Jetzt will ich aber sehen, seßhaft zu werden, dachte Schlupps. Das ist
kein Leben, immer in der Welt herumzufahren und von allen Menschen
scheel angesehen zu werden als Müßiggänger und Tagedieb und nichts zu
tun zu haben, als seinen Spott mit ihnen zu treiben. Doch was beginnen?
Ein Handwerk ausüben war nicht nach seinem Sinn. Das Schulmeistern noch
einmal anzufangen lockte ihn nicht. Als Ritter umher zu ziehen, Bauern
und ungerechte Richter züchtigen, hätte ihm am besten gestanden.
Schließlich hoffte er auf den Zufall, der immer der Freund der
Herumwandernden war und ihn gewiß an die rechte Stelle führen würde. Und
sein Glaube sollte nicht trügen. Eines Tages kam er in eine Gegend, die
ihm bekannt vorkam und die er seines Wissens noch nie gesehen. Schwarze
Fahnen waren in Abständen in den Boden gesteckt. »Was bedeutet das?«
fragte Schlupps einen Mann, der langsamen Schrittes die Straße daher
kam. »Unser guter König ist tot,« sagte der. »Schon seit Wochen suchen
wir einen neuen. Aber schwer ist der zu finden.« -- »Hat Euer König
denn keinen Sohn?« »Ach nein, Herr, nur eine Tochter. Wer König werden
will, muß die freien. Es waren schon genug Prinzen da: schöne und
häßliche, reiche und arme, dicke und dünne. Aber keiner konnte König
werden, denn er wußte das Wort nicht.«
»Was für ein Wort?« fragte Schlupps erstaunt. »Seht Ihr, Ihr wißt es
auch nicht!« rief der Mann. »Da habt Ihr's, wie sollen es die fremden
Prinzen wissen?« Mehr konnte Schlupps nicht aus ihm herausbringen, so
viel er auch frug. »Ja, das Königsein, das Königsein,« sagte der Mann.
»Ist nicht so einfach, nicht so einfach. Bin froh, daß ich es nicht sein
muß, nicht sein muß.« Damit bückte er sich zu seinem Acker nieder und
fing an, Erdäpfel auszugraben, so dicke und große, wie Schlupps sie noch
nie gesehen. »Mein Nachbar hat noch dickere,« meinte er, als er die
verwunderten Blicke des Fremden gewahrte. »Da kommt er. Töffel, weise
dem Herrn deine Feldfrüchte,« rief er dem Nachbarn zu. Der grüßte: »Jo,
jo, dick. Sehr dick!« »Wieso erreicht Ihr, daß sie so werden?« fragte
Schlupps wißbegierig. Der Angeredete lachte blöde. »Wachsen in der
Erde.« »Natürlich,« gab Schlupps ärgerlich zur Antwort. »Das seh ich.
Was tut Ihr dazu, daß sie so dick werden?« »Weiß nicht. Warte, bis sie
dick sind,« war die Antwort.
Schlupps ließ die Beiden stehen und fuhr weiter. An einem Wirtshause
machte er Halt, stellte seinen Wagen ein und beschloß, die Gegend zu Fuß
zu durchwandern. Überall sah er schwarze Fahnen aufgestellt. Auf sein
Befragen erzählte ihm der Wirt, was es mit dem Königswerden auf sich
habe.
Jeder, der Herrscher im Lande sein wollte, mußte ein bestimmtes Wort
aussprechen, das immer nur der König kannte und auf dem Totenbette
seinem Kanzler anvertraute. Der hatte darüber zu wachen, daß der
Thronbewerber das richtige Wort sage. Habe bis zum vierzigsten Tage nach
dem Tode des Königs niemand das Wort gesprochen, so bleibe das Land ohne
König und es gäbe ein furchtbares Unglück. Denn der König müsse nicht
nur herrschen, sondern auch die neuen Menschen vom Lebensbaume
abschütteln, der im Schloßgarten stände. Sobald im Lande zwei Menschen
gestorben sind, geht der König an den Baum, rüttelt ihn und zwei Kinder
springen herunter, die gleich genau so aussehen wie die Erwachsenen.
Jetzt sei der gute König schon achtunddreißig Tage tot. Die Prinzessin
harre des Gemahls, und noch habe sich keiner gefunden, trotzdem viele
Prinzen da waren und Worte in allen Sprachen geredet hätten.
Die Sache kam Schlupps sonderbar vor. Er ergriff seinen Wanderstab und
frug noch, ehe er weiterschritt: »Wie heißt Euer Land, Herr Wirt?«
»Das Land derer, die nicht alle werden,« war die Antwort.
