Auf der Flucht.]

Ein Schlag gegen die Hausthür schreckte sie aus dumpfem Brüten auf;

blutbespritzt, mit dem Ausdruck der Verzweiflung in den verzerrten

Zügen, stand Matthias vor ihr. „Fort, fort!“ keuchte er, „die Burgunder

sind auf den Wällen, in wenig Augenblicken überschwemmen sie die Stadt.

Wehe dem, den sie hier finden!“ Er nahm Hans auf den Rücken, ergriff

Afras Hand mit eisernem Druck und eilte mit den Seinen dem südlichen

Thore zu, das von dem feindlichen Angriff noch verschont geblieben war.

Schon wälzte sich ein breiter Strom von Flüchtlingen die Straße hinab,

erzwang die Öffnung des Thores und stürmte hinaus, dem nahen Walde

zu. Zu Fuß, zu Pferde, in Wagen und Karren suchten die unglücklichen

Bewohner sich und ihre Habe in Sicherheit zu bringen, während hinter

ihnen entsetzliches Geschrei und wildes Toben anzeigte, daß die

wütenden Feinde in die besiegte Stadt eingedrungen seien.

Herzog Karl hatte seinen Schwur erfüllt: das blühende Lüttich mit

seinen dreihundert Kirchen, seinen kunstreichen Werkstätten und

Eisenhämmern war fast vom Erdboden verschwunden! Ohne Rücksicht auf

Alter, Stand und Geschlecht waren die Einwohner hingemordet worden,

Priester lagen am Altar erschlagen, Gefangene wurden massenweise

in die Maas gestürzt, die Häuser waren zuerst geplündert, dann den

Flammen übergeben worden. Aber noch nicht genug der Greuel: auch an

den Wehrlosen, die in den Schluchten des Ardennenwaldes eine Zuflucht

gesucht, ließ der Herzog furchtbare Rache üben; wochenlang verfolgten

seine Kriegsknechte die Flüchtlinge, damit auch nicht eine Seele übrig

bleibe, um in die verödeten Wohnstätten zurückzukehren. Und dennoch hob

das grausam zerstörte Lüttich sich mit der Zeit wieder aus der Asche

empor, als sein Bezwinger längst besiegt am Boden lag. --

* * * * *

Auf der Landstraße, etliche Meilen von Nürnberg entfernt, wanderte

müden Schrittes ein Weib dahin, einen Knaben an der Hand, ein kleines

Kind im Arm. Es wäre schwer gewesen, in den abgezehrten Zügen, dem

erloschnen Blick, der zerfetzten Kleidung, irgend eine Ähnlichkeit mit

der schmucken Erscheinung der blühenden Frau Afra wiederzuerkennen, die

wir einige Monate früher in Lüttich gesehen. Furchtbare Leidenswochen

lagen hinter ihr; sie wäre nicht fähig gewesen, die Geschichte ihres

Elendes zu erzählen, dem ihr Gatte längst erlegen war; sie konnte

überhaupt nicht mehr denken; in ihrer geknickten Seele waren nur zwei

Regungen übriggeblieben, die sie fast bewußtlos vorwärts trieben: die

Liebe zu ihren Kindern und ein brennendes Heimweh. Barmherzige Seelen

hatten sie auf ihrem langen, trübseligen Wege mitunter gespeist und

beherbergt; hin und wieder hatte ein mitleidiger Bauer oder Kaufmann

sie in seinem Wagen ein paar Meilen weit mitgenommen: so war sie

endlich bis in die Nähe der Heimat gelangt.

„Mutter, ich kann nicht weiter“, wimmerte der Knabe, indem er sich auf

den harten Waldboden warf; „ich bin so müde, die Füße schmerzen mich

und mich hungert so sehr.“

„Sei gut, Hans!“ versetzte die Mutter mit einer tonlosen Stimme, die

an eine zersprungene Glocke mahnte; „nur noch ein paar Stunden, dann

sind wir bei der Großmutter auf dem Annenhof; da kannst du schlafen und

essen, so viel du willst.“

„Das hast du schon so oft gesagt,“ versetzte der Knabe, laut

aufweinend; „aber der Annenhof ist immer noch nicht da, und ich kann

nicht weiter gehen. Der Weg ist so weit, wird er nie ein Ende nehmen?“

„Der Weg wohl, aber mein Jammer nicht,“ murmelte Afra in sich hinein.

Sie setzte sich auf einen Stein am Wege und löste die Hüllen, in

welche die kleine Matthäa sorgsam gewickelt war. Ein zartes Köpfchen,

unsäglich blaß, aber von großer Lieblichkeit, lächelte ihr entgegen,

sie preßte es mit schmerzvoller Zärtlichkeit an ihre Brust. „Arme, arme

Kleine,“ flüsterte sie, „warum habe ich dich so angstvoll gehütet, zu

welchem Elend dich aufbewahrt? wäre es doch tausendmal besser für dich

gewesen, du wärest deinem Vater in das Paradies gefolgt! Und doch danke

ich dir, barmherziger Gott, daß du mir meinen einzigen Schatz, meine

Kinder, gnädig erhalten hast!“

Ein Wagen kam langsam des Weges daher und schlug am nächsten Kreuzweg

die Richtung nach Nürnberg ein; pfeifend ging der Fuhrknecht daneben.

Afra bat ihn schüchtern, sie eine Strecke mitzunehmen; er nickte und

half ihr gutmütig, aufzusteigen. Es saß sich warm und weich in dem

duftigen Heu, aus dem die Ladung bestand; bald sank ihr Kopf müde auf

die Seite, und ein tiefer Schlummer senkte sich auf ihre Lider herab. --

Plötzlich weckte ein tüchtiger Stoß sie auf, sie blickte um sich und

griff erschrocken nach den Kindern. Hans lag süß schlafend neben ihr,

aber wo war Matthäa? Sie rief, sie suchte -- vergebens, das Kind war

verschwunden. In Todesangst sprang sie vom Wagen herab, „habt Erbarmen,

wartet ein wenig!“ rief sie dem Fuhrmann zu und jagte von dannen, die

Straße zurück, die sie gekommen waren. Mit einem heftigen Ruck hielt

der Bauer die Pferde an. „Ist das Weibsbild toll geworden?“ schrie er

ihr zornig nach. „Meint Ihr, ich solle hier stehen und warten, bis die

Thore der Stadt geschlossen sind? Hier lege ich Euch den Knaben hin,

Ihr mögt ihn auflesen, wenn es Euch beliebt!“ Er hob Hans heraus und

fuhr davon; jammernd sah der Verlassne bald dem verschwindenden Wagen,

bald der enteilenden Mutter nach.

Afra lief weiter, solange ihre Füße sie tragen wollten, aber wie sie

auch spähte und suchte, -- von dem verlornen Kinde war keine Spur zu

entdecken. Tödlich erschöpft stürzte sie endlich zu Boden und blieb

eine Weile bewußtlos liegen, dann scheuchte der Gedanke an Hans sie

wieder auf. Einen letzten, verzweifelten Blick warf sie auf die kahle,

öde Landstraße, dann schlich sie zurück zu der Stelle, wo laut weinend

der Knabe saß. Sie drückte ihn heftig an sich, aber kein Wort kam über

ihre Lippen, keine Thräne in ihre Augen. Auch Hans war still geworden,

der starre Ausdruck im Gesicht der Mutter ließ sein Schreien und

Weinen plötzlich verstummen. Schweigend pilgerten sie fürbaß, bis nach

kurzer Zeit der Wald sich lichtete und ein stattlicher Hof vor ihnen

auftauchte, -- das Ziel ihrer Wanderung war erreicht.

Es dämmerte stark, als die beiden vor dem Hause ankamen und den

metallenen Klopfer gegen die Thür fallen ließen. Die obere Hälfte der

Hausthür ward geöffnet, ein freundliches altes Gesicht guckte über die

Scheidewand und fragte beim Anblick der zerlumpten Gestalten in einem

Ton, der strenge sein sollte: „Woher des Wegs? und was begehrt ihr?“

„Bist du die Großmutter?“ fragte Hans sehnsüchtig, „dann mach uns auf,

wir sind todmüde und sehr hungrig.“

„Wer bist du, Knabe?“ fragte die Alte erstaunt, indem sie den Sprecher

forschend ansah.

„Ich bin Hans Fiedler, und dies ist meine Mutter, kennst du uns nicht?“

„Heilige Anna! ist’s möglich?“ rief die alte Frau, „Afra, mein Kind,

so kommst du zu mir zurück?“ Sie riß die untere Thür auf und breitete

ihre Arme aus, ohnmächtig fiel das unglückliche Weib an ihre Brust, --

endlich hatte sie eine Stätte gefunden, an der sie ausruhen konnte. --

Der Annenhof war ein ansehnliches Landgut, das seit undenklichen

Zeiten im Besitz der Tuchers gewesen war, einer alten Nürnberger

Patrizierfamilie, welche der Stadt eine lange Reihe von Ratsherren

und Bürgermeistern gegeben hatte, deren männliche Erben zu dieser

Zeit aber ausgestorben waren. So war der Hof mit der Hand der letzten

Tochter des alten Geschlechts an Herrn Wilibald Ebner[1] gekommen,

welcher Kaufherr und Beisitzer des kleinen Rats von Nürnberg war.

Sein Weib, das frühe die Mutter verloren, hatte manchen Sommertag auf

dem Annenhof verlebt, unter Obhut der biederen Crescentia, welche mit

ihrem Gatten die Bewirtschaftung des Gutes leitete. Afra, die einzige

Tochter des würdigen Paares, war in enger Gemeinschaft mit der Tucherin

aufgewachsen und folgte derselben bei ihrer Verheiratung als vertraute

Gürtelmagd in die städtische Häuslichkeit. Dort hatte sie den Matthias

Fiedler kennen gelernt, einen frischen, frohen Gesellen und geschickten

Goldschmied; sie hatten einander alsbald geheiratet und ein glückliches

Leben begonnen. Die Fiedlers waren auch schon seit langer Zeit in

Nürnberg ansässig, und oft hatte unter den zünftigen Handwerksmeistern

der Stadt einer des Namens eine angesehene Stellung eingenommen, doch

hatte sich die Familie nie ausgebreitet, denn von mehreren Söhnen

blieb sicher nur einer der Heimat treu; die andern zogen in die Welt

hinaus und suchten ihr Glück in der Ferne. Auch den Matthias hatte es

nicht lange auf der heimischen Scholle geduldet; er hatte als Jüngling

in den glänzenden Städten von Flandern und Brabant gearbeitet, und

seine Sehnsucht stand dorthin. Ungern ließ Crescenz, die inzwischen

ihren Mann begraben hatte, die Tochter in die Fremde ziehn, doch hatte

sie kein Recht, sie zu halten; fünf Jahre hatte jene in der Fremde

verweilt, und nun stand sie plötzlich vor ihr, krank und gebrochen an

Leib und Seele, eine landflüchtige, hilflose Bettlerin! --

[Footnote 1: Der Name +Ebner+ ist hier nur gewählt, um eine angesehene

Patrizier-Familie zu bezeichnen. Mit der wirklichen Geschichte dieses

alten Geschlechtes, das in der Entwicklung Nürnbergs oft eine Rolle

gespielt hat, und das in zahlreichen Gliedern noch in seiner Vaterstadt

fortlebt, haben die hier geschilderten Personen und Ereignisse nichts

gemein.]

Der Winter, der bis dahin ungewöhnlich mild gewesen war, brach jetzt

mit verdoppelter Macht herein, Eis und Schnee umgaben den Annenhof,

schnitten ihn von jedem Verkehr mit der Welt ab und vereitelten alle

Nachforschungen nach dem verlorenen Kinde. Auch innen sah es traurig

aus: Afra war nach der furchtbaren Anspannung aller Kräfte, nach den

harten Schicksalsschlägen, die sie betroffen, auf das Krankenlager

gesunken und schwebte wochenlang in Todesgefahr. Endlich überwand

der Körper das Leiden und fing allmählich an, zu genesen, aber der

Geist blieb umnachtet; Tage lang saß die unglückliche Frau stumm und

regungslos auf ihrem Platz und starrte ziellos in die Ferne, selbst

für ihre Mutter und für Hans hatte sie nichts weiter, als ein müdes

Nicken oder einen matten Händedruck. Nur zuweilen, wenn sie ganz allein

war, oder in dunkler Nacht, öffneten sich die stummen Lippen und leise

gemurmelte Worte drangen daraus hervor. Einmal belauschte Crescenz

solch ein Selbstgespräch: „Fluch dem Räuber meines Glücks, Fluch dem

blutigen Herzog!“ klang es an ihr Ohr. Sie schlug ein Kreuz: „das

Fluchen bringt uns keinen Segen, Afra; du solltest lieber beten,“ sagte

sie angstvoll. „Beten?“ schallte es kaum vernehmbar zurück, „zu wem?

mich hört niemand.“

Solche Lästerung erfüllte die Seele der guten Alten mit Entsetzen, und

sie rief um so eifriger zu allen Heiligen, um Vergebung und Besserung

für ihr unglückliches Kind zu erflehen; sie versuchte auch all ihre

Beredsamkeit, um Afra auf andre Gedanken zu bringen, -- aber vergebens.

Die Tochter ließ sie sprechen, ohne etwas zu erwidern, doch kein Blick,

kein Wort verriet, daß sie überzeugt, daß die starre Rinde ihres

Herzens geschmolzen sei.

Allmählich fing sie jedoch an, ihre Hände fleißig zu regen, und vom

Morgen bis zum Abend drehte sie in rastlosem Eifer die Spindel. Die

Knechte und Mägde des Hofes, die anfangs mit beklommener Scheu auf

Afra gesehen, gewöhnten sich an ihren immer gleichen Anblick, und nach

wenigen Monaten erregte „die stille Frau“, wie sie dieselbe nannten,

kein Fragen und Verwundern mehr.

Hans hatte die Folgen der weiten Reise bald von sich abgeschüttelt und

sich auf dem Annenhofe vollkommen heimisch gemacht; seine Gegenwart war

für die Alte wie ein heller Sonnenstrahl, der siegend durch Sturm und

Wolken bricht. Sie wurde nicht müde, sich von den Erlebnissen seines

jungen Lebens berichten zu lassen, von dem Wanderleben, das er mit den

Eltern geführt, von den Schrecken der Belagerung und der Flucht, vom

Tode des Vaters und dem Verlust der kleinen Matthäa. Vergoß Mutter

Crescenz auch viele heiße Thränen bei diesen Erzählungen, so wußte der

Knabe sie doch wunderbar zu erheitern; in seinem fröhlichen Kindergemüt

verlor selbst das Schwerste seine düsteren Farben; er bewahrte jede ihm

erwiesene Freundlichkeit in dankbarem Gedächtnis und hatte mitten in

aller Trübsal auch allerlei Frohes erlebt. Die wie zu Stein erstarrte

Mutter und der heitre, lebensfrische Knabe -- das waren ein paar

wunderbare Gegensätze in dem engen Rahmen des ländlichen Hauses.

[Illustration]

Zweites Kapitel.

Patrizierhaus und Ritterburg.

Fest, auf gesichertem Grund, erbaut sich die Heimat des Bürgers,

Aber des Ritters Geschlecht sinkt von der Höhe herab.

Am Ägidienplatz zu Nürnberg stand ein stattliches Haus, breit und

hoch, mit steil ansteigendem Dach, dessen Fläche vielfach durch kleine

Fenster und Luken unterbrochen war, als guckten neugierige Augen von

der Höhe herab über die belebten Straßen, die ansehnlichen Plätze,

mit ihren hohen Häusern und doppeltürmigen Kirchen, bis hinauf zum

Burgberge, wo die alte Kaiserburg mit ihren mächtigen Mauern und

Türmen weit hinausschaut in das gesegnete Frankenland. Dort oben hatte

schon im 10. Jahrhundert Konrad der Erste gern verweilt; Friedrich

Barbarossa hatte den ehrwürdigen Bau erweitert, und seine Nachfolger

hatten oft ihre Residenz, wenigstens zeitweilig, dort aufgeschlagen.

