Des Kaisers Bote

Wieder fuhr Schlupps im Lande umher. Da kam er eines Abends in ein Dorf,

das abseits von der großen Straße am Fuße eines Berges lag. Den Hang

hinauf kletterten die Häuschen, von denen eines hoch oben auf einem

Bergvorsprung stand und mit blinkenden Scheiben in die Sonne blinzelte.

»Hier wird schwer ein Unterkommen zu finden sein,« dachte Schlupps; denn

ein Wirtshaus schien weit und breit nicht zu sehen. »Werd im Freien

nächtigen müssen,« dachte er, »wie so manches Mal schon.« Da sah er

einen Mann eilends den zackigen Bergpfad herabspringen und winkte ihm.

Der Laufende stutzte, als er einen Fremden sah; denn einen solchen

führte der Zufall selten her. -- Nur manchmal kam armes Hudelvolk

vorüber oder ein Troß Landsknechte, die sich meistens herumtrieben und

einen Anführer suchten, der sie warb. Waren lauter Gäste, die scheel

angesehen wurden und mancher machte drei Kreuze hinterher, wenn sie

abzogen. Aber der vor ihm stand, war ein Herrischer, fein angezogen, der

mit Pferd und Wagen allein daherkam und ihm scharf in die Augen schaute.

»Kann ich hier Nachtherberge finden?« Der Gefragte sah den Fremden an,

kraute sich den Kopf und meinte: »Wohl. Ein Krug ist im Dorf. Ob er dem

Herrn gefällt, ist eine andere Sache. Unansehnlich ist's da und laut

geht es heute zu. Gemeindewahl ist bald. Ausspann könnte der Herr dort

halten.«

»Gibt's da ein Bett?« fragte Schlupps. »Geben mag's schon eins. Rat'

aber nicht dazu; denn die Wirtin ist keine gute. Sie steht mit der

Reinlichkeit auf gespanntem Fuß und kann das Waschen nicht übermäßig

leiden.«

»Wo kann ich sonst nächtigen?« »Wenn's eine Streu tut, ist mir der Herr

willkommen.« »Wer seid Ihr?« forschte Schlupps. In des Mannes Wesen war

etwas, was ihm zusagte. Er hatte ein ehrliches Gesicht und in den Augen

leuchtete es auf wie von verhaltener Schelmerei. »Scheint eine Art

Vetter von mir,« dachte Schlupps.

»Bin der Schweinehirt. Da oben das ist mein Häuschen.« Er wies hinauf zu

der höchstgelegenen Hütte. »Weit hinauf,« meinte der Fremde. »Ist gut,

wenn man weit ab von den Menschen haust,« nickte der andere. »Habt einen

guten Platz als Hirte, langt es zum Auskommen?« fragte Schlupps. »Knapp

geht's bei uns zu. Wißt, die Bauern zahlen nicht gern. Zwei Gulden im

Jahr und das Essen für mich und mein Weib, aber gar wenig. 'Damit Ihr

nicht so fett werdet wie unsere Schweine,' hat der Schultheiß gesagt und

gelacht.« »Und wie lebt Ihr davon?« »Wie's halt geht. Die Kathrin, mein

Weib, schafft noch im Feld und spinnt. Ich tu, was ich kann. Viel ist's

nicht mehr. Mein rechter Arm ist steif. Mit dem linken kann ich

schreiben; da verdien' ich ab und zu etwas bei den Bauern, denn von

denen ist keiner des Schreibens kundig.« »Was?« rief Schlupps. »Ihr seid

der Einzige im Ort, der lesen und schreiben kann?« »Ei freilich. Ein

fremder alter Mann hat's mich gewiesen. Hab ihn einmal vor Jahren in

meine Hütte aufgenommen, weil er gar so elend und verlassen war, noch

ärmer als wir. Hat mich nicht gereut, was ich an ihm getan. Der konnte

erzählen. Das war eine Lust, ihm zuzuhören. Man wurde nicht müd, wenn er

sprach und wußte nicht, wann der Abend aufhörte und die Nacht anfing.

