Herr Wilibald sah sie erstaunt an. „Von wem sprichst du, mein Kind?“

„Von Ulrich von Maltheim -- o Vater, entlaßt ihn schleunigst aus seiner

Haft, damit sich seine Mutter nicht in Angst um ihn verzehre -- es ist

schlimm genug, daß er wie ein Verbrecher über die Straße geführt wurde

-- er, ein untadeliger Edelmann!“

„Und woher weißt du so genau, was der Junker von Maltheim für Absichten

hatte, als er sich heimlich in die Stadt schlich?“

„Ich habe ihn gesprochen und weiß, weshalb er kam.“

„Du, Margarete? -- -- wann und wo sprachst du ihn?“

„Gestern Abend an dieser Stelle.“

„Wie? meine Tochter sagt mir ohne Erröten, daß sie einem fremden Manne

ein Stelldichein bewilligt habe? Also darum bist du in der Stadt

geblieben, nicht um deinem Vater eine schwere Zeit zu erleichtern,

sondern um in der Nähe dieses jungen Fants zu bleiben? -- Soll ich alle

meine Kinder so verlieren?“

Margarete richtete sich hoch empor und sah dem erregten Manne fest und

furchtlos ins Antlitz. „Mein Vater,“ sagte sie mit edlem Stolze, „wann

hat deine Tochter dir je das Recht gegeben, so unwürdig von ihr zu

denken? Nicht um meinetwillen kam Ulrich von Maltheim her, sondern um

deines Sohnes willen: er brachte mir Kunde von Berthold.“

„Schweig!“ rief ihr der Ratsherr heftig zu und wendete sich von ihr;

„du weißt, daß dieser Name nicht vor meinem Ohr genannt werden darf!“

„O mein Vater,“ versetzte sie mit sanfter Würde, -- und mit einem

Schlage war alle Aufregung von ihr gewichen -- „wie schwer sich auch

Berthold vergangen haben mag, so hört er doch nimmer auf, dein Sohn

zu sein, und wie bitter du ihm auch zürnen magst, in deinem innersten

Herzen spricht doch eine Stimme für ihn. Wenn es ihm gelingt, auf einem

andern Boden ein neues, würdiges Leben zu beginnen, so danken wir es

dem thatkräftigen Eingreifen Ulrichs von Maltheim, der als ein treuer

Freund an ihm gehandelt hat. War es auch tollkühn von ihm, sich in die

Stadt zu wagen, um sein Versprechen zu erfüllen, so braucht er sich

seines Thuns doch wahrlich nicht zu schämen, und schlecht stünde es uns

an, ihn für solche That unter falschem Verdachte leiden zu lassen.“

Herr Ebner durchmaß das Zimmer mit hastigen Schritten, er kämpfte einen

schweren Kampf mit sich selbst. Dann warf er sich in einen Lehnstuhl,

stützte das Haupt in die Hand und sagte mit unsicherer Stimme: „Ich

will alles wissen, berichte mir genau jedes Wort.“ Er hörte mit

gespannter Aufmerksamkeit auf ihre Erzählung, dann versank er in ein

tiefes Schweigen. Endlich stand er auf und sagte in strengem Ton:

„Du hast unrecht gethan, als du mir Bertholds Erscheinen in Nürnberg

verheimlichtest, denn ich hatte das erste Recht darauf, die Verirrungen

meines Sohnes zu erfahren, ja, ich hätte ihn damals noch zu seiner

Pflicht zurückführen können. Was den Junker von Maltheim betrifft, so

werde ich für ihn Bürgschaft leisten und ihn, statt im Ratsgefängnis,

in meinem Hause in Gewahrsam nehmen. Du wirst für ihn sorgen, darfst

ihn aber weder sehen, noch sprechen. Ich erwarte unbedingten Gehorsam

und würde jeden Versuch, diese Vorschrift zu übertreten, streng

bestrafen. Setze das kleine Zimmer neben meiner Schreibstube in

Bereitschaft und bleibe in deiner Kammer, bis ich dich rufe.“

Er ging hinaus und ließ Margarete in einem Widerstreit von Empfindungen

zurück. Sie sah ein, daß ihr Vater über ihren Anteil an Bertholds

Flucht ernstlich erzürnt war, und fühlte doch, daß ihm die Gewißheit,

der Sohn sei vor jeder Verfolgung sicher, eine Herzenserleichterung

gewähre; sie freute sich, daß sie Ulrich von falschem Verdacht

gereinigt und vor unwürdiger Behandlung bewahrt habe, und war doch

tief bekümmert, daß er bis zum Ende der Fehde ein Gefangener bleiben

müsse. Es tröstete sie ein wenig, daß sie selbst für ihn sorgen

durfte, und sie richtete das kleine Zimmer so traulich ein, wie sie

nur konnte; sie legte ihm ihre eignen Bücher hin -- es waren freilich

nur wenige --, auch Schreibmaterial, damit ihm die Zeit nicht zu lang

würde, und da sie keine Blumen hatte, steckte sie wenigstens große

Zweige duftiger Walnußblätter rings umher, welche die kahlen Wände

freundlich verhüllten. Das Gemach ging auf den Hof hinaus, doch war das

kleine vergitterte Fenster so hoch angebracht, daß der Insasse nur die

grüne Krone des Nußbaums sehen, aber mit seinem Blick nicht den Boden

erreichen konnte.

Gern saß Margarete mit ihrer Arbeit unter dem lieben, alten Baum,

und plötzlich kam ihr ein Gedanke: sehen und sprechen hatte der

Vater verboten, aber +singen+ nicht; so erhob sie denn eines Tages

ihre Stimme und begann, erst leise und schüchtern, dann immer

zuversichtlicher, also zu singen:

„Vöglein im Käfig sitzet alleine,

Blicket so trübe ins wogende Grün,

Schaut auf des Himmels eilende Wolken,

Möchte mit ihnen von hinnen fliehn.

Vöglein, gedulde dich noch ein Weilchen,

Bald schon erschließt sich des Kerkers Thor,

Und mit des Friedens holdem Geläute

Schwebst du zum Licht und zur Freiheit empor!“

Sie lauschte eine Weile mit klopfendem Herzen, dann vernahm sie

gedämpfte Töne, die ihr also antworteten:

„Jungfrau, die holde, stehet am Gitter,

Grüßt den Gefangnen mit tröstendem Wort,

Scheucht von der Stirne mit freundlichem Finger

Leise des Unmuts Geister ihm fort.

Siehe, da teilt sich düstres Gewölke,

Leuchtende Sterne winken ihm zu.

Dank dir, o Mägdlein! Stürme der Seele

Sang deine schmeichelnde Stimme zur Ruh!“

So hatte Margarete einen Weg gefunden, um mit Ulrich zu verkehren, ohne

das strenge Verbot des Vaters zu übertreten. So oft ihre Pflichten

es erlaubten, saß sie unter dem Baum, und auf Flügeln des Gesanges

tauschten beide ihre Herzen aus. Freilich achtete sie sorgsam darauf,

daß Herr Wilibald niemals Zeuge dieses poetischen Zwiegespräches wurde,

denn sie hatte ein leises Gefühl, daß es seinem nüchternen Sinne allzu

romantisch erscheinen würde.

[Illustration]

Sechzehntes Kapitel.

Kampf und Frieden.

Nicht mehr trotzet der Freche; ihn traf der Arm des Gesetzes.

Aber Unwürdige selbst adelt der nahende Tod.

Schon einige Wochen lang währte die Fehde, und kein Tag verging, an

dem nicht lodernder Feuerschein am Himmel gezeigt hätte, daß hier und

dort eine Scheune oder ein Wohnhaus in Flammen aufginge und arme,

vielgeplagte Menschen ihrer dürftigen Habe oder ihres armseligen

Obdachs beraubt würden. Noch war kein entscheidender Schlag gefallen,

und die Wölfe drängte es auch gar nicht, ihre Streitkräfte der

überlegenen, städtischen Heeresmacht gegenüberzustellen, vielmehr ging

ihr ganzes Streben nur dahin, durch fortgesetzte Plänkeleien die Kräfte

des Gegners zu ermüden und zu zersplittern. Für die raublustigen Ritter

mit ihrem besitzlosen Anhang war dieser Zustand gerade erwünscht; sie

fanden dabei Beute genug und ließen sich die Gelegenheit zu Kampf und

Aufregung wohl gefallen.

Ganz anders lagen die städtischen Interessen. Im ersten Augenblick war

der kriegerische Geist der Bürgerschaft auch nicht zu verachten; nicht

nur der große und kleine Rat, in welchem die Häupter des Stadtadels

Sitz und Stimme hatten, sondern auch die Versammlung der „Genannten“,

d. h. die Erwählten der Zünfte und kleinen Handelsleute, welche man

nur bei ganz besonderer Gelegenheit zur Mitberatung einberief, waren

fast einstimmig für die Aufnahme des Kampfes gewesen, denn jeder

einzelne brannte in seinem reichsstädtischen Selbstbewußtsein darauf,

die adligen Widersacher zu züchtigen und unschädlich zu machen. Mit

jedem Tage aber wurden die Opfer, die alle bringen mußten, fühlbarer

und drückender; Handel und Wandel stockten, der Verdienst blieb

aus, die Lebensmittel wurden täglich teurer. Da ließen sich denn

bald unzufriedene Stimmen hören, der Dienst mit den Waffen wurde

widerwilliger geleistet, Auflehnungen gegen die strenge Mannszucht

kamen häufiger vor. Schon mehrmals hatten die Väter der Stadt lange

Beratungen darüber gepflogen, wie der Fehde ein Ende zu machen sei;

auch heute hatten sie sich im Ratssaale vereinigt und erwogen in Rede

und Gegenrede die Wege, um den ersehnten Frieden herbeizuführen.

„Ich meine, wir müssen den Wölfen ernstlich auf den Leib rücken und

sie in ihren Höhlen überfallen,“ sagte Herr Hennerle von Steifen, ein

adliger Mann, der früher selbst der Stadt manchen Schaden zugefügt

hatte, dann aber in ihren Dienst und Sold getreten und nun einer ihrer

obersten Hauptleute war.

„Das ist von Anbeginn meine Meinung gewesen,“ versetzte Herr Wilibald

Ebner. „Wozu haben wir unsern Saturn, unsre Chriemhild mit schweren

Kosten angeschafft, wenn sie nicht die feindlichen Burgen brechen

sollen?“

„Aber wie wollt Ihr die schweren Geschütze auf den holprigen Waldwegen

meilenweit durchs Land schleppen?“ warf ein andrer ein; „bedenkt,

daß die Chriemhild allein zehn Wagen und sechs und fünfzig Pferde

gebraucht.“

„War die faule Grete, mit welcher der eiserne Burggraf Friedrich von

Hohenzollern die Schlösser der aufsätzigen märkischen Junker in Trümmer

schoß und ihren trotzigen Sinn beugte, nicht noch schwerer?“ fragte

Herr Wilibald dagegen.

„Möglich würde es schon sein,“ fiel Herr Hennerle ein, „aber eine

regelrechte Belagerung erfordert viel Opfer an Zeit und Geld. Besser

wäre es, die Wölfe zu überraschen und ihre Häupter gefangen zu nehmen;

solch ein unerwarteter Streich würde den Bund zersprengen und uns am

meisten Nutzen bringen.“

„Und wie wollt Ihr das anfangen, Hauptmann?“

„Wir müssen einen kundigen Mann gewinnen, der uns den Zugang zum

Hauptquartier verrät.“

Eine Stille folgte diesem Vorschlag, hie und da ein mißbilligendes

Kopfschütteln; doch schien ein jeder die Worte ernstlich zu überlegen.

„Wißt Ihr ein Mittel, um an solchen kundigen Mann zu gelangen, Herr von

Steifen?“ fragte der Bürgermeister.

„Wir haben einen Knecht des Junkers von Rotenhahn gefangen. Ich

glaube, daß man ihn mit Gutem oder mit Gewalt bewegen könnte, uns die

erforderliche Auskunft zu geben.“

„Laßt den Gefangenen hereinführen!“ gebot der Bürgermeister. Nach

kurzem Warten öffnete sich die Thür, und, von der Wache geleitet,

trat ein Mann in den Saal, derselbe, der einige Tage zuvor mit Ulrich

zusammen eingebracht worden war, in abgerissener Kleidung, mit wirrem

Haar und einem finstern Blick, der beharrlich am Boden haftete.