Die Burggrafen von Nürnberg, seit Jahrhunderten dem edlen Geschlecht

der Hohenzollern angehörend, hatten sich, im Anschluß an die alte

Burg, ein eignes Gebäude errichtet, das sie bis zum Anfang des 15.

Jahrhunderts bewohnten; dann aber hatten sie die Burg mit allem Zubehör

an die Reichsstadt verkauft und residierten seitdem auf der Bergfeste

Kadolzburg oder zu Onolzbach.

In das Patrizierhaus führte ein breiter Thorweg, der nicht nur für

Menschen, sondern auch für Wagen und Pferde zum Eingang diente;

die kleinen tiefliegenden Fenster zu beiden Seiten waren mit

Eisenstäben vergittert und gaben dem Gebäude das Ansehen einer

wohlverwahrten Festung. Wer durch das Thor eintrat, befand sich in

einem gepflasterten, nach hinten geöffneten Hausflur, aus dem zu beiden

Seiten Stufen zu den Schreibstuben und Warenräumen emporführten;

geradeaus aber kam man in einen großen Hof, an dessen einem Ende leere

Fässer und Kisten aufgespeichert lagen, während an dem andern ein

uralter Nußbaum emporragte. Der hatte wohl schon seit zweihundert

Jahren dort gestanden, und wie er sich aus einer schlanken Gerte

allmählich zu einem mächtigen Stamm entwickelt hatte, so war auch

das Haus ringsumher gewachsen und die Familien, die darin gewohnt,

hatten zugenommen an Reichtum und Bedeutung. Er war ein treuer Freund

aller Bewohner gewesen, der alte Nußbaum; den Kindern diente er als

unschätzbarer Helfer bei ihren Spielen, beim Klettern und Verstecken;

den Mädchen ließ er im Frühling seine raupenartigen Blüten neckend in

den Schoß fallen, den Knaben warf er im Herbst seine Früchte an den

Kopf, den Hausfrauen aber schenkte er seine wohlriechenden Blätter,

die, mit Lavendel vermischt, die geschnitzten Schränke und mächtigen

Truhen mit einem gar lieblichen Geruch erfüllten. Wenn kosende

Frühlingslüftchen mit den Zweigen spielten, dann klopften diese wohl

leise an die Fenster, wie gute Bekannte, die um Einlaß bitten; wenn

aber in Herbst- und Winternächten der Sturm heulte, dann peitschte er

die Äste gegen die Mauern, daß die Schläfer drinnen die Köpfe tiefer

unter die Decken steckten, weil es klang, als zögen böse Geister über

den Hof.

Eine bedeckte Treppe führte in das obere Stockwerk, zunächst auf einen

Vorplatz, dessen Wände mit buntglasierten Kacheln belegt waren und

dessen Decke auf einem Pfeiler von dunklem Holz ruhte. Der Treppe

gegenüber sprang ein geräumiger Erker weit in die Straße hinaus,

hölzerne Sitze liefen ringsum und gewährten einen anmutigen Platz,

wo sich in der guten Jahreszeit die Frauen des Hauses mit Vorliebe

aufhielten. Mehrere Thüren von schwerem Eichenholz in schönverzierten

Gerüsten führten zu den verschiedenen Wohn- und Schlafgemächern,

während die Hintergebäude Speicher und Stallungen enthielten. Ein

Gewirr von schmalen Gängen, Treppen und Treppchen verband die Teile des

weitläufigen Baus und die Stockwerke miteinander, und es gehörte schon

ein kundiges Auge dazu, um sich in diesem Labyrinth zurechtzufinden.

In einem Zimmer des Erdgeschosses, der Schreibstube des Hausherrn,

saßen zwei Männer, der eine in dunkler, bürgerlicher Tracht, mit

pelzverbrämter Schaube, der andre von ritterlichem Aussehen, in grünem

Samtwams, kurzen Beinkleidern und hohen Reiterstiefeln, -- eine

kräftige Gestalt, welche durch die Jahre nicht gebeugt, sondern nur

gerundet worden war. Es war der Ritter Werner von Maltheim, der auf der

Burg gleichen Namens, dem alten Erbe seiner Väter, saß, ein getreuer

Freund und Anhänger des Burg- und Markgrafen Albrecht Achilles, des

streitbaren Hohenzollernfürsten. Der Mann ihm gegenüber war der

Herr des stattlichen Patrizierhauses, Herr Wilibald Ebner, eines

der reichsten und angesehensten Glieder der ansehnlichen Nürnberger

Kaufmannsgilde. Er war viel kleiner und schmächtiger gebaut, als sein

ritterlicher Gast, aber sein kluges Auge deutete auf einen scharfen,

gebildeten Verstand und ließ ihn dem Kriegsmann sehr überlegen

erscheinen. Er saß auf dem einzigen Stuhl des Gemaches vor einem großen

Schreibpult, über dem von der Decke herab eine Ampel hing, die fast

den ganzen Tag brennen mußte; der Ritter hatte auf einer der schweren

Truhen Platz genommen, welche zu größerer Bequemlichkeit mit weichen

Kissen belegt waren.

Herr Ebner hatte eifrig geschrieben, jetzt legte er die Feder

hin und begann laut aus einem Schriftstück zu lesen. Es war ein

Vertrag zwischen den beiden Männern, in welchem der Kaufmann

sich verpflichtete, dem andern die Summe von zehntausend Gulden

vorzustrecken, wogegen der Ritter Dorf und Flur Hohenheiligen in Pfand

gab, welche verfallen sollten, wenn der Schuldner sie nicht innerhalb

fünf Jahren einlösen könnte. Das alles war mit vielen vorsichtigen

Worten und weitschichtigen Redensarten verklausuliert, so daß der

Ritter mit steigender Ungeduld zuhörte. „Macht’s kurz, Herr,“ sagte

er endlich, „wir wissen beide, worauf es ankommt. Zahlt mir von dem

Gelde, so viel Ihr bei der Hand habt, den Rest hole ich mir in ein paar

Wochen.“

„Alles nach Recht und Ordnung, edler Herr,“ erwiderte der Kaufmann

bedächtig; „habt die Gewogenheit, die Schuldverschreibung zuvor durch

Eure Unterschrift zu vollziehen.“

„Meint Ihr, ich sei ein Schulmeister?“ rief der Ritter unmutig; „die

Hand, die seit langen Jahren das Schwert geführt, hat längst die

Schreibekunst verlernt. Gebt mir ein wenig Wachs, ich will meinen

Degenknopf darauf drücken: das Zeichen gilt bei Juden und Christen.“

Aufmerksam prüfte der Kaufmann das Siegel, schrieb seinen eignen Namen

darunter und schloß das Dokument in sein Pult; dann öffnete er eine der

Truhen, nahm einen gefüllten Beutel heraus und zählte die klingenden

Gulden vor dem Ritter auf, der sie mit zufriedener Miene auf seiner

Brust verwahrte. Er stand auf und griff nach seinem Barett.

„Ich hoffe, edler Herr,“ sagte Ebner höflich, „Ihr werdet mein Haus

nicht verlassen, ohne einen kleinen Imbiß einzunehmen; meine Hausfrau

würde es mir nicht verzeihen, hätte ich Euch ohne Speise und Trank

davonziehen lassen.“

„Und ich möchte Nürnberg nicht den Rücken kehren, ohne die werte

Frau Ursula gesehen zu haben,“ erwiderte der Ritter mit gleicher

Höflichkeit, „hat mir doch mein Weib eine Menge warmer Grüße an die

Jugendfreundin aufgetragen.“

Beide stiegen die Treppe zum Vorsaal hinauf, von dem ihnen fröhlicher

Lärm entgegenschallte. Mehrere Kinder trieben hier ihr Spiel mit

Haschen und Verstecken, wobei ihnen die tiefen Winkel des Erkers und

die schwerfälligen Stühle, die um den Tisch in der Mitte standen,

trefflich zu statten kamen. Der älteste unter der kleinen Schar

war Ulrich von Maltheim, der den Vater begleitet hatte, ein hoch

aufgeschoßner Knabe von seltner Schönheit, mit langen goldnen Locken

und tiefblauen Augen, die am liebsten träumerisch in die Ferne

schauten. Sein jüngerer Genosse war Berthold, der einzige Sohn

des Kaufherrn, dessen geschmeidige Glieder, blitzende Augen und

weiche, dunkle Haare manchen Tropfen welschen Blutes verrieten, --

hatten doch die Vorfahren des Kaufhauses von altersher in lebhafter

Verbindung mit dem Süden gestanden und manche junge Hausfrau aus

Italien in die nördliche Heimat geführt. Auch zwei kleine Mädchen,

Bertholds Schwestern, waren dabei; die größere lief auf den Vater zu

und schmiegte sich zutraulich an sein Knie, während die jüngere beim

Anblick des fremden Ritters davonlief und sich im Erker versteckte.

Herr Ebner fuhr liebkosend über Margaretas braunes Lockenköpfchen und

schob sie dann von sich, um die Thür zu öffnen, die in das Prunkgemach

des Hauses führte. Dunkles Getäfel bedeckte die Wände bis zur halben

Höhe; auf dem breiten Bord waren schöne Krüge und Pokale, silberne

Schüsseln und Schaustücke aufgestellt, darüber zeigte sich die Wand mit

allerlei Bildnissen geschmückt. Ein weicher, dunkler Teppich bedeckte

die Mitte des Fußbodens, auf demselben stand ein zierlich gedeckter

Tisch, der mit blinkendem Gerät besetzt war.

Mit tiefer Verneigung trat Frau Ursula Ebnerin dem Gaste entgegen.

Sie war mit gediegener Pracht gekleidet: das Kleid von schiefergrauem

Samt hatte ein tief ausgeschnittenes Leibchen, welches vorn mit einer

silbernen Kette zugeschnürt und durch einen fein gefältelten Einsatz

von schneeweißem Linnen ergänzt wurde. Um die breite Halskrause schlang

sich ein Perlenhalsband, eine zweite silberne Kette schmiegte sich um

die Hüften, wo sie den langen Rock seitwärts aufraffte, während an

der andern Seite ein Schlüsselbund hing, das nie fehlende Sinnbild

hausfräulicher Würde.

Herr von Maltheim begrüßte die Patrizierin mit ritterlicher Artigkeit;

er hatte sich viel am Hofe des Markgrafen aufgehalten und daher die

alte, höfische Sitte bewahrt, welche zu dieser Zeit mehr und mehr

auszusterben drohte, denn auf den Ritterburgen gewann rohe Trink- und

Rauflust immer mehr die Oberhand, und der frühere Frauendienst trat

dagegen in den Hintergrund.

Man setzte sich zu Tische. „Wie geht es Eurer edlen Hausfrau und Euren

Töchtern?“ fragte die Ebnerin den Gast.

Über des Ritters wettergebräuntes Gesicht flog ein wehmütiger Schatten.

„Habt Dank für Eure gütige Nachfrage, ehrsame Frau,“ erwiderte er;

„mein Weib ist gesund, aber mit unsern Töchtern haben wir kein Glück.

Zwei hat der Himmel wieder zu sich genommen, und Sankt Kilian mag

wissen, ob ich die jüngste noch am Leben finde, wenn ich heimkehre.“

„O, wie beklage ich Euch!“ rief Frau Ursula, indem sie einen zärtlichen

Blick durch die offene Thürspalte auf ihre eignen, blühenden Kinder

warf; „wie still und öde muß es auf Eurer Burg sein, wenn die hellen

Stimmen und die trippelnden Schritte verstummen! Und Euer jüngstes Kind

ist auch krank?“

Der Ritter fuhr sich über den Schnauzbart, und seine Stimme klang rauh,

als er erwiderte: „Ich verließ mein Weib in großer Sorge um das Leben

der kleinen Irmgard, -- ich konnte den Jammer nicht mehr mit ansehn und

bin davongeritten.“

„Ihr ließt Frau Kunigunde allein in ihrem Kummer,“ sagte Ursula mit

leisem Vorwurf, „und nahmt auch den Knaben mit, der ihr ein Trost in

ihrem Leid gewesen wäre!“

„Sie hat unsern Haus-Pfaffen, Pater Benedikt, um sich, der versteht

das Trösten besser, als unsereiner! Und der Junge mußte einmal heraus

aus den alten Mauern, wo es jetzt allzuviel Thränen und Trauergesänge

giebt, -- er soll kein Duckmäuser werden, wozu er ohnehin Neigung

zeigt. Doch schicke ich ihn von hier zurück, während ich zum

Durchlauchtigen Markgrafen nach der Kadolzburg reite. Die Nähe des

löwenherzigen Herrn verscheucht all die kleinen Kümmernisse, die uns

daheim bedrücken, und das Herz wird wieder groß und frei, wenn es mit

ihm verkehrt. Freilich -- bei Euch Herren vom Rat findet man taube

Ohren, wenn man den deutschen Achilles lobt.“

„Wir Nürnberger haben wenig Grund, den Hohenzoller zu preisen,“

versetzte Herr Ebner mit ernster Zurückhaltung. „Wenn Ihr nach

der Kadolzburg reitet, werdet Ihr an manchem Meierhof und mancher

städischen Burg die Spuren der Wunden sehen, die uns der Markgraf in

blutiger Fehde geschlagen hat.“

„Ja, wo der Löwe seine Tatzen einschlägt, da ist es freilich zu

spüren,“ lachte der Ritter. „Aber zeigt mir unter den deutschen Fürsten

einen, der an unverwüstlicher Kraft und Tapferkeit diesem gleich wäre!

Wollte Gott, unsre Kaiserliche Majestät gliche ihm nur ein wenig, dann

stünde wohl manches besser im Reich, als jetzt.“

„Wenn das so großes Lob bringt, unnötige und unbillige Kriege

anzufangen,“ erwiderte der Ratsherr mit gerunzelter Stirn, „so muß auch

der Türke des Lobes wert sein.“

„Wollt Ihr den edlen Markgrafen mit dem heidnischen Erzfeind

vergleichen?“ rief Herr von Maltheim unwillig. „Warum mußtet Ihr ihm

überall seine Befugnisse bestreiten, die ihm doch der Kaiser selbst

verliehen hatte? Sollte der stolze Fürst sich vor den Städtern beugen?

Endlich wäre es doch wohl Zeit, den alten Hader zu vergessen, über dem

schon Gras gewachsen ist! Auch ich habe damals unter Albrechts Banner

wider Euch gefochten und doch längst meinen Frieden mit der Stadt

gemacht. Aber wo Euer Hab’ und Gut angerührt wird, da habt Ihr Herren

vom Handel ein ellenlanges Gedächtnis, und solche Schulden werden nie

aus Euren Büchern gestrichen.“

Frau Ursula sah mit Besorgnis, wie sich die dunkle Wolke auf ihres

Gatten Stirn immer drohender zusammenzog. Sie erhob ihren Becher und

fiel mit gewandter Rede den Männern ins Wort. „Laßt uns auf Frieden und

gute Nachbarschaft trinken, edler Herr; möge die Freundschaft, welche

einst Eure Gattin und mich in der Jugend verband, auch unsere Kinder

vereinigen! Ulrich und Berthold sind fast in gleichem Alter, möchten

sie Freunde sein und bleiben!“

Die silbernen Becher klangen aneinander, mit einem Zuge goß der Ritter

den Inhalt des seinen herab. „Das ist ein guter Trinkspruch, werte

Frau, und ich thue Euch von Herzen Bescheid darauf. Seid so gütig und

laßt die Knaben hereinkommen, sie sollen in unserer Gegenwart einen

festen Bund schließen.“

Die Thür ging auf, und in fröhlichen Zuge traten die Kinder ein.

Margarete hatte ein blaues Tuch an ihrem Leibchen befestigt, so daß

es wie eine lange Schleppe hinter ihr dreinzog, über ihren Locken lag

ein weißer Schleier, den ein grünes Kränzlein festhielt. So trippelte

sie mit gesenkten Augen neben Ulrich hin, der einen langen Mantel um

die Schultern geworfen hatte und mit stolzer Miene einherschritt.