Manchmal haben wir bis zum Morgen gesessen, der Alte und ich, und

geschwatzt.«

»So wißt Ihr gewiß mehr als alle im Dorf,« neckte Schlupps. »Wär auch

nicht viel,« meinte der andere bedächtig. »Denken nicht von hier bis

dahin. Lassen sich die Sonne in den Mund scheinen und tun nur, was ihnen

schadet. Aber unsereins darf nicht reden, und wenn er zehnmal sieht, wie

sie das Dorf in Grund und Boden wirtschaften. Bin ja nur ein

Schweinehirt.« -- Ein spöttisches Lächeln flog über sein Gesicht.

»Wer war bisher Schultheiß?« forschte Schlupps, der anfing, seine Laune

zu spüren.

»Der Reichste, der am längsten im Dorf sitzt. Er ist Herr von dem großen

Hause drüben, auf dem die Wetterfahne knarrt. Der Waldsepp wird er

geheißen; denn sein ist der größte Wald landaus, landein.« -- -- »Und

wen machen sie jetzt zum Schulzen?«

»Wohl den Büchsenmichel. Heißt so, weil er tagaus, tagein die Büchse auf

der Schulter hängen hat. Bei den Reichen geht das Amt reihum; die Andern

haben das Zusehen. Jetzt sitzen die Mannsleut im Wirtshaus, die

Kleinbauern, die Häusler und die Taglöhner und lassen sich sagen, für

wen sie nächstens die Hand hochhalten sollen. Stimmen doch nur zu ihrem

Schaden. Bekommen aber jeder ein Maß Wein frei vom Büchsenmichel und

wären im Stand und verkauften für den Trunk ihre Seligkeit.«

»Könnt Euch doch gleich sein, Schweinehirt, wer Schulze wird,« warf

Schlupps nachlässig hin und hielt seine Pferde fest, die ungeduldig mit

den Hufen scharrten. »O nein, Herr,« rief der Hirte eifrig. »Seht, da

hat der Büchsenmichel die Jagd an sich genommen und zahlt der Gemeinde

ein Spottgeld dafür. Das Wild läuft in die Felder, macht alle Saaten

zunichte, und keiner darf eine Wildsau abfangen. Gleich macht er ihm den

Prozeß und es kostet eine harte Buße. Wenn's ein ganz armer ist, der

nicht zahlen kann, oft Leib und Leben. Der Waldsepp schlägt den Wald ab,

wo er will, daß die Lawinen herunterstürzen und alles umeinandreißen

können, und ist bald kein Baum mehr da, der sie aufhält. Und dort, wo

der Wildbach herunterstürzt und im Frühjahr den Dung von den Feldern

spült und das gute Erdreich fortschwemmt, da müßte ein Gemäuer gemacht

werden aus Steinen und Reisig. Ist aber zu nichts Geld da und keiner

kümmert sich darum. Die Reichen wollen nicht zahlen und die Armen

haben's nicht dazu. Zum Schulhaus langt's schon gar nicht. Der letzte

Schulmeister hat sich müssen als Knecht verdingen, um nicht Hungers zu

sterben. Das Schulhaus ist verfallen und die Kinder wachsen auf, daß

Gott erbarm. Hätten wir einen Schultheiß wie sich's gehört, der an den

Kaiser schreibt, damit Recht und Ordnung herkäme, es wäre eine Freud,

was aus unserm Dorf werden könnte. Aber so -- -- ein Jammer ist's.«

Er brach ab und hielt erschreckt inne. Wie konnte er sich nur verleiten

lassen, so frei heraus zu sprechen, noch gar zu einem Fremden. Einem

Herrn! Wer weiß, was der für einer war und ob er es nicht mit denen

hielt, die Reichtum und Ehren hatten. Aber jetzt klang die Stimme des

Junkers gütig: »Schweinehirt, Ihr gefallt mir. Sagt mir noch, was tut

Ihr denn mit den Gebrechlichen und Kranken, den Waislein und

Heimatlosen?«

Der Hirt sah hoch, streckte den Arm aus und wies auf den Gottesacker.