„Euer Name?“ fragte der Bürgermeister. Der Gefangene antwortete nicht;

erst, als ihm der wachehabende Stadtsoldat einen Rippenstoß gab,

murmelte er trotzig: „Ihr kennt mich, ohne daß ich’s Euch sage.“

Herr Volkamer warf einen forschenden Blick auf den finstern Gesellen,

flüsterte mit seinem Nachbar und sagte dann in strengem Ton: „Wohl

kenne ich Euch, Klaus Zworrer; Ihr habt einst im Dienste dieser

wohllöblichen Stadt gestanden, aber Ihr habt Euren Schwur gebrochen und

seid treulos zu unserm ärgsten Feinde übergegangen. Wißt Ihr, daß wir

Euch dafür ohne weiteres an den Galgen hängen können?“

„Ich weiß es,“ versetzte Klaus düster, „macht’s kurz, wozu die vielen

Reden?“

„Es gäbe ein Mittel, um Euch Gnade und Leben zu erkaufen, einen Weg, um

Eure Schuld zu sühnen und ein ehrlicheres Leben zu beginnen,“ sagte der

Bürgermeister langsam und mit Nachdruck.

Klaus schaute auf. „Und das wäre?“ fragte er hastig.

„Ihr habt seit Jahren dem Junker von Rotenhahn gedient und seid ohne

Zweifel mit seinen Plänen und Schlupfwinkeln genau bekannt; liefert uns

die Häupter des Wolfenbundes ohne Aufsehen in die Hände, und Ihr sollt

die Freiheit und reichen Lohn erhalten.“

Der Gefangene blickte finster zu Boden; in schweigender Spannung sahen

die Beisitzer des Rates auf ihn. „Ich kann es nicht,“ sagte er endlich

mit fest zusammengezogenen Brauen.

„Und warum nicht? ist Euch das Leben nichts mehr wert? wollt Ihr aus

diesem Saal sofort auf den Richtplatz wandern?“

„Herr,“ erwiderte Klaus mit rauhem Ton, „ich habe einmal meine arme

Seele verkauft, um mein elendes Leben zu retten, als ich Euch meinen

Eid brach, -- soll ich es zum zweiten Mal thun und ohne Erbarmen zur

Hölle fahren?“

Die Bedenken des rohen Kriegsknechtes blieben nicht ohne Eindruck auf

die Versammlung. „Ein Eid, den Ihr gezwungenermaßen einem Ehrlosen und

Räuber geleistet, kann nicht bindend sein,“ nahm nach einer Pause einer

der Herren das Wort; „jeder Priester wird Euch davon freisprechen.

Bedenkt, daß die Stadt das erste Anrecht an Eure Treue hat.“

Es kostete noch manches Hin- und Herreden, bis Klaus’ Zweifel

überwunden waren; endlich aber gewann die Ansicht der ehrsamen und

gestrengen Herren vom Rat den Sieg über seine Gewissensbedenken, und

er sagte seine Hilfe zu. Als er wieder in seinem Gefängnis saß, wo man

ihm sofort allerlei Erleichterungen gewährte, ballte er die Faust und

rief mit wilder Freude: „Jetzt kommt die Stunde der Rache, Junker Veit

von Rotenhahn! jetzt sollt Ihr büßen für all das Elend, das Ihr mir in

diesen Jahren bereitet habt -- Ihr und Euer Weib!“

Bald danach brachen von Nürnberg mehrere Fähnlein Fußvolk und eine

ansehnliche Reiterschar auf, denen mehrere Geschütze und anderes

Belagerungsmaterial folgte, und mit gewaltigem Lärm schlugen dieselben

langsam und bedächtig einen Weg ein, der nicht nach Hohenheiligen

führte. Einige Stunden später aber schlich sich, im Schutz der

Dunkelheit, ein auserlesener Haufe aus dem Thor, lauter erprobte

Männer voll Kraft und Entschlossenheit, die mit den besten Handwaffen

ausgerüstet waren, an der Spitze Herr Hennerle von Steifen, und neben

ihm Klaus Zworrer, als Führer. Es war tiefe Nacht, als sie im Walde,

unweit der Räuberburg ankamen; man zündete einige Fackeln an, und

mit ihrer Hilfe fand Klaus den künstlich verborgenen Eingang zu dem

unterirdischen Gange, der bis in den inneren Burghof führte. Auf den

Zehen schleichend, den scharfen Dolch zwischen den Zähnen, die Hand

am gespannten Hahn des Faustrohrs, drangen die Männer, in langer

Reihe dicht hintereinander gehend, durch den engen, niedrigen Gang

vor; der Soldknecht, der schläfrig den Ausgang bewachte, war im Nu

niedergestoßen, und der dunkle Hof füllte sich mit Bewaffneten.

Im Turme saßen die Häupter des Wolfenbundes beim Gelage und spotteten

beim vollen Becher des Nürnberger Rates, der seine Unternehmungen

so wenig zu verstecken wisse, daß man immer zwölf Stunden Zeit zur

Vorbereitung habe. Auch Frau Walburg bewegte sich unter den wilden

Gesellen; sie war sehr gealtert, und das kostbare Brokatkleid, das sie

trug -- es war aus kürzlich erbeutetem Stoff gemacht und wohl für eine

Fürstin bestimmt gewesen --, hing schlottrig um ihre dürre Gestalt;

die letzten Jahre mußten ihr nicht viele ruhige und pflegsame Tage

gebracht haben. Sie hatte viel zu thun, um den zechlustigen Genossen

ihres Gatten die Becher zu füllen und ihre zahlreichen Wünsche zu

befriedigen; die Scherze, die sie dabei zu hören bekam, waren wenig

für ein weibliches Ohr gemacht, doch war sie an solche Unterhaltung zu

sehr gewöhnt, um Anstoß daran zu nehmen. Oft stimmte sie in die freie

Rede ein und lachte laut über einen derben Witz, oder erwehrte sich mit

einer Ohrfeige eines allzu zudringlichen Gesellen.

Plötzlich erscholl von unten Getümmel und Waffengeklirr, -- die

Eindringlinge waren mit der Besatzung der Burg ins Handgemenge

gekommen. Im nächsten Augenblick stürzte Janko schreckensbleich unter

die Zechenden: „rettet Euch,“ schrie er atemlos, „die Nürnberger sind

über uns! Klaus, der Schurke, hat sie geführt!“ In wildem Durcheinander

sprangen alle auf und griffen zu den Waffen; einer und der andre

taumelte stark, aber die Gefahr zerstreute schnell den Rausch, der

die Sinne benebelte. Auf der Treppe stießen Angreifer und Überfallne

aufeinander, und ein wütendes Ringen begann. Aber noch waren die Wölfe

nicht überwunden, sie bissen mit der Wut der Verzweiflung um sich,

einige schossen aus den kleinen Fenstern des Turmes auf die Städter

herab, bis von außen her Trompetenklang und Pferdegetrappel erscholl:

der Vortrab der Belagerungstruppe rückte heran und berannte das Thor --

damit war der Sieg der Nürnberger entschieden.

Als Junker Veit erkannte, daß alles verloren sei, wollte er sein Heil

in tollkühner Flucht versuchen; schon hatte er ungesehen den Stall

erreicht und sich auf sein Leibpferd geworfen, -- er drückte ihm

beide Sporen tief in die Flanken, daß es in gewaltigen Sätzen mitten

durch die Kämpfenden dahinflog. Vielleicht wäre er entkommen, aber

ein haßerfülltes Auge war ihm gefolgt, Klaus, der sich bis dahin ganz

unthätig verhalten, riß sein Schießgewehr an die Wange -- der Schuß

krachte, und schwer getroffen stürzte Veit von Rotenhahn vom Pferde

herab. „Du Teufel! fahre hin an deine Stätte, von der du gekommen

bist!“ rief Klaus in wildem Triumph, aber das letzte Wort erstarb ihm

auf der Lippe, denn mit hoch geschwungenem Krummsäbel war der schwarze

Janko auf ihn zugesprungen und hatte ihn so furchtbar getroffen, daß er

röchelnd zusammenbrach. „Stirb, verräterischer Hund!“ knirschte Janko

-- im nächsten Augenblick lag er selbst gebunden am Boden.

Die aufgehende Sonne beleuchtete eine Stätte des Grauens und der

Verwüstung; Tote und Verwundete beider Parteien füllten den Schloßhof.

Totenbleich und regungslos lag Junker Veit da, neben ihm saß Walburg,

die sein Haupt auf ihren Schoß gebettet hatte und das strömende Blut zu

stillen suchte. Dunkle Tropfen rannen über ihr kostbares Kleid herab

-- sie achtete ihrer nicht, alle ihre Sinne und Gedanken hingen an

dem sterbenden Manne. „Veit, mein Gatte, mein Geliebter!“ rief sie

jammernd, „geh nicht von mir, laß mich nicht allein hier zurück! Was

soll ich anfangen ohne dich, du meine Stütze, mein treuer Gemahl in

guten und bösen Tagen? O thue wieder deine Augen auf und schaue mich

an, sage mir noch ein einziges Mal, daß ich immer dein gutes, treues

Weib gewesen bin. O Veit, mein Licht, meine Sonne, bleibe bei deiner

Walburg, die ohne dich nicht leben mag!“

Da schlug der Sterbende die Augen auf und sah sie mit einem Blick

voll Liebe an. „Lebe wohl, du Treue,“ stöhnte er, „hab’ Dank --

bewahre unsre Söhne -- vor ihres Vaters Schicksal ...“ Er drückte ihr

krampfhaft die Hand, streckte sich -- und war tot. --

Walburg drückte ihm die Augen zu, ein paar große Thränen rollten

langsam über ihre Wangen; lange schaute sie dem Toten unverwandt ins

Angesicht, dann legte sie ihn sanft auf die Erde nieder, richtete sich

empor und suchte mit ihrem Blick den Anführer. „Hauptmann,“ sprach sie

-- und der Schmerz lieh ihr eine Würde, die sie sonst nie besessen --

„Ihr seid die Sieger, wir die Besiegten. Ihr habt diese Burg erobert,

nehmt alles hin, nur laßt mir diesen Leib, daß ich ihn ehrlich begrabe.“

Herr Hennerle von Steifen machte eine ritterliche Verbeugung. „Edle

Frau,“ erwiderte er höflich, „wir führen nur gegen die Lebenden Krieg,

nicht gegen die Toten, auch bekämpfen wir nur Männer und nicht Frauen.

Nehmt Euren Schmuck und Eure Kleider, auch was sonst zur Notdurft

gehört, nebst dem Leichnam Eures Gatten; Wagen und Pferde stehen zu

Eurer Verfügung, und ein Häuflein Reiter soll Euch geleiten, wohin

Ihr’s begehrt.“

Frau Walburg neigte das Haupt und verschwand in der Burg; in kurzem

kehrte sie zurück, ein Bündel in der Hand, eine große Decke über dem

Arm. Der Tote ward auf einen Wagen gehoben und sorgfältig zugedeckt;