»Die nicht alle werden,« murmelte Schlupps und wanderte los. An einer
Straßenbiegung sah er einen Mann stehen, der hielt mit seinem Rößlein an
einem leeren Brunnentrog; aber kein Wasser floß aus dem ausgehöhlten
Baumstamm, in dem das Rohr lag. »Was ist hier, guter Freund?« rief
Schlupps ihm zu, als er sah, wie das Pferd mit der Zunge gierig im
leeren Becken nach Wasser suchte. »Es fließt nicht,« klang es zurück.
»Laßt mich sehen; bin eine Art von Brunnenmeister.« Schlupps beugte sich
nieder. »Ei, da steckt ja ein Stein im Rohr, müßt den herausmachen.« Der
andere schüttelte den Kopf. »Das haben gewiß des Nachbars unnütze Buben
getan. Ich zieh ihn nicht heraus.«
»Aber Euer Pferd verdurstet indessen,« sagte der neue Brunnenmeister.
»Will es Euch in Ordnung bringen.«
»Nein! Nein,« beharrte der Bauer. »Wer es hineingetan hat, soll es
wieder herausziehen.« Das Pferd schnappte und wendete kläglich den Kopf
nach seinem Herrn. »Laßt mich Euch helfen, es ist ja nur eine
Kleinigkeit,« bat Schlupps eindringlich; denn er hatte Mitleid mit der
armen Kreatur.
Der Andere sah ihn mißtrauisch an. »Was kümmert's Euch?« brummte er.
»Ist mein Pferd. Wer es hineingesteckt, soll es herausziehen. Ist Eures
Amtes nicht.«
Er hielt die Hand fest auf die Mündung des Rohres gepreßt. Plötzlich
wankte das Pferd, schlug um, streckte alle Viere steif von sich und lag
steif und tot da.
»Ist meinem Nachbar recht geschehen. Sein Pferd wird auch so verdursten,
wenn es an die Tränke kommt.« Damit zog der Bauer dem Vieh das Fell ab,
warf es über die Schulter und wanderte langsam und gemütlich heim.
Schlupps sah ihm erstaunt nach. »Scheinen eigentümliche Leute hier zu
Lande,« murmelte er und wanderte weiter. Er bog in eine Dorfgasse, da
standen Maurer und bauten an einem Haus. Wenn sie einen Stein
hergetragen hatten, stellten sie sich im Kreise auf, befühlten ihn,
schoben ihn hin und her und putzten sich dann die Hände an der Schürze
ab. Dann tauschten sie ihre Meinung darüber aus, wie der Stein den
andern so ähnlich sehe, und endlich hoben sie ihn mit vieler Mühe und
lautem Seufzen hoch und verschmierten die Fugen mit Lehm. Darauf ließen
sie die Flasche kreisen und lobten einander für ihr fleißiges Tun. »Habt
viel Zeit, Kameraden!« rief Schlupps. »Meint Ihr, Herr?« entgegnete der
älteste Maurer. »Irrt Euch sehr. Bis heute sollte das Haus fertig sein.
Seht nur wie wir vor Mühsalen schwitzen.« »Bis heute?« wunderte Schlupps
sich. »Ist ja noch nicht das Kellergeschoß fertig.« »Seht Ihr, der Mann
versteht's,« rief der Maurer. »Habe ich nicht gleich gesagt, wir werden
bis heute nicht fertig. Der Herr ist wohl auch Maurer?«
»Freilich, Baumeister bin ich. Hab' schon manches Schloß hoch über den
Wolken in den Lüften erbaut, dem kein Neider und kein Feind etwas
anhaben konnte.«
»So, so, Baumeister ist der Herr. Ja, ja. Ei, ei, hätt' ich nicht
gedacht. Also Baumeister ist der Herr. Wirklich?« »Ich meine, wir hören
auf,« sagte der Alte bedächtig, »fertig werden wir doch nicht. Da ist es
gleich, ob wir jetzt ein Ende machen oder des Abends. Was meint Ihr?«
Seine Gefährten stimmten ihm zu und legten die Schürze ab. Schlupps
aber, den ihre Langsamkeit und Trägheit verdroß, sagte ernsthaft:
»Recht so, Gevatter. Es geht jetzt in eins hin, und der Neue wird
Euch doch mit des Seilers Tochter verheiraten, so oder so.«
[Illustration: Vor der Königswahl]
Die Handwerker stutzten und sahen den fremden Mann scheu von der Seite
an.
