Am andern Tage war auf dem Schlosse des Grafen ein Kommen und Gehen. Von
weit her waren Edle erschienen, um die Grafentochter und ihr reiches
Erbe zu gewinnen. Das Fest sollte schon seinen Anfang nehmen, als
zuletzt ein Wagen anfuhr, dem ein Ritter entstieg in rotem Sammetanzug
mit Barett und Feder. Er trat auf den Grafen zu, verneigte sich zierlich
und sprach: »Erlaubt, hochedler Herr, daß ich an Eurem Feste teilnehme.
Ritter von Bauernmark nenne ich mich. Mein Herr ist der Prinz von
Golconda, und als Geburtstagsangebinde erlaubt mir, Eurer vieledlen
Tochter das Bildnis meines Herrn zu überreichen.« Damit enthüllte er das
Konterfei, das ihm der Maler geschenkt hatte. Der Graf nickte huldvollst
und sprach: »Seid willkommen in unserm Kreis, Herr Ritter, und möget Ihr
Euch darin so heimatlich fühlen, als in Eures Herrn Landen.« Dann
geleitete er den Gast zu seiner Tochter, und der Ritter von Bauernmark
überreichte sein Geschenk kniend, wie es Sitte der Edlen war.
Als die Grafentochter aber einen Blick auf die Gabe warf, stutzte sie;
denn sie vermeinte, eine Ähnlichkeit mit dem Ritter vor ihr zu finden
und es kam ihr plötzlich der Gedanke, das Bild und der vor ihr kniete
müßten ein und dieselbe Person sein, und kleine Änderungen seien nur vom
Maler gemacht, damit die Gleichheit nicht zu auffällig wäre.
Dasselbe dachte die Richterstochter, die neben ihr stand. Weil sie
nichts verschweigen konnte, flüsterte sie der Gespielin zu, was der
Vater ihr über des Ritters Sendung anvertraut hatte und daß dies der
Prinz selbst zu sein scheine. Da lächelte die Grafentochter gar
holdselig auf den Knienden herab, reichte ihm die Hand, hieß ihn
aufstehen und ließ sich von ihm zu Tisch führen, allwo ein reiches
Schmausen anhub und Pagen goldne Pokale mit köstlichem Wein
herumreichten. Abseits aber stand der Graf in Beratung mit dem Richter,
der ihm anvertraute, was der fremde Junker hier wolle.
»Ich muß Euch zürnen, Richter,« sprach der Graf. »Seit Monden habe ich
von Euch keine Abgabe mehr erhalten, und Ihr wißt, daß meine Hofhaltung
viel Geld verschlingt.«
Seufzend griff der Richter in die Tasche und holte den Beutel mit
Silbergeld heraus, den ihm der Bauer gegeben. »Das ist alles, was ich
heute abliefern kann, hoher Herr,« sagte er und warf dem Grafen einen
tückischen Blick zu. Wußte er doch, daß sein Eheweib schmähen würde,
wenn er ohne Geld heimkam. »Die Leute meinen, das Recht müsse umsonst
sein wie der Tod und halten die Goldstücke zurück.« »So sorgt, daß sie
bald anderer Meinung werden,« sagte der Burgherr unwillig und wandte
sich seiner Tochter zu, die sich von der Tafel erhoben hatte und zu ihm
getreten war. Erstaunt sah er, daß sie ein verdrießlich Gesicht zog. Die
goldene Schnalle der Richtertochter war ihr aufgefallen, und das Herz
stand ihr danach. Sie drang in den Vater, er müsse für sie das Geschmeide
erlangen, sonst würde sie vor Gier und Sehnsucht krank werden. Der Graf,
der seinem einzigen Kinde keinen Wunsch weigerte, winkte den Richter
herbei und befahl ihm, seiner Tochter aufzugeben, daß sie gleich das
Schmuckstück ihrer hohen Gespielin als Geburtstagsangebinde überreichte,
und so drohend sah er aus, daß ein Widerspruch vergeblich gewesen wäre.