ehe die Witwe dazu stieg, wendete sie sich noch einmal an den

Hauptmann. „Gebt mir diesen mit!“ sagte sie halb bittend und halb

befehlend, indem sie auf den gefesselten Janko wies, der aus vielen

Wunden blutete. „Er war der treueste Diener seines Herrn und hat nur

nach seinen Befehlen gehandelt.“

„Es sei!“ versetzte Herr Hennerle nach kurzer Überlegung, „er wird uns

nicht mehr schaden.“

Janko küßte seiner Gebieterin dankbar die Hand und kroch mühselig auf

den Wagen; wie ein verwundeter Hund kauerte er sich zu den Füßen

seines toten Herrn nieder. „Nach Maltheim!“ befahl Walburg, und langsam

setzte der traurige Zug sich in Bewegung; die alte Heimat war der

einzige Zufluchtsort der beraubten Witwe. In diesem Augenblick dachte

sie nicht an die Söhne, die ihr noch geblieben waren und, fern von dem

gesetzlosen Treiben der letzten Zeit, erzogen wurden; sie konnte nur

an den Gatten denken, mit dem sie jung gewesen, den sie in ihrer Weise

heiß und aufrichtig geliebt hatte. Sie verhüllte ihr Haupt; die ganze

Welt um sie her war versunken; wie eine trauernde Königin, die mit dem

Gatten Krone und Reich verloren, fuhr sie dahin. -- -- -- --

Mit lautem Triumph kehrten die Nürnberger Truppen heim in die Stadt,

wo sie mit Jubel empfangen wurden. Groß waren die Vorteile, die sie

mit diesem einen Schlage errungen hatten, denn fast alle feindlichen

Anführer waren in ihren Händen, der ganze Bund zersprengt und gelähmt

durch den Verlust seiner Häupter. Dagegen waren ihre Verluste

verhältnismäßig gering: wer fragte nach Klaus Zworrer, der statt Lohn

und Freiheit den Tod gefunden hatte? Frau Barbara war tot, und seine

Töchter kannten den Vater kaum, von dem sie nur wenig Gutes erfahren

hatten. Von allen Seiten traten jetzt die guten Freunde beider Parteien

auf, die sich bisher vom Kampfe fern gehalten hatten; sie suchten

zwischen den Streitenden zu vermitteln, damit keiner von beiden durch

die Friedens-Bedingungen zu hart getroffen würde. Die gefangenen

Edelleute fanden viele Fürsprecher unter ihren Standesgenossen, und

die Stadt durfte ihnen nicht allzu scharf an den Kragen gehen, um sich

nicht neue Feinde auf den Hals zu ziehen. Man mußte sich begnügen, an

einigen geringeren Leuten ein Exempel zu statuieren, machte ihnen den

Prozeß und überlieferte sie dem hochnotpeinlichen Gericht, welches sie

durch Galgen und Rad vom Leben zum Tode beförderte. Die vornehmeren

unter den Wolfenbündlern mußten schwören, nie wieder die Waffen gegen

die freie Reichsstadt zu erheben, und wurden dann gegen ein Lösegeld in

Freiheit gesetzt. So ging die Fehde zu Ende, und die den ganzen Kampf

ausbaden mußten, waren vor allem die kleinen Bauern in den offenen

Dörfern, deren Häuser und Höfe verbrannt und verwüstet, deren Felder

zerstampft, und deren Vieh geschlachtet und fortgeführt war, während

niemand daran dachte, ihnen den erlittenen Schaden zu ersetzen.

Ulrich von Maltheim war gleich beim Beginn der Friedens-Verhandlungen

aus seiner Haft entlassen worden. „Ihr habt meinem verlornen Sohne

Freundschaft erwiesen,“ hatte Herr Wilibald ernst zu ihm gesprochen,

„dafür danke ich Euch. Freilich wäre es echtere Freundschaft gewesen,

wenn Ihr den Verirrten auf den Weg der Pflicht und Treue zurückgewiesen

hättet -- doch Ihr seid ein Edelmann und habt wie ein solcher

gehandelt. Es kann keiner von uns über die Schranken seines Standes

hinaus, aber es stände vielleicht besser in der Welt, wenn es viele

Edelleute von Eurem Schlage gäbe, Herr von Maltheim.“

Ulrich war hoch erfreut über diese Rede, aus der er nur das Lob

heraushörte; sie schien ihm die Erfüllung der süßen Hoffnungen zu

verbürgen, welche in den stillen Tagen seiner Gefangenschaft sein

ganzes Herz eingenommen hatten. Er wünschte sehnlich, ein paar

ungestörte Worte mit Margarete zu sprechen, aber er fand keine

Gelegenheit dazu; das letzte Frühstück nahm er in Gesellschaft von

Vater und Tochter ein, und der Ratsherr blieb bei ihm, bis er sein Roß

bestieg.

Als er fort war, ging das Mädchen in das kleine Zimmerchen, in dem er

die letzten Wochen gewohnt hatte; träumend betrachtete sie jedes Stück,

das er benutzt hatte, und fuhr liebkosend über jedes Buch, in dem er

gelesen. Als sie das eine aufschlug, fiel ein Zettel heraus, und hoch

errötend las sie folgende Worte darauf:

Gefangen saß ich in engem Raum,

Doch tröstend umschwebt mich der lieblichste Traum.

Mir träumte, als ich so einsam lag,

Ein Engel besuchte mich jeden Tag.

Zwar unsichtbar blieb mir sein Schwingenpaar,

Von ferne nur wehte sein duftiges Haar.

Doch seiner Stimme holdseligen Klang,

Den hörte ich deutlich, wie Sphärengesang.

Nun ist mir geöffnet des Kerkers Thor,

Nun schreit’ ich zum Licht und zur Freiheit empor;

Doch wendet sich rückwärts mein sehnender Blick:

Denn gefangen bleibet mein Herz zurück!

Herr Wilibald erschien an diesem Abend besonders aufgeräumt; der

Abschluß der Fehde mochte ihm wohl manche schwere Sorge vom Herzen

nehmen. „Was hältst du von Lorenz Tucher?“ fragte er im Laufe des

Gesprächs seine Tochter.

„Ich halte ihn für einen wackern und tüchtigen Mann,“ erwiderte sie

unbefangen, „wohl wert, Euch wie ein lieber Sohn zur Seite zu stehen.“

Dem Vater schien die Antwort zu behagen, denn er lächelte befriedigt

vor sich hin. „Es freut mich, mein Kind, daß du verständig genug

bist, so vorzügliche Eigenschaften anzuerkennen, auch wo sie ohne

ritterlichen Firlefanz, unter schlichter, echt bürgerlicher Außenseite

zu Tage treten. Du hast dich in dieser schweren Zeit als meine treue,

verständige Tochter bewährt, und so will ich dir mein Vertrauen

schenken: ich denke daran, Lorenz in alle Rechte eines Sohnes

einzusetzen und ihm einen vollen Anteil an der Handlung zu geben. Und

es ist mein herzlicher Wunsch, daß er auch noch durch ein anderes,

zarteres Band mit meinem Hause verknüpft werden möchte, durch ein Band,

das ihm ein besonderes Recht geben würde, mich ‚Vater‘ zu nennen.“

Er legte seine Hand einen Augenblick wie segnend auf ihren Scheitel,

küßte sie liebevoll auf die Stirn und verließ sie dann. In banger

Verwirrung blieb Margarete zurück; sie konnte des Vaters Wunsch nicht

mißverstehen, aber ihr Herz sprach kein Wort dazu.

[Illustration]

Siebzehntes Kapitel.

Die Werbung.

Haben die Herzen sich auch in Liebe und Treue gefunden:

Zwischen sie dränget sich noch trennend des Vaters Gebot.

Nie hatte Elsbeth Ebnerin eine glücklichere Zeit verlebt, als die,

welche sie mit ihrer Mutter bei den Verwandten in Bamberg zubrachte.

Bisher hatte sie stets hinter Margarete zurückstehen müssen, denn

obgleich jene nur zwei kurze Jahre vor ihr voraus hatte, so genoß

sie doch bei allen ein unbedingtes Vertrauen, während man sie selbst

immer noch wie ein halbes Kind behandelte. Aber jetzt fiel ihr die

Pflege der geliebten Mutter ganz selbstverständlich zu, und jeder

mußte sagen, daß sie sich derselben mit Geschick und Treue widmete;

auch machte ihr niemand Lorenz Tuchers Gesellschaft streitig, und das

beglückte sie besonders. Er begegnete ihr mit der Vertraulichkeit eines

älteren Bruders und hörte mit wohlwollendem Lächeln ihrem Geplauder

zu, das zwar nicht viel Geist, aber ein gutes Herz und einen kindlich

reinen Sinn verriet. In der größeren Selbständigkeit entwickelte

sich ihr ganzes Wesen freier und anmuthiger; da sie nicht unter dem

beständigen Vergleich mit der begabteren Schwester litt, so galt sie

bei jedermann in Bamberg für ein hübsches, wohlerzognes Mädchen, und

man begegnete ihr auf das freundlichste. Sie war daher wenig erbaut von

der Botschaft, daß ihrer Rückkehr nichts mehr im Wege stünde, und war

am letzten Tage so ernsthaft und traurig, daß Lorenz sie teilnehmend

fragte, was ihr fehle.

„Ich muß an das Märchen vom verzauberten Prinzen denken,“ versetzte

sie, „das Muhme Lene uns so oft erzählt hat, als wir noch Kinder waren.

Ein böser Zauberer hatte ihn in einen Zwerg verwandelt; nur einen Tag

im Jahr durfte er in seiner wahren Größe auftreten, aber sobald die

Sonne sank, mußte er wieder in die verhaßte Zwerggestalt schlüpfen. So

geht es mir auch.“

„Wie meint Ihr das, Bäschen? ich hoffe, es hat niemand gewagt, Euch ein

Leid anzuthun?“

„Nein, das nicht, aber ich fürchte, zu Hause und neben Margarete werde

ich wieder nur der Zwerg sein, den niemand für voll ansieht.“

Sie sah so betrübt aus, daß er tröstend über ihre Wange strich und ihre

Hände faßte. „Liebe kleine Elsbeth,“ flüsterte er ihr ins Ohr, „denkt

Ihr etwa, daß ich Eure Schwester Euch vorziehe? Ihr seid mir viel

lieber als sie.“

„Bin ich das wirklich?“ rief sie hocherfreut, „o Lorenz, wie gut seid

Ihr! bisher hat mich noch niemand neben ihr beachtet, und Ihr seid doch

so klug, wie kein andrer!“

Das Lob schmeichelte ihm und rührte ihn zugleich; er beugte sich herab

und küßte sie auf die roten Lippen. Sie schlug die Hände vor das

erglühende Gesicht, „Ihr seid ein Böser!“ rief sie halb erzürnt und

halb beglückt und lief davon. Er blieb beschämt zurück; wie konnte er,

der Ruhige, Verständige, sich so hinreißen lassen! --

Frau Ursula und Elsbeth waren glücklich heimgekehrt, und während die

Mutter nach der ermüdenden Fahrt sogleich die Ruhe suchte, saßen die

beiden Schwestern traulich beisammen und tauschten ihre Erlebnisse

aus, wobei freilich jede manches vor der andern zurückhielt. Aber

Margarete bedurfte eines teilnehmenden Herzens für die große Sorge, die

drohend wie ein Gespenst vor ihr stand, und sie beschloß, Elsbeth in

ihr Vertrauen zu ziehn. „Der Vater,“ sagte sie beklommen, „ist Lorenz

überaus wohlgesinnt und wünscht ihn ganz an unser Haus zu fesseln; ich

fürchte, er denkt sogar an -- eine Heirat.“

Elsbeths Wangen färbten sich purpurn. „Ich sehe nichts Furchtbares

darin,“ sagte sie mit niedergeschlagenen Augen.

Die Ältere stützte den Kopf in die Hand und sah ernsthaft vor sich hin.

„Nicht? ach Elsbeth, er ist gewiß ein lieber, braver Mensch, aber der

beste von allen kann er mir doch nie sein, ich ....“

„Du?“ schrie die Jüngere auf, „warum denn du und immer du? o ich wußte

es wohl, daß meine glückliche Zeit zu Ende ginge, sobald ich hierher

zurückkehrte, daß ich immer nur das Stiefkind sein würde neben dir, der

Bevorzugten und Geliebten! Und er hat es mir doch selbst gesagt, daß

ich ihm werter sei, als du ....“ ein Thränenstrom unterbrach ihre Rede,

sie legte den Kopf auf die gefalteten Hände und schluchzte laut.

Margarete stand erschrocken vor diesem leidenschaftlichen Ausbruch,

den sie zuerst gar nicht begriff; allmählich aber ging ihr ein Licht

auf, und eine Centnerlast schien ihr mit einemmal vom Herzen zu fallen.

„Liebe, gute Elsbeth,“ rief sie jauchzend, „warum weinst du? ist er

dir lieb und bist du ihm wert, o so ist alles gut! Vergieb, daß ich

nur einen Augenblick denken konnte -- -- o heilige Anna, habe Dank --

-- wie froh bin ich, wie namenlos froh, nun ebnet sich ja alles nach

unsern Wünschen! Laß dich küssen, meine Schwester, ich wünsche dir von

Herzen Glück!“

Sie umarmte Elsbeth stürmisch und lachte und weinte vor Freuden, so

daß jene die ruhige, verständige Schwester kaum wiedererkannte. Da sie

aber einsah, daß sie ihrem Glück nicht im Wege stünde, stimmte sie in

ihren Jubel ein, und zwischen den beiden Schwestern war jedes Wölkchen

zerstoben. --

Auf Maltheim drängten unterdessen die Verhältnisse zu einer

Entscheidung, denn es stellte sich nur zu bald heraus, daß ein

Zusammenleben von Frau Kunigunde und ihrer Stieftochter unmöglich sei.

