Meisterwerk

einheimischen Kunstfleißes anzustaunen und ihre Andacht am

Sebaldusgrabe zu verrichten. Stundenlang wogte der Strom hin und

wieder, denn es war kaum ein Männlein oder Fräulein in der Stadt,

das nicht gewünscht hätte, heute an dieser Stätte zu stehen und zum

heiligen Sebaldus zu beten. Gehörte der Morgen dem kirchlichen Dienst,

so entfaltete sich in den Nachmittagsstunden das fröhlichste Volksfest;

überall wurde gegeigt und getrommelt, geschmaust und getanzt. Die

unteren Klassen tummelten sich wohlgemut auf Straßen und Plätzen umher

und trieben allerlei Kurzweil; die Familien der höheren Stände begaben

sich in mancherlei Fuhrwerken, schwerfälligen Karossen oder leichten

Korbwägelchen, hinaus in die Landhäuser, wo in den Gärten reicher

Patrizier sich heitere Gesellschaften zusammenfanden.

Auch der derzeit gebietende Bürgermeister, Herr Friedrich Volkamer (von

den drei erwählten Häuptern des städtischen Regiments, den sogenannten

Losungern, führte jedes Jahr ein andrer den Vorsitz im Rat), hatte

einen reichen Kreis von Gästen auf seinem prächtigen Landsitze

versammelt, unter denen sich auch Herr Wilibald Ebner mit seinen

Töchtern befand. Frau Ursula war daheimgeblieben, sie konnte es schwer

über sich gewinnen, die Genossen ihres Berthold fröhlich beisammen

zu sehen, während er für immer gefangen und von jeder Lebensfreude

ausgeschlossen war. Das Haus der Volkamers war mit all der Pracht und

dem künstlerischen Geschmack eingerichtet, welche zu jener Zeit dem

reichen und kunstliebenden Bewohner Nürnbergs zur Verfügung standen. Im

geräumigen Vorsaal verbreitete ein kleiner Springbrunnen erfrischende

Kühle; die zierlichsten Erz-Figürchen sprudelten das klare Naß in

ein großes Becken, in welchem eine Menge von Goldfischen schwamm;

das abfließende Wasser aber setzte eine verborgne Orgel in Bewegung,

welche fortwährend eine leise, liebliche Musik ertönen ließ. Der große

Speisesaal, dessen geöffnete Thüren in den Garten führten, war mit

Bildern reich geziert; auf der köstlich geschmückten Tafel prangte eine

Fülle von Gold- und Silbergeschirr, das zum Teil aus der Hand Meister

Dürers, des Goldschmieds, hervorgegangen war. Besondere Bewunderung

erregte ein Tafelaufsatz von blinkendem Silber, eine weibliche Figur,

welche einen reich verzierten Fruchtkorb in den emporgehobenen Händen

trägt und mit dem reizenden Köpfchen stützt. Das Stück war ein

Meisterwerk in Zeichnung und Ausführung, und doch war es die Arbeit

eines Knaben und stammte von Meister Dürers Sohne Albrecht, der auf des

Vaters Wunsch bisher noch dessen Handwerk betrieb.

Man saß lange bei Tische, und die Gänge schienen kein Ende zu nehmen;

da gab es Biersuppe mit Brot und Käse, grünen Kohl mit gebratenem

Hammelskopf, Kalbfleisch mit einer Tunke von Pfeffer und Safran,

Hirsebrei mit fetter Wurst und ein gebratenes Reh mit Knoblauch

und Zwiebeln. Dazu trank man eine Fülle der feurigsten Weine aus

Deutschland und Italien, denn die Speisen waren stark gewürzt und

erregten rechtschaffenen Durst. Die Unterhaltung der älteren Gäste

wurde immer lebhafter und lauter, die Jugend dagegen warf sehnsüchtige

Blicke in den Garten hinaus und wünschte das Ende der Tafel herbei, um

sich draußen bei Spiel und Tanz zu vergnügen. Endlich bezeichneten

süße Kuchen und saftiges Obst den Schluß des Gastmahls; der Koch

erschien mit einem silbernen Waschbecken, an dem ein Hirschkopf

befestigt war, dessen Geweih ein reich gesticktes Handtuch trug; aus

einer silbernen Kanne goß er Wasser über die Hände der Gäste, welche,

nachdem sie das Tuch benutzt hatten, eine Gabe für die Dienerschaft in

seine Zipfel knüpften.

Nun konnte man endlich hinaus in den Garten, der zu den

Sehenswürdigkeiten Nürnbergs gehörte. Kunstreich angelegte Blumenstücke

wechselten mit geschornen Laubwänden und Bogengängen, welche den

schattigsten Aufenthalt darboten. In Absätzen, die durch steinerne

Brustwehren geschützt und durch breite Treppen verbunden waren, senkte

sich der Garten bis zu einem grünen Wiesenplan herab, und, von unten

gesehen, hob sich das Haus mit seinem gewaltigen Söller frei und

prächtig aus seiner grünen Umgebung heraus.

Während die junge Welt hier in kleinen Gruppen lustwandelte und alle

Herrlichkeiten beschaute, traten zwei neue Gäste auf den kiesbestreuten

Vorplatz, bei deren Anblick Margaretens Herz heftig zu schlagen begann,

denn der eine war ohne Zweifel der, mit welchem alle ihre Gedanken

beschäftigt waren -- Ulrich von Maltheim. Wie schön und stattlich sah

er aus in dem dunklen Gewande, welches seine edlen Züge, die weiße

Stirn und die goldenen Locken nur noch glänzender hervortreten ließ!

Aber auch sie bot einen reizenden Anblick dar, in dem lichtblauen

Kleide, das, an Hals und Ärmeln mit schneeweißer Leinwand gepufft und

mit goldenen Streifen umsäumt, ihre jungfräuliche Gestalt fest und

anmutig umschloß, mit dem goldnen Netzhäubchen auf dem glänzend braunen

Haar und den klaren, grauen Augen, die so ernst und klug, und doch so

mädchenhaft und sittsam um sich schauten. Jetzt hatte auch Ulrich sie

erkannt, und nachdem er die Wirte begrüßt, eilte er mit ausgestreckter

Hand und einem fröhlichen Lächeln auf sie zu.

„Grüß’ Gott, liebe Margarete,“ sagte er innig, „welche Freude, dich

endlich wiederzusehen! sei mir tausendmal gegrüßt!“ Er beugte sich

über sie, um, wie er früher immer gethan, ihre Stirn zu küssen, aber

sie wich verwirrt vor ihm zurück. Eine plötzliche Verschämtheit kam

über sie -- wie viele Augen waren hier auf sie gerichtet! „Willkommen

daheim, Herr von Maltheim,“ sagte sie in förmlichem Ton und neigte sich

höflich vor ihm, wie vor einem Fremden, während sie zugleich ihre Hand

aus der seinigen zog.

Er sah sie erschrocken an. „So kühl, Margarete? sind wir nicht mehr

Freunde, wie wir es immer gewesen?“

„Die Kinderjahre sind vorüber,“ versetzte sie mit gesenkten Augen.

„Ihr kehrt als der gebietende Herr von Maltheim zurück, nicht mehr als

Junker Ulrich.“

Er zog sich mit einem gekränkten Ausdruck von ihr zurück, begrüßte

flüchtig die übrigen, die ihm von früher her bekannt waren und gesellte

sich zu den älteren Männern, die unter der großen Linde vor dem Hause

in behaglicher Unterhaltung saßen.

Inzwischen berieten die Mädchen und jungen Männer, welch ein Spiel sie

unternehmen wollten. „Das Minneturnier!“ riefen mehrere Stimmen, und

einer der jungen Leute unternahm es, dies allbeliebte Spiel in Gang zu

setzen. Jedes der Mädchen erhielt eine Schleife, die sie an ihre Brust

steckte, und ein langes Band von derselben Farbe; die Jünglinge teilten

sich in zwei Parteien, Ausforderer und Verteidiger, während der Ordner

das Amt eines Minnevogtes versah. Nun erkor sich jeder Verteidiger

eines der Mädchen zu seiner Dame, die andern aber forderten die Damen

zum Kampf heraus; dann ließ der Verteidiger sich auf Hände und Kniee

nieder, das Mädchen setzte sich ihm auf den Rücken und hob den Fuß

empor, gegen dessen Sohle der Angreifer einen Stoß mit seiner Fußsohle

führte. Wer dabei hinfiel, hatte verloren, ward gebunden und mußte sich

auslösen, die Mädchen durch einen Kuß, die jungen Männer durch eine

Blume oder eine zierliche Gabe. Die Damen hätten bei diesem Spiel wohl

immer verloren, hätten sie nicht den Minnevogt zu Hilfe rufen dürfen,

welcher sie stützte und ihrem Stoß dadurch größeren Nachdruck gab.

Eine Weile wurde mit Eifer und vielem Gelächter gespielt; es fehlte

auch nicht an kleinen Listen, in denen sich geheimes Wohlgefallen oder

versteckte Abneigung verriet; dann stellte es sich heraus, daß der eine

Minnevogt unmöglich allen angegriffnen Damen helfen konnte. Man sah

sich daher nach einem zweiten um, und einige schlugen vor, Ulrich dazu

heranzuziehen. Sogleich erbot sich Elsbeth Ebnerin, ihn aufzufordern,

und ohne auf Margaretens abmahnende Blicke zu achten, eilte sie die

Treppen hinauf und trat auf ihn zu. „Wollt Ihr nicht mit uns spielen,

Ulrich?“ fragte sie in dem vertraulichen Ton einer alten Bekannten, „es

fehlt uns gerade noch ein Teilnehmer, und wir würden uns freuen, Euch

unter uns zu sehn.“

„Verzeiht mir, wertes Fräulein,“ erwiderte er ernst und höflich, „wenn

ich Eurem Rufe nicht folge; ich habe vor zu kurzer Zeit meinen teuren

Vater verloren, um mit den Fröhlichen froh zu sein.“

Etwas kleinlaut kehrte Elsbeth mit diesem Bescheide zu den Genossen

zurück, Margarete aber dachte mit tiefer Bekümmernis daran, wie vieles

Ulrich bei seiner Heimkehr verändert gefunden, und wie wenig Teilnahme

sie ihm gezeigt habe. Sie nahm an allen Spielen nur noch mechanischen

Anteil; ihre Gedanken weilten bei dem Freunde, den sie so kühl begrüßt

hatte, während sie doch so warm für ihn fühlte. -- --

Ein ganz anderes Bild zeigte zu derselben Stunde der Garten hinter

dem Wirtshaus zur goldenen Rose am Markt, wo sich die Kunstgenossen

von Nürnberg zusammengethan hatten, um den Festtag in ihrer Weise zu

begehen. Unter schattigen Linden und Akazien hatte man lange Tafeln

gedeckt, an denen Männer und Frauen, Jünglinge und Jungfrauen in

bunter Reihe Platz genommen hatten, während die Kinder sich in lauter

Fröhlichkeit um sie her tummelten. Die Ehrenplätze an der Spitze nahmen

Peter Vischer und Adam Krafft ein, welche sich in die bewundernde

Anerkennung ihrer Mitbürger teilten.

Meister Adam hatte in den verflossnen Jahren die Kirchen und

öffentlichen Gebäude seiner Vaterstadt mit kunstreicher Hand

geschmückt, und manches unsterbliche Werk der Bildnerei bezeugte,

daß die zwanzig Jahre seiner Wanderschaft nicht ohne herrliche

Früchte geblieben waren. Erst vor kurzem war in der Lorenzkirche

sein Sakramentshäuschen enthüllt worden, -- ein köstlicher Schrein

zur Aufbewahrung der geweihten Hostie. So zierlich erschienen die

Formen des schlanken Türmchens, so lebensvoll und anmutig umschlang

das reiche Ranken- und Blätterwerk den erznen Schrank in der Mitte,

daß die Beschauer nicht glauben wollten, das Ganze sei ein Werk des

Meißels aus hartem Stein, sondern daß das Gerücht auftauchte, Adam

Krafft habe die Kunst entdeckt, Steine zu erweichen und flüssig in

Formen zu gießen. An der heutigen Tafel bildeten die beiden neuesten

Kunstwerke lange den Gegenstand des Gespräches; man stritt hin und her,

welches das vollendetere Werk wäre, aber man kam zu keinem Schluß,

bis endlich Vischer erklärte, es sei in Nürnberg keine kunstvollere

Arbeit vorhanden, als das Sakramentshäuschen, und Krafft entschied, das

Sebaldusgrab könne nicht übertroffen werden. Da erhob sich lauter Jubel

unter den Tischgenossen, und in vielstimmigem Chor wurden die beiden

Meister als der Stolz von Nürnberg gepriesen.

Adam Krafft dankte mit wenigen, fast abwehrenden Worten; obgleich

er ein berühmter Mann war, dessen Ruf weit über seine Vaterstadt

hinausging, war er doch von kindlich einfacher und bescheidener

Gemütsart. Um so stolzer schaute seine Magdalene drein, die ihm

zur Seite saß; gab es doch für sie kein höheres Entzücken, als

die Anerkennung, welche man ihrem Adam zollte. Die elf Jahre ihres

Ehestandes erschienen ihr beim Rückblick wie ein einziger Sommertag

voll Glück und Freude, und doch waren sie voll Mühe und Arbeit gewesen,

denn anfangs ging es in dem kleinen Häuschen oft recht dürftig her, die

Einnahmen waren eben bescheiden, die Ansprüche der Kunst oft bedeutend.

Da hieß es, sich einrichten, und Magdalene verstand es vortrefflich,

mit wenigem hauszuhalten; sie arbeitete und schaffte vom Morgen bis

zum Abend und wußte dem Gatten jede Sorge fernzuhalten, denn sie war

nicht wie andre Frauen, die mit jeder Klage zum Manne laufen und Hilfe

und Teilnahme begehren. Der Künstler fand bei ihr jederzeit ein offnes

Ohr und ein empfängliches Herz für seine Pläne, eine stolze Freude an

seinen Erfolgen, ein begütigendes Wort bei seinen Ärgernissen, und die

Zärtlichkeit und Harmonie der beiden Ehegatten war unter den Freunden

des Hauses sprichwörtlich geworden.

Neben Magdalene saß Meister Andreas Fiedler mit seiner Eva, welche

mit den Kraffts durch die innigste Freundschaft verbunden waren.

Seit Jahren hatte der alte Mann sein Haus nicht verlassen, aber

heute hatte Adam darauf bestanden, daß er auch seinen Teil an der

allgemeinen Festfreude haben sollte. Mit mehreren seiner Schüler, die

einen Handwagen zogen, war er mittags im Hundsgäßlein erschienen; die

Jünglinge hatten den Alten sorgsam hineingehoben und ihn erst nach

der Lorenz- und dann nach der Sebalduskirche gefahren, um die beiden

neuen Kunstwerke zu betrachten; dann aber hatten sie ihn, trotz seines

ängstlichen Widerspruchs, in den Garten der goldenen Rose gebracht, wo

er nun mitten unter den berühmtesten Männern von Nürnberg saß und sich

nicht satt sehen und hören konnte an allem, was um ihn her geschah.

Auch Hans Fiedler saß an einer der Tafeln, welche dem jüngeren

Nachwuchs eingeräumt worden waren; als Kraffts Schüler fiel auch

auf ihn ein Schimmer von des Meisters Ehren. Mehrere Söhne Peter

Vischers, die Gehilfen ihres großen Vaters, nebst Lehrlingen aus andern

Werkstätten, hatten sich hier mit den rosigen Töchtern verschiedener

Meister zu einem fröhlichen Kreise vereint, in dem es an Scherz und

Lachen, an heiterer und ernster Wechselrede nicht fehlte.

Hans saß neben Meister Dürers holdem Töchterlein Sabine, an deren

munterm Geplauder er ein besonderes Wohlgefallen fand; auch sah er

nicht ungern in die lachenden, blauen Augen und auf die dicken,

blonden Zöpfe, die sich unter dem üblichen Netzhäubchen kaum bergen

ließen.

Als es anfing zu dunkeln, zündeten die jungen Leute eine Menge bunter

Papierlaternen an, welche an Fäden von den Bäumen herabhingen und den

Platz mit einem geheimnisvollen Dämmerlicht übergossen; in dem ließ es

sich noch ungestörter mit der hübschen Nachbarin plaudern und scherzen.

Der köstliche Abend stimmte die jungen Gesellen poetisch, man hörte

allerlei Reimfragen und Sprüche erschallen. „Nun sage mir, Meister

Traugemut,“ rief einer über den Tisch dem andern zu, „zwei und siebzig

Lande sind dir kund: durch was ist der Rhein so tief? durch was sind

die Frauen so lieb? durch was sind die Matten so grüne? durch was sind

die Ritter so kühne? Kannst du mir darauf rechte Antwort geben, so will

ich deine Weisheit hoch erheben.“

Und der andre rief zurück: „Das hast du gefragt einen Mann, der dir’s

wohl gesagen kann. Von mancher Quelle ist der Rhein so tief, von holder

Minne sind die Frauen so lieb, von manchen Kräutern sind die Matten so

grüne, von manchen starken Wunden sind die Ritter so kühne.“

Dann hob ein dritter sein Sprüchlein an: „Wer einen Raben will baden

weiß und darauf legt seinen ganzen Fleiß, und an der Sonne Schnee

will dörren, und allen Wind in ein’ Kasten sperren, und Unglück will

tragen feil und Wasser will binden an ein Seil, und einen Kahlen will

bescher’n -- der thut auch unnütze Arbeit gern.“

Lautes Gelächter lohnte dem Sprecher, und von allen Seiten regneten

ähnliche Scherzreime, bis von der Tafel der Alten ein Zeichen

Stillschweigen gebot. „Wir wollen eine Singschule halten,“ hieß es,

und jeder war damit wohl zufrieden, denn weitaus die meisten in der

Gesellschaft gehörten zur löblichen Meistersingerzunft, und wer nicht

selbst sang, der besaß doch ein geübtes Ohr, um das Gehörte nach

feststehenden Regeln zu beurteilen. Der Meistergesang stand in Nürnberg

in höchster Blüte und wurde von jung und alt eifrig gepflegt.

Heute, unter grünen Bäumen, beim hellen Becherklang, ging es natürlich

nicht so ernst und feierlich zu, wie bei der eigentlichen Singschule,

die man entweder auf dem Rathause oder in der Kirche abhielt. Dort

durften nur geistliche Dinge den Inhalt der Gesänge bilden, und das

Gemerk, d. h. die erwählten Richter, achteten sorgfältig auf jeden

Verstoß, der gegen Inhalt und Form begangen wurde. Heute herrschte

größere Freiheit und Ungebundenheit, dennoch wurde einer der älteren

Meister zum Merker ernannt, welcher die Ordnung aufrecht zu halten und

eine gewisse Kritik zu üben hatte, und dem sich jeder der Anwesenden

ohne Widerspruch unterwarf.

[Illustration: Im Garten der goldenen Rose.]

Schon hatten mehrere der älteren Männer allerlei kunstreich

verschnörkelte Dichtungen zum besten gegeben, die mit allgemeinem

Beifall aufgenommen wurden, da erging der Ruf an die Jungen, sich

auch hören zu lassen. Ohne Zögern sprang ein junger Geselle auf, der

schon lange still und in sich gekehrt dagesessen hatte, bat um gütige

Erlaubnis und hub also an:

„Ein Weidmann fing ein Vögelein

Von kleiner Art, doch zart und fein,

Ein’ Nachtigall war es genannt.

Als er es hielt in seiner Hand

Um ihm den Todesstoß zu geben,

Da rief es: ‚schenk mir doch mein Leben!

Fürwahr, du wirst nicht satt von mir.

Drei gute Lehren geb’ ich dir,

Die bringen, wohl von dir bewahrt,

Dir Nutzen mannigfacher Art.‘

Er sprach: ‚sag’ an, was mag das sein?‘

Da sprach das kleine Vögelein:

‚Erstens: nie sollst du Glauben schenken

Dem, was unglaublich ist zu denken.

Zum zweiten: mache dir kein Leid

Um Dinge der Vergangenheit.

Zum dritten: trachte nie voll Angst

Nach dem, was du doch nie erlangst.

Die Lehren nun bewahre wohl,

So wirst du aller Weisheit voll.‘

Das hört’ der Jäger mit Vergnügen

Und ließ danach das Vöglein fliegen.

Doch als es saß im hohen Tann,

Da sprach es also zu dem Mann:

‚Gar thöricht ward dein Sinn gelenkt,

Als du die Freiheit mir geschenkt.

Denn wisse, in dem Leibe mein

Bewahr’ ich einen Edelstein.

Krankheit zerstöret er und Gift,

Ein Straußenei er übertrifft

An Größe -- den hast du verloren.‘

Der Thor! er hätte gleich geschworen,

Des Vogels Rede wäre wahr!

Vergessen hat er ganz und gar

Die Lehren, die er just empfangen.

Das Vöglein wieder zu erlangen,

Danach stand nun sein ganzer Sinn.

Das aber sprach: ‚Du Narr, fahr hin!

Schlecht paßt mein Sprüchlein in dein Haupt.

Du hast Unmögliches geglaubt:

Nicht könnt’ ich bergen solchen Stein,

Denn dazu bin ich viel zu klein.

Zum zweiten läßt dir’s keine Rast,

Daß du mich nun verloren hast.

Zum dritten trachtest du voll Angst

Nach mir, den du doch nie erlangst,

Nie wieder kreuz’ ich deinen Gang:

Du bleibst ein Thor dein Leben lang!‘“

(Ulrich Boner.)

Unter der Jugend blieb es ziemlich still, als der Sänger geendet, aber

bei den älteren Männern sah man beifälliges Nicken, und der Merker

sagte: „Ihr habt Euch in der ‚Schwarztintenweis’‘ wacker geübt, Veit

Nägelein, und könnt bei fortgesetztem Fleiß wohl einmal aus dem Schüler

ein Meister werden.“

„Wollt Ihr nicht auch singen, Hans Fiedler,“ flüsterte Sabine Dürerin

ihrem Nachbar zu, „Ihr versteht es doch viel besser, und aus Eurem

Munde klingt es viel frischer und fröhlicher.“

„Meint Ihr?“ fragte Hans zurück, indem er vor Freude über das Lob

errötete; „ich habe noch nie vor den großen Meistern gesungen, und ich

fürchte, sie werden nicht so milde urteilen, wie Ihr, Jungfer Sabine.“

Dennoch konnte er der Lockung nicht widerstehen und meldete sich zum

nächsten Gesang, den er mit heller Stimme also ertönen ließ:

„Es thront auf einsam kahler Höh’

Der königliche Aar,

Und rings auf allen Gipfeln,

In grünen Waldeswipfeln

Haust eine stolze Vogelschar.

Doch auch im niedrigen Gezweig

Ein fröhlich Völklein schwärmt.

Sie nisten selbst in Mauern

Zufrieden, sondern Trauern.

Hört nur, wie froh es singt und lärmt.

Denn droben wohnt ein reicher Herr

Im blauen Himmelssaal.

Der deckt mit vollen Händen

Hier und an allen Enden

Den Tisch den Vögeln allzumal. --

Und kannst du auch kein König sein

In güldner Krone Glanz,

Und fliegst auch nicht als Ritter

Ins Schlachtenungewitter,

Und ins Turnier zum Waffentanz:

Sei dennoch froh und wohlgemut,

Verbanne jeden Harm,

Denn sieh, vor Gott im Himmel

Ist in dem Weltgetümmel

Der größ’te auch nur klein und arm.

Auf +jeder+ Menschenseele ruht

Ein Gottesauge lind,

Er läßt die Sonne scheinen

Den Großen und den Kleinen,

Denn jedes ist sein liebes Kind.

Wohlauf! stimmt ein in meinen Spruch,

Den laut ich bringe aus:

In Lieb’ und Treu’ zusammen

Laßt stehen, die da stammen

Aus eines lieben Vaters Haus!“

Diesmal erscholl lauter Beifall an der jungen Tafel, während an

der der älteren Leute besonders die Frauen befriedigt aussahen

und Meister Andreas seinem lieben Neffen gar vergnügt zunickte.

Der Merker aber sagte ernsthaft: „In welchem Ton habt Ihr das

Lied gesungen, Hans Fiedler? Zuerst meinte ich, es sollte die

‚Hageblüt-Weise‘ sein, aber die Reime stimmten nicht dazu; dann schien

es ‚Cupidinis-Handbogen-Weise‘ zu werden, aber die Verse waren zu kurz.“

„Ich habe in meinem eignen Ton gesungen,“ versetzte Hans, kühn gemacht

durch die Zustimmung der Genossen und den verstohlnen Händedruck der

warmherzigen Nachbarin, „oder nennt es die ‚lustige Vöglein-Weise,‘

nach der stimmt es gewiß.“ Der Merker schüttelte den Kopf über die

kecke Rede und vermahnte den jungen Gesellen, sich noch eine Zeitlang

in den bewährten Weisen älterer Meister zu üben, ehe er eigne Töne zu

erfinden suche.

Der sinkende Abend mahnte endlich an den Aufbruch; noch einmal stand

Hans Rosenblüt, der geschätzte Briefmaler, auf, erhob seinen Becher

und sprach folgenden Weinsegen: „Nun gesegne Euch Gott, lieben

Freunde mein, den wir getrunken, den goldenen Wein, bis wir wieder

zusammenkommen. Sein Name der heißt Kitzelgaumen; er ist unsrer Zunge

eine süße Naschung und unsrer Kehle eine reine Waschung, er ist unserm

Herzen ein edles Zufließen und unsern Gliedern ein heilsam Begießen,

und schmeckt uns besser, als alle Bronnen, die je aus den Felsen sind

geronnen. Beschirm’ mich Gott nun vor dem Strauchen, wenn ich die

Stiege hinab muß tauchen, daß ich auf meinen Füßen bleib’ und fröhlich

heimzieh’ zu meinem Weib und alles wisse, was sie mich frag’. Nun

behüt’ Euch Gott vor Niederlag’. Amen.“ -- --

Als Hans den Meister Andreas heimgeleitet hatte und seinen Rückweg

antrat, stieß er unversehens auf einen Mann, der ihm entgegenkam;

der Mond schien ihm hell ins Gesicht, so daß er ihn erkennen konnte.

„Willkommen, tausendmal willkommen daheim, Junker Ulrich!“ rief er

freudig erregt, „Gott und Sankt Sebald seien gelobt, daß Ihr wieder da

seid! Wie ist es Euch ergangen in all den langen Jahren? o wie froh bin

ich, Euch wiederzusehn, liebster, bester Junker!“

„Empfindet wirklich einer der alten Freunde noch Freude über meine

Rückkehr?“ fragte Ulrich wehmütig. „Habe Dank für deinen herzlichen

Gruß, mein wackerer Hans; ich meinte schon, ich wäre Euch allen fremd

geworden!“

„Ihr müßt es freilich daheim sehr verändert gefunden haben,“ sagte Hans

teilnehmend, „auf der Burg ist es wohl leer geworden, seit Herr Werner

und Fräulein Irmgard fehlen. Auch Berthold ist nicht mehr da, -- aber

Jungfer Margarete ist die alte geblieben, habt Ihr sie schon gesehen?“

„Nein,“ versetzte Ulrich abwehrend, „als ich im Ebnerhause vorsprach,

war nur Frau Ursula daheim, und ich muß morgen in aller Frühe fort.“

„Wie, Junker Ulrich, Ihr wollt fort, ohne Margarete gesprochen zu

haben? Und sie hat Euer doch so treu gedacht, und unzählige Male haben

wir von Euch gesprochen!“

„Du vielleicht, mein treuer Hans; sie hat, wie ich fürchte, die

Kinderfreundschaft längst vergessen.“

„Wie Ihr nur redet, Junker!“ rief Hans entrüstet, „Margarete ist keine

von denen, die so schnell vergessen, und Ihr habt sie noch nicht

einmal auf die Probe gestellt. Ihr werdet Euch wahrlich Eurer Zweifel

schämen, wenn Ihr ihren freudigen Empfang sehen werdet!“

„Meinst du, alter Freund?“ sagte Ulrich mit schmerzlichem Lächeln, „nun

wohl, wir wollen es abwarten.“

Als Margarete an diesem Abend nach Hause kam, konnte sie ihre Thränen

kaum zurückhalten und eilte, sobald sie konnte, in ihre Kammer, um

ungestört zu weinen. Sie fühlte, daß sie den Freund, der ihr so warm

entgegengekommen war, tief verletzt habe; sie sehnte sich, ihm all ihr

Mitgefühl auszusprechen und das seine zu empfangen -- und hatte doch

die Empfindung, als würde das nie geschehen, als hätte sie den Freund

ihrer Kindheit für immer verloren!

[Illustration]

Vierzehntes Kapitel.

Zwei Heimgekehrte.

Kehret der Wandrer zurück, der lang’ in der Ferne verweilte,

Fremd schaut alles ihn an, fremde erscheinet er selbst.

Mehrere Jahre waren vergangen, seit Junker Veit von Rotenhahn die Burg

Hohenheiligen verlassen hatte; ungefährdet waren seitdem die Warenzüge

auf jener Straße gefahren, und man hatte den gefürchteten Wegelagerer

fast vergessen, oder man erinnerte sich seiner nur mit einem Gefühl der

Genugthuung darüber, daß man des adligen Räubers Herr geworden war.

Da geschah es eines Tages, daß einige Knechte schreiend und jammernd

am Stadtthor erschienen, mit der Nachricht, sie wären plötzlich von

einer Schar vermummter Reiter überfallen worden, als sie nichts ahnend

durch den Reichswald zogen; man hätte die Mehrzahl der Begleiter

gefesselt und nebst den Wagen unter lautem Hallo fortgeführt. Eine

große Aufregung bemächtigte sich der Stadt; sollte Junker Veit die

Frechheit besessen haben, zurückzukehren und sein räuberisches Handwerk

von neuem aufzunehmen? -- Die Überfälle mehrten sich, und jede Woche

brachte neue Klagen; doch war die Sache diesmal viel besser geordnet,

als früher; die Ritter vom Stegreif waren zahlreicher und besser

bewaffnet, sie lauerten bald hier, bald da den Zügen auf und hatten

verschiedene Schlupfwinkel, in denen sie mit ihrem Raube verschwanden.

Die Erkundigungen, welche Herr Wilibald Ebner von seinem Vogt im Dorf

Hohenheiligen einzog, führten zu der Erkenntnis, daß man es nicht

allein mit dem von Rotenhahn, sondern mit einer ganzen Räuberbande zu

thun habe, welche auf einer Anzahl fester Burgen in der Umgegend hause

und sich zu Schutz und Trutz verbündet habe. Man bemerkte, daß jeder

der Raubritter an der Satteldecke das Zeichen eines weißen Wolfes

trage, und daß sie stets mit demselben Ruf auf ihre Beute einzudringen

pflegten. „Die Wölfe kommen!“ das wurde bald der Schreckensschrei,

mit welchem die reisenden Kaufleute ihre Bedeckung zur äußersten

Wachsamkeit und zum mannhaften Widerstande aufriefen; dennoch blieben

die Wölfe nur zu oft die Sieger im Streit. --

Ebenso groß wie in Nürnberg war der Schrecken auf Maltheim gewesen,

als dort eines Tages Frau Walburg erschien und ihr väterliches Erbe

in Anspruch nahm. Frau Kunigunde, die ganz allein war, wußte nicht,

wie sie sich der Stieftochter erwehren sollte, deren Anmaßung durch

keine Autorität mehr in Schranken gehalten wurde. Man solle ihr Dorf

und Flur Hohenheiligen als Erbteil übergeben, so lautete ihr Begehr,

Maltheim möge Ulrich behalten. Die Antwort, daß Hohenheiligen längst

verkauft sei, versetzte sie in die bitterste Entrüstung, und mit rauhen

Worten verlangte sie eine Summe, welche diesem Besitz entspräche,

widrigenfalls sie sich an das kaiserliche Landgericht wenden werde, um

ihr gutes Recht zu erlangen. Sie habe schlagende Beweise in Händen, daß

Irmgard nicht des Ritters Kind gewesen sei, also auch keinen Anspruch

an seine Hinterlassenschaft habe, und sie riete Frau Kunigunden, das

alte Märchen nicht noch einmal vorzubringen.

Was sollte die Edelfrau thun? das bare Geld war immer ein knapper

Artikel auf Maltheim gewesen, seit Herr Werner seine Tasche nicht mehr

auf Kriegszügen durch Beute und Lösegeld gefüllt hatte; das Kaufgeld

von Hohenheiligen hatte nur hingereicht, um Ulrichs Studienjahre zu

sichern und Irmgards Brautschatz beim Eintritt in das Kloster zu

erlegen. Schon lange lebte Frau Kunigunde aufs sparsamste, und ihr

ganzes Streben war darauf gerichtet, Maltheim von den Schulden zu

befreien, die darauf lasteten, um ihrem Sohne sein väterliches Erbe

ohne Pfandlehen zu übergeben. An Walburg hatte sie nicht mehr gedacht;

sie hoffte, Junker Veit und seine Familie würden nie wieder in die

Heimat zurückkehren. Nur mit Mühe und durch mancherlei Opfer ließ sich

die Stieftochter bewegen, sich bis zu Ulrichs Rückkehr zu gedulden.

Es war ein schmerzliches Wiedersehen zwischen Mutter und Sohn: der

Vater tot, die Schwester im Kloster, der alte Besitz gefährdet, überall

Unsicherheit und Streit. Ulrich war inzwischen zum Manne gereift; er

hatte Philosophie und altes Recht studiert und sich auf der Universität

Ehren erworben, die sonst erst älteren Gelehrten zufielen, aber sein

Sinn war auf das Ideale gerichtet geblieben und unter den Verhältnissen

des gewöhnlichen Lebens wußte er nicht Bescheid. Er hatte sich daher

bald nach seiner Rückkehr nach Nürnberg begeben, um sich Rats zu

erholen und die alten Freunde zu begrüßen; beides war nicht nach

seinen Wünschen ausgefallen. Die Rechtskundigen hatten sich Bedenkzeit

ausgebeten, ehe sie sich in dieser Sache entscheiden könnten, und das

Wiedersehen, auf das er sich am meisten gefreut, hatte ihm eine bittre

Täuschung gebracht.

Eine Woche nach dem Sebaldusfeste machte er sich wieder auf den Weg

nach der Stadt, um das Urteil sachverständiger Männer über die Teilung

des väterlichen Erbes zu hören. Der ganze Zank um das Mein und Dein

war seinem feinfühligen Sinn unendlich lästig; er hätte am liebsten

Maltheim verkauft, den Erlös mit Walburg geteilt und wäre mit seiner

Mutter fortgezogen in ein anderes Land, um ein neues Leben der Arbeit

und des geistigen Strebens zu beginnen. Was fesselte ihn denn noch

an die Heimat? überall stieß er auf wehmutsvolle Erinnerungen, auf

traurige Veränderungen; die Enthüllungen über Irmgards Herkunft

entrissen seinem Herzen die geliebte Schwester, -- es schien ihm, als

lägen die vier Jahre seiner Abwesenheit wie eine unüberbrückbare Kluft

zwischen dem Einst und dem Jetzt.

In der Stadt angekommen, fand er es noch zu früh, um zu dem berühmten

Rechtsgelehrten, Herrn Pirkheimer, zu gehen, und er beschloß daher,

erst bei Meister Andreas Fiedler vorzusprechen, dem er von seiner

Knabenzeit her ein herzliches Andenken bewahrte. Manchmal hatte er

mit Berthold und Margarete zu den Füßen des alten Mannes gesessen und

seinen guten, frommen Worten gelauscht, die zwar mitunter ganz anders

klangen, als die seines Lehrers, aber dennoch einen tiefen Eindruck auf

sein Gemüt machten. Frau Eva begrüßte ihn mit herzlicher Freude und

führte ihn in das Vorderzimmer, wo immer noch, wie vor Jahren, der Alte

auf seinem Lehnstuhl am Fenster saß, zeichnend und schneidend. Vor ihm

stand eine schlanke, jugendliche Frauengestalt, die dem Eintretenden

den Rücken zukehrte. Bei dem freudigen Ausruf des Meisters wendete

dieselbe sich schnell um -- Margarete Ebnerin stand Ulrich gegenüber.

Eine glühende Röte stieg in ihre Wangen, als sie ihn wiedersah; ihr

erstes Gefühl trieb sie, auf ihn zuzueilen und ihm beide Hände zum Gruß

zu reichen, aber bei einem Blick in sein ernstes Gesicht, auf seine

förmliche Verneigung sanken ihre Arme schlaff herab, und sie wendete

sich traurig ab.

Ulrich trat zu dem Alten und begrüßte ihn mit Herzlichkeit; er zog

einen Schemel heran und begann lebhaft zu fragen und zu erzählen, ohne

auf das Mädchen zu achten. Sie wollte aufstehen und fortgehen, aber sie

konnte sich nicht rühren; wie gebannt blieb sie sitzen und betrachtete

verstohlen die wohlbekannten Züge des schönen Gesichts, das durch die

zunehmende Männlichkeit und das weiche Bärtchen auf der Oberlippe

nichts von seinen edlen Linien verloren hatte. Aufmerksam lauschte sie

dabei auf jedes seiner Worte.

„Ja, ich bin auch in Rom gewesen,“ erwiderte Ulrich jetzt auf eine

Frage des Meisters, „und herrliche Wunder der Kunst haben sich dort

meinem staunenden Blick gezeigt. Welche Kirchen! alles strahlt von

Glanz und Farben, von allen Wänden grüßen uns die herrlichsten Gemälde,

unser Ohr schwelgt in Wohllaut, die Pracht der Gottesdienste nimmt

alle Sinne gefangen. Und doch hatte ich zuweilen das Gefühl, als ob in

unserm ärmeren und kälteren Deutschland mehr Tiefe und Innigkeit des

Glaubens zu finden sei, als in jenem gesegneten Lande voll Glut und

Schönheit, wo alles nach außen drängt; als ob an den reichbesetzten

Tafeln, wo man dem Auge und dem Ohr die auserlesensten Leckerbissen

auftischt, das deutsche Gemüt hungrig und durstig bliebe.“

„Ähnliches habe auch ich empfunden, als ich das Welschland

durchwanderte,“ sagte Meister Andreas nachdenklich. „So überreiche

Nahrung auch den Sinnen zuteil wird -- in meinem Innersten fing ich an

zu darben, und erst, als ich in eine deutsche Kirche trat, ward mir

wieder heimisch und wohl zu Mut. Aber auch bei uns liegt vieles im

argen, manche Dinge fordern dringend eine Erneuerung, und die Besten

schauen sehnsüchtig nach dem aus, der unsre teure Kirche von allen

Schlacken reinigen soll. Und der Schwan wird kommen -- sicherlich!

doch die hundert Jahre sind noch nicht um, und ich werde es nicht mehr

erleben, daß die Weissagung sich erfüllt.“

„Wie meint Ihr das, Vater?“ fragte Ulrich.

„Es sind nun bald siebzig Jahre her,“ erzählte der Alte, „und ich

war noch ein Knabe, als ich meine Eltern nach Kostnitz begleitete,

wo Kaiser Sigismund ein großes Konzil zusammenberufen hatte, um über

Abstellung vieler Schäden in der Kirche zu beraten. So jung ich war,

so hat sich jene Zeit meinem Gedächtnis doch unvergeßlich eingeprägt,

und über vieles, was damals unverstanden an mein Kinderohr schlug,

ist mir später das Verständnis aufgegangen. Wenn wir auf der Straße

gingen, wies man uns fortwährend kirchliche und weltliche Würdenträger,

denn alles, was Europa an geistlichen und gelehrten Größen, an hohen

Staatsmännern besaß, war dort zusammengeströmt. Einen Mann aber gab es

unter den fremden Gästen, der aller Augen auf sich zog, ob ihn gleich

weder die Tiara, noch der Fürstenmantel schmückte, und er in keinem

Palast wohnte. Das war Johann Huß, der furchtlose Böhme, dessen Name

seitdem freilich durch falsche Anhänger einen blutigen Ruhm erworben

hat, der aber damals nur eine reinere Lehre auf Grund des ewigen

Gotteswortes predigte und unter kaiserlichem Geleit nach Kostnitz

gekommen war, um seinen Glauben zu verteidigen. Seine schlichte Güte,

seine überzeugende Wahrhaftigkeit gewannen ihm die Herzen; wenn er

sein Haus verließ, grüßten ihn die Bürger freundlich, und wir Kinder

hingen uns an seine Hände und lauschten seiner milden Rede. Mein Vater

schloß sich mit Hingebung an Huß an, ließ sich mit seinen Freunden von

ihm belehren und pries ihn als einen wahren Christen. Eines Tages aber

ging ein Schreckensschrei durch unsere Reihen; man hatte Vater Huß der

Ketzerei angeklagt und eingekerkert, -- nicht lange danach ward er zum

Feuertode verurteilt. Ehe er seine reine Seele aushauchte, rief er

laut aus: ‚Heute braten sie eine Gans, aber über hundert Jahre wird

ein Schwan kommen, den werden sie nicht verbrennen! Das Wort blieb der

Trost der Unsrigen, darauf hoffen und warten wir geduldig, bis es Gott

gefällt, die Zeit zu erfüllen.‘“

Mit gespannter Teilnahme hatte Ulrich zugehört. „Vielleicht, mein

Vater, ist der Schwan der Prophezeiung schon erschienen!“ rief er

mit leuchtenden Augen. „In Florenz hörte ich einen Dominikaner-Mönch

-- etwas Ähnliches habe ich nie vernommen, denn er predigte gewaltig

und nicht wie die andern. In tief einschneidenden Worten wies er

auf die Gebrechen der Kirche hin und forderte jeden Einzelnen auf,

Hand anzulegen, daß sie gebessert würden. Das könne nur durch wahre

Herzensbuße und eifriges, einmütiges Gebet geschehen, damit, wie einst

in der Urzeit der Kirche, Fluten des Geistes herniederströmten und

ein neues Leben schüfen. So erschütternd war Savanarolas Rede, daß

keiner in der großen Versammlung ungerührt blieb; Frauen sanken laut

schluchzend auf die Kniee, Männer schlugen an ihre Brust und gelobten

Reue und Besserung -- -- es war, als sei wieder ein Pfingstmorgen

angebrochen, wie damals, als sich dreitausend an einem Tage taufen

ließen. Könnte das nicht der Retter sein, dessen Ihr harrt?“

„Gott gebe, daß Ihr recht hättet, teurer Herr!“ sagte der alte Meister

inbrünstig. „Und doch hatte ich immer gedacht, der Befreier sollte

ein Deutscher sein und zuerst unser liebes deutsches Volk zum reinen

Glauben erwecken! Aber wie Gott will -- Er weiß am besten, was seiner

Kirche notthut.“

Hingerissen hatte Margarete diesen Reden gelauscht; in diesem

Augenblick hatte sie alles vergessen, was sich feindselig zwischen sie

und den Jugendfreund gedrängt hatte. „So habt Ihr also doch gefunden,

wonach Eure Seele verlangte, Ulrich?“ fragte sie mit der alten Wärme

und Teilnahme; „ich fürchtete schon bei Eurer Schilderung von Rom, daß

Euch Italien das nicht gehalten hätte, was es Euch versprach.“

Er wendete sich lebhaft zu ihr hin: „Ich habe dort viel gelernt

und erfahren, aber ich habe auch eingesehen, daß Ihr recht hattet,

Margarete, als Ihr mich vor dem Fluge des Ikarus warntet. Wie oft habe

ich mit geknickten Flügeln am Boden gelegen, wenn mir im Widerstreit

der Meinungen die reine Wahrheit zu entfliehen schien und ich schier

verzweifelte, sie jemals zu erfassen! Dann habe ich an Euch gedacht,

liebe Margarete; Ihr schient mir tröstend zuzuwinken und mich zu neuem

Suchen zu ermutigen, und wenn ich im Streben und Forschen nicht müde

wurde, so habe ich’s Euch zu danken.“

Sie sah ihn beglückt an und senkte dann das errötende Antlitz, wie eine

Blume vor dem heißen Sonnenstrahl. „So habt Ihr wirklich meiner gedacht

in all den langen Jahren Eurer Abwesenheit?“ flüsterte sie.

„Täglich, Margarete, und bei jeder neuen Erkenntnis, zu der ich

hindurchdrang, freute ich mich auf die Zeit, da ich sie Euch würde

mitteilen dürfen. Aber habt Ihr die alte Freundschaft auch so treu

bewahrt?“

„Gewiß!“ sagte sie fest und sah ihn treuherzig an; „was hätte mir auch

das Andenken an die glückliche Kindheit rauben sollen? Bin ich doch

viel ärmer geworden, seit Ihr uns verließt, Ulrich, da ich Berthold und

Irmgard hingeben mußte.“

Das Eis war plötzlich durchbrochen, unaufhaltsam strömte die Flut

dessen, was beider Herzen bewegte, herüber und hinüber. Lächelnd sah

Meister Andreas sich gänzlich bei Seite geschoben, aber er war darüber

nicht erzürnt, sondern beschäftigte sich eifrig mit seinem Holzstock,

um den Erguß nicht zu stören. Erst, als draußen die Turmuhr die vierte

Nachmittagsstunde verkündigte, sprang Ulrich auf. „Verzeiht, wenn ich

Euch verlassen muß,“ sagte er hastig; „ich vergaß meine dringenden

Geschäfte. Darf ich abends bei Euch einsprechen, liebe Margarete?“

„Ihr werdet uns allen herzlich willkommen sein, und ich hoffe Ihr seid

zu Nacht unser Gast, wie in alter Zeit. Die Mutter wird sich freuen,

Euch zu sehen.“

„Auf Wiedersehen!“ sagte er warm und drückte ihre Hände, die sie jetzt

nicht mehr zurückzog. Im innersten Herzen froh und glücklich ging

Margarete nach Hause.

Seit langer Zeit hatte man im Ebnerschen Familienkreise keinen so

angenehmen Abend verlebt; es war fast, als sei ein lieber Sohn ins

Elternhaus zurückgekehrt, so teilnehmend fragte jeder nach Ulrichs

Erlebnissen, so bestrebt waren alle, ihm von dem zu berichten, was sich

inzwischen zugetragen. Selbst der Hausherr betrachtete den ehemaligen

Freund seines Sohnes mit wohlwollendem Blick und hörte seinen

Erzählungen mit offenbarem Anteil zu. Nur an Bertholds und Irmgards

Schicksal wagte keiner zu rühren, es waren zu wunde Punkte für beide

Teile, um sie anders, als unter vier Augen zu besprechen. Dagegen kam

die Rede auf die Rotenhahns, und Ulrich sprach seinen tiefen Unwillen

dagegen aus, in nahen, verwandtschaftlichen Beziehungen zu einem Manne

zu stehen, welcher seine ritterliche Ehre so gering achte und seinen

adligen Namen so unheilbar beflecke.

Über Herrn Wilibalds Gesicht flog ein spöttischer Ausdruck. „Mit

dieser Ansicht dürftet Ihr unter Euren adligen Genossen sehr allein

stehen, Herr von Maltheim; die wenigsten werden an so ritterlichem

Gewerbe Anstoß nehmen; nur die ehrliche Arbeit ist in den Augen dieser

hochgebornen Herren eine Schmach.“

„Ich kann Euren harten Worten nicht widersprechen, Herr Ratsherr,“

versetzte Ulrich trübe, „unsre Moral ist arg herabgekommen, doch giebt

es auch noch Andersdenkende unter uns, und ich vertraue darauf, daß

auch für unsern Stand einmal die Erneuerung kommen wird, die so vielem

in der Welt dringend notthut.“

„Doch würde ich Euch raten, Euch damit zu beeilen,“ meinte Lorenz

Tucher mit seinem überlegenen Lächeln, „sonst möchten Euch die Städter

vollends überflügeln. Nach meiner Meinung gehört die Zukunft nicht dem

Ritter, sondern dem Bürger.“

Hier suchten die Frauen dem Gespräch mit klugen Worten eine andre

Wendung zu geben, denn so weitherzig und vorurteilsfrei Ulrich sich

auch zeigte, so mußten solche Reden ihn doch verletzen. --

Mit dunkel umwölkter Stirn kam wenige Tage später Herr Wilibald aus der

Ratssitzung nach Hause. „Die Wölfe werden immer unverschämter,“ sagte

er zu seiner Gattin, „sie schwärmen schon in Rudeln bis dicht an die

Thore der Stadt. Es wird Zeit, sie in ihren Höhlen aufzusuchen und ihre

Nester auszuräuchern -- -- wir haben heute den Beschluß gefaßt, dem

Bunde die Fehde anzusagen.“

Frau Ursula erschrak. Fehde! das Wort hatte einen bittern Klang. Es

bedeutete Mord, Brand und Plünderung, bedeutete das Elend vieler

kleinen Leute in den offnen Ortschaften, große Verluste für die

Städter, vielleicht eine Zeit der Einschließung. Mutter und Töchter

saßen in der Dämmerstunde bei einander und sprachen über diese

traurigen Aussichten, als eine Magd meldete, daß eine fremde Frau

Jungfer Margarete zu sprechen begehre. Die Gerufene verließ das Zimmer

und erkannte mit Erstaunen Frau Eva Fiedlerin, die noch nie zuvor das

Haus betreten hatte. „Was führt Euch her, Mutter Eva?“ rief das Mädchen

ihr freundlich entgegen, „kann ich Euch in irgend einer Sache helfen?“

„Stille, stille,“ sagte die Alte geheimnisvoll, „nicht hier, bringt

mich an einen Ort, wo niemand uns sieht und hört.“

Erstaunt blickte Margarete in das erregte Gesicht der Sprecherin, doch

willfahrte sie dem Wunsche und führte sie in ihre eigne Kammer. Frau

Eva schloß vorsichtig die Thür, drängte das Mädchen in einen Winkel und

flüsterte: „Ich bringe Euch einen Gruß von Eurem Bruder.“

„Von Berthold?“ fragte Margarete betroffen, „wo habt Ihr ihn gesehen?“

Die Alte zog ihr Ohr ganz nahe zu sich herab und hauchte hinein: „Er

ist in unserm Hause.“

„Jesus Maria!“ stammelte Margarete, „wie kommt er dahin? er ist doch

nicht ....“

„Er ist aus dem Kloster entflohen.“

Das Mädchen sank, wie vom Blitz getroffen, auf den Rand ihrer

Bettstelle nieder und bedeckte ihr Antlitz mit beiden Händen.

Barmherziger Himmel! welch eine entsetzliche Nachricht! was würden

ihre Eltern dazu sagen -- ihr Vater, dem ein gegebenes Wort als

unantastbares Heiligtum galt, ihre Mutter, die sich unter tausend

Schmerzen den Sohn vom Herzen gerissen hatte, um seine Seele zu retten!

Und nun war er wortbrüchig geworden an seinen heiligsten Gelübden, nun

irrte er umher als ein gehetzter Flüchtling, von dem sich jeder gute

Christ mit Verachtung abwenden mußte! O dies war schrecklicher, als

alles andre, denn hiefür gab es keinen Trost und keine Ergebung. Der

Schwester war zu Mut, als könnte sie nie wieder ihr Haupt erheben, nie

wieder um sich blicken, ohne über des Bruders Thun schamrot zu werden!

„Er klopfte gestern in später Abendstunde an unsre Thür,“ begann Eva

wieder, nachdem sie der andern Zeit gelassen, den ersten, tödlichen

Schrecken zu überwinden; „ich erkannte ihn zuerst gar nicht, so elend

und hager, so vergrämt sieht er aus. Er schwankte noch, ob er sich

einem der Seinigen entdecken sollte, aber er ist ganz ohne Mittel, und

wir sind nicht reich genug, um ihm allein zu helfen. Wollt Ihr ihn

sehen, Jungfer Margarete, oder soll er ohne Euren Beistand sein Heil in

der Welt versuchen?“

Lange blieb das Mädchen regungslos in der vorigen Stellung sitzen;

endlich erhob sie sich mit festem Entschluß, wenn auch mit

totenbleichen Wangen. „Ich will ihn sprechen,“ sagte sie, „er selbst

soll mir sagen, warum er uns das gethan hat.“

Sie warf einen dunklen Mantel um und verließ mit zitternden Schritten

das Haus; auf der Schwelle des Fiedlerhäuschens blieb sie noch einmal

zaudernd stehen, dann raffte sie ihren Mut zusammen und trat ein.

Meister Andreas saß allein in seinem Stuhl; er streckte ihr die

Hände entgegen und sagte, als er ihr finstres Gesicht, mit den fest

zusammengepreßten Lippen sah, im Tone der Bitte: „Scheltet ihn nicht,

Margarete, er hat Unsägliches erduldet und könnte Euren Zorn nicht

ertragen.“

„Wo ist er?“ fragte sie mit heiserem Ton.

„Oben in der Dachkammer -- es darf niemand ahnen, daß wir einen Gast

beherbergen. Eva, schließ die Thür zu und drücke die Fensterläden

fester, damit kein Lichtstrahl und kein Schatten auf die Straße falle.“

Diese Vorsichtsmaßregeln erweckten ein Gefühl tiefer Demütigung in

Margaretens Seele -- der flüchtige Verbrecher, den sie schützen

sollten, war ihr eigner Bruder! „Darf ich zu ihm gehen?“ fragte sie

tonlos.

„Die Stiege ist kaum für Eure Füße gemacht, und oben ist kein

Aufenthalt für Euch, werte Jungfer; laßt Berthold herabkommen, in der

Küche seid Ihr völlig ungestört.“

[Illustration: Armer, armer Berthold!]

Sie wartete in bebender Spannung auf sein Erscheinen; jetzt kamen

leise, vorsichtige Schritte die Treppe herab, die Thür ging auf,

und auf der Schwelle stand in scheuer Haltung eine Gestalt in

zerlumpter Bauerntracht, abgemagert, mit bleichem Antlitz und

unsäglich kummervollem Ausdruck. War das wirklich ihr Bruder, ihr

lebensfrischer, jugendschöner Berthold? Nichts erinnerte mehr an ihn,

als die dunklen Augen, die sich bei ihrem Anblick, ihrer Zurückhaltung,

langsam mit großen Thränen füllten.

Ja, er war es doch! das Gefühl, den Gefährten ihrer glücklichen

Kindheit so elend und unglücklich vor sich zu sehen, übermannte

sie; sie breitete ihre Arme aus und rief schluchzend: „Armer, armer

Berthold! so muß ich dich wiederfinden?“

Er eilte auf sie zu, drückte sie einen Augenblick an sich und ließ sie

dann auf einen Schemel niedersitzen, während er zwei Schritte davon

stehen blieb.