Der Richter rief seine Tochter, führte sie abseits in eine Fensternische
und beschwor sie, den Schmuck herzuschenken. Er erinnerte sie an den
festen Turm, darinnen die Unglücklichen schmachteten, die sich auf der
Landstraße den Reisigen des Grafen widersetzt hatten und bewies ihr,
daß es dem mächtigen Herrn ein Leichtes sei, sie beide zu verderben. So
legte sie weinend den Schmuck ab und behielt nur die Münze, die sie an
einem güldenen Kettlein um den Hals trug. Die Grafentochter aber steckte
stolz die Schnalle recht auffällig an ihr Busentuch.
Während dessen herrschte an der Tafel eitel Lust und Fröhlichkeit, und
besonders Ritter von Bauernmark erheiterte die Runde durch Späße und
Scherze, berichtete von allerlei fremden Völkern und ihren Bräuchen und
trank dabei auf das Wohl der Schönsten im Saale. Dabei ließ er die
Blicke im Kreise herumschweifen, also daß er jedem Mägdlein in die Augen
sah, und jede schon glaubte, sie sei die Prinzessin von Golconda. Des
Richters Tochter hatte allmählich den Gespielinnen das Geheimnis
vertraut, und so war des Ritters Auftrag jedem bekannt. Als die Tafel
sich ihrem Ende neigte und die Pagen türkisches Konfekt und Leckereien
herumreichten, erhob sich der Ritter von Bauernmark und sprach:
»Vieledler Herr Graf! Verzeiht, wenn ich mich jetzt an Euch wende und
einen Auftrag bestelle, dessen Ausführung keinen Aufschub erleidet. Ich
komme als Abgesandter meines hohen Herrn, um ihm eine Braut zu suchen,
die würdig sei, den Thron seiner Väter mit ihm zu teilen. Drei
Bedingungen knüpft er an seine Werbung. Erstens dürfte in dem Lande, dem
die Holde entstamme, nie ein ungerechter Richterspruch geschehen sein,
nie das Recht für Geld verkauft werden. Denn Ungerechtigkeit ist wie ein
ansteckend Gift, das in alle Seelen eindringt, und wo das Recht
käuflich ist, da ist auch Liebe und Treue feil. Zweitens darf im Hause
der Erwählten kein ungerecht Gut sein, ob viel oder wenig, und drittens,
und das ist das schwerste, soll die Braut nicht begehrlich sein, sondern
bescheidenen Sinns und demütigen Herzens. Wie sie aber aussehen solle,
hat mein Herr mir so eindringlich beschrieben, daß ich seine Meinung
genau kenne. So gestattet mir, edler Herr, wenn Euch die Werbung meines
Herrn genehm ist, die Jungfrauen, die hier versammelt sind, zu mustern,
und, wenn ich die Rechte finde, sie im Namen meines Herrn um ihre Hand
zu bitten.«
»Das sei Euch unverwehrt, edler Ritter,« sprach der Graf. »Wenn der Tanz
jetzt anhebt, so betrachtet meine Schönen wohl und tut mir kund, auf
welche Eure Wahl gefallen ist.« Im stillen aber hoffte er, seine Tochter
würde die Erkorene sein. Einen fürstlichen Eidam zu haben, das war das
Ziel seiner Wünsche, und er häufte Gut und Geld zusammen, um sein Kind
zur reichsten Erbin zu machen.