Als die Weihe des ersten Schmerzes vorüber war, traten bei Walburg

schnell genug die alten, häßlichen Charakterzüge, Eigennutz, Anmaßung

und Begehrlichkeit, hervor, und mit Heftigkeit forderte sie die Teilung

des väterlichen Erbes. Herr Pirkheimer hatte inzwischen schon sein

Gutachten dahin abgegeben, daß Herr Werner von Maltheim kein Recht

gehabt habe, Hohenheiligen im alleinigen Interesse seiner Kinder

zweiter Ehe zu veräußern, und daß Walburg ein Anrecht auf die eine

Hälfte des Kaufpreises habe. Mit Mühe überredete Ulrich seine Mutter

dazu, in einen Verkauf von Maltheim zu willigen, um Walburg abzufinden;

der Kurfürst Albrecht Achilles, der alte Gönner des verstorbenen

Ritters, wollte selbst der Käufer sein. Im Andenken an die Treue

seines ehemaligen Kampfgenossen, bot er dem Sohne eine Anstellung in

kurbrandenburgischen Diensten an, die jener dankbar und bereitwillig

annahm, denn dort durfte er hoffen, ein weites Feld für seine

hochstrebenden Pläne und Gedanken zu finden. Seit Kaiser Sigismund

auf dem Konzil zu Kostnitz den treuesten Kämpen seines Thrones,

den Burggrafen Friedrich von Nürnberg, mit der Verwaltung der Mark

Brandenburg betraut und bald darauf mit der Kurwürde belehnt hatte,

war die Entwicklung des verwilderten Landes in bessere Bahnen geleitet

worden. Teils durch kluge Verträge mit den Nachbarfürsten, teils durch

gewaltiges Niederwerfen der aufsätzigen Großen, hatte Friedrich Ruhe

und Ordnung im Lande angebahnt, und was er mit Kraft begonnen, das

hatte sein Sohn, Kurfürst Friedrich der Zweite, fortgesetzt: er hatte

die trotzigen Städte gedemütigt, die Sitten der Geistlichkeit gebessert

und den Adel in gebührenden Schranken gehalten. Jetzt war Albrecht

Achilles der eigentliche Herrscher des Landes, aber er verweilte dort

nur zuweilen als Gast, denn er mochte seine schöne fränkische Heimat

nicht mit jenem rauhen, ärmlichen Lande vertauschen; so hatte er denn

seinen Sohn Johann als Statthalter in den Marken eingesetzt, und ihm

sollte Ulrich seine Kräfte widmen.

Frau Kunigunde konnte sich nicht entschließen, sich im fremden Lande

eine neue Heimat zu gründen, und so namenlos schwer ihrem Mutterherzen

auch der Gedanke einer dauernden Trennung von Ulrich fiel, so weigerte

sie sich doch entschieden, ihn zu begleiten. Sie zog sich in die

tiefste Stille zu einer Schwester zurück, die ihr gern ihr Haus

öffnete, aber die Kümmernisse und Täuschungen, die sie erlitten,

zehrten an dem Mark ihres Lebens, und nach wenigen Jahren folgte sie

ihrem Gatten in die ewige Heimat.

So war denn alles vollendet, die Erbschaft geteilt, die Frauen nach

verschiedenen Seiten abgezogen. Ulrich hatte die Mutter in ihr Asyl

geleitet und dann die Burg in die Hände des neuen Besitzers übergeben;

von einigen Knappen gefolgt, sprengte er jetzt den Burgberg hinab. Der

Abschied von der Heimat seiner Kindheit wurde ihm schwerer, als er

selbst gedacht hatte; das Bewußtsein, dem uralten Erbe seiner Väter,

das Jahrhunderte lang in den Händen seiner Familie gewesen war, für

immer Lebewohl zu sagen, als ein heimatloser Wanderer hinauszuziehen in

eine ungewisse Zukunft, rührte ihn fast zu Thränen, aber er gab seinem

Pferde die Sporen, so daß seine Begleiter ihm kaum folgen konnten, und

zog sein Schwert aus der Scheide. „Vorwärts!“ rief er, „mit Gott und

Sankt Georg! Als ein echter Ritter will ich kämpfen für Wahrheit und

Recht gegen Lüge und Finsternis, und Gott helfe mir zum Siege! O Herr,

stelle mir ein hilfreiches Wesen an die Seite, das mit seiner Liebe und

seinem Vertrauen mich stärke und tröste, wenn ich schwach werde!“

Er rastete nicht im scharfen Ritt, bis er die Thore von Nürnberg

erreicht hatte; dort hieß er seine Begleiter in der Herberge bleiben,

stellte sein Roß in den Stall und schlug zu Fuß den Weg nach dem

Ebnerhause ein.

Hier fand er alles in froher Bewegung, denn man feierte eben die

Verlobung von Lorenz Tucher mit Elsbeth Ebnerin. Herr Wilibald war

zwar sehr erstaunt und gar nicht erfreut gewesen, als seine Gattin ihm

mitteilte, daß nicht Margarete, sondern ihre Schwester die Erwählte

sei; er hätte es viel mehr seinem Lieblinge gegönnt, die ansehnliche

Stellung einzunehmen, zu der er Lorenz den Weg ebnete, -- aber gegen

die volle Übereinstimmung aller drei Beteiligten konnte er nichts

einwenden. Elsbeth strahlte vor Seligkeit; zu dem Gefühl des eignen

Glücks kann noch die Genugthuung, bei diesem wichtigsten Schritt des

Lebens der bevorzugten Schwester den Rang abgelaufen zu haben.

Ulrich stattete seinen Glückwunsch ab und bat um Erlaubnis, vor seiner

Abreise in die Fremde hier einige Stunden zu rasten, die ihm mit

Freuden gewährt wurde. Aber obgleich er auf teilnehmendes Befragen

ausführlichen Bescheid über alles gab, was er erlebt hatte und von

der Zukunft erwartete, so war er im ganzen doch ernst und schweigsam,

und Margarete teilte seine Stimmung. Endlich sprach er gegen sie den

Wunsch aus, noch einmal das Stübchen zu betreten, in dem er die Wochen

seiner Gefangenschaft zugebracht hatte; das Mädchen stand bereitwillig

auf, um ihn zu geleiten, aber auch der Ratsherr schloß sich an. Erst,

als sie auf dem Hofe unter dem alten Nußbaum standen, rief irgend

eine wohlthätige Anfrage aus einer der Schreibstuben Herrn Wilibald

ab, und endlich waren die beiden allein. Ulrich faßte beide Hände der

Jungfrau, die errötend vor ihm stand: „Liebe Margarete,“ sagte er leise

und schnell, „wenn es mir gelingt, mir im Norden eine Stellung zu

verschaffen, die -- Euer würdig ist, würdet Ihr es für denkbar halten,

-- die geliebte Heimat zu verlassen -- und mir zu folgen?“

Sie hob die treuen, grauen Augen mit dem Ausdruck vollsten Vertrauens

zu ihm empor. „Ja, Ulrich,“ sagte sie fest, „wenn es mein Vater

erlaubt, will ich Euch folgen, wohin es auch sei.“

„Und wenn es ein Jahr und länger dauern sollte, ehe ich wiederkomme,

willst du meiner harren, du Liebe, und nicht müde werden?“

„Ich will warten und hoffen, bis du kommst, sei es in einem Jahr oder

in zehn.“

Da nahm er ein Ringlein vom Finger und steckte es an den ihrigen,

danach aber zog er ihre Hände an seine Lippen und küßte sie inbrünstig.

„Lebe wohl, meine süße Braut,“ sagte er innig, „Gott schenke uns ein

glückliches Wiedersehen! baue so fest auf meine Liebe und Treue, wie

ich auf die deine!“ --

[Illustration: Ulrich zog einen Ring vom Finger ....]

Ehe Ulrich von Nürnberg schied, suchte er eine ungestörte Unterredung

mit Herrn Wilibald Ebner und bat ihn um Margaretens Hand. Der

Ratsherr maß ihm vom Kopf bis zu den Füßen mit einem strengen,

forschenden Blick. „Was habt Ihr meiner Tochter zu bieten, Herr?“

fragte er in schneidendem Ton, „habt Ihr Haus und Hof, oder ein Amt,

das Euch ernährt? oder glaubt Ihr, ich werde mein liebstes Kind einem

fahrenden Ritter übergeben, daß er es vor sich aufs Pferd nehme und

mit ihm durch die Lande ziehe, um sein Glück zu suchen? Oder meint Ihr

gar, ich solle dem Bräutchen Hohenheiligen als Mitgift geben, wie es

schon vor Jahren Euer edler Herr Vater vorschlug? Weit gefehlt, Herr

von Maltheim! Ein nüchterner Städter will feste, geordnete Verhältnisse

vor sich sehen, aufs Geratewohl wirft er seine Tochter nicht dem ersten

besten an den Hals!“

Ulrich verbeugte sich tief. „Ihr habt recht, Herr Ratsherr,“ sagte

er eisig kühl, aber mit vollkommener Höflichkeit, „es ist noch zu

früh für mich, um als Bewerber Eurer Tochter aufzutreten. In einigen

Jahren, wenn ich als wohlbestallter Rat des Kurfürsten von Brandenburg

vor Euch treten und Euch meine Einkünfte nach Heller und Pfennig

vorrechnen kann, dann will ich wieder bei Euch vorsprechen und meine

Bitte erneuern. Aber Ihr werdet es nicht hindern können, daß Jungfrau

Margarete das Wort hält, das sie mir gegeben hat, denn sie ist Eure

echte Tochter und hat gelernt, Versprechen heilig zu halten. Gehabt

Euch wohl, Herr Wilibald Ebner, auf Wiedersehn!“ Noch einmal verbeugte

er sich mit ritterlichem Anstand und ging hinaus.

Mit finsterem Blick sah ihm der Kaufherr nach. „Er wagt es, mir zu

trotzen!“ murmelte er, „thörichter Knabe, habe ich nicht allein das

Recht, über die Hand meiner Tochter zu verfügen? Und doch,“ setzte er

milder hinzu, „es war nichts Knabenhaftes in seiner Art, er ist ein

Mann geworden, den man achten muß. Wäre er nicht ein Edelmann, ich

selber könnte ihn lieb haben! -- und ich fürchte, Margarete wird schwer

von ihm lassen.“ --

Mehrere Jahre waren vergangen; Elsbeth war längst verheiratet und

ihrem Gatten in willenlosem Gehorsam unterthan; sie liebte es, sich

gegen Margarete ihres häuslichen Glücks, ihres blühenden Wohlstandes

zu rühmen, nicht ohne dabei einige mitleidige Seitenblicke auf die

hoffnungslose Wartezeit der Schwester zu werfen. Aber diese beneidete

sie nicht, sie fühlte sich glücklich und zufrieden. Zwar empfand sie

oft eine tiefe Sehnsucht nach dem geliebten Freunde, doch nie kam ein

Zweifel an seiner Treue, an seiner endlichen Wiederkehr in ihre Seele.

Auch war sie nicht ganz ohne Nachricht von Ulrich, denn zwischen

dem Hofe zu Berlin, wo Markgraf Johann die Marken verwaltete, und

der Kadolzburg, wo der alte Löwe selber hauste, herrschte ein, für

damalige Verhältnisse, reger Verkehr durch berittene Boten, welche

Anfragen, Berichte und Verordnungen hin- und hertrugen. Margarete

wußte, daß Ulrich an dem gelehrten Markgrafen, den seine Zeitgenossen

um seiner klassischen Bildung willen „Cicero“ nannten, einen überaus

wohlgesinnten Herrn gefunden habe. Doch waren die Zustände in der Mark

so ärmlich, die Landstände so schwierig in der Bewilligung von Geldern,

daß es dem Gebieter oft an den nötigsten Mitteln fehlte, um seine

Hofhaltung standesgemäß zu führen; mußte er doch die eigne Hochzeit

verschieben, weil ihm das Geld zu einer fürstlichen Ausstattung fehlte.

Das alles mußte sich ändern, wenn Johann Cicero erst der wirkliche Herr

und Kurfürst war, und so vertröstete Ulrich sich und seine Braut auf

diesen Zeitpunkt, der erst mit Albrecht Achills Tode eintreten konnte.