»Ist denn schon ein neuer König da?« fragten sie angstvoll.
»Das wißt Ihr nicht?« staunte Schlupps. »Ei, das pfeifen ja die Spatzen
vom Dache, wie das Wort gelautet hat, 'Arbeite, arbeite,' hat der Neue
gesagt. Jetzt schickt er im Lande herum, und wenn er Leute trifft, die
Maulaffen feil halten und die liebe Tageszeit vergeuden, als wäre sie
eitel Luft, dann fackelt er nicht, und die hier zu viel still gestanden
haben, dürfen in der frischen Luft am Galgen herumtanzen.«
»Wir arbeiten! Wir arbeiten!« schrien die Maurer, ergriffen Hammer und
Kelle und schafften darauf los, daß die Mauern emporschossen.
Und als Schlupps im Weiterwandern sich noch einmal umschaute, erblickte
er das Haus hoch über den Boden emporragend, und lachend zog er fort.
Immer weiter durchzog Schlupps das Land und wunderte sich über die
Menschen, die darin lebten; denn hatte er schon der Torheiten viele
angesehen, so dünkte ihm doch, daß hier die Narren üppiger gediehen denn
anderswo, und einer den andern an Narrheit übertraf. Als er am zweiten
Tage die Hauptstadt betrat, fand er auch dort alle Straßen und Häuser
zum Zeichen der Trauer mit schwarzem Tuch bedeckt. Auf seine Fragen nach
einer Herberge erhielt er nirgends Antwort. Die Leute liefen aufgeregt
durcheinander, denn heute war der letzte Tag der Wahl und war bis dahin
kein König gefunden, dann stand ihnen großes Unglück bevor. Einer
flüsterte dem andern zu, daß wieder fremde Prinzen angekommen seien. Die
Hoffnung auf einen Herrscher war ihnen noch nicht geschwunden.
Schlupps sah um sich, ob er denn keinen fände, der ihm Auskunft geben
könne; da sah er durch ein niedrig gelegenes Fenster in ein Gemach,
darin ein Mann saß. Der hatte einen mächtigen Federkiel hinter dem Ohr
und einen Haufen Papier vor sich.
Er ging in das Haus und öffnete, da auf sein Klopfen niemand antwortete,
die Zimmertür. »Verzeiht, Herr,« sagte er höflich, »wollte Euch bitten,
einem Fremden den Weg zu einer Herberge zu weisen.«
»Habe keine Zeit,« gab der Mann zurück. »Seht Ihr nicht, daß ich die
Papiere zu ordnen habe?« Damit holte er aus der Ecke einen Stoß Bogen,
legte sie auf einen Haufen, sah sorgsam nach, daß nicht eine Ecke über
die andere hinausragte, betrachtete den Haufen bedächtig von allen
Seiten, nahm ihn dann wieder auseinander und schichtete ihn in einer
anderen Ecke wieder auf.
Schlupps kam das Bemühen des Mannes gar sonderbar vor, so daß er sich
einer Frage nicht enthalten konnte. »Was sind das für Papiere, guter
Freund?« sprach er freundlich. »Weiß nicht,« war die mürrische Antwort.
»Die sollte unser König haben. Ist aber gestorben und hat sie nicht mehr
zu Händen bekommen; muß sie jetzt immer säuberlich glätten und falten;
denn ich bin des Königs Bogenleger.«
»Aber wenn Ihr doch keinen König habt, nützt Euer Tun einstweilen
nichts.« »Kümmert mich nicht,« antwortete der Schreiber. »Habe zu
besorgen, was mir aufgetragen wird. Wenn ich fertig bin, fange ich
wieder von vorne an. Sie haben mir gesagt, daß ich das Papier glatt
hinlegen solle.«
Neugierig ergriff Schlupps einige Blätter, schlug sie auf und sah mit
Staunen, daß sie leer waren. »Aber es steht ja nichts darin,« rief er
und blätterte weiter.
»So, so, nichts darin?« sagte der Schreiber trocken. »Ei freilich,
überzeugt Euch selbst. Solltet sie wohl nur dem König zu Händen legen,
wenn er schreiben will.« »Weiß ich nicht,« murmelte der Andere, ergriff
schnell die Blätter, die Schlupps auseinander gerissen hatte und suchte
sie zu glätten.
»Wie heißt Ihr, Fremder?« forschte er. »Nennt mich der Neue,« sagte
Schlupps. »Wißt, Neuer,« knurrte der Bogenleger, »Ihr gefallt mir nicht.
