„Ich hasse ihn, so lange er über mir steht und hochmütig auf mich
herabblickt; wenn ich ihn besiegt habe, hört der Haß auf. Meine Kinder
sollen nicht geringer sein, als die der stolzen Burgherren, und mein
Sohn soll einen angesehenen Namen auf seine Nachkommen vererben!“
[Illustration]
Neuntes Kapitel.
Der Sturz des Tyrannen.
Zittre, du blut’ger Tyrann! denn über dir thronet ein Rächer,
Der dich vom prangenden Stuhl stürzt in die Tiefe hinab.
Es war im März des Jahres 1477. In der Schenke zum blauen Affen ging
es heute sehr lebhaft zu, Trudel und Nelleke hatten alle Hände voll
zu thun, um die Gäste zu bedienen; sie flogen mit leeren und vollen
Bierkrügen hin und her, während Frau Bärbel in einsamer Hoheit hinter
dem Schenktisch thronte und mit Feldherrnblick das bunte Gewühl
überschaute. Sie behielt jeden Trinker im Auge und schrieb auf die
schwarze Tafel mit Kreide allerlei Hieroglyphen, welche jedem andern
unverständlich waren, von ihr aber mit unfehlbarer Sicherheit in die
Rechnung für den betreffenden Zecher übersetzt wurden. Es war ein
entlassener Kriegsknecht eingetroffen, von Geburt ein Nürnberger,
der in burgundischem Sold gestanden hatte und nun in die Heimat
zurückgekehrt war. Er hatte viel zu berichten; der Kreis, der sich um
ihn sammelte, wurde immer größer und dichter, und immer wieder öffnete
sich mit schrillem Glockenton die Thür, um neue Gäste einzulassen.
Ein wenig abseits von dem großen Haufen saß an einem kleinen Tischchen
Hans Fiedler. Er kam oft hierher, aber nicht, um zu zechen, sondern um
zu zeichnen, denn er fand hier manchen interessanten Charakterkopf,
an dem er seine Studien machte. Frau Bärbel war ihm sehr gewogen,
denn sie kannte seine Großmutter von altersher und schenkte ihm stets
ein volleres Maß Bier ein, als sein schmaler Beutel ihm zu bezahlen
erlaubte. Während er aufmerksam die Gruppe der Männer beobachtete
und ihre Gesichter festzuhalten suchte, lauschte er zugleich auf ihr
Gespräch.
„Ja, ja, so ist es,“ sagte der Kriegsknecht, „Ihr mögt es glauben
oder nicht, der mächtige Burgunderherzog ist tot, mausetot; die
schweizerischen Eidgenossen haben ihm den Garaus gemacht. Bei Granson
verlor er das Gut, bei Murten den Mut, bei Nanzig das Blut -- nun
ist’s vorbei mit all seiner Herrlichkeit. Ich selbst war unter denen,
die seine Leiche suchten und endlich in einem Graben fanden, halb
entkleidet, von Speerstichen durchbohrt, mit geronnenem Blut überströmt
-- ein jammervoller Anblick!“
„Ist’s möglich? -- entsetzlich! -- solch ein großmächtiger Herr
-- Hochmut kommt vor dem Fall“ -- so scholl es von allen Seiten
durcheinander.
„Aber erzählt uns alles ordentlich der Reihe nach,“ rief einer; „man
munkelte schon im Herbst von großen Niederlagen, aber so schlimm hat
man sich’s doch nicht gedacht.“
„Ja, ja, erzählt, Freund Nepomuk,“ riefen viele, „besser, als von Euch,
der Ihr alles selbst erlebt habt, können wir’s nicht erfahren.“
Der Kriegsknecht that einen tiefen Zug und begann: „Um Lichtmeß vorigen
Jahres war’s, da zog das burgundische Heer über das Juragebirge ins
Waadtland, um die Schweizer zu bekriegen, die dem Herzog viel Schaden
zugefügt hatten. Es war ein stattlicher Heereszug, eine prächtige
Reiterei in stolzen Waffen, die stärksten Kanonen, die noch die Welt
gesehen, und wir alle dachten, mit den armen Hirten schnell fertig zu
werden. Wir rückten auf Bern zu und standen am Neuenburger See, als
uns die Eidgenossen entgegenkamen, alle zu Fuß, mit Schwert und Lanze
bewaffnet, kaum etliche hundert Reiter darunter. Beim Anblick unsres
gewaltigen Heeres, das durch den See und die Berge, durch furchtbare
Geschütze und eine starke Wagenburg nach allen Seiten gedeckt war,
fiel das Bauernvolk auf die Kniee und hob die Hände zum Himmel empor;
sie riefen nach der Väter Sitte zum Herrn der Heerscharen, wir aber
glaubten, sie flehten um Gnade, und mit Hohngelächter drang unsere
Reiterei vor. Aber die Ebene war zu schmal, die Lanzen der Schweizer
starrten den Pferden entgegen wie ein undurchdringlicher Wall. Der
Herzog befahl den Rückzug, um einen besseren Kampfplatz zu gewinnen,
es gelang, -- die stramme Ordnung der Eidgenossen lockerte sich --
schon drängten wir sie nach dem See -- da erschien plötzlich auf der
Höhe neues Kriegsvolk -- die gewaltigen Schlachthörner, der Stier von
Uri und die Kuh von Unterwalden, erfüllten die Luft mit furchtbarem
Getön, und wie die Sonne die Waffen der Ankommenden bestrahlte, da war
es, als stiege ein Heer von Riesen von den Bergen herab. Ein panischer
Schrecken befiel das Burgunderheer, alles schrie: rette sich, wer
kann! und ergriff die Flucht; wie der Rauch vom Nordwind, so waren
bald die Scharen nach allen Richtungen versprengt. Vergebens schwang
der Herzog das blanke Schwert und suchte die Seinen zu halten -- da
half kein Drohen, kein Bitten und Befehlen; er selbst mußte eilends
seinen besten Renner besteigen und fliehen. Unser fünfe waren es,
die ihn begleiteten, und einen schärferen Ritt habe ich mein Lebtag
nicht gemacht; erst sechzehn Stunden von Granson machten wir Halt. Die
Prachtgezelte des Fürsten und seiner Edlen, die herrlich gestickten
Decken und Gewänder, die Masse von goldenen und silbernen Gefäßen, die
kostbaren Reliquien, die Flut von Edelsteinen und gemünztem Gelde --
das alles fiel den Eidgenossen in die Hände, die es kaum zu schätzen
wußten. Man sagt, sie hätten Gold und Silber mit Hüten ausgemessen
und verteilt, und gestickte Seide und feinste Leinwand wie in einem
Kramladen nach der Elle zerschnitten.“
Mit angehaltenem Atem lauschte der Kreis der Zuhörer, auch Trudel und
Nelleke hatten sich ganz nah herangedrängt, um kein Wort zu verlieren.
Die Beschreibung der Schlacht hörten alle in gespanntem Schweigen zu,
aber bei der Schilderung der Schätze wurde es lebhaft; da war keiner,
der nicht gewünscht hätte, bei der Plünderung gewesen zu sein und
seinen Teil an der reichen Beute gehabt zu haben. „Habt Ihr all die
Herrlichkeiten selbst gesehen? -- erzählt uns doch mehr davon -- warum
nahm der Herzog so viel Schätze mit auf den Kriegszug? -- o diese
glücklichen Schweizer! ich hätte die Seide wohl besser zu schätzen
gewußt -- ach, nur ein Hütlein voll Gold oder Silber --“ so klang es
wirr durcheinander.
„Schweigt still!“ rief eine starke Stimme dazwischen, „und laßt den
Nepomuk weiter erzählen, er ist noch lange nicht zu Ende. Trudel, mein
Täubchen, bring dem wackern Gesellen einen frischen Krug vom besten
Bier, damit er sich die Kehle anfeuchte, und schreib’s auf meine
Rechnung!“
Wieder herrschte tiefe Stille, und der Kriegsmann begann von neuem:
„Das war am ersten März. Wie schwer auch der Herzog getroffen war, so
verlor er doch nicht den Mut, sondern rüstete sofort mit allen Kräften,
um die Scharte blutig auszuwetzen. Im Mai hielt er Heerschau bei
Lausanne -- es war immer noch ein prächtiges Heer, aber er war nicht
mehr derselbe, der er gewesen; seine Wangen waren fahl, sein Blick
unstet und düster, seine Stimme drang hohl aus beklommener Brust. Alle
Fürsten und Könige hatten ihm abgeraten, den Kampf zu erneuern, aber
er schlug alle Mahnungen in den Wind -- er wollte um jeden Preis seine
kriegerische Ehre retten. Im Juni stießen wir bei Murten auf den Feind;
unser Fußvolk stand in gewaltigen Haufen, auf den Flügeln die Reiterei,
das Geschütz in der Front, durch einen starken Verhau gedeckt, davor
ein tiefer Graben. Der Himmel war mit schweren Wolken verhangen, als
aber die Eidgenossen zum Gebet niederknieten, brach die Sonne in voller
Pracht hindurch. Da erhoben sie sich, und mit dem Schlachtruf: Granson,
Granson! stürzten sie mit entsetzlichem Anprall auf uns los. Unsre
Geschütze rissen ihre Reihen nieder, die Reiterei brach in ihr festes
Viereck ein, bald türmte sich ein Wall von Leichen vor dem Verhau auf.
Aber plötzlich gab es mitten in unserer Schlachtordnung einen grausen
Tumult: ein Trupp Schweizer hatte den Verhau umschlichen und fiel
uns mit lautem Geschrei in die Flanke, -- während der herrschenden
Bestürzung drangen die Eidgenossen vorn vor, stürzten sich in den
Graben und bauten mit ihren Leibern eine Brücke, zerrissen den Verhau
und richteten unsre eignen Geschütze auf uns. Da war’s denn aus mit all
unsrer Siegeshoffnung.
Wieder mußte der Herzog fliehen, tausende von burgundischen und
flandrischen Edelleuten blieben tot auf dem Schlachtfelde, die
zersprengten Heerhaufen irrten im Jura, im Waadtlande umher und
suchten sich vergebens vor der Wut der Schweizer zu retten. Die gaben
keinen Pardon und machten keine Gefangnen; ohne Ansehen ward alles
getötet, was in ihre Hände fiel. Wie Raben und Krähen schossen sie
die Flüchtlinge von den Nußbäumen herab, in deren dichten Kronen jene
sich verborgen hatten; wie die wilden Enten jagten sie dieselben aus
dem Schilf des Murtener Sees auf und trieben sie ins Wasser, bis
sie untersanken. Wie ich mit dem Leben davongekommen bin, weiß ich
nicht zu sagen; drei Pferde wurden mir unter dem Leibe erstochen,
mich selbst traf keine Kugel und keine Hellebarde -- Sankt Sebald,
mein Schutzpatron, hielt seine Hand über mir und führte mich nach
dem blutigen Tage von Nanzig sicher und unversehrt heim in die alte
Vaterstadt.“
Längst war Hans der Stift entfallen, er hatte seine Zeichnung vergessen
und horchte mit allen Sinnen auf die Erzählung des Kriegsknechtes.
Mit welcher greifbaren Deutlichkeit stiegen die Erlebnisse seiner
Kindheit vor ihm auf! Er sah sich mit den Eltern und hunderten anderer
Flüchtlinge im Ardennerwald umherirren, aus jeder Ruhe aufgescheucht
durch die wilden Söldner des Burgunderherzogs; er hörte vor seinem
Ohr die entsetzlichen Flüche und Verwünschungen wiederklingen, welche
die Gehetzten gegen den blutigen, unbarmherzigen Herrn ausstießen,
das Röcheln der Sterbenden, den Jammer der Überlebenden. Nun hatte
die Rache des Höchsten ihn erreicht, der so hoch und unerschütterlich
fest zu stehen schien; nun hatte er selbst all das Elend zertrümmerter
Hoffnungen, die Angst der Flucht und zuletzt den jammervollsten Tod
erleiden müssen! Hans fühlte sich in tiefster Seele erschüttert; es
zog ihn plötzlich unwiderstehlich zu seiner Mutter hin, die er in der
letzten Zeit selten besucht hatte; ihre immer gleiche, starre Ruhe, das
dumpfe Schweigen, das sie in Jahren und Jahren nicht gebrochen, hatten
seine kindliche Liebe gedämpft und sein Vertrauen von ihr abgewendet;
aber in dieser Stunde durchlebte er im Geiste alles, was sie einst
erduldet hatte, und es kam ihm nicht mehr so unbegreiflich vor, daß sie
daran versteinert war. Er erbat sich bei Meister Adam Urlaub für die
nächsten Tage und begab sich am folgenden Morgen auf die Wanderung nach
dem Annenhof.
Es wanderte sich prächtig durch den stillen Wald; war die Luft auch
noch herb und kühl, so stand doch eine helle Sonne am wolkenlosen
Himmel, und zeigte die Landstraße noch unergründliche Tiefen und große
Wasserlachen, so waren doch die Raine und Fußpfade fest und trocken;
grüne Gräser und die ersten Blumen wuchsen zu Füßen, muntre Vöglein
zwitscherten zu Häupten des Wanderers. Er schritt rüstig zu und war
so mit seinen Gedanken beschäftigt, daß er weder nach rechts noch
links sah. Plötzlich blickte er befremdet auf: vor ihm lichtete sich
der Wald, durch die auseinandertretenden Stämme schimmerten Mauern
-- das war nimmer der Annenhof! es war kein Zweifel, er war falsch
gegangen. Ärgerlich lief er eine Strecke weiter, um sich Gewißheit
über die Örtlichkeit zu verschaffen; ein alter Turm zeigte sich, von
unregelmäßigen Mauern umgeben, eine aufgezogene Zugbrücke, in der Ferne
die dürftigen Hütten eines Dorfes: es konnte nur Burg Hohenheiligen
sein, die vor ihm lag.