Margarete hätte aber auch wenig Zeit gefunden, um trüben Gedanken

nachzuhängen, denn ihre Kräfte waren vollauf in Anspruch genommen; sie

war ihren Eltern unentbehrlich und hätte selbst nicht zu sagen gewußt,

wie ihre zarte, leidende Mutter ohne ihren Beistand hätte leben sollen.

Wenige Monate nach dem Abschluß jener Fehde war dem Ebnerhause ein

unverhofftes Glück zu teil geworden, der Himmel hatte die leere Stelle

ausgefüllt und den trauernden Eltern ein Söhnchen geschenkt. Unendlich

groß war Herrn Wilibalds Freude über dies Gnadengeschenk; nun konnte er

wieder mit Freudigkeit in die Zukunft sehen, nun durfte er hoffen, daß

neben dem neuerblühenden Geschlecht der Tuchers auch der Name Ebner in

Nürnberg wachsen und dauern werde. In dem Glück, das er empfand, hatte

er Margareten versprochen, sie nie zu einer Ehe zu drängen, zu der ihr

Herz sie nicht triebe; Ulrichs Name war dabei nicht genannt worden,

sie überließ es der Zukunft, diese Angelegenheit zu rechter Zeit zur

Sprache zu bringen.

Frau Ursula empfand beim Anblick ihres Knaben nur eine wehmutsvolle

Freude; stets stand ihr dabei ihr Erstgeborner vor Augen, der ihr für

immer entrissen war. Bewahrte sie auch die flüchtige Begegnung auf dem

Wege nach Bamberg als einen kostbaren Schatz in ihrer Erinnerung auf,

so quälte der Gedanke an sein Seelenheil sie doch mit unablässigem

Kummer, und ihr Leben war eine Kette von Opfern und Bußen, um den Zorn

des Himmels zu versöhnen. Es ward ihr schwer, zu sehen, daß der kleine

Deodat -- diesen Namen hatte Herr Wilibald dem Kinde gegeben, um es

als eine besondere Gottesgabe zu kennzeichnen -- im Herzen seines

Vaters völlig Bertholds Stelle einnahm, daß jener auf ihn alle die

Hoffnungen setzte, die bei dem ältesten Sohne gescheitert waren, ja,

sie empfand es mit einer eifersüchtigen Pein, daß er den Spätgebornen

mit unendlich viel größerer Zärtlichkeit behandelte, als ehemals

Berthold. --

So war der Frühling des Jahres 1486 herangekommen, und durch die Stadt

lief das Gerücht, daß Kurfürst Albrecht Achilles, der alte Feind der

Reichsstädter, zu Frankfurt sein müdes Haupt zur Ruhe gelegt habe und

in der Klostergruft zu Heilbronn bestattet worden sei. Die Nachricht

bewegte Margaretens Herz mächtig; hatte sie auch als echtes Nürnberger

Kind wenig Neigung für den streitbaren Fürsten empfunden, so mußte

sein Tod doch entscheidend auf ihr und Ulrichs Schicksal einwirken. In

unruhiger Spannung verlebte sie die nächsten Wochen, konnte jetzt doch

jeder Tage den Ersehnten bringen und ihr Leben in gänzlich neue Bahnen

lenken!

Der alte Nußbaum auf dem Hofe hatte eben wieder sein hellgrünes

Blätterkleid angelegt, und die Schwalben schossen zwitschernd und

jubilierend darunter fort. Auf dem Sitz, der den gewaltigen Stamm

umgab, saß Margarete mit ihrer Arbeit; zu ihren Füßen spielte Deodat,

der alle Augenblicke zu ihr gelaufen kam, um ihr etwas zu zeigen, oder

sie nach hundert Dingen zu fragen; hing er doch fast mehr an ihr, als

an seiner Mutter, die sich oft so kränklich und schwach fühlte, daß

sie das lebhafte Kind nicht in ihrer Nähe ertragen konnte. Durch den

gepflasterten Thorweg klangen männliche Schritte, die auf den Hof

zukamen; Margaretens Herz fing an zu klopfen, sie schaute gespannt nach

dem Eingang -- aber es war eine andre Gestalt, als die ersehnte, wenn

auch eine wohlbekannte: Hans Fiedler. Er hatte längst seine Lehrzeit

bei Meister Adam Krafft hinter sich, war dann einige Jahre durch das

Reich gewandert und jetzt nach Nürnberg gekommen, um sein Meisterstück

zu machen und sich irgendwo als tüchtiger Steinmetz niederzulassen.

„Grüß’ Gott, Hans!“ sagte Margarete und bot ihm die Hand zum Gruß,

„wo habt Ihr so lange gesteckt? wir haben manchen Tag nichts von Euch

gesehen.“

„Ich war auf dem Annenhof,“ versetzte er ernsthaft, „Ihr wißt, die

Großmutter war schon lange krank, am letzten Montag ist sie selig

entschlafen, und gestern haben wir sie zur letzten Ruhe bestattet.“

„Crescenz ist tot?“ rief das Mädchen bewegt, „o wie mich das dauert!

die gute, alte Seele, Gott hab’ sie selig! sie hat sich durch ihre

unwandelbare Treue sicher einen Gotteslohn erworben. Aber was wird

aus Eurer lieben Mutter werden, Hans? sie ist nicht von der Art

der Großmutter und wird schwerlich ganz allein dort haushalten und

wirtschaften mögen.“

„Nein, Jungfer Margarete, das ist auch meine Meinung; wenn ich schon

Meister wäre, würde ich sie gern zu mir nehmen, aber damit hat’s noch

gute Weile. Und dann -- und dann --“ er drehte verlegen seine Kappe

zwischen den Fingern hin und her.

„Habt Ihr etwas auf dem Herzen, lieber Hans?“ fragte Margarete

freundlich, „nur heraus damit, Ihr wißt, wir beide sind von Kind auf

immer gute Freunde und getreue Kameraden gewesen.“

„Ja, Jungfer Gretchen, daher möchte ich auch Euch zu allererst sagen,

was mir widerfahren ist,“ sagte Hans, und über sein gutes Gesicht flog

ein unwiderstehlicher Freudenschein. „Ihr kennt Meister Dürer, den

Goldschmied -- und seine Töchter -- auch die Sabine -- die hat mir

versprochen, -- mein liebes Weib zu werden, sobald ich Meister geworden

bin.“

„Das freut mich von Herzen!“ sagte Margarete warm und schüttelte ihm

beide Hände. „Die Sabine ist ein liebes, tüchtiges Mädchen und wird

sicher eine frische, fröhliche Hausfrau werden. Gott segne Euch beide,

Hans; Ihr hättet nichts Besseres thun können.“

Hans strahlte vor Glück; er verehrte Margarete so sehr, daß ihr Lob und

ihre Zustimmung ihm sein erwähltes Mädchen noch lieber machten.

Der Tod der alten Crescenz bewegte Frau Ursula hauptsächlich um Afra’s

willen, der sie stets eine warme Zuneigung bewahrt hatte. Daß jene

nicht allein auf dem Annenhofe bleiben konnte, war klar, man mußte

dort eine kräftigere Schaffnerin einsetzen. „Ich habe einen Gedanken,

Margarete,“ sagte die Mutter am andern Tage, „ich möchte Afra anbieten,

wieder wie einst in meinen persönlichen Dienst einzutreten. Sie weiß

mit Kranken umzugehen und wird dir meine Pflege erleichtern; und wenn

du, mein geliebtes Kind, in kurzem wünschen wirst, dein Elternhaus zu

verlassen, so wird es dir weniger schwer werden, wenn du mich wohl

versorgt weißt.“

Margarete umarmte die Mutter mit Thränen der Wehmut und Zärtlichkeit;

sie hatte kein Geheimnis vor ihr und teilte alle ihre Sorgen,

Hoffnungen und Pläne mit der Teuren. So sehnsüchtig sie nach Ulrich

ausschaute, so schmerzlich war ihr doch der Gedanke, die Mutter

zu verlassen, die an ihre immerwährende Fürsorge und liebreiche

Gesellschaft so gewöhnt war.

Afra ging gern auf den Vorschlag ein; sie hatte keine Neigung für

die ländliche Wirtschaft, so treu sie auch in den letzten Jahren der

alternden Crescenz darin beigestanden hatte. Ihre stille, sanfte Art,

der wehmütige Schatten, der über ihrem ganzen Wesen lag, die lebhafte

Teilnahme, die sie für die Schmerzen anderer empfand, machten sie zu

einer passenden Umgebung für Frau Ursula, und Margarete fühlte sich in

der That sehr beruhigt, wenn sie an die Trennung dachte; sie würde die

geliebte Mutter wenigstens in sicherer Pflege zurücklassen. --

Heiße Sommerglut lag auf den Straßen von Nürnberg; in den

Patrizierhäusern waren überall die dunklen Vorhänge herabgelassen, um

der sengenden Sonne den Eingang zu verwehren. Im Erker des Ebnerhauses

war es kühl und angenehm, denn die Sonnenstrahlen trafen ihn nicht, und

die dicken Mauern ließen die Hitze nicht eindringen. Dort saß Margarete

und blickte träumerisch hinaus auf die Gasse, in der nichts zu sehen

war, aber ihre Augen schauten auch nicht nach äußeren Dingen, sie

waren nach innen gekehrt. Plötzlich scholl Pferdegetrappel vom Markt

her, mehrere Reiter bogen auf den Ägidienplatz ein. Einer sprengte

voraus, eine herrliche, hohe Gestalt; er nahm den Hut vom Kopfe, daß

ihm die blonden Locken um die weiße Stirn wehten, und schwenkte ihn

grüßend nach oben. Eine Purpurglut schoß in Margaretens Wangen -- der

Augenblick, von dem sie in sechs langen Jahren geträumt, war gekommen:

Ulrich war wieder da! Sie stand regungslos, nur das Antlitz hatte sie

der Treppe zugekehrt. Und jetzt kam er heraufgestürmt, der treue Freund

ihrer Kindheit und Jugend, der Erkorne ihrer reiferen Jahre, er zog sie

in seine Arme und küßte sie auf die Stirn. „Meine Margarete, meine süße

Braut,“ flüsterte er mit unsäglicher Zärtlichkeit, „da bin ich endlich,

endlich bei dir! O wie lang und schwer waren diese Jahre der Trennung!

Aber nun soll sich nichts mehr zwischen uns drängen, nun wollen wir

treu zusammenstehen, bis einst der Tod uns scheidet.“

Sie lehnte sich an seine treue Brust und sah mit glücklichen Augen

zu ihm auf; dann machte sie sich sanft von ihm los. „Du mußt dir

meines Vaters Zustimmung erbitten, Ulrich. Mein Herz konnte ich allein

verschenken, über meine Hand kann nur er verfügen. Aber erst komm zur

Mutter.“

Frau Ursula empfing Ulrich wie einen geliebten Sohn, er hatte ja einst

so viel für ihren Berthold gethan, und Margaretens Liebe machte ihn

ihr doppelt wert. Es war eine köstliche Stunde im traulichen Gemach

der Hausfrau --, aber noch war mancher Sturm zu bestehen, ehe das

Schifflein der Liebenden im sicheren Hafen landete. Herr Wilibald

konnte sich nicht entschließen, seine Einwilligung zu ihrer Verbindung

zu geben; die alten, festgewurzelten Vorurteile gegen den adligen Stand

verbanden sich mit der tiefen Abneigung, seine Lieblingstochter, deren

teilnehmendes Verständnis ihm unentbehrlich zum Leben schien, aus

seinem Hause fort, in eine unerreichbare Ferne ziehen zu lassen. Alle

Bitten Margaretens und seiner Gattin prallten an seinem hartnäckigen

Widerstande ab, sein „nein“ schien unumstößlich zu sein.

In tiefem Kummer war das Mädchen einmal zu Meister Andreas Fiedler

gegangen; der liebe, alte Mann mit dem kindlichen Glauben und der

reichen Erfahrung sollte ihr sagen, wie sie sich in dem herben

Zwiespalt zwischen dem Vater und dem Bräutigam verhalten solle.

Frau Eva und ihr Gatte wechselten bedeutungsvolle Blicke bei ihrem

traurigen Bericht. „So wollen wir es versuchen, Eures Vaters Herz zu

rühren,“ sagte der Alte endlich, „unserm Worte wird er vielleicht nicht

widerstehen.“

Margarete sah ihn erstaunt an, sie konnte sich die Zuversicht, mit

der er sprach, nicht erklären; welchen Einfluß glaubte der schlichte

Meister über den stolzen Patrizier zu besitzen? Sie gab sich keiner

Hoffnung hin, daß seine Einmischung zum Ziele führen werde.

