Schon nach wenigen Tagen teilte Herr Ebner seiner Gattin mit, daß er

einen Boten nach dem Annenhof geschickt habe, um die alte Crescenz auf

ihr Kommen vorzubereiten; sie möge so bald als möglich sich und die

Kinder für eine längere Abwesenheit in Bereitschaft setzen. „Und Ihr

wollt allein in der verpesteten Stadt bleiben, lieber Herr?“ fragte

Ursula angstvoll; „o ich bitte Euch, kommt mit uns hinaus, ich verginge

vor Angst, wüßte ich Euch hier der Gefahr ausgesetzt.“

„Ich muß als Ratsherr auf meinem Posten bleiben und in schweren Zeiten

das Wohl der Stadt zu hüten suchen,“ versetzte Ebner ernst; „ich

kann so wenig fort, wie ein Hauptmann sein Fähnlein in der Schlacht

verlassen darf.“

Sie sah mit einem Ausdruck scheuer Ehrfurcht zu dem älteren Manne auf,

der immer so hoch über ihr zu stehen schien; hätte sie nur die Arme um

seinen Hals schlingen und ihm alles sagen dürfen, was sie fühlte --

aber sein kühles, gemessenes Wesen scheuchte die warme Empfindung immer

unausgesprochen zurück in die Tiefen ihres Herzens. „Wer soll hier für

Euch sorgen, teurer Herr?“ fragte sie niedergeschlagen, „wem kann ich

das Vertrauen schenken, daß er in solcher Zeit alles Nötige für Euer

Behagen thun wird?“

„Unsre alte Brigitte ist eine brave, zuverlässige Magd, sie wird es mir

sicher an nichts fehlen lassen.“

„Es soll alles geschehen, wie Ihr es befehlt, lieber Herr,“ sagte

Ursula nach kurzer Überlegung; „ich beuge mich Eurem Willen und Eurer

Einsicht, die gewiß auf unser Bestes bedacht sind.“

„Du thust recht daran, liebes Weib,“ erwiderte er mit einem

freundlichen Blick; „du kannst sicher sein, daß das Wohl meiner Familie

mir bei Tag und Nacht am Herzen liegt.“

Kaum hörte Magdalene von der bevorstehenden Übersiedelung, als sie sich

erbot, in der Stadt zu bleiben und Haus und Hausherrn zu versorgen.

„Ihr, Base Lene, Ihr wollt bei ihm bleiben und seine Gefahr teilen,“

rief Ursula schmerzlich, „und ich, sein Weib, soll in sicherer Ferne

abwarten, was ein feindliches Geschick vielleicht über ihn verhängt?

wäre es nicht mein Recht, an seiner Seite auszuharren? Geht Ihr mit den

Kindern nach dem Annenhof und laßt mich hier.“

„Was liegt an meinem einsamen Leben?“ fragte Magdalene wehmütig, „und

wem wäre mein Tod ein unüberwindlicher Schlag? Ihr müßt Euch Eurem

Gatten, Euren Kindern erhalten, Ursula, sie alle können Euch nicht

missen. Ist es mir aber beschieden, der Seuche zu erliegen, so grüßt

meinen Adam, wenn er zurückkehrt, und sagt ihm, ich wäre ihm treu

geblieben. Vielleicht finde ich ihn schon drüben, und alles Warten und

Sehnen hat dann ein Ende!“

Die nächsten Tage vergingen in eifrigen Zurüstungen; eines Morgens

hielt der schwerfällige Reisewagen auf dem Hofe, alle Diener des Hauses

trugen Bündel und Körbe herab, um sie aufzuladen. Zuletzt erschien

Herr Wilibald mit seiner Familie; schluchzend warf sich Ursula in

seine Arme: „Alle vierzehn heiligen Nothelfer sollen Euch behüten und

beschirmen, mein teurer Gatte; möchten sie uns in Glück und Freude

wieder zusammenführen! O, wie ist mir so bange ums Herz, als stünde uns

Schweres bevor!“

„Laß uns einander nicht weich machen, liebes Weib,“ versetzte Ebner

gehalten; „was geschehen muß, geschieht am besten in ruhiger Fassung.

Sankt Sebald und die heilige Jungfrau mögen Euch geleiten!“ Er küßte

sie auf die Stirn und half ihr in den Wagen; auch die Kinder küßte er

ohne Erregung, nur sein Töchterchen Margarete hielt er einen Augenblick

länger in seinen Armen, -- das sinnige, kleine Mädchen mit den ernsten

grauen Augen war dem Herzen des ernsten Mannes wohl das teuerste

Kleinod.

„Ihr werdet mir doch fleißig schreiben?“ bat Ursula noch von oben herab.

„Ich werde dir jede Woche einen Boten schicken, der dir Nachricht

bringt,“ erwiderte er, knöpfte selbst den Ledervorhang fest, welcher

die Öffnung schloß, und gab dem Kutscher das Zeichen zur Abfahrt.

Er sah dem Wagen, dem sich zur Sicherheit einige reisige Knechte

anschlossen, nach, bis er den Thorweg passiert hatte, dann ging er in

sein Kontor, und niemand merkte ihm an, daß heute etwas Besonderes

vorgefallen sei.

Obgleich die Entfernung von der Stadt bis zum Annenhofe nur wenige

Meilen betrug, so bedurfte es bei der entsetzlichen Beschaffenheit der

Landstraße doch vieler Stunden, um den Weg zurückzulegen; die Reisenden

waren von allen Gefahren des Umwerfens und Steckenbleibens bedroht, und

Menschen und Tiere waren in einem Zustande fast tödlicher Erschöpfung,

als sie endlich ihr Ziel erreichten. Frau Crescenz hatte wacker

geschafft, um das bescheidene Haus zum Empfang der geliebten Herrschaft

instandzusetzen; über der Hausthür prangte ein Kranz von frischem

Tannengrün, sie selbst stand im Feierkleide, dem dunkelroten Faltenrock

mit der großen, weißen Schürze und der gesteiften, weißen Haube, mit

Hans auf den Stufen, um die Gestrenge zu begrüßen, während alle Knechte

und Mägde des Hofes am Thorwege aufgestellt waren, um den Wagen

feierlich bis an das Haus zu geleiten. Einige sprangen diensteifrig

hinzu, um den Vorhang zu öffnen und die mehrstufige Leiter, welche von

dem hohen Gefährt bis auf den Boden reichte, herabzulassen. Mühsam

kletterten die Insassen, denen von der schrecklichen Fahrt noch alle

Glieder zitterten, herab, nur Berthold sprang mit einem Satz zur

Erde und stellte sich mit forschender Neugier vor Hans auf. „Ich bin

Berthold Ebner, und du?“

„Ich bin Hans Fiedler.“

„Kannst du jagen und klettern?“

„Ei freilich.“

„Auch raufen und schlagen?“

„Wer mich schlägt, den schlage ich wieder, sonst mache ich mir nichts

daraus.“

„Kennst du Wald und Flur?“

„Wie meine Tasche.“

„Dann bist du mein Mann! schlag ein, wir wollen gute Kameraden sein.“

So war die Freundschaft der Knaben schnell geschlossen.

Das Haus zeigte einen einfachen, ländlichen Zuschnitt; der Luxus des

städtischen Lebens mit seinen verfeinerten Ansprüchen hatte noch keinen

Eingang gefunden, da die Familie des Herrn nur selten hier verweilte.

Die Mitte des niedrigen Gebäudes nahm ein großer Raum ein, der sowohl

als Küche, wie zum Aufenthalt diente. In einer Ecke stand der riesige

Feuerherd mit dem gewaltigen Rauchfang darüber, an den Wänden lange

Regale, die mit blitzend blankem Metallgeschirr, mit irdenen Tellern

und Krügen besetzt waren. Der bunte Ziegelfußboden war mit hellem

Sande bestreut, unter den schneeweiß gescheuerten Tischen und Bänken

lagen zierlich geflochtene Matten. Ebenso sauber war das Gemach zur

Rechten, das zur Aufnahme der Gebieterin und ihrer Kinder eingerichtet

war. Das große Himmelbett mit den blau und weiß gewürfelten Vorhängen,

der mächtige Tisch mit dem knaufigen Gestell, die großen Truhen, der

schwerfällige Lehnstuhl -- das alles stammte aus alter Zeit und hatte

sicher schon den Großeltern der jetzigen Besitzerin gedient, aber es

war alles wohl erhalten und nicht ohne altväterische Behaglichkeit.

In keinem Raume des Hauses fehlte der kleine Weihwasserkessel neben

der Thür und zwischen den Fenstern ein Kruzifix oder geschnitztes

Heiligenbild, das heute mit frischem Tannengrün geschmückt war.

„Wie geht es deiner Afra?“ fragte Frau Ursula, als Crescenz mit

Händeküssen und Versicherungen ihrer Freude kein Ende finden konnte.

Die Alte fuhr mit der Schürze über die Augen: „Ach, gestrenge Frau, es

ist immer in einer Weise mit ihr. In Jahr und Tag hat sie nicht zwanzig

Worte mit mir oder ihrem einzigen Kinde gesprochen; sie sitzt immer da

und spinnt und schlägt die Augen zu Boden, und lacht nicht und weint

nicht -- es ist etwas tot in ihr oder entzwei gesprungen -- die heilige

Anna mag wissen, was es ist. Was habe ich nicht geweint und gebetet,

wie viel Kerzen im Annenkapellchen angezündet, wieviel Messen von Pater

Anselmus lesen lassen, -- es hilft alles nichts; sie bleibt so stumm,

wie sie gewesen, und schüttelt zu allem nur den Kopf, -- nicht böse

oder verstockt, aber so traurig, daß einem das Herz dabei blutet. Wenn

Ihr es noch versuchen möchtet, ihr zuzureden, gestrenge Frau! Euch hat

sie von klein auf geliebt und verehrt, Ihr seid meine letzte Hoffnung,

denn selbst der Priester vermag nichts über sie.“

„Quält das arme Weib nicht,“ sagte Ursula, ergriffen von dieser

Schilderung eines tiefen Seelenleidens; „sie hat mehr Schweres erlebt,

als ihr Geist zu fassen vermochte. Vielleicht senden die Heiligen

einmal eine Hilfe ohne unser Zuthun.“

Das Wiedersehen mit der Jugendgespielin schien wenig Eindruck auf

Afra zu machen, sie beugte sich über die dargebotene Hand, um sie zu

küssen, sah aber kaum auf und spann unbewegt weiter. Nur beim Anblick

der kleinen Mädchen überlief ein leises Zittern ihre Gestalt, doch nur

für einen Augenblick; die runden, rosigen Geschöpfchen, die lachend

umherspielten, erinnerten doch zu wenig an ihren bleichen, verlornen

Liebling. Margarete aber faßte eine seltsame Zuneigung zu der stillen

Frau, die immer auf derselben Stelle saß und ihr Spinnrad eintönig

schnurren ließ. Oft rückte das Kind sein kleines Stühlchen nahe an

Afra heran und sah ihr unverwandt zu; als es draußen zu blühen begann,

brachte sie ihr Schürzchen voll Blumen, schüttete sie auf Afras Schoß

und sah dabei so suchend und fragend in die gesenkten Augen, bis

endlich ein Strahl der Erkenntlichkeit darin aufleuchtete. Und wenn

Afra auch ihr Schweigen nicht brach, so legte sie doch mitunter ihre

Hand wie segnend auf des Kindes lockiges Köpfchen, das sich so zärtlich

an sie schmiegte. Das war auch ein neugeschlossener Freundschaftsbund,

wennschon von ganz anderer Art, wie der der beiden Knaben.

Die tobten lustig in Hof und Feld umher und fragten nicht viel nach

Wind und Wetter. Für Berthold war kein Baum zu hoch, kein Bach zu

breit, kein Streich zu gewagt, und Hans war ein unschätzbarer

Gefährte, doch blieb er stets der Verständigere, und seine überlegene

körperliche Kraft bewahrte den Gespielen vor manchem Unfall. Als die

Jahreszeit vorschritt, Wind und Sonne den unergründlichen Schmutz der

Landstraße zu trocknen anfingen, kam Ulrich zuweilen herübergeritten --

Burg Maltheim lag kaum eine Stunde weit vom Annenhof entfernt -- und

nahm an den Spielen der beiden teil. Fand er sie nicht zu Hause, so

war er auch nicht traurig, er gesellte sich gern zu Frau Ursula oder

zu Margarete, die ihm besonders lieb war; ihr erzählte er allerlei

phantastische Geschichten, die ihn beschäftigten, oder beantwortete

die altklugen Fragen, die in dem sinnigen Köpfchen auftauchten, und

freute sich, wenn die Kleine ihn mit Jubel empfing und ihm mit ernstem

Vertrauen zuhörte.

„Sage, Ulrich,“ fragte sie eines Tages, als beide auf den steinernen

Stufen vor der Hausthür saßen und sie ihr weißes Kätzchen liebkoste,

„kommen die Tiere auch in das Paradies?“

„Nein, Gretel, das kann nicht sein; da kommen nur erlöste Seelen

hinein, die den rechten Glauben haben.“

„Das ist aber traurig; soll ich meine Miez und meinen Vogel dort

missen? ich habe sie doch so lieb und sie mich auch.“

Ulrich schaute träumerisch vor sich hin. „Eigentlich kann es auch nicht

sein,“ sagte er sinnend, „denn die Tiere können lieben und hassen,

gut und böse sein, sie müssen also eine Seele haben, und eine Seele

kann nicht sterben, sagt Pater Benedikt. Ja, Gretel, wenn ich’s recht

bedenke, müssen die guten Tiere auch ins Paradies kommen und dort in

Frieden und Eintracht miteinander leben.“

„O, das ist schön!“ rief die Kleine froh, „wo sollten auch all die

lieben Hündchen und Kätzchen bleiben, die hier immer um uns sind? Aber,

Ulrich,“ hob sie wieder zweifelnd an, „werden sie in dem Frieden auch

recht glücklich sein? Sieh, meine Mieze ist nie so zufrieden, als wenn

sie ein Mäuschen jagen und fangen kann; zuerst weinte ich darüber und

wollte es ihr wehren, aber Mütterchen schalt mich thöricht und sagte,

das sei Katzenart, davon könne sie nicht lassen. Wie soll es damit im

Paradiese werden?“

Aus diesem Dilemma wußte Ulrich keinen Ausweg, und beide versanken

wieder in tiefes Nachdenken. „Ich hab’s!“ rief Margarete plötzlich mit

glänzenden Augen, „die +bösen+ Mäuschen werden ins Paradies geschickt,

damit die guten Katzen sie dort greifen können; so haben sie ihren Lohn

und jene ihre Strafe. Nicht wahr, Ulrich, so ist’s recht?“

„Wohl möglich, du kleine Weisheit,“ versetzte er, indem er mit

aufrichtiger Bewunderung in das strahlende Gesichtchen blickte, das

gespannt zu ihm aufsah; „wie kommen nur all die großen und klugen

Gedanken in diesen kleinen Kopf?“ --

Ein andermal erzählte er ihr die Geschichte der Sündflut und malte ihr

in den lebhaftesten Farben den Untergang aller lebenden Wesen aus, mit

Ausnahme der wenigen, welche in der Arche rettende Aufnahme fanden.

Die grauen Augen seiner Zuhörerin wurden immer größer vor angstvoller

Spannung, endlich schimmerten sie feucht von verhaltenen Thränen.

„Warum mußten denn alle die armen Menschen so grausam ertrinken?“

fragte sie.

„Weil sie böse waren und den Geboten des Herrn nicht gehorchen

wollten,“ erwiderte Ulrich.