Hans war sehr ungehalten über sich selbst, er hatte mindestens eine
Stunde verlaufen, und es verlangte ihn doch so dringend, der Mutter
und Großmutter alles mitzuteilen, was ihn bewegte. Obgleich er müde
war, mochte er doch hier nicht rasten; die Nähe der verfallnen Burg
hatte etwas Unheimliches, und man erzählte sich im Volke allerhand
grausige Dinge darüber. Junker Veit war freilich mit seiner Gattin
schon vor Jahren daraus verschwunden, denn mit der Zeit war ihm der
Boden unter den Füßen doch zu heiß geworden, und eines Tages war das
Raubnest leer gewesen. Und doch nicht ganz leer: irgend jemand hauste
dort, aber ob es ein Mensch, oder ein böser Geist sei, darüber konnte
man nicht ins klare kommen. Die Zugbrücke war aufgezogen, das deutete
auf einen Bewohner; in mondhellen Nächten hörte man mitunter im Walde
eine Büchse knallen, und der städtische Jäger fand manchmal kunstreiche
Fallen aufgestellt, in denen sich gewiß manches Stück Wild fing. Unter
den Dorfleuten wollten einige den lahmen Miklot erkannt haben, der
urplötzlich im Walde in den Boden versank oder ebenso plötzlich aus der
Erde auftauchte, aber vielleicht war es der Gottseibeiuns selber, der
hinkte auch auf seinem Pferdefuß. Kurz, alle diese Gerüchte bauten eine
stärkere Schutzwehr um die öde Burg, als ihre alten Mauern, und niemand
hätte es gewagt, dort tollkühn einzudringen.
Auch Hans wandte ihr schnell den Rücken und ging mit kräftigen
Schritten tiefer in den Wald hinein, um nur erst den Kreuzweg zu
erreichen, an dem er die falsche Richtung eingeschlagen hatte. Da
hörte er einen gellenden Schrei, wie er nur aus einer geängstigten
Menschenbrust kommen konnte; er lauschte aufmerksam, eine tiefe Stimme
tönte dazwischen, es klang wie ein Streit. Die Stimmen kamen auf ihn
zu, er verbarg sich hinter einem mächtigen Stamm und hielt seinen
derben Knotenstock bereit. Jetzt knackte es zwischen den Büschen,
eine breite Männergestalt ward sichtbar, die ein Etwas auf den Armen
trug, -- noch ein paar Augenblicke höchster Spannung, dann erkannte
der Lauscher, daß es ein Mädchen sei, das augenscheinlich mit Gewalt
fortgeschleppt wurde, denn es schrie von Zeit zu Zeit laut auf und
suchte sich loszumachen. Jetzt ging der Mann dicht an Hans vorüber, mit
fester Hand ergriff derselbe seinen Stock, der in der nächsten Sekunde
mit energischer Wucht auf den Hinterkopf des Räubers niederfiel. Er
taumelte -- noch ein Schlag, und er stürzte zu Boden; im Nu hatte Hans
die zarte Gestalt an sich gerissen und floh mit ihr davon, so schnell
seine Füße ihn tragen wollten. Endlich hielt er erschöpft inne und ließ
das Mädchen herabgleiten; mit einem staunenden Blick betrachtete er
sie: „Fräulein Irmgard, Ihr seid es? wie kommt Ihr allein hierher und
in die Gewalt jenes Schurken?“
„Hans -- Hans Fiedler, bist du es? welcher gütige Heilige hat dich
gerade diesen Weg geführt? habe Dank für dein tapfres Einschreiten,
aber laß uns weiter eilen, damit jener Elende mich nicht finde!“ so
rief Irmgard, mühsam ihre Thränen bezwingend. „Hätte ich nur einen
Dolch oder eine Pistole gehabt, um mich zu verteidigen, aber ich hatte
nichts, als meine Reitgerte, und die zerbrach beim ersten Schlage, den
ich gegen des Räubers Hände führte. Wenn wir nur mein Pferd fänden, es
muß hier in der Nähe sein.“
Sie rief den Namen: Bayard! laut in den Wald hinein, und wirklich kam
nach einiger Zeit das kluge Rößlein durch die Büsche getrabt; Irmgard
schwang sich hinauf, Hans ging daneben, und so eilten sie weiter,
so schnell es gehen wollte. „Ich lasse Euch nicht allein reiten,
Fräulein,“ sagte Hans entschieden, „Ihr solltet Euch überhaupt niemals
ohne Begleitung in den Wald wagen. Aber bis Maltheim kann ich nicht in
einem Zuge wandern; habt daher die Güte, für eine Weile im Annenhofe
einzusprechen. Ihr selbst werdet auch der Ruhe bedürfen, und nach ein
paar Stunden geleite ich Euch sicher nach Hause.“
Irmgard mußte das Verständige dieses Vorschlags einsehen, obgleich
ihr bange war, was ihre Eltern von ihrem langen Ausbleiben denken
würden; hatte sie sich doch ohnehin viel weiter in den Wald vertieft,
als es ihr erlaubt war. Der Knappe, der sie begleiten sollte, war mit
dem Pferde gestürzt und hatte sich verletzt, sie hatte ihn nach Hause
geschickt und war allein weiter geritten, ohne genau auf den Weg zu
achten; dann war sie abgestiegen, um einige seltne Blumen zu pflücken,
und plötzlich hatte jener wilde, lahme Mann neben ihr gestanden und ihr
mit teuflischem Grinsen gesagt, sie müsse mit ihm, solch ein kostbares
Wild habe er lange nicht gefangen. „Und dann packte er mich, trotz
meines Sträubens, und die heilige Jungfrau mag wissen, wohin er mich
geschleppt hätte, wärst du nicht dazwischen gekommen, guter Hans!“
Die alte Crescenz war gerade in der Küche beschäftigt, als die beiden
den Annenhof erreichten; Afra saß allein im Zimmer und spann; sie
begrüßte Hans mit einem freundlichen Blick und stummen Händedruck und
sah kaum auf, als er ihr Irmgards Erscheinen erklärte. Da fiel ihr
Blick von ungefähr auf das Mädchen, ihr Gesicht belebte sich, sie stand
hastig auf, ging auf den Gast zu, und indem sie die Arme ausbreitete,
rief sie im Tone höchsten Entzückens: „Matthäa!“
Das kleine Fräulein wich einen Schritt zurück und sah fragend auf Afra,
diese aber schloß sie in ihre Arme, drückte sie an ihre Brust, küßte
sie mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit und rief dazwischen immer
wieder unter Jauchzen und Thränen: „Matthäa, mein verlornes, mein
wiedergefundenes Kind, o Matthäa, kennst du deine Mutter nicht mehr?“
Starr vor Erstaunen sah Hans die beiden an, und es war ihm plötzlich,
als gewahre er eine wunderbare Ähnlichkeit zwischen ihnen. Das waren
dieselben großen, dunklen Augen mit den hochgewölbten Brauen, dieselbe
schneeweiße Farbe der Wangen; auch das feine, glanzlose Haar war
ähnlich, wenn auch das seiner Mutter dunkler und mit weißen Fäden
durchschossen war. Irmgard hatte sich inzwischen mit Gewalt aus Afras
Umarmung gelöst; sie richtete sich hoch auf und sagte mit großer Würde:
„Ihr irrt Euch, gute Frau; ich bin Irmgard von Maltheim, Herrn Werners
und Frau Kunigundens einzige Tochter, und Ihr habt keinen Teil an mir.
Ich werde reiten, Hans,“ fügte sie in entschiedenem Tone hinzu, „dies
Mißverständnis peinigt mich.“
Hans faßte Afras Hand und führte sie auf ihren gewohnten Platz zurück.
„Laßt Euch durch eine flüchtige Ähnlichkeit nicht täuschen, liebe
Mutter,“ sagte er herzlich, „ich kenne das Fräulein von ihrer frühesten
Kindheit an und weiß, daß sie mit unsrer kleinen Matthäa nichts
gemein hat. Die ist lange tot, und Ihr werdet sie erst im Paradiese
wiederfinden.“
Afra ließ sich geduldig auf ihrem Sitz nieder und versuchte keine
weitere Annäherung, aber ihr Blick blieb an Irmgard haften, und leise
murmelte sie vor sich hin: „Sie ist es doch! Matthäa, mein geliebtes
Kind! ein Mutterherz läßt sich nicht täuschen!“ Hans beruhigte das
Fräulein und bat sie leise, sich nicht stören zu lassen; seine Mutter
sei seit langer Zeit krank, der Verlust ihres Kindes habe ihren Geist
getrübt, doch thäte sie niemand ein Leid. Während er noch sprach,
erscholl draußen Pferdegetrappel; ein Knappe von der Burg fragte
voller Angst an, ob jemand das Fräulein gesehen habe, es herrsche
daheim die größte Sorge um sie. Irmgard sprang hocherfreut auf; nun
hatte sie einen Begleiter und durfte nicht auf Hans warten. Sie dankte
ihm nochmals in warmen Worten für seine rechtzeitige Hilfe, bat ihn,
recht bald auf der Burg vorzusprechen, nickte Crescenz huldreich zu
und sprengte eilig davon, als wolle sie all die wunderbaren Erlebnisse
dieses Tages weit hinter sich lassen.
Erst, als Crescenz mit ihren häuslichen Arbeiten fertig war und sich
auch an ihr Spinnrad gesetzt hatte, fing Hans an, von dem zu erzählen,
was seine ganze Seele erfüllte, von dem Sturz und Tode des Herzogs
von Burgund. Er richtete seine Worte vornehmlich an die Großmutter
und sah darüber gar nicht, welchen Eindruck seine Erzählung auf Afra
machte. Ihre bleichen Wangen röteten sich, ihre Augen funkelten vor
leidenschaftlicher Erregung, die halb geöffneten Lippen schienen
jedes Wort begierig einzusaugen. Als Hans geendet hatte, hob sie
die gefalteten Hände hoch empor und rief mit Begeisterung: „Großer,
allmächtiger Gott im Himmel, ich danke dir, daß du dich mir wieder
offenbart hast! Ich meinte, du wärest tot, oder du hättest dein Antlitz
vor der Welt verborgen, weil der Mächtige ungestraft deiner spotten,
weil er die Schwachen unter seine Füße treten durfte, ohne daß du ihr
Flehen hörtest und zu ihrer Hilfe einschrittest! Aber du lebst und
hast dich gewaltig aufgemacht, um den Menschen deine Gerechtigkeit zu
zeigen, um dem Tyrannen zu beweisen, daß du größer bist, als er. Du
hast ihn von seiner Höhe hinabgestürzt, wie ein Wurm lag er zu deinen
Füßen. O Gott, ich danke dir und preise deinen heiligen Namen!“
Mit höchster Überraschung sahen Hans und Crescenz auf Afra, die wie
eine Seherin anzuschauen war; unwillkürlich hatten beide die Hände
gefaltet und die letzten Worte leise nachgesprochen. Dann kniete der
Jüngling neben der Mutter nieder und schlang seinen Arm um sie. „O
liebe, liebe Mutter!“ sagte er im innigsten Tone, „bist du endlich
erwacht aus deinem langen, traurigen Schlaf? willst du wieder um dich
sehen und das erkennen, was dir noch geblieben ist, deine treue Mutter
und deinen Sohn? O wie oft habe ich zu allen Heiligen für dich gebetet,
und nun haben sie mich endlich erhört und den Schleier zerrissen, der
über deinem Geiste lag! Gott und allen Himmlischen sei Dank dafür!“
Sie küßte ihn zärtlich auf die Stirn und reichte Crescenz die Hand.
„Ja, dies ist ein großer Tag für mich, und ich fühle ein neues Leben in
mir. Ich habe meinen Glauben an den Gott dort droben wiedergefunden --
und meine Matthäa!“
„Mütterchen,“ sagte Hans bekümmert, „willst du diesen Wahn nicht fahren
lassen, der dir und dem Fräulein nur Leid und Pein bereiten kann?
Ergieb dich drein, daß du deine Tochter verloren hast, daß dir nur dein
Sohn geblieben ist; ich will dir’s durch doppelte Liebe zu ersetzen
suchen.“
Sie lächelte geheimnisvoll. „Bist du denn blind, mein Hans? kannst du
nicht sehen, daß sie mein Fleisch und Blut ist? Und wenn Ihr Euch alle
verblenden laßt -- Mutteraugen sind nicht zu betrügen. Aber sei ohne
Sorge; ich werde Matthäa nicht mit Gewalt in meine Arme zwingen, ich
weiß ja, daß sie lebt und wo sie weilt -- das ist fürs erste Glücks
genug.“
Mit diesem Tage begann in der That ein neues Leben für Afra. Zwar
blieb sie immer still und in sich gekehrt, aber die starre Ruhe war
gebrochen; sie hörte und sprach, sie half ihrer alternden Mutter im
Hause und in der Wirtschaft, sie weilte jeden Morgen und Abend in
inbrünstigem Gebet im Annenkapellchen, sie ging sogar zur Messe in die
nahe Dorfkirche, und Pater Anselmus sah seine jahrelangen Bemühungen um
ihre Seele endlich von Erfolg gekrönt.
Mit emsiger Hand nähte Afra jetzt an einem neuen Sonntagsstaat für
sich, während sie sich früher nie um ihre Kleidung bekümmert hatte. Als
er vollendet war, legte sie ihn eines Morgens an und rüstete sich zum
Fortgehen. „Wohin, Afra?“ fragte Crescenz. „Laß mich, gute Mutter,“
erwiderte sie, „ich sage es dir nachher.“ Sie küßte die Alte und ging
hinaus; kopfschüttelnd sah die andre ihr nach. „Was hat sie nur?“ sagte
sie zu sich selbst, „sie sah so feierlich aus, und es ist doch Alltag
heut’ und nirgend Gottesdienst.“
Afra schlug die Richtung nach Maltheim ein; anfangs schritt sie rüstig
vorwärts, von ihren Gedanken getrieben, aber die Aprilsonne brannte
heiß, und sie war des Gehens gänzlich ungewohnt, denn seit zehn Jahren
hatte sie die engen Grenzen des Hofes nicht überschritten. So kam sie
müde und erschöpft auf der Burg an, doch gönnte sie sich kaum Zeit zum
Aufatmen, sondern bat sogleich eine Magd, sie der Herrin zu melden, der
sie etwas Wichtiges mitzuteilen habe. Nach kurzem Warten ward sie in
Frau Kunigundens Gemach geführt. Die Edelfrau musterte die Ankommende
mit einigem Erstaunen. „Wer seid Ihr, gute Frau, und was begehrt Ihr
von mir?“
„Ich bin Afra, Matthias Fiedlers, des Goldschmieds Witwe und die
Tochter der alten Schaffnerin auf dem Annenhof; wollt Ihr mir huldreich
gestatten, gnädige Frau, Euch in kurzen Worten meine Geschichte zu
erzählen?“
Die Dame nickte; sie wußte nicht, was sie von Afra halten sollte.