Voran ging Berthold als Herold, mit Fahne und Trompete, und die kleine

Elsbeth folgte als Schleppträgerin. Es war ein liebliches Bild und Frau

Ursulas Mutterherz hob sich höher beim Anblick der reizenden Kinder.

„Welch ein Spiel habt Ihr heute ausgedacht?“ fragte sie liebreich.

„Wir spielen Hochzeit,“ versetzte Berthold eifrig, „Ulrich ist der

junge König, und die Grete ist seine Braut.“

„Kein übles Paar!“ lachte der Ritter wohlgefällig; „was meint Ihr, Herr

Ebner, wollen wir die Kinder auf der Stelle verloben? Ihr verschreibt

dem Bräutchen Dorf Hohenheiligen als Mitgift -- dann sind wir mit einem

Schlage aller Sorgen ledig.“

„Ich bin kein Freund von Kinderheiraten,“ versetzte der Ratsherr steif,

„dergleichen überlassen wir nüchternen Städter den Fürsten und hohen

Herrn. Über zwölf Jahre mag Margarete selbst entscheiden, ob ihr der

Freier gefällt, den ihr der Vater ausgesucht hat.“

Auf des Ritters Stirn schwoll die Zornesader bei dieser nachdrücklichen

Zurückweisung; war sein Vorschlag auch nur scherzhaft gemeint, so mußte

er doch, nach seiner Meinung, für den Städter sehr schmeichelhaft

klingen. Er öffnete schon die Lippen zu einer gereizten Entgegnung, als

ihm Frau Ursula zuvorkam. „Junker Ulrich würde es Euch wenig danken,“

sagte sie in heiterm Ton, „wenn Ihr ihn an ein kleines Stadtkind

binden wollet; seine ritterliche Schönheit wird ihm sicher überall die

edelsten Herzen erwerben. Werdet Ihr ihn an den Hof bringen, um seine

Erziehung zu vollenden?“

„Mir wäre nichts lieber, als das, -- aber mein Weib jammert, daß sie

sich von dem Knaben trennen soll, und Pater Benedikt, der sein Lehrer

ist, behauptet, er hätte einen Kopf für die Wissenschaften, und es

wäre schade, seinen Unterricht zu unterbrechen. Der Junge selbst sitzt

wahrhaftig lieber hinter den Büchern, als zu Pferde! Ein Maltheim

ein Federfuchser! ich kann’s nicht begreifen, wie es möglich ist, --

aber freilich, die Welt scheint mir heutzutage ganz aus dem Gleise

zu kommen. Es ist nicht mehr, wie es früher war, seit nicht Mut

und Tapferkeit im Kampf den Ausschlag geben, sondern die Menge der

Donnerbüchsen; seit der hochherzigste Ritter nicht mehr sicher ist, daß

ihn nicht eine tückische Kugel zu Boden streckt, die ein feiger Knecht

aus sicherm Hinterhalt entsendet. Wer vermag tapfer zu sein gegen die

bösen Geister, welche in dem teuflischen Pulver ihr Spiel treiben? Wenn

es so fortgeht, werden sich Männer von altem Schlage bald nicht mehr

in der Welt zurechtfinden.“ Er wandte sich an Berthold. „Was willst du

denn werden kleiner Freund? ein Gelehrter oder ein Handelsmann?“

„Ein Ritter will ich werden!“ rief der Knabe mit leuchtenden Augen,

„ich will hoch zu Rosse sitzen und mein Schwert schwingen; ich will

ausziehen und große Thaten thun, wie die alten Recken, von denen, mir

Muhme Lene erzählt hat!“

„Das ist brav gedacht!“ rief der Ritter, indem er kräftig auf Bertholds

Schulter schlug, „solche kühnen Worte thun einem echten Manne wohl.

Komm her, Ulrich, reiche diesem wackern Knaben die Hand und gelobt euch

Freundschaft und Treue für alle Zeit eures Lebens.“

Die Knaben thaten mit feierlichem Ernst, wie sie geheißen waren;

aufmerksam sah Margarete dem Bündnis zu, das durch einen Becher Wein

besiegelt wurde. Plötzlich legte sie ihr kleines, rundes Händchen auf

die verschlungenen Hände der beiden Freunde und rief: „Ich will auch

dabei sein, mich soll Ulrich auch lieb haben!“

Herr von Maltheim lachte herzlich und hob die Kleine auf sein Knie.

„Recht so, kleine Dame,“ sagte er scherzend, „halte ihn fest und laß

ihn nicht entschlüpfen; ein schmuckeres Bräutchen, als dich, kann er

nicht finden, und du keinen hübscheren Bräutigam.“ Er küßte das Kind

und erhob sich, um sich zu verabschieden. Frau Ursula trug ihm Grüße an

seine Gattin auf und lud Ulrich ein, bald wiederzukommen; der Ratsherr

begleitete die Gäste bis auf den Hof, wo ein Diener des Hauses mit den

Pferden bereit stand. Vor der Thür hielten ein paar berittne Knappen,

und bald war der Reitertrupp um die nächste Ecke verschwunden.

Mit umwölkter Miene kehrte Herr Ebner zu den Seinen zurück, schickte

die Kinder hinaus und rief seine Gattin zu sich. „Berthold wird nun

bald 10 Jahre alt,“ sagte er in strengem Ton, „und es wird Zeit für

ihn, den kindischen Märchen zu entsagen, womit Base Lene bisher seinen

Kopf angefüllt hat. Er ist nicht geboren, um ein Ritter zu werden und

sein Leben in Waffenspielen und nutzlosen Kämpfen zu vergeuden, sondern

um in die Fußstapfen seines und deines Vaters zu treten, und als

Kaufmann in redlicher Arbeit für sich und die Seinen zu sorgen. Vergiß

es nie, Ursula, daß dies seine eigentliche Bestimmung, alles andere

nur Vorbereitung und Nebensache ist. Was soll das Gaukelspiel einer

Freundschaft mit dem jungen Ulrich von Maltheim? ein Bürger und ein

adliger Junker können so wenig Freunde sein, wie Wasser und Feuer sich

je miteinander paaren werden.“

Er wandte sich ab und ging in sein Schreibzimmer, wo er stundenlang

eifrig rechnete und schrieb. Frau Ursula seufzte tief, und leise

flüsterte sie vor sich hin: „Wer weiß, wozu der Himmel dich bestimmt

hat, mein Berthold! vielleicht sollst du Liebling meines Herzens doch

noch höher steigen, als bis zum Warenspeicher und zum Zahltisch!“

* * * * *

Als Junker Ulrich gegen Abend in den Schloßhof von Maltheim einritt,

bemerkte er, daß Knappen und Knechte in lebhaftem Gespräch bei

einander standen und die Mägde am Brunnen geheimnisvoll die Köpfe

zusammensteckten. Ihm fuhr es wie ein Stich durchs Herz: sicher war

die kleine Irmgard tot, die er so zärtlich geliebt hatte! Das war nun

in wenigen Jahren schon die dritte Schwester, die der Tod ihm entriß;

warum durfte er ihrer nicht froh werden, warum erwuchs ihm keine

liebe Gespielin, wie seinem neuen Freunde Berthold? Wie hätte er ein

Schwesterchen, gleich der holden Margarete, lieben und auf Händen

tragen, wie hätte er sie, wenn sie lieblich erblühte, vor jeder Gefahr

schützen wollen! Mit traurig gesenkten Augen stieg er die Treppe hinan,

die in den Oberstock zu den Gemächern seiner Mutter führte; er sehnte

sich, sie zu umfassen und an ihrem Herzen den gemeinsamen Verlust zu

beweinen.

Es war ganz still auf dem langen Gange, niemand kam ihm entgegen, und

mit beklommnem Herzen stand er eine Weile horchend an der Thür, ehe

er es wagte, sie aufzuklinken und in das Zimmer zu treten, in dem

die kleine Irmgard krank gelegen hatte. Eine verdunkelte Lampe warf

nur einen schwachen Dämmerschein um sich, das Bettchen stand ganz im

Schatten, doch sah er deutlich, wie sich das wachsbleiche Gesicht von

dem purpurroten Kissen abhob. Leise schlich er heran, knieete nieder

und sprach ein wehmütiges Vaterunser für die entflohene Seele der

Schwester. Aber was war das? hatte sich die Hand, die auf der Decke

lag, wirklich bewegt, oder täuschten ihn die Thränen, die aus seinen

Augen rannen? Er wischte sie hinweg und starrte auf die Schläferin --

nein, es war keine Täuschung, die Händchen ballten sich und streckten

sich wieder aus. Er sprang zum Tisch hin, riß den Schirm von der Lampe

und ließ den vollen Schein auf das Bett fallen. Die dunklen Wimpern

ruhten auf den schneeigen Wangen, aber aus dem halbgeöffneten Munde

kamen regelmäßige Atemzüge.

„Heilige Mutter Gottes, sie lebt!“ rief er mit leisem Jubelton und

beugte sich über die Kleine, um ihre Hände zu küssen.

„Ruhig, ruhig, Junker Ulrich,“ sagte eine mahnende Stimme; „weckt das

Kind nicht auf und stört eure Frau Mutter nicht, die der Ruhe sehr

bedarf.“

„O, Bärbel, sage mir, wie dies gekommen ist,“ bat Ulrich, „ist Irmgard

wirklich genesen?“

Die Wärterin, welche schon seit Jahren im Dienst des Hauses stand und

auch ihn einst auf ihren Armen getragen, zog ihn in die andre Ecke des

Zimmers, und nachdem sie die Lampe wieder verdunkelt hatte, sagte sie

in gedämpftem Ton: „Es ist ein Wunder geschehen, Ulrich; die heilige

Jungfrau hat unsre Irmgard aus dem Rachen des Todes gerissen, während

wir sie schon beweinten.“ --

„O du liebe heilige Gottesmutter, habe Dank für deine Gnade!“ rief

Ulrich glückselig aus. „Aber wo ist mein Mütterlein? laß mich zu ihr,

Bärbel, daß ich mich mit ihr freue.“

„Eure arme Mutter ist noch sehr krank von Angst und Kummer, sie hat

das selige Wunder noch kaum begriffen. Als wir alle glaubten, es

ginge mit unserm Kindchen zu Ende, da brach sie ohnmächtig zusammen;

Pater Benedikt trug sie auf ihr Lager und suchte sie mit stärkenden

Essenzen ins Leben zurückzurufen. Es dauerte lange, bis sie wieder zu

sich kam, und niemand hatte unterdessen Zeit, sich um die arme Kleine

zu bekümmern. Als ich später an ihr Bettchen trat, da sah sie mich

plötzlich mit klaren Augen an; wir aber vermochten die unverhoffte

Freude kaum zu fassen.“

Am nächsten Morgen war Ulrichs erster Gang zu Irmgards Bett; sie lag

mit offnen Augen da, aber während sie ihn sonst mit Lachen und Jauchzen

zu begrüßen pflegte, blieb sie heute stumm und wendete sich von ihm ab.

„Was bedeutet das?“ fragte der Knabe erschrocken den Pater, der sich

zu ihm gesellt hatte, „warum thut mein Schwesterlein so fremd mit mir?

Sieht sie nicht seltsam verändert aus?“

„Du darfst dich nicht wundern, mein Sohn,“ versetzte Pater Benedikt

sanft, „daß eine Seele, die schon an der Schwelle des Todes gestanden

hat, Zeit braucht, um sich hier wieder heimisch zu machen. Bedenke,

daß sie vielleicht schon von fern einen Blick in die Seligkeit des

Paradieses gethan hat.“

„Und wird auch sie der Gottesmutter dankbar sein, daß sie sie vom

Paradiesesthor wieder zurückgescheucht hat? sie könnte jetzt schon mit

den seligen Engeln spielen,“ sagte Ulrich träumerisch.

Der Kaplan schwieg einen Augenblick. „Uns ziemt es nicht, zu grübeln

und zu deuteln,“ sagte er dann entschieden. „Hüte dich, mein Sohn, die

Gnade der Heiligen durch solche Fragen in Zweifel zu ziehn.“

Frau Kunigunde war an Leib und Seele zu heftig erschüttert, um sich

in wenigen Tagen zu erholen; erst allmählich kehrten ihre Kräfte

zurück und damit auch die Freude über das wunderbar erhaltene Kind,

das ihr wie neugeschenkt erschien. Manchmal war es ihr, als sei in

das teure, kleine Wesen etwas Fremdes gekommen, das sie sich nicht

zu erklären vermochte; die auffallende Weiße des Gesichts, die nicht

weichen wollte, der Glanz der großen dunkeln Augen, die sie so fragend

und verwundert anblickten, verwirrten sie fast; sie hatte sie früher

nicht an ihrem Kinde bemerkt. Es mußten wohl die Folgen der schweren

Krankheit sein, denn in einigen Wochen verwischte sich der fremdartige

Eindruck, und bald war die vorige Zärtlichkeit der Kleinen zu Mutter

und Bruder wiederhergestellt.

Als Herr Werner von Maltheim endlich von seinem Besuch bei dem

Markgrafen zurückkehrte, fand er zu seiner frohen Überraschung seine

kleine Tochter am Leben und alle Herzen voll Dank und Freude, wodurch

er sich sehr erleichtert fühlte. Er war ein tapferer Mann und hatte

sein gutes Schwert in unzähligen Kämpfen geschwungen, aber vor

Weiberthränen hatte er eine geheime Angst und ging ihnen aus dem Wege,

so weit er konnte.

So war das Leben auf der Burg wieder in das gewohnte Geleise

zurückgekehrt, nur +eine+ Veränderung unterbrach das Stillleben: Frau

Barbara bat um ihre Entlassung. „Was ficht dich an, Bärbel?“ fragte

ihre Herrin erstaunt, „willst du jetzt deinen Pflegling verlassen, da

die Kleine zu unser aller Freude so lieblich zu gedeihen beginnt? hast

du sie nicht lieb, wie dein eignes Kind?“

„Gewiß, gewiß, edle Frau,“ stammelte Frau Barbara sichtlich verlegen

„aber dennoch bitte ich Euch inständig: gebt mich frei! Mein Ehemann

Klaus -- Ihr wißt, er war jahrelang in fremden Kriegsdiensten -- ist

heimgekehrt und begehrt meiner. Zwar ist er immer ein rauher Geselle

gewesen, aber er bleibt doch der Vater meiner Kinder, und ich mag ihm

nicht widerstehen. Wir wollen uns allesamt in der Stadt niederlassen.“

Dagegen konnte die Edelfrau wenig einwenden; sie entließ die treue alte

Dienerin mit huldreicher Güte und streckte ihr eine Summe vor, um sich

in Nürnberg eine Schenke zu pachten. So verließ Frau Barbara unter

tausend Thränen und beiderseitigem Bedauern die Burg.

[Illustration]

Drittes Kapitel.

Fastnachtsscherze und Osterspiel.

Fort mit Arbeit und Ernst! heut’ gilt es, sich fröhlich zu tummeln!

Kurz sind die Stunden der Lust, ach, und die Fasten so lang!

Der Gottesdienst am Sonntag ~Estomihi~ war beendet, und mit dem Läuten

der Nachmittagsglocken schien sich über die löbliche Stadt Nürnberg ein

Geist ausgelassner Freude und lärmender Lustigkeit zu ergießen, der

selbst die Verständigen ergriff und ruhige Männer und Frauen zu Kindern

und Narren machte. Für einige Tage lösten sich die Bande strenger Zucht

und Sitte, welche sonst dem Benehmen der Bürger den Stempel gemessener

Ehrbarkeit aufdrückten: die Reichsstadt feierte ihren Karneval, „das

Schembartlaufen“ genannt, weil man sich dabei durch falsche Bärte,

später durch ganze Larven, unkenntlich zu machen suchte. Der Himmel

schien dem tollen Treiben hold zu sein, ein starker Wind hatte die

Straßen getrocknet, heller Sonnenschein lachte von oben herab, und die

Luft war, wenn auch kühl, doch von der belebenden Frische, welche einer

Bewegung im Freien günstig ist.