»Da können's hin, oder in die weite Welt. Für unnütze Brotesser ist kein

Platz im Ort, hat der Schultheiß gesagt.«

»So, so, bläst der Wind daher? Da ist es an der Zeit, daß ich gekommen

bin,« murmelte Schlupps. »Wißt, Schweinehirt, muß mir Eure Mannsleut

einmal in der Nähe besehen. Zeigt mir das Wirtshaus.«

Wie er in die Gaststube trat, die niedrig und verräuchert war, da hob

alles erstaunt die Kopfe, als der herrische Junker mit hallenden

Schritten zu einem Tische ging und laut rief: »Wirt, Einen vom Besten!

Aber rasch!« Kaum aber stand der Becher vor dem Herrn, so trank der nur

einen kurzen Schluck und sagte zu dem Nächstsitzenden: »Gebt's weiter!«

Das ließ sich der nicht zweimal sagen, tat einen kräftigen Zug und ließ

den Becher herumgehen. Die Bauern tranken und staunten, rissen die Augen

auf, stießen sich an und schoben die Zipfelmütze hin und her. Das war

ihnen noch nicht vorgekommen. Ein vornehmer Herr, der so gemein tat, daß

er unter ihnen saß, einen Wein nach dem andern ihnen vorsetzen ließ und

zuhörte, was sie redeten. Doch jetzt erhob sich der Junker und sprach

laut: »Männer! Ich komme weit her. Des Kaisers Kanzler schickt mich, daß

ich in seinem Lande nach dem Rechten sehe; ihm berichte von allem, was

sich zuträgt und wie seine Untertanen nach Zucht und Sitte leben. So

wißt: Jeder Ortsschultheiß soll mir in einer Schrift kund tun, wie es

zugeht in seinem Dorf. Ob der Schullehrer die Kinder unterweist und sie

in Gottesfurcht und Tugend heranzieht. Wie die Felder gedeihen; ob Ihr

dem Wildschaden steuert, daß nicht der Fleiß zunichte gemacht wird und

statt der Menschen die Wildschweine das Kraut und die Rüben fressen. Tut

auch zu wissen, wie Ihr für die Armen sorgt, ob Ihr ein Spittel für die

Kranken habt und ein Kloster für die Gottwilligen. Schreibt alles genau;

denn der Kaiser läßt hintennach alles wohl untersuchen. Sollte aber in

dem Schreiben etwas stehen, was nicht vor seinen strengen Richtern für

wahr befunden wird, dann läßt er den Schultheiß binden und gefangen

setzen. Und der Prozeß ist gar kurz. Des Seilers Tochter macht Hochzeit

mit ihm und der Galgen ist schon da, an dem er baumeln muß.« Den reichen

Bauern, die eben noch mit vollen roten Backen dagesessen, wurden die

Gesichter schmal und spitz, als sie das hörten. Die Kleinbauern und

Häuslerleut aber erhoben die Köpfe und sahen sich schmunzelnd an.

»Möchte jetzt nicht der Büchsenmichel sein, und der Waldsepp ist auch

nicht zu beneiden,« dachte mancher von ihnen schadenfroh. »Wißt, Herr,«

kam jetzt der Wirt näher, »mit dem Schultheiß sind wir eben schlimm

dran. Der's bislang gewesen, ist es seit einer Woche nimmer, und einen

neuen haben wir noch nicht. Konnten keinen finden. Will sich keiner dazu

hergeben, ein so saures Amt zu verwalten.« Dabei blinzelte er dem

Büchsenmichel zu, als wollte er sagen: laß mich nur machen.

[Illustration: Schultheiß Schweinehirt]

»Nehmt den Gescheitesten am Ort,« sagte der Fremde.