„Aber all die lieben, kleinen Kinderchen, die noch gar nicht gehen und

sprechen konnten, die waren doch nicht schlecht und ungehorsam, warum

mußten die auch ertrinken?“ fuhr Margarete in steigender Erregung fort,

„warum konnten die nicht lieber in der Arche gerettet werden, statt

der häßlichen, wilden Tiere, die nichts thun, als brüllen und andre

auffressen?“

Ulrich sah sie ein wenig erschrocken an; seine kleine Freundin liebte

es, Fragen zu stellen, auf die er schwer eine Antwort fand. „Die

kleinen Kinder wären mit der Zeit auch schlecht geworden,“ sagte er

etwas unsicher, „daher mußte das ganze Geschlecht vertilgt werden, das

den Zorn des Herrgotts erregt hatte.“

Die Kleine schwieg eine Weile, dann sagte sie scheu und leise: „Ulrich,

ist der Herrgott so zornig? Berthold sagt manchmal, unser Vater sei

streng, aber der große Gott ist viel strenger, als er. Denn wenn ich

mein Väterchen recht herzlich um etwas bitte, so thut er es, und er hat

schon manchmal Berthold die Strafe geschenkt.“ --

Ulrich ritt in tiefen Gedanken nach Hause und überschüttete daheim

Pater Benedikt mit dringenden Fragen: warum die Unschuldigen mit den

Schuldigen leiden müßten, warum es in der Schöpfung so viel feindliche

Gewalten gäbe, die dem Menschen Verderben brächten, und warum Gott

so viel strenger sei, als irdische Väter. Der Pater gab ihm Antwort,

soweit er es vermochte, aber zum Schluß sagte er ihm wieder: „Uns ziemt

es nicht, nach dem Warum zu fragen, sondern im Staube anzubeten. Hüte

dich, mein Sohn, daß dich der grübelnde Verstand nicht um die Seligkeit

eines einfältigen Glaubens betrüge.“ Dann schwieg der Knabe, aber er

hoffte im stillen auf eine Zeit, in der er auf alle seine Fragen klare

Antwort erhalten würde, und immer höher stieg in seiner Seele der Durst

nach Weisheit und Erkenntnis.

Endlich ging auch Bertholds heißester Wunsch in Erfüllung: er durfte

ein Pferd besteigen und unter Just’s Anleitung reiten lernen. Er war

unendlich stolz darauf, denn er betrachtete diese Kunst als die erste

Stufe zu den Heldenthaten und dem Rittertum, von denen er beständig

träumte. Es war ein großer Tag für ihn, als er zum erstenmal nach Burg

Maltheim reiten durfte; ganz erfüllt von den Herrlichkeiten, die er

dort gesehen, kehrte er abends zurück. So müde er war, konnte er doch

nicht eher die Augen schließen, bis er seinem Mütterchen alles genau

berichtet hatte: die alte Ritterburg mit Graben und Zugbrücke, mit

Mauern und Türmen, die große Halle mit ihren Waffen und Rüstungen, die

gewölbte Bücherei mit den uralten Pergamenten, in denen die Chronik

derer von Maltheim seit unvordenklichen Zeiten aufgezeichnet war, --

das alles waren für ihn die ersten greifbaren Verkörperungen seiner

Ideale, die ihm bisher nur nach Erzählungen und mangelhaften Bildern

vorgeschwebt hatten. „Es war alles so schön und groß,“ erzählte er in

atemlosem Eifer, „aber das Allerschönste war doch die kleine Irmgard!

Solch ein Kind hast du noch nie gesehen, Herzmutter! -- sie ist nicht

frisch und rund, wie Grete -- nein, so zart und fein, als könnte sie

davonfliegen, ihre Haare sind hell, aber nicht goldig wie die Ulrichs,

oder weiß wie Elsbeths, sondern so, als ob ein Schleier darüber läge --

ähnlich wie die von Afra. Und dann hat sie so große, dunkle Augen wie

-- ja, wie nur? einmal sah mich Afra ganz groß an, da sahen ihre Augen

auch so aus, sonst kenne ich keine ähnlichen.“

„Ist denn Irmgard unsrer Afra ähnlich?“

„O nein, nein, wie kannst du so etwas denken? sie ist wie ein

Königskind. Ich wollte, sie wäre eine Prinzessin und würde von einem

Drachen bewacht, und ich wäre ein Ritter und könnte ausziehen, um sie

zu befreien! Wie wollte ich mein Schwert schwingen und allen Gefahren

trotzen und nicht eher ruhen, bis ich sie erlöst hätte, und die weiße

Rose mein wäre! Sie ist so weiß wie Schnee, Mutter, kein Tröpflein Blut

fließt in ihren Wangen.“

„Das arme Kind ist wohl krank; mir würde das nicht gefallen.“

„O Mutter, ich finde das aber schön!“ sagte Berthold, „viel schöner,

als dicke -- rote -- Backen --“ und damit fielen ihm die Augen zu. --

Während der Aufenthalt auf dem Annenhof den Kindern mancherlei Freuden

und Anregungen brachte, gingen für Frau Ursula die Wochen in drückender

Eintönigkeit vorüber. Die einzige Abwechselung gewährte ihr der Bote

aus der Stadt, der mit höchster Pünktlichkeit in jeder Woche erschien

und ihr einen Brief ihres Gatten brachte. Mit peinlicher Ungeduld

sah sie ihm entgegen, denn die Tage wurden ihr lang, und Sehnsucht

und Sorge stiegen immer höher. Anfangs hatte der Ratsherr nicht viel

Erfreuliches zu melden, die Pest forderte zahllose Opfer, und mancher,

der morgens noch wohlauf war, lag abends auf der Bahre, darunter mehr

als ein guter Freund des Hauses. Noch trostloser klang das, was der

Knecht mündlich berichtete: viele Häuser ständen offen, weil niemand

darin sei, um sie zu verschließen; still und öde wären die Straßen, auf

denen nur der Priester und der Sakristan mit vermummten Gesichtern hin-

und hereilten, um den Sterbenden das Sakrament zu bringen. Außer dem

Meßglöcklein höre man kaum einen Laut, denn die Glocken dürften nicht

mehr geläutet, und die Toten müßten bei Nacht, draußen vor der Stadt,

begraben werden; überall seien auf den Plätzen große Feuer angezündet,

um die Luft zu reinigen, und wenn sich zwei auf der öden Straße träfen,

so eile einer ohne Gruß am andern vorüber, denn jeder fürchte, der Atem

des Nachbars könne ihm Ansteckung und Verderben bringen.

Aber als der Frühling vorschritt und die Nässe des Bodens austrocknete,

als reinere Lüfte wehten, da schien die Gewalt der furchtbaren Seuche

sich endlich zu brechen, und im April konnte Herr Wilibald der Gattin

melden, daß er für einen Tag wenigstens hinauskommen dürfe, um die

Seinen wiederzusehn und nach der schweren Zeit einige Stunden der

Erholung zu genießen. Frau Ursula drückte das Blatt an ihre Lippen und

sendete ein heißes Dankgebet zum Himmel empor; war doch die Zeit der

Heimsuchung mit all ihrer tödlichen Angst glücklich vorübergegangen,

hatten doch die Heiligen, die sie ohn’ Unterlaß angerufen, ihr Haus so

gnädig behütet, daß keinem der Ihrigen ein Leid widerfahren war.

Ganz erfüllt von Dank und Freude saß sie an einem lieblichen Abend vor

der Thür des Hauses, in ehrerbietiger Entfernung stand Crescenz, mit

der sie freundlich plauderte, während die kleinen Mädchen unter Obhut

ihrer Wärterin in ihrer Nähe spielten. „Die Sonne sinkt,“ sagte Frau

Ursula aufblickend, „es wird Zeit, die Kleinen zur Ruhe zu bringen. Wo

nur die Knaben bleiben? sie sind schon stundenlang fort.“

„Sie sind in den Wald gegangen,“ versetzte die Alte, „aber seid ohne

Sorge, gestrenge Frau, Hans ist verständig und weiß, daß er mit dem

Abendläuten zu Hause sein muß.“ Aber der Klang der Feierabendsglocke

war längst verstummt, und von den beiden war noch immer nichts zu

sehen. Crescenz lief vor das Hofthor und spähte nach allen Seiten aus,

und da kamen sie endlich an, atemlos und erhitzt vom eiligen Lauf, und

nicht schnell genug konnten sie erzählen, was sie erlebt hatten. Sie

hätten im Walde einen Wanderer getroffen, der gar müde gewesen sei und

nicht weiter gekonnt hätte; Hans habe an seinen Vater denken müssen,

und da habe der Mann ihn von Herzen gedauert; sie hätten ihm ein

Lager von Laub und Moos zurechtgemacht und ihm vom nahen Bache Wasser

geholt, denn er habe über brennenden Durst geklagt. Endlich hätten sie

ihm versprochen, ihm Leute zu schicken, mit deren Hilfe er den Hof

erreichen könne. Crescenz strich den beiden barmherzigen Samaritern

die wirren Haare aus der Stirn und küßte die aufgerechten Gesichter

mit Zärtlichkeit; sie schickte zwei Knechte hinaus, um den Fremden

aufzusuchen, und bemühte sich, der Gebieterin gegenüber ganz ruhig von

dem kleinen Erlebnis zu sprechen, aber in ihrem Herzen lag es wie eine

dumpfe Sorge, über die sie sich selbst kaum Rechenschaft zu geben wagte.

Die Knechte kamen nach kurzer Frist allein zurück und berichteten,

von Grausen geschüttelt, der alten Schaffnerin, sie hätten an dem

bezeichneten Platz einen Kranken gefunden, der in den letzten Zügen

gelegen und bereits unfähig gewesen sei, eine Antwort zu geben; sie

hätten ihn nicht berühren mögen, denn die schwarzen Flecke auf Gesicht

und Händen hätten nur zu deutlich gezeigt, daß es die furchtbare Pest

sei, der er zum Opfer gefallen. Crescenz bekreuzte sich in tödlichem

Schrecken, denn die Berührung eines Pestkranken konnte Ansteckung und

Tod bringen, und die Knaben hatten sich so viel mit dem Unglücklichen

zu schaffen gemacht! Sie wagte nicht, der Ratsherrin etwas zu sagen;

heimlich zog sie Berthold mit in ihr Zimmer, besprengte die Knaben

mit Weihwasser, betete allerlei Segenssprüchlein über ihnen und hing

jedem ein geweihtes Amulett um den Hals. Dann brachte sie die halbe

Nacht auf ihren Knieen zu und flehte die heilige Anna und alle übrigen

Heiligen des Himmels an, die beiden Knaben zu schützen und ihnen ihre

Barmherzigkeit nicht zum Fluche werden zu lassen.

Zwei Tage vergingen in gewohnter Weise, und schon fing Crescenz an,

freier aufzuatmen, da kam Berthold müde und matt von draußen herein

und klagte, daß der Kopf ihm schwer sei, und alle Glieder ihn

schmerzten. Frau Ursula ermahnte ihn, sich ein wenig auszuruhen, er

sei wohl zu toll umhergelaufen; wenn der Herr Vater käme, müsse er

frisch sein, denn der sollte alle die Seinen kerngesund finden. Aber

als Herr Wilibald ankam, trat ihm seine Gattin mit sorgenvoller Miene

entgegen; „erschreckt nicht, mein teurer Herr,“ sagte sie mit mühsam

bezwungenen Thränen, „Berthold ist unpäßlich, aber ich hoffe, es hat

nichts zu sagen.“ Bestürzt eilte der Ratsherr an das Lager des Sohnes,

der ihn kaum noch erkannte; seine Stirn und Hände brannten, die Augen

blickten starr und trübe. Ach, Ebner kannte diese Anzeichen nur zu

gut, er sah mit einem Blick, daß alle Fürsorge vergebens gewesen, daß

die verderbliche Seuche auch hieher ihren Weg gefunden und sich seinen

einzigen Sohn zum Opfer auserkoren habe. Er wußte auch, daß ärztliche

Kunst hier ohnmächtig sei, daß unter hundert Kranken kaum einer genese!

Für einen Augenblick drohte den ruhigen Mann die Fassung zu verlassen,

doch bezwang er sich schnell, faßte Ursulas Hand mit festem Druck und

führte sie vor die Thür hinaus.

„Es ist die Pest,“ sagte er mit dumpfer, tonloser Stimme. Sie sah ihn

an, als könne sie seine Worte nicht fassen, -- dann sank sie ohnmächtig

in seine Arme. Er legte sie auf Afras Bett nieder und traf mit der

Ruhe der Verzweiflung die nötigen Anordnungen. Berthold wurde samt

seinem Lager in die große luftige Bodenkammer getragen, in der sonst

niemand schlief; auf einem Kohlenfeuer wurden Myrrhen und Wacholder

angezündet, deren würzigem Duft man eine heilende Kraft zuschrieb. Nur

eine Wärterin durfte den Kranken versorgen, außer ihr sollte niemand

den Oberstock betreten. Crescenz rang die Hände; wem sollte sie die

Pflege, die so leicht verderblich werden konnte, übertragen? sie selbst

konnte sie nicht übernehmen, denn sie durfte die Wirtschaft nicht

verlassen. Da stand plötzlich Afra neben ihrer Mutter und gab ihr durch

ein Zeichen kund, daß sie dazu bereit sei. „Du, Afra?“ rief die Alte,

halb erschrocken und halb erfreut, „die heilige Anna lohne dir deinen

Heldenmut und segne deine Hand, daß sie unserm lieben Junker Heilung

bringe.“

Mit Innigkeit zog die stille Frau ihren Sohn, wie zum Abschied, an ihre

Brust, dann stieg sie die Treppe hinauf und verschwand in der Thür,

hinter der der Pestkranke lag. Mit unermüdlicher Sorgfalt versah sie

bei Tag und Nacht ihr schweres Amt, kühlte die fieberglühende Stirn,

netzte die brennenden Lippen und schien für sich selbst weder Speise

noch Schlaf zu bedürfen.

Herr Ebner war am nächsten Morgen nach der Stadt zurückgekehrt, wohin

die Pflicht ihn gebieterisch rief; am fünften Tage, der in den meisten

Fällen die Entscheidung zu bringen pflegte, wollte er wiederkommen. In

trauriger Verfassung blieb Ursula zurück; ohne die Stütze ihres Gatten

schwankte sie umher, wie ein irrer Geist, und da sie feierlich gelobt

hatte, die Krankenkammer zu meiden, so brachte sie viele Stunden des

Tages in der kleinen Annenkapelle zu, welche dicht vor dem Thor lag und

dem Hof seinen Namen gegeben hatte. Es war ein uraltes Kirchlein im

Schatten mächtiger, alter Bäume, ganz von immergrünem Epheu umsponnen,

der das einzige Fenster fast verdunkelte. Die ewige Lampe, die über

dem Altar schwebte und von Crescenz stets sorgfältig versehen wurde,

goß nur einen Dämmerschein über das bescheidene Heiligtum aus, die

Winkel blieben immer in Schatten gehüllt. Zuweilen las Pater Anselmus

vom nächsten Dorf, oder Pater Benedikt von der Burg hier eine Messe;

für gewöhnlich aber diente das Kapellchen nur als Stätte stiller

Andacht für die Insassen des Hofes, welche die heilige Anna als ihre

Schutzpatronin verehrten und besondere Berücksichtigung von ihr

erwarteten.

Auch am Morgen des entscheidenden Tages war Frau Ursula hierher

geeilt; es litt sie in der furchtbaren Spannung nicht im Hause, doch

hatte sie Befehl gegeben, ihr bei dem leisesten Zeichen eintretender

Besserung sogleich eine Botschaft zu senden. Sie warf sich vor dem mit

Lichtern und Kränzen geschmückten Altar auf die Kniee und erleichterte

ihr bedrücktes Herz in heißem Flehen; sie gelobte der heiligen Anna

eine reich gestickte Decke, einen kostbaren Altar, endlich eine neue

Kapelle, wenn sie ihren Sohn vom Tode erretten wolle; sie flehte sie

an, ihr ein Zeichen zu geben, daß sie ihre Bitte höre. Aber das Antlitz

der Heiligen, auf das sie ihre angstvollen Blicke heftete, blieb

unbewegt und lächelte unter seinem Heiligenschein, ruhig wie immer, auf

die Beterin herab. Ganz erschöpft hielt Frau Ursula inne und lauschte

eine Weile, ob niemand vom Hause herkomme, um ihr eine tröstliche

Botschaft zu bringen, aber auch hier blieb alles leer und still. Da

warf sie sich noch einmal auf die Stufen nieder, hob die Hände empor

und rief mit leidenschaftlicher Inbrunst: „Heilige Anna, schenke mir

meinen Sohn, meinen Liebling, und ich will ihn dem Himmel weihen ...“

„Amen!“ sagte eine tiefe Stimme.