Seid fürwitzig und ein unbequemer Geselle. Wäre besser, Ihr ließet mich
ungestört bei meiner Arbeit. Geht lieber vor das Schloß, wo heute
Königswahl ist und seht zu, ob wir einen Prinzen bekommen. Zeit wär's.«
Schlupps verließ ihn und schloß sich der Menschenmenge an, die auf dem
weiten Platz vor dem Schlosse flutete. Dicht gedrängt standen sie; aber
kein unfreundliches Wort war zu hören, wenn auch manchmal das Gedränge
arg war. Stumm harrten sie, und was Schlupps am meisten verwunderte,
war, daß alle einander so ähnlich sahen, wie ein Ei dem andern, und man
meinte, immer dasselbe Gesicht in einem tausendfältigen Spiegel zu
sehen.
Jetzt ertönten Trompetenstöße. Aus dem Schlosse kam ein Zug stattlicher
Ritter und Frauen geschritten. Sie scharten sich um den Thron, zu dem
der Kanzler die Prinzessin feierlich geleitete. Die Königstochter hielt
die Augen gesenkt; als sie aber einmal den Blick hob, bemerkte Schlupps,
daß die Wunderschöne teilnahmslos und gleichgiltig in die Ferne sah, als
habe sie keine Wahrnehmung von dem, was um sie geschehe.
»Prinzessin,« fragte der Kanzler laut, »seid Ihr gewillt, den zum Gatten
zu nehmen, der das rechte Wort findet, wer es auch sei?« Sie neigte
zustimmend das Haupt. »Ich tue, wie es Brauch ist,« sagte sie mit
gleichmütiger Stimme. Dann stieg sie die Stufen des Thrones hinauf,
setzte sich nieder und schaute träumenden Blickes auf die Volksmenge.
Der Herold stieß in das Horn.
Hervor trat der erste Prinz. Es war ein dürres Männchen; die spärlichen
Haare bedeckte eine hohe Mütze, an der bunte Bänder herunter hingen.
Sein Kleid prangte in bunten Farben und seine spitzen Hackenschuhe
erregten das Verwundern der Mädchen und Frauen. Er legte die rechte Hand
auf die Brust, verneigte sich vor der Prinzessin, nickte grüßend zu dem
Volke hinüber und sagte mit krähender Stimme: »Herr Kanzler! Ich bin ein
Königssohn. So habe ich meinen Ministern Auftrag gegeben, das Wort für
mich zu finden. So viel sie nachdachten, sie konnten es nicht
ergründen. Da gab mir mein Hofnarr vor der Fahrt einen Zettel und riet
mir, ihn erst hier, wenn ich vor der liebwerten Prinzessin stehe, zu
öffnen. So gestattet, daß ich Euch das Wort künde.« Er faltete das
Blättchen auseinander und las mit stockender Stimme:
»Albern -- dalbern. Albern -- dalbern.«
Der Kanzler schüttelte das Haupt: »Es tut mir leid, Prinz. Doch das ist
nicht das Rechte.«
Der Königssohn wurde blaß, drehte sich um und verließ eiligen Schrittes
den Platz.
An seine Stelle trat ein hochgewachsener Mann, der Königssohn von
Südland. Er neigte leicht das Haupt vor der Prinzessin, warf keinen
Blick auf die Menge und sagte kurz und mit harter Stimme:
»Das Wort heißt: Duck dich. Duck dich!«
»Falsch, Herr Prinz!« rief der Kanzler, froh, den Hochmütigen nicht zum
König krönen zu müssen. Wütend riß der das Schwert aus der Scheide und
wollte sich auf den Kanzler stürzen, doch rasch hatten die Wachen sich
seiner bemächtigt und führten ihn ab.
Jetzt trat der Dritte hinzu. Mit süßem Lächeln grüßte er die Prinzessin,
die entsetzt auf ihn blickte, denn sein faltiges, gelbes Gesicht trug
einen listigen, unheimlichen Ausdruck. Er drehte sich zu dem Volke,
breitete die Arme aus, als wolle er es segnen und reichte dann dem
Kanzler die Hand. »Wohl dem Lande, das einen solchen Wächter hat,« rief
er. »Ihr seid der Mann, den ich mir zur Seite wünsche. Mit Euch
gemeinsam wollte ich das Land regieren, daß es eine Lust ist. Das Wort,
das Ihr sucht, ich habe es gefunden, und Ihr, Herr Kanzler, werdet mir
bestätigen, daß es das Rechte ist. Reicht mir zum Zeichen Eurer
Freundschaft die Rechte und vernehmt die Worte! Sie heißen: