Für das reifere Mädchenalter

von

Brigitte Augusti.

Motto:

Dienen lerne bei Zeiten das Weib nach seiner Bestimmung;

Dienet die Schwester dem Bruder doch früh, sie dienet den Eltern,

Daß sie ganz sich vergißt, und leben mag nur in andern!

(Goethe.)

Mit vielen Abbildungen von Professor Woldemar Friedrich.

Vierte Auflage.

[Illustration]

Leipzig,

Ferdinand Hirt & Sohn.

1897.

Alle Rechte vorbehalten.

Vorbemerkung der Verlagsbuchhandlung.

Die allgemeine Anerkennung, welche dem ersten Bande von „+An deutschem

Herd+“, betitelt „+Edelfalk und Waldvöglein+“, gleich bei Erscheinen

zu teil geworden ist, hat uns die wohlthuende Bestätigung gebracht,

daß unser Gedanke ein glücklicher war: Frau +Brigitte Augusti+ zur

Veröffentlichung einer Serie von kulturgeschichtlichen Erzählungen

für die reifere weibliche Jugend aufzufordern. Zumeist wird derselben

ja viel leichtere Kost geboten; wir haben uns hierüber in unserer

Vorbemerkung zu Edelfalk und Waldvöglein ausgesprochen.

Daß die „Erzählung“ auch in diesem Bande die Leserinnen befriedigen

wird, dürfen wir hoffen nach dem großen Erfolg, den die bisher

erschienenen Schriften +Brigitte Augustis+ errungen haben; steht es uns

als den Verlegern auch nicht zu, unsern eigenen Verlag zu loben, so

können wir jedenfalls der Überzeugung Ausdruck geben, daß auch dieser

zweite Band von „An deutschem Herd“ nichts der Jugend „Ungesundes“

enthält.

Der +geschichtliche, beziehentlich kulturgeschichtliche Inhalt+ der

vorliegenden Erzählung ist ein reicher und abwechslungsvoller: das

tyrannische Regiment Karls des Kühnen von Burgund, das kluge Walten

des Kurfürsten Albrecht Achilles von Brandenburg, die Vereinigung der

Krone von Burgund und der der Habsburger durch die Heirat Maximilians

und Marias, der Bauernkrieg und die beginnende Reformation bilden den

geschichtlichen Hintergrund.

Die Erzählung spielt (wie der Titel besagt) wesentlich in und um

Nürnberg; seine bürgerlichen Einrichtungen, im Gegensatz zu dem sich

auflösenden Rittertum, werden, mit freier Benutzung älterer Schriften

ähnlichen Inhalts, geschildert; das Leben und Wirken der Künstler

Nürnbergs, die Bestrebungen der Meistersinger, die kirchlichen

Verhältnisse vor der Reformation finden sich berücksichtigt. Daneben

ist das Augenmerk der Verfasserin stets darauf gerichtet geblieben,

interessante Einzelheiten aus dem Kleinleben, z. B. über Trachten,

Geräte, Inneres der Häuser u. a. m., an geeigneter Stelle einzuflechten.

So glauben wir denn mit Recht auch diese Schrift Brigitte Augustis der

wohlwollenden Beachtung von +Eltern und Erziehern+ empfehlen zu dürfen.

+Leipzig.+

=Ferdinand Hirt & Sohn.=

Prolog.

Willkommen seid, die gütig Ihr geneigt,

Von unserm Spiel das zweite Stück zu sehen!

Kein Lustspiel ist’s, ein ernstes Antlitz zeigt

Die Zeit, auf deren Boden heut’ wir stehen;

Denn vieles, was uns groß schien, sank in Staub,

Und manches Gute ward des Bösen Raub.

Die holde Poesie, sie ist entflohn,

Die einst mit Sang und Klang die Welt erfüllte,

Die von der niedern Hütte bis zum Thron

Mit schönem Schein die Wirklichkeit umhüllte.

Nicht führt das Kreuz den Ritter mehr zum Sieg:

Rauflust und Beutegier bestimmt den Krieg.