Die Belustigungen der ersten Faschingstage gehörten vorherrschend

dem niederen Volke an: da zogen Scharen vermummter Spielleute durch

die Straßen, angeführt von komischen Tiergestalten, aufrechtgehenden

Löwen, Bären und Affen; wo sie an den Fenstern ein neugieriges Gesicht

erblickten, da machten sie halt, stimmten auf den wunderlichsten

Instrumenten ihre Musik an und sangen dazu ihre possenhaften

Lieder deren derber Witz meist herzlich belacht wurde, wenn er

auch verwöhnteren Ohren oft recht roh und anstößig klingen mochte.

Rotten von Buben zagen mit Tannenbäumen umher, pflanzten sie vor die

Thüren der größeren Bürgerhäuser und fingen unter lustigen Sprüngen

und Grimassen die kleinen Münzen auf, welche man ihnen herabwarf.

Junge Burschen vom Lande schleppten Pflüge herein, die mit bunten

Bändern geschmückt waren; mit List und Gewalt suchten sie die Dirnen

einzufangen und mit Strohseilen an das Ackergerät zu spannen, bis jene

sich, unter dem Jauchzen des umgebenden Volkes, durch ein paar Heller

oder einen Kuß auslösten. So dauerte der Jubel fort bis zur Dunkelheit,

um am nächsten Morgen wieder zu beginnen; an jedem folgenden Tage

tauchten neue Larven, andre Scherze auf, bis am letzten Nachmittag

auch die besseren Stände sich in das heitere Treiben mischten und die

Mummereien und Aufzüge immer glänzender und überraschender wurden.

Im Erker des Ebnerhauses waren alle Fenster geöffnet und buntfarbige

Decken herausgehängt; stattliche Frauen und lachende Kinder beugten

sich darüber hinab. Mehrere Freundinnen des Hauses, die Frauen

ansehnlicher Kaufherrn, deren Stellung ihnen eine persönliche

Teilnahme an der Lust des Volkes nicht gestattete, hatten sich hier

zusammengefunden, um von dieser günstigen Stelle aus dem Treiben auf

der Straße zuzusehen. Auf dem großen Tisch in der Mitte des Vorsaals

waren allerlei Erfrischungen aufgestellt, gewürzter Wein, eingemachte

Früchte und Honigküchlein, die man nirgend so schmackhaft zu backen

verstand, wie in Nürnberg. Eine Verwandte der Hausfrau, Jungfer

Magdalena Löffelholzin, war eifrig bemüht, dieselben immer wieder den

Gästen anzubieten und sie zum Essen und Trinken einzuladen. Magdalene,

von den Kindern der ganzen Bekanntschaft nur Muhme Lene genannt, war

weder jung, noch besonders hübsch, aber die kleine, rundliche Gestalt,

mit dem apfelwangigen Gesicht und den freundlichen Augen darin, war

überall gern gesehen, denn wo es galt, zu helfen und zu trösten, wo es

Kranke zu pflegen oder wilde Kinder zu beruhigen gab, da war Jungfer

Magdalene immer bereit; sie verstand es, sich in jedes Hauswesen zu

schicken, jedem Hausherrn seine kleinen Liebhabereien abzulauschen

und die Kinder mit schönen Geschichten und kleinen Scherzen so zu

beschäftigen, daß sie niemand zur Last fielen.

„Seht nur den stattlichen Türken dort unten,“ sagte eine der anwesenden

Frauen, „wie er hier heraufschaut und uns Grüße zuwinkt; doch scheinen

seine Blicke offenbar noch jemand zu suchen ...“

„Ich wette, es ist der lustige Herr Stadtschreiber,“ rief eine andre.

„und dann weiß ich auch, wen er sucht. Jungfer Lenchen, Ihr müßt Euch

einmal am Fenster zeigen, eher wird er sich nicht zufrieden geben.“

„Ich?“ fragte Magdalene errötend, „Ihr beliebt zu scherzen, Frau

Hallerin.“

„Ei, thut nur nicht so unwissend,“ lachte die junge Frau, „es weiß es

ja jeder, daß er Euch gar zu gern zur Frau Stadtschreiberin machte.“

„Wie mögt Ihr nur so sprechen,“ stotterte Magdalene, „Ihr wißt doch

-- -- ich bin ja längst -- -- wollet mich doch mit solchen Reden

verschonen, die mir wehthun, da ich mein Wort ....“

„Solltet Ihr wirklich immer noch an jenen jungen Gesellen denken,

Magdalene,“ fragte in strengem Ton eine ältere Frau, die Gattin des

gebietenden Bürgermeisters Friedrich Volkamer, „an jenen Adam Krafft,

welcher seine Vaterstadt vor langen Zeiten verließ, da Ihr noch ein

halbes Kind wart? ich kann Euch bei Euren Jahren kaum für so thöricht

halten.“

„Wir haben uns damals Treue versprochen, gestrenge Frau,“ erwiderte

Magdalene mit niedergeschlagenen Augen, „könnt Ihr es tadeln, wenn ich

mein Wort halte?“

„Gewiß nicht, solange man vernünftigerweise auf Adams Rückkehr rechnen

konnte, aber wie lange ist es denn her, seit er fortging?“

„Zwanzig Jahre werden es im nächsten Frühjahr,“ sagte Magdalene, und

ein schmerzliches Zucken spielte um ihren Mund.

„Zwanzig Jahre!“ rief die lebhafte Frau Hallerin, „lieber Himmel, da

war ich noch ein kleines Kind, das kaum gehen und sprechen konnte! Und

die ganze Zeit habt Ihr gewartet, Base Lenchen? Heilige Agathe, welche

Geduld -- mir wäre sie schon zehnmal gerissen! Und wie lange denkt Ihr

getreue Eva noch auf Euren Adam zu harren?“

„Bis er aus der Fremde zurückkehrt.“

„Und wenn er gar nicht kommt? wenn er längst gestorben ist, oder im

Auslande Euer vergessen und eine andre Frau genommen hat?“

„Das hat er sicher nicht gethan, -- und sollte er nicht mehr leben, so

hoffe ich ihn im Paradiese wiederzufinden.“

„Ihr seid eine Thörin, Magdalene,“ sagte die Volkamerin strenge, „hat

Euch das Leben denn gar so weich gebettet, daß Ihr hartnäckig an Eurer

gegenwärtigen Lage festhalten müßt? Mich dünkt, Ihr könntet froh sein,

wenn Euch einer eine geachtete Stellung und ein wohl eingerichtetes

Haus anböte, worin Ihr als Herrin walten könntet, statt daß Ihr jetzt

nur jedermanns gehorsame Dienerin seid.“

„Laßt mir die Base in Frieden,“ fiel Frau Ursula ein, indem sie

liebevoll den Arm um die Gescholtene legte, „wir alle haben sie

herzlich lieb, und unsre Kinder könnten die Muhme Lehne schlecht

entbehren.“

Magdalene drückte dankbar die Hand der Ebnerin und war froh, als

die Aufmerksamkeit der Frauen sich wieder auf die Vorgänge draußen

richtete. Die Kinder jauchzten laut auf, als jetzt ein lustiger Zug

um die Ecke bog, voran ein Pickelhering, der auf einem Esel ritt und

eine mächtige Narrenfahne schwang. Seine Kleidung schillerte in allen

Farben des Regenbogens; die Eselsohren auf der hohen Mütze, die dicke

Nase, der flatternde Spitzbart sahen gar lächerlich aus, und die

Glöckchen, die ihm an Ohren, Gürtel, Ellenbogen und Schnabelschuhen

befestigt waren und bei jedem Schritt seines Reittieres einen hellen

Ton gaben, erhöhten noch den drolligen Eindruck. Ihm folgte auf einem

niedrigen Wagen der Fasching selbst, eine Gestalt von unförmlicher

Dicke, umkränzt von Würsten, Schincken und Kürbisflaschen; hinterdrein

wurde auf einem Thronsessel sein Weib, die prächtig geputzte Fastnacht

getragen, welche aus einem riesigen Korbe Brezeln und Wecken unter

das jubilierende Volk streute. Ein lustiges Gesindel von Narren und

Masken umschwärmte den Zug; sie schlugen Purzelbäume, ließen ihre

Schellen klingen, rasselten mit den Trommeln, bliesen auf Trompeten und

Schalmeien, -- kurz, sie trieben jede Art von ausgelassenen Scherzen,

und in diesen betäubenden Lärm mischte sich das Jauchzen und Lachen der

zuschauenden Kinder.

„Wo steckt denn Euer Berthold, Ursula?“ fragte die Hallerin, „hat Euer

Gatte ihn mit sich auf die Straße genommen?“

„Mein Gatte? wo denkt Ihr hin!“ versetzte die Ebnerin achselzuckend,

„der sitzt in seinem Schreibgemach, wohin von dem ganzen Treiben auch

nicht ein Laut dringt. Ich schickte Berthold, auf seine Bitte, unter

der Obhut eines Dieners hinaus; ein junges Herz will doch auch seinen

Teil an der allgemeinen Lustigkeit haben.“

„Fast wundre ich mich, daß Euer gestrenger Herr es ihm gestattet hat,“

bemerkte die Volkamerin.

„Er hat es nicht verboten,“ versetzte Frau Ursula kurz und wendete das

Gespräch auf etwas anderes. Ihr war nicht ganz wohl zu Mut, denn sie

hatte die Erlaubnis ihres Eheherrn nicht eingeholt und sah nun schon

seit einer Weile unruhig nach Berthold aus. Wenn in der aufgeregten

Menge dem Knaben ein Leid zustieße! wenn er nicht zu rechter Zeit

zurückkehrte! sie wußte, daß der Hausherr dann unmutig die Stirn

runzeln und strenge Worte sprechen würde, und sie fürchtete die Zeichen

seines Unwillens noch mehr für ihren Sohn, als für sich selbst.

Wie würde sie gezittert haben, hätten ihre Blicke ein paar Straßen

weiter gereicht! Da war ein Bäuerlein, das auch an dem Faschingsjubel

seinen Teil haben wollte und dabei dem starken Nürnberger Biere mehr

als billig zugesprochen hatte; unsicher schwankte es durch die belebten

Gassen, und seine kleine Begleiterin hatte Mühe, seine Schritte

zu lenken und ihn vor unliebsamen Zusammenstößen zu bewahren. Mit

gütlichem Zureden und sanften Stößen hatte sie ihn endlich in ein

stilleres Gäßchen gedrängt, wo sie hoffen konnte, ungefährdet das Thor

zu erreichen, als plötzlich eine Rotte vermummter Buben den beiden

mit lautem Geschrei entgegenkam. Im Augenblick waren sie umringt; die

tolle Schar ließ ihren Übermut an dem halbberauschten Bauer aus, indem

sie ihn von rechts und links zupfte und stieß, und seine taumelnden

Versuche, sich seiner Peiniger zu erwehren, mit Hohngelächter

begleitete. Vergebens versuchte das Mädchen, dem Vater beizustehn, ein

großer Bursche drängte sie fort, riß ihr den Korb vom Arm und stürzte

ihn um, so daß sein Inhalt auf die Straße kollerte. „O meine Wecken!“

rief die Kleine jammernd, „ich wollte sie den Geschwistern mitbringen,

sie haben noch nie Weizengebacknes gegessen!“

„Die kleinen Dorfteufel mögen sich mit Haferbrot begnügen!“ schrie der

Bursche lachend, „die Wecken sind viel zu gut für das lumpige Gesindel,

die gebühren den Stadtkindern.“ Er wollte das Mädchen festhalten, doch

traf ihn unvermutet der Schlag einer Narrenpritsche ins Gesicht, so daß

er den Arm fahren ließ und sich dem Gegner zuwandte. Ein maskierter

Knabe, viel kleiner und schlanker als er selbst, stand vor ihm.

„Laß los!“ rief er dem Großen herrisch zu, „und du, kleine Dirne, lies

deine Wecken auf und mach’, daß du fortkommst, ich will dein Beschützer

sein.“

„Wie kommst du dazu, kleiner Knirps, so unhöflich um dich zu schlagen?“

fragte der große Bursche ärgerlich, „denkst du, ich werde mit dir viel

Federlesens machen?“

[Illustration: Berthold stürzte in ein offenes Haus ....]

„Komm nur heran,“ rief der kleine Ritter, indem er sich stolz in die

Brust warf, „ich nehme es mit jedem auf.“ Es bildeten sich sofort zwei

Parteien, die mit Pritschen und Fäusten aufeinander losgingen, aber

die Kräfte waren zu ungleich verteilt, und der tapfre kleine Mann sah

sich bald von seinen Helfern verlassen. Er erkannte, daß ihm nur ein

beschleunigter Rückzug übrig bliebe, wenn er nicht jämmerlich zerbläut

werden wollte, und so ergriff er eilends die Flucht. Flink und

geschmeidig wie er war, entkam er dem stärkeren Gegner und stürzte in

ein offenes Haus, auf dessen Schwelle eine Frau stand, welche, schnell

den Zusammenhang begreifend, die Thür ins Schloß warf. Der Knabe riß

die Larve vom glühenden Gesicht, in welchem die dunklen Augen vor

Aufregung blitzten. „Ich wäre nicht davon gelaufen, wenn ihrer nicht

so viele gewesen wären,“ rief er keuchend, „denkt nicht, daß Berthold

Ebner feige sei, gute Mutter!“

„Seid ohne Sorge, Junkerlein,“ lächelte die Frau, „Ihr mögt wohl

brave Streiche ausgeteilt haben, aber Ihr habt auch tüchtige Püffe

eingesteckt -- seht, da sickert Euch das helle Blut aus der Nase und

befleckt Euch das schmucke Habit.“

Sie führte ihn in die Küche und machte sich in mütterlicher Fürsorge

um ihn zu schaffen; dann, als sie sah, daß der Flüchtling müde zum

Umsinken war, stieß sie die Kammerthür auf und zeigte auf ein sauberes

Bett. „Legt Euch hin und ruht ein wenig, Junker; inzwischen wird es

ruhiger auf den Straßen, und Ihr könnt ungefährdet nach Hause gehn.“

Sie trat in das andere Zimmer ein, wo in einem großen Lehnstuhl, dicht

am Fenster, ein grauhaariger Mann saß. In kurzen Worten berichtete sie

ihm das kleine Abenteuer und setzte hinzu: „ein prächtiger Junge voll

Leben und Feuer, und denke dir, Alter, er heißt Ebner.“

„Ebner?“ fragte der Mann betroffen, „des Wilibalds Sohn?“

„Ich glaube wohl; es giebt nur den einen des Namens hier in Nürnberg.“

„Sonderbar!“ sagte der Alte, indem er nachdenklich das graue Haupt

hin- und herwiegte, „des Wilibalds Sohn in unserm Hause!“ Und die

beiden alten Leute versanken in tiefes Sinnen, in das sich mancherlei

schmerzliche Erinnerungen zu flechten schienen, denn die Frau fuhr

ein paarmal mit dem Zipfel der Schürze über die Augen, und über dem

freundlichen Gesicht des Mannes lag ein trüber Schatten.

Inzwischen war Just, der Diener, welcher Berthold begleiten sollte,

in tausend Ängsten durch die Straßen geirrt, um seinen jungen Herrn

zu suchen. Er war, wie er sich selbst zur Beruhigung sagte, nur für

einen einzigen Augenblick in eine Schenke getreten, um ein Maß Bier

hinabzustürzen, denn er fühlte sich schier verschmachtet vom langen

Umherlaufen, Gaffen und Lachen. Nun fuhr er auf jeden verlarvten

Knaben zu, um seinen Junker zu entdecken, aber er fand ihn nicht, und

vergebens gelobte er seinem Schutzpatron eine immer längere Reihe

von Gebeten, sogar eine Kerze für seinen Altar, wenn er ihm den

Ausreißer wieder in die Arme führe. Schon fing es an zu dämmern, und

er konnte sich denken, mit welcher Ungeduld die Frau Ratsherrin den

Sohn erwarten würde. Sie war zwar immer sanft und mild, aber diesmal

war die Sache doch zu ernst, und mit dem gestrengen Herrn war ohnehin

nicht zu scherzen, der fuhr immer gleich mit erschrecklichem Ernst

darein, obgleich er wenig Worte dabei machte. Als Just angstvoll nach

Hause schlich und vom Thorweg aus noch einmal seine suchenden Blicke

umherschickte, sah er eine kleine Gestalt auf sich zukommen, ohne

Kappe und mit wirrem Haar, das zierliche Narrenkleid zerrissen und

beschmutzt. Just stürzte auf den Knaben zu und hob ihn jubelnd in die

Höhe.