Während die Jungfrauen sich im Tanze drehten und neigten, die Häupter
bald senkten und hoben, mit spähenden Blicken nach dem Brautwerber
schielten und jede sich für die Auserwählte hielt, stand Bauernmark
neben der Grafentochter. Plötzlich weiteten sich seine Augen und er rief
laut: »Himmel, was sehe ich! O traurig Zeichen!« Der Tanz stockte. Alle
Gäste drängten sich herbei. Der Graf forschte angstvoll, was seinem Gast
fehle. »Etwas Schreckliches macht mich erzittern,« antwortete der
Gefragte. »Mein hoher Herr, der Prinz, hat einen Bruder, der um ein
Jahr jünger ist, denn er. Den duldete es nicht im Haus. Er wollte in die
weite Welt und ließ sich durch keine Bitten halten. Unsere Königssöhne
aber hatten jeder ein Gewerbe erlernt, das schrieb das Gesetz des Hauses
ihnen vor, damit sie wissen sollten, wie dem, der hart arbeitet, zu Mute
ist. Als es nun an das Scheiden ging, beschlossen beide, einander etwas
zum Andenken zu geben, und sie schmiedeten aus Gold zwei Schnallen, die
sollte jeder von ihnen tragen, sie nie ablegen und mit dem eignen Leben
als höchstes Gut verteidigen. Und seht, die Schnalle, die Ihr, edle
Herrin tragt, erkenne ich als die des jüngeren Prinzen. Die linke Hälfte
ziert das Zeichen der Schlosser, zwei gekreuzte Schlüssel, die rechte
zeigt das Wappen der Nagelschmiede, ein Herz von drei Nägeln durchbohrt,
und je länger ich darauf sehe, desto mehr kommt es mir vor, als ob aus
dem Herzen zwei rote Tropfen fließen. Lebt der Prinz noch, er hätte sich
nie davon getrennt, auch nicht in höchster Not. Nur Räuberhand kann es
ihm entrissen haben. So sprecht! Wie seid Ihr dazu gekommen? Wer hat es
gewagt, in Eure Hand dies fluchbeladene Geschmeide zu legen?«
Die Grafentochter erblaßte. Dann sprang sie auf ihre Gespielin zu und
rief zornig: »Hier, die Richterstochter ist es gewesen! Die Falsche
wollte mir bei Euch schaden, damit Ihr ungerecht Gut bei mir fändet. Als
Geburtstagsangebinde brachte sie mir den Schmuck.«
»So?« rief die Angegriffene aufgebracht. »Habe ich es Dir gegeben oder
hast du es mir abgefordert und mich an Leib und Leben bedroht, wenn ich
es nicht freiwillig herausgäbe? Gezwungen hast du mich, weil deine
Begehrlichkeit mir das Kostbare nicht gönnte. Und nicht durch Raub
erlangte ich es -- mein eigner Vater gab es mir!«
»Und woher habt Ihr es, Herr Richter?« forschte Bauernmark. Der
gestrenge Herr war bestürzt, daß er nicht vermochte, eine Lüge
auszusinnen und ratlos dastand. »Ein armes Bauernweib brachte es -- --«
stotterte er, »Ich -- -- ich -- -- sollte ihr zu ihrem Recht verhelfen.«
Weiter kam er nicht; denn der fremde Ritter rief: »Jetzt wird mir alles
klar. Falscher Richter, Eure Schlechtigkeit ist enthüllt. Gestern traf
ich ein armes Bauernweib, das mir weinend erzählte, wie es sein letztes
Gut einem bestechlichen Richter habe geben müssen, um seinen einzigen
Acker zu behalten. Ein Schmuckstück sei es gewesen. Ein Sterbender, den
sie auf der Straße gefunden und in ihrer Hütte verpflegt habe, gab es
ihr vor dem Hinscheiden. 'Bringe es zu meinem Bruder,' hatte er mit
erlöschender Stimme gesagt. 'Er wird es Dich herrlich lohnen. Er heißt
-- --' da seien ihm die Augen zugefallen. Sie habe den Namen nicht mehr
gehört und konnte seine Bitte nicht erfüllen. Die Reisigen eines hohen
Herrn hatten den Fremden überfallen und beraubt; nur die Schnalle hatte
er in den Falten seines Gewandes retten können.«
»Beruhigt Euch, edler Herr,« sprach der Graf. »Tröstet Euch. Wir wollen
dem Täter nachforschen.« Dabei zitterte seine Stimme, denn er wußte
wohl, daß es seine Knechte waren, die harmlose Wanderer auf der
Landstraße plünderten. »Seid sicher, daß der Schuldige seiner Strafe
nicht entgeht. Ihr, Richter,« wandte er sich in strengem Tone zu diesem,
»begebt Euch sofort mit Eurer Tochter aus dem Schlosse und lasset Euch
nie wieder darin blicken!« »Führt sie hinaus, weil sie es gewagt haben,
mit kecker Lüge meine Tochter zu schmähen,« gebot er den Knechten.