Ursula fuhr erschrocken empor; wer hatte es gewagt, ihre Zwiesprache

mit dem Himmel zu belauschen? welcher Mund drückte ein Siegel auf

das Gelübde, das fast unbewußt über ihre Lippen gekommen war? Sie

schaute suchend umher, es war niemand zu sehen, und ehe sie noch Zeit

hatte, näher nachzuforschen, ob irgend ein Mensch sich in der Kapelle

verborgen habe, tönte draußen ein schneller Schritt, die Thür ward

aufgerissen, -- ihr Gatte stand vor ihr. „Er ist gerettet!“ rief er,

und mit einem Schrei stürzte sein Weib in seine Arme. Unter strömenden

Thränen knieten beide nieder, um Gott und den Heiligen für diese Gnade

zu danken, dann eilten sie mit beflügelten Schritten an das Lager des

neugeschenkten Sohnes.

Sah der Knabe auch bleich und abgezehrt aus, vermochte er auch vor

Schwäche kaum die Hand zu rühren, so war sein Blick doch klar und hell,

und mit vollem Bewußtsein lächelte er die beglückten Eltern an. Frau

Ursula wußte kaum, wie sie ihre Freude und Wonne ausdrücken sollte; sie

fiel Afra um den Hals und küßte sie: „habe Dank, du Treue,“ rief sie

schluchzend, „und sage mir, wie ich dir deine Aufopferung vergelten

kann.“ Auch der Ratsherr dankte ihr mit warmen Worten. „Durch Eure

Hand,“ sagte er, „hat mir der Himmel meinen einzigen Sohn erhalten; zum

Dank laßt mich für Euren Sohn sorgen. Gebt ihn uns mit nach Nürnberg,

er soll in unserm Hause leben und alles mit Berthold teilen.“

Afras Seele erbebte bei diesen gütigen Worten; sollte sie ihr Letztes

hingeben, den Knaben, der seines Vaters Ebenbild zu werden versprach,

und ganz allein zurückbleiben? Und doch -- wie durfte sie dies

Anerbieten ablehnen, das ihrem Hans eine tüchtige Erziehung sicherte;

was konnte sie in ihrer Armut und Hilflosigkeit thun, um ihm einen

ehrenvollen Weg durch das Leben zu bahnen? Es mußte sein, auch dieses

Opfer mußte gebracht werden; tief neigte sie ihr Haupt hinab und

küßte in schweigender Zustimmung die Hände, die ihrem Kinde so Großes

darboten.

Wenige Wochen später nahm die Ebnersche Familie Abschied vom Annenhofe

und kehrte nach der Stadt zurück, wo die Seuche völlig erloschen war

und ein schönerer Sommer, als der vorige, die Gräber mit Grün und

Blumen verhüllte. Hans begleitete sie und ging, nach Kinderart, den

neuen Verhältnissen mit freudiger Erwartung entgegen. Die alte Crescenz

aber blieb in tiefem Kummer zurück; das Haus kam ihr leer und öde vor,

als das fröhliche Völkchen daraus verschwunden war, und täglich weinte

sie heiße Thränen um ihren lieben Hans, den ihr großmütterliches Herz

so fest und zärtlich umschlossen hielt. Afra weinte nicht, aber ihr

Antlitz wurde noch starrer, als zuvor; -- sie fühlte sich grenzenlos

elend und verlassen.

[Illustration]

Sechstes Kapitel.

Die Kapelle der heiligen Anna.

Unverletzliche Treue! Dir naht sich die seligste Stunde,

Da, was das Herz sich ersehnt, endlich das Auge erschaut!

Muhme Lene wanderte mit den beiden Knaben durch die Straßen, um Hans

alle Merkwürdigkeiten seiner neuen Heimat zu zeigen, und Berthold

brannte, mit dem ganzen Stolze eines echten Nürnberger Kindes, darauf,

das überwältigte Erstaunen seines Gefährten zu sehen, der eben frisch

vom Lande kam und seine schöne Vaterstadt noch gar nicht kannte.

Doch fand er sich einigermaßen enttäuscht, denn in Hans erwachte das

schlummernde Andenken an das reiche Lüttich; er verglich beständig, was

er hier sah, mit den Bildern seiner Erinnerung und befand sich oft im

Streit mit Berthold, welche Stadt die schönere sei. Sie hatten jetzt

den Markt erreicht, „solch einen Brunnen hast du sicher in Lüttich

nicht gesehen,“ rief Berthold triumphierend, „denn selbst der Kaiser

hat gesagt, daß er ein unerreichtes Meisterwerk sei.“ Und halblaut sang

er dazu:

„Am Markt zu Nürnberg steht ein Bronn’;

So weit, als leuchten mag die Sonn’,

Find’t man desgleichen nicht.“

Ein zierliches Türmchen von ansehnlicher Höhe, mit Bögen und Giebeln

von kunstreich durchbrochener Arbeit, von vielen Bildsäulen umgeben,

die lauter Heldengestalten darstellen, ragt über dem Becken empor.

Magdalene machte Hans mit liebevollem Eifer auf alle Einzelheiten

aufmerksam, und der Knabe erfaßte alles mit bewunderndem Blick. Da

hob die Uhr auf der nahen Frauenkirche zum Schlagen aus, und Berthold

drängte dorthin, um das „Männleinlaufen“ nicht zu versäumen. Das

war ein kunstvolles Uhrwerk über der Eingangsthür, welches zu jeder

Stunde eine Menge bunter Figuren in Bewegung setzte. Auf einem Thron

sitzt der Kaiser in vollem Ornat; ein Herold erscheint, gefolgt

von vier Posaunenbläsern, denen sich die sieben Kurfürsten mit den

Reichskleinodien anschließen. Alle bewegen sich langsam vorwärts; vor

dem Throne angekommen, setzen die Bläser ihre Instrumente an den Mund,

die Fürsten nehmen die Hermelinmützen ab, hinter dem Kaiser aber steht

der Knochenmann und schlägt mit der Sense die Stunden an die Glocke.

Als das Kunstwerk mit der Vollendung des Glockenschlages wieder zur

Ruhe gekommen war und Hans seine Bewunderung gebührend ausgesprochen

hatte, gingen die drei weiter, überschritten die Königsbrücke, welche

über die gelblichen Fluten der Pegnitz führt und standen nun vor dem

höchsten Stolz aller Nürnberger, dem herrlichen Lorenzmünster, der mit

seinen beiden goldgedeckten Türmen bis in den Himmel zu ragen scheint.

Reiches steinernes Bildwerk umrahmt den Eingang; innen vereinigen

sich die Bogen der himmelanstrebenden Pfeilerreihen wie zu einem

Laubengange, dessen Ende der staunende Blick kaum ermißt. Durch die

schön gemalten Fenster warf die Sonne schimmernde, wie Rubinen und

Saphire glänzende Lichter in die heiligen Räume und beleuchtete das

neue Schnitzbild von Veit Stoß, der englische Gruß genannt. Auf einem

Throne sitzt Gott Vater mit Krone und Scepter in göttlicher Majestät,

und seine Strahlen senken sich nieder auf die betende Jungfrau, welche

die Botschaft des Engels mit Freude und Schrecken vernimmt. Ein Kranz

von Blumen und Blättern in unendlich zierlicher Arbeit schlingt sich um

die Figuren und schließt das Ganze wie ein Rahmen ab.

Wie geblendet wandelte Hans umher; „wer auch so Schönes erdenken, so

Erhabenes schaffen könnte,“ sagte er aus tiefster Seele; „ich wollte,

ich könnte ein Künstler werden!“ Hatte das Staunen seines Gefährten

Berthold zuerst nicht befriedigt, so wurde er jetzt ungeduldig, als

jener mit Schauen und Bewundern kein Ende finden konnte; fehlte ihm

selbst doch jener künstlerische Blick, jenes tiefere Gefühl für das

Schöne, die Hans als ein altes Erbteil seiner Familie überkommen hatte,

und die jetzt zuerst zu vollem Bewußtsein erwachten.

„Ich meine, Sankt Sebald lassen wir für ein andermal,“ schlug Berthold

vor, „und gehen nun zu Meister Andreas. Ich bin gar zu neugierig, was

der Alte sagen wird, wenn wir ihm einen Fiedler ins Haus bringen.“

Die andern waren damit zufrieden, und so schlugen sie den Weg nach

dem Hundsgäßlein ein. Unterwegs machte Magdalene Hans auf vieles

aufmerksam, hier auf ein mächtiges Warenhaus, dort auf ein buntes

Kirchenfenster, auf das Steinpflaster in einigen Straßen und die

Laternen, welche an den Ecken quer über den Weg hingen -- zwei

Einrichtungen, welche Nürnberg vor andern Städten damaliger Zeit voraus

hatte --; mit allem war der Name Tucher eng verbunden. „Die Tuchers,“

sagte sie, „sind seit alten Zeiten treue Söhne ihrer Vaterstadt

gewesen und haben ihr ihre besten Kräfte gewidmet. Zwar haben sie viel

Handel nach Welschland und den Niederlanden getrieben und dort auch

Niederlassungen gegründet, aber im Herzen blieben sie stets echte

Nürnberger. Meine Mutter war auch eine Tucherin,“ setzte sie mit

bescheidenem Stolze hinzu.

„Wie kommt es nur, Muhme Lene,“ fragte Berthold; „daß so viel von den

Tuchers, und so wenig von den Ebners die Rede ist? Haben die Vorfahren

meines Vaters sich denn gar nicht ausgezeichnet?“

„Der Herr Vater ist kein Nürnberger Kind; er ist aus Ulm zugewandert,“

war die Antwort. „Da aber dein Großvater keinen Sohn hatte und Herr

Wilibald in allen Stücken seine rechte Hand war, so wurde, er, mit

Zustimmung des weisen Rates der Stadt, in alle Rechte eines Sohnes

eingesetzt. Daher ist er auch Ratsherr geworden, was sonst einem

Zugewanderten nicht gewährt wird.“

Sie pochten jetzt an die Thür des Fiedlerhauses, und Frau Eva öffnete.

„Es ist Junker Berthold!“ rief sie freudig, „Gott willkommen, liebes

Junkerlein, und dem Herrn sei Dank, der Euch vom Tode errettet hat!“

Auch Meister Andreas empfing den Knaben mit herzlicher Freude und

drückte Magdalenen wie einer vertrauten Freundin die Hand. „Und wen

haben wir hier?“ fragte er, auf Hans deutend.

„Das sollt Ihr einmal raten, Meister,“ rief Berthold fröhlich, „wir

sagen’s Euch nicht. Es ist mein Kamerad, der mit mir bei Latein und

Mathematik leiden soll, -- aber Euch geht er noch näher an.“

„Uns?“ fragten die beiden Alten erstaunt, „redet deutlicher, lieber

Junker.“

„So seht ihn doch nur an, Mutter Eva; findet Ihr nicht eine wunderbare

Ähnlichkeit mit Eurem Meister an ihm?“

Frau Eva betrachtete ihn aufmerksam. „Wahrhaftig, Alter, er hat deine

Augen, die guten, ehrlichen Fiedleraugen, und es liegt etwas in seinem

Gesicht ....“

„Ich bin auch ein Fiedler,“ sagte Hans, „der Sohn von Meister Matthias,

dem Goldschmied.“

Der Alte breitete seine Arme aus. „Komm an mein Herz, mein Junge,“

sagte er mit warmer Freundlichkeit, „und sei mir tausendmal

willkommen! Dein Vater war mein Brudersohn und ein lieber, braver

Geselle. Sieh, Eva, da führt uns der Herr noch am Abend meines Lebens

einen Menschen von meinem Fleisch und Blut zu, dem ich die alten

Fiedlerschätze hinterlassen kann. Es hat mich immer schon gewurmt, daß

sie in fremde Hände fallen sollten!“ --

In kurzer Zeit war Hans völlig in sein neues Leben eingeführt; sein

heitres Wesen, sein dankbares Bestreben, sich für die ihm erwiesene

Güte erkenntlich zu zeigen, gewann ihm schnell alle Herzen. Die Töchter

des Hauses konnten sich keinen besseren Gespielen wünschen, denn er

war stets bereit, ihre kleinen Wünsche zu erfüllen, ihren Puppen mit

geschickten Händen neue Köpfe und Füße anzusetzen, oder ihnen Blumen zu

holen, die weit vor dem Thor wuchsen. Der Ratsherr hatte einen älteren

Bacchanten ins Haus genommen, welcher die Knaben in Latein und allem

Wissenswerten unterrichten sollte; derselbe fand es schwer, Berthold

zu fesseln, dem die Grammatik bald ein Greuel wurde, und der sich

nur für Kriegs- und Heldenthaten begeisterte, während Hans treu und

fleißig lernte und seinem Lehrmeister wenig Schwierigkeiten bereitete.

Seine schönsten Stunden aber waren die, welche er bei Meister Andreas

verlebte; so oft er konnte, eilte er dorthin, wo er stets wie ein

lieber Enkel empfangen wurde und die Herzen der beiden Alten durch

seine kindliche Anhänglichkeit labte. Nie wurde er müde, die vielen

Bilder zu betrachten und nachzuzeichnen, und keine größere Freude

konnte ihm der Oheim machen, als wenn er ihm sagte, daß er gute Anlagen

besäße und auch einmal ein Meister werden könne. Oft versenkten sich

beide in Betrachtung der alten Fiedlerschätze, die Andreas wie wahre

Heiligtümer bewahrte. Da war zuerst eine uralte Fiedel von einfachster

Form, auf welcher die Jahreszahl 1220 eingeritzt war, die stammte von

jenem berühmten Spielmann, von dem noch manches Lied im Munde des

Volkes lebte, von jenem Friedel, den sie einst den Sänger Barbarossas

genannt hatten; dann war da ein goldnes Gnadenkettlein, das hatte

weiland Kaiser Friedrich der Zweite jenem nämlichen Sängerfriedel als

Zeichen seiner Gunst geschenkt. Auch manch kunstreiches Schnitzwerk

war vorhanden, das aus alter Zeit stammte und von irgend einem

Fiedler gefertigt war, -- denn die ganze Familie hatte sich durch

eine geschickte Hand ausgezeichnet, daneben aber auch eine besondere

Freude an Musik und Gesang bewahrt, weshalb sie auch den Namen Fiedler

angenommen hatte. --

Während zu dieser Zeit das Leben im Ebnerhause so ruhig verlief, daß

auch nicht ein Wellchen die glatte Oberfläche zu kräuseln schien, gab

es doch ein Wesen darin, welches sich bei Tag und Nacht in geheimer

Unruhe verzehrte, -- und das war Frau Ursula. In der ersten Zeit

nach Bertholds Genesung hatte sie nichts empfunden, als Wonne und

Glückseligkeit; ihr ganzes Sein erhob sich in einem steten Dankgebet

zu Gott und der heiligen Anna, welche so Großes an ihr und ihrem

Hause gethan. Mit wahrer Herzensfreude hatte sie die kleine Kapelle

ausgeschmückt; verbot deren ehrwürdiges Alter auch durchgreifende

Veränderungen, so legten doch die prachtvolle Altardecke und die

silbernen Leuchter zu beiden Seiten des Bildes ein beredtes Zeugnis

von der Dankbarkeit der Geberin ab. Als Pater Anselmus eine feierliche

Messe darin abhielt, und danach die gesamten Bewohner des Annenhofes,

samt einer großen Anzahl von Armen der Umgegend, gespeist und reich

beschenkt wurden, da hatte Frau Ursula das Gefühl, daß sie alles gethan

habe, was die Heilige von ihr erwarten könne. Aber nun regte sich eine

Stimme in ihrem Innern, welche ihr, erst leise und undeutlich, dann

aber immer lauter und dringender zurief, daß sie die Hauptsache noch

unausgeführt gelassen habe, daß sie den Himmel um eine ihm angelobte

Seele betrügen wolle. Oft fuhr sie in der Stille der Nacht von ihrem

Lager empor, weil mit entsetzlicher Deutlichkeit ihre eignen Worte: ich

will ihn dem Himmel weihen! an ihr Ohr schlugen. Sie mußte es wohl, daß

dieselben nur eine Auslegung zuließen; der Himmel hieß -- das Kloster,

und bei diesem Gedanken überlief ein kalter Schauder ihre Glieder, sie

streckte abwehrend die Hände aus, als müsse sie ein Schreckliches von

sich und ihrem Erstgebornen fernhalten.