»Das hab ich allweil auch gesagt; bin ganz der Meinung des Herrn,«

schwindelte der Wirt. »Aber wer ist der Gescheiteste? Keiner will ein

Dummer, jeder ein Kluger sein, und keiner läßt den andern mehr gelten

als er selbst ist.« »So nehmt den, der am besten mit der Feder und der

Rede Bescheid weiß; nicht so viel hat, daß er sich mehr dünkt als die

Andern. Einen, der alle im Dorf kennt, weiß, wie's jedem zu Sinn ist und

bei den Kleinen und Großen wohl angeschrieben ist. Weiset ihn auch an,

aufzuschreiben, wie es um Euer Geld steht und ob Ihr für die

Landsknechte unseres Herrn Kaisers eine tüchtige Ladung Goldgulden

schicken könnt. Denn der Türke steht vor dem Lande, und wenn er

herkommt, bleibt nichts niet- und nagelfest. Er brennt Euch die Häuser

über den Köpfen weg. Also richtet Euch ein: in zwei Tagen komme ich und

hole mir Bescheid.«

Dabei zahlte er und verließ das Wirtshaus, wo die Bauern dasaßen, als

hätte sie einer vor den Kopf geschlagen, vor sich hinstierten und kein

Wort zu sagen wußten.

Der Fremde hatte seine Kutsche bestiegen und war fortgefahren, hinaus in

eine einsame Jagdhütte, die ihm der Schweinehirte beschrieben und die

einst einem hohen Herrn als Landaufenthalt gedient hatte. Jetzt lag sie

einsam und verlassen, und nur manchmal stellte ein Fuhrmann seinen Wagen

unter, wenn die Nacht ihn auf der Fahrt überraschte, oder wenn er das

Geld im Wirtshaus sparen wollte. Die Bauern aber wunderten sich, wo der

fremde Herr mit einmal hingekommen war und gingen am andern Morgen mit

verstörten Gesichtern umher. Hatten sie bisher Zwist miteinander gehabt,

weil jeder von ihnen Schultheiß sein wollte, so wichen sie jetzt

einander aus, weil jeder sich fürchtete, der andere wolle ihm zureden,

das Amt zu übernehmen, und keiner die Schrift an den Kaiser aufsetzen

konnte.

Heimlich aber schlichen sie auf Umwegen zu dem Schweinehirten und baten

ihn um Gotteswillen, doch für dieses Mal Schultheiß zu spielen und ihnen

zulieb das Amt anzutreten. »Tut's, Simmel,« sagte der Waldsepp. »Habt

ein Einsehen. Was kann Euch denn geschehen?« »Meint Ihr?« rief des

Simmels Weib. »Mein Mann dürfte leichter hängen als Ihr? Wenn er jetzt

dem Kaiser alles schreibt, wie's hier zugegangen ist im Dorf und wie Ihr

gehaust habt, vermeint Ihr, der wird ihn strafen? Weit gefehlt! Euch

geht's an den Kopf und so könnt Ihr es gleich auf Euch nehmen und wieder

Schultheiß spielen.« »Weib, schweigt still und laßt Euren Mann reden,«

entfuhr es dem Sepp. »Simmel, überlegt nicht lang. Auf Geld soll es uns

nicht ankommen.«

Während dessen ging ein Handwerksbursche von Haus zu Haus, bat um einen

Zehrpfennig und erzählte dabei, wie er weit herkomme und ob sie schon

gehört hätten, daß der Türke nahe sei, senge und brenne und alles

mitnähme. Hab und Gut, die Ochsen aus dem Stall und die Kleider aus der

Truhe. Und da die Männer alle auf dem Felde schafften und nur das

Weibervolk daheim war, so entstand bald am Brunnen ein Schwatzen und

Wehklagen. Die Weiber liefen zueinander, jammerten und schrien und dann

rannten sie heim und packten, was sie erreichen konnten, um es

mitzunehmen, wenn der Türke käme. Da trug eine die Mulde voll Brot, das

sie vom Bäcker geholt hatte und das noch dampfte, denn sie wollte nicht

warten, bis es gar war, sondern hatte es gleich aus dem Backofen

gerissen und war damit fortgelaufen. Eine andere trug heulend ein

mächtiges Bündel Stroh auf dem Rücken, darin hatte sie ihr Kindchen

gebunden, daß es im Walde weich liege. Ein Drittes schleppte keuchend

eine leere Waschbütte herbei, wußte selbst nicht wozu, und eine Alte

hatte eine Gans fest unter den Arm gepackt und zerrte in einem Netz

Hühner und Enten mit. Es war ein Durcheinander, ein Heulen und Schreien,

ein Laufen und Rennen. Betten flogen aus dem Fenster und unten auf der

Gasse stürzten sich die Buben darauf und schleiften sie durch Pfützen

und Moor über Stock und Stein. Der alte Küster humpelte in die Kirche,

faßte den Glockenstrick und schwang ihn mit aller Macht, daß die alte

Glocke, die schon einen Sprung hatte, jammervoll hinausklang auf die

Felder, und die Kinder liefen hin und her, schwenkten ihre Stäbe und

schrieen: »Der Türk! der Türk!« Und wäre er wirklich dagewesen, so

hätte es nicht können schlimmer zugehen, denn die Furcht machte mehr Not

und Unruh als der Krieg und der Feind.

Vom Felde her aber eilten auf das Geläut die Männer herbei mit Sicheln

und Sensen, mit Dreschflegeln und Äxten und rotteten sich unter der

Linde zusammen. Gerade kamen die Großbauern von der Beratung beim

Schweinehirten zurück, blieben stehen und nahmen erstaunt wahr, wie das

Volk unter der Linde stand und schrie und tobte. »Ihr kommt uns gerade

recht,« rief ein junger Bursche mit funkelnden Augen. »Jetzt gebt Eure

Goldgulden heraus für des Kaisers Soldaten. Der Türk kommt.« »Geld raus!

Geld raus!« schrien einige und hielten die Sensen hoch. Die Weiber

heulten und kreischten. »Der Türk! der Türk!« und vermeinten schon, ihn

vor sich zu sehen. »Gebt Ruhe!« klang es laut über den Platz. Der

Schweinehirt war auf eine Bank gestiegen, die vor dem Wirtshaus stand.

»Gebt Ruhe! Schämt Ihr Euch nicht, so wüst zu tun? Was wollt Ihr

eigentlich? Sprecht und sagt deutlich, was Ihr begehrt!«

»Einen andern Schultheiß!« riefen einige. »Einen andern Schultheiß,«

stimmten die andern zu, und die Großbauern schrien: »Da habt Ihr den

Rechten. Der Schweinehirte soll es für dieses Mal sein.« »Wir wollen,

daß die Armen auch einmal an die Reihe kommen,« ließ sich der Waldsepp

vernehmen. »Wählt den Simmel!«

Der wollte Einwendungen machen und heruntersteigen; aber starke Arme

hielten ihn auf der Bank fest, und Arm und Reich schrie: »Du mußt! Du

mußt!«

Da sah der Simmel um sich, winkte, daß es plötzlich stille ward und

sagte ruhig: »Also Männer. Ihr wollt, daß ich Schultheiß werde und Recht

hier zu sagen habe. So schwört mir vorerst, daß alles geschieht, wie ich

es verlange.«

»Wir schwören!« klang es einstimmig, und die Großbauern schrien es am

lautesten. Mit dem Schweinehirten wollten sie schon fertig werden. Der

mußte doch tun, was sie wollten, wenn er nur erst die Schrift an den

Kaiser aufgesetzt hatte.

»So bestimme ich,« rief der neue Schultheiß, »daß jeder Großbauer

hundert Goldgulden an die Gemeindekasse zahlt!« »Hoho!« schrie der

Büchsenmichel wie besessen. »Die Wahl gilt nicht.« »Wohl gilt's!« riefen

die Kleinbauern und hielten die Sensen hoch. »Wohl gilt's!« rief der

Simmel mit starker Stimme. »Habt es ja selbst so gewollt. Geht heim und

holt das Geld auf der Stelle und einige von Euch gehen mit.«

Da blieb den Bauern nichts übrig, als zähneknirschend umzukehren und das

Geld zu holen, und bald häufte sich ein Goldberg auf dem Holztisch vor

dem Wirtshaus. Der Wirt mußte einen Sack herbeibringen; in den wurde das

Gold gefüllt und dann mit Wachs und Siegel fest verschlossen. »Haben die

Großen zahlen müssen, so kommen jetzt auch die Kleinen an die Reihe,«

rief der neue Schultheiß. »Kleinbauern! Ihr habt jeder eine Fuhre

Bauholz zu fahren für ein neues Schulhaus, und Ihr Häusler,« wandte er

sich an diese, »müßt jeder zwei Tage im Monat daran arbeiten. Denn das

gibt's nicht bei uns,« setzte er hinzu, »daß einer annimmt und nichts

dafür tut. Ist die Schule doch für alle Kinder im Dorf ohne Unterschied.