Eine Bittende war sie schwerlich; ihre Erscheinung hatte etwas
Ungewöhnliches, die innere Erregung hauchte ein sanftes Rot auf die
bleichen Wangen und gab ihren Augen einen dunklen Glanz, der ihr
wunderbar bekannt erschien. In gedrängter Kürze berichtete Afra von
ihren Leiden und dem Verlust der kleinen Matthäa. „Warum ließt Ihr
nicht sogleich Nachforschungen nach dem Kinde anstellen?“ fragte Frau
Kunigunde, die gespannt zugehört hatte.
„Ich war an Leib und Seele gebrochen und krank, erst nach Wochen kam
ich wieder zum Bewußtsein. Meine Mutter hat mir später gesagt, daß
in der Nacht nach unsrer Ankunft ein heftiger Schneefall und starke
Kälte eingetreten seien, da wäre alles Suchen nach dem kleinen Kinde
vergeblich gewesen. Und doch ist meine Tochter gerettet worden, ich
habe sie endlich wiedergesehen, und Euch, edle Frau, habe ich dafür zu
danken, daß Ihr mir meinen Liebling so treu behütet habt.“ Sie sank vor
Frau Kunigunden auf die Kniee und bedeckte ihre Hände mit Küssen und
Thränen.
Die Edelfrau stand befremdet auf und entzog der Schluchzenden ihre
Hände. „Ich verstehe Euch nicht, Afra Fiedlerin, wovon sprecht Ihr?“
„Von meiner Matthäa -- Ihr nennt sie Irmgard --, die hier auf Eurer
Burg aufgenommen und erzogen wurde, und die doch, so wahr Gott lebt,
mein eignes, verlornes Kind ist!“
Frau Kunigunde legte verwirrt die Hand an die Stirn, als müsse sie sich
mühsam besinnen, was sie sagen und denken solle; dann ging sie auf die
Thür zu und rief: „Irmgard!“
Das Mädchen erschien, warf einen entsetzten Blick auf Afra, streckte
abwehrend die Hände aus und rief angstvoll: „Laß mich, laß mich,
Mutter! schicke diese fort, ich mag sie nicht sehen, und sie hat keinen
Teil an mir!“ Damit stürzte sie hinaus in Herrn Werners Zimmer warf
sich neben seinem Lehnstuhl auf die Erde, verbarg ihr Antlitz in seinem
Schoß und rief, an allen Gliedern bebend: „Schütze mich, mein Vater,
gieb nicht zu, daß eine Fremde mich dir entreiße! Ich bin dein Kind und
will es bleiben, o halte mich fest, laß mich dir nicht rauben!“
Der alte Ritter zog die Zitternde empor und drückte sie zärtlich an
seine Brust. „Was hast du, mein Edelfalke, meine weiße Rose, was
ängstigt dich so? Du bist ja bei deinem Vater, da bist du doch sicher
vor allen räuberischen Angriffen. Richte dein Köpfchen auf und lache
mich an, mein Mäuschen, du hast wohl einen bösen Traum gehabt?“
Seine Liebkosungen beruhigten ihre Aufregung soweit, daß sie, eng an
ihn geschmiegt, ihm das neuliche Erlebnis auf dem Annenhof und die
heutige Begegnung erzählen konnte. „Das Weib ist wahnsinnig, oder
Walburg hat sie aufgehetzt!“ sagte der alte Herr mit großer Entrüstung;
„sie soll sich nie wieder hier blicken lassen, oder ich lasse sie
mit Hunden vom Hofe jagen! Wie kann sie es wagen, einen Anspruch auf
+meine+ Tochter zu erheben! Es ist zum Lachen, mein Liebling, laß uns
nie wieder daran denken.“
Unterdessen stand seine Gattin ratlos vor Afra; ihr sagte im tiefsten
Innern eine Stimme, daß jene recht habe, und doch fühlte sie auch
zugleich, wie fest ihr eignes Herz Irmgard umschlossen hielte, und daß
sie nicht ohne heißen Kampf dies Kind einer andern abtreten könne. „Ihr
seid in einem großen Irrtum, arme Frau,“ sagte sie endlich freundlich.
„Freilich, darin mögt Ihr recht haben, daß es Euer Kind war, das damals
von einem reisenden Kriegsknecht gefunden und hierher gebracht wurde,
aber es war ein elendes Würmchen, das in den letzten Zügen lag und an
demselben Tage starb. Wie hätte es auch all diese Fährlichkeiten in so
zartem Alter überstehen können! Ich selbst habe nichts davon gesehen,
erst nach Jahren davon gehört; wollt Ihr aber Gewißheit haben, so
wendet Euch an die Wirtin zum blauen Affen in Nürnberg, in deren Armen
Euer Kind gestorben ist. Und nun geht, gute Afra, und sucht nicht noch
einmal den Frieden dieses Hauses durch Eure fälschlichen Ansprüche zu
stören.“
Traurig senkte Afra das Haupt; ohne noch einmal aufzusehn, schritt sie
hinaus; ohne die dargebotene Erfrischung anzunehmen, verließ sie die
Burg. Sie pilgerte langsam, todesmüde heimwärts, wo ihre Mutter sie
schon mit Sorge erwartete. „Wo warst du nur so lange?“ fragte sie und
sah teilnehmend in ihr schmerzverzogenes Gesicht.
„Bei einem Begräbnis, Mutter -- ich habe meine Matthäa begraben. -- --
Doch nein, nein, sie lebt,“ fügte sie mit erhobenem Haupte hinzu, „die
Überzeugung in meiner Brust ist nicht zu töten!“
[Illustration: Unglückseliges Weib, was hast du gethan?]
[Illustration]
Zehntes Kapitel.
Die Mahnung.
Starr ist der Kirche Gebot; hier gilt kein Markten und Deuteln:
Was sie einmal erfaßt, hält sie mit eisernem Griff.
In der Woche vor Ostern war die Frau Ratsherrin Ebner, wie sie pflegte,
in früher Morgenstunde nach der Frauenkirche gegangen, um zu beichten.
Als sie zurückkehrte, hatte sie das Ansehen einer schwer Kranken, ihr
Antlitz war totenbleich, ihr Blick erloschen, ihr Gang schwankend und
unsicher. In ihrem Zimmer angekommen, hatte sie kaum noch Kraft, Mantel
und Hut abzulegen, dann warf sie sich auf ihr Bett und drückte das
Gesicht tief in die Kissen. So fand sie ihre Tochter Margarete, welche,
beunruhigt durch ihr langes Ausbleiben, sie aufzusuchen kam. „Bist du
müde, Mütterchen?“ fragte sie sanft. „Berthold wollte dir lebewohl
sagen, ehe er auf den Annenhof reitet, und fragen, ob du dort etwas zu
bestellen hast; darf er zu dir kommen?“
Ein krampfhafter Schauer schüttelte Frau Ursulas Gestalt. „Nein, nein,“
stöhnte sie fast unverständlich, „ich kann ihn nicht sehen!“
„Du bist krank, liebe Mutter,“ sagte Margarete besorgt, indem sie die
schlaff herabhängende Hand ergriff und dann leise ihren Kopf berührte,
„deine Hände sind kalt wie Eis, und deine Stirn brennt wie im Fieber.
Gewiß hast du zu lange gefastet.“ Sie eilte hinaus und kam bald mit
einer silbernen Platte zurück, auf der ein Becher mit Wein und ein
Teller mit Brot und Fleisch stand. „Iß und trink, mein Mütterchen,“
sagte sie liebevoll dringlich, „es wird dir gut thun.“
„Ich kann nicht -- laß mich -- laß mich allein mit meinem Jammer
-- o ihr Heiligen des Himmels, wie soll ich es tragen -- Gott, du
Barmherziger, habe Mitleid mit uns -- o heilige Anna, sei nicht so
grausam --“ so klang es in wirren, abgebrochnen Lauten von ihren
Lippen. Tödlich erschrocken stand das Mädchen eine Weile neben ihr und
suchte sie zu beruhigen, aber vergebens; die Kranke sah und hörte
nichts. Endlich schlich Margarete hinaus, sagte Berthold, die Mutter
sei nicht wohl, er möge getrost von dannen reiten, und eilte dann nach
dem Schreibzimmer ihres Vaters. Es wagte sonst selten jemand, ihn in
diesem Heiligtum zu stören, wenn es sich nicht um dringende Geschäfte
handelte, daher klopfte sie nur leise an die Thür und trat schüchtern
ein. „Verzeiht, lieber Vater, daß ich Euch unterbreche, die Mutter ist
-- -- sie ist wohl krank, denn sie spricht seltsame Worte, -- wollt Ihr
nicht zu ihr kommen?“
Herr Wilibald sah erstaunt auf. „Die Mutter war heute früh ganz gesund,
was sollte ihr plötzlich fehlen? Sie wird müde sein, rufe die Magd zu
Hilfe und bringt sie zu Bette.“
„Wollt Ihr nicht selbst kommen, lieber Vater?“ bat Margarete dringend,
„die Magd könnte sich unrichtige Gedanken machen, die Mutter redet so
sonderbar.“
Herr Ebner stand mit etwas ungehaltener Miene auf und schloß sein Pult
zu. „Du bist doch sonst mein verständiges Mädchen; wie kannst du dich
heute gleich so erschrecken lassen?“
Er ging mit ihr hinauf; Frau Ursula lag noch in derselben Stellung auf
ihrem Bett; bei dem Tritt ihres Gatten fuhr sie zusammen und wendete
sich ab, als wolle sie sich völlig vor ihm verbergen. „Was fehlt dir,
liebe Ursula?“ fragte er freundlich.
Keine Antwort -- nur ein Wimmern und Stöhnen, angstvoll gestammelte
Worte, die wie: „Gnade, Erbarmen!“ klangen.
„Laß uns allein, Margarete,“ sagte Herr Ebner sehr ernst, „und sorge
dafür, daß uns niemand störe.“ Er ergriff Ursulas Hände. „Steh auf,
liebes Weib, und sage mir, was so plötzlich über dich gekommen ist;
drückt dich Leid und Sorge, so habe ich ein Recht, es zu wissen, um dir
zu helfen.“
Sie richtete sich langsam empor und warf sich dann mit einer
leidenschaftlichen Gebärde zu seinen Füßen nieder. „O mein Gatte, Ihr
werdet mir zürnen, mich vielleicht verstoßen -- ach, und es wendet doch
das Schlimmste nicht ab!“
Er zog sie zu sich hinauf und schlang den Arm um sie; sie lehnte ihr
Haupt an seine Schulter, und leise, oft von Weinen unterbrochen, begann
sie also:
„Ihr erinnert Euch jenes Sommers, Wilibald, als wir vor der Pest
nach dem Annenhof flohen und die Seuche zuletzt doch unsern Berthold
ergriff? Damals lag ich in Todesangst vor dem Altar der heiligen
Anna und gelobte ihr alles Erdenkliche, wenn sie mir meinen Sohn
erhalten wollte; ich flehte um ein Zeichen, daß sie mich höre --
umsonst. Da schrie ich in meiner Qual zu ihr, ich wolle meinen Sohn
dem Himmel weihen, und mir war’s, als spräche eine Stimme ‚Amen‘
dazu -- und dann kamt Ihr und sagtet, Berthold sei gerettet! Nachher
überredete ich mich, niemand habe mein Gelübde gehört; ich beriet
mich mit Meister Andreas, der so gut und fromm ist und mich warnte,
jemand wider seinen Willen zum geistlichen Stande zu bestimmen; auch
in seinem Familienkreise und mitten im Leben könne man dem Himmel
angehören. Von Stund’ an bemühte ich mich, meine Kinder für den Himmel
zu erziehen, und ich glaube, es ist mir gelungen. Heute wollte ich
beichten; ich wußte nicht, daß unser lieber Propst krank sei, daß
ein andrer im Beichtstuhl säße. Wie eine Posaune des Gerichts klang
seine Stimme an mein Ohr: er selbst, Pater Benedikt, hatte damals
mein Gelübde belauscht und strafte mich mit strengen Worten, daß ich
es immer noch nicht erfüllt habe. Er drohte mir mit allen Strafen
der Hölle, nicht allein für mich, auch für meinen Sohn, wenn ich
eidbrüchig mein Versprechen zurückzöge. Ich bat und flehte, ich bot
ihm jeden Ersatz -- alles vergebens! er blieb dabei, nur das Eine
vermöchte meine und Bertholds Seele vom Verderben zu retten. O ihr
Heiligen, soll ich meinen Liebling, mein Kleinod, vom frohen Lichte
des Tages scheiden sehen, soll ich ihn ins Kloster ziehen lassen? --
schrecklicher, qualvoller Gedanke! und dennoch -- dennoch ....“ Ein
heißer Thränenstrom erstickte ihre Worte, verzweifelnd barg sie ihr
Gesicht in ihren Händen.
Stumm und starr hatte Ebner diesem Bekenntnis zugehört; jetzt
ließ er Ursula los und durchmaß mit großen Schritten das Gemach.
