So betrug sich nun der Neffe in Gesellschaft und auf Bällen. Wie es

aber mit den Sitten zu geschehen pflegt, die schlechten verbreiten

sich immer leichter als die guten, und eine neue, auffallende Mode,

wenn sie auch höchst lächerlich sein solle, hat etwas Ansteckendes an

sich für junge Leute, die noch nicht über sich selbst und die Welt

nachgedacht haben. So war es auch in Grünwiesel mit dem Neffen und

seinen sonderbaren Sitten. Als nämlich die junge Welt sah, wie

derselbe mit seinem linkischen Wesen, mit seinem rohen Lachen und

Schwatzen, mit seinen groben Antworten gegen Ältere eher geschätzt

als getadelt werde, daß man dies alles sogar sehr geistreich finde,

so dachten sie bei sich: "Es ist mir ein leichtes, auch solch ein

geistreicher Schlingel zu werden." Sie waren sonst fleißige,

geschickte junge Leute gewesen; jetzt dachten sie: "Zu was hilft

Gelehrsamkeit, wenn man mit Unwissenheit besser fortkömmt?" Sie

ließen die Bücher liegen und trieben sich überall umher auf Plätzen

und Straßen. Sonst waren sie artig gewesen und höflich gegen

jedermann, hatten gewartet, bis man sie fragte, und anständig und

bescheiden geantwortet; jetzt standen sie in die Reihe der Männer,

schwatzten mit, gaben ihre Meinung preis und lachten selbst dem

Bürgermeister unter die Nase, wenn er etwas sagte, und behaupteten,

alles viel besser zu wissen.

Sonst hatten die jungen Grünwieser Abscheu gehegt gegen rohes und

gemeines Wesen. Jetzt sangen sie allerlei schlechte Lieder, rauchten

aus ungeheuren Pfeifen Tabak und trieben sich in gemeinen Kneipen

umher; auch kauften sie sich, obgleich sie ganz gut sahen, große

Brillen, setzten solche auf die Nase und glaubten nun, gemachte Leute

zu sein; denn sie sahen ja aus wie der berühmte Neffe. Zu Hause oder

wenn sie auf Besuch waren, lagen sie mit Stiefeln und Sporen auf dem

Kanapee, schaukelten sich auf dem Stuhl in guter Gesellschaft oder

stützten die Wangen in beide Fäuste, die Ellbogen aber auf den Tisch,

was nun überaus reizend anzusehen war. Umsonst sagten ihnen ihre

Mütter und Freunde, wie töricht, wie unschicklich dies alles sei, sie

beriefen sich auf das glänzende Beispiel des Neffen. Umsonst stellte

man ihnen vor, daß man dem Neffen, als einem jungen Engländer, eine

gewisse Nationalroheit verzeihen müsse, die jungen Grünwieseler

behaupteten, ebensogut als der beste Engländer das Recht zu haben,

auf geistreiche Weise ungezogen zu sein; kurz, es war ein Jammer, wie

durch das böse Beispiel des Neffen die Sitten und guten Gewohnheiten

in Grünwiesel völlig untergingen.

Aber die Freude der jungen Leute an ihrem rohen, ungebundenen Leben

dauerte nicht lange; denn folgender Vorfall veränderte auf einmal die

ganze Szene: Die Wintervergnügungen sollte ein großes Konzert

beschließen, das teils von den Stadtmusikanten, teils von geschickten

Musikfreunden in Grünwiesel aufgeführt werden sollte. Der

Bürgermeister spielte das Violoncell, der Doktor das Fagott ganz

vortrefflich, der Apotheker, obgleich er keinen rechten Ansatz hatte,

blies die Flöte, einige Jungfrauen aus Grünwiesel hatten Arien

einstudiert, und alles war trefflich vorbereitet. Da äußerte der

alte Fremde, daß zwar das Konzert auf diese Art trefflich werden

würde, es fehle aber offenbar an einem Duett, und ein Duett müsse in

jedem ordentlichen Konzert notwendigerweise vorkommen. Man war etwas

betreten über diese Äußerung; die Tochter des Bürgermeisters sang

zwar wie eine Nachtigall; aber wo einen Herrn herbekommen, der mit

ihr ein Duett singen könnte? Man wollte endlich auf den alten

Organisten verfallen, der einst einen trefflichen Baß gesungen hatte;

der Fremde aber behauptete, dies alles sei nicht nötig, indem sein

Neffe ganz ausgezeichnet singe. Man war nicht wenig erstaunt über

diese neue treffliche Eigenschaft des jungen Mannes; er mußte zur

Probe etwas singen, und einige sonderbare Manieren abgerechnet, die

man für englisch hielt, sang er wie ein Engel. Man studierte also in

der Eile das Duett ein, und der Abend erschien endlich, an welchem

die Ohren der Grünwieseler durch das Konzert erquickt werden sollten.

Der alte Fremde konnte leider dem Triumph seines Neffen nicht

beiwohnen, weil er krank war; er gab aber dem Bürgermeister, der ihn

eine Stunde zuvor noch besuchte, einige Maßregeln über seinen Neffen

auf. "Er ist eine gute Seele, mein Neffe", sagte er, "aber hier und

da verfällt er in allerlei sonderbare Gedanken und fängt dann tolles

Zeug an; es ist mir eben deswegen leid, daß ich dem Konzert nicht

beiwohnen kann; denn vor mir nimmt er sich gewaltig in acht, er weiß

wohl, warum! Ich muß übrigens zu seiner