Der freie Bauer ward zum „armen Mann“,

Schwer drückt das Joch der Herren seinen Rücken.

Schon grollt’s wie dumpfer Donner dann und wann,

Schon sieht von ferne man die Blitze zücken.

Blut und Zerstörung birgt der Wolken Schoß:

Weh Herrn und Knechten, bricht das Wetter los!

Was Großes, Gutes noch besitzt die Welt,

Das flüchtet in der Städte feste Mauern;

Und wenn das Rittertum in Trümmer fällt --

Treufest wird es der Bürger überdauern.

Die ems’ge Arbeit füllt ihm Haus und Schrein,

Und Kunst und Wissenschaft ziehn bei ihm ein.

Noch beugt er sich der Kirche Machtgebot,

Noch kann nur Priesterwort die Seele retten;

Doch eines neuen Tages Morgenrot

Verheißt Befreiung schon von Geistesketten. --

Nun schaut ob uns das ernste Spiel gelang,

Und nehmt für güt’ge Nachsicht Gruß und Dank!

Erstes Kapitel.

Afras Heimkehr.

In den gewaltigen Baum fährt zündend das Feuer des Kriegsgotts;

Wehe der Vöglein Schar, welche dort Nester gebaut!

Die glorreiche Zeit der Hohenstaufen war längst vorüber; an poetischer

Schönheit, Glanz und Größe jedem andern Königsgeschlecht auf Erden

überlegen, waren sie doch innerhalb eines Menschenalters von der

höchsten irdischen Höhe hinabgestürzt und erloschen, -- der letzte

Sproß eines mächtigen Hauses, welches Deutschland sechs Herrscher

gegeben hatte, war ohne Land und Leute zu Neapel auf dem Blutgerüst

gestorben. Der Untergang der Hohenstaufen schien auch den Verfall

deutscher Kraft und Herrlichkeit zu bedeuten; überall herrschte

Auflösung und Kampf, die Macht des Gesamtreiches zerbröckelte in

unzählige kleine Staaten, Fürsten und Städte suchten nur noch das eigne

Wohl und fragten wenig nach dem Gedeihen des Ganzen. Wohl bestieg

hin und wieder ein Kaiser den deutschen Thron, der mit kraftvoller

Hand in das Chaos eingriff und die Geschicke des Reiches in festere

Bahnen lenkte: ein Rudolf von Habsburg, ein Heinrich der Siebente von

Luxemburg umgaben die Krone noch einmal mit dem Glanz einer mächtigen

Persönlichkeit, -- aber sie konnten den Verfall nur aufhalten,

nicht dauernd verhüten. Im Innern stritten Deutsche wider Deutsche:

die großen Städte vereinigten sich zu festen Bündnissen gegen die

benachbarten Fürsten, diese standen gegen den Kaiser in Waffen, von

außen aber drohten mächtige Feinde von allen Seiten. In der ersten

Hälfte des 15. Jahrhunderts verwüsteten die böhmischen Hussiten die

angrenzenden deutschen Lande mit Mord und Brand; später drängten

in wildem Fanatismus die türkischen Scharen, welche das morsche,

oströmische Reich erobert hatten, gegen Ungarn und Deutschland vor; im

Westen breitete ein gewaltiger Gegner, der Herzog von Burgund, seine

Herrschaft immer weiter aus und brachte manches schöne Reichsland unter

sein Scepter.

Solchen Männern gegenüber saß auf Deutschlands Kaiserthron um diese

Zeit ein Mann, der so großen Gefahren wenig gewachsen war. Friedrich

der Dritte war ein Philosoph, der sich bei astrologischen Träumereien,

Gartenzucht und Heilkunde über den schlimmen Lauf der Welt tröstete. Er

besaß keine einzige große königliche Eigenschaft; mit zäher Berechnung

verfolgte er ein halbes Jahrhundert hindurch nur ein einziges Ziel,

das, seine österreichische Hausmacht zu vermehren. Er selbst klagte,

daß „das Reich voll Gewaltthätigkeit, Mord und Brand sei, davon es gar

schädlich gemindert werde,“ aber er fand kein Mittel, dem Verderben zu

steuern.