„Unglückseliges Weib, was hast du gethan?“ sagte er dumpf. „Meinen
einzigen Sohn, die ganze Hoffnung meines Alters, hast du dem lebendigen
Tode geweiht! Wofür habe ich denn gearbeitet und mich abgemüht bei Tag
und Nacht, wofür habe ich so schwere Opfer gebracht, um meinem Namen
Ansehn zu geben, wenn er mit mir zu Grabe geht? -- Ich war einst ein
froher Geselle, wie Berthold,“ fuhr er mit klangloser Stimme fort, und
es war, als spräche er mehr zu sich selbst, als zu einer andern -- „was
kümmerte es mich, daß wir nicht reich waren, lag doch die ganze Welt
vor mir offen! Aber als ich am Sterbebette meines Vaters stand, als
er mir sagte, daß ihn die falsche Freundschaft eines adligen Herrn um
Gut und Ehre betrogen habe, als ich in seine erkaltende Hand geloben
mußte, alle Kräfte einzusetzen, um unserm alten, herabgekommenen Namen
wieder einen Klang in der Welt zu verschaffen -- da riß ich in einer
Stunde alle die zarten Bande entzwei, die mich an mein bisheriges
Leben fesselten. Ich hatte eine Braut, ein liebes frommes Kind, das
mit ganzer Seele an mir hing, und das ich zärtlich liebte, aber Hedwig
war arm und von bescheidner Herkunft -- -- ich gab ihr ihren Ring
zurück, ich brach ihr die Treue, und ihr brach darüber das Herz! --
Ich kam hierher und lernte deinen Vater kennen, er schenkte mir sein
Vertrauen, und ich machte mich dessen würdig; nach zehn Jahren treuer
Arbeit reichtest du mir deine Hand, und ich trat ein in die Reihen
der Vornehmsten dieser Stadt. Mir ward ein Sohn geboren, mein Streben
erhielt einen neuen Aufschwung; für ihn wollte ich schaffen, auf sein
Haupt alles häufen, was meiner Arbeit und Hingabe erreichbar war;
ihm wollte ich einen sichern Weg bahnen, und er sollte meinen Namen
hinaustragen bis in späte Geschlechter. Und nun hast du ihn dem Kloster
gelobt, meinen einzigen Sohn, den alleinigen Träger meines Namens
-- und das ganze Gebäude meiner Hoffnungen und Anstrengungen stürzt
zusammen, wie ein Kartenhaus!“
Schneidend gingen seine Worte durch Ursulas Seele. Also darum hatte er
sie geheiratet -- nicht, weil er sie lieb gehabt, sondern weil sie eine
Stufe auf der Leiter war, die er ersteigen wollte, weil er mit der Hand
der Erbtochter eines alten Geschlechts für sich selbst einen höheren
Rang erwarb! Aber zugleich fiel ihr ein, wie hoch er sie stets gehalten
habe, und wie er ihr immer ein treuer, liebevoller Freund gewesen sei;
ihr ward auf einmal klar, wie namenlos seine Täuschung sein mußte, als
er sich plötzlich den Sohn entrissen sah, für den er so viel gethan und
gehofft -- und ein tiefes Mitgefühl mit seinem Kummer kam über sie.
Sie ging auf ihn zu, schlang ihre Arme um ihn und sagte mit flehender
Stimme: „Wilibald, lieber, teurer Mann, wende dich nicht von mir ab in
dieser furchtbaren Stunde! Laß mich nicht zugleich mit dem Sohn auch
den Gatten verlieren! laß uns gemeinsam die bittere Heimsuchung tragen,
die der Himmel über uns verhängt hat.“
Er sah sie an, fragend und zweifelnd, dann zog er sie an seine Brust
und küßte sie mit tiefer Innigkeit. „Mein treues, gutes Weib,“ sagte er
bewegt, „mir ist noch nicht alles genommen, solange du mir bleibst und
deine Liebe.“
Nie zuvor waren die Ehegatten so fest vereint gewesen, wie in dieser
Stunde; ein neuer Bund hatte ihre Herzen umschlungen in wärmerer
Neigung und rückhaltloserem Vertrauen, als in all den bisherigen Jahren
ihrer Ehe. Lange saßen sie bei einander und berieten, was zu thun wäre;
Herr Ebner versuchte es selbst, Pater Benedikt umzustimmen; er bot ihm
die reichsten Schenkungen für sein Kloster, seine Kirche an, -- aber
der Pater beharrte fest auf der Behauptung, daß Berthold dem Himmel
feierlich gelobt sei, und daß es keinen Weg gäbe, um das Gelübde ohne
Eidbruch zu umgehen. --
Berthold ahnte nichts von dem Gewitter, das sich über seinem Haupte
zusammenzog; fröhlichen Herzens war er hinausgeritten in den
sprossenden Wald und hatte mit den Vögeln um die Wette gejubelt und
gesungen. Er benutzte gern jeden freien Tag, um die Stadt zu verlassen;
das Kontor war ihm immer noch eine trübselige Stätte, an die nur das
Muß, kein eignes Interesse ihn fesselte. So oft er konnte, ließ er
Bücher und Warenballen hinter sich und eilte hinaus in die heitere
Gotteswelt, wo ihm das Herz weit aufging. Er machte sich gern etwas auf
dem Annenhof zu schaffen; bald wollte er nach der Wirtschaft sehen,
bald erbat er sich einen Auftrag seiner Mutter an Crescenz; war’s doch
immer nur ein kurzer Ritt von dort bis nach Maltheim, wo er gar zu gern
vorsprach. Irmgard empfing ihn immer mit Jubel; mit ihm konnte sie
nach Herzenslust umherschwärmen, bald zu Fuß und bald zu Pferde, und
er hatte stets ein offenes Ohr für ihre Begeisterung für alte Helden
und vertiefte sich mit ihr in ritterliche Träume. Dem alten Ritter
war er auch willkommen, denn er hatte ein offenbares Verständnis für
die wunderbaren Heldenthaten seines geliebten Herrn, des Markgrafen
Albrecht Achilles, und ließ sich geduldig zum hundertsten Mal all die
Turniere beschreiben, die jemals auf der Kadolzburg abgehalten worden
waren, und deren Pracht und Bedeutung der jetzigen schwächlichen
Generation wie ein Märchen erscheinen mußte. Mit Frau Kunigunde sprach
Berthold von Ulrich, der nun schon seit Monaten in der Fremde war; erst
einmal hatten die Seinen eine Botschaft von ihm erhalten, -- um so
unbegrenzter war das Feld für Vermutungen, Hoffnungen und Befürchtungen.
Berthold hatte diesmal in Maltheim übernachtet und kehrte erst am
nächsten Mittag von dort nach Hause zurück. Seine Mutter, die eine
schlaflose Nacht in Gebet und Thränen zugebracht, hatte Befehl gegeben,
ihn sogleich zu ihr zu führen. Ihr brach fast das Herz, als sie ihn in
den Hof einreiten sah; wie jung und lebensfroh sah er aus, mit welcher
Schnellkraft schwang er sich vom Pferde, wie heiter und leutselig
sprach er mit dem Reitknecht, der, wie alle Diener des Hauses, mit
bewundernder Zuneigung an seinem jungen Herrn hing. Er sollte scheiden
von dieser sonnigen Welt, für die er doch so ganz geschaffen war; er
sollte eine grobe Kutte tragen, dem doch die ritterliche Kleidung so
gut stand; er sollte niedrige Dienste verrichten, der doch gemacht
schien, zu befehlen und sich bedienen zu lassen -- o Gott, es war zu
hart und bitter, und das Schrecklichste davon war, daß sie, seine
Mutter, die mit Freuden ihr Herzblut für ihn hingegeben hätte, ihm
selbst dies Schicksal bereitet hatte!
Da stand er schon auf ihrer Schwelle und kam mit ausgebreiteten Armen
und fröhlich leuchtendem Antlitz auf sie zu. „Bist du wieder frisch und
gesund, Herzmutter?“ sagte er mit zärtlicher Umarmung; „ich war gestern
recht betrübt, daß ich dir nicht lebewohl sagen durfte. Aber nein, du
bist noch nicht genesen, du siehst ganz verändert aus, so angstvoll und
traurig, und deine Augen sind rot von Thränen -- o sprich, was ist dir,
mein Mütterchen, laß dich von deinem Berthold trösten!“
Jedes seiner Worte gab ihr einen Stich ins Herz, daß sie meinte, sie
könne die Pein nicht ertragen. „Setze dich zu mir, mein Sohn,“ sagte
sie mit mühsam behaupteter Fassung, „ich habe dir sehr, sehr Ernstes zu
sagen.“ Sie erzählte ihm die Geschichte jenes Sommers, als er an der
Pest daniederlag, und die gestrige Mahnung des Paters. Ungläubig hatte
er zugehört, halb lächelnd, halb unwillig; jetzt rief er mit lautem,
erzwungenem Lachen: „Ich verstehe dich nicht, Mutter, was meinst du
eigentlich? Du kannst unmöglich auch nur einen einzigen Augenblick
daran denken, einen Mönch aus mir zu machen! Ha ha! welch ein lustiger
Einfall -- ich fürchte, ich würde nur einen Wolf im Schafskleide
abgeben!“
„Lache nicht, Berthold,“ erwiderte sie schmerzlich, „du thust mir
unsagbar wehe damit. Es ist kein Scherz, es ist bitterer -- furchtbarer
-- unabwendbarer Ernst!“
Er sprang wild empor, sie hielt ihn mit sanfter Gewalt fest. „Geh nicht
so von mir, mein Sohn,“ bat sie flehend, „geh nicht im Zorn von deiner
Mutter, die dich grenzenlos liebt und jedes Leid, das dich trifft,
doppelt schwer in ihrem Herzen empfindet.“
„Mutter, Mutter!“ rief er außer sich, indem die hellen Thränen ihm
aus den Augen stürzten, „du weißt nicht, welche Aussicht du vor mir
aufthust! O warum ließest du mich nicht lieber sterben, ehe du um
solchen furchtbaren Preis mein Leben erkauftest! Tausendmal lieber
auf dem Friedhof begraben sein, als bei lebendigem Leibe im Kloster
vermodern! O, du weißt es nicht, welch ein Leben viele dieser frommen
Brüder führen, die äußerlich so demütig und scheinheilig thun und
innerlich voll Laster sind. Wievielmal habe ich mit meinen Genossen
über die heuchlerischen Mönche gespottet, die es oft schlimmer treiben,
als das ärgste Weltkind -- und nun soll ich selbst einer ihrer Schar
werden, soll umherziehen mit frommer Miene und mit Tücke im Herzen --
nein, ich kann es nicht, Mutter, es ist unmöglich!“
Frau Ursula war wie vernichtet, dennoch durfte sie nicht nachlassen;
ihr eignes Seelenheil hätte sie im Übermaß mütterlicher Liebe
vielleicht aufs Spiel gesetzt, -- das ihres Sohnes niemals! Sie weinte
und flehte; endlich warf sie sich vor Berthold auf die Kniee und rief
jammernd: „Hast du kein Erbarmen mit deiner unglücklichen Mutter?
willst du sie meineidig machen und ihre Seele in alle Ewigkeit zur
Hölle verdammen lassen?“
Lange stand der Jüngling regungslos von ihr abgewendet, endlich reichte
er ihr die Hand. „Ich will es thun,“ sagte er heiser, „um deinetwillen
will ich es thun. Aber laßt mir Zeit.“ Damit stürmte er hinaus und ward
für viele Stunden nicht im Hause gesehen. --
Eine dunkle Wolke hing über dem Ebnerhause; es war, als läge ein
Toter darin. Verstummt war jedes laute Wort, jedes heitere Lachen;
niedergeschlagen schlichen alle Bewohner umher und wagten nur
miteinander zu flüstern. Berthold vermied jedes Alleinsein mit
seiner Mutter, die namenlos darunter litt, mußte sie doch jedes Weh
dreifach durchkosten: in ihrer eignen Seele, in der des Gatten und
des geliebten Sohnes. Jeder vermied es ängstlich, auf seinen Eintritt
ins Kloster hinzudeuten, und er selbst schien den Gedanken weit von
sich zu schieben. Bald arbeitete er den ganzen Tag im Kontor mit einem
Eifer, als hinge sein Leben daran; bald ließ er sein Pferd satteln und
sprengte hinaus, um erst in sinkender Nacht heimzukehren; mitunter
verweilte er bis zum Morgen im Kreise lustiger Zecher -- er selbst
der ausgelassenste unter den übermütigen Genossen; ein andermal blieb
er den ganzen Tag auf seinem Lager liegen, als ob jeder Lichtstrahl
ihm weh thäte. Es ging ein tiefer Riß durch sein ganzes Wesen, ein
klaffender Zwiespalt, der noch lange nicht geheilt war.
Eines Tages saß Margarete in ihrer Mädchenkammer am offnen Fenster,
das durch die zartbelaubten Zweige des Nußbaums in eine Laube
verwandelt wurde. Des Mädchens Herz war schwer und bedrückt! sie sehnte
sich unbeschreiblich nach einer Aussprache mit dem Bruder und wagte es
doch nicht, dieselbe herbeizuführen, weil sie fürchtete, zurückgewiesen
zu werden. Da kam Berthold müden Schrittes über den Hof gegangen; er
blieb neben dem Baum stehen, legte die Arme um den alten Stamm, wie um
einen treuen Freund, und blickte sinnend in sein Laubdach hinauf. Leise
verließ Margarete das Fenster und eilte auf den Hof hinab; sie legte
ihre Hand sanft auf seine Schulter und sagte in innigem Ton: „Mein
lieber, guter Bruder! wie oft haben wir als glückliche Kinder unter
diesem Baum gespielt!“
Er küßte sie mit zuckenden Lippen, und ein trauriges Lächeln flog über
seine bleichen Züge. „Wollen wir noch einmal hinaufsteigen ins alte
Kindernest, Gretelein?“ fragte er. Sie nickte, und beide kletterten
die schmale Leiter empor, die an den untersten Zweigen befestigt war;
da, wo der gewaltige Stamm sich in unzählige Äste teilte, war ein Sitz
angebracht, der die Wonne der Kinder gewesen war. Für zwei Erwachsene
war er freilich eng, aber sie schmiegten sich so fest aneinander, daß
der Platz ausreichte.
„Weißt du noch, Gretel,“ begann er, „wie wir dich einmal hier sitzen
ließen, als du noch ein ganz kleines Ding warst, und die Leiter
fortnahmen, daß du nicht herunterkonntest? wie du da flattertest und
pieptest, wie ein Vögelchen, das noch nicht fliegen gelernt hat?“
„Gewiß weiß ich’s noch: du mußtest hart mit Hans kämpfen, der mir
durchaus helfen wollte, und unterdessen kam Ulrich und befreite mich.