„O, warum bin ich nicht damals an der Pest gestorben!“ sagte er mit

dumpfer, klangloser Stimme; „ich wäre unschuldig und ahnungslos

dahingegangen, meine Mutter hätte sich längst getröstet und mir eine

ungetrübte Erinnerung bewahrt, und ich hätte nicht Schmach und Schande

über die Meinen gebracht. Warum muß ich so vor dir stehen, als das

unwürdigste Geschöpf, das auf Erden wandelt -- ein entlaufener Mönch?!“

„Armer, armer Berthold!“ wiederholte sie mit überströmenden Augen,

„willst du mir alles sagen, was dir widerfahren ist? ich möchte dich

und dein Thun gern begreifen lernen. Aber fasse dich kurz, denn bald

muß ich fort, um keinen Argwohn zu erregen.“

„O meine Schwester,“ versetzte er, indem er die abgezehrten Hände

krampfhaft ineinander preßte, „wie soll ich dir die Qual dieser drei

Jahre beschreiben? mich dünkt, es gehörten ebensoviel Wochen dazu, um

dir meinen Jammer klar zu machen. Zuerst war es ein ewiges Einerlei,

eine eintönige Abwickelung von Gebeten und Übungen, wobei das Herz kalt

und tot, der Geist öde und leer blieb. Für jede kleinste Übertretung

der Disciplin gab es harte Strafen und schwere Bußen, aber der innere

Sinn ward dadurch nicht verändert. Ich konnte die Heiligkeit dieses

Lebens nicht verstehen, es erschien mir völlig zwecklos, und als ich

mich weigerte, das Novizenkleid mit der Mönchskutte zu vertauschen,

als keine Drohung, keine Geißelung mich bewegen konnte, das bindende

Gelübde abzulegen, -- da warfen sie mich in einen unterirdischen Kerker

ohne Licht und Luft und ließen mich schier verschmachten. Zuweilen kam

einer von den frommen Brüdern zu mir und redete mir mit guten und bösen

Worten zu, meinen Trotz fahren zu lassen; aber wenn ich sie fragte,

worin denn die Gottgefälligkeit des Klosterlebens bestehe, warum man

Gott nicht auch in der Welt dienen könne, da doch unser Heiland und

seine Apostel in der Welt gelebt hätten, -- da schalten sie heftig

auf mich ein und nannten mich einen verstockten Sünder, der zur Hölle

fahren müsse. Da befahl ich meine arme Seele Gott und bat ihn, wenn

jene recht hätten, mich an dieser Stelle sterben zu lassen, hätten sie

aber unrecht, so wolle er selbst mich befreien. Und siehe da, Gott

hörte die Bitte des Elenden und ließ mir meine Flucht gelingen.“

„Mein Bruder,“ fragte Margarete schmerzlich, „war es wirklich Gott, der

dir half?“

„Ja, gewiß und wahrhaftig; war Er doch der einzige Freund in meiner

Not, zu dem ich rief bei Tag und Nacht. Einmal, als ich in bitterer

Verzweiflung an den Eisenstäben rüttelte, die das kleine Fenster

meines Kerkers verwahrten, fühlte ich, daß die Mauersteine nachgaben.

Das war ein Hoffnungsstrahl, und mit eiserner Ausdauer machte ich

mich daran, das morsche Gemäuer zu lockern. Ich weiß nicht, wie lange

es dauerte, denn ich konnte Tage und Nächte nicht zählen, und oft

sank ich bewußtlos nieder vor Hunger und Erschöpfung. Aber endlich

wich die Eisenstange unter meinen Händen, mit Mühe zwängte ich

meine abgemagerten Glieder durch die enge Öffnung und fand mich im

Klostergarten. Durch eine wunderbare Fügung stand das Mauerpförtchen

offen; ungesehen kam ich ins freie Feld, und mit Aufbietung meiner

letzten Kräfte rannte ich vorwärts, bis ich in einem Heuschober

zusammenstürzte. Dort fand mich am nächsten Tage ein mitleidiger Bauer,

der mir zu essen gab und mir diese dürftige Kleidung schenkte. Dann

bettelte ich mich weiter und stieß, kurz vor der Stadt, auf einen

Händler, der Vieh zum Markte trieb; ich bot mich ihm zur Hilfe an

und kam unaufgehalten durch das Thor. So kehrte der einzige Sohn des

reichen, hochgeachteten Ratsherrn in seine Vaterstadt zurück -- ein

zerlumpter Bettler unter einer Herde grunzender Schweine!“

Margarete war zu tief ergriffen, um zu sprechen; „armer, armer Bruder!“

stöhnte sie nur unter ihren Thränen hervor und versank dann in tiefes,

schmerzliches Sinnen. Endlich raffte sie sich auf. „Die Zeit drängt,

Berthold; sage mir, was du weiter zu thun denkst.“

„Ich habe nur einen Wunsch für mein gescheitertes Leben, den: mich nach

dem Norden durchzuschlagen und bei dem Deutschen Orden Aufnahme zu

suchen. Auch dort gelten die drei Gelübde der Armut, der Keuschheit und

des Gehorsams, denen ich, meiner Mutter zu liebe, nicht untreu werden

möchte, aber dort bin ich freier, und wenn Gott mein heißes Gebet

erhört, so läßt er mich einen ehrlichen Tod für eine gute Sache finden.“

Ein heftiges Pochen an der Hausthür schreckte die Geschwister auf;

„rette dich, Berthold!“ rief Margarete, bleich vor Angst, und mit einem

Sprunge war er aus der Thür, die Treppe hinaufgehuscht und auf dem

finstern Bodenraum verschwunden. Frau Eva fragte von innen, wer da sei.

„Ich bin es, Justus,“ war die Antwort, „ist Jungfer Margarete hier? die

gestrenge Frau ist in großer Sorge um sie.“ Gewaltsam bezwang sich das

Mädchen so weit, um dem Eintretenden mit unbekümmert klingendem Ton

entgegenzurufen: „Habe ich mich so verspätet, Just? ich komme gleich“;

dann nahm sie mit scheinbar heiteren Worten Abschied von dem alten Paar

und trat langsam den Heimweg an.

„Verzeiht, liebe Mutter,“ begann sie, als sie Frau Ursula und Elsbeth

allein fand; „ich konnte Frau Evas Bitte nicht widerstehen; die

alten Leutchen haben große Sorge um einen Verwandten, der ihre Hilfe

begehrt. Er scheint ein leichtsinniger Bursche, aber von guten Gaben zu

sein, und wir berieten hin und her, was sich für ihn thun ließe. Das

Dringendste wäre, ihn in eine anständige Kleidung zu stecken, denn er

ist arg herabgekommen, aber die Mittel der Fiedlers sind beschränkt,

und sie möchten ihm ihr Erspartes lieber als Zehrpfennig auf die Reise

geben.“

Margarete erschrak selbst über die Sicherheit, mit der sie der

geliebten Mutter diese Fabel vortrug, doch sah sie zu ihrer Beruhigung,

daß jene völlig ahnungslos und mit warmer Teilnahme darauf einging.

Oben in der Kammer hingen noch Kleider von Berthold, die wollte sie zu

Meister Andreas schicken; hier fräßen sie doch nur die Motten, und dort

könnten sie noch einem Unglücklichen helfen.

In der Stille einer langen, schlaflosen Nacht überlegte Margarete, was

sie für den Bruder thun könne, und wie ein Blitzstrahl durchzuckte

sie plötzlich der Gedanke an Ulrich. Er war der einzige, dem sie sich

vertrauen wollte, er würde einen Weg wissen, auf dem Berthold nach dem

Norden gelangen könnte. Sobald es, ohne Aufmerksamkeit zu erregen,

geschehen konnte, eilte sie am nächsten Morgen in das Hundsgäßlein,

sendete von dort eine Botschaft nach Maltheim und übergab Berthold

das Päckchen mit seinen eignen Kleidern. Er bewegte sich freier und

natürlicher in der von früherher gewohnten Tracht und war auch für

sie mehr der Alte; sie konnte vertraulicher mit ihm reden und ihn

ansehen, ohne über die furchtbaren Veränderungen der letzten Jahre zu

erschrecken.

Am folgenden Tage kam Ulrich, den das Schicksal seines Freundes mit

brennender Teilnahme erfüllte, und der zu jeder Hilfe bereit war. Er

riet, Berthold möge so schnell als möglich die Stadt verlassen; er

selbst wolle ihn unter seinen Knappen nach Maltheim mitnehmen; dort

könne er in leidlicher Sicherheit verweilen, bis alles zu seiner

Reise vorbereitet sei. Einer derer von Maltheim war Komtur auf einer

preußischen Ordens-Ballei; dorthin müsse Berthold sich wenden und ein

Unterkommen suchen; an Empfehlungen solle es ihm nicht fehlen.

Berthold hatte dem allen zugehört, ohne etwas einzuwenden, nur einmal

erhob er seine Stimme und fragte mit schmerzlichem Beben: „Nach

Maltheim? muß es sein? muß ich so vor Irmgard erscheinen?“

„Du wirst sie nicht mehr auf der Burg finden,“ war die Antwort, die in

trübem Ton gegeben wurde.

„Wie, ist sie verheiratet, oder -- -- barmherziger Himmel -- ist sie

tot?“

„Nein, sie ist ins Kloster gegangen.“

Berthold fuhr mit der Hand nach der Stirn. „Ins Kloster? träume ich?

der weiße Edelfalke trauert auch zwischen den mitleidlosen Mauern? wer

war so grausam, ihn dort einzusperren?“

Die Erzählung ihres Geschickes bewegte ihn tief, „wenn sie dort

ausharren kann, hätte ich es auch wohl vermocht!“ murmelte er, „aber

sie war immer stärker, mutiger, größer, als ich! Arme, weiße Rose, wie

welk magst du jetzt dein liebes Köpfchen hängen lassen!“ Er war nun mit

allem, was Ulrich vorschlug, dankbar einverstanden, und so schien die

schwierige Angelegenheit sich in hoffnungsvoller Weise zu ordnen. Unter

Schmerzen und Thränen nahm Margarete von dem Bruder Abschied und befahl

ihn dem Schutze des Himmels und der Fürsorge des treuen Freundes, der

gerade zu rechter Zeit heimgekehrt war, um ihr in den bängsten Stunden

ihres Lebens beizustehen.

Noch eine Zeit namenloser Aufregung galt es durchzumachen, als die

Nachricht von Bertholds Flucht aus dem Kloster Herrn Wilibald Ebner

erreichte. Die Kunde warf Frau Ursula aufs Krankenbett und beugte die

stolze Haltung des Ratsherrn für viele Tage. Dann zeigte er seinem

ganzen Hause an, daß sein Sohn für ihn tot sei und niemand seinen

Namen nennen dürfe, und ging wieder aufrechten Hauptes in sein Kontor.

Margarete that, was sie konnte, um ihre Mutter zu trösten; daß sie um

Bertholds Entweichen wisse, durfte sie ihr freilich nicht verraten,

aber sie suchte dasselbe im mildesten Lichte darzustellen. Doch

wenn Frau Ursula in einem Augenblick eine gewisse Erleichterung

in dem Gedanken fand, daß ihr geliebter Sohn nicht mehr unter

einem unerträglichen Druck leide, so überfiel sie im nächsten die

Todesangst um seine gefährdete Seele und die bittere Sorge um sein

augenblickliches Ergehen. Es war für Margarete eine schwere Aufgabe,

ihre Fassung gegenüber diesem Jammer der geliebten Mutter zu bewahren

und sich doch nichts von dem merken zu lassen, was sie wußte. Mit

unsäglicher Spannung wartete sie auf die Nachricht von Bertholds

glücklich erfolgter Abreise, die Ulrich ihr sogleich zu bringen

verheißen hatte.