Man schrieb das Jahr 1468. Mit einem starken Heer lag der

Burgunderherzog Karl der Kühne vor den Mauern von Lüttich; er

hatte einen hohen Schwur gethan, dasselbe für seine wiederholte

Widersetzlichkeit furchtbar züchtigen zu wollen. Die Stadt hatte

seit alter Zeit zum Deutschen Reich gehört, in allen kirchlichen

Dingen hatte der Erzbischof von Köln die oberste Entscheidung.

Widerwillig fügte sie sich dem burgundischen Regiment und befand sich

in stetem Widerstreit gegen den aufgedrungenen Bischof, der ein naher

Verwandter des Herzogs war. Die strengsten Strafen hatten den kühnen,

trotzigen Geist der Einwohner nicht zu brechen vermocht; aufs neue

hatten sie sich erhoben, um ihre Freiheit und Selbständigkeit gegen

den herzoglichen Statthalter zu verteidigen, und mit dem Mute der

Verzweiflung wehrte sich jetzt die Bürgerschaft gegen den Angriff des

Herzogs, welcher mit einer Anzahl gewaltiger Geschütze ihre festen

Mauern bedrohte.

Schon acht Tage lang tobte der erbitterte Kampf, und auf beiden Seiten

war eine Pause der Ermüdung eingetreten. Der Donner der Kartaunen war

endlich verstummt, die Einwohner atmeten nach der furchtbaren Spannung

freier auf. An der Thür eines kleinen Hauses stand in der Abendstunde

ein junges Weib und schaute mit angstvollem Blick die Straße hinab, auf

der jetzt bewaffnete Männer, einzeln und in Gruppen, vorübereilten.

„Habt Ihr den Matthias Fiedler nicht gesehen, Nachbar?“ rief sie dem

einen und dem andern Bekannten zu, doch erhielt sie keine Antwort,

außer einem flüchtigen Kopfschütteln; es hatte eben keiner Zeit, an den

Nächsten zu denken. Jetzt kam ein Mann daher, müden Schrittes schleppte

er sich weiter, tödliche Erschöpfung war seiner ganzen Erscheinung

aufgedrückt. Sie flog ihm entgegen und legte stützend den Arm um ihn.

„Kommst du endlich, mein Matthias?“ sagte sie liebevoll, „o wie habe

ich mich um dich geängstigt! ich meinte schon, ich sollte dich niemals

wiedersehen!“

„Es fehlte nicht viel, so wäre ich auf dem Wall liegen geblieben,“

erwiderte er langsam; „es war harte Arbeit, und die neuliche Wunde

schmerzt noch immer. Doch -- den Heiligen sei Dank! -- jetzt darf ich

eine Weile ruhn.“

Sie führte ihn in das Haus, wo ihnen ein zehnjähriger Knabe

entgegenkam; Mutter und Sohn beeiferten sich, dem Vater die Rüstung und

die schweren Waffen abzunehmen, und bald streckte er sich behaglich auf

dem bereitstehenden Lager aus. Erst, als er sich mit Speise und Trank

gestärkt, that die Frau einige Fragen nach dem Stande der Dinge. „Für

die nächsten vierundzwanzig Stunden ist nichts zu fürchten,“ versetzte

Matthias, „unsre Kundschafter brachten uns Botschaft, daß Herzog Karl

selbst der Ruhe bedarf. Freilich ist’s nur ein kurzer Aufschub; morgen,

zu Allerheiligen, werden die Geschütze schweigen, danach aber müssen

wir uns auf einen Sturm gefaßt machen. Mögen Gott und alle vierzehn

heiligen Nothelfer uns beistehen, daß wir der Gewalt des furchtbaren

Herzogs nicht erliegen -- sonst würde es uns schlimm ergehen.“

Zitternd drückte die Frau seine Hände und schlang den Arm um den

Knaben, der aufmerksam, mit weit geöffneten Augen, zugehört hatte.