Ulrich war immer mein getreuer Ritter, der mich gegen dich in Schutz
nahm, du lieber, böser Berthold!“
„Und besinnst du dich noch, Gretelein, wie wir einmal den Turm zu Babel
aus Fässern und Kisten erbaut und dich und Elsbeth oben drauf gesetzt
hatten, und wie dann plötzlich der ganze Bau zusammenbrach, daß ihr
jammernd am Boden lagt?“
„O, ich erinnere mich wohl; der Vater war so böse, Hans sollte mit dir
hart gestraft werden, aber du nahmst alle Schuld auf dich und trugst
allein die ganze Strafe, mein großmütiger Bruder.“
So ging es eine lange Weile fort mit „weißt du noch?“ und „erinnerst
du dich?“ bis die dunkle Wolke auf Bertholds Stirn sich lichtete und
mitunter sein altes, helles Lachen erklang. „Und immer,“ sagte er, „war
das Ende aller Spiele, daß unsre Herzmutter kam und uns Äpfel, Nüsse
und Honigkuchen brachte, daß sie uns lobte und liebkoste, oder für uns
bat, wenn wir eine Dummheit begangen und des Vaters Zorn erregt hatten.
Und immer erschien sie mir wie ein Abbild der Mutter Gottes, die auch
so mild und gütig ist und für die Sünder bittet. Damals liebte sie mich
noch -- aber jetzt ...“
„Berthold!“ rief die Schwester tief erschrocken, „willst du an der
Liebe unsrer Mutter zweifeln?“
„Ist das Liebe,“ fragte er düster, „die dem einzigen Sohne alles raubt,
was uns das Leben schön und wert macht? Um ihretwillen habe ich auf
alle Träume von Rittertum und kriegerischen Lorbeeren verzichtet, um
ihretwillen soll ich mich jetzt lebendig begraben -- und das nennst du
Liebe?“
„O mein Bruder,“ sagte das Mädchen mit tiefer Trauer, „wie wenig
verstehst du die Liebe unsrer Mutter! Siehst du nicht, wie
unaussprechlich sie um dich leidet, daß sie in wenig Wochen um
Jahrzehnte gealtert, daß ihr schönes, braunes Haar von Silberfäden
durchzogen ist! Sie würde Leben und Seligkeit opfern, um dich zu
retten, aber es giebt kein Mittel, um deine Seele zu lösen, als das
eine, vor dem wir alle zurückbeben, und das doch unabwendbar ist.“
Er sah in tiefem, trübem Sinnen vor sich nieder, ohne etwas zu
erwidern. „Sieh, Berthold,“ fuhr sie leise fort, „wenn es ein Mittel
gäbe, um dich von diesem traurigen Schicksal zu befreien, die Deinen
würden ja nicht zaudern, dir jedes Opfer zu bringen. Ich ging zu Pater
Benedikt und flehte ihn an, dich frei zu geben, ich wolle statt deiner
ins Kloster gehn, -- aber er sagte, hier sei keine Stellvertretung
möglich, der Himmel verlange das voll und ganz, was ihm geweiht sei.“
„Du, Gretel, du wolltest dich für mich opfern?“ sagte Berthold mit
Thränen in den Augen; „hast du bedacht, was es heißt, dem Leben
entsagen und der lichten, sonnigen Welt und den Menschen, die du lieb
hast, und dich einsperren in einen dumpfen Kerker, mit verknöcherten
Seelen, in denen allmählich alles menschliche Gefühl, jeder eigne
Gedanke erstorben ist, die nur noch willenlose Werkzeuge ihrer Oberen
sind? Und das sind noch die besten unter ihnen, die es so weit bringen!“
„Ja, es wäre schwer gewesen, Berthold, aber doch leichter für mich,
als für dich. Ein Mädchen lebt ohnehin in einer engeren Welt, als ein
Mann, und ich bin gewiß, man kann im Kloster Gott mit reinem Herzen und
voller Hingabe dienen.“
„Mein Schwesterlein, meine liebe, süße Grete,“ flüsterte er mit
überströmender Zärtlichkeit, „hab Dank für deine Treue! Du hast mir
sehr wohlgethan und den schlimmsten Druck von meiner Seele genommen;
ich kann wieder an die Liebe meiner Mutter glauben -- und an die deine,
du treues Herz; habe tausend Dank dafür!“ --
Wenige Tage später trat Berthold in seines Vaters Schreibzimmer. „Ich
bin bereit,“ sagte er mit düsterer Entschlossenheit, „bringt mich ins
Kloster.“
Herr Ebner stand auf; seine kühlen, klugen Augen schimmerten feucht,
er schloß ihn in seine Arme. „Mein einziger, geliebter Sohn,“ sagte er
tiefbewegt, „ich hatte andre Wünsche für dich, und ganz anders lag dein
Lebenslauf vor meinem hoffenden Blick. Aber die Kirche läßt nicht mit
sich handeln, sie verlangt den höchsten Preis. Und da sie die Schlüssel
des Himmelreichs in ihren Händen trägt, müssen wir uns ihr beugen in
schweigendem Gehorsam.“
So war er denn endlich herangekommen, der lang gefürchtete Tag
des Scheidens. Aller Wünsche trafen darin zusammen, daß Berthold
nicht in ein Nürnberger Kloster eintreten sollte; sein Vater wollte
ihn nach Augsburg bringen, wo ein entfernter Verwandter Prior des
Augustiner-Konvents war. Im Gemach der Hausfrau saßen Mutter und Sohn
und feierten eine Stunde vollster Versöhnung, in heißer Liebe und
herzbrechendem Weh. Gewaltsam riß sich Berthold los von ihr und den
Seinen, von den Freunden und Dienern des Hauses, die mit Thränen und
Jammern ihn umstanden. Nur fort, fort! und wenn es in den Tod ginge!
die Qual dieser Stunden war ein stückweises Sterben.
Wir lassen einen Schleier fallen über die Schmerzen des letzten
Abschiedes, über Frau Ursulas verzweifelten Kummer, über die traurige
Öde ihres Lebens ohne ihren Liebling. Nur die zärtliche Fürsorge
für ihren Gatten hielt sie aufrecht, für ihn hatte sie immer einen
freundlichen Blick und ein herzliches Wort.
Eines Tages kamen die Damen von Maltheim nach der Stadt geritten und
stiegen im Ebnerhause ab. „Wo ist Berthold?“ fragte Irmgard hastig, als
die beiden Töchter des Hauses ihr grüßend entgegentraten.
„Er ist fort,“ sagte Margarete traurig, und Elsbeth setzte schnell
hinzu: „Er ist ins Kloster gegangen, um ein altes Gelübde zu erfüllen,
und wird nie wieder zu uns zurückkehren.“
Irmgards blasse Wangen wurden noch bleicher, Thränen stiegen in ihre
Augen, aber sie wischte sie trotzig fort. „Es ist nicht möglich,“
sagte sie heftig und stampfte mit dem kleinen Fuße auf; „Gretel, sage
schnell, daß es nicht wahr ist.“
„Es ist doch wahr, Irmgard; hat er denn nicht Abschied von dir
genommen?“
„Er führte das letzte Mal allerlei närrische Reden, aber ich sagte
ihm, das sei ein schlechter Scherz. So niedrig dächte ich nicht von
ihm, um zu glauben, daß er sich freiwillig zu willenlosem Müßiggange
und trübseliger Knechtschaft verurteilen ließe, und wenn ihm einer das
zumute, solle er sich dessen weigern und um seine Freiheit kämpfen bis
aufs Blut: ich würde lieber sterben, als eine Nonne werden. Da rief
er mir zu, ich würde meine bösen Worte künftig noch bereuen; wenn ich
einmal zu seinen Füßen kniete, würde er mir die Absolution verweigern,
denn dann hielte er die Schlüssel des Himmels in seinen Händen. Damit
lachte er laut auf und ritt davon -- aber es war nicht sein helles,
frohes Lachen; ich hörte es immerfort in meinen Ohren klingen, und
es hat mir sehr wehe gethan. Und nun soll ich ihn nicht wiedersehen,
den lieben, frohherzigen Kameraden, und nicht einmal einen besseren
Abschied von ihm nehmen? o Gretel, das ist hart!“ Sie verbarg das
Gesicht an der Brust der Freundin und brach in leidenschaftliches
Weinen aus.
[Illustration]
Elftes Kapitel.
Maria von Burgund.
Fürstenkind, wie allein stehst du auf dem schwindelnden Gipfel,
Bis dich der Ritter erlöst, der sich in Liebe dir naht.
An einem heißen Julitage lag Frau Ursula im halb verdunkelten
Gemach auf den Kissen ihrer Ruhebank, müde von traurigen Gedanken,
abgespannt von der glühenden Hitze, und hörte nur mit halbem Ohr auf
die „wunderbaren Historien von denen berühmten Frauen, so sich seit
Erschaffung der Welt im Guten oder Bösen hervorgethan,“ ein kürzlich
erschienenes Buch mit vielen schönen Bildern, aus dem die beiden am
Fenster sitzenden Töchter ihr abwechselnd vorlasen. Sie schaute mit
mattem Lächeln auf, als Herr Wilibald ins Zimmer trat und sich neben
sie setzte. „Ich hoffe, du befindest dich wohl, liebes Weib,“ sagte
er freundlich, „es würde mir doppelt schwer werden, dich leidend
zurückzulassen.“
„Ihr wollt fort, lieber Herr?“ fragte sie ängstlich, „o laßt mich nicht
allein, ich kann es nicht ertragen!“
„Ich habe so eben eine Botschaft erhalten,“ fuhr er fort, „die mich
zu einer längeren Reise zwingt. Erzherzog Maximilian, der Sohn unsres
Kaisers und unser zukünftiger Herr, wird sich mit Maria von Burgund
vermählen, und der versammelte Rat hat mir den Auftrag gegeben, unsre
Stadt bei dem Hochzeitsfest zu vertreten. Du wirst einsehen, liebe
Ursula, daß ich eine solche Ehre unmöglich ablehnen konnte.“
„Ihr wollt bis nach Flandern reisen und mich für Wochen, vielleicht
für Monate verlassen? o mein Gatte, das Haus wird mir wie ausgestorben
erscheinen, und ich werde meinen, schon alles verloren zu haben, was
ich liebte.“
„Du hast noch die Mädchen,“ versetzte er mit leisem Vorwurf; „sie
werden sich sicher bemühen, dich zu pflegen und zu erheitern. Lieber
noch hätte ich dich freilich mit mir genommen, denn vielleicht würde
der Wechsel dir gut thun und dich wohlthätig zerstreuen.“
Sie überlegte eine kleine Weile. „Ich möchte Euch nicht zur Last
fallen, lieber Herr,“ sagte sie, liebevoll zu ihm aufblickend, „und
doch möchte ich Euch gern begleiten, wenn Ihr es wünscht. Ich will mich
zusammenraffen, Wilibald; Ihr sollt Euch unterwegs nicht mit einer
schwächlichen Frau plagen, die Euch jeden frohen Augenblick verkümmert.“
Der Entschluß war heilsam für die Ratsherrin, die Vorbereitungen
zur Reise rissen sie gewaltsam aus dem Zustande dumpfen Brütens
empor, in den sie verfallen war. Galt es doch auch für sie, den
gediegenen Reichtum und den künstlerisch gebildeten Geschmack der
freien Reichsstadt vor einer glänzenden Versammlung zu vertreten.
Täglich gingen Kaufleute aus und ein, welche kostbare Stoffe und edles
Geschmeide zur Auswahl vorlegten, oder der Gewandschneider, dem die
Ausführung der Festgewänder übertragen war. Als endlich Frau Ursula den
ganzen Hochzeitsstaat zur Probe anlegte, klatschten die Mädchen vor
Freude in die Hände und erklärten, die fürstliche Braut selbst könne
nicht herrlicher anzuschauen sein, als ihr liebes, schönes Mütterchen.
Auch Herr Wilibald schien befriedigt, denn er küßte sein Weib auf die
Stirn und flüsterte ihr zu, daß er stolz auf sie sein werde. -- Als
alle Vorkehrungen getroffen waren, wurden die Töchter auf den Annenhof
geschickt, und die Eltern traten ihre Reise an. Um Frau Ursulas
Kräfte zu schonen, konnten sie täglich nur wenige Meilen zurücklegen,
und so vergingen mehrere Wochen, bis sie das ferne Ziel ihrer Reise
erreichten. --
Die Augen von ganz Europa waren zu dieser Zeit auf Burgund gerichtet,
das mit dem Tode des Herzogs Karl des Kühnen den Herrscher verloren
hatte. Das Reich hatte sich im Laufe eines Jahrhunderts aus kleinen
Anfängen zu großer Bedeutung entwickelt; durch Heiraten, Eroberungen
und kluge Verträge war es an Größe gewachsen, bis es sich wie ein
gewaltiger Keil zwischen Deutschland und Frankreich schob, zu beiden
Staaten in einem Lehnsverhältnis stehend und doch beide in ihrer
Sicherheit bedrohend. Blühende, volkreiche Städte, in denen sich
deutsche und französische Elemente einten, wetteiferten an Kunstsinn,
Gewerbefleiß und Handelsverkehr, wie an Üppigkeit und frohen Festen
mit den Republiken und Fürstenhöfen Italiens; kein Herrscherhaus
konnte sich eines gleichen Reichtums an Gold und Edelsteinen,
an Prachtpalästen und herrlichen Gerätschaften, an Waffen und
Kriegsmaterial rühmen. Die flandrischen und brabantischen Gewebe, die
kostbaren Teppiche waren in ganz Europa hoch berühmt; auch die Kunst
feierte hier schon ihre Triumphe, und der Name der Brüder van Eyck,
welche zu Brügge und Gent ihre Malerschulen begründeten, hatte weithin
einen hellen Klang.
Oft hatte Karl der Kühne in seiner stolzen Seele den Gedanken
gehegt, das Vasallenverhältnis zu lösen und den Herzogshut mit der
Königskrone zu vertauschen; seine wiederholten Niederlagen gegen
die schweizerischen Eidgenossen und sein Tod bei Nanzig hatten aber
allen ehrgeizigen Plänen ein frühes Ende bereitet. Nun war die ganze,
unermeßliche Erbschaft seiner einzigen Tochter, der zwanzigjährigen
Maria, zugefallen, und von allen Seiten drängten sich die Freier
herzu, um mit ihrer Hand die reiche Herrschaft und den Herzogsstuhl zu
erwerben. Maria von Burgund zog allen andern Bewerbern den deutschen
Kaisersohn, Maximilian von Österreich vor; die Verlobung wurde in
seiner Abwesenheit feierlich vollzogen, und am 18. August sollte zu
Gent ein glänzendes Vermählungsfest der vereinsamten Fürstentochter
einen Gatten, dem Lande einen festen, männlichen Herrscher geben.
Es war ein schwüler Augustabend, als Herr Wilibald Ebner und seine
Gattin in die Thore von Gent einfuhren. Eine zahllose Menschenmenge
wogte in den Straßen auf und ab, war doch die Stadt schon zu
gewöhnlicher Zeit so bevölkert, daß man mittags eine Glocke läuten
ließ, zum Zeichen, daß die Mütter ihre Kinder aus dem Wege räumen
sollten, damit sie nicht durch die Scharen heimkehrender Arbeiter über
den Haufen gerannt werden möchten. Nun kam noch eine Menge von Fremden
dazu, welche aus aller Welt Enden herbeigeströmt waren, um den Glanz
der fürstlichen Hochzeit anzusehen; kein Wunder also, wenn die Straßen
überfüllt waren und der Wagen nur langsam vorwärts kam. Endlich hielt
er vor der ansehnlichen Herberge, welche dem Ratsherrn empfohlen worden
war. Der behäbige Wirt mit schneeweißer Schürze stand vor der Thür,
doch zuckte er bei Herrn Wilibalds Begehr nur lächelnd die Achseln
und erklärte, sein Haus sei bis unters Dach mit Gästen besetzt, und
er hätte nicht mehr so viel Platz, um ein Mäuslein zu beherbergen,
geschweige denn einen so stattlichen Herrn mit Wagen, Pferden und
Gefolge. Nicht besser ging es dem Kaufherrn an drei, vier andern
Stellen, überall waren die Herbergen voll, dabei dunkelte es schon, und
Frau Ursula war so erschöpft, daß sie dringend nach Ruhe verlangte.
Ratlos stand der Nürnberger da, als er hinter sich eine Stimme hörte,
welche in unverkennbar süddeutscher Mundart sagte: „Kann ich Euch
behilflich sein, Herr Landsmann? mich dünkt, Ihr seid in Verlegenheit.“
Als Ebner sich umwandte und den Sprecher ansah, trat er erschrocken
einen Schritt zurück, denn es schien ihm, als stände Berthold
leibhaftig vor ihm. Doch schon der zweite Blick genügte, um die
Täuschung zu zerstören, denn der Fremde war wohl um zehn Jahre älter,
als sein Sohn, und seine ganze Erscheinung trug das Gepräge reifer
Männlichkeit. „Habe ich die Ehre, einen Angehörigen der freien
Reichsstadt Nürnberg in Euch zu begrüßen?“ fragte er den jüngeren Mann
höflich. „Ich bin der Ratsherr Ebner und als Vertreter unsrer Stadt
hieher gesandt.“
„Ich bin aus Bamberg gebürtig,“ versetzte der Genter, „doch habe ich
einige Jahre meiner Jugend im schönen Nürnberg verlebt. Es sollte mir
eine Freude sein, werter Herr, Euch in meinem Quartier einstweilen ein
Unterkommen anzubieten, denn es dürfte schwer sein, heute abend noch
eine Herberge zu finden.“
„Ihr seid sehr gütig,“ versetzte Herr Wilibald, „doch bin ich
nicht allein, sondern habe meine Gattin mit mir, für die mir ein
Ruheplätzchen dringend erwünscht wäre. Wollt Ihr Eure Gastfreundschaft
so weit ausdehnen?“
„Mein bescheidnes Haus ist zwar wenig zur Aufnahme zarter Damen
eingerichtet, doch wenn Ihr gütig vorlieb nehmen wollt -- ein Zimmer
und ein Ruhebett findet sich wohl.“
„So nehme ich Euer Anerbieten dankbar an,“ sagte Herr Ebner und schritt
mit dem Fremden die Straße entlang während der Wagen ihnen langsam
folgte. In einer Gasse, die von dem lärmenden Verkehr der Hauptstraßen
ein wenig abseits lag, hielt der junge Mann vor einem zweistöckigen
Hause still; eine Glocke rief ein paar Diener herbei, und man half Frau
Ursula aus dem Wagen. „Seid willkommen, werte Frau, im Hause Lorenz
Tuchers,“ sagte der Genter mit höflicher Verbeugung, indem er die
Patrizierin die steinernen Stufen hinaufführte.
Frau Ursula blieb überrascht stehen. „Ihr seid ein Tucher? auch ich bin
von Geburt eine Tucherin -- hat ein freundlicher Stern uns zu einem
Verwandten geführt?“
Der Grad der Verwandtschaft ließ sich zwar nicht feststellen, doch war
sie sicher irgendwie vorhanden, und Name und Herkunft genügten, um
hier in der Fremde schnell ein enges Band um die zufällig Vereinten
zu schlingen. Lorenz Tuchers Haus war auch keineswegs so dürftig
ausgestattet, um nicht selbst verwöhnten Gästen einen angenehmen
Aufenthalt darzubieten, und die Nürnberger ließen sich gern überreden,
sich kein anderes Quartier zu suchen, sondern bei dem Vetter zu bleiben.
Der nächste Tag war nach der langen anstrengenden Reise ganz der
Ruhe gewidmet; man brachte manche Stunde in traulicher Unterhaltung
zu und unterrichtete sich über die beiderseitigen Verhältnisse.
Lorenz erzählte von seinen Seereisen, die er zu verschiedenen Malen
gemacht hatte, um alle Stapelplätze des mächtigen Hansabundes zu
besuchen; er war mit flandrischen Tuchen und feiner Leinwand nach
Bergen in Norwegen gefahren, wo die deutschen Kaufleute ein eignes
Stadtviertel inne hatten und sich in Wohnung und Sitte von allen andern
Nationen abschlossen; von Schonen hatte er Heringe geholt, die als
unentbehrliche Fastenspeise in alle Länder Europas verschickt wurden;
selbst bis in das ferne Nowgorod war er gekommen, wo man Leder, Honig
und Wachs gegen die Erzeugnisse des Südens eintauschte.
Auch von den Verhältnissen in Burgund wußte er viel Interessantes zu
erzählen, was den Nürnbergern noch neu war, denn in einer Zeit, wo man
Zeitungen noch nicht hatte, wurden die Ereignisse eines Landes oft nur
langsam, auf dem Wege von Mund zu Mund, in anderen bekannt. Er machte
eine traurige Schilderung von der Verlassenheit, in der sich die junge
Herzogin nach dem Untergange ihres Vaters befunden hätte.
„Man erzählte uns,“ bemerkte Ebner, „daß König Ludwig von Frankreich,
ihr erlauchter Pate, sich der Fürstentochter warm und väterlich
angenommen habe.“
„In der That,“ erwiderte Tucher ironisch, „er war so liebevoll, daß er
ihr das schwere Amt des Regierens möglichst erleichtern wollte, deshalb
suchte er große Stücke des Reiches an sich zu reißen; und er meinte es
so väterlich, daß er Maria zu seiner Schwiegertochter machen wollte,
obgleich sein Söhnchen erst sieben Jahre zählt und an Leib und Seele
ein Schwächling sein soll.“
„Unglaublich!“ sagte Frau Ursula entrüstet, „wie kann man im Ernst an
die Verbindung einer zwanzigjährigen Prinzessin mit einem kleinen Kinde
denken!“
„Der Herzogin gefiel der Freier auch nicht sonderlich,“ fuhr Lorenz
fort, „sie warf sich ganz ihren getreuen Ständen in die Arme, erbat
ihren Schutz gegen den übermächtigen Nachbar und versprach dagegen,
ihnen alle die Freiheiten und Gerechtsame zurückzugeben, die ihr
gewaltthätiger Vater ihnen widerrechtlich entrissen hatte. Aber so
unberechenbar und wetterwendisch ist ein Weiberkopf: kaum hatte sie
sich den Ständen gegenüber feierlich verpflichtet, da reute sie’s
wieder; sie schickte die Räte ihres Vaters Huguenot und d’Himbrecourt,
geborene Franzosen und den Ständen als Werkzeuge ihrer Unterdrückung
tief verhaßt, zum Könige und erbot sich zu allerlei Zugeständnissen,
wenn er sie im ruhigen Besitz ihrer Herrschaft lasse. Der hinterlistige
Monarch aber verriet Marias zweideutiges Spiel an die burgundischen
Abgesandten, die ihrerseits mit ihr unterhandeln wollten, und im ganzen
Lande entbrannte eine heiße Entrüstung, die sich, da man sie nicht an
der Herzogin selbst auslassen konnte, gegen die französisch gesinnten
Räte wendete. Man warf sie in den Kerker, machte ihnen den Prozeß und
verurteilte sie als Verräter zum Tode. Vergebens flehte die Fürstin
die Richter um Gnade an, sie fand nur taube Ohren. Sie versuchte es,
sich an ihr Volk zu wenden; ich selbst habe sie gesehen, wie sie
ohne Begleitung, im Trauergewande, das Haupt mit einem schwarzen
Schleier umhüllt, mit aufgelösten Haaren und verzweiflungsvollen
Gebärden die Straßen durcheilte und die Menge beschwor, den Tod ihrer
getreusten Anhänger zu verhindern. Umsonst! einzelne wurden von ihrem
Jammer wohl gerührt, aber die große Menge blieb unbewegt, und als
die blutigen Häupter der beiden Verräter auf dem offnen Markte vom
Schafott niederrollten, -- da erhob das zuschauende Volk ein lautes
Freudengeschrei.“
„Heilige Anna, wie entsetzlich!“ rief Frau Ursula schaudernd und
bekreuzte sich. „Furchtbares Los einer Fürstin, durch eigne Unklugheit
ihre besten Freunde ins Verderben zu stürzen! Was fing die unglückliche
Maria nach diesem Tage an?“
„Sie verließ Gent, das ihr durch dieses blutige Schauspiel unerträglich
geworden war, und ging nach Brügge. Dort traf wenige Wochen später eine
stattliche Gesandtschaft ein, mit dem Kanzler des Deutschen Reiches,
dem Erzbischof von Mainz, an der Spitze. Sie legten der Fürstin einen
Ehevertrag vor, den vor Jahren ihr Vater mit Kaiser Friedrich zu Trier
abgeschlossen hatte, und überreichten ihr den Ring, den sie selbst
damals dem knabenhaften Bräutigam übersendet hatte. Da besann sie sich
nicht lange, -- man sagt, sie hätte dem Kaisersohn immer eine stille
Liebe bewahrt, obgleich sie ihn nur im Bilde gesehen -- sondern gab
freudig ihr Jawort und forderte Maximilian auf, sofort zu ihr zu kommen
und das alte Versprechen einzulösen.“
„Es ist schön und erhebend,“ bemerkte Frau Ursula sinnend, „daß auch in
den höchsten Kreisen die Liebe einmal zu ihrem vollen Rechte kommt. Man
meint sonst wohl, daß nur die kühle Erwägung politischer Vorteile ein
fürstliches Paar vor dem Altar vereinige.“
„Für Maria mag die Liebe die Hauptsache sein,“ meinte Lorenz trocken,
„für das Land wäre ein gefüllter Beutel sicher keine üble Zugabe
gewesen. Aber man sagt, daß der Kaisersohn, trotz seiner hohen
Stellung, nicht über bedeutende Mittel verfüge, und dann prophezeie ich
ihm einen schweren Stand, denn in einem so reichen Lande, wie dieses
ist, giebt in den Augen der großen Menge nur das Gold dem Manne eine
Bedeutung.“
„Ich bin überzeugt,“ erwiderte die Ebnerin mit leisem Unmut, „daß
Maximilian überall einen siegenden Eindruck machen wird, denn man
findet nicht oft seinesgleichen an Hoheit und Ritterlichkeit der
Erscheinung, und ein echter Fürst kann des Goldes entbehren, um die
Herzen des Volkes zu gewinnen.“
„Wir wollen sehen,“ sagte Lorenz achselzuckend, „aber ich kenne
meine Genter und Brügger Bürger zu gut, um zu glauben, daß sie sich
durch einen baumhohen Wuchs und ein huldreiches Lächeln bestechen
lassen.“ -- --
„Wie gefällt dir unser Wirt?“ fragte Herr Wilibald seine Gattin, als
beide allein waren.
„Er macht den Eindruck der Tüchtigkeit und Gediegenheit, aber mir
scheint, er ist für seine Jahre zu ernst und nüchtern. Ich habe es
gern, wenn junge Menschen noch Feuer und Begeisterung fühlen, wie unser
...“ aufquellende Thränen erstickten ihre Stimme, und Bertholds Name
blieb unausgesprochen.
„Du vergißt,“ erwiderte der Gatte etwas unzufrieden, „daß er kein
unmündiger Knabe mehr ist, sondern ein Mann, der die Verhältnisse im
ruhigen Lichte einer reifen Erfahrung ansieht. Mir sagt er ungemein
zu; so, gerade so, hätte ich mir meinen Sohn gewünscht, -- wenn
es der Himmel nicht anders gefügt hätte. Ich wollte, ich könnte
Lorenz überreden, in die Heimat zurückzukehren und in meine Handlung
einzutreten; soll auch der Name Ebner in Nürnberg nicht dauern, so
könnte sich doch das alte Haus der Tuchers neu beleben.“
Frau Ursula schwieg; -- so schnell sollte Bertholds Stelle durch einen
Fremden ausgefüllt werden? Es wallte in ihr auf wie Haß gegen Lorenz,
der sich anmaßte, den Sohn ersetzen zu wollen -- und doch mußte sie
sich bei ruhiger Überlegung sagen, daß jener ganz unschuldig an diesen
Plänen sei und gewiß nichts davon ahne. --
Am nächsten Morgen verkündete der Klang aller Glocken, daß der Festtag
gekommen sei, an welchem Maximilian von Österreich seinen feierlichen
Einzug in die Stadt halten sollte. Prächtig hatten sich über Nacht
und in den ersten Morgenstunden die Straßen geschmückt; überall
wehten bunte Fahnen, hingen farbige Decken und köstliche Teppiche aus
den Fenstern, selbst aus den Dachluken heraus; über die Straßen hin
zogen sich Laubgewinde, an denen sich Blumenkronen wiegten, oder die
mit flatternden Bändern und Sinnsprüchen verziert waren. Die Häuser
der adligen Geschlechter hatten ihre schön gemalten Wappenschilder
ausgehängt, die Gildehäuser und Trinkstuben ihre Handwerks- und
Wahrzeichen. Eine erwartungsvolle Menge in Festkleidern besetzte alle
Fenster und Balkone, sogar von den Dächern herab schauten neugierige
Augen auf die Straßen, durch welche der Fürst kommen sollte.
Jetzt ließ der Belfried, der schlanke Glockenturm, der sich mitten
auf dem Markt erhob, seine helle Stimme erschallen; vor dem Rathause
sammelte sich der Zug, welcher dem Erzherzog entgegengehen und
ihn am Thor begrüßen sollte. Voran ein glänzender Reitertrupp in
Plattenharnischen, auf starken Rossen mit langwallenden Sattelmänteln,
auf denen die Wappen des Stadtadels gestickt waren; dann Fußvolk in
knappanliegenden Wämsern mit Plattmützen und stumpfen Schuhen, mit
Schwert und Spieß bewaffnet. Vor ihnen her schritt gravitätisch der
Fähnrich, der seine Fahne kunstreich zu schwenken verstand: bald warf
er sie in die Luft und fing sie im Schwunge wieder auf; bald hüllte er
sich in das Fahnentuch ein wie in einen Mantel, dann ließ er es wieder
in seiner ganzen Länge über den Häuptern hin wehen, daß alle seine
Schildereien zu voller Geltung kamen.
Nun folgten die Herren vom Rate der Stadt, alle im langen Amtskleide,
mit den goldenen Halsketten, eine überaus würdevolle Schar. An sie
schloß sich ein Zug von Jungfrauen aus den ersten Familien der
Stadt, in weißen, strahlenden Gewändern, mit goldenen Kränzen und
duftigen Schleiern in den aufgelösten Locken, fast ausnahmslos hohe
Gestalten mit lieblichen Zügen. In unabsehbarer Reihe folgten nun die
verschiedenen Gilden zu Fuß und zu Pferde, jede im vorgeschriebenen
Gewande, mit stattlichen Bannern und Abzeichen, mit Pfeifern und
Trompetern an der Spitze. In der Nähe des Thores stellten sich alle
in langem Spalier auf, nur die Ratsherren und die Jungfrauen blieben
in der Mitte des Platzes stehen, während die vorderste Reiterschar
hinaussprengte, um die Ankommenden schon außerhalb des Thores zu
empfangen.
Jetzt gab der Türmer das Zeichen, die Böller krachten, Erzherzog
Maximilian betrat die Stadt: eine herrliche Heldengestalt, ganz in
glänzenden Stahl gehüllt, mit dem wallenden Purpurmantel darüber.
Die wenig hervortretende Stirn, die mächtige Nase, die hängende
Unterlippe kennzeichneten den Habsburger; der hohe, reckenhafte Wuchs,
die tiefblauen, leuchtenden Augen mit dem kühnen, freien Blick, das
goldene Lockenhaar ließen ihn als ein echtes Königsbild erscheinen. Ein
langes Gefolge von Fürsten und hohen Herren schloß sich an, aber den
Ehrenplatz an der Seite des edlen Bräutigams nahm ein schlichter Ritter
ein. „Wer ist der Bevorzugte?“ flüsterte unter den Zuschauern einer dem
andern zu. „Das ist Ritter Kunz von Rosen,“ hieß es, „der lustige Rat
des Prinzen und zugleich sein bester Freund, der nie von seiner Seite
weicht. Er ist der treue Genosse all seiner Abenteuer und soll seinem
Herrn schon mehr als einmal das Leben gerettet haben, wenn dieser sich
in tollkühnem Mut in die größten Gefahren begeben hatte.“
Leutselig grüßte Max nach allen Seiten; die Ansprache der Väter der
Stadt nahm er mit huldvoller Freundlichkeit entgegen, den Jungfrauen
begegnete er mit ritterlicher Artigkeit. Seine jugendliche Kraft und
Schönheit, verbunden mit seiner echt fürstlichen Haltung machte einen
so tiefen Eindruck auf die Menge, daß das anfängliche, kritische
Schweigen schnell einer wachsenden Begeisterung wich und das Jubeln und
Schreien eine betäubende Höhe erreichte. Plötzlich gab er seinem Roß
die Sporen, daß es sich aufbäumte, und sprengte mit ungeduldiger Hast
vorwärts, man sah es ihm an, daß er Eile hatte, die Braut zu begrüßen.
Jetzt kam er in den Bereich des Palastes, auf dessen Balkon die junge
Fürstin im Kreise ihrer Frauen stand; mit klopfenden Pulsen schaute
sie dem Bräutigam entgegen, dessen Bild sie lange in ihrem Herzen
getragen, und den ihre Augen doch noch nie erblickt hatten. Es war ein
Augenblick, der alle höfische Etikette über den Haufen warf; unten
schwang der Jüngling seinen Federhut und schaute strahlenden Blicks
hinauf, von oben beugte sich die Jungfrau über die steinerne Balustrade
und ließ ihr Tuch grüßend in der Luft wehen. Noch wenige Sekunden --
dann war Maximilian vom Pferde gesprungen, die breite Treppe hinauf
geflogen, und nun hielt er die Braut, die ihm entgegeneilte, fest in
seinen Armen. -- So waren Deutschland und Burgund vereint, und wenn
auch ein allzu früher Tod Maria verhinderte, an der Seite ihres Gatten
den deutschen Kaiserthron zu besteigen, so war sie doch vom Schicksal
bestimmt, die Stammmutter einer langen Reihe deutscher Kaiser zu werden.
Der kirchlichen Vermählung folgte eine Reihe von glänzenden Festen. Der
Hof von Burgund hatte sich stets durch Prachtliebe ausgezeichnet; er
zog die adlige Jugend aus allen Ländern an sich, denn nirgends wurden
ritterliche Übungen so leidenschaftlich betrieben, standen die alten
Ritterspiele in so hoher Blüte, wie hier. So gab es alle Tage Turniere
für den Hof und die hohen Gäste des fürstlichen Paares, Banketts von
seiten der Stadt, Preis- und Wettschießen für den kleineren Bürger,
Spiel und Tanz für die Jugend, Speisung der Armen, und was sich der
Geist der Zeit an Lustbarkeiten irgend erdenken konnte. Auch Herr Ebner
und seine Gattin nahmen an mehreren dieser Feste teil, aber wenn Frau
Ursulas Erscheinung auch immer schön und würdig war, so war sie doch
bei weitem nicht die erste an Glanz und Reichtum, denn die Frauen von
Gent trugen sich alle wie Königinnen, und ihr kostbares Geschmeide, die
Pracht ihrer Gewänder stellte fast die der anwesenden Fürstinnen in
Schatten.
Endlich war der Festjubel verrauscht, das herzogliche Paar verließ
Gent, um in den übrigen Städten des Landes seinen frohen Einzug zu
halten; auch die Nürnberger rüsteten sich zur Heimfahrt. Am Abend vor
der Abreise saßen die beiden Männer noch lange in ernster Unterredung
beisammen. Herr Ebner redete dringend auf den jüngeren Freund ein,
der anfangs kopfschüttelnd zuhörte und manches Bedenken zu haben
schien; allmählich aber schwand sein Widerstand, und als die beiden
sich trennten, geschah es mit so herzlichem Händedruck, daß sie
wohl einig geworden sein mußten. Am nächsten Morgen schied man mit
Versicherungen aufrichtiger Freundschaft von beiden Seiten. „Gebt uns
bald Gelegenheit, Vetter, Euch Eure Gastfreundschaft in unserm Hause zu
vergelten,“ sagte Frau Ursula; -- „behaltet mich in gutem Andenken, bis
ich zu Euch komme, Frau Base,“ bat Lorenz; -- „auf baldiges Wiedersehen
in Nürnberg!“ klang es herüber und hinüber, und Grüße und Winke wurden
gewechselt, solange der Wagen noch in Sicht war.
Im folgenden Frühjahr erschien Lorenz Tucher in Nürnberg, wo er wie
ein alter Freund und lieber Verwandter empfangen wurde. Er hatte sein
Haus in Gent verkauft und wollte für immer nach der alten Heimat
übersiedeln. In kurzer Zeit war er im Ebnerhause vollkommen heimisch
und verkehrte in brüderlicher Weise mit den Töchtern, doch gab es
zwischen ihm und Margarete manchen stillen Kampf, denn das hochgesinnte
Mädchen nahm ebenso oft einen Anstoß an seiner kühlen Beurteilung
mancher Dinge, die ihr groß und würdig erschienen, wie er an ihrer
warmen Begeisterung für vieles, was ihm der Beachtung unwert dünkte.
Elsbeth dagegen sah mit unbegrenzter Bewunderung zu dem neuen Vetter
auf und war bereit, jeden seiner Aussprüche als unfehlbares Orakel zu
betrachten. Er beschäftigte sich zuweilen denn auch in herablassender
Freundlichkeit mit dem Bäschen, wie man sich wohl mit einem kleinen
Kätzchen abgiebt, dessen drollige Sprünge selbst einen ernsten Mann in
müßiger Stunde ergötzen mögen.
[Illustration]
Zwölftes Kapitel.
Mutter und Tochter.
Unwiderstehlich spricht zu dem Kinde die Stimme der Mutter,
Prallt sie auch anfangs zurück, endlich gewinnt sie den Sieg.
Die vier Jahre, welche für Ulrichs Studienzeit bestimmt waren, gingen
ihrem Ende entgegen, und auf Maltheim zählten Mutter und Tochter schon
die Wochen bis zu seiner Heimkehr. Frau Kunigunde war eben in ihrer
Vorratskammer beschäftigt -- dieselbe war der Stolz und die Freude
ihres Hausfrauenherzens, und sie würde den Schlüssel dazu keiner
fremden Hand anvertraut haben --, als ihr ein Mädchen gemeldet wurde,
das in einer dringenden Angelegenheit die Herrin zu sprechen wünschte.
Sorgfältig verschloß diese den Raum, der die besten Schätze ihres
Hauses enthielt, und stieg hinab in die Halle, wo sie die Dirne fand,
welche ganz erschöpft auf einen Schemel gesunken war. Dieselbe beugte
sich über die Hand der Edelfrau und bat sie in schluchzenden Tönen, ihr
zu ihrer Mutter zu folgen, welche krank daniederläge und keine Ruhe
finden könne, weil ein schweres Geheimnis sie drücke. Erst allmählich
erkannte Frau Kunigunde in der Sprechenden die blonde Nelleke, Frau
Barbaras Tochter, und eine bange Ahnung stieg in ihrem Herzen auf. Auf
wen konnte das Geheimnis, von dem jene sprach, sich beziehen, als auf
Irmgard, und was konnte die Sterbende ihr zu sagen haben, als etwas,
was ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigte? Dennoch war sie sogleich
entschlossen, dem Rufe zu folgen, um endlich die volle Wahrheit zu
erfahren. Sie traf ohne Zögern die nötigen Anstalten, sagte Irmgard,
daß ein wichtiges Geschäft sie zwinge, sich in die Stadt zu begeben,
legte ihr die Sorge für den Vater ans Herz und brach nach wenig Stunden
auf, von einigen Dienern begleitet, deren einer Nelleke vor sich aufs
Pferd nahm. Einige heiße, trockne Wochen hatten die Landstraße in
einen leidlichen Zustand versetzt, man kam ziemlich schnell vorwärts
und erreichte noch bei hellem Tage die Stadt. Die Edelfrau gönnte
sich keine Ruhe nach dem ermüdenden Ritt; kaum vom Pferde gestiegen,
eilte sie nach der Schenke zum blauen Affen und ließ sich in die Kammer
führen, wo Frau Bärbel schon seit Wochen auf dem Krankenbette lag.
Die behäbige Frau war sehr verändert, die vollen Backen waren
eingefallen und von fahler Blässe, die Augen irrten angstvoll suchend
umher und leuchteten auf, als sie endlich auf Frau Kunigundens Antlitz
hafteten. „Den Heiligen sei Dank, daß Ihr kommt, edle Frau!“ stöhnte
sie, „ich konnte nicht sterben, ohne Euch alles bekannt zu haben.
Neiget Euer Ohr zu mir, meine Kraft ist schwach -- die Mutter Gottes
helfe mir, meine Beichte zu Ende zu bringen.“
Frau Kunigunde setzte sich neben das Lager und preßte Hände und Lippen
fest zusammen, um das heftige Schlagen ihres Herzens zu unterdrücken.
„Sprich ohne Scheu, Bärbel,“ sagte sie mit erkünstelter Ruhe, „ich höre
jedes Wort.“
„Ich habe Euch einst belogen,“ begann die Sterbende leise und
abgebrochen, „es war Euer eignes Kind, das ich im Garten begrub, und
ein fremdes, das ich an seiner Statt in die Wiege legte.“
„Wo habt Ihr meine Irmgard begraben?“ fragte die Edelfrau tonlos.
„Unter der großen Linde, rechts vom Altan. Ich habe inbrünstige Gebete
darüber gesprochen.“
„Und wo kam das fremde Kind her?“
„Mein Gatte hatte es auf der Landstraße gefunden.“
Ein langes Schweigen folgte. Durch Frau Kunigundens Seele ging wie ein
zweischneidiges Schwert der Schmerz um den Tod des eignen Kindes und
ein Gefühl, als ob Irmgard von ihrem Herzen losgerissen würde.
„Sagt, daß Ihr mir vergebt, gnädige Gebieterin,“ bat Barbara mit
leiser, angstvoller Stimme.
„Vergeben? wie könnte ich das!“ erwiderte die beraubte Mutter mit
unterdrückter Heftigkeit. „Warum, o warum habt Ihr mir das gethan?“
„Ich konnte Euren Schmerz nicht ansehen -- er brach mir fast das Herz.