[Illustration]

Fünfzehntes Kapitel.

Fehde.

Heiß entbrennet der Streit: „hie Wölfe!“ ertönt’s und „hie Nürnberg!“

Und mit Begierde des Kampfs füllt sich des Bürgers Gemüt.

Die Fehde-Erklärung der Nürnberger an den Bund der Wölfe versetzte

Stadt und Land in angespannte Thätigkeit, galt es doch, sich für

den kommenden Streit zu rüsten und möglichst viele Bundesgenossen

zu werben. Nach allen Seiten flogen berittene Boten aus, um die

benachbarten Edlen zum Zuzug aufzufordern; andere ritten auf die

Dörfer, welche zum Gebiet der Stadt gehörten, und sagten den Bauern

an, sich und ihre Habe in Sicherheit zu bringen. Man stellte ihnen

anheim, nach der Stadt selbst oder nach den festen Häusern zu fliehen,

welche in deren Besitz standen und durch starke Besatzungen geschützt

wurden. An allen Orten war man geschäftig, die Verteidigung der Stadt

zu sichern; die Landwehr, d. h. der Wall und Graben um die Stadtmark,

wurde durch Schranken von Bohlen verstärkt; über die Landstraßen wurden

Schlagbäume gelegt, neben welchen ein starker Posten zur Bedeckung

lag. Die Mauertürme wurden mit Geschützen und Wachen versehen;

mehrere Türmer wechselten sich beständig ab, um jedes Zeichen des

herannahenden Feindes durch Blasen oder ein ausgehängtes Signal

kundzuthun. Jeder Bürger mußte sich selbst, oder einen Stellvertreter

zum Kriegsdienst stellen; die verschiedenen Innungen traten zu

geschlossenen Abteilungen zusammen: die einen gehörten zum Fußvolk und

wurden aus der Kriegskammer des Rathauses mit Spieß, Hellebarde und

Faustrohr bewaffnet, während die reicheren zu Pferde dienten und sich

selbst ausrüsteten; andre wurden zur Bedienung der Geschütze bestimmt,

welche der Stolz der Stadt waren und fast wie lebende Wesen betrachtet

wurden. Sorgfältig wurde jede Abteilung gemustert und eingeübt von

den Hauptleuten und Viertelsmeistern, entweder ritterlichen Männern,

die im Solde der Stadt standen, oder tüchtigen Handwerkern, die sich

schon früher Kenntnisse im Kriegswesen erworben hatten. Die ganze sonst

so friedliche Stadt glich plötzlich einem Heerlager; alle gewöhnliche

Thätigkeit schwieg, aller Gedanken waren nur auf Kampf und Verteidigung

gerichtet.

Aber auch die Wölfe waren nicht müßig geblieben, auch sie hatten

Genossen geworben und viele Ritter, die nicht zu ihrem Bunde gehörten,

aber irgend eine Klage oder einen Groll gegen die Stadt hatten, sowie

eine Menge von Bauern und Söldnern auf ihre Seite gezogen. Vergebens

jedoch hatte Junker Veit seine ganze Beredsamkeit aufgeboten, um

Ulrich von Maltheim für sich zu gewinnen; derselbe hatte mit der

größten Festigkeit erklärt, daß er mit den Wölfen nichts zu schaffen

haben, sondern völlig neutral bleiben wolle. Das ward ihm von beiden

Teilen arg verdacht, denn jeder schätzte nur die, welche sich ihm zu

thatkräftiger Hilfe verpflichteten.

Herr Wilibald Ebner war durch diese Vorbereitungen völlig in Anspruch

genommen, und es war ihm lieb, daß die öffentlichen Angelegenheiten

seine ganze Kraft erforderten und ihm keine Zeit ließen, an den Kummer

in seinem Hause zu denken. Dennoch sah er ein, daß Frau Ursula zu

leidend sei, um die Aufregungen einer solchen Zeit mitzuerleben; er

beschloß daher, seine Familie fortzuschicken, wozu er die Erlaubnis des

Rates durch eine hohe Summe erkaufen mußte. Seine Frau besaß Verwandte

in Bamberg; dorthin wollte er sie und die Töchter senden, Lorenz Tucher

sollte ihr Begleiter sein. Ursula fügte sich schweigend dem Befehl

ihres Gatten, sie fühlte sich zu krank zum Widerspruch; Margarete aber

suchte den Vater in seinem Schreibzimmer auf, wo sie ihn allein fand.

„Lieber, teurer Vater,“ begann sie schüchtern, „wollt Ihr Eurer Tochter

eine Bitte gestatten?“

„Was soll’s, mein Kind?“ fragte er müde; „du wirst in diesem Augenblick

nicht an Kleinigkeiten denken.“

„Nein, es ist etwas Großes, das ich erbitte -- -- laßt mich bei Euch

bleiben, Vater! Die Mutter hat Elsbeth und Lorenz, Ihr aber habt sonst

niemand, der Euch einmal die Falten von der Stirn streicht, oder mit

dem Ihr ein herzliches Wort sprechen könnt.“

„Meine gute Tochter,“ sagte er gerührt und zog sie an sich, „hast

du auch bedacht, was es heißt, bei mir zu bleiben? Nicht, daß ich

wirkliche Gefahr für dich fürchtete, aber eine Fülle von Unbehagen und

Einsamkeit -- und welchen Ersatz könnte ich dir dafür bieten, ich, ein

geschlagener Mann, ein entlaubter Baum, dem von unheilbarer Wunde das

Mark verdorrt?“

Nie zuvor hatte Margarete einen so tiefen Blick in das verschlossene

Innere ihres Vaters gethan, aber dieser eine genügte auch, um alle

Zärtlichkeit und Hingebung ihres Herzens für ihn wach zu rufen; sie

schlang die Arme um seinen Hals, lehnte ihren Kopf an seine Brust

und sagte mit tiefer Innigkeit: „Mein Vater, ich kann dir das nicht

ersetzen, was du verloren hast; ich kann dir nur mein ganzes Leben

weihen. Stoße mich nicht zurück -- laß mich bei dir bleiben!“

„So bleibe,“ sagte er warm und küßte sie auf die Stirn. „Aber jetzt laß

mich allein, denn ich habe wichtige Dinge zu bedenken.“ --

Drei Tage vor dem Beginn der Feindseligkeiten -- man pflegte die

vereinbarten Fristen auf beiden Seiten gewissenhaft einzuhalten --

verließ der Reisewagen des Ratsherrn die Stadt. Unter dem schützenden

Verdeck hatte man Frau Ursula in Kissen und Decken weich gebettet,

Elsbeth saß neben ihr, während Lorenz Tucher, als Befehlshaber über

einen Trupp reisiger Knechte, wohlbewaffnet daneben ritt. Herr

Wilibald gab den Reisenden das Geleit bis zur Grenzmark der Stadt,

schärfte Lorenz noch die größte Vorsicht ein und nahm dann von den

Seinen Abschied. Langsam bewegte der Zug sich vorwärts und erreichte

wohlbehalten den Annenhof, wo man rastete, um am nächsten Morgen die

Reise fortzusetzen. Lorenz lugte beständig nach rechts und links,

nach hinten und vorn aus, doch war die Straße leer; nur ein einzelner

Reiter, mit einem Knechte hinter sich, zog in gemessener Entfernung

desselben Weges. Elsbeth fand die langsame Fahrt sehr langweilig und

bat Lorenz, ein wenig zu Fuß gehen zu dürfen; doch lehnte er dies ab,

bot ihr aber an, sie für eine Weile vor sich aufs Pferd zu nehmen.

Das lies sie sich gern gefallen und plauderte recht munter mit ihrem

Begleiter, den ihre kindliche Harmlosigkeit und Heiterkeit stets

belustigte, nur vergaß er darüber, auf den Wagen zu achten; derselbe

flog plötzlich hoch in die Höhe, weil er auf einen mächtigen Stein

gestoßen war, -- im nächsten Augenblick gab es einen Krach, und das

schwerfällige Gefährt senkte sich langsam auf die Seite.

Der Unfall brachte unter den Begleitern eine große Verwirrung hervor;

sie sprangen von den Pferden, einige hoben Frau Ursula heraus und

legten sie am Rande des Weges sorgsam nieder, andre richteten den Wagen

auf, um den geschehenen Schaden zu untersuchen. In diesem Augenblick

brach aus dem nahen Gehölz ein bewaffneter Haufe hervor und stürzte

sich auf die reiterlosen Pferde, um sich ihrer zu bemächtigen. Das

Unerwartete ihres Erscheinens verblüffte die überraschten Knechte so

sehr, daß sie völlig den Kopf verloren, um so mehr, als Elsbeth sich

jammernd und schreiend an Lorenz klammerte und ihn an jeder Bewegung

hinderte. Doch jetzt flog wie ein Sturmwind der vorhin bemerkte Reiter

mit seinem Knappen heran; mit hoch geschwungenem Schwert drang er auf

die Räuber ein, seine lauten, bestimmten Kommandoworte fanden williges

Gehör, die Reisigen sammelten sich um ihn, und in wenigen Minuten war

der räuberische Haufe in wilder Flucht zerstoben.

Der Reiter stieg vom Pferde, zog den großen Hut tiefer ins Gesicht und

kniete neben Frau Ursula nieder, die totenbleich, mit geschlossenen

Augen auf ihren Kissen lag. „Ist Euch ein Leid geschehen, ehrsame

Frau?“ fragte er in gedämpftem Ton.

„Nein, mich hat niemand berührt, dank Eurer kräftigen Hilfe,“ erwiderte

sie mit matter Stimme. „Wollt Ihr mir Euren Namen nennen, werter Herr,

damit ich weiß, für wen ich beten darf?“

„Ich bin ein namenloser Abenteurer, der alles hinter sich lassen muß,

was ihm jemals lieb und teuer war, um in der Fremde sein Glück -- oder

den Tod -- zu suchen. Wollt Ihr mir Euren Segen zu meiner Irrfahrt

geben, gestrenge Frau?“

Sie hob die Hände auf und berührte leise sein tief gesenktes Haupt.

„Gott segne Euch, mein tapferer Ritter, und die heilige Jungfrau

vergelte Euch, was Ihr an uns gethan gehabt.“

„Habt Dank, werte Frau!“ sagt er, und seine Stimme klang, wie von

Thränen verschleiert, „Euer Segen wird mir ein Talisman in allen

Fährlichkeiten sein. Betet für mich, denn ich weiß nicht, ob meine

Mutter es nicht verschmäht, für ihren unwürdigen Sohn zu beten.“

Er hob das Haupt empor und sah sie an, ihre Augen trafen sich.

„Berthold!“ rief sie mit einem Ausdruck, der zwischen namenlosem

Schrecken und grenzenloser Freude schwankte -- ihr schwanden die Sinne.

Er riß sie an seine Brust und küßte ihr Antlitz mit leidenschaftlicher

Zärtlichkeit, dann ließ er die bewußtlose Gestalt sanft zurücksinken.