„Warum sind wir nicht geflohen, ehe die Belagerung begann!“ klagte sie

leise; „warum müssen wir, die wir hier fremd sind, all dieses Ungemach

ertragen? O, hätten wir nie die teure Heimat verlassen, wären wir nie

in dieses Land gekommen, das uns in sein Verderben hineinzieht!“

„Arme Afra!“ versetzte er wehmütig, „warum hast du dein Leben an das

meine geknüpft? habe ich doch nur Unruhe, Mühe und Sorge über dich

gebracht! Und du hättest daheim so friedlich und wohl behütet leben

können!“

„Nein, nein!“ rief sie lebhaft und schloß ihm die Lippen mit einem Kuß,

„sprich nicht so, Matthias! Tausendmal lieber mit dir in Lüttich zu

Grunde gehen, als in Nürnberg ohne dich ein ruhiges Leben führen! Es

ist auch nicht um mich, wenn ich klage, nur um die Kinder -- um unsern

Hans und die kleine Matthäa --, das Mutterherz blutet, wenn es denkt,

daß ihnen ein Leides geschehen könnte! Aber nun schlafe, teurer Mann,

und sammle neue Kraft, du wirst sie brauchen.“

Die Nacht verging ruhig; am nächsten Morgen luden alle Glocken der

zahlreichen Kirchen Lüttichs zur Feier des Allerheiligenfestes ein.

Zu Tausenden drängten sich die Einwohner um die Altäre; fühlte doch

ein jeder, daß ohne höhere Hilfe sicheres Verderben das Los der Stadt

sein müsse. Auch Afra war in die nächste Kirche geeilt, während

Matthias noch schlief und die kleine einjährige Matthäa der Obhut ihres

Bruders Hans übergeben war. Heiße, brünstige Gebete stiegen zu allen

Heiligen des Himmels empor; nie hatte man eine andächtigere Menge vor

ihren kostbaren Schreinen und Altären versammelt gesehen. Da scholl

plötzlich der dumpfe Ton der Sturmglocke in den Gesang der Gemeinde

hinein; zugleich dröhnten die burgundischen Kartaunen, und wildes

Geschrei erklang von den Wällen. Entsetzt stob die Menge auseinander;

in tobender Angst drängte jeder hinaus, die Frauen stürzten in ihre

Häuser, die Männer auf ihre Posten, die vorher jedem sorgsam angewiesen

worden waren. An allen Gliedern bebend, erreichte Afra ihr Haus: schon

war Matthias vom Lager aufgesprungen und wappnete sich in atemloser

Hast. „Der Herzog hat uns überrumpelt -- Gott sei uns gnädig -- halte

alles zur Flucht bereit ...“ -- ohne Abschiedsgruß war er davon

gestürmt.

In halber Betäubung raffte Afra die notwendigsten Sachen zusammen und

packte sie in ein Bündel, schnürte die kleine Matthäa in Betten ein und

rüstete Hans für die Reise aus. Dann setzte sie sich nieder, drückte

ihre Kinder fest an sich und schaute mit brennendem, thränenschwerem

Blick um sich. Wie freundlich sah es in dem Häuschen aus! mit welcher

Freude hatte sie ein Stück nach dem andern angeschafft, war doch jedes

ein Merkmal des Fleißes und der Kunstfertigkeit ihres Matthias, die

hier so reichen Lohn gefunden, daß sein unbezwinglicher Wandertrieb

endlich zur Ruhe zu kommen schien. War auch in ihrer Seele das Heimweh

nie erloschen, so war sie doch dankbar gewesen, hier in Lüttich eine

bleibende Stätte zu finden, -- und nun sollte sie alles verlassen und

flüchtig in die Welt hinaus ziehn! -- o, es war sehr bitter, und das

Herz zog sich ihr krampfhaft zusammen vor Kummer und namenloser Angst.

[Illustration:

(S. 12.)

Im Banne der freien Reichsstadt · 第 5 / 16 题