Nein, es konnte nicht sein! so Unmögliches konnten die Heiligen nicht

verlangen. Sie wußte ja selbst nicht recht, welch ein Leben sie für

Berthold erwarte; sein Sehnen und Streben stimmte mit dem Willen seines

Vaters gar nicht zusammen, und sie hatte bisher nicht einmal den Mut

gehabt, ihn ernstlich auf seine Bestimmung zum Kaufmann hinzuweisen.

Doch hätte dieser Beruf ihn wenigstens in die Welt hinausgeführt,

in die stete Gesellschaft der Menschen; er schloß Lebensfreude und

Genuß nicht aus, wenn er auch strenge Arbeit und Hingabe verlangte.

Sie wollte sich von nun an bemühen, ihn mit den Wünschen seines

Vaters auszusöhnen, ihm die ritterlichen Träume auszureden; in einem

Augenblick kam ihr dies schon wie ein verdienstliches Werk vor, -- aber

im nächsten tönte plötzlich jenes dumpfe „Amen“ in ihrer Seele wieder

und flößte ihr neue Angst ein. War irgend ein Mensch Zeuge ihres

übereilten Gelübdes gewesen, oder hatte der Himmel selbst sein „Ja“

dazu gesprochen?

In dieser Gewissensqual, die sie weder ihrem Gatten, noch ihrem

Beichtvater anzuvertrauen wagte, fiel ihr Meister Andreas Fiedler

ein, von dessen reiner Frömmigkeit Magdalene so viel zu rühmen wußte,

dessen Wesen auch auf sie selbst einen tiefen Eindruck gemacht hatte.

Ihm wollte sie den Fall vorsichtig vortragen und seine Meinung hören;

vielleicht würde er ihn vorurteilsfreier ansehen, als mancher andre.

An einem Sonntag-Vormittag, als die Ihrigen in der Kirche waren, eilte

sie dem kleinen Hause zu. Der alte Meister saß, wie sie erwartet,

allein in seinem Lehnstuhl, das offne Evangelienbuch vor sich; er sah

so fromm und friedlich aus, daß sie sich innerlich gelobte, seine

Ansicht für Wahrheit anzunehmen. „Gott grüß’ Euch, Meister,“ sagte sie

herzlich, „mich hat es recht verlangt, ein Wort mit Euch zu reden.“

„Geruht Euch zu mir zu setzen, ehrsame Frau,“ versetzte er mit

liebreicher Höflichkeit; „ich freue mich, Euer gütiges Antlitz

wiederzusehen.“

Sie redeten eine Weile über dies und das, bis Frau Ursula plötzlich

anfing: „Was haltet Ihr vom Klosterleben, lieber Meister? ist es

wirklich der sichre Friedenshafen, als den es uns die frommen Väter so

gern schildern, oder findet man dort auch nicht den Himmel auf Erden?“

„Ich habe Klosterleute beiderlei Geschlechts gesehen,“ versetzte der

Alte, „welche vom Himmel sicher viel weiter entfernt waren, als manche

fromme Laien; andre dienten ihrem Gott in unverfälschtem Glauben und

reiner Heiligkeit. Das Kloster ist so wenig der Himmel, wie die Welt

die Hölle: erst der Mensch macht beides dazu, je nachdem er gut oder

böse ist.“

„So meint Ihr, man könne ein Kind dem Himmel weihen, ohne es ins

Kloster zu bringen?“

„Sicher, werte Frau; lehrt es nur Gott vor Augen und im Herzen haben,

weis’t es hin auf das selige Paradies, das unser Heiland uns erworben,

und lehrt es jede Sünde fliehen, die es dafür untüchtig macht, -- und

seid gewiß, Ihr werdet seine Seele sicherer dem Himmel weihen, als wenn

Ihr es wider seine Neigung zum Mönch oder zur Nonne machen wolltet.

Seht, ich hatte selbst ein teures, einziges Kind, meine Hedwig -- die

glaubte, als ihr die liebste Hoffnung scheiterte, sie könne das Leben

in der Welt nicht mehr ertragen und müsse ins Kloster fliehen, um dort

den Frieden zu finden. Sie fand ihn auch, -- aber er lag nicht fertig

auf der Schwelle, wie sie gewähnt hatte, sondern sie mußte ihn mühsam

erringen in Kampf und Gebet. Und als es mit ihr zum Sterben kam, da

ließ sie uns rufen und sagte: ‚Vater, Mutter, vergebt mir, daß ich Euch

eigenwillig verließ; ich habe zu spät erkannt, daß ich einen Irrtum

beging, daß ich den Frieden, der im Glauben und in der Ergebung liegt,

auch bei Euch hätte finden können.‘“

Der alte Mann hatte sein Haupt bei der schmerzlichen Erinnerung

gesenkt, ein paar Thränen fielen auf die gefalteten Hände herab. Frau

Ursala war tief gerührt, aber noch mehr erhoben und getröstet. „Habt

Dank!“ sagte sie warm, indem sie ihm beide Hände reichte, „Ihr habt mir

unendlich wohlgethan, lieber Meister. Der Himmel segne Euch und erhalte

Euch Euren reinen Glauben!“

Sie ging nach Hause, ihre Schritte waren beflügelt, sie trug ihr

Haupt höher, eine Centnerlast war von ihrer Seele genommen. Fortan

sollte keine Sorge mehr ihren Frieden stören; sie wollte nicht allein

Berthold, sondern alle ihre Kinder in der Art dem Himmel weihen, wie es

Meister Andreas sie gelehrt hatte, und so ihr Gelübde überschwenglich

erfüllen.

Und noch eins wollte sie thun: sie hatte der heiligen Anna eine neue

Kapelle gelobt, jetzt wußte sie, wo sie dieselbe bauen lassen wollte.

Der Rat hatte in der Zeit, als die Pest wütete, verboten, die Toten

noch ferner innerhalb der Mauern zu begraben; es war ein neuer Friedhof

vor dem Tiergärtner Thor geweiht worden, der fortan als allgemeine

Ruhestätte dienen sollte. Doch war man bei der großen Menge auf

heftigen Widerstand gestoßen, und es hatten sich alle Gutgesinnten,

denen das Wohl der Stadt am Herzen lag, die Aufgabe gestellt, den

neuen Johanniskirchhof aufs schönste auszustatten, um so das Vorurteil

zu besiegen. Es fiel Frau Ursala nicht schwer, ihren Gatten für

ihren Plan zu gewinnen; er liebte es, seinen Reichtum zu entfalten

und zum allgemeinen Besten anzuwenden, nur fehlte es ihm, unter den

tausend Geschäften, die der ausgedehnte Handel seines Hauses mit sich

brachte, oft an Zeit und Gedanken dafür. Doch war er gern bereit,

eine Versammlung der besten Kunsthandwerker Nürnbergs in sein Haus zu

berufen, um den Plan der Kapelle mit ihnen zu besprechen.

Um den großen Tisch im Wohnzimmer waren bald darauf die hervorragendsten

Meister der Stadt vereint. Da war Michael Wohlgemuth, der die besten

Gemälde in Nürnberg fertigte, -- denn der, welcher einst sein Schüler

werden und seinen Ruhm tief in Schatten stellen sollte, Albrecht Dürer,

lag noch als kleines Kindlein in der Wiege --; Peter Vischer, der

treffliche Rotgießer, der schon manches schöne Werk geschaffen hatte;

Veit Stoß, der geschickte Bildschnitzer, von dem der englische Gruß

in der Lorenzkirche herrührte; Sebastian Lindenast, der kunstreiche

Verfertiger des Männleinlaufens; Veit Hirschvogel, der Glasmaler, der

die Kirchen mit köstlichen Fenstern schmückte, und andre; nur der

eigentliche Baumeister war ausgeblieben. Während Herr Wilibald seine

Absichten entwickelte, Frau Ursula hin und wieder ein bescheidenes

Wörtchen einwarf, und die Anwesenden ihre Ideen aussprachen, war

Magdalene draußen beschäftigt, einen Imbiß vorzubereiten, denn es war

anzunehmen, daß nach vollendeter Beratung jeder einen rechtschaffenen

Hunger und Durst empfinden werde.

Der Diener Just meldete ihr, daß ein Mann sie zu sprechen wünsche.

„Mich?“ fragte sie erstaunt, „habt Ihr auch recht gehört? wer ist es?“

„Er ist mir ganz fremd, ein hoher schlanker Mann mit langem, dunklem

Bart; er trägt sich anders, als die Leute hier pflegen.“

Magdalenens Herz wallte hoch auf -- sollte endlich die lange und heiß

ersehnte Stunde gekommen sein? „Führt ihn zu mir auf den Vorsaal,“

sagte sie gepreßt; sie mußte sich an einem Stuhl festhalten, denn sie

zitterte an allen Gliedern. Der Fremde stieg die Treppe herauf; jetzt

stand er vor ihr; einen Augenblick betrachtete er sie prüfend, dann

breitete er seine Arme aus. „Meine Magdalene,“ rief er, -- und der eine

Laut sagte ihr alles, zwanzig Jahre des Harrens waren in einem Moment

ausgelöscht, sie schluchzte nur: „Adam!“ und sank halb ohnmächtig an

seine Brust.

Wenige Minuten später that sich die Thür zum Versammlungszimmer

auf; mit einem Ausdruck des Glücks, welcher ihre ganze Erscheinung

verjüngte und verschönte, trat Magdalene ein, Adam an der Hand führend.

„Verzeiht, liebe Herren, wenn ich Euch unterbreche,“ sagte sie mit

leuchtendem Blick, „aber hier ist einer, der bei Eurem Werk auch wohl

ein Wörtchen mitreden dürfte, und dessen Rat Ihr nicht verschmähen

werdet. Adam Krafft ist wiedergekehrt!“

[Illustration: Adam Kraffts Heimkehr.]

Alle sprangen von ihren Sitzen auf, staunend umringten sie den

Ankömmling, der den meisten von ihrer Jugend her bekannt war, an

dessen Wiederkehr aber keiner mehr geglaubt hatte, als das eine treue

Herz seiner Braut. „Wo habt Ihr so lange verweilt? -- was hat Euch all

die Jahre zurückgehalten? -- wo kommt Ihr plötzlich her?“ so hieß es

von allen Seiten. „Setzt Euch und berichtet uns, wie es Euch ergangen

ist.“

Es war eine traurige Geschichte, die Adam zu erzählen hatte. Anfangs

zwar war ihm alles herrlich geglückt; von einem Meister an den andern

empfohlen, von der Lust, zu schauen und zu lernen, immer weiter

gelockt, hatte er schöne Jahre in Deutschland und Italien verlebt und

manchen reichen Verdienst eingesammelt, der ihm das künftige Haus

sollte bauen helfen. In Neapel hatte er kehrt machen wollen, ein

Schiff sollte ihn bis Genua führen, und Wind und Wellen schienen dem

Streben seiner treuen Liebe hold zu sein. Aber plötzlich erhob sich

ein Unwetter, die Masten mußten gekappt werden, ein Sturm trieb das

steuerlose Schiff an ein fremdes Gestade, und an dem schlimmen Empfang,

den sie dort fand, erkannte die unglückselige Mannschaft, daß sie in

die Hände des heidnischen Herrschers von Tunis gefallen sei. Viele

Jahre hatte Adam dort als Sklave die niedrigsten Dienste verrichten und

endlich Steine zum Bau eines Tempels heranschleppen müssen. Er erkannte

mit verständnisvollem Blick, daß das Gebäude übel angelegt sei, und

warnte den König und den Baumeister vor den Folgen. Man strich ihn

für seine Dreistigkeit mit Ruten; als aber bald darauf sein Wort in

Erfüllung ging und der Tempel zusammenstürzte, da gedachte der König

seiner Warnung und befahl ihm, ein neues Bauwerk zu errichten. Er that

es, und sein Lohn war die Freiheit, doch ward er ohne Habe bei Genua

ans Land gesetzt, und mühsam hatte er von dort aus seinen Weg bis zur

Heimat zurückgelegt. Nun war er nach zwanzigjähriger Abwesenheit wieder

in seiner lieben Vaterstadt angelangt, -- aber arm, wie er gegangen;

nur seine gesunden Arme hatte er mit heimgebracht, einen Kopf voller

Pläne und Entwürfe und seine unveränderte Liebe für seine Magdalene.

Wie ein Lauffeuer ging die Kunde von Adam Kraffts Heimkehr durch

die Stadt, alles drängte sich hinzu, um ihn zu begrüßen und Jungfer

Magdalene zu beglückwünschen. Wie viele Scheltworte hatte sie um ihrer

Hartnäckigkeit willen hinnehmen müssen! wie oft hatten sich Witz und

Spott an ihrer hoffnungslosen Treue versucht! Sie hatte sich durch das

eine so wenig irre machen lassen, wie durch das andre, und ließ sich

auch jetzt nicht dadurch anfechten, daß Adams Armut ihre Vereinigung

mit ihm ins Ungewisse hinausrückte. Aber hier zeigte sich der Geist der

Nürnberger im schönsten Licht: Adam, hieß es, sei ein echter Sohn der

Stadt, und ein Sohn dürfe nichts dagegen einwenden, wenn die Eltern

ihn ausstatteten. Von allen Seiten trug man ihm Geschenke zu, der eine

brachte Geld, der andre Hausrat, und Adam dachte zu groß, um sich

solcher Liebe zu schämen. Er kaufte ein freundliches Häuschen, richtete

es mit dem Notdürftigsten ein und bat Magdalene, seine Hausfrau zu

werden. Im Herbst ward die Hochzeit gefeiert, die ganze Stadt nahm den

herzlichsten Teil daran. Herr Wilibald Ebner übertrug ihm den Bau der

Kapelle, den er aufs glänzendste ausführte; er bewies sich dadurch als

ein trefflicher Baumeister und hervorragender Steinmetz, dem es fortan

an Bestellungen nicht fehlte. Der Name Adam Krafft strahlte von da an

als heller Stern am künstlerischen Himmel von Nürnberg.

Frau Ursulas liebster Gang führte sie fortan zur Kapelle der heiligen

Anna auf dem Johanniskirchhof; dort betete sie oft für ihre Kinder und

mit ihnen und erneuerte den Entschluß, sie in treuer Sorge für den

Himmel zu erziehen. Sie ließ es sich jetzt angelegen sein, Berthold

für der Stand seines Vaters zu bestimmen, und so sehr er auch anfangs

widerstrebte, so fand er sich doch allmählich in den Gedanken, schon

um seiner Mutter willen, an der er mit schwärmerischer Liebe hing. Wie

keck und übermütig er auch oft sein mochte -- +ein+ bittendes Wort von

ihr, +ein+ vorwurfsvoller Blick genügte, um seiner mutwilligen Laune

eine Schranke zu setzen und ihn zu liebevollem Gehorsam zurückzuführen.

So vergingen einige Jahre in stillem Frieden, und wenn Frau Ursula

auch zuweilen darüber seufzte, daß ihr Gatte so wenig Zeit für sie

und die Kinder übrig habe, wenn sie auch mitunter wünschte, er möchte

aufgeschlossner, vertrauensvoller sein, so sah sie diese Entbehrungen

doch als die unvermeidlichen Schwächen an, die jedem Erdenlose

anhaften, und betrachtete sich als eine glückliche Frau und reich

gesegnete Mutter, denn ihre Kinder erblühten neben ihr, frisch und

schön, wie die Rosen.

[Illustration]

Siebentes Kapitel.

Das Strafgericht der Stadt.

Räuberischer Gesell, du Zerrbild christlichen Adels,

Trotzest du heut’ dem Gesetz, einmal bezwingt es dich doch!