„Heiliger Sebaldus, sei tausendmal bedankt!“ rief er, „da ist mein

Junkerlein heil und gesund! Aber wo habt Ihr Euch umhergetrieben

und wie habt Ihr Euch zugerichtet? kann man auch nicht ein kurzes

Augenblickchen die Augen von Euch abwenden, ohne daß Ihr die größten

Dummheiten macht?“

„Ich erzähle es dir ein andermal,“ sagte Berthold gähnend und reckte

die Arme, als ob alle Glieder ihn schmerzten; „jetzt bin ich zu müde.“

Auf dem Vorsaal empfing ihn Muhme Lene. „Den Heiligen sei Dank, daß du

da bist,“ sagte sie inbrünstig, „deine Mutter hat sich sehr um dich

gesorgt.“

„Und der Herr Vater?“

„Der hat deine Abwesenheit noch gar nicht bemerkt.“

„Dann ist’s gut,“ sagte Berthold beruhigt, „die Herzmutter wird nicht

so arg zürnen, wenn sie hört, wie es mir ergangen ist.“ --

Am folgenden Tage beleuchtete die Sonne ein ganz andres Bild in den

Straßen der freien Reichsstadt. Verstummt waren Lachen, Lust und

Scherz, spurlos verschwunden die bunten Gestalten, die darin ihr tolles

Spiel getrieben. Ein dumpfes Schweigen schien auf allen Häusern zu

lasten, bis ernst und feierlich die Glocken von St. Sebald, St. Lorenz

und all den andern Kirchen zu läuten begannen. In einzelnen Gruppen,

die kaum miteinander flüsterten, in dunklen Gewändern und mit ernsten

Gesichtern, wandelten die Bürger mit Weib und Kind zu den Gotteshäusern

und warfen sich vor den verhüllten Altären auf die Kniee. Die Orgel

schwieg, nur hin und wieder unterbrach ein eintönig gesungener Bußpsalm

die drückende Stille. Dann erschien der Priester, mahnte in strengen

Worten zur Buße und Einkehr, zu Gebet und Kreuzigung des Fleisches und

streute die geweihte Asche auf die Häupter der Betenden. -- Auf den

Fastnachtsjubel war der Aschermittwoch gefolgt, welcher die lange,

ernste Fastenzeit einleitete.

Auch im Ebnerschen Hause herrschte volle Aschermittwochsstimmung. Just

war in die tiefste Ungnade gefallen; trübselig saß er in seiner Kammer

und murmelte die gelobten Gebete, die ihm sehr sauer wurden. Auch

Berthold wäre der Strafe für sein spätes Ausbleiben nicht entgangen,

hätte er sich nicht als Andenken an seine Rauferei ein Dutzend brauner

und blauer Flecke heimgebracht, bei deren Anblick die Strenge der

Mutter in weiches Mitleid zerschmolz. Und als er ihr erzählte, daß er

die Schläge bei der Verteidigung eines wehrlosen Mädchens erhalten

habe, da konnte sie vollends nicht mehr zürnen, sondern belohnte den

ritterlichen Kämpen mit Kuß und Lobspruch. -- --

Die Fastenzeit ging zu Ende; ihre ernste Bedeutung mußte sich selbst

einem stumpfen Gemüt durch die tägliche Entbehrung gewohnter Genüsse

einprägen. Nun rüstete sich alles, um das Osterfest mit Freuden zu

begehen, und in allen Häusern der Stadt gab es ein eifriges Waschen

und Scheuern, Putzen und Schmücken, Backen und Braten. Die letzten

Nachwehen des Winters waren überwunden, überall drängten sich Knospen

ans Licht, blühten die Veilchen, zwitscherten die Vögel -- Natur und

Menschheit waren in gleicher Weise bereit, ein Auferstehungsfest zu

feiern. Die Ostersonne ging in blendendem Glanze über der Reichsstadt

auf, von allen Türmen läuteten die Glocken, geputzte Menschen zogen

scharenweise, mit Gebetbüchern und frischen Sträußchen in den Händen,

den Kirchen zu, und wo sich Bekannte trafen, da grüßten sie sich mit

dem uralten, freudigen Ostergruß: „der Herr ist erstanden, er ist

wahrhaftig auferstanden!“ Überall sah man glückliche Gesichter, hörte

man frohe Stimmen, und am Nachmittage tummelten sich unzählige Gruppen

von Spaziergängern vor den Thoren und auf der Hallerwiese, deren

kunstreich angepflanzte Strauchpartieen im ersten, grünen Hauch des

Frühlings prangten.

Der zweite Feiertag brachte nach herkömmlicher Weise das Osterspiel,

das auf dem großen Platz hinter der Johanniskirche, vor dem Tiergärtner

Thor, zu Nutz und Frommen der Bevölkerung von der Geistlichkeit

aufgeführt wurde. Da drängte sich alles hinzu, Große und Kleine, Hohe

und Geringe; nur wenige Häupter der alten, städtischen Geschlechter,

unter ihnen Herr Wilibald Ebner, dünkten sich zu vornehm, um sich mit

ihren Frauen unter die Volksmenge zu mischen. So war denn Muhme Lene

allein mit Berthold hingegangen, um das Spiel anzusehn, das in seinen

Hauptzügen alt und feststehend war, aber in jedem Jahr durch neue

Zuthaten erweitert und verschönert wurde.

Ein riesiges Brettergerüst stellte die Bühne dar, denn dieselbe mußte

drei übereinander liegende Schauplätze umfassen, Himmel, Erde und

Hölle. Zuerst öffnete sich der Himmel: Gott Vater sitzt auf einem

Thron, von Engelscharen umgeben, zu seiner Seite halten die Erzengel

Michael und Gabriel die Wacht. In vollstimmigem Chor singen die

Himmlischen das Lob Gottes des Schöpfers und seines Sohnes, welcher

gerade auf Erden weilt, um das Werk der Erlösung zu vollbringen. Da

tritt Satanas ein; scheu und verlegen senkt er den Blick vor der

göttlichen Glorie; er bekennt, daß er sich vergebens bemüht habe,

den Gottessohn in Versuchung zu führen, daß jener ihn aber dreimal

siegreich aus dem Felde geschlagen habe, -- und von neuem brechen die

Engel in den Lobgesang zu Ehren Christi aus. Aber der Satan ist noch

nicht von seiner unantastbaren Heiligkeit überzeugt; der Menschenleib,

meinte er, müsse dem Teufel irgend eine schwache Stelle darbieten.

Gott Vater gestattet ihm, den Sohn aufs neue zu versuchen, ja, ihn zu

martern und zu töten, und froh der gewordenen Erlaubnis geht der Böse

von dannen.

Jetzt öffnet sich der mittlere Schauplatz, man sieht Christus, auf

einem Esel reitend, seinen Einzug in Jerusalem halten, jubelndes Volk

ringsum, das ihm die Kleider auf den Weg breitet und Palmen streut.

Die Jünger triumphieren über des Meisters Verherrlichung, nur Judas

schaut düster darein. Er bleibt allein zurück, und Satan flüstert ihm

den Gedanken des Verrats ins Ohr. Die nächste Scene zeigt Judas vor dem

hohen Rat, mit der Frage: was wollt Ihr mir geben, ich will ihn Euch

verraten. Es folgt eine Verhandlung voll derber Komik, ein Feilschen

und Handeln ohne Ende, denn selbst in ernster Darstellung verlangt

der Sinn des Volkes Stoff zum Lachen, und Judas ist gewissermaßen die

komische Person in diesem tragischen Spiel. Die Einsetzung des heiligen

Abendmahls, Christi Seelenkampf in Gethsemane, Judas’ Verrat und die

Gefangennehmung des Heilandes, sein Verhör und seine Verurteilung durch

Pilatus -- das alles entrollt sich in kurzen, erschütternden Bildern

vor den Augen der Menge, die bald in andächtigem Schweigen lauscht,

bald in lautes Gelächter, bald in Schluchzen und Thränen ausbricht.

Als der Vorhang von neuem aufgeht, sieht man die drei Kreuze

aufgerichtet. Die Getreuen umstehen den sterbenden Erlöser, die Trauer

der Maria bricht in ergreifender Klage aus: „O weh der Leiden, der Tod

will uns scheiden; Tod, nimm uns beide, daß er nicht allein zum Jammer

von mir scheide. Herzenskind, deine Augen sind dir so gar verblichen,

deine Macht und Kraft ist dir so gar entwichen! O weh, was soll ich

armes Weib, seit ich dich, liebes Kind mein, leiden sah so große Pein;

des sticht mich zu dieser Stund’ ein Schwert durch meines Herzens

Grund. Ach liebes Kind, sprich doch ein Wort, daß ich deine Mutter

bin! weh mir, er kann nicht, er ist dahin!“ Johannes will die Weinende

von der Stätte des Jammers fortführen, aber kaum ist sie entfernt, so

ertönt vom Kreuz herab der erschütternde Ruf: „Mein Gott, mein Gott,

warum hast du mich verlassen?“ und mit dem Aufschrei: „O weh, ich hörte

einen Ruf, das war mein Kind Jesus, das in seinen Ängsten rief!“ eilt

Maria zurück, um auszuharren, bis mit dem Wort: „Es ist vollbracht!“

die Marter Christi ihr Ende erreicht hat. --

Es folgt eine längere Pause, denn man hat stundenlang gesehen und

zugehört und die heftigsten Gemütsbewegungen durchgemacht. Der Leib

macht seine Rechte geltend, man will essen und trinken, ehe man mehr

von der gewaltigen Geschichte in sich aufnimmt, aber keiner denkt

daran, den Platz zu verlassen, ehe das letzte Wort gesprochen ist.

Die nächste Scene spielt in der Hölle, die als ein groteskes Zerrbild

des Himmels erscheint. Satan sitzt in abschreckender Majestät auf

seinem Thron, seine Scharen um ihn her, deren komische Geberden und

derbe Späße mächtig auf das Zwerchfell der Zuschauer wirken. Der Böse

triumphiert, daß er durch seine Künste zwei Jünger zu Verrat und

Verleugnung verführt, den Sohn Gottes dem Tode überliefert und das Werk

der Erlösung vereitelt habe. Ein Haufe kleiner Teufelchen schleppt den

Judas herein, der in der Verzweiflung seinem Leben ein Ende gemacht

hat. Mit spöttischer Höflichkeit steigt Satan von seinem Throne und

bietet ihn dem Verräter an, der durch seine unerhörte Bosheit selbst

ihn übertroffen habe; dann aber giebt er den Seinen den Befehl, den

Unseligen zu martern und zu peinigen, und vor den Augen der Zuschauer

wird er in das ewige Feuer geworfen.

Wieder öffnet sich der mittlere Schauplatz, die Auferstehung stellt

sich den Blicken dar. Als Christus im leuchtend weißen Gewande den

Seinen erscheint, als die Jünger auf der Bühne den Lobgesang ertönen

lassen, da ergreift es die Menge mächtig, und wie aus einem Munde

stimmt sie ein in den Ostergesang:

„Christ ist erstanden

Von der Marter alle.

Des sollen wir alle froh sein,

Christe soll unser Trost sein.

Kyrie eleison!“

Den Schluß bildet die Himmelfahrt, Christus nimmt von den Seinen

Abschied und verschwindet vor ihren Augen; zu gleicher Zeit thut sich

oben der Himmel auf, wo die Engelscharen den verklärten Überwinder mit

Jauchzen und Preisen empfangen. Gott Vater eilt ihm entgegen und führt

ihn zu seinem Thron, wo er zu seiner Rechten Platz nimmt. Satan wird

hereingeführt; er sieht mit Entsetzen, daß all seine Anschläge zunichte

gemacht sind, bekennt sich als vollständig überwunden und stürzt mit

teuflischem Geheul von dannen. Ein Engelchor zum Preise Gottes und

seines Sohnes schließt das Spiel. --

Eine Weile verharrten die Zuschauer in andächtigem Schweigen, tief

ergriffen von allem, was sie mit erlebt; dann aber begann ein Summen

vieler Stimmen, ein Scharren unzähliger Füße, und in dichten Wogen

drängte die Menge aus den engen Sitzreihen ins Freie. Magdalene hielt

Berthold fest an der Hand, um ihn nicht zu verlieren; plötzlich sahen

sie vor sich eine alte Frau stolpern und zu Boden fallen. Von gleichem

Eifer getrieben, sprangen beide hinzu und halfen ihr aufstehen;

Magdalene schob ihren Arm in den der Alten, Berthold lehnte sich

fest an ihre andere Seite, und so führten sie dieselbe bis auf einen

etwas freieren Raum, wo sie sich hinsetzen und erholen konnte. „Es

ist die gute Alte, die mich zur Fastnacht so liebreich aufgenommen!“

rief Berthold mit Erstaunen, „wie schön, Mutter, daß ich Euch hier

wiederfinde; ich hatte Euch wahrhaftig ganz vergessen!“

„Ihr habt es heute wett gemacht, Junker,“ versetzte die Frau, „mich

freut’s daß Ihr mich wenigstens erkannt habt. Und ist dies Eure werte

Frau Mutter, die Gattin des Herrn Wilibald Ebner?“

„O nein, nein,“ rief der Knabe laut lachend, „das ist nur die Muhme

Lene; mein Mütterchen ist um einen Kopf größer und viel schöner und

vornehmer.“

Da die alte Frau noch zitterte und schwankte, erbot sich Magdalene,

sie heimzugeleiten; alle drei erreichten unter freundlichem Plaudern

das kleine Haus im Hundsgäßlein und traten zusammen ein. Das Stübchen

bot einen anheimelnden Anblick dar; alles glänzte von Sauberkeit und

Nettigkeit, am Fenster standen geweihte Palmen und Veilchen in Scherben

mit frischem Wasser, und auf seinem Platz im Lehnstuhl saß der alte

Mann, auf dem ehrwürdigen Kopf ein schwarzes Käppchen, unter dem sich

die silbergrauen Locken hervordrängten, die gefalteten Hände müßig

im Schoße; er mußte wohl guten Gedanken nachgehangen haben, denn auf

seinen Zügen lag es wie ein Hauch von Verklärung.