Und wer etwas annimmt, ohne etwas dafür wieder zu geben, der leidet an

Seele und Leib Schaden; denn er meint, er müsse nur das Maul auftun, und

die gebratenen Tauben fliegen ihm dann hinein. Er verlernt das Arbeiten

und das Wollen und weiß nicht, daß er sich selbst helfen kann.« »Recht

hat er,« schrie der Waldsepp, der sich freute, daß die reichen Bauern

nicht alles allein zahlen mußten, sondern daß die andern auch den neuen

Herrn im Dorf zu spüren hatten.

»So ist des Kaisers Meinung!« klang es plötzlich. Der Junker im braunen

Wams war herzugetreten. Da flogen die Kappen vom Kopf, und die Sensen

und Sicheln sanken herunter.

»Werd's dem Kaiser berichten, wie Ihr Ordnung und Recht im Dorfe

geschaffen habt,« sagte er mit fester Stimme. »Eine große Freude wird es

dem Herrn gewähren; denn nur wo Recht und Zucht herrscht, kann ein Land

gedeihen.« »Herr,« bat der Simmel, »wollt Ihr nicht das Geld für des

Kaisers Heer gleich mitnehmen?« »Nein, nein,« wehrte der Junker. »Wenn's

an der Zeit ist, wird es der Kaiser schon holen lassen. Einstweilen

verwendet davon für Eure Gemeinde und tut damit, was not ist. Laßt Eure

Kinder tüchtig lernen. Erzieht sie zu rechtschaffenen, aufrechten

Männern und haltet alles so, daß Ihr vor des Kaisers Kanzler mit Ehren

bestehen könnt.«

»So bitten wir Euch, Herr, etwas als Geschenk von uns anzunehmen, als

Wegzehrung. Denn wäret Ihr nicht gekommen, so läg unser Dorf noch im

Argen, und Ordnung und Zucht hätten nie Einkehr gehalten. Jetzt

versprech ich Euch: Anders soll es werden und alle Vierteljahr werd ich

dem Kaiser in einer Schrift Kunde geben, wie es bei uns zugeht.«

Damit reckte sich der Simmel hoch und sah herausfordernd um sich, und

man konnte zum ersten Male sehen, was für ein hoch gewachsener Mann er

eigentlich war, und wie hell seine Augen leuchteten. Denn bis dahin war

er immer gebückt gegangen, als drücke ihn seine Niedrigkeit und Armut,

und als müßten seine Augen den Erdboden suchen, anstatt in die Sonne zu

sehen. Jetzt schaute er die Menge an, als wollte er sagen: »Ich bin

Schultheiß, hütet Euch wohl.« Und die Bauern duckten die Köpfe. Der

Schweinehirt machte ihnen Sorge. Mit dem war nicht gut anbinden, das

merkten sie jetzt und bereuten im Stillen ihre Angst, die sie geheißen

hatte, ihn zu wählen. Fiel ihnen aber der Türke und des Kaisers Kanzler

ein, dann lief es ihnen kalt über den Rücken. Dann schon lieber den

Simmel zum Schulzen.

»Hoher Herr!« bat jetzt der Schultheiß eindringlich. »Weiset unsre Gabe

nicht zurück. Ihr habt sie redlich verdient. Wenn Ihr nicht bei uns

eingekehrt wäret, hätt' es in unserm Dorf noch lange bös ausgesehen. Und

nicht, weil Ihr des Kaisers Bote seid, sondern weil Ihr ein Herz für

alle habt und für das Recht eintretet, wollen wir Euch erkenntlich

sein.«

Da nahm der fremde Junker etliche Goldstücke an, bestieg seinen Wagen

und fuhr davon. Der Schweinehirte aber blieb Schultheiß und das Dorf

gedieh unter seiner Hand.

Schlupps, der Handwerksbursch; Mären und Schnurren · 第 14 / 17 题