In der Hausflur des Ebnerschen Hauses drängte sich ein Haufe Menschen,

Männer, Frauen und Kinder, in dürftiger bäuerlicher Tracht. Ihr

Aussehen bezeugte deutlich, daß sie zu den Mühseligen und Beladenen

gehörten, denn alle Gesichter hatten einen Ausdruck des Leidens,

der bei den einen mehr in stumpfes Dulden, bei den anderen in

verbissenen Groll überging. Justus hatte vergebens versucht, die Leute

hinauszudrängen, sie widerstanden ihm mit ruhiger Hartnäckigkeit und

erklärten, nicht vom Platze weichen zu wollen, bis sie den Ratsherrn

gesprochen hätten. Endlich öffnete sich eine Thür, und Herr Wilibald

Ebner erschien auf den Stufen; alles stürmte auf ihn zu, und alle

Stimmen riefen auf einmal: „Helft uns, rettet uns! Habt Erbarmen, übt

Gerechtigkeit!“

Der Kaufherr hob die Hand auf. „Schweigt!“ sagte er in ernstem Ton,

und in seiner Haltung, wie in dem Klange seiner Stimme lag etwas

Gebietendes, das sich sofort Gehorsam erzwang. „Einer rede und sage mir

in kurzen Worten Euer Begehr. Sprich du, Freund, was führt Euch zu mir?“

Der Angerufene, ein älterer Mann von ehrbarem, aber unendlich

niedergedrücktem Wesen, trat einen Schritt vor. „Herr,“ begann er

kummervoll, „wir sind Einwohner des Dorfes Hohenheiligen und bitten

Euch um Schutz gegen unsere Bedränger. Junker Veit von Rotenhahn, der

die alte Burg bewohnt, behandelt uns wie Feinde; er raubt uns unser

Vieh, verwüstet unsre Felder, schlägt unsre Kinder .....“

„Mir hat der Teufel, der schwarze Janko, die einzige Kuh von der Weide

getrieben,“ rief eine Stimme dazwischen -- „Mir haben die kleinen

Junker die Gänse gestohlen,“ schrie eine andre -- „Mir hat der lahme

Miklot meine Tochter entführt und zum Dienst auf der Burg gepreßt, wo

sie mehr Schläge erhält als Essen“ -- „Uns haben sie das Heu von der

Wiese genommen“ -- „Uns das Getreide vom Felde gefahren“ -- -- Die

Klagen wollten kein Ende nehmen.

Wieder erhob Herr Wilibald die Hand und gebot Schweigen; wieder nahm

der erste Sprecher das Wort. „Als wir uns bei dem Junker Veit selbst

über das Treiben seiner Knechte und seiner wilden Söhnlein beschweren

wollten, warf er einen unsrer Boten ins Verließ, wo weder Sonne noch

Mond hinscheint, die andern ließ er vom Hofe peitschen. Dann gingen

wir zum Ritter nach Maltheim, wo seit der Väter Zeiten unsre Herren

gesessen, -- aber er sagte uns, er habe Dorf und Flur Hohenheiligen an

Euch, Herr, verpfändet und während der Pfandzeit könne er nichts für

uns thun. So sind wir zu Euch gekommen, gestrenger Herr; nehmt Ihr Euch

unserer Not an! wahrlich, wir sind des Lebens satt und müde, denn es

ist, als säße der leibhaftige Teufel mit seinen Helfershelfern über uns

und plagte uns schier zu Tode!“

Herrn Ebners Stirn zog sich in dunkle Falten, unwillkürlich ballte

sich seine Hand, doch bewahrte er äußerlich seine Ruhe und sprach nach

kurzem Bedenken: „Ich gehe eben in die Ratssitzung; drei von Euch mögen

mich begleiten, um Eure Klagen vor dem wohllöblichen Rat der Stadt

vorzubringen; ich, als Einzelner, vermögte Euch wenig zu helfen. Die

andern mögen sich auf dem Hofe niedersetzen, meine Hausfrau wird sie

mit Speise und Trank erquicken. Dann aber geht ruhig Eures Weges und

erwartet in Geduld das weitere.“

Diese Entscheidung wurde mit einem beifälligen Gemurmel aufgenommen;

der Haufe, der vom weiten Wege müde und hungrig war, lagerte sich

im Schatten des alten Nußbaums, der seine grünen Zweige freundlich

über die Armen und Elenden ausbreitete. Nach einiger Zeit erschien

Frau Ursula mit den Töchtern zur Seite und zwei Mägden hinter sich,

welche große Schüsseln dampfenden Mehlbreis, Brot, Käse und Wurst

trugen. Die Hausfrau selbst leitete die Verteilung und sah zu, daß

niemand zu kurz käme; besonders auf die Kinder hatte sie ein gütiges

Auge, und es rührte sie, zu sehen, mit welchem heißhungrigen Lächeln

sie zulangten und sich die gute Kost schmecken ließen, die für sie

ein seltener Leckerbissen war. Mit freundlicher Herablassung sprach

sie mit den armen Weibern und ließ sich die Geschichte ihrer Leiden

erzählen, die ihr tief zu Herzen ging; es war ein erschütterndes Bild

täglich wiederholter Plagen, welche diesen unterdrückten Menschen jede

Lebensfreude verkümmerten, ja, ihrem elenden Dasein jede Sicherheit

entzogen.

So sehr hatten sich im Laufe der Jahrhunderte die ländlichen

Verhältnisse verändert, daß die ehemals freien Bauern, welche mit

Freude und Selbstbewußtsein ihren Acker bauten und die Früchte

ihres Fleißes genossen, fast ausnahmslos zu rechtlosen Leibeigenen

herabgedrückt und unter die Knechtschaft der adligen Herren gestellt

worden waren. Die Zeit war nicht mehr fern, in der der tiefe Groll,

der lange Jahre hindurch die Gemüter mit wohlberechtigter Entrüstung

erfüllt hatte, endlich in hellen Flammen wilden Hasses auflodern, und

bei der gänzlichen Verkommenheit alles geistigen Lebens ein furchtbares

Verderben um sich her verbreiten sollte, in welchem zahllose Dränger

und Bedrängte ihren Untergang finden mußten. -- Wie dankbar empfand

die Ebnerin in dieser Stunde alle Vorzüge ihrer Stellung, wie preßte

sie ihre Kinder ans Herz und pries den Himmel dafür, daß sie nicht der

Bosheit roher Knechte und ungezügelter Buben ausgesetzt waren! --

Unterdessen fand auf dem Rathause eine sehr erregte Sitzung statt. Die

Klagen der Bauern fielen auf einen wohlbereiteten Boden, denn sie waren

nicht die einzigen, deren Rechte Junker Veit gröblich mit Füßen trat.

Kaum ein Warentransport gelangte von dieser Seite her in die Stadt,

dem er nicht aufgelauert hätte, und wenn seine Kräfte auch denen der

reisigen Begleiter selten in offenem Kampfe gewachsen gewesen wären,

so verstand er es doch vortrefflich, durch List einen einzelnen Wagen

zum Stürzen zu bringen und sich in der eintretenden Verwirrung eines

Teils seiner Ladung zu bemächtigen. Jeder Handelsherr der Stadt hatte

schon Verlust und Arger durch ihn erlitten, und in der Zeit des regsten

Verkehrs verging keine Woche ohne solche Schädigungen. Wurden doch in

der guten Jahreszeit die Straßen nicht leer von Fuhrwerken, welche die

im Auslande lebhaft begehrten Woll- und Lederarbeiten, die Harnische

und Waffen und all die zierlichen Erzeugnisse der vorgeschrittenen

Industrie Nürnbergs fremden Plätzen zuführten, während andrerseits

die großen Kaufhäuser täglich ankommende Waren erwarteten, Weine vom

Rhein, aus Spanien, Italien und Ungarn, feine Leinwand aus Flandern,

Gewürze aus Indien, Heringe aus dem Norden und andre Dinge aus aller

Welt Enden. Da brachte ein einziger Fang dem Räuber ebenso stattlichen

Gewinn, wie er dem Kaufmann bedeutenden Schaden zufügte. Auch der

städtische Jägermeister hatte beständig gegen Junker Veit und seine

Spießgesellen zu klagen, denn sie jagten ohne jede Berechtigung

im Reichswalde, der städtisches Eigentum war, und fällten dort so

viel Holz, wie sie für Herd und Ofen brauchten. Die Namen Veits von

Rotenhahn, des schwarzen Janko und des lahmen Miklot wurden von allen

Seiten nur mit Haß und Verachtung genannt; man meinte allgemein, sie

müßten mit dem Bösen im Bunde stehen, weil es nie gelänge, einen von

ihnen zu fassen. Stets wußten sie mit heiler Haut zu entwischen, auch

wenn die Verfolger in der Überzahl und in offenbarem Vorteil waren.

Darin also waren alle einig, daß Junker Veit ein arger Bösewicht sei,

welcher gegen jedes Recht frevle und harte Strafe verdiene; aber

wie die Strafe zu vollstrecken sei, darüber gingen die Meinungen

weit auseinander. Die Hitzigsten wollten Aufbietung der bewaffneten

Stadtmacht, offne Fehde-Erklärung, Belagerung der Burg und Vernichtung

oder Gefangennahme der Übelthäter; die Ruhigen verlangten, daß erst

alle Mittel friedlicher Justiz versucht werden sollten. „Wir wenden uns

mit unsrer Klage an das kaiserliche Landgericht,“ hieß es.

„Habt Ihr vergessen,“ wendete ein andrer ein, „daß Markgraf Albrecht

Achilles Verwalter des kaiserlichen Gerichts ist? und könnt Ihr von ihm

Gerechtigkeit erwarten in Sachen der Stadt wider einen Adligen?“

„Wir müssen uns selbst Recht schaffen!“ rief ein dritter; „ladet den

Junker vor die städtische Gerichtsbarkeit, er hat sich hundertmal auf

städtischem Gebiet vergangen.“

„Laden können wir ihn wohl, aber wird er kommen?“ fragte ein vierter;

„wird er unsre Forderung nicht einfach verlachen?“

Dennoch hatte dieser Vorschlag schließlich die meisten Stimmen für

sich, und man beschloß, dem Junker durch drei sichere Boten eine Ladung

zu senden. Sollte er derselben nicht folgen, so konnte man ihn in

seiner Abwesenheit verurteilen und für vogelfrei erklären, sobald er

sich auf städtischem Grund und Boden betreten ließe. Dann würde es wohl

nicht schwer halten, ihm durch ein paar verwegene Gesellen auflauern

und ihn in sichere Haft bringen zu lassen -- und dann winkten ihm

Galgen und Rad als unausbleibliche Strafe.

Inzwischen saß der, gegen welchen diese Anklagen geschleudert wurden,

in seiner sicheren Feste, wie ein Dachs in seinem Bau, und seine

Tage vergingen teils in aufregenden Unternehmungen, teils in trägem

Müßiggang. Die Stätte, wo er mit seiner Familie hauste, war keineswegs

anheimelnd oder wohnlich, doch war sie seinen wilden Neigungen

trefflich angepaßt. Inmitten eines wüsten Trümmerhaufens erhob sich

in drei Stockwerken ein turmartiger Bau mit gewaltigen, unversehrten

Mauern, der letzte Überrest einer stolzen Burg. Das unterste Gelaß,

das nur durch einige Öffnungen dicht unter der Decke spärlich erhellt

wurde, enthielt die Küche und etliche Vorratsräume; eine schmale

Spalte, die durch eine starke eichene Thür und eiserne Riegel verwahrt

werden konnte, führte ins Freie. In den zweiten Stock gelangte man von

außen auf einer hölzernen Treppe, welche in eisernen Haken hing, und

die man nach Gefallen abnehmen konnte; von hier führte eine steinerne

Wendeltreppe nach oben. Jedes Stockwerk enthielt einen größeren

Raum, unten den für die Männer, oben den für die Frauen, und kleine

Schlafkammern daneben; auf der Zinne wohnte in einer winzigen Zelle

der Türmer, der auf einem vorspringenden Söller ringsum gehen und die

Umgebung der Burg auf eine weite Entfernung überschauen konnte. Ein

enger Hof, der durch eine hohe Umwallung aus den zerfallenen Steinen

der ehemaligen Burg abgeschlossen wurde, umgab den Turm; die Zugbrücke,

welche meist aufgezogen blieb, wurde durch zwei Donnerbüchsen behütet,

und so war mit großem Geschick eine fast uneinnehmbare Festung

geschaffen worden, deren Inhaber die Feindschaft und den Haß der ganzen

Welt verlachte.

Junker Veit lag lang ausgestreckt auf seinem Lager, dessen Stroh nur

mangelhaft durch einige ausgebreitete Felle verdeckt wurde; eine

umgestürzte, riesige Bierkanne zeugte deutlich von der Beschäftigung,

der er sich vorher hingegeben hatte. Sein Weib stand neben ihm. „Holla,

Veit,“ rief sie laut und schüttelte ihn derb an der Schulter, „wie

lange willst du hier noch auf der Bärenhaut liegen? sollen deine Frau

und deine Kinder Hunger leiden um deiner Faulheit willen?“

Er blinzelte und gähnte, ohne seine Stellung zu verändern. „Rüste dich,

und ziehe auf die Jagd aus,“ fuhr sie fort, „die Kammer ist leer, kein

Stücklein Fleisch oder Speck im Vorrat, das Mehl in der Tonne bedeckt

kaum noch den Boden, der Wein ist ausgetrunken. Schaffe neue Vorräte

an, oder Schmalhans wird unser Küchenmeister sein, und den liebst du am

wenigsten.“

„Schicke die Knechte aus,“ sagte er schläfrig.

„Miklot behauptet, er könne nicht zu Pferde steigen: der Stich, den er

neulich ins Bein erhalten, schmerze noch zu sehr; und Janko will nicht

allein reiten, er sagt, die verdammten Bauern fahndeten zu hart auf

ihn, einer könne sich ihrer schlecht erwehren.“

„So laß die Knaben ausziehen und dir ein paar Hühner oder ein

Schweinchen von der Weide holen.“

„Meinst du, ich würde die unschuldigen Lämmer noch einmal den Knütteln

der elenden Dorfbuben aussetzen? Emmo ist kaum noch kenntlich, so

haben ihm die Schufte das Gesicht zerbläut, und Balduins Rücken ist

mit Beulen überdeckt, daß ich Tag und Nacht daran kühlen muß. Du magst

es vergessen, daß die Knaben von ihrer Mutter Seite her aus altem,

edlem Geschlecht stammen, ich habe es immer vor Augen und werde sie vor

Unwürdigem zu bewahren wissen, obgleich ihr Vater nur ein landläufiger

Abenteurer ist.“

Mit einem Satz war Junker Veit auf den Füßen, „Hochmütige Hexe!“

knirschte er zwischen den Zähnen, „willst du mich rasend machen?“ Sie

entfloh vor seinem wilden, drohenden Blick in ihr eignes Gemach; eine

Weile saß sie dort still in bebender Angst, dann lauschte sie auf die

unten erschallenden Tritte. „Er rüstet sich!“ sagte sie triumphierend,

„ich habe ihn aufgerüttelt. Es versteht es doch keiner, mit ihm fertig

zu werden, als ich allein!“

Als am Abend dieses Tages Junker Veit und Janko mit reicher Jagdbeute

heimkehrten, empfing Walburg den Gatten aufs freundlichste.

„Seid willkommen, teurer Herr,“ sagte sie mit liebevollem Lächeln,

„und habt Dank, daß Ihr meine Vorratskammer so reich versehen habt.

Ich wußte es ja, daß dieser starke Arm die Seinen nicht würde darben

lassen.“

Er küßte sie flüchtig auf die Stirn, und der oft getrübte Friede war

wieder einmal geschlossen. --

Am nächsten Mittag stieß der Türmer ins Horn. „Was siehst du?“ rief

Junker Veit zu ihm hinauf.

„Es kommen drei Reiter von der Stadt her; sie tragen die Abzeichen von

Nürnberg und ein weißes Fähnlein, zum Zeichen friedlicher Gesinnung.“

„Viel Gutes werden sie mir nicht bringen,“ meinte der Junker, „ich

glaube nicht, daß die Krämerseelen mir besonders gewogen sind. Doch man

kann ja hören, was sie wollen.“

Er stieg hinab rief die beiden Knechte zu sich, ließ die Zugbrücke

fallen und stellte sich am Anfang derselben auf, Janko und Miklot

hinter sich, doch so, daß sie von den Ankommenden nicht gesehen werden

konnten. Die Reiter hielten vor der Brücke still. „Was ist Euer

Begehr?“ rief Veit ihnen zu.

„Wir sind vom wohllöblichen Rat der Stadt Nürnberg gesendet, um eine

Ladung an den Junker Veit von Rotenhahn zu überbringen.“

„Ich bin es selber; sprecht aus, was Ihr zu sagen habt.“

Der vorderste Reiter zog aus dem Schaft seines hohen Stiefels ein

Papier, an dem ein großes Siegel hing, entfaltete es und begann

mit lauter Stimme zu lesen. Es war eine genaue Aufzählung all

der Übertretungen, deren sich der Inhaber der Burg Hohenheiligen

schuldig gemacht hatte, -- und eine mächtige lange Reihe hatte

man zusammengestellt, wovon schon die Hälfte genügt hätte, dem

Übelthäter an Kopf und Kragen zu gehen. Zum Schluß ward der Junker

vor das städtische Gericht geladen, um sich wegen dieser Anklagen zu

verantworten.

Veit hatte mit belustigtem Zwinkern zugehört und sich behaglich den

Bart gestrichen; als die Lesung beendet war, brach er in ein höhnisches

Gelächter aus. „Sagt dem gestrengen Rat: auch die Nürnberger hängten

keinen, sie hätten ihn denn, und mich sollen sie noch lange nicht

haben! Was schert mich der Rat der Stadt? ich bin ein freier Mann auf

eignem Grund und Boden und lache der städtischen Gerichtsbarkeit.

Wollen die Herren mich richten, so mögen sie zu mir kommen, wir wollen

sie gastlich und mit Ehren empfangen und ihnen ein lustiges Tänzlein

aufspielen! Zum Zeichen aber, daß Veit von Rotenhahn nicht mit sich

scherzen läßt, behalte ich diesen großmäuligen Patron als Geisel in

meinem Gewahrsam.“

Damit warf er sich auf den überraschten Reiter und riß ihn vom Pferde;

Janko und Miklot waren wie der Blitz an seiner Seite, und ehe der Mann

sich von seinem Schrecken erholt hatte, war er schon innerhalb des

Thores. Ratlos sahen die beiden Begleiter sich an; sollten sie sich

gleicher Gefahr aussetzen? ihre Pflicht war es vielmehr, dem Rat diesen

neuen Frevel zu melden. Sie gaben ihren Pferden die Sporen und jagten

davon; rasselnd fuhr hinter ihnen die Zugbrücke in die Höhe.

Der Gefangene ward gebunden und in einen dunklen, gewölbten Kellerraum

geschleppt, der sich unter den Trümmern der alten Burg weit hinzog.

„Welche Absicht hast du mit ihm?“ fragte Walburg unzufrieden. „Mich

dünkt, er ist nur ein unnützer Esser mehr, der uns gar keinen Nutzen

schaffen, sondern die Städter nur noch mehr gegen dich aufbringen

kann.“

„Wenn du nichts für ihn zu essen hast, so laß ihn hungern,“ gab Veit

gleichmütig zur Antwort; „der feiste Bursche hat so lange an den fetten

Fleischtöpfen der Nürnberger gesessen, daß er ohne Schaden eine Weile

fasten kann. Übrigens weiß ein kluger Kopf jeden Umstand auszunutzen --

wer weiß, ob mir die Stadt nicht ein erkleckliches Lösegeld für ihren

Kriegsknecht bietet.“

„Schwerlich!“ versetzte Walburg. „Doch ist er ein ansehnlicher Geselle,

und mir ist, als müßte ich ihn von früher her kennen.“

Sie grübelte darüber nach, wo sie ihn schon gesehen haben könnte; die

dunkle Erinnerung vermischte sich mit Bildern aus ihrer Jugend -- jetzt

hatte sie’s: es war Klaus Zworrer, der Ehemann jener Frau Barbara,

welche schon im Dienst ihrer Stiefmutter gestanden, als sie selbst noch

als Mädchen auf Maltheim lebte. Walburg hatte sich bei ihrem langen

Besuch im Vaterhause genau nach allen Umständen erkundigt, welche sich

an die wunderbare Genesung der kleinen Irmgard knüpften; sie hatte

erfahren, daß Barbaras Gatte gerade damals für kurze Zeit ein Gast

auf der Burg gewesen war. Vielleicht ließ sich von dem Manne etwas

herausbringen, was darauf Bezug hatte, und seine Gefangennahme erwies

sich wirklich als eine nutzbare That ihres Ehegemahls, vor dessen

schlauen Anschlägen sie eine große Ehrfurcht empfand.

Nachdem der Gefangene zwei Tage lang ohne Speise und Trank in seinem

dunklen Gewahrsam gelegen hatte, stieg Frau Walburg selbst zu ihm

hinab, in einer Hand eine Laterne, in der andern einen Krug Bier und

ein Brot im Arm. Sie stellte alles in einiger Entfernung vor dem Manne

nieder, so daß er es, vermöge seiner Bande, nicht erreichen konnte

und betrachtete ihn aufmerksam. „Gebt mir zu essen,“ stöhnte er mit

trockner Kehle, „ich verschmachte vor Hunger und Durst.“

„Ihr sollt alles erhalten,“ versetzte sie, „doch müßt Ihr Euch dafür

erkenntlich zeigen.“

„Was kann ich thun?“ röchelte er „elend gefesselt und halb tot?“

„Ihr seid der Ehemann jener Frau Bärbel, die früher im Dienst der

Herrin auf Maltheim stand?“

„Ja, der bin ich.“

„Wollt Ihr mir aufrichtig und ohne Rückhalt einige Fragen beantworten?“

„Alles, was ihr wollt -- nur gebt mir zu essen und zu trinken.“

Sie schnitt ein Stück Brot ab, füllte einen kleinen Becher mit Bier

und reichte ihm beides; er ergriff es mit Gier und verschlang es mit

tierischem Heißhunger. „Mehr, mehr!“ stöhnte er.

„Erst müßt Ihr mir Bescheid geben. Ihr wart auf Maltheim bei Eurer Frau

-- es mögen jetzt etwa drei Jahre her sein?“

„Ja, ich war dort, ich erinnere mich genau, denn bald darauf zog ich

mit meinem Weibe nach Nürnberg.“

„Es war zu der Zeit, als das kleine Töchterchen des Ritters auf dem

Tode lag und wunderbar genas, besinnt Ihr Euch?“

„Nein, davon weiß ich nichts.“

„Nicht? so bin ich fertig und kann wieder gehen.“ Sie griff nach der

Laterne und den Lebensmitteln; aus der Brust des Gefangenen drang ein

Jammerlaut, der schauerlich von dem weiten Gewölbe widerhallte.

„O bleibt, erbarmt Euch -- geht nicht fort -- gebt mir mehr zu essen

--; was ich irgend weiß, will ich Euch sagen.“

Sie reichte ihm wieder einen Bissen und einen kargen Trunk. „Redet,“

sagte sie herrisch „verhehlt mir nicht den kleinsten Umstand aus jener

Zeit.“

„Ich war lange in der Fremde gewesen, in burgundischen Diensten,“

erzählte er in abgebrochenen Sätzen, „aber ich hatte die reiche Beute

nicht gefunden, die ich erhofft -- ein Teil freilich war mir beim

Würfelspiel wieder durch die Finger gegangen. Müde und krank kehrte ich

zurück, -- in der Nähe der Burg Maltheim fand ich ein Bündel auf der

Straße liegen und hob es auf, denn ich meinte, es möchte vielleicht

ein gutes Geschenk für mein Weib darin sein. Als ich es vor mir am

Sattelknopf befestigte, fing es innen an, sich zu rühren und zu quäken;

ich erschrak und untersuchte es -- es war ein kleines Kind darin. Schon

wollte ich es ärgerlich herabwerfen, aber das Würmchen dauerte mich,

es sah so weiß und fein aus; so nahm ich es mit und brachte es meinem

Weibe, das mich arg dafür auszankte. Sie behielt mich zwei Tage bei

sich; dann sagte sie, ich müsse fort, denn die Gebieterin wolle mich

unter ihrem Dach nicht leiden und dürfe mich nicht sehen. Das Kind

wolle sie behalten, aber ich müsse schwören, niemand ein Wort davon zu

sagen. Darauf zog ich nach Nürnberg und nahm Dienste bei der Stadt als

reisiger Knecht; meine Bärbel hat dort eine Schenke, und wir leben in

leidlicher Eintracht bei einander. Das ist alles, was ich Euch sagen

kann -- und nun gebt mir zu essen und zu trinken, denn ich bin schwach

zum Sterben.“

Mit einem Hochgefühl des Triumphes kehrte Walburg in ihr Gemach zurück;

endlich glaubte sie den Schlüssel zu einem Geheimnis gefunden zu

haben, an dessen Lösung sie sich bisher vergeblich versucht hatte. Es

schien ihr kein Zweifel mehr übrig, daß Irmgard jener Findling sei,

den der Kriegsknecht nach Maltheim gebracht hatte. Sie beschloß, über

ihre Entdeckung vorerst zu schweigen, um sie bei gelegener Zeit zu

verwerten, dagegen jetzt etwas für Klaus zu thun, um ihn desto sicherer

in ihrer Hand zu behalten.

„Ich sprach heute mit dem Gefangenen,“ sagte sie zu ihrem Gatten; „der

Hunger hat ihn mürbe gemacht, er ist bereit, aus der Hand zu fressen,

wie ein Hund, den man mit der Peitsche gezähmt hat. Übrigens scheint er

kein verächtlicher Geselle zu sein; vielleicht könntest du in ihm einen

tüchtigen Knecht gewinnen, denn Miklot wird gebrechlich, und es ist

nicht mehr auf ihn zu zählen.“

Der Gedanke leuchtete Junker Veit ein, und er bot dem unglücklichen

Mann die Freiheit an, falls er sich verpflichte, in seinen Dienst zu

treten, und ihm geloben wolle, ihm in allen Stücken treu und gewärtig

zu sein. Klaus weigerte sich anfangs lebhaft; er stand im Dienst der

Stadt, hatte ihrem obersten Kriegshauptmann das Jurament geleistet, und

es erschien ihm schimpflich, diesen ehrlichen Dienst mit dem bei einem

Stegreifritter und gemeinen Räuber zu vertauschen. Aber einige Tage

Hunger, Finsternis und Einsamkeit brachten ihn auf andre Gedanken; er

sah ein, daß er ohne Hilfe nicht aus dem Raubnest entfliehen könne, und

daß man ihn bei fortgesetzter Weigerung ohne Bedenken würde verhungern

lassen; die Zeit der Einkerkerung kam ihm wie eine Ewigkeit vor, denn

Tage und Nächte schlichen in endlosem Gleichmaß an seiner geängsteten

Seele vorüber. Da er daran verzweifelte, daß die Stadt etwas für

ihren gefangenen Boten thun würde, so sagte er endlich „ja“ zu Junker

Veits Vorschlägen und taumelte mühsam zum Licht der Sonne empor, das

seinen geblendeten Augen wehthat, während alle seine Glieder steif und

schmerzhaft waren und seine Kniee vor Schwäche zitterten. Es genügten

freilich wenige Tage, um ihn körperlich wiederherzustellen, aber sein

Sinn blieb düster und sein Mund verschlossen; hätte nicht Junker Veit

ihn mit einem furchtbaren Eide an sich gebunden und seinen Abfall mit

entsetzlichen Strafen bedroht, so hätte er vom ersten Tage an nur auf

Flucht gesonnen.

Die Nachricht, welche die beiden Boten nach Nürnberg brachten,

hatte Rat und Bürgerschaft in unbeschreibliche Entrüstung versetzt;

laute, aufgeregte Stimmen schrieen nach Rache für solche unerhörte

Frechheit, galten doch in der ganzen Christenheit Boten für geheiligte

Persönlichkeiten, an denen sich niemand vergreifen durfte. Man forderte

blutige Sühne für diesen Frevel, und hätte die allgemeine Stimmung sich

sofort in die That umgesetzt, wäre am nächsten Tage eine bewaffnete

Schar ausgezogen, um die Burg zu überfallen, so wäre es Junker Veit

übel ergangen. Aber so schnell ging es nicht; man war bei jeder

Unternehmung an weitläufige Formalitäten gebunden, an einberufene

Versammlungen, Vorschläge, Abstimmungen, Einspruchsfristen, und in

dieser Zeit verrauchte viel von dem anfänglichen Feuer. Endlich, nach

Ablauf einer Woche, marschierte ein Fähnlein Fußvolk unter einem

berittenen Anführer nach Hohenheiligen ab.

Inzwischen hatte Veit Muße gehabt, sich auf alle kommenden Ereignisse

vorzubereiten. Eines Tages kam Janko, der zum Spionieren ausgeschickt

war, auf schweißbedecktem Gaule angesprengt: „Sie kommen, Herr,“ rief

er keuchend, „in drei Stunden stehen sie vor unserm Thor.“

„Gut,“ sagte der Junker ruhig, „da haben wir noch reichlich Zeit, uns

zu ihrem Empfange zu rüsten.“ Er gab sofort seine Befehle, setzte

Walburg und die Knaben zu Pferde und gab ihnen Klaus und Miklot zur

Begleitung; sie sollten auf wohlbekannten Waldpfaden nach einer

benachbarten Burg reiten, wo ein gleichgesinnter Freund wohnte, und

dort das weitere abwarten. Walburg hatte sich zuerst geweigert, ihn in

dieser Gefahr zu verlassen, aber er lachte nur über den Gedanken an

Gefahr und verhieß ihr, sie in kurzem wieder heimzuholen.

Als die Nürnberger Soldaten vor der Burg anlangten, sahen sie mit

Erstaunen, daß die Zugbrücke herabgelassen war und das Thor weit offen

stand. Vorsichtig verbot der Anführer das Betreten der Brücke und des

Burghofes, weil er irgend eine teuflische List vermutete; als aber

eine Stunde verging und nichts sich regte, schickte er ein Häuflein

ab, um die Sache zu untersuchen. Totenstille herrschte in dem engen

Hof, die Thüren der niedrigen Ställe standen offen, nirgend war ein

lebendes Wesen zu sehen. Der Turm schien keinen Eingang darzubieten,

denn die schmale Öffnung, welche aus der Küche ins Freie führte,

war so kunstreich geschlossen, daß man nicht einmal eine Spur davon

gewahrte; die Treppe zum Oberstock war abgenommen, man sah nichts, als

kahle, nackte Mauern. Der Junker, der das Fähnlein führte, schüttelte

verwundert und unschlüssig den Kopf: wen sollte man denn bekriegen,

wenn gar kein Feind da war? Er hieß seine Leute, die ganze Burg

umzingeln und bewachen und ritt mit geringer Begleitung ins Dorf, um

Kundschaft einzuziehen. Bald sammelte sich die ganze Bevölkerung um die

tapferen Krieger und schrie auf sie ein; die alten Klagen gegen Junker

Veit und seine Knechte erschollen wieder, flehentliche Bitten, sie von

ihren Peinigern zu befreien, wurden laut.

„Schweigt, Ihr Gesindel!“ herrschte der Anführer die Bauern an, „ich

bin nicht gekommen, um Euer Gewäsch anzuhören. Sagt mir kurz und

bündig, was Ihr von den Insassen der Burg wißt; mir scheint, die

Galgenvögel sind allesamt ausgeflogen.“

„Ich sah die ganze Gesellschaft heute früh in gestrecktem Lauf

davonreiten,“ rief einer, „sie werden wohl Wind bekommen haben und

entflohen sein.“

„Meine Tochter, die auf der Burg gedient hat, ist heute zurückgekehrt,“

sagte eine Frau, „Junker Veit hat sie vom Hofe gejagt.“

„Bringt mir die Dirne her,“ gebot der Anführer. Ein bleiches,

verschüchtertes Mädchen trat zitternd hervor, sie sah unendlich

verkommen und zerlumpt aus. „Rede!“ rief der Reiter gebieterisch, „was

weißt du von dem, was auf der Burg vorgegangen?“

„Ich weiß nicht viel,“ stammelte die Dirne ängstlich; „vorige Woche

haben sie einen Gefangenen in den Keller geschleppt, aber niemand

durfte zu ihm, als der Herr und die Frau. Nach ein paar Tagen kam er

heraus und schwur dem Junker Treue, von da an ging er frei aus und ein.

Heute früh trieb mich der Herr mit der Peitsche aus der Küche, ich

solle mich hüten, wiederzukommen, er ritte mit all den Seinen davon.

Da bin ich gelaufen, was meine Füße mich tragen wollten, und habe mich

nicht mehr umgesehen, denn dort ist’s schlimmer, als in der Hölle.“

Zwei Tage und zwei Nächte blieben die Soldaten beobachtend vor der Burg

liegen: als aber alles still und ausgestorben blieb, fingen sie an zu

murren und verlangten, entweder in einen ehrlichen Kampf, oder nach

Hause geführt zu werden. Es gab nicht einmal etwas zu plündern auf dem

elenden Burghof, wo ohnehin alles in Trümmern lag; die alten Mauern

des Turmes hätten doch aller Bemühungen gespottet, ihnen einen Schaden

anzuthun. So begnügte sich der Anführer damit, das Urteil des Rates,

wonach Junker Veit von Rotenhahn als ein Ehrloser gebrandmarkt und

auf seinen Kopf ein Preis gesetzt wurde, ans Thor zu nageln. Dann zog

er mit seinem Fähnlein unrühmlich von dannen, um den Vätern der Stadt

mit prunkenden Worten zu berichten, daß schon die Annäherung eines

bewaffneten Trupps genügt habe, um den Frevler mit all den Seinen in

wilder Flucht von Haus und Hof zu jagen. Übrigens sei der Kriegsknecht,

Klaus Zworrer, ein Elender und Eidbrüchiger, zu dessen Befreiung

weitere Anstalten nicht zu treffen seien. --

Eine Weile, nachdem die tapferen Stadtsoldaten abgezogen waren, blieb

es still wie vorher auf dem Burghof von Hohenheiligen, dann öffnete

sich die Thür im Oberstock, die Treppe ward herabgelassen, Junker

Veit und Janko stiegen hinunter. Im Nu war die Zugbrücke aufgezogen,

das Thor geschlossen, die Pferde aus dem Kellergewölbe hervorgezogen.

Die beiden wackeren Kumpane waren unmäßig vergnügt, und dem Anführer

des Fähnleins hätten billig die Ohren klingen müssen von all den

Ehrentiteln, mit denen die beiden ihn belegten. Zuletzt holten sie

einen dickbäuchigen Krug spanischen Weines herauf, der beim letzten

Überfall in ihre Hände geraten war, und fingen an zu zechen. Erst

jubelten und sangen sie, daß die alten Mauern widerklangen, dann

lallten sie unverständliche Worte, und schließlich lagen Herr und

Knecht in tiefem Rausch mitsammen unter dem Tisch.

Das war das Ende des Strafgerichts, welches die freie Reichsstadt

Nürnberg gegen den Raubritter Veit von Rotenhahn verhängte.

[Illustration]

Achtes Kapitel.

Des Studenten Auszug.

Eng wird dem Jüngling das Haus, es treibt ihn hinaus in die Ferne,

Wo sich der strömende Quell ewiger Weisheit ergießt.

Mehrere Jahre waren verflossen; sie hatten auf Maltheim nur solche

Veränderungen hervorgebracht, wie sie naturgemäß im Laufe der Zeit

lagen. Aus dem Knaben Ulrich war ein schöner, schlanker Jüngling

geworden, in jeder Rittertugend wohl erfahren und dabei von einer

Geistesbildung, welche die seiner Standesgenossen weit überragte.

Immer noch war Pater Benedikt sein Lehrer, aber fast hatte der Schüler

ihn überholt, wenn auch nicht an eigentlicher Gelehrsamkeit, so doch

an Freiheit und Tiefe der Gedanken und mit dem Fluge einer kühnen

Phantasie. Er war der Stolz und die höchste Freude seiner Mutter und

zugleich ihr vertrauter Freund und Berater, denn ihr Eheherr war

inzwischen zu einem hilflosen Greise geworden, der sich mühsam von

seinem Lager bis zu seinem Lehnstuhl schleppte und wochenlang sein

Zimmer nicht verlassen konnte. Auch sein Geist war sehr gealtert;

es fehlte Herrn Werner alles Verständnis für die Gegenwart, der er

keine Teilnahme schenkte, dagegen lebte und webte er mit all seinen

Gedanken in einer glänzenden Vergangenheit und wurde niemals müde,

von den Thaten und Erlebnissen seiner jüngeren Jahre zu erzählen. Er

fand eine stets aufmerksame Zuhörerin an Irmgard, die mittlerweile zu

einem frühreifen Mädchen herangewachsen war. Die kleinen, zarten Formen

ihres Körpers ließen kaum auf zehn Jahre schließen, aber der Glanz der

dunklen Augen zeigte von einem ungewöhnlich regen Geistesleben, und das

von langen, aschblonden Locken umrahmte Antlitz trug den Ausdruck eines

viel reiferen Alters.

Frau Kunigunde saß in der tiefen Fensternische ihres Gemaches und

schaute aufmerksam auf den Hof hinaus, wo Ulrich die Schwester im

Reiten und Springen übte. Die zierliche Gestalt saß unerschütterlich

fest im Sattel und führte jedes Gebot ihres Lehrmeisters mit voller

Sicherheit aus. Es war ein hübsches Bild, und die Blicke der Mutter

hingen mit stolzer Freude an den beiden Geschwistern, deren Liebe im

Lauf der Jahre immer dieselbe geblieben war, wie verschieden sich auch

ihr Sinn und ihre Neigungen entwickelt hatten.

Der Eintritt des Hauskaplans unterbrach die stillen Betrachtungen

der Edelfrau; sie begrüßte ihn ehrerbietig und bot ihm einen Sitz in

ihrer Nähe an. „Ich komme, edle Frau,“ begann er mit bewegter Stimme,

„um Euch für viele friedliche Jahre zu danken, die ich in Eurem Hause

verlebt habe, -- jetzt muß ich von Euch scheiden.“

„Ihr wollt uns verlassen, Pater Benedikt?“ fragte Frau Kunigunde

überrascht. „Wir werden eine hirtenlose Schar sein, ohne Eure treue,

väterliche Leitung, und was wird Ulrich beginnen, wenn er Eurer

Unterweisung entbehren muß?“

„Das Gebot meiner Oberen ruft mich von hinnen, ich muß gehorchen, denn

der Diener des Herrn darf, wie sein Meister, auf Erden keine bleibende

Stätte haben. Aber ehe ich diesem Hause Valet sage, an dem mein Herz

vielleicht fester hängt, als es einem Sohn der Kirche geziemt, möchte

ich als treuer Freund und Beichtiger mit Euch über Ulrich sprechen.

Sein grübelnder Geist braucht kräftige Nahrung, um sich nicht auf

gefährliche Abwege zu verirren: schickt ihn nach Paris oder Bologna,

damit er fleißig studiere.“

„Ich soll mich von ihm trennen?“ rief Frau Kunigunde erschrocken;

„nein, Vater, verlangt nur das nicht von mir! sagt mir nicht, daß

es meine Pflicht sei, meinen einzigen Sohn in die Fremde hinaus zu

schicken und ohne ihn zu leben!“

„Und dennoch ist es Eure Pflicht, edle Frau, und ich weiß, Ihr werdet

Euch derselben nicht entziehen. Eine Mutter darf nicht selbstsüchtig

ihren Sohn der Welt vorenthalten, die an seine Kraft und seinen

Verstand ein Anrecht hat. Laßt ihn auf vier, fünf Jahre hinausziehen,

damit er fähig werde, die Stelle einzunehmen, für die ihm seine reichen

Gaben verliehen sind. Dann wird Ulrich einst ein Mann werden, auf den

Ihr mit Recht stolz sein dürft.“ --

Der Pater ging und ließ die Edelfrau in tiefer Bewegung zurück. Was

blieb ihr denn noch, wenn Ulrich von ihr ging? Ihr Gatte war alt und

hilflos, fast kindisch, und bei Irmgards Anblick wollte zuweilen ein

quälender Zweifel ihre Seele beschleichen. Es war nun schon mehrere

Jahre her, seit Walburg mit Klaus’ Erzählung hervorgetreten war

und behauptet hatte, jener Findling sei heimlich in die Wiege des

verstorbenen Kindes gelegt worden. Herr Werner hatte damals der Tochter

in heftigem Zorn verboten, je wieder ein ähnliches Wort zu äußern, er

hatte ihr mit völliger Enterbung gedroht, wenn sie solche schändlichen

Lügen verbreite. Sollte er sein eigen Fleisch und Blut nicht kennen?

konnte nicht ein Blinder merken, daß seine weiße Rose aus seinem alten

Stammbaum erblüht sei? Aber in Frau Kunigundens Seele war seit jener

Zeit ein Stachel zurückgeblieben; zuweilen starrte sie in Irmgards

Antlitz, um darin die Spur verwandter Züge zu entdecken -- vergebens!

Darin hatte Walburg sicher recht gehabt, daß das Mädchen weder Vater

noch Mutter glich, und je mehr sie heranwuchs, um so mehr zeigte sich

in ihr eine völlig eigenartige Schönheit. Bis jetzt hatte Frau von

Maltheim noch nicht gewagt, gegen irgend jemand ein Wort von ihren

Zweifeln zu äußern, doch stieg in ihrer Seele der Wunsch nach Gewißheit

immer höher; sie beschloß, bei nächster Gelegenheit Frau Barbara

aufzusuchen und sie vorsichtig auszuforschen.

Der Kaplan war abgereist, der Wille seiner Oberen berief ihn an die

Frauenkirche zu Nürnberg, wo er dem alternden Propst, besonders als

Kanzelredner, ein Beistand sein sollte. Niemand empfand die Lücke mehr,

als Ulrich, der den trefflichen Lehrer täglich vermißte. Eines Tages

kam er zu seiner Mutter und umfaßte sie liebevoll. „Lieb Mütterlein,“

flüsterte er in zärtlichem Ton, „hast du mich lieb? und bist du fest

überzeugt, daß ich dich lieber habe, als alles andre auf der Welt?“

„Ja, mein Ulrich,“ erwiderte sie innig, „ich weiß es, und es ist mein

bestes Glück.“

„Darf ich dir eine Bitte aussprechen?“

„Gewiß, mein Sohn; so viel in meinen Kräften steht, will ich dir von

Herzen gern gewähren.“

„So gieb mich für ein paar Jahre frei und laß mich auf die Universität

ziehen.“

„Ulrich!“ rief sie erschrocken, „bist du deiner Mutter und der Heimat

müde geworden?“

„Nein, Mutter, das nicht, aber meine Seele dürstet nach den Tiefen der

Erkenntnis, und ich möchte aus der Quelle der Weisheit selbst schöpfen.

Jetzt hast du noch den Vater an deiner Seite; stehst du einmal allein

da, so komme ich zurück, um deine Stütze zu sein.“ --

[Illustration: Ankunft der Maltheimer im Ebnerhause.]

Es kostete Frau Kunigunde einen harten Kampf, ehe sie einwilligen

konnte; war es ihr doch, als ginge in ihrem Leben die Sonne unter,

wenn ihr der Sohn fehlte, der ihres Herzens Freude und Wonne war. Aber

auch in seiner Abwesenheit übte Pater Benedikt noch einen bestimmenden

Einfluß auf sie aus; sie gedachte an die Gefahr für Ulrichs Seele,

vor der jener gewarnt, wenn er seinen eignen Grübeleien überlassen

bleibe, und mehr, als jeder andre Gedanke, bewog dieser sie, endlich

mit schwerem Herzen ihre Zustimmung zu geben. Ihr Gatte war mit allem

zufrieden; ihn kümmerte es wenig, ob Ulrich ging, wenn er nur seine

kleine Irmgard um sich behielt.

Alle Vorbereitungen waren getroffen; in Begleitung eines treuen, lang

erprobten Knechtes sollte Ulrich in die fremde Welt hinausziehen,

seine Mutter und Schwester aber gedachten ihm zu Pferde das Geleit zu

geben bis Nürnberg, wo sich der Jüngling von einigen alten Freunden

verabschieden wollte.

Der kleine Reitertrupp hielt vor dem Ebnerhause still und pochte

um Einlaß; alsbald öffnete Just das Thor und lud die Herrschaften

ein, in den Hof zu reiten. Aus einer der Schreibstuben kam Berthold

hervorgestürzt, gerade noch zur Zeit, um Irmgard vom Pferde zu heben

und mit kräftigem Schwunge auf den Boden zu setzen. Frau Ursula

erschien alsbald mit den Töchtern auf der Treppe, um die Gäste

willkommen zu heißen, und es herrschte große Freude beim Anblick der

Maltheimer, hatten sich doch die Frauen, trotz seltnen Verkehrs, immer

eine herzliche Teilnahme bewahrt, während die Jünglinge die alte

Kinderfreundschaft durch häufige Besuche in Maltheim oder Nürnberg

warm erhalten hatten. Doch hatte es sich zufällig so getroffen, daß

Frau Kunigunde und Irmgard die Ebnersche Familie nie auf dem Annenhof

besucht hatten.

Es war ein köstlicher Spätsommertag, und nach eingenommenem Frühstück

begab sich die junge Gesellschaft auf den Hof, wo man im Schatten

des alten Nußbaums die milde Witterung besser genießen konnte, als

in den Zimmern, in denen immer ein gedämpftes Licht und eine dumpfe

Luft vorherrschten. Unwillkürlich gesellten sich Berthold und Irmgard,

Ulrich und Margarete in vertraulichem Gespräch zu einander, und Elsbeth

fühlte sich so überflüssig, daß sie sich gekränkt zurückzog. Sie fühlte

sich stets gekränkt, wenn sie hinter der Schwester zurückstehen mußte,

die mit ihrem ernsten, verständigen Wesen viel mehr Beachtung fand, als

die kindische Elsbeth.

„Weißt du noch, Irmgard,“ sagte Berthold, „wie wir hier spielten, als

du zum erstenmal nach der Stadt gekommen warst? Wir hatten eine Burg

von Kisten und Fässern erbaut; du warst die gefangne Prinzessin und

Hans der böse Riese, der dich bewachte, ich aber war der Recke, der

alle Gefahren überwand und die Königstochter heimführte. Es war ein

schönes Spiel, und ich habe noch oft daran gedacht.“

„Armer Berthold!“ sagte sie mitleidig, „damals meintest du, das

Spiel sollte einmal Wirklichkeit werden, und jetzt sitzest du in der

Schreibstube und fichtst mit dem Federkiel gegen lange Reihen von

Zahlen -- ich ertrüge es nicht!“

„Ich würde es auch nicht ertragen, wenn ich es nicht meiner Mutter

zuliebe thäte, sie wünscht es so sehr. -- Du wirst Ulrich sehr

vermissen, Irmgard.“

„Gewiß, er ist so lieb und gut -- und doch kann ich ihn oft nicht

begreifen, und ich glaube, du, Berthold, würdest an seiner Stelle ganz

anders handeln.“

„Meinst du?“

„O, nicht wahr? du würdest dich nicht hinter Büchern vergraben,

wenn du der Sohn eines alten, glorreichen Adelsgeschlechtes wärest,

sondern in die Welt hinausziehen, um große Thaten zu thun und zu den

alten Ruhmeskränzen einer glänzenden Vergangenheit neue Lorbeeren

hinzuzufügen! Sieh, wenn ich höre, wie die Türken von allen Seiten

gegen unsre Grenzen herandrängen, wie vergeblich der heilige Vater sich

bemüht, einen Kreuzzug gegen sie zu predigen -- dann ergreift mich’s

gewaltig; in meinem Innern fängt es an zu sieden und zu brennen, ich

möchte Panzer und Schild anlegen und eine Kreuzesfahne in die Hand

nehmen und allen, die ein Schwert schwingen können, zurufen: Auf, folgt

mir, ich will euch zu Kampf und Sieg, zu unsterblichem Ruhm führen!

O Berthold, wenn wir beide die Welt regieren könnten, wir würden

die verhaßten Türken bald zu Paaren treiben und sie in die fernen,

heidnischen Lande zurückjagen, aus denen sie hergekommen sind. Dann

würdest du der König des befreiten Landes sein und ich deine Königin,

und die ganze Welt würde voll werden von der Glorie unsrer Siege und

unsres Namens!“

Er sah sie mit unverhohlnem Entzücken an, die kleine zarte Gestalt

mit den großen leuchtenden Augen und den wallenden Locken, mit dem

schneeweißen Rosengesicht, das von Begeisterung strahlte. „Würdest du

wirklich meine Königin sein mögen, Irmgard?“

„Gewiß, wenn du ein Ritter wärest und herrliche Heldenthaten vollbracht

hättest. Pater Benedikt hat mir einmal aus einer uralten Chronik

vorgelesen, daß zwischen dem berühmtesten Ahnherrn unsres Hauses und

einem Tucher von Nürnberg eine innige Freundschaft bestand, und daß

sogar ein Tucher, der im Kriege zum Ritter geschlagen war, ein Fräulein

von Maltheim heimführte. Ein tapferer Ritter und Kriegsheld ist selbst

einer Fürstentochter ebenbürtig.“

„Aber wenn ich nun ein großer Kaufmann würde und unermeßliche

Reichtümer erwürbe und dir alle Schätze zu Füßen legte, die nur mit

Geld zu kaufen sind -- würdest du mir dann nicht auch deine Hand

reichen?“

„Natürlich nicht! wie kannst du nur so seltsam fragen? Ein adliges

Fräulein und ein bürgerlicher Kaufherr -- das paßt schlecht zusammen.

Ich müßte auf meinen Gatten stolz sein können, und das würde ich nur,

wenn er ein Held wäre.“ --

In einem ganz andern Ton verlief die Unterhaltung zwischen Ulrich und

Margarete. „Wie freue ich mich,“ sagte sie, „daß endlich dein heißer

Wunsch in Erfüllung geht und die Weisheit ihre goldenen Thore vor dir

aufthut! Es ist nur traurig, daß du so weit in die Ferne gehst und uns

nicht hin und wieder einige Brosamen aus der Fülle mitteilen kannst, in

der du dort schwelgen wirst.“

„Ob ich wohl alles finden werde, was ich suche und hoffe?“ fragte

Ulrich träumerisch. „Zuweilen überschleicht mich eine bange Furcht, als

ob ich zu viel erwarte, denn es sind doch immer nur Menschen, die am

Quell der Wahrheit sitzen und den Durstigen daraus mitteilen. Wie, wenn

es auch dort noch Schranken und Schleier gäbe, welche die vollkommne

Erkenntnis begrenzen und verhüllen?“

„Ich meine, du wirst die Wahrheit dort so rein schauen, wie es unser

Blick überhaupt ertragen kann,“ erwiderte sie. „Vielleicht ist die

höchste, göttliche Wahrheit so strahlend hell, daß ein Menschenauge

sich davor senken muß.“

Er ergriff ihre Hand. „Du hast recht, Margarete, mich zur Demut zu

mahnen. Ich bin nur zu geneigt, zu glauben, daß meiner Seele nichts zu

hoch ist, daß ihre Flügel mich weiter zu tragen vermögen, als andere.“

„Entsinnst du dich noch, Ulrich, wie du mir einst die Geschichte von

Dädalus und Ikarus erzähltest? Ich habe sie nie vergessen und daran

gelernt, den kühnen Flug zu mäßigen, daß er uns nicht, statt zur

Sonne, in Nacht und Verderben führe. Aber ich bin auch nur ein Mädchen,

das sich bald bescheiden und seine Gedanken denen weiserer Leute

unterordnen muß.“

„Du triffst immer das Rechte, Margarete. Wie oft hat dein kindlicher

Sinn schon vor Jahren eine Wahrheit erfaßt, die ich mit allem Klügeln

und Grübeln nicht gefunden hatte. Ich wollte, du könntest mit mir gehen

und mich vor den Abgründen warnen, die mein aufwärts gerichteter Blick

nur zu oft übersieht. O Gretchen, mit dir vereint zu suchen und zu

forschen, alles Erworbene vor deinen klaren Blick zu bringen, der so

unfehlbar das Wahre vom Falschen zu unterscheiden vermag -- das müßte

das höchste Glück auf Erden sein.“

„Du denkst viel zu hoch von mir, Ulrich; wie sollte mein kleiner Kopf

deinem großen Streben gewachsen sein! -- Wann denkst du aufzubrechen?“

„Morgen mit dem frühesten; ich muß heute noch von Pater Benedikt und

unserm wackern Hans Abschied nehmen. Wo ist Hans? ich sah ihn noch

nicht.“

„Er ist seit kurzem in Meister Kraffts Werkstätte als Lehrling

eingetreten, und Onkel Adam verheißt, einen tüchtigen Steinmetz aus ihm

zu machen.“ --

In der tiefen, lauschigen Fensternische in Frau Ursulas Gemach

saßen die beiden Frauen in eifrigem Gespräch. Die Kinder bildeten

ein unerschöpfliches Thema; jede hatte so viel von den ihrigen zu

sagen, so viel zu loben, auch wohl einiges zu tadeln, was doch wieder

entschuldigt werden mußte.

„Ich bewundre Euch, Kunigunde, daß Ihr Ulrich von Euch laßt,“ sagte die

Ebnerin, „ich vermöchte es nicht. So zärtlich ich meine Mädchen liebe

-- an Berthold reichen sie doch nicht heran und könnten ihn mir nicht

ersetzen. Zu denken, daß ich auf Jahre seinen Anblick entbehren sollte

-- nein, es wäre unmöglich.“

„So habe ich zuerst auch gedacht,“ sagte die Edelfrau mit einem tiefen

Seufzer, „und endlich habe ich doch nachgegeben. Was thut eine Mutter

nicht, um ihren Liebling glücklich zu machen, um seine Seele vor jeder

Gefahr zu behüten? Sollte ich zusehen, wie sich Ulrich in Sehnsucht

verzehrte? ich konnte ihm doch die Weisheit nicht bieten, nach der es

ihn so heiß verlangt. -- Aber ich habe noch Wichtiges mit Eurem Gatten

zu besprechen, Ursula. Mein Herr hat ihm Hohenheiligen verpfändet;

wir können es jetzt nicht einlösen, brauchen aber flüssiges Geld für

Ulrichs Reise und Studium. Wollt Ihr mit Eurem Eheherrn reden, unter

welchen Bedingungen er es, unter Vorbehalt der Burgruine, als Eigentum

behalten will?“

„Ihr wollt den alten Besitz Eures Hauses aus den Händen geben?“ fragte

Ursula erstaunt, „das ist freilich auch ein großes Opfer, das Ihr Eurem

Sohne bringt! Hoffentlich denkt Junker Veit nicht daran, in die alte

Burg zurückzukehren?“

„Ihr könnt es nicht heißer wünschen, als ich, daß er und sein Weib uns

für immer fernbleiben. Es ist eine Schmach, solch einen wüsten Gesellen

seinen Eidam nennen zu müssen! Wir haben lange nichts von beiden gehört

und hoffen, er hat wieder in Ungarn lohnenden Dienst gefunden. Doch

jetzt entschuldigt mich, ich muß einen Gang in die Stadt machen.“

„Ich erwarte Euch zum Mittagessen zurück, Kunigunde, und ich hoffe,

Ihr und Eure Kinder werdet die Gastfreundschaft unsres Hauses nicht

verschmähen, solange es Euch gefällt, in Nürnberg zu verweilen.“

Dankbar nahm Frau Kunigunde das Anerbieten an und ließ sich dann

von Ulrich in die Laufergasse führen, wo unweit des Thores ein

großes Schild zum Besuch der Schenke „zum blauen Affen“ einlud. Der

blaue Affe selbst hielt ein so gewaltiges Maß Bier in der Hand und

fletschte so vergnügt die Zähne, daß jedermann es auf einen Blick

erkennen konnte, wie vorzüglich jeder Gast hier aufgehoben wäre. Um

diese Vormittagsstunde war jedoch die Schenkstube leer; Frau Barbara,

die Wirtin, saß mit ihrem Spinnrad am Fenster und kommandierte ihre

Töchter, zwei hübsche, dralle Dirnen, welche damit beschäftigt waren,

Becher und Gefäße blank zu putzen und alles in sauberer Ordnung auf

die Regale zu stellen. Frau Bärbel hatte sich in den acht Jahren

ihres städtischen Lebens eine behagliche Rundung zugelegt, welche als

ein Aushängeschild zur Empfehlung ihrer vortrefflichen Küche dienen

konnte, selbst der jahrelange Kummer um den Verlust ihres Gatten hatte

diese üppige Fülle nicht zu mindern vermocht. Dennoch sprang sie mit

Behendigkeit auf, als Frau Kunigunde und Ulrich eintraten, denn solche

Gäste verkehrten selten im blauen Affen, und es kostete ihr auch wenig

Mühe, ihre ehemalige Herrschaft zu erkennen.

„Gottwillkommen! Gottwillkommen!“ rief sie in überströmender Freude,

„o meine edle Gebieterin, welch ein Glück, Euch hier zu sehen! Teurer

Junker, wie groß und schön seid Ihr geworden! Sankt Georg selber kann

nicht herrlicher ausgesehen haben, als Ihr! Welch ein gesegneter Tag!

Trudel, Nelleke, kommt und küßt der Herrin die Hand! wischt die Stühle

ab, daß die hohen Gäste sich setzen mögen. Verschmäht es nicht, edelste

Frau, und Ihr, mein schönster Junker, eine kleine Weile unter meinem

bescheidenen Dach zu rasten -- wollt Ihr mir gestatten, Euch in aller

Demut eine Erfrischung anzubieten?“

Frau Kunigunde dankte, und Ulrich empfahl sich mit einigen freundlichen

Worten, um Pater Benedikt aufzusuchen. „Kann ich ein paar Augenblicke

mit dir allein sprechen?“ fragte die Edelfrau.

„Gewiß, meine gnädige Herrin, Ihr habt über mich und mein Haus zu

gebieten. Ist’s auch nur klein und bescheiden, so hoffe ich doch, es

ist so schmuck und rein, daß es selbst eine Königin betreten könnte,

ohne an ihrer Würde Schaden zu nehmen. Und ich danke es doch zumeist

Eurer Güte, meine edle Gebieterin, daß ich das Häuschen erwerben

konnte, das mir und meinen verwaisten Mädchen Obdach und Unterhalt

bietet -- verwaist, ach heiliger Sebaldus, ich weiß nicht einmal, ob

sie Waisen sind oder nicht, denn ihr Vater ...“ Ein rechtzeitiger

Thränenstrom schnitt den weiteren Redefluß ab, und da Frau Kunigunde

eine ungeduldige Gebärde machte, wischte Bärbel sich die nassen Augen

und führte den Gast in ein kleines Seitenzimmer, von dem aus man durch

ein Schiebefensterchen die Schenkstube übersehen konnte. Sie rieb mit

ihrer Schürze den sauberen Stuhl noch einmal ab und lud die Dame zum

Sitzen ein, während sie selbst vor ihr stehen blieb.

„Du erinnerst dich noch genau des Tages,“ begann Frau von Maltheim,

„als meine kleine Irmgard auf dem Tode lag? erzähle mir genau jeden

Umstand, der sich damals ereignete. Was du mir auch bekennen magst,

Barbara, du wirst keiner Strafe verfallen, nur berichte mir die ganze

Wahrheit.“

„Ich kann Euch heute nichts anderes sagen, als ich damals gesagt habe,

edle Frau,“ versetzte Barbara betroffen -- die unerwartete Anrede

brachte sie aus der Fassung und hemmte die gewohnte Redefertigkeit.

„Was wurde aus dem Kinde, das Klaus auf dem Wege gefunden und dir

gebracht hatte?“ fragte Frau Kunigunde und sah die andre forschend an.

Frau Bärbels purpurne Wangen wurden bleich vor Schrecken, sie ließ sich

zitternd auf einen Schemel fallen. „Ihr wißt ....“ stotterte sie.

„Du siehst, ich weiß alles, also leugne nicht länger.“

Die Wirtin bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und schwieg einige

Sekunden, dann stand sie entschlossen auf und sagte ruhig: „Edle

Gebieterin, ich habe damals ein großes Unrecht begangen, als ich von

dem gefundenen Kinde schwieg. Es war ein elendes Würmchen, das kaum

noch atmete, als ich es in Händen hielt. Es starb alsbald, und um

keinen Lärm zu machen, habe ich es in der Stille im Garten verscharrt

und niemand etwas davon gesagt. Als unsre kleine Irmgard dann so

wunderbar genas und alles voll Dank und Freude war, habe ich an das

arme Ding kaum noch gedacht, und ich begreife nicht, wie Ihr nach so

langer Zeit noch etwas davon erfahren habt.“

Frau Kunigunde sah ein, daß es vergeblich sein würde, noch weiter in

Barbara zu dringen; entweder sie sprach die Wahrheit, oder sie erzählte

eine höchst wahrscheinliche Geschichte, deren Unrichtigkeit niemand

nachzuweisen vermochte. Doch überredete sie sich gern, daß sie jetzt

die volle Wahrheit erfahren habe und sich dabei beruhigen dürfe.

Klar und sonnig zog der nächste Morgen am Himmel herauf, -- was fragte

die Natur nach dem Schmerz, der ein Mutterherz durchschnitt, welches

sein Liebstes in die Fremde ziehen ließ? Monate konnten vergehen, ehe

auch nur eine Kunde von ihm an ihr Ohr drang, Jahre, ehe ihr Auge

ihn wieder erblickte! Die Mutter nahm in ihrer Kammer von dem Sohne

Abschied und warf sich dann weinend und betend vor dem Kruzifix nieder;

die andern umstanden den Abreisenden auf dem Hofe und hatten ihm noch

unzählige Abschiedsworte zuzurufen. Sein letzter Händedruck galt

Margareten. „Vergiß mein nicht!“ sagte er leise, „ich werde deiner treu

gedenken!“ Sie nickte unter Thränen und lief nach dem Erker hinauf,

um ihm nachzublicken, wenn er die Straße erreichte. Wie stattlich sah

er aus in dem dunklen, enganliegenden Wams von flandrischem Tuch, dem

kurzen, pelzverbrämten Mantel, mit dem langen Schwert an der Seite,

den Pistolen im Gürtel und dem Barett mit den wehenden Federn auf den

goldenen Locken! Er grüßte hinauf und schwang sein Hütlein im frischen

Morgenwinde, dann trieb er das Pferd an und sprengte mit seinem

Begleiter davon. Noch einmal, an der Ecke, wendete er den Blick zurück,

sah die Tücher flattern und zerdrückte eine Thräne im Auge. „Vorwärts

mit Gott und Sankt Augustin!“ rief er entschlossen, und bald lag die

Stadt mit ihren Häusern und Thoren weit hinter ihm. --

Kurz darauf verabschiedeten sich auch Frau Kunigunde und Irmgard

vom Ebnerhause und kehrten auf ihre einsame Burg zurück. Der Mutter

erschien sie öde und leer, und mit Gewalt mußte sie sich zu Erfüllung

der gewohnten Pflichten zwingen, während Irmgard sich durch das

Entzücken ihres Vaters über ihre Heimkehr einigermaßen trösten ließ.

Als die Gäste fort waren, kam Herr Wilibald Ebner mit einem Ausdruck

des Triumphes zu seiner Gattin. „Wünsche mir Glück, Ursula,

Hohenheiligen ist mein! mühelos, wie eine reife Frucht ist mir’s in den

Schoß gefallen.“

„Macht Euch das so froh, lieber Herr?“

„Sehr froh; es wird meinem Namen neuen Glanz verleihen. Wilibald Ebner

von Hohenheiligen -- klingt das nicht ebenso vornehm, wie einer der

alten Ritternamen?“

Im Banne der freien Reichsstadt · 第 7 / 16 题