Ehe der Richter und seine Tochter noch wußten, wie ihnen geschah, waren
sie über die Zugbrücke gestoßen und mußten mit Schimpf und Schande
abziehen.
»Setzt das Fest fort!« gebot der Graf den Gästen, die bestürzt und
neugierig alles angehört hatten. »Wißt,« wandte er sich an den Ritter
von Bauernmark, »es ist nicht meine Schuld, wenn durch falsche Diener
das Recht in meinem Lande gebeugt wurde. Sagt Eurem Prinzen, meine Hände
sind rein.«
»Wohlan,« sagte Bauernmark feierlich, »so werbe ich um Eure Tochter im
Namen meines Herrn. Vielleicht war es eine Vorbedeutung, daß ich die
Schnalle bei ihr finden sollte. Sie muß mir aber feierlich geloben,
keinen andern zu ehelichen, sondern in Treue auszuhalten, bis mein Herr
kommt und sie heimholt.«
»Das gelobe ich!« rief die Grafentochter und streckte die Hand hoch.
»Das Bild Eures Herrn und die Schnalle behalte ich als Pfand.« »So seid
Ihr dem Prinzen von Golconda angelobt!« rief der Ritter mit hallender
Stimme. »Wie ich jetzt mit dem Schwerte einen Kreis um Euch ziehe, so
werfe ich jedem den Fehdehandschuh hin, der es wagt, Euch als Werber zu
nahen. Heimlich und unerkannt ziehen die Boten unseres Herrn im Lande
umher. Eine Prüfungszeit ist Euch beschieden. Habt Ihr während dieser
die Treue gehalten, so besteigt Ihr den Thron unseres Landes als Herrin.
Brecht Ihr aber Euer Gelöbnis, dann seid Ihr und jeder Freier, dem Ihr
Gehör schenkt, dem Tode verfallen. Nichts kann Euch vor der heimlichen
Rache unseres Volkes schützen.«
Scheu wichen die Gäste vor der Grafentochter zurück, die in Furcht
erschauernd ihr Haupt senkte.
»Beurlaubt mich baldigst, daß ich abreise und meinem Herrn Kunde bringe
von dem Glücke, das ihm bevorsteht,« schloß der Ritter.
Als der Brautwerber am andern Morgen seinen Wagen besteigen wollte und
sich vor dem Grafen verneigte, zog dieser einen grünseidenen Beutel voll
Gold hervor und sprach: »Nehmt dies, Herr Ritter, als Dank dafür, daß
Ihr die Falschheit meines Richters aufgedeckt habt.« Vergeblich weigerte
sich Schlupps, das Geschenk anzunehmen. Der Graf drang immer inständiger
in ihn, bis er nachgab, es einsteckte und davonfuhr.
Die Grafentochter wies jeden Freier, der sich ihr nahte, zurück und
wartete auf den Prinzen von Golconda. Ihr Vater aber wurde nach Jahren
von einem räuberischen Nachbarn überfallen, der Burg beraubt und mußte
mit seiner Tochter in der Hütte eines treuen Knechtes Unterkunft suchen.
Da harren sie beide des Ritters von Bauernmark, der sie heimholen soll
in das Reich seines Herrn, und warten noch heute.