„Ist dir die Zeit sehr lang geworden, mein alter Andreas?“ fragte die

Frau in herzlichem Ton; „dem, der allein zu Hause sitzt, scheint sie

immer länger, als dem, der draußen viel Schönes zu sehen und zu hören

bekommt. Aber nun bringe ich dir auch liebe Gäste mit, die sich meiner

aufs gütigste angenommen haben.“

Der Alte rückte grüßend sein Käppchen und streckte beiden die Hände

entgegen. „Sieh da, unser kleiner Junker,“ sagte er herzlich, „seid

willkommen, ehrsame Frau, und verzeiht, wenn ich Euch sitzend begrüßen

muß, meine Füße gehorchen mir nicht mehr.“

„Wie traurig!“ sagte Magdalene voll Teilnahme, „seid Ihr schon lange so

hilflos, Vater?“

„Seit vier Jahren schon muß meine Eva mein Stab und meine Stütze sein,

-- dem Herrn sei Dank, daß er mir solch ein treffliches Weib geschenkt

hat! Seht, von unten bin ich zwar gelähmt, aber oben fehlt mir nichts,

Kopf und Augen sind klar, die Hände zu aller Arbeit tüchtig, -- das ist

eine große Gnadengabe meines himmlischen Vaters.“

„Und womit beschäftigt Ihr Euch vom Morgen bis zum Abend?“

„Der Tag ist mir stets zu kurz für das, was ich schaffen möchte; ich

zeichne Bilder, um die Bücher damit zu schmücken, und schneide sie in

Holz.“

„So seid Ihr ein Künstler, Meister? wollt Ihr mich etwas von Euren

Sachen sehen lassen?“

Er streckte den Arm aus und nahm vom Bord, der hinter ihm an der

Wand hinlief, einen dicken Band. „Seht,“ sagte er mit wohlgefälligem

Lächeln, „dies ist in schönem Druck die ganze Geschichte unsres

Heilandes, die habe ich mit vielen Tafeln verziert.“

Neugierig blickte Magdalene in das Buch, sie verstand etwas vom

Zeichnen, und ihre Neugier verwandelte sich bald in Staunen und

Bewunderung, denn was sie sah, stand hoch über den gewöhnlichen

Holzschnitten, mit denen man Gebetbücher und Heiligengeschichten zu

verzieren pflegte. „Wie schön!“ rief sie aus, „wie lieblich ist die

reine Magd Maria dargestellt, und wie leuchtet die Gottheit aus den

Augen des Kindes! Und wie herrlich ist diese Tafel, welche die Anbetung

der heiligen drei Könige zeigt!“

„Die ist nicht von mir entworfen,“ sagte der Alte, „sondern von einem

lieben, jungen Freunde -- wollte Gott, ich dürfte ihn noch einmal

wiedersehn! Er hatte herrliche Gaben, der Adam Krafft!“

„Adam Krafft!“ rief Magdalene in höchster Überraschung aus, „Ihr kennt

ihn? lebt er noch? wird er endlich zurückkehren? O sprecht, lieber

Meister, -- Ihr wißt nicht, was dieser Name in meinem Herzen für

Gedanken, Erinnerungen und Hoffnungen weckt, eine ganze Welt von Freud

und Leid!“

Der Alte sah sie fragend an, erstaunt über die plötzliche Heftigkeit,

die gegen ihr sonstiges, stilles Wesen seltsam abstach. „Solltet Ihr

die Magdalene sein, von der er einmal sprach?“ fragte er nachdenklich.

„So hat er von mir gesprochen? dachte er noch an mich? hat er mich lieb

behalten?“ drängte Magdalene, indem ihr die hellen Thränen in die Augen

traten, „o lieber Meister, erzählt mir alles ganz genau; seht, es sind

bald zwanzig Jahre, seit er seine Vaterstadt verließ, und seitdem hat

kein Sterbenswörtchen von ihm meine durstige Seele erquickt.“

„Ja, meine werte Jungfer,“ versetzte der alte Mann mit größter

Freundlichkeit, „viel Neues kann ich Euch auch nicht erzählen. Laßt

sehen, es sind wenigstens fünfzehn Jahre her, seit ich ihn da unten in

Venedig traf, denn ich war noch ein rüstiger Mann in der Blüte meines

Lebens. Viele schöne Stunden habe ich damals mit dem Adam verlebt, der

ein gar trefflicher, froher Geselle war, und manch artiges Bildchen

kann ich Euch zeigen, das er mir zum Andenken verehrt hat.“

„Heute ist’s zu spät,“ erwiderte Magdalene, indem sie sich zögernd

erhob, „die Base Ebnerin würde sich ängstigen, wenn wir so lange

ausblieben. Aber ich darf wiederkommen, Meister, nicht wahr? Ihr

erzählt mir dann alles von meinem Adam und zeigt mir jeden Strich von

seiner lieben Hand?“

„Gern, werte Jungfer, von Herzen gern. Meister Andreas Fiedler

und seine Eva werden Euch stets willkommen heißen, wenn Ihr unser

bescheidenes Häuschen für Euren Besuch nicht zu gering achtet.“

Von nun an verging selten eine Woche, in der Magdalene nicht bei

dem alten Paar eingekehrt wäre, und kam sie anfangs nur, um von

ihrem Adam zu hören und zu sprechen, so lernte sie bald die beiden

so hochschätzen, daß sie gern um ihrer selbst willen wiederkam.

Es herrschte solch ein seliger Friede in dem kleinen Hause, solche

ungetrübte Eintracht und eine lautere Frömmigkeit, welche gleichwohl

ein ganz andres Gepräge trug, als die der meisten andern Menschen. Nie

führten sie einen der zahllosen Heiligen im Munde, in deren Anrufung

und Verehrung damals fast die ganze Gottesfurcht der großen Menge

bestand, und die oft in ein abgöttisches Wesen ausartete. Als Magdalene

einmal eine Bemerkung darüber machte, erwiderte Meister Andreas

lächelnd: „Wozu soll ich mich bei den Dienern aufhalten, die doch auch

nur an der Thür meines Gottes stehen, während ich gradeswegs zu dem

Herrn hereingehen darf, der die Freundlichkeit und Leutseligkeit selbst

ist?“ Das gab dem Mädchen viel zu denken.

Auch Berthold, für den sonst Stillsitzen die schwerste Aufgabe war,

ging gern einmal mit zu den alten Leuten; die vielen Bilder, die der

Meister ihm zeigte, die schönen Geschichten, die er ihm dazu erzählte,

fesselte seinen lebhaften, unruhigen Sinn, und er wußte seiner Mutter

immer viel von dem kleinen Hause im Hundsgäßlein zu berichten. So kam

der Name Meister Fiedlers auch vor die Ohren des Herrn Wilibald Ebner,

der ein seltsames Gesicht dazu machte und zuerst geneigt schien, den

Verkehr zu verbieten. Doch besann er sich eines besseren und ließ die

Sache ungehindert ihren Weg gehen.

[Illustration]

Viertes Kapitel.

Die Tochter des Herrn von Maltheim.

O Sankt Lorenz, wer führt die unliebsamen Gäste ins Haus mir?

Heiliger! brächtest du doch schleunig sie wieder hinaus!

Über der Burg Maltheim lag heller Frühlingssonnenschein, der die

alten Mauern wunderbar verschönte und sich in den unzähligen, kleinen

Scheiben auf der Südseite behaglich spiegelte. Zwitschernde Schwalben

segelten mit weit ausgespannten, metallisch glänzenden Flügeln hin und

her, mit Strohhalmen und kleinen Zweigen im Schnabel, um die Nester

instandzusetzen, welche die Winterstürme arg zerzaust und beschädigt

hatten. Zwischen allen Ritzen sproßten frische, grüne Triebe hervor,

hier ein bescheidenes Blümchen, dort ein schlankes Bäumchen, das

unsicher im leisen Frühlingswinde hin und her schwankte, da seine

Wurzeln zwischen Mauersteinen und Felsspalten nur geringen Halt

fanden. Der Wald, der in einiger Entfernung die Burg umgab, hatte sein

zartestes Blätterkleid angelegt, wozu die dunklen Tannen eine wirksame

Verbrämung bildeten, und aus dem Burggärtchen drang der würzige Duft

blühender Obstbäume bis zu dem steinernen Altan hinauf, auf dem Herr

Werner von Maltheim mit seiner Familie den lieblichen Tag genoß.

Der Ritter saß im bequemen Hauskleide in einem Lehnstuhl, dessen

Behaglichkeit durch weiche Kissen und Decken noch erhöht worden war;

sein rechtes Bein, das mit Binden und Tüchern wohl verwahrt war, ruhte

lang ausgestreckt auf einem Schemel; neben ihm auf der steinernen

Balustrade stand ein Deckelkrug, aus dem er hin und wieder einen

mäßigen Schluck nahm. Der tapfere Herr sah lange nicht so rüstig und

unternehmend aus, wie einige Wochen früher; die frische Röte seines

Gesichts war ganz verblichen, und auf seiner Stirn hatten heftige

Schmerzen ihre unverkennbaren Furchen gezogen. Es war ihm auch

schlecht ergangen, denn er war wieder einmal seinem grimmigsten,

unversöhnlichsten Feinde erlegen, der ihn aus tückischem Hinterhalt zu

überfallen pflegte, wenn er am wenigsten an ihn dachte, und seine Tage

bei Jagden und Waffenspielen, die halben Nächte bei frohem Becherklang

durchschwärmt hatte. Das war die Gicht, die ihn dann überwältigte und

in schwere Fesseln schlug, und gegen diesen Feind half keine Tapferkeit

und kein Schwert, sondern nur Geduld und stilles Aushalten, im Verein

mit den Tränkchen und Kräuterbädern seiner Hausfrau, die sich auf

die Bereitung von Arzeneien trefflich verstand. Neben dem Ritter saß

Frau Kunigunde mit einer Arbeit in den fleißigen Händen, und um die

Eltern tummelten sich in heiterem Spiel Ulrich und Irmgard. Die Kleine

hatte sich seit dem Winter erfreulich entwickelt, sie lief sicher

umher, die dunklen Augen glänzten vor Vergnügen, die aschblonden

Löckchen ringelten sich üppig um das zarte Gesicht, das immer noch

eine auffallende Blässe zeigte. Zwischen den Geschwistern bestand

eine zärtliche Liebe, welche Ulrich zum gehorsamen Diener des kleinen

Fräuleins machte. Sobald seine Lehrstunden beendet waren, die Pater

Benedikt mit großem Ernst abhielt, eilte er zu Irmgard und suchte

sie in jeder Weise zu unterhalten; wenn aber einmal der gestrenge

Lehrmeister den Unterricht über die Gebühr ausdehnte, so klopften ein

paar weiche Händchen an die Thür der Bücherei, und der ungeduldige Ruf:

„Ulli, Ulli!“ schallte im Gange wieder.

Eine Schwalbe hielt in ihrem Fluge still, duckte sich auf der

steinernen Brustwehr nieder und schaute mit den klugen Äugelein die

Kinder an. Irmgard lief jauchzend auf sie zu und streckte die Hände

aus -- im Nu war der Vogel verschwunden. „Greif ihn, Ulli,“ rief sie

eifrig, „ich will ihn haben!“

„Viel verlangt, mein weißes Röslein,“ sagte er lachend, „gieb mir

Flügel, um mich in die Luft zu heben, auf zwei Füßen holt man die Vögel

nicht ein.“

„Greif ihn mir!“ bat sie dringender, und als er vor ihr niederkniete

und ihr sagte, daß er zu ungeschickt dazu sei, faßte sie in seine

blonden Locken und zauste so wacker darin, bis sie die Händchen voll

goldener Fäden hatte. Er ließ es sich ohne einen Schmerzenslaut

gefallen. „Ich will ein Netz aufstellen, kleine Herrin,“ sagte er

begütigend, „morgen sollst du den Vogel haben.“

Mit behaglichem Lächeln hatte Herr Werner den beiden eine Weile

zugesehen, jetzt versank er in ein tiefes Brüten. „Was sinnt Ihr,

lieber Herr?“ fragte Frau Kunigunde nach längerer Pause, „Ihr seht

nicht froh aus, schmerzt Euer Fuß Euch wieder?“

„Nein, das nicht,“ erwiderte er, „aber das lange Stillsitzen erzeugt

allerlei schwere Gedanken. Wenn ich diese alte Burg ansehe, die nun

bald vierhundert Jahre auf dieser Stelle steht, und in der eine lange

Reihe von Maltheims aus- und eingegangen ist, so muß ich mich fragen,

ob auch nach mir alles bleiben wird, wie es ist, und ob nach weiteren

vierhundert Jahren noch eine Spur meines Geschlechtes übrig sein wird.

Denn es ist eine böse Zeit angebrochen; vieles, was wir von den Vätern

überkommen haben, fängt an zu wanken, und das Neue will mir nicht

gefallen.“

„Aber es ist nicht immer so gewesen, lieber Herr? gerade diese Burg

kann es Euch lehren, das jedes Geschlecht neue Bedürfnisse hat und

seinem eignen Sinne folgt. Pater Benedikt hat mir erst kürzlich aus

alten Chroniken bewiesen, daß fast jeder Inhaber den Bau in einzelnen

Teilen umgestaltet hat, denn was dem Großvater noch ausreichend

erschien, das war dem Enkel nicht mehr schön und bequem genug. Wenn

jener Ritter von Maltheim und Buchenbühl, der den Ruhm seines Namens so

herrlich leuchten ließ, heute wiederkehrte, glaubt Ihr, er fände nicht

vieles anders, als er es verlassen hat; meint Ihr, er würde sich nicht

wundern über die Ansprüche seiner Nachkommen, die ihre Fenster mit Glas

verkleiden und das Feuer in Kachelöfen sperren, damit es besser wärme?“

„Pater Benedikt macht dich ja gewaltig klug, Gundel; ich muß wirklich

Respekt vor die haben,“ meinte der Ritter mit gutmütigem Spott. „Ihr

mögt auch wohl beide recht haben, -- dennoch, wenn ich Ulrich ansehe,

so weiß ich, daß er anders geartet ist, als ich oder mein Vater. Er

gleicht mehr den Männern deiner Sippe, unter denen mancher geistliche

Herr und Gelehrte war. Ja, wenn mein Friedrich noch lebte -- der wäre

wohl ein echter Maltheim geworden! Hat er doch, so jung er war, sein

Leben im ritterlichen Kampfe eingebüßt.“

In Frau Kunigundens Seele stieg eine eifersüchtige Regung auf; sie

liebte die Erinnerung an diesen Friedrich nicht, welcher ein Sohn

aus des Ritters erster Ehe gewesen war. Erst nach seinem Tode hatte

Herr Werner den zweiten Ehebund mit der bedeutend jüngeren Frau

geschlossen, welche anfangs schwere Tage verlebt hatte. Denn sie fand

eine erwachsene Tochter vor, die es gewohnt gewesen war, als Herrin auf

der Burg zu gebieten, und die sich nur widerwillig der Stiefmutter

beugte, welche wenig älter war als sie selbst. Es hatte sich zwischen

den beiden Frauen kein freundliches Verhältnis herstellen wollen;

beide hatten sich unglücklich gefühlt, und als der kecke Junker Veit

von Rotenhahn um Fräulein Walburg geworben, hatte sie ihm freudig

ihr Jawort gegeben, obgleich er nur ein heimatloser Abenteurer war,

der nirgend ein Fleckchen Erde sein eigen nannte, sondern von einem

Fürstenhof zum andern zog, um seine Dienste anzubieten. Der Ritter

von Maltheim hatte zuerst die Ehe nicht zugeben wollen, aber die

eigenwillige Tochter hatte ihm seine Zustimmung halb abgeschmeichelt,

halb abgetrotzt; die Hochzeit ward gefeiert, und das junge Paar zog von

dannen. Seit manchem Jahr hatte der Vater nichts von Walburg gehört,

und Frau Kunigunde hoffte im stillen, die störrische Hausgenossin nie

wiederzusehn.

„Komm her, Ulrich,“ sagte der Ritter, als Irmgard mit ihrer Wärterin

verschwunden war, „ich hab mit dir zu reden. Hast du schon einmal

ernstlich bedacht, Knabe, daß du der Erbe eines alten, herrlichen

Namens bist, und daß es deine heilige Pflicht ist, dich deiner

glorreichen Ahnen wert zu zeigen?“

Ulrich sah eine Weile sinnend vor sich hin, dann hob er den Blick mit

tiefem Ernst empor.