Und als an demselben Tage Klaus mir das fremde Kind brachte, das ebenso
helle Härchen und dunkle Augen hatte wie das unsrige -- und so zart und
fein war -- da meinte ich, es sei ein Fingerzeig der heiligen Jungfrau,
die Euren Kummer lindern wollte. Während Ihr in tiefer Ohnmacht lagt,
vertauschte ich die Kinder, ohne daß es jemand sah. Aber von Stund’
an hatte ich keine Ruhe mehr -- ich konnte Euch nicht mehr frei ins
Gesicht sehen, es litt mich nicht länger auf der Burg. Jahrelang trug
ich mein Geheimnis mit mir umher, ohne es zu verraten; erst, als Pater
Benedikt nach Nürnberg kam, faßte ich mir ein Herz und beichtete ihm
meine Schuld. Er strafte mich mit strengen Worten und legte mir harte
Bußen auf, dennoch aber ließ er mich geloben, gegen jedermann darüber
zu schweigen, solange Euer edler Gemahl am Leben sei. Aber nun tritt
der Tod an mich heran -- ich konnte nicht scheiden mit der Lüge auf
dem Herzen -- -- o laßt mich nicht sterben, ohne daß Ihr mir vergeben
habt!“ Sie sank erschöpft in ihre Kissen zurück, und eine namenlose
Angst malte sich auf dem abgezehrten Antlitz.
Die Todesqual der alten Dienerin ging Frau Kunigunden tief zu Herzen;
welche Gedanken auch ihre Seele bestürmten, so drängte sie dieselben
doch zurück und dachte mit gütigem Sinn nur daran, das arme Weib zu
trösten. „Du hast es gut mit mir gemeint,“ sagte sie nach einer Pause
mit bebender Stimme, „und du konntest wohl nicht ermessen, was deine
That bedeute. Ich will dir deinen Tod nicht erschweren -- ziehe hin in
Frieden, und möge dir Gott verzeihen -- wie ich es thue.“
Sie erhob sich schnell, denn ihre Fassung drohte sie zu verlassen, und,
gefolgt von den Segenswünschen und Dankesworten der Sterbenden, eilte
sie fort. --
Als Frau Kunigunde am nächsten Tage mit schwerem Herzen nach Hause
zurückkehrte, wurde sie von verstörten Gesichtern empfangen und sah
mit einem Blick, daß etwas Ernstes geschehen sei. Voll Angst und Sorge
eilte sie hinauf in das Zimmer ihres Gatten, wo ihr Pater Anselmus, der
neben seinem geistlichen Amt die Stelle eines Arztes auf Meilen in die
Runde versah, mit ernster Miene entgegentrat. „Faßt Euch, edle Frau,“
begann er, „bereitet Euch auf eine traurige Kunde vor.“
„Was ist’s?“ fragte sie bebend, „ist mein Gatte ..?“ ihre Lippen
weigerten sich, das schreckliche Wort auszusprechen.
„Euer Gatte lebt, aber die Hand des Herrn hat ihn schwer getroffen, Ihr
werdet ihn sehr verändert finden.“
Die Edelfrau ließ sich nicht länger zurückhalten, sie trat an das
Lager des Ritters, der still, mit geschlossenen Augen, dalag; nur
der keuchende Atem verriet, daß in der bewegungslosen Gestalt noch
Leben sei. Ein Schlagfluß -- selbst heute noch eine Erscheinung, die
unvermittelt und unerklärt in das blühende Leben eingreift, die bei
dem damaligen Stande der Wissenschaft aber vollends geheimnisvoll und
unheimlich erscheinen mußte -- hatte den alten Herrn zu Boden geworfen
und ihm die Fähigkeit der Sprache und Bewegung geraubt. Von Grauen
erfüllt, hatten die Diener sich zurückgezogen und Irmgard und Pater
Anselm allein bei dem Geschlagenen gelassen. Seit dem gestrigen Abend
hatte das kleine Fräulein das Bett des Vaters nicht verlassen, jetzt
hatte die Ermüdung der durchwachten Nacht sie übermannt; im großen
Lehnstuhl zusammengekauert, war sie in so tiefen Schlaf gesunken, daß
selbst das Kommen der Mutter sie nicht erweckte. Mit blutendem Herzen
blickte jene von dem Gatten auf die Tochter, sollte sie beide hingeben
müssen? sollte die weiße Rose, die sie so treu gepflegt hatte, von ihr
genommen werden und sie nicht mehr durch ihren lieblichen Anblick und
süßen Duft erquicken? --
Unermüdlich teilten sich die beiden Frauen in die schwere Pflege des
Kranken, dem die geschwundenen Kräfte nicht wiederkehren wollten.
Zuweilen glitt, wenn die Tochter zu ihm trat, ein schwacher Schimmer
von Freude über das wachsbleiche Antlitz, oder es malte sich eine
Unruhe darauf, sobald die Gattin das Gemach verließ; aber das waren
auch die einzigen Spuren von Bewußtsein. Doch Frau Kunigundens
Prüfungen waren noch nicht zu Ende: eines Morgens blieb Irmgard, welche
sich immer müder umhergeschleppt hatte, auf ihrem Lager liegen, und
Pater Anselmus erklärte, daß sich infolge übermäßiger Anstrengung
ein schleichendes Fieber ihrer bemächtigt habe. Trostlos vernahm die
Edelfrau diesen Ausspruch, wem sollte sie Irmgards Pflege anvertrauen?
sie selbst war durch die Hilflosigkeit des Gatten vollauf in Anspruch
genommen. In dieser Not wußte der Pater einen Rat und versprach, ihr
eine Pflegerin zuzuführen, auf deren Gewissenhaftigkeit sie sich
unbedingt verlassen könne.
An demselben Abend klopfte es an Frau Kunigundens Thür, und vor ihr
stand eine Frau, deren Kopf ein großes Tuch verhüllte. „Pater Anselmus
schickt mich,“ begann dieselbe mit leiser, stockender Stimme, „wollt
Ihr mir gestatten, meine -- -- Eure -- -- das kranke Fräulein zu
pflegen?“
„Wer seid Ihr?“ fragte die Edeldame, von banger Ahnung ergriffen.
Die Fremde hob flehend die Hände empor. „O, schickt mich nicht fort,
ich beschwöre Euch,“ rief sie, und das herabfallende Tuch ließ Afras
Züge erkennen, „erlaubt mir nur, Euch und dem Fräulein zu dienen wie
die geringste Magd, ich begehre nichts darüber hinaus. Vergeßt, was
ich einst gesagt und gedacht, laßt -- o laßt mich bei Euch bleiben!“
Ein paar Augenblicke vergingen, Frau Kunigunde kämpfte mit sich selbst,
dann reichte sie Afra die Hand und sagte fest: „Es sei! ich will Euch
unser geliebtes Kind anvertrauen -- ich weiß, Ihr werdet es treu
versorgen, und der Himmel gebe seinen Segen dazu!“
Die Edelfrau sah bald ein, daß sie eine treuere Pflegerin, als Afra,
nicht hätte finden können, denn jene war Tag und Nacht auf ihrem
Platze. Die Kranke erkannte sie anfangs nicht, denn sie lag fast immer
in einem Zustande, der halb Schlaf und halb Betäubung war; doch nach
einigen Tagen bemerkte Afra, daß Irmgards Augen fest und mit Bewußtsein
auf sie gerichtet waren. Sie unterdrückte eine zitternde Furcht vor
einem heftigen Ausbruch des Abscheus, wie damals, als sie zuerst auf
der Burg erschienen war, aber das Mädchen blieb ruhig und sagte nur
leise: „Ich kenne Euch, wie kommt Ihr hieher?“
„Frau Kunigunde hat mich rufen lassen, um ihr beizustehn.“
„Euch? und warum gerade Euch?“
„Pater Anselm wußte, daß ich mit Kranken umzugehen verstehe. Ich gehe,
sobald ich nicht mehr gebraucht werde. Soll ich gleich gehen?“
„Nein, bleibt!“ versetzte Irmgard kurz; „ich glaube, Ihr meint es
gut mit mir.“ So blieb Afra, und es bildete sich allmählich ein
freundliches Verhältnis zwischen ihr und dem Fräulein, das nur langsam
genas. „Erzählt mir die Geschichte Eures Lebens,“ bat sie einmal,
und Afra erzählte, anfangs vorsichtig und zurückhaltend, bei den
Lichtpunkten ihrer Erinnerung verweilend, um die Genesende nicht zu
erregen, nach und nach immer ausführlicher, denn Irmgard hörte nicht
auf, zu forschen und zu fragen, bis sie alles erfahren hatte.
In der Seele des jungen Mädchens vollzog sich eine gewaltige
Wandlung: der heftige Widerstand, den sie damals Afras Ansprüchen
entgegengesetzt, war gebrochen; sie fühlte es mit unwiderleglicher
Gewalt, daß sie wirklich die Tochter dieser Frau sei. Diese
Überzeugung, welche durch Walburgs frühere Behauptung vorbereitet
worden war, stürzte alles um, was bisher ihr Denken und Thun bestimmt
hatte. Der Stolz, mit dem sie auf ihre adlige Geburt, auf die langen
Reihen ritterlicher Ahnen geblickt hatte, war ein lächerliches Unding,
wenn sie von einfachen Handwerkern abstammte, ihr ganzes Leben hier auf
der Burg war eine Lüge! Ihr war es, als finge das goldene Kettlein, das
sie seit ihrer Kindheit getragen, an ihrem Halse zu brennen an; sie
öffnete das Schlößchen und legte das alte Schmuckstück ab. An einer
feinen Kette hing ein Goldplättchen, auf dem fünf blaue Steine ein
Vergißmeinnicht bildeten; das war wohl über zweihundert Jahre alt und
stammte von einer Ahnfrau des Hauses, deren Andenken in hohen Ehren
gehalten wurde. Wie stolz war Irmgard gewesen, als die Mutter ihr das
einfache Kleinod umhing und sie ermahnte, es wohl zu bewahren und
jener Frau Jutta von Maltheim und Buchenbühl ähnlich zu werden, ihren
Eltern ebenso gehorsam, ihrem einstigen Gatten ebenso treu zu sein.
Oft hatte ihr die Mutter die Geschichte jener Ahnfrau erzählen müssen,
deren Bräutigam unter dem Zeichen des Kreuzes in das Heilige Land
gezogen war, und von dem sie jahrelang nichts gehört hatte; wie sie ihm
trotzdem die Treue bewahrt habe, obgleich jedermann von seinem Tode
überzeugt gewesen sei; wie sie all ihren Schmuck, bis auf dies eine
Kettlein, verkauft habe, um einen Spielmann auszurüsten und nach ihm
auszusenden. Der aber habe allzu lange nach dem Ritter suchen müssen,
und beide seien erst in dem Augenblick zurückgekehrt, als das Fräulein,
dem Befehl ihres Vaters folgend, einem Kaufmann die Hand zum Ehebunde
habe reichen sollen. Beim Anblick des Geliebten sei sie totenbleich zu
Boden gefallen, der Ritter aber habe den Bräutigam zum blutigen Kampf
herausgefordert, habe ihn besiegt, und als Siegespreis die Hand seiner
Dame erhalten.
Wie oft hatte Irmgard das Vergißmeinnicht betrachtet und sich dabei an
Fräulein Juttas Stelle gedacht, wie oft sich im stillen gelobt, nur
einem Ritter angehören zu wollen, der so treu, so heldenhaft sei, wie
jener Herr Diether. Sie hatte es sogar der Ahnfrau sehr verargt, daß
sie sich je habe bestimmen lassen, an einen Städter auch nur zu denken,
und sie war entschlossen, in diesem Punkt selbst dem Befehl ihres
Vaters zu trotzen, der freilich ebenso dachte wie sie. Was war nun aus
all diesen stolzen Träumen geworden? sie war das Kind einer armen Frau,
die einst die Magd der Frau Ebnerin gewesen; selbst Berthold würde
jetzt nicht mehr daran gedacht haben, sie zu seiner Gattin zu erwählen.
Hans Fiedler, den sie stets mit huldreicher Herablassung behandelt,
dessen ehrerbietige Huldigung sie hingenommen hatte, wie ein Königskind
die Liebe des Schäferknaben -- er war ihr Bruder, der über ihr Geschick
zu bestimmen haben würde; Ulrich aber stand so hoch, hoch über ihr, daß
sie froh sein konnte, wenn er sie einmal zur Gürtelmagd seiner Gemahlin
machte. O, es war unsäglich bitter! Irmgard mußte ihre Augen vom Lichte
abwenden und ihr Antlitz gegen die Wand kehren, um das brennende
Schamgefühl zu verbergen, das ihre bleichen Wangen mit Purpur färbte.
Was sollte nun geschehen? sie konnte nicht auf der Burg bleiben und
noch fernerhin die Rolle des Edelfräuleins spielen, -- dagegen sträubte
sich ihr Wahrheitsgefühl; sie konnte auch nicht auf den Annenhof ziehen
und Afras gehorsame Tochter sein, -- dagegen bäumte sich ihr Stolz
und die jahrelange Gewohnheit. Lange suchte sie vergebens nach einem
Ausweg, dann kam ihr plötzlich, wie ein Lichtstrahl in tiefer Nacht,
der Gedanke an das Kloster. Ja, das war eine Rettung, und sie griff
begierig danach. Dann fiel ihr Berthold ein, und wie sie ihm einst
verächtlich zugerufen hatte, sie würde lieber sterben, als eine Nonne
werden. Und nun ging sie doch denselben Weg; es stirbt sich nicht
so leicht, und der Tod kommt selten, wenn man ihn leidenschaftlich
ersehnt. Im stillen bat sie dem fröhlichen Spielgefährten jedes
schroffe Wort ab, ja sie fühlte sich ihm näher gerückt durch die
Gleichartigkeit ihres Schicksals. „Erstaunlich, daß gerade wir beide
der Welt entsagen müssen, wir, die wir uns doch so wohl darin fühlten,
so glänzende Pläne machten, so hoch hinaufstrebten! Die Heiligen führen
uns wunderbare Wege zu dem Ziel, das sie uns gesteckt haben, wir mögen
wollen oder nicht!“ -- --