Als Elsbeth zu ihrer Mutter trat, schwang er sich eben aufs Pferd,

schwenkte noch einmal seinen Hut und jagte davon; als Frau Ursula

wieder zu sich kam und angstvoll suchend umherblickte, da zeigte nur

noch ein fernes Staubwölkchen die Richtung an, in der er verschwunden

war. --

Margarete hatte nicht viel Muße, ihre Einsamkeit zu empfinden, denn

die ernste Zeit nahm nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen

in Anspruch. Die unter den Waffen stehenden ärmeren Leute, sowie die

geworbenen Söldner wurden auf Kosten der Stadt gespeist; man hatte

große Küchen errichtet, die von kundigen Frauen bedient und von

Höherstehenden beaufsichtigt wurden. Frau Magdalene Krafftin hatte an

bestimmten Tagen die Ratsküche unter ihrer Obhut, und Margarete stand

ihr treulich bei. Der Haushalt erforderte manche Arbeit; auch waren

viele Frauen und Kinder in Nürnberg, die jetzt, da aller Verdienst

stockte, ohne den Beistand der Reicheren in bittere Not geraten wären,

und für sie gab es fortwährend zu denken und zu sorgen. Kam Herr Ebner

vom Rathause zurück, wo er einen großen Teil des Tages in wichtigen

Geschäften zubrachte, so fand er sein Töchterlein stets seiner harrend,

immer voll Teilnahme an allem, was vorging, immer bereit, ihn mit

freundlichen Worten zu erheitern und für sein leibliches Wohl zu sorgen.

Margarete saß in der Fensternische, welche durch dunkle, tief

herabfallende Vorhänge von dem eigentlichen Wohnraum abgeschlossen

war; durch die gefärbten Scheiben drang nur noch ein dämmeriges Licht.

Die Arbeit war ihr entfallen, die Hände ruhten müßig im Schoß, ihre

Gedanken flogen träumend umher. Drei Gestalten zogen an ihrem inneren

Blick vorüber: Berthold, Lorenz und Ulrich, alle drei ihr lieb und

vertraut, und doch so unendlich voneinander verschieden. Wie hatte

sie den frischen, fröhlichen Bruder geliebt, mit einer Liebe, die zu

jedem Opfer fähig gewesen wäre! Seine Flucht aus dem Kloster hatte ihr

Vertrauen zu ihm gewaltig erschüttert, und selbst das tiefe Mitleid,

das sie für ihn empfand, konnte sie nicht darüber täuschen, daß ihm die

Kraft gefehlt habe, das, was er auf sich genommen, auch durchzuführen.

Lorenz, mit seinem klaren Verstand, seinem tüchtigen Charakter,

hatte sich bald ihre volle Achtung erworben, und sie mußte sich

sagen, daß er viel mehr ein Sohn nach dem Herzen ihres Vaters gewesen

wäre, als Berthold mit seinen hochfliegenden Plänen; aber all seine

Anschauungen waren nüchtern und praktisch, für die Fragen und Gedanken,

die ihre Seele oft bewegten, hatte er nur ein ironisches Lächeln,

ein mitleidiges Achselzucken. Wie anders dagegen Ulrich mit seinem

rastlosen Streben nach Wahrheit und Erkenntnis, mit dem energischen

Willen und dem sanften, liebevollen Herzen! Ja, er entsprach von den

Dreien am meisten dem Bilde eines echten, ganzen Mannes.

Die Träumerin fuhr plötzlich mit einem Schrei empor, denn durch die

Vorhänge blickte ein männliches Antlitz sie an, während sie den

nahenden Tritt völlig überhört hatte. „Ulrich -- um Gotteswillen, wie

kommt Ihr hierher?“

„Ich komme, um Euch die versprochene Nachricht von Berthold zu bringen,

Margarete; habt Ihr mich nicht erwartet?“

„Aber wie kommt Ihr in die Stadt, da doch keiner hereingelassen wird,

der nicht zu den Unsrigen gehört?“

„Hans Fiedler hatte die Wache am Spittlerthor, der hat mich

eingelassen.“

„Um Jesu willen! Ulrich -- wenn Euch jemand hier fände, es könnte Euch

teuer zu stehen kommen!“

„Seid ohne Sorge, liebe Margarete, ich komme ebenso sicher hinaus, wie

ich hereinkam. Aber seid Ihr nicht gespannt, etwas von Berthold zu

hören?“

„Ist er in Sicherheit? Gott sei Dank -- und innigen Dank Euch für Eure

Hilfe! Aber kommt, kommt, Ulrich, mein Vater darf Euch hier nicht

finden, Ihr müßt Euch verbergen, -- o kommt, ich vergehe vor Angst.“

Sie zog ihn durch eine schmale Seitenthür in einen finstern Gang, stieß

dann eine andre Thür auf und schob ihn in einen düsteren Raum. „Bleibt

hier, ich bitte Euch, und wartet meiner, ich komme zurück, sobald ich

kann.“ Ehe er sich’s versah, war sie fort und hatte den Schlüssel

abgezogen.

Zitternd vor Aufregung kehrte das Mädchen in das Wohngemach zurück,

zündete die Lampe an und deckte den Tisch zum Abendessen, das Herr

Wilibald jetzt allein, ohne die übrigen Hausgenossen, einzunehmen

liebte. Wie sollte sie nur Ulrich ungesehen fortschaffen? sie konnte

ja dem Vater nicht einmal erklären, zu welchem Zwecke er gekommen sei,

denn sie wagte es nicht, sein strenges Verbot zu übertreten, das selbst

Bertholds Namen verpönte. Endlos kam ihr heute die Stunde der Mahlzeit

vor, welche ihr sonst so traulich erschien; heute that sie nichts, um

Herrn Wilibald zu fesseln, sondern atmete erleichtert auf, als sich

endlich die Thür hinter ihm schloß. Eine Weile lauschte sie noch auf

den verhallenden Tritt, dann ergriff sie die Lampe und eilte in das

Zimmerchen, wohin sie Ulrich gebracht hatte.

„Gott sei Dank, er ist fort!“ sagte sie, „nun könnt Ihr unbemerkt das

Haus verlassen. Eilt, Ulrich, ich werde nicht eher ruhig sein, als bis

ich Euch in Sicherheit weiß.“

„Mit dem Eilen ist’s nun vorbei,“ erwiderte er mit einem eigentümlichen

Lächeln; „während Ihr mich hier gefangen hieltet, ist die Stunde

verflossen, in der Hans am Thor die Wache hatte. Ihr müßt Eure

Gastfreundschaft schon bis morgen früh ausdehnen, sonst könnte man mich

leicht für einen Spion ansehen und am nächsten Pfosten aufknüpfen.“

„Gerechter Gott!“ rief sie entsetzt, „und das sagt Ihr so kaltblütig?

Jesus Maria, was habe ich gethan, in welche Lage hat meine Thorheit

Euch gebracht -- und ich wollte doch nur das Beste! O Ulrich, ist das

mein Dank für alles, was Ihr an Berthold gethan habt?!“ Sie setzte sich

nieder und brach in bittere Thränen aus.

„Beruhigt Euch, liebe, holde Margarete,“ sagte er sanft und tröstend,

„es wird so schlimm nicht werden. Laßt uns auf Gott und mein gutes

Glück vertrauen! Und da Ihr mich nun doch nicht loswerden könnt, so

trocknet Eure Thränen und laßt uns miteinander reden, wie es guten,

alten Freunden geziemt.“

Seine Ruhe wirkte besänftigend auf ihre erregten Gefühle; sie erinnerte

sich ihrer hausmütterlichen Pflichten, brachte ihm mit eigner Hand

-- denn sie mochte niemand von der Dienerschaft ins Vertrauen ziehen

-- Speise und Trank, ließ sich dann alle Einzelheiten von Bertholds

Ergehen berichten und gab ihrer Anerkennung für Ulrichs thätige Hilfe

lebhafte und herzliche Worte.

Später brachte sie ihm einige Kissen und Decken. „Ihr müßt Euch für die

Nacht hier einrichten, so gut es geht,“ flüsterte sie, „ich kann Euch

in kein anderes Zimmer führen. Schlaft wohl, Ulrich, morgen früh komme

ich wieder zu Euch. Hier ist der Schlüssel, schließt Eure Thür fest zu.“

Als sie aber am nächsten Morgen an die Thür klopfte, blieb alles still:

das Zimmer war leer, und der gefangene Vogel schon vor ihr ausgeflogen.

Sie faltete die Hände und sendete ihm ein inbrünstiges Stoßgebet nach.

Der Vormittag verging Margareten in fieberhafter Erregung, bei jedem

Schritt, jedem Geräusch fuhr sie zusammen, als bedeute es etwas

Schreckliches. Sie war gerade auf dem Vorsaal beschäftigt, als sie auf

der Straße lautes Geschrei und das Stampfen vieler Füße hörte. Das

war in dieser Zeit nichts Seltenes, man brachte oft Gefangene ein,

oder Söldner, welche sich irgendwie gegen die strengen Kriegsregeln

vergangen hatten. Sonst sah sie kaum danach, heute aber eilte sie ans

Fenster und musterte angstvoll den Zug gewaffneter Knechte, welcher von

einer Menge johlender Buben begleitet wurde. In der Mitte gingen zwei

Männer, denen man die Hände auf den Rücken gebunden hatte; der eine

schleppte sich widerwillig weiter und bekam zuweilen einen Stoß mit

der Hellebarde, um ihn im Gange zu erhalten, der andre schritt ruhig,

in aufrechter Haltung, dahin, den Hut tief in die Stirn gedrückt.

Margarete riß das Fenster auf und streckte die Hände nach ihm aus:

„Ulrich, Ulrich!“ rief sie in schneidendem Weh. Ihre Stimme verklang

in der Unruhe da unten, und zu rechter Zeit kam noch das Gefühl des

Schicklichen über sie; sie flog vom Fenster zurück, ehe ihr Benehmen

Aufmerksamkeit erregt hatte, und verbarg verzweiflungsvoll ihr Gesicht

in den Händen.

„Gott im Himmel, was habe ich gethan!“ stöhnte sie. „Ich, ich allein

trage die Schuld an dieser Schmach! Was wird er sagen? was werden sie

ihm anthun? was wird seine Mutter anfangen, wenn er nicht zurückkehrt?

was soll ich thun, um ihn zu befreien?“ Sie wäre am liebsten aufs

Rathaus geeilt, hätte ihren Vater dort aufgesucht und ihm alles

gebeichtet, -- aber sie fühlte wohl, daß das unmöglich sei, daß es sich

für ein Mädchen nicht zieme, sich unter die vielen Männer zu begeben

und alle Blicke auf sich zu ziehen.

Sie mußte also warten, und peinliche, angstvolle Stunden waren es, die

sie zubrachte. Endlich, endlich kam ihr Vater zu ihr, um sich, wie er

pflegte, eine kurze Weile in ihrer Gesellschaft zu erholen. Sie eilte

ihm entgegen. „Was habt Ihr mit ihm gemacht, Vater? Ihr könnt nicht

glauben, daß er eine strafbare Absicht gehabt hat -- ich bürge für ihn,

daß er nichts Böses gegen die Stadt im Schilde führte!“

Im Banne der freien Reichsstadt · 第 9 / 16 题