Der Ratsherr saß in seiner Schreibstube am Pult, aber die Feder war ihm

aus der Hand gefallen, und er brütete düster vor sich hin. Da ward an

seine Thür geklopft, und auf seinen ärgerlichen Ruf -- denn wer wagte

es, ihn gerade jetzt zu stören? -- trat ein alter Mann mit schneeweißem

Haupthaar ein, auf eine Krücke gestützt, während eine ebenso alte,

einfache Frau ihn am andern Arm führte.

„Wer seid Ihr, und was wollt Ihr von mir?“ fuhr der Kaufherr auf.

„Kennt Ihr uns nicht mehr, Wilibald Ebner?“ fragte Andreas mit sanftem

Ernst. „Ich hätte Euch noch heute unter Tausenden erkannt, obgleich Ihr

Euch auch sehr verändert habt, seit Ihr zu Ulm in meinem Hause ein- und

ausgingt. Damals wart Ihr noch kein großer, reicher Herr, und Hedwig

Fiedlerin war nicht unter Eurer Beachtung.“

„Andreas Fiedler und Frau Eva!“ sagte Herr Wilibald erbleichend, indem

er sich erhob und die alten Leute durch ein Handbewegung zum Sitzen

einlud. „Freilich, es sind viele Jahre seit jener Zeit vergangen, und

es ist alles, alles anders geworden. Und doch habe ich die Jugend nicht

vergessen -- nein, sicher nicht! Hedwig Fiedlerin steht heute noch in

meiner Erinnerung, als ein wunderbar liebliches, engelreines Wesen, zu

gut für diese Welt und ihre grausamen Verhältnisse.“

Frau Eva wischte sich die Thränen aus den Augen, und Meister Andreas

sah sehr gerührt aus. „Ich will Euch jetzt, nach mehr als dreißig

Jahren, keinen Vorwurf machen, Herr Ebner,“ sagte er milde, „daß Ihr

unser einziges Kind verließt und ihm das treue Herz bracht -- Ihr mögt

Gründe gehabt haben, die Ihr für zwingend hieltet, und Hedwig ruht

längst in seligem Frieden. Aber wir wissen, was solch ein junges Herz

leidet, wenn ihm der liebste Wunsch versagt wird, und wir möchten Euch

bitten, inständig und mit allen Kräften: Bereitet Eurer eignen Tochter,

Eurer lieben, holden Margarete kein solches Los! Tausendmal schwerer,

als die Trennung von ihr, würde das Bewußtsein auf Euch lasten, ihr

Lebensglück vergiftet, ihre süßesten Hoffnungen geknickt zu haben. Seid

milde und gütig und gewährt Eurem Kinde das, was Ihr dem unsrigen einst

geraubt habt!“

Lange saß der Ratsherr, den Kopf in die Hand gestützt, und kämpfte

schwer mit sich selbst und seinem harten Sinn. Endlich stand er auf,

reichte den beiden Alten die Hand und sagte: „Ihr habt mich bezwungen!

Heute noch feiern wir die Verlobung meiner Margarete mit Ulrich von

Maltheim. Möchte der Himmel das Opfer, das ich bringe, als eine Sühne

annehmen für das, was ich an Eurer Tochter verschuldete!“

[Illustration]

Achtzehntes Kapitel.

Hochzeit.

Seliger Tag, da der Braut ein neues Heim sich erschlossen!

Aber mit Thränen im Aug’ läßt sie das alte zurück.

Es war eine glückliche Zeit, die nun folgte; Margarete war

unbeschreiblich lieblich in ihrem bräutlichen Glück, das wie ein

heller, warmer Sonnenstrahl aus ihren Augen leuchtete, und das, im

Verein mit ihrer dankbaren Zärtlichkeit, ihren Vater wenigstens nicht

bereuen ließ, seiner selbstsüchtigen Liebe dieses Opfer abgerungen

zu haben. Und er konnte es nicht einmal vor sich selber leugnen, daß

Ulrich ihrer wert sei; trotzdem, daß er ein Edelmann und Fürstendiener

war, erschien er in jeder Lage als ein ganzer Mann, dessen

Rechtschaffenheit und Wahrhaftigkeit selbst dem eingefleischten Bürger

volle Achtung abnötigte.

Ulrich kam und ging; er besuchte Irmgard in ihrer klösterlichen

Zurückgezogenheit und erledigte mancherlei Aufträge seines fürstlichen

Herrn, besonders suchte er Werkleute zu werben, welche bereit wären,

ihm nach der Mark zu folgen. Kurfürst Johann Cicero hatte verschiedene

große Bauten vor, so lag ihm vor allen der Bau der neuen Universität

am Herzen, die er zu Frankfurt an der Oder gründen wollte, und dazu

bedurfte er eines gewiegten Steinmetzen, der imstande wäre, den ganzen

Bau zu leiten. Ulrich hatte an Hans Fiedler gedacht, und dieser hätte

auch sogleich mit beiden Händen zugegriffen, wäre nicht die Rücksicht

auf seine und Sabinens Mutter gewesen -- denn daß das Mädchen ihm auch

in die Fremde folgen würde, das wußte er gewiß. Die Anerbietungen waren

aber so günstig, daß ein junger Meister sie gar nicht ablehnen konnte,

auch handelte es sich vorläufig nur um einige Jahre; so ließen denn die

Mütter ihre Einwendungen fahren und gaben ihre Zustimmung. Es wurde

beschlossen, daß beide Hochzeiten beim Beginn des Herbstes stattfinden

und die beiden jungen Paare gemeinsam die Reise nach dem Norden

antreten sollten. --

Es war ein goldig klarer Herbsttag: die Sonne hatte siegreich die

Morgennebel bezwungen, ein frischer Wind hatte die Wolken auseinander

gejagt, so daß sie sich, wie eine schneeweiße Lämmerherde, am Rande des

Horizontes lagerten. Unter dem Nußbaum, der noch seine volle Laubkrone

bewahrt hatte, stand Margarete, und wehmütige Gedanken zogen durch

ihre Seele. Der Baum war ihr wie ein alter Freund, an den sich tausend

liebe Erinnerungen knüpften: war er doch der Genosse ihrer kindlichen

Spiele mit Berthold gewesen, hatte er doch dem tief ergreifenden,

unvergeßlichen Abschiedsgespräch mit dem Bruder gelauscht und den

Zwiegesängen mit Ulrich zugehört, in denen es beiden klar geworden war,

daß sie zu einander gehörten. Von dem alten Nußbaum Abschied nehmen,

das hieß scheiden von den geliebten Eltern und der teuern Heimat, von

der eng umfriedeten, sorgsam behüteten Jugend und hinausschiffen auf

das fremde Meer des Lebens, mit seinen Wellen und Stürmen, seinen

unbekannten Landeplätzen. Aber dann trat Ulrichs Bild vor ihr inneres

Auge, und mit ihm kehrte Mut, Vertrauen und Freudigkeit zurück; er

war der rechte Steuermann, dem sie sich wohl für die unsichere Fahrt

anvertrauen durfte, an seiner Seite wollte sie auch den Sturm nicht

fürchten, sondern mit ihm vertrauend nach oben blicken, wo nach Nebel

und Wolken Gottes Gnadensonne sicher wieder scheinen würde. So ging sie

freudig und gefaßt ihrem Ehrentage entgegen. --

Die Hochzeit wurde mit der gediegenen Pracht ausgerichtet, die dem

Reichtum und Ansehen des Patrizierhauses gebührte. Um die Mittagszeit

erschien der Bräutigam, gefolgt von seinen Genossen, teils Jünglingen

aus den vornehmsten Familien der Stadt, teils jungen Adligen, welche

mit Ulrich verwandt waren. Einer unter ihnen war zum Sprecher

auserkoren; er warb nach alter Sitte noch einmal in feierlicher Rede um

die Braut, der Vater übergab sie ihm, und er führte sie dem Bräutigam

zu, der sie mit vorgeschriebener Umarmung empfing. Dann ordnete sich

der hochzeitliche Zug zum Gange nach der Kirche; bunte Teppiche

bedeckten die Straße bis zum Gotteshause, und eine schaulustige Menge

bildete ein dichtes Spalier. Voran schritt ein Beamter der Stadt, der

mit seinem Stabe die Bahn frei hielt; ihm folgte Deodat mit Elsbeths

ältestem Töchterlein, welche den Weg mit Blumen bestreuten; dann

führte Ulrich Frau Ursula und Herr Wilibald die Braut. Herrlich waren

die beiden Hochzeiter anzuschauen: Ulrich trug ein anschließendes Wams

von dunkelrotem Samt mit Hänge-Ärmeln, das mit dunklem Pelz besetzt, an

Brust und Nacken dreieckig ausgeschnitten war, darunter ein Untergewand

von Goldbrokat mit engen Ärmeln, kurze, rote Beinkleider von Seide und

lange, fest anliegende Strümpfe von gleicher Farbe. Ein purpurrotes

Samtbarett mit wallender weißer Feder, das er erst an der Tafel mit

einem grünen Kranz vertauschte, saß auf seinen vollen Locken, eine

lange goldne Halskette, ein Geschenk seines kurfürstlichen Herrn,

reichte ihm bis auf die Brust herab; am silberbeschlagenen Gürtel

hing eine zierliche Ledertasche und ein Dolch in silberner Scheide.

Margarete trug ein Kleid von rosenroter, schwerer Seide mit kostbarem,

juwelengeschmücktem Gürtel; vorn keilförmig geteilt, ließ es ein

Unterkleid von reichgemustertem Silberbrokat sehen. Das knappe Mieder

mit den herabfallenden Ärmeln war mit Perlenschnüren zugenestelt,

ein breites Halsband von Perlen und Diamanten, das fürstliche

Hochzeitsgeschenk ihres Vaters, schlang sich um die feine Halskrause.

Auf ihrem Haupt erhob sich ein luftiges Gestell von Draht, auf dem

das grüne Jungfernkränzlein thronte, und von welchem der lange, zarte

Spitzenschleier bis auf die Erde herabwallte. -- Als der Gottesdienst

vorüber und die kirchliche Handlung beendet war, empfing eine Bande

von Spielleuten an der Kirchthür den Hochzeitszug und stellte sich mit

lustigem Geschmetter an die Spitze; dann folgte das junge Paar Hand

in Hand. -- Endlich waren die treuen Herzen vereint und hatten ein

heiliges Recht, einander anzugehören.

Ein festliches Hochzeitsmahl vereinte die Gäste im Ebnerhause, und

die reichbesetzte Tafel bot einen prächtigen Anblick dar: stattliche

Männer und schöne Frauen, köstliche Gewänder von Samt und Seide, mit

edlem Pelzwerk verbrämt, mit funkelndem Geschmeide verziert, umgaben

sie; reiches Gold- und Silbergeschirr, schön gearbeitete Becher, Kannen

und Schüsseln, die alten und neuen Schätze der Tuchers und Ebners

prangten darauf, und die Reihe der Gerichte und feurigen Weine war

schier unabsehbar. Vergebens hatte Margarete versucht, Meister Andreas

und seine Eva zu bewegen, an ihrem Feste teilzunehmen; sie fühlte sich

ihnen zu innigstem Dank verpflichtet, obgleich sie nicht ahnte, durch

welches Mittel der alte Meister den Widerstand ihres Vaters besiegt

habe. Aber die beiden Alten dankten für die ihnen zugedachte Ehre; sie

fühlten daß sie dort nicht hinein paßten, und begnügten sich mit den

Besuchen, die ihnen die Verlobten in dankbarer Liebe abstatteten.

Am folgenden Tage veranstaltete Ulrich ein Fest auf der Nürnberger

Burg, an dem zugleich die ganze Hochzeitsgesellschaft der Dürers und

Fiedlers teilnahm. Alle angesehenen Leute Nürnbergs, auch die Künstler

und höheren Zunftgenossen, waren dorthin geladen, und viele fanden sich

ungebeten ein, um alle die Herrlichkeit wenigstens von weitem anzusehn.

