Wiederum schüttelte der Kanzler den Kopf. Mit leisen Schritten glitt der
Bewerber fort, ballte heimlich die Faust und warf einen giftigen Blick
zu dem Throne hinüber. Der Kanzler seufzte auf und sprach mit müder
Stimme: »Liebes Volk! Heute ist der letzte Tag der Königswahl. Schon
neigt sich die Sonne dem Untergang zu, und kein König hat sich gefunden.
Fürder werden wir nicht mehr heißen: das Volk derer, die nicht alle
werden. Zu Ende geht es mit uns, und keiner ist da, der dem Unglück
steuert. Kommt, Prinzessin, daß ich Euch in das Schloß geleite!«
»Halt! Halt!« klang eine helle Stimme über den Platz. Schlupps hatte
sich durch die Menge gedrängt und stand neben dem Thron: »Laßt auch mich
versuchen, ob ich das Wort finde.«
Aller Augen richteten sich auf den Mann, der furchtlos, den Kopf
zurückgeworfen, mit freundlichem Gesicht um sich schaute. Die
Prinzessin, die mit starren Augen vor sich hingesehen hatte, heftete
erstaunt den Blick auf ihn, lächelte zum ersten Male, und Schlupps sah,
wie holdselig und schön sie war.
»Laßt mich Euch erzählen von meinen Fahrten und Irrgängen, damit Ihr
wißt, wer der Mann ist, der bei Euch das Königsein begehrt,« rief er,
zum Volke gewendet. Im Stillen aber hoffte er, daß der Zufall, der ihm
immer ein guter Freund gewesen, ihm helfen würde, die Prinzessin zu
gewinnen, die er beim Sehen gleich in sein Herz geschlossen hatte.
Und Schlupps begann zu erzählen. Alles Volk hing gespannt an seinen
Lippen. Wie anders klang seine Rede, als das, was die Prinzen vorher
gesprochen. Wie fremd und doch wie bekannt, wie hoch und doch wie
verständlich. Sie hätten ihm immerwährend lauschen mögen. Was hatte er
alles erlebt und gesehen! Wie kannte er die Menschen in Hütte und
Schloß; wie hatte er sie belauscht bei der Arbeit und bei Lustbarkeiten.
Des Kanzlers Herz pochte. So hatte er sich den neuen König erträumt;
aber noch kam das erlösende Wort nicht, und der Sonnenball stand glühend
rot im Westen. Noch einige Minuten -- und der Tag war vorüber -- der
Königsthron leer. Kaum hörte er, was der Fremde sprach. Sein Blick flog
angstvoll zum Himmel, wo das Gewölk rosig zu erglühen begann. Seine
Hände falteten sich und er flüsterte leise eine Bitte um ein Wunder.
Nur schwer vermochte er zu hören, wie Schlupps jetzt erzählte von den
Maurern, die er getroffen, und wie vieles hierzulande anders werden
müsse. Fast drohend richtete er sich auf und rief: »Ändern müßt Ihr
Euch! Ändern!« »Ich denke -- -- --« Da schrie der Kanzler laut auf: »Das
Wort! das Wort!« Er stürzte vor, ergriff Schlupps' Hand und bat: »O,
sprecht es noch einmal, Herr!«
»Ich denke!« wiederholte Schlupps laut, und das Volk brach in Jubelrufe
aus und sprach die seltsamen Laute nach, die es noch nie gehört hatte,
wie träumend, nicht wissend, was sie sagen sollten.
Schlupps wandte sich zu der Prinzessin, die ohnmächtig hingesunken war.
Er neigte sich hernieder und küßte sie auf die Stirn.
Da schlug die Königstochter die Augen auf, sah ihn mit klaren Blicken an
und sagte mit lauter, fester Stimme: »Dich will ich!« Das Volk aber
schrie und tobte und wußte sich vor Freude nicht zu fassen. »Die Probe!
die Probe!« drängten sie.
»Nur noch eine Prüfung steht Euch bevor, hoher Herr!« sagte der Kanzler.
»Draußen im Schloßhof steht ein Lebensbaum. Versucht es, ob auf Euer
Schütteln Menschen herabfallen!«
Feierlich geleitete er Schlupps zu dem Baume. »Faßt kräftig seinen
Stamm,« riet er dem Fremden zu. Der lächelte, griff mit der Rechten in
das Gezweig, schüttelte die Krone und herab sprangen zwei Kinder: ein
Knabe und ein Mädchen. Doch, o Wunder! sie sahen nicht aus wie jene, die
bisher heruntergefallen waren, sondern sie glichen auf ein Haar dem
neuen König und der Prinzessin, und als sie jetzt an der Hand des
Kanzlers heraustraten, um dem Volke gezeigt zu werden, da staunte
dieses, mit wie klugen Blicken die Kleinen um sich sahen, und wie
zierlich und anmutvoll sie sich bewegten. Feierlich traten Pagen hervor;
auf sammtnem Kissen trugen sie eine Krone herbei. Die Prinzessin
ergriff sie, um sie Schlupps auf das Haupt zu setzen. Doch zögernd wich
der zurück. Sein Blick fiel auf die Menge, deren Blicke erwartungsvoll
an ihm hingen. Die Krone dünkte ihm eine goldene Kette, die ihn an den
Boden schließen wollte. Noch einmal tauchte in seiner Seele die
Sehnsucht nach dem freien Umherziehen, dem Wandern von Ort zu Ort auf,
und gern hätte er die neue Würde dahingegeben, um als fahrender Geselle
sich herumtaumeln zu dürfen.
Die Prinzessin nickte ihm lächelnd zu. Sie verstand, was in ihm vorging.
»Ich halte dich fest,« sagte sie ruhig. »Ich will!« Da erfaßte Schlupps
mit der Linken ihre Hand, mit der Rechten drückte er den Reif auf sein
Haupt und rief:
»So ergreife ich Besitz von Eurem Throne. Und meine erste Tat sei, Euch
umzunennen. Nicht mehr sollt Ihr heißen 'Die nicht alle werden,'
sondern: 'Die, so da kommen!'«
So wurde er König und regiert noch bis zum heutigen Tage. Wollt Ihr
wissen, wo? Ei, das verrät keiner! --