„Kann man nur mit dem Schwert den Ruhm erwerben, Herr Vater? und giebt

es für einen Edelmann nichts zu thun, als Schlachten zu schlagen?“

Der alte Ritter sah seinen Sohn ganz verblüfft an. „Wunderliche

Frage!“ brummte er, „wie willst du dich denn auszeichnen, wenn nicht

durch Tapferkeit, und wo willst du Ruhm erwerben, wenn nicht auf dem

Schlachtfelde? Sieh doch die Reihe unserer Vorfahren an, haben sie

nicht alle als Krieger und Helden geglänzt? Alle haben treu zu ihrem

Kaiser gehalten und wacker auf seine Feinde -- oder ihre eigenen

-- losgeschlagen; ich selbst habe im Gefolge meines tapfern Herrn,

des Markgrafen, wohl hundert Fehden ausfechten helfen, und man hat

mich deshalb oft das Schwert des Achilles genannt, -- wo findest

du ähnlichen Ruhm? Willst du ein Pfaffe werden und nach Inful und

Krummstab, oder gar nach Sankt Peters Stuhl trachten?“

„Nein, Vater,“ versetzte Ulrich, „ein Priester möchte ich nicht werden,

und eine Kutte will ich nicht tragen. Aber ich möchte etwas thun, um

die Menschen besser und glücklicher zu machen, um die Gerechtigkeit zur

Geltung zu bringen und die Wehrlosen gegen die Gewalt der Mächtigen

zu schützen. Pater Benedikt hat mir von den großen Universitäten zu

Padua und Bologna erzählt, wo man lernen kann, was Recht und Unrecht

ist; das möchte ich studieren und dann die Fürsten beraten, damit Mord,

Brand und Fehde aufhöre, und aller Streit fortan friedlich geschlichtet

werde.“

In sprachlosem Erstaunen hatte Herr Werner dem Knaben zugehört, der

mit leuchtenden Augen vor ihm stand; dann brach er zornig los: „Also

solche Hirngespinste setzt dir Pater Benedikt in den Kopf? Thörichtes

Geschwätz von Friede und Gerechtigkeit -- das Recht ist immer auf

Seiten des Stärkeren gewesen und wird es bleiben, solange die Erde

steht. Meinst du, der Krieg solle fortan mit Tinte und Feder geführt

werden, statt mit klingenden Waffen und frischem Dreinschlagen?

Heiliger Georg, bewahre mich vor solch einer faulen Welt! -- ich will

nichts mit ihr zu schaffen haben, und ich hoffe, es wird auch im

Paradiese noch Feinde geben, denen ich mit meinem guten Schwert zu

Leibe gehen kann. Es ist Zeit, daß ich dich von der Leitung des Pfaffen

befreie, er hat schon zu sehr jeden ritterlichen Funken in dir erstickt

-- Heiliger Kilian! muß mein einziger Erbe an adliger Gesinnung hinter

dem Sohne eines Krämers zurückstehen?“

Besänftigend legte Frau Kunigunde die Hand auf den Arm ihres Gatten.

„Erzürnt Euch nicht so sehr über seine kindischen Gedanken,“ sagte sie

bittend, „Ihr schadet Euch, lieber Herr. Ulrich ist ja noch so jung;

in seinem Kopf spiegeln die Dinge sich anders, als in Eurem erfahrnen

Blick, und er spricht wohl nur nach, was ihm der Pater vorgesagt hat.

Laßt ihn nur verständiger werden, dann werdet ihr sicher Freude an ihm

erleben.“

Des Ritters Gesicht zuckte in heftigem Schmerz. „Mein Fuß, mein

Fuß!“ stöhnte er, „o wie das bohrt und mich peinigt, als säßen

lauter boshafte Teufel darin! Geh mir aus den Augen, Knabe, deine

abgeschmackten Reden haben mich krank gemacht!“ Er lehnte sich bleich

und matt in seinen Stuhl zurück; schweigend verließ Ulrich den Altan.

Frau Kunigunde eilte ihrem Ehegemahl mit den gewohnten Linderungsmitteln

zu Hilfe und blieb bei ihm, auch, nachdem er sich von seinem Anfall

erholt hatte, obgleich ihr Herz sie unbeschreiblich zu ihrem Knaben

zog. Wie gern hätte sie ihn in ihre Arme genommen und getröstet,

wie gern ihm ganz leise zugeflüstert, daß sie immer stolz auf ihn

sein wolle, auch wenn er kein blutdürstiger Kriegsheld, sondern ein

Apostel des Friedens und der Gerechtigkeit würde! Stammte sie doch

selbst, wie ihr Gatte zuweilen mit einiger Geringschätzung hervorhob,

aus einem friedliebenden Hause, das von jeher Kunst und Wissenschaft

gepflegt hatte, warum sollte sie traurig sein, wenn ihr Sohn die besten

Eigenschaften ihrer Sippe erbte? --

[Illustration: Walburgs Heimkehr.]

Von der Zugbrücke her erscholl jetzt Pferdegetrappel und Rollen von

Rädern; bald darauf trat der alte Hausmeister aus der Halle. „Edler

Herr, ich melde ehrenwerte Gäste: Junker Veit von Rotenhahn mit seiner

Gemahlin und seinen Kindern wünscht Euch zu begrüßen.“

Frau Kunigunde legte die Hand aufs Herz, das plötzlich stillzustehen

schien. Walburg hier? all ihr Glück und häusliches Behagen drohte mit

einem Schlage in einen tiefen Abgrund zu versinken. Der Ritter richtete

sich lebhaft auf. „Meine Tochter? hat der gütige Himmel sie wieder

zurückgeführt? Geh, Daniel, und geleite sie zu mir, ich kann ihr ja

nicht entgegengehn, -- und du, liebes Weib, eile, die unverhofften

Gäste willkommen zu heißen.“

Mühsam faßte die Hausfrau sich so weit, um zu thun, was ihr Gatte und

ihre Pflicht geboten, aber schon standen die Ankömmlinge in der Halle,

und ohne der Mutter zu achten, stürmte Walburg, an jeder Hand einen

Knaben, an ihr vorüber. „Mein teurer Vater!“ rief sie, indem sie neben

dem Sessel des alten Herrn auf die Kniee sank, „da bin ich wieder

daheim! segnet Eure Tochter und Eure Enkel, die sich von Herzen gesehnt

haben, Euer geliebtes Antlitz zu schauen und Eure Hände zu küssen!“

Herr Werner war sehr gerührt durch diese gefühlvolle Anrede, er umarmte

Walburg und küßte die Knaben, zwei stämmige Burschen von acht und

zehn Jahren, welche etwas verdutzt dreinschauten und sich bei dieser

zärtlichen Scene offenbar sehr unbehaglich fühlten. Walburg überströmte

den Vater mit einer Flut von Versicherungen, wie schmerzlich sie ihn

all diese Jahre hindurch vermißt habe, wie glücklich sie sei, wieder

als Kind im Vaterhause leben zu dürfen, wie traurig es sie mache, ihn

so krank und hinfällig zu finden, wie sie aber alles aufbieten wolle,

um ihn zu pflegen und zu erheitern.

Mittlerweile hatte Frau Kunigunde den Junker Veit begrüßt, dessen

räuberartiges Aussehen ihr einen neuen Schrecken einflößte. Auf der

übermäßig schlanken Gestalt saß ein Kopf, dessen wachsgelbes Gesicht

mit den kleinen, unheimlich funkelnden Augen und dem rabenschwarzen

Zwickelbart einen fast dämonischen Eindruck machte. Seine Kleidung

war ritterlich, trug aber unverkennbare Spuren langen Gebrauchs: die

Halskrause hing welk und matt über das arg verschossene, rote Samtwams

herab, der kurze Mantel zeigte manchen Riß, der nur unvollkommen

geflickt war, und die Federn des Baretts senkten sich, wie geknickte

Blumen, traurig hernieder. Auch Frau Walburgs Anzug zeigte nur noch

Überreste ehemaligen Glanzes; das Kleid war von kostbarem Stoff, aber

stark abgetragen, und in der Pelzverbrämung ihres Überwurfs schienen

die Motten manches ungestörte Fest gefeiert zu haben. Sie sah viel

älter aus, als ihre Stiefmutter, und so holdselig sie jetzt auch

lächelte, so waren doch in ihren Zügen die Spuren von Leidenschaft und

Trübsal unschwer zu erkennen.

Nachdem die ersten Begrüßungen vorüber waren, sagte Frau Kunigunde, sie

wolle nun gehen, um den Reisenden Imbiß und Nachtlager zu bereiten,

zuvor aber bat sie den Gatten, sich von ihr in die Halle führen zu

lassen, damit die kühlere Luft ihm keinen Schaden thäte. „Geht nur an

Eure Geschäfte, Frau Mutter,“ rief Walburg eifrig, „wir wollen für

des geliebten Vaters Bequemlichkeit schon sorgen; es soll ihm sicher

an nichts fehlen, nun ich wieder zu Hause bin.“ Der Ritter nickte ihr

freundlich zu und nannte sie sein gutes, treues Kind; Frau Kunigunde

aber ging mit einem bittern Gefühl von dannen. Kaum eine Stunde war

Walburg im Hause, und schon suchte dieselbe sie aus ihren heiligsten

Rechten und Pflichten zu verdrängen; durfte sie das dulden, mußte sie

nicht vom ersten Augenblick an ihr gutes Recht als Gattin und Hausfrau

verteidigen? Aber dann gab es Zank und Streit ohne Ende, vor dem ihr

friedliebender Sinn zurückschreckte, -- nein, lieber wollte sie eine

Weile in der Stille dulden und jede Pflicht der Gastlichkeit erfüllen;

vielleicht befreiten die Heiligen sie dann eher von den lästigen

Gästen. Sie beugte einen Augenblick das Knie vor dem Muttergottesbild

in ihrem Gemach, benetzte Stirn und Brust mit geweihtem Wasser und ging

mit besserem Mut an ihre häuslichen Anordnungen.

Nach eingenommener Mahlzeit scharte die Familie sich um den Ofen, in

dem ein tüchtiges Feuer angezündet worden war, denn so schön der Tag

gewesen, so kühl wurde der Abend. Frau Kunigunde hatte vollkommen

recht gehabt, wenn sie meinte, der berühmte Ahnherr des Hauses, Herr

Diether von Maltheim und Buchenbühl, würde seine Burg sehr verändert

finden, wenn er aus zweihundertjährigem Todesschlaf erwachen und sein

Haus heimsuchen sollte. Die Halle war zwar in ihren Mauern dieselbe

geblieben, aber die Einrichtung war viel wohnlicher geworden: statt

der offnen Kamine erwärmte ein riesiger Kachelofen den weiten Raum,

und die verglasten Fenster wehrten dem Winde, dem Schnee und Regen den

Eingang. Um den langen Tisch in der Mitte sammelten sich auch jetzt

noch, nach alter Sitte, Herrschaft und Gesinde zur Mahlzeit, danach

aber verließ die Dienerschaft die Halle, welche nur der Familie und

den Gästen zum Aufenthalt diente. Die Wände waren sauber getüncht und

mit kunstreich zusammengestellten Waffen und Jagdtrophäen verziert,

in hohen Schränken bewahrte man die kriegerische Ausrüstung für die

Burgmannen. Auf einem breiten Kredenztisch mit hohen Borden glänzte

manch schönes Stück kostbaren Gerätes, und die Bänke, welche sich um

den Ofen an der Wand hinzogen, waren weich gepolstert und mit bunten

Decken verhüllt. Auch sonst war im Laufe der Zeit manche Veränderung

eingetreten: die Frauengemächer waren aus dem Nebenhause in das obere

Stockwerk verlegt, breitere Treppen führten hinauf, zahlreichere

Fenster sorgten für mehr Licht und Luft. Die Knechte waren in den

Flügel verwiesen, der einst zur Kemenate gedient hatte, doch war eine

bessere Verbindung der einzelnen Gebäude hergestellt, -- kurz überall

zeigten sich Spuren des Fortschritts, Anzeichen, daß die Menschen einen

höheren Wert, als früher, auf ihre Heimstätte legten und bemüht waren,

dieselbe mit größerer Behaglichkeit auszustatten.

Der Hausmeister hatte einen schweren Eichentisch nahe an den Ofen

geschoben und eine frische Kanne schäumenden Bieres nebst hölzernen

Bechern daraufgesetzt. „Nein, Gundel,“ rief der Ritter, „heute mußt du

mit ein paar Flaschen firnen Weines herausrücken; die Rückkehr meiner

lieben Kinder wollen wir mit einem köstlicheren Trunk feiern, als

dieser ist.“

„Wie gern nehme ich unsre Gäste mit dem Besten auf, was das Haus

bietet,“ versetzte Frau Kunigunde zögernd, „doch bedenkt, lieber Herr,

-- versprecht mir -- Ihr wißt, daß Wein für Euren kranken Fuß Gift ist.“

„Seid ohne Sorge, Frau Mutter,“ fiel Walburg spöttisch ein; „die Freude

ist die beste Arznei für den Kranken, und was er aus Freuden thut, wird

ihm niemals schaden. Armer Herr Vater, Ihr habt ein gar zu trauriges

Leben geführt, dabei kann niemand gesunden. Aber das soll nun alles

anders werden!“

Bald stand der Wein auf dem Tische, die silbernen Becher klangen

grüßend aneinander. „Und nun erzählt uns von Eurem Leben in diesen

zehn Jahren, Veit,“ rief Herr Werner frohgelaunt, „weiß ich doch nichts

von Euch, seit Ihr meine herzliebe Tochter in die weite Ferne entführt

habt.“

Junker Veit that einen tiefen Zug und begann zu erzählen, -- man

konnte im Zweifel sein, was er besser verstünde, das Flunkern oder das

Zechen, denn in beidem erschien er als Meister. Er hatte jahrelang

in ungarischen Diensten gestanden, und wenn man ihm zuhörte, mußte

man denken, alle Geschicke Ungarns wären von ihm geleitet worden,

seine Kühnheit hätte dem glänzenden Matthias Corvinus auf den

Königsthron geholfen, sein tapferes Schwert in unzähligen Schlachten

die hereinstürmenden Türken von den Grenzen des Reichs zurückgedrängt,

sein scharfer Blick Verschwörungen entdeckt und vereitelt. Frau Walburg

unterstützte den Bericht ihres Eheherrn durch eingestreute Bemerkungen

über die Ehrenbezeigungen, mit welchen man denselben am ungarischen

Hofe überhäuft, und an denen auch sie vollen Teil gehabt habe, über

die reiche Beute, welche er aus den Türkenkriegen heimgebracht, und

erging sich in prunkenden Beschreibungen des Glanzes, in welchem sie

dort gelebt hätten. „Warum habt ihr denn diesen Schauplatz der Ehren

verlassen?“ fragte Frau Kunigunde trocken.

„Mich zog es unwiderstehlich zu dem teuren Vater und der geliebten

Heimat zurück,“ erwiderte Walburg, indem sie zärtlich des Ritters Hand

drückte, „und ich ließ meinem Gatten keine Ruhe, bis er mich aus dem

Prunk der großen Welt wieder in diese liebliche Stille geführt hatte.“

„Mich trieb auch noch ein anderer Grund von dannen,“ sagte Junker Veit

mit zwinkernden Augen, indem er den langen Zwickelbart strich; „so

lange König Matthias meinen Arm gegen die Türken gebrauchte, stand ich

ihm gern zu Diensten, als er sich aber gegen die Kaiserliche Majestät

von Deutschland wendete, als er Kaiser Friedrich aus seiner eignen

Residenz vertrieb -- da empörte sich mein deutsches Herz, und ich sagte

ihm den Gehorsam auf. Glaubt mir, Herr Vater, es war mir ein tiefer

Kummer, als wir auf unserm Wege dem Kaiser begegneten, der als ein

Flüchtling mit einem Gespann Ochsen seine Straße dahinzog und an einer

Klosterpforte um Zehrung und Obdach bat.“

„Ihr seid ein wackerer Mann, Veit von Rotenhahn,“ rief Herr Werner

herzlich und schüttelte die Hand des schlauen Erzählers mit kräftigem

Druck; „Ihr habt recht gethan, denn wenn auch Friedrich wenig

königliche Größe zeigt, so bleibt er doch immer unser Herr, und

mein Geschlecht hat sich stets durch seine Treue gegen den Kaiser

hervorgethan. Mir ist es lieb, daß auch mein Eidam solche Gesinnung

hegt und bewährt.“

Es war schon spät am Abend, als man sich trennte; Balduin und Emmo, die

beiden Söhne der Rotenhahns, lagen längst in einem Winkel der Halle in

tiefem Schlaf. Aber Frau Kunigunde blieb auf ihrem Lager noch lange

wach, ihr Herz war tief bedrückt, und sie sah schweren Tagen entgegen.

Am nächsten Morgen fühlte Herr Werner sich kräftiger, als seit

langer Zeit; er hob es rühmend hervor, wie wohl ihm die Freude des

Wiedersehens und der gute Wein gethan hätten, und Walburg triumphierte.

Mit Ulrich that sie überaus freundlich und empfahl ihm ihre lieben

Söhnlein als gute Spielkameraden; als aber Irmgard hereinkam, nahm ihr

Gesicht den Ausdruck unangenehmer Überraschung an. „Ich wußte nicht,

daß Ihr noch solch ein ungefiedertes Vöglein im Nest habt, Herr Vater,“

sagte sie spöttisch. „Aber wie bleich und krank es aussieht! schwerlich

werdet Ihr es aufwachsen sehen!“

„Du irrst, meine Tochter,“ versetzte der Ritter, „dies Kind steht

unter besonderer Obhut der heiligen Jungfrau, die es sicher nicht dazu

vom Tode errettet hat, damit es uns noch einmal entrissen werde. Seit

jener schweren Krankheit ist es so blaß geblieben, aber es ist trotzdem

frisch und gesund.“

„Seltsam!“ sagte Walburg, welche die Kleine aufmerksam betrachtete,

„ihre Züge zeigen nicht die geringste Ähnlichkeit, weder mit Euch, Herr

Vater, noch mit Eurer Gattin. Man könnte glauben, Ihr hättet einen

Findling in Euer Haus aufgenommen.“

Frau Kunigunde schlang ihren Arm um Irmgard, als müßte sie sie

schützen. „Ich weiß nicht, wie Ihr so reden mögt, Walburg,“ versetzte

sie mit zitternder Stimme, „das Kind hat ein Maltheim’sches Gesicht:

dunkle Augen und helles Haar, grade wie Euer Vater, als er noch jung

war.“

„Meint Ihr, Frau Mutter?“ fragte Walburg in scharfem Ton, „mich

dünkt, es gehören ganz besondere Augen dazu, um solche Ähnlichkeit zu

finden.“ --

Frau Kunigundens bange Ahnung erwies sich als nur zu gut begründet:

böse Wochen zogen an Burg Maltheim vorüber. Nach kurzer, scheinbarer

Genesung warf ein heftiger Rückfall den Ritter in sein altes Leiden

zurück: stöhnend lag er auf seinem Lager, wollte niemand sehen und

ließ alle seine Schmerzen und seine üble Laune an seiner getreuen

Gattin aus, der jetzt keiner mehr die Pflege des Kranken streitig

machte.

Unterdessen wurden die Gäste mit jedem Tage anmaßender und

anspruchsvoller. „Ihr helft uns wohl mit ein wenig Wäsche und

Kleidern aus, bis unsre Packwagen nachkommen,“ sagte Walburg kühl und

durchstöberte rücksichtslos die wohl geordneten Truhen der Hausfrau,

denen sie alles entnahm, was ihr und den Ihrigen nützlich sein konnte.

Das Zurückgeben machte ihr wenig Sorge; die Wagen kamen nicht, und die

Seelenruhe, mit der das Ehepaar die verspätete Ankunft seiner Habe

erwartete, ließ schließen, daß dieselbe nie von Ungarn abgegangen

sei. Junker Veit ritt indessen Herrn Werners Pferde, jagte mit seinen

Hunden, trank seine Weine und zankte sich mit seinem Hausmeister, wenn

dieser ihm nicht in allen Stücken zu Willen war. Emmo und Balduin waren

zwei Rangen, die in schrankenloser Freiheit aufgewachsen waren; von

ihrer Mutter abwechselnd gehätschelt und beiseite geschoben, von ihrem

Vater kaum beachtet, waren Junker Veits kräftige Fäuste das einzige,

wovor sie Respekt hatten, denn die pflegten freilich, wo sie zugriffen,

auch deutliche Spuren zu hinterlassen. Ulrich ging den Vettern, so weit

wie möglich, aus dem Wege; ihre rohen Scherze flößten ihm unendlichen

Widerwillen ein, und er widmete sich mit größerem Eifer, als je, den

Lehrstunden bei Pater Benedikt; Irmgard weinte, sobald sie die wilden

Buben sah, und die weibliche Dienerschaft befand sich stets im Zustande

der Empörung wider die Knaben, die keinen Hund und keine Katze, kein

Huhn und keine Ente schonten, und an Menschen und Tieren ihre boshaften

Streiche ausübten.

Und wie die Herren, so die Diener; der schwarze Janko und der lahme

Miklos, zwei echte Heiducken aus den innersten Steppen Ungarns, waren

in der Gesindestube bald ebenso ungern gesehen, wie ihre Gebieter in

der Halle: sie stahlen wie die Raben, logen, als würden sie dafür

bezahlt, fluchten in ihrem fremdländischen Kauderwelsch ganz lästerlich

und ließen bei jedem Streit die scharfen Klingen ihrer langen Messer

zwischen den Fingern blitzen, so daß der alte Daniel seine liebe Not

damit hatte, Ruhe und Frieden unter der Dienerschaft aufrecht zu

halten. So kam es, daß kaum ein Tag verging, an dem nicht der Wunsch,

die lästigen Eindringlinge los zu werden, auf aller Lippen gelegen

hätte.

Walburg saß in der tiefen Fensternische ihres Gemaches und zog mit

langen Stichen die Risse in den Wämsern ihrer hoffnungsvollen

Sprößlinge zusammen, als Junker Veit eintrat und sich laut gähnend

auf sein Lager warf. Er beschäftigte sich eine Weile damit, ein schön

gesticktes Kissen auf der Spitze seines langen Dolches tanzen zu

lassen, wobei es ihn wenig kümmerte, wenn dieser das Zeug durchschnitt

und die Federn herausstäubten. „Ich habe es satt, hier noch länger den

Tugendhaften zu spielen,“ brummte er endlich unwirsch, „die Langeweile

tötet mich.“

„Besser die Langeweile, als der Hunger oder der Strang,“ versetzte

seine Gattin; „du weißt am besten, wie nahe dir beides war.“

„Hexe!“ murmelte er und warf ihr einen stechenden Blick zu. „Strenge

dein Hirn an, einen andern Plan auszusinnen; in diesem öden Nest mag

ich nicht länger bleiben.“

„So geh deiner Wege, wohin du willst; glaubst du, Frau Kunigunde werde

dich fußfällig bitten, zu bleiben? sie ist unser längst überdrüssig,

und der Alte auch; deine schön aufgeputzten Lügen konnten es ihm doch

nicht lange verhehlen, welch ein Erzschelm dahinter steckt.“

„Weib, reize mich nicht!“ rief Veit grollend, „ich bin nicht in der

Laune für Sticheleien.“

„Nur gemach, lieber Herr,“ sagte Walburg, „seid nur nicht gleich so

hitzig, sondern laßt uns vernünftig über die Sache reden; was begehrt

Ihr eigentlich von mir?“

„Ich wollte dir auch raten, verständig zu sein,“ brummte er. -- „Sage

deinem Alten, er solle uns ein Schlößchen geben, in dem wir unsre

eignen Herren sind, -- ich bin es müde, mir jeden Trunk Wein vom alten

Daniel zu erbitten.“

„Und wovon sollen wir dort leben? Willst du ein Bauer werden und die

Scholle beackern, damit wir Brotkorn gewinnen?“

„Weit gefehlt! Gieb mir nur eine Landstraße zu ritterlichem Erwerb; ein

einziger, glücklicher Fang eines Nürnberger Krämerzuges macht uns für

viele Wochen satt.“

„Ich will es versuchen,“ sagte Walburg nach kurzem Besinnen, „aber dann

gieb auch zu, daß ich dein kluges, wackres Weib bin, das du gar nicht

entbehren kannst.“

„Meinetwegen,“ versetzte Veit nachlässig, „du bist die schlechteste

nicht, nur deine Zunge ist allzu spitz und giftig, und das macht mich

manchmal wütend; halte sie besser im Zaum.“

Die Wünsche der Rotenhahns fanden bei dem Ritter ein willigeres Ohr,

als jene erwartet hatten; selbst er hatte allmählich eingesehen, daß

ein längeres Zusammenleben keinem zum Heil gereichen würde. Er besaß

außer Maltheim noch Hohenheiligen, dessen Flur er an Herrn Ebner

verpfändet hatte, doch gehörte die alte Burg nicht in das Pfandlehen

hinein. Freilich war sie in der großen Nürnberger Fehde arg verwüstet

und teilweise niedergebrannt worden, aber ein Flügel stand noch

und ließ sich mit geringem Aufwand bewohnbar machen. Junker Veit

ritt hinüber und fand die Lage günstig; die Burg stand am Rande des

Reichswaldes, der den dürren Sandboden um Nürnberg auf Meilen weit

bedeckte; bis zur Heerstraße war es nur ein mäßiger Ritt. Er sah im

Geiste schon die langen Warenzüge der reichsstädtischen Kaufleute dort

vorübergehn und in seine Hände fallen; in bester Stimmung rüstete er

sich zum Umzuge.

An einem sonnigen Morgen brach die Familie mit Janko und Miklos auf,

ein schwer beladener Packwagen mit dem nötigsten Hausrat begleitete

sie. Der Tag ward von den Bewohnern von Maltheim als ein Freudenfest

begangen, aber von niemand mehr, als von Frau Kunigunde und Ulrich.

Mehr als einmal sahen sich die Mägde verstohlen lächelnd und

verständnisvoll an, wenn aus dem Munde der Edelfrau, mitten unter ihren

häuslichen Beschäftigungen, singende Töne hervorbrachen, als könne sie

die Freude ihres Herzens gar nicht unterdrücken. Abends kam Ulrich

freudestrahlend zum Ritter. „Denkt nur, Herr Vater, heute habe ich

drei Spatzen im Fluge mit dem Bolzen erlegt; Lukas sagt, es sei ein

Meisterschuß.“

„Sieh da, mein Knabe,“ sagte Herr Werner angenehm überrascht, „treibst

du auch ritterliche Künste neben der Büchergelehrsamkeit?“

„Ei freilich, Herr Vater; ich habe mich fleißig im Schießen geübt, ich

möchte alles lernen, was Euch wohlgefällt.“

„Das ist brav, mein Junge,“ versetzte der Alte und strich ihm

freundlich über die langen Locken, „vergiß es nie, daß du der Sproß

eines der edelsten Häuser im Frankenlande bist.“ --

So waren Ruhe und Frieden wieder in Maltheim eingekehrt, die auch der

Ritter wohlthuend empfand, obgleich er nichts darüber sagte. Junker

Veit ließ sich selten blicken, und wenn Walburg auch zuweilen zum

Besuch herüberkam -- sie that es nur, wenn die Not sie trieb, und hatte

stets eine Menge von Wünschen vorzubringen --, so ließ sich das schon

ertragen, denn es war doch immer ein baldiges Ende abzusehn.

[Illustration]

Fünftes Kapitel.

Das letzte Opfer.

Über der zitternden Stadt schwingt ihre Geißel die Seuche,

Folget dem Flüchtling selbst bis in das sichre Asyl.

Der Sommer war vorüber, er hatte den Nürnbergern nur wenige ungetrübte

Tage gebracht. Drückende Schwüle, heftige Gewitter und viel Regen

hatten miteinander abgewechselt, und mühsam hatte man die Ernte von

den Feldern eingebracht, die unter solchen Umständen keine reiche

und erfreuliche sein konnte. Unter den wohlhabenderen Reichsstädtern

war kaum einer, der nicht ein ländliches Grundstück besessen hätte,

die kleineren Bürger hatten wenigstens ein Stückchen Land gepachtet

oder zu eigen, worauf sie ihren Kohl und etwas Korn bauten; daher

war auch in der Stadt die Mehrzahl der Einwohner an dem Ertrage des

Feldbaus unmittelbar beteiligt. -- Auch der Herbst schien es nicht

besser im Sinn zu haben, als der Sommer; keine Woche verging, in der

nicht gewaltige Regengüsse herabgestürzt wären und die Straßen in

Bäche verwandelt hätten, aus denen die großen Steine des Bürgersteiges

wie Inselchen hervorguckten. Nachts ließen sich am Himmel allerlei

merkwürdige Zeichen sehen, ungewöhnliche Konstellationen der Sterne,

welche die Eingeweihten sehr bedenklich machen; alte, erfahrne

Leute schüttelten bedeutungsvoll die Köpfe und sprachen in düsterem

Prophetenton von Pestilenz und teurer Zeit, wohl gar von einem Kriege

mit dem Türken. Die Erfüllung dieser bösen Anzeichen ließ auch nicht

lange auf sich warten, die Preise stiegen infolge der mangelhaften

Ernte sehr hoch, und im November fing man an zu munkeln, daß hier und

da in den ärmeren Stadtteilen ein Fall von Pest vorgekommen sei. Man

suchte anfangs diese traurige Thatsache möglichst geheim zu halten;

als aber im Februar die Kälte nachließ und Tauwetter eintrat, als über

dem durchweichten Erdboden eine dicke, schwere Nebelluft lagerte und

giftige Dünste aufstiegen, -- da konnte kein Zweifel mehr sein: die

Pest herrschte in Nürnberg und forderte täglich ihre Opfer, die sie

bald nicht allein aus den Reihen der Armen und Geringen, sondern auch

aus den Häusern der Reichen und Vornehmen wählte.

Eines Morgens ward zu ungewöhnlich früher Stunde an die Thür des

Ebnerhauses gepocht: Jungfer Magdalene Löffelholzin stand davor, ein

großes Bündel im Arm; sie sah bleich und verstört aus. „Ihr bringt

schlimme Kunde, Base Lene!“ rief ihr Frau Ursula erschrocken entgegen,

„was ist Euch begegnet?“

„Die Pest ist bei uns eingekehrt,“ versetzte sie mit zitternden Lippen,

„ich sprach gestern noch mit meiner Wirtin und gab ihr etwas zur

Stärkung für ihren kranken Mann, -- heute sind beide tot, die Magd ist

fortgelaufen -- mir graute in dem öden Hause -- wollt Ihr mich gütig

bei Euch aufnehmen?“

„Gern, Base Lene; wie oft habe ich es Euch schon angeboten, aber Ihr

wolltet ja durchaus Euer eigner Herr bleiben. Ihr wißt, Euer Stübchen

oben im Giebel steht immer für Euch bereit. Legt schnell Haube und

Mantel ab, ein warmes Süpplein wird Euch wohlthun.“

Eben trug die Magd die dampfende Morgensuppe auf und stellte Brot, Eier

und Speck daneben; eine Glocke rief die Hausgenossen zum Frühstück

zusammen. Am oberen Ende der langen Tafel saß der Hausherr, zu seiner

Rechten die etwaigen Gäste, links die Kinder und die Hausfrau. Weiter

abwärts schlossen sich die Schreiber und Lehrlinge der Handlung,

die Knechte und Mägde des Hauses an; alle standen ehrerbietig mit

gefalteten Händen hinter ihren Stühlen, bis Berthold das Gratias

gesprochen und die Herrschaft sich niedergesetzt hatte. Es wurde

wenig gesprochen; wen der Herr oder die Frau nicht anredete, der that

seinen Mund nicht auf, aber es ward tüchtig und ohne Scheu gegessen,

und die großen Schüsseln gingen fleißig von Hand zu Hand. Erst, als

die Hausgenossen mit einem „Gesegne es Gott!“ sich entfernt hatten,

erzählte Magdalene Herrn Wilibald, was sie so früh hierher getrieben.

„Mein Haus, Jungfer Base, steht Euch allezeit offen,“ sagte er mit

ernster Freundlichkeit, „aber wie lange wird es noch eine Sicherheit

gegen die Seuche darbieten? Wenn es so fortgeht, muß ich die Meinen

fortschicken, doch wo sie bleiben, wird es auch für Euch einen Platz

geben.“

Im Banne der freien Reichsstadt · 第 6 / 16 题