Musik, Gesang und Tanz vergnügte die Jugend; um die große Linde im

Burghof führte man fröhliche Reigentänze auf, bei deren Anordnung

sich besonders der Schwager Hans Fiedlers, der junge Albrecht Dürer,

hervorthat. Mit künstlerischem Blick wußte er die schönsten Tanzfiguren

einzuleiten und die schwierigsten Verschlingungen in anmutiger

Gruppierung harmonisch aufzulösen. Alles schaute dem kunstreichen

Tanz bewundernd zu, und der alte Maler Michael Wohlgemuth nickte

wohlgefällig mit dem grauen Haupte: er war mit seinem Schüler zufrieden

und prophezeite ihm eine glänzende Zukunft in der Kunst der Malerei,

der er sich bereits gewidmet hatte.

Auf die festlichen Tage mit ihrem rauschenden Jubel folgten die

Schmerzen und Thränen des Abschiedes. Lange hielten Mutter und Tochter

sich umschlungen, als könnten sie nimmer voneinander lassen; in diesem

Augenblick fühlten beide, daß sie einander nicht wiedersehen würden.

-- Vor der Thür stand ein, für damalige Begriffe bequemer Reisewagen,

der die beiden jungen Frauen aufnehmen sollte; die Männer ritten

daneben, einige hochbeladene Packwagen mit Möbeln und Hausrat waren

unter sicherer Bedeckung schon um einige Tagereisen vorausgeschickt.

Herr Wilibald Ebner gab den Reisenden eine Strecke weit das Geleit;

noch einmal schloß er Margarete in seine Arme und gab ihr seinen

väterlichen Segen. Dann schüttelte er Ulrich die Hand: „Macht sie

glücklich,“ sagte er mit halb erstickter Stimme, „und haltet sie

hoch und wert, sie ist ein seltenes Kleinod. Solltet Ihr aber des

märkischen Sandes und des Hofdienstes überdrüssig werden und Euch nach

der alten Heimat zurücksehnen, so wisset, daß ich in meinem Testament

Hohenheiligen Margareten als Erbteil verschrieben habe, daß es ihr und

ihren Nachkommen für alle Zeit gehöre.“ Damit wendete er sein Pferd und

sprengte, ohne sich umzuschauen, nach der Stadt zurück.

So zogen die vier jungen Menschen in der Vollkraft ihres Wollens

und Könnens hinaus: der Edelmann aus altem Rittergeschlecht, die

Patriziertochter und die beiden Handwerkerkinder, um sich im fremden

Lande Haus und Heim zu gründen. Mit sich nahmen sie die höhere Bildung,

die verfeinerten Lebensformen und die künstlerischen Interessen ihrer

alten Heimat und pflanzten sie als fruchtbare Keime in den Boden

der Mark ein. Neue Geschlechter erblühten dort, welche fester und

treuer zu den stammverwandten Kurfürsten hielten, als die märkischen

Junker, die zum Teil noch lange in ihren Zollern-Fürsten Fremde und

Eindringlinge sahen, und ihnen feindselig gegenüberstanden. Aber die

Einwanderer fanden dort auch Gutes und Treffliches vor, das sie mit

Freuden annahmen und das sich in den Seelen ihrer Kinder festwurzelte,

und so erwuchs allmählich aus der Verschmelzung der verschiedenen

Elemente ein tüchtiger Stamm, der die Tugenden des Nordens und Südens

in sich vereinte und in fleißiger Arbeit und redlichem Streben, in

unwandelbarer Unterthanentreue und aufrichtiger Frömmigkeit den Thron

des Herrschers als feste Stütze umgab.

[Illustration]

Neunzehntes Kapitel.

Nach vierzig Jahren.

Freunde der Jugend -- im Alter vereint: es trennt sie der Glaube,

Hoffnungen sanken in Staub, aber die Liebe, sie bleibt!

Mehrere Jahrzehnte waren verflossen, eine neue Zeit war über

Deutschland heraufgezogen. Der Schwan, den Meister Andreas so

sehnsüchtig erwartet hatte, war hundert Jahre nach Hussens Tode

erschienen: Luthers gewaltiges Auftreten lenkte das geistige Leben der

Nation in ganz veränderte Bahnen. Alte Fesseln sprangen, gefangene

Geister und Gewissen wurden frei; die dichte Wolke von Heiligen und

Priestern, welche sich zwischen Erde und Himmel gedrängt hatte, teilte

sich, und die frommen Herzen lernten ihren Weg zu Gott selbständig

und ohne Fürsprecher finden. Die Klöster öffneten sich, und hunderte

von Mönchen und Nonnen folgten dem Beispiel des Reformators, warfen

die erzwungenen, oder als nichtig erkannten Gelübde von sich, um

hinfort Gott nicht in beschaulichem Müßiggang, sondern in ehrlichem

Arbeiten und Schaffen zu dienen. Auch in die Klassen der Mühseligen

und Beladenen dieser Erde, vor allem in die der schwer gedrückten

Bauern drang die frohe Botschaft von der evangelischen Freiheit und

der Gleichheit aller Menschen vor Gott ein und wurde mit freudiger

Hoffnung aufgenommen. Längst schon war ihnen das Joch der übermütigen

geistlichen und weltlichen Herren unerträglich geworden; oft schon

hatten sich hie und da Bauernbünde gebildet, welche die Befreiung der

Unterdrückten anstrebten, jetzt kam ein neuer, mächtiger Antrieb in die

Sache. Das Streben nach Abstellung des zeitlichen Elendes verband sich

mit edleren Zielen, religiösen Gedanken und berief sich auf göttliche

Gebote. Aber dem Edlen und Berechtigten mischten sich nur zu bald

unreine Elemente bei; aufrührerische Geister predigten eine falsche

Freiheit, ein gewaltsames Abschütteln aller alten Verpflichtungen. Ein

Thomas Münzer, Jäcklin Rohrbach, Georg Metzler und andere entflammten

durch Wort und Beispiel die Bauern zu furchtbarer Gewaltthat, und durch

alle Gauen Deutschlands, vom Süden und Westen anfangend, zog sich der

entsetzliche Bauernkrieg, der alles bedrohte, was vornehm, reich und

gebildet war, oder unter der Herrschaft der Kirche stand.

Einige Meilen von Nürnberg entfernt, in der Nähe von Hohenheiligen, lag

das Kloster gleichen Namens, das den Klarissinnen gehörte, einem Orden

von der strengsten Regel. Das Kloster besaß ausgedehnte Ländereien

und viele hörige Leute, die durch den adligen Klostervogt in tiefster

Unterthänigkeit erhalten und zu harter Fronarbeit herangezogen wurden.

Manches, was der Ritter versah, ward durch die Mildthätigkeit der

Nonnen wieder gut gemacht; sie pflegten die Kranken, kleideten die

Nackten, speisten die Hungrigen und erwarben sich manches „lohn’s

Gott,“ während sich hinter dem Vogt oftmals eine schwielige Faust

ballte und ein zorniger Mund ihm Rache schwur.

Im Sommer des Jahres 1525 war es, als sich von Weinsberg her, wo

die Blutthat gegen den Grafen von Helfenstein Furcht und Entsetzen

verbreitet hatte, die wilde Flut der Bauernbewegung gegen Würzburg

wälzte; überall wurden Burgen und Klöster erstürmt und geplündert und

die einheimische Bevölkerung zum bewaffneten Aufstande ermuntert. Ein

räuberischer Haufe war bis nach Hohenheiligen gedrungen, hatte sich mit

den hörigen Leuten des Klosters verbrüdert und beschlossen, den Vogt zu

züchtigen und das reiche Klostergut an sich zu bringen.

Trefflich war der Überfall gelungen, der Ritter samt seinen Knechten

war gefangen und unschädlich gemacht worden, ehe er sich um Beistand

an seinen Nachbar wenden konnte; lärmend und tobend drang die wilde

Horde gegen das Kloster vor. Die Thür, die fest verschlossen war,

ward zertrümmert; wie ein reißender Strom ergoß sich die Rotte in die

stillen Kreuzgänge. Nirgends war ein menschliches Wesen zu sehen,

unheimliches Schweigen gähnte die Raubgesellen aus allen Winkeln und

Zellen an. So drangen sie bis in die Kirche vor, aber hier hielten

die rohen Männer unwillkürlich inne. Vor dem Altar, über dem die

ewige Lampe schwebte, lagen die sämtlichen Nonnen auf den Knieen; in

ihrer Mitte stand die Äbtissin, eine kleine, feine Gestalt im weißen,

faltigen Rock und weißen Wimpel, der Brust und Hals in dicken Falten

umgab. Vom Kopf herab wallte der schwarze Nonnenschleier bis zu den

Ellenbogen, auf der Brust glänzte ein großes, goldenes Kreuz. In dem

marmorweißen Antlitz stand keine Furcht geschrieben, nur feste

Entschlossenheit; die dunklen Augen leuchteten in todesmutiger Ruhe;

sie hielt den Anstürmenden ein Kruzifix entgegen, und ihre Lippen

bewegten sich in leisem Gebet. Der Anblick hatte etwas überwältigend

Feierliches, Ehrfurchtgebietendes; die von Hohenheiligen erinnerten

sich plötzlich all der Wohlthaten, die ihre Frauen und Kinder hier

empfangen hatten, sie senkten Spieße und Sensen und drückten sich

still hinaus. Die Fremden aber ließen sich nicht lange einschüchtern;

ein riesiger Bursche, der den Anführer machte, stellte sich der

Äbtissin gegenüber und verlangte gutwillige Herausgabe aller Schätze,

widrigenfalls er und seine Genossen sie mit Gewalt nehmen würden.

[Illustration: Der Retter in der Not.]

„Die heiligen Gefäße und Gerätschaften gehören nicht mir, sondern dem

Kloster,“ erwiderte die Äbtissin mit klarer Stimme; „nie, so lange

ich atme, werde ich das anvertraute Gut den Händen der Feinde unsrer

heiligen Kirche übergeben.“

„Nehmt Euch in acht, Ihr winziges Milchgesicht!“ rief der Sprecher

drohend, „es kostet mir nur ein Aufheben meines Spießes, so ist Euer

kindischer Widerstand gebrochen, und Ihr liegt erschlagen am Boden.

Aber Ihr seid ein so erbärmlich schwacher Widersacher, daß ich Gnade

gegen Euch üben will, wenn Ihr ohne weitere Umstände meinem Befehl

gehorcht. Ich will bis zwanzig zählen: legt Ihr inzwischen alle Eure

verborgnen Kostbarkeiten vor uns nieder, so sollt Ihr ungeschoren

bleiben; weigert Ihr Euch, so wird’s Euch schlimm ergehen, und wir

nehmen, was wir begehren, mit Gewalt!“

Er fing langsam zu zählen an, regungslos blieb die Äbtissin vor ihm

stehen, während die zitternden Nonnen sich näher an sie drängten.

„Sechzehn, siebzehn, achtzehn,“ zählte der Bauer; schon hob er seinen

Spieß, und seine Mordgesellen hielten ihre Waffen zum tödlichen Schlage

bereit -- da fuhr plötzlich eine andre bewaffnete Schar auf die Räuber

ein, Schwerter klirrten, Pistolenschüsse dröhnten durch die heilige

Stätte. Ein wilder Kampf begann zwischen den Bauern und den neuen

Ankömmlingen, welche durch eine Seitenpforte hinter dem Altar in die

Kirche gedrungen waren und sämtlich die Abzeichen des Deutschen Ordens

trugen. Der Anführer eilte auf die Äbtissin zu, schlug seinen weißen

Mantel um sie und hob sie mit starken Armen empor. „Ihr müßt fliehen,

hochwürdigste Frau!“ rief er ihr zu und schleppte sie durch das

Pförtchen; eilenden Fußes folgten ihm die Nonnen. Er hob die Äbtissin

auf sein Pferd und jagte mit ihr davon, während die frommen Schwestern

ihr Heil in wilder Flucht suchten.

Das alles war so schnell und mit so unwiderstehlicher Gewalt vor sich

gegangen, daß die geistliche Frau kaum zur Besinnung kam, geschweige

denn einen Widerstand versuchen konnte. Nach einigen Minuten richtete

sie sich auf und fragte in strengem Ton: „Wer seid Ihr, und wohin

bringt Ihr mich?“

„Ich bringe Euch in Sicherheit, Irmgard von Maltheim,“ erwiderte der

Ritter; „Euer todeskühner Leidensmut würde Euch diesen Buben gegenüber

wenig genützt haben, und nicht unter ihren kirchenschänderischen Händen

solltet Ihr Euer Leben aushauchen.“

„Ihr nennt einen Namen, der längst begraben ist,“ versetzte sie

wehmutsvoll; „seit einem halben Jahrhundert habe ich Schwester Matthäa

geheißen. Und Ihr? woher kennt Ihr meine Vergangenheit? von wannen

kommt Ihr?“

„Kennt Ihr mich denn gar nicht mehr, Irmgard? ist kein Zug an mir, der

Euch an die alte, längst verklungene, glückliche Jugend gemahnte?“

Sie sah ihn aufmerksam an. Das Gesicht war einst vielleicht schön

gewesen, aber eine harte Zeit hatte es mit tiefen Furchen gezeichnet,

Haare und Bart waren grau, und um den Mund lag ein Zug bitterer

Enttäuschung. Nur in den dunklen Augen glühte noch das Feuer früherer

Tage, -- und diese Augen, obwohl sie einst lachend und sorglos in die

Welt hinausgeschaut, riefen ihr das Bild des Jugendfreundes zurück.

„Ihr müßt Berthold Ebner sein,“ sagte sie, tief aufatmend.

„Ich +war+ es, aber auch ich habe diesen Namen längst begraben, meine

Flucht aus dem Kloster hatte mich seiner unwert gemacht. Als mich der

Hochmeister unsres Ordens zum Ritter schlug, legte er mir den Namen

Berthold von Franken bei, und diesen habe ich seit vierzig Jahren, wie

ich hoffe, nicht mit Unehren geführt.“

Vor ihnen tauchte jetzt ein schmuckes Herrenhaus auf, keine Burg mit

Türmen und Gräben, mit Donnerbüchsen gespickt, sondern ein friedlicher

Landsitz, der zwar von einer Mauer umgeben und mit starken Thoren

versehen war, aber doch ein freundliches, ländliches Gepräge trug.

„Wißt Ihr, wer hier wohnt?“ fragte Berthold.

„Auch ein Genosse unserer Jugend: Ulrich von Maltheim.“

„Mein Schwager Ulrich?“ rief er erstaunt, „welch wunderbares

Zusammentreffen! Ich glaubte ihn in kurbrandenburgischen Diensten, wo

ich ihn vor fünfzehn Jahren aufgesucht habe!“

„Er hat sich vom Hofdienst in diese ländliche Stille zurückgezogen.

Hätte er nur geahnt, was uns drohte, er wäre uns gleich zu Hilfe

geeilt, obgleich auch er unsrer heiligen Mutter Kirche untreu geworden

und zum neuen Glauben übergetreten ist.“

„Darf ich Euch bitten, hier abzusteigen, Irmgard, und allein

einzutreten?“ fragte Berthold, als sie am Thor angelangt waren, „ich

muß zurück, um nach meinen Leuten zu sehen.“

„O ich bitte Euch, erkundigt Euch auch nach meinen armen Schwestern --

ich habe sie treulos in der Gefahr verlassen, wie ein Mietling, der den

Wolf kommen sieht und flieht!“

„Ihr gehorchtet nur dem Zwange, auch hättet Ihr sie nicht schützen, nur

mit Ihnen sterben können. Aber seid ohne Sorge, meine Leute werden den

Rebellen wacker die Zähne gezeigt haben, und dieser elende Bauernpöbel

flieht, sobald man ihm ernsthaft gegenübertritt.“

Als Berthold nach wenigen Stunden zurückkehrte, konnte er gute

Nachricht mitbringen: die Ordensbrüder waren mit dem Bauerntrupp bald

fertig geworden, der Vogt und seine Knechte waren befreit und das

Kloster besetzt, um es gegen eine Wiederkehr der Aufrührer zu schützen.

Mehrere Nonnen waren bereits zurückgekehrt, anderen, die sich in der

Nähe verborgen, war Botschaft gesendet worden, daß sie nichts mehr zu

fürchten hätten, einige freilich hatten die gute Gelegenheit benutzt,

um die heimlich ersehnte Freiheit zu gewinnen. Die Äbtissin ließ sich,

angesichts der hergestellten Sicherheit, überreden, den Tag über in

dem verwandten Hause zu verweilen und erst zur Nacht in das Kloster

zurückzukehren.

Es war ein wehmütiges, und doch unendlich wohlthuendes Beisammensein

der alten, so lange getrennten Jugendgenossen, die hier in trautem

Kreise ihre Lebensschicksale austauschten. Am wenigsten hatte Irmgard

zu berichten; aus dem langen Gleichmaß ihrer Tage ragte eigentlich nur

ein großes Ereignis hervor: ihre Wahl zur Äbtissin. Auch in ihre streng

geregelte Gemeinschaft hatte die Kunde von Luthers Auftreten Eingang

gefunden, aber die unwandelbare Festigkeit der Oberin, welche mit Liebe

und ernstem Eifer über die ihr anvertrauten Seelen wachte, hatte bis

jetzt noch jeden Abfall vom alten Glauben verhindert.

Viel bewegter war das Leben gewesen, von dem Ulrich und Margarete zu

erzählen hatten. Manche Not und Widerwärtigkeit hatten sie in der Mark

zu überwinden gehabt, wo die Zustände noch vielfach ungeordnet, die

Mittel immer knapp waren. Aber die unverbrüchliche Liebe und Treue,

welche die beiden Gatten vereinte, hatte weder in guten, noch in

bösen Tagen gewankt, und wenn Ulrich in seinem Amt auf Schwierigkeiten

stieß, wenn ihm zuweilen Hindernisse in den Weg traten, die seine

guten Absichten kreuzten und ihm bittere Täuschungen bereiteten, so

fand er in seinem Hause immer einen Hafen des Friedens, in dem seine

Kraft sich stärkte und sein Streben neue Anregung fand. Nach Johann

Ciceros Tode war Ulrich in den Dienst seines Nachfolgers, Joachims

des Ersten, übergegangen und hatte denselben in seinem Bemühen, die

Rechtspflege zu fördern und die Verwaltung in gedeihliche Bahnen

zu lenken, mit all seinem Wissen und Wollen kräftig unterstützt.

Als aber die neue Zeit anbrach und die Reformation ihren Siegeslauf

begann, als Ulrich und sein Weib sich der reineren Lehre alsbald mit

ganzem Herzen anschlossen, da hatte der Abscheu des Fürsten gegen die

Neuerung seinem geheimen Rat den weiteren Dienst unmöglich gemacht,

und derselbe hatte sich nach Hohenheiligen zurückgezogen, das nach des

Vaters Tode Margareten zugefallen war. Hier führte er ein stilles Leben

voll geistiger Arbeit, während sich sein Ehegemahl in der alten Heimat

sehr glücklich fühlte. Sie sorgte wie eine Mutter für alle Elenden

und Betrübten und ward von ihrer Umgebung unbeschreiblich verehrt.

In Hohenheiligen hätten die Anführer sicher keinen Anklang mit ihren

Aufreizungen gefunden, denn dort wurden alle gerechten Beschwerden

liebevoll angehört und abgestellt; das kleinste Bäuerlein konnte seinen

Acker in Frieden bauen und dessen Früchte ohne erdrückende Lasten und

Fronen genießen.

Die Kinder des edlen Elternpaares waren in aller Welt zerstreut, die

Söhne dienten verschiedenen Herren, nur der jüngste studierte, zur

Freude seiner Mutter, zu Wittenberg die Gottesgelahrtheit, um einst

ein Prediger des Evangeliums zu werden. Von den Töchtern war nur

noch eine zu Hause, und ihre holde Jungfräulichkeit bildete einen

lieblichen Gegensatz zu der matronenhaften Schönheit und Würde, welche

Frau Margareten eigen waren. Unter der weißen Schleierhaube, die das

ergraute Haar bedeckte, leuchteten deren graue Augen in ungetrübtem

Glanze hervor, ein Hauch von Milde und Güte lag über den edlen Zügen,

und die hohe, ungebeugte Gestalt kam auch in der schlichten Kleidung

des Alters noch zu voller Geltung. --

Bertholds Geschichte war eine Kette trüber Täuschungen. Die Flucht aus

dem Kloster hatte ihm wie ein schwerer Bann auf Seele und Gewissen

gelegen; er konnte der gestohlenen Freiheit nicht froh werden, und

sein Leben ward, wie das seiner Mutter, eine Reihe von Bußen, um

diese Schuld zu sühnen. Nur zu bald hatte er erkennen müssen, daß

er sein Leben an eine verlorne Sache gesetzt habe, daß der Deutsche

Orden im Absterben sei und seinem Ende entgegeneile. Weder Friedrich

von Sachsen, noch Albrecht von Brandenburg, die letzten Hochmeister,

hatten es vermocht, dem Verderben Einhalt zu gebieten; von innen hatten

sich die alten Bande der Zucht und Ehre völlig gelockert, von außen

drohte Polen mit seiner Übermacht den Orden zu erdrücken, und die Kraft

und Tapferkeit der Einzelnen erschöpfte sich in nutz- und ruhmlosen

Kämpfen. Endlich hatte Albrecht Frieden mit der Krone Polen gemacht

und über den Trümmern der Ordensherrschaft ein weltliches Herzogtum

Preußen errichtet; dann hatte er den neuen Glauben angenommen und sich

mit einer Fürstentochter vermählt. Aber nicht alle Ordensritter wollten

sich der neuen Ordnung der Dinge fügen; viele zogen sich grollend

zurück, unter ihnen Berthold, den das Gelübde seiner Mutter mit

unzerreißbaren Banden gefangen hielt. Mit einer Schar gleichgesinnter

Ordensbrüder, die ihn zum Anführer erwählten, hatte er das Preußenland

verlassen, um nach dem Süden zu ziehen, wo der Deutschmeister Walter

von Kronberg zu Mergentheim die zersprengten Reste vereinigte, und wo

der Deutsche Orden noch lange ein schattenhaftes Dasein, ohne innere

Kraft und Bedeutung, führen sollte. Die Zeiten des Rittertums waren

unwiederbringlich dahin, selbst der ritterliche Kaiser Maximilian hatte

die abgestorbenen Formen nicht neu beleben können. Man nannte ihn den

letzten Ritter, und mit ihm ward die alte Zeit für immer begraben. --

„Was ist aus unserm Jugendgespielen Hans Fiedler geworden?“ fragte

Berthold.

„Er ist in der Mark geblieben,“ versetzte die Schwester, „wo er eine

ansehnliche Stellung als erster Baumeister des Kurfürsten einnimmt und

ein reiches Feld für seine Gaben gefunden hat. Nach dem Tode unserer

Mutter holte er unsre treue Afra zu sich; sie ist erst vor wenigen

Jahren in hohem Alter gestorben, nachdem sie das Glück genossen, einen

Kreis zahlreicher Enkel um sich erblühen zu sehen.“

Am folgenden Tage sandte Ulrich eine Botschaft an Elsbeth und Deodat

in Nürnberg, daß der lang entbehrte Bruder eingekehrt sei, und entbot

sie zu einem Gastmahl in seinem Hause. So waren einmal alle vier

Geschwister unter einem Dache vereint: Berthold von Franken, Margarete

von Maltheim, Elsbeth Tucherin und Deodat Ebner, und verschieden wie

ihre Namen, waren auch ihre äußeren und inneren Verhältnisse. Deodat

war wie Margarete mit voller Überzeugung der neuen Lehre beigetreten,

Berthold hielt starr am alten Glauben fest, ohne die Berechtigung

der Reformation zu prüfen, und auch Elsbeth war, wie ihr jüngst

verstorbener Gatte, der alten Kirche treu geblieben, hatte es aber

nicht hindern können, daß ihre Kinder meist in das Lager der Neuerer

übergegangen waren. Berthold hatte seinen Kindertraum erfüllt gesehen:

er war ein Ritter geworden, aber sein Glück hatte er nicht gefunden.

Deodat war in seines Vaters Fußstapfen getreten und brachte den Namen

Ebner zu neuem Ansehn und vermehrten Ehren in der alten Vaterstadt;

auch hatte er mehrere Söhne, welche die von Herrn Wilibald ersehnte

Fortdauer seines Geschlechtes verbürgten. Die Namen Ebner und Tucher

blieben eng vereint, und die verbundenen Häuser standen noch lange

in hoher Blüte, als ein würdiges Bild patrizischen Reichtums und

bürgerlicher Ehrenhaftigkeit.

[Illustration]

Druck von +August Pries+ in Leipzig.

[Illustration:

Im Banne der freien Reichsstadt · 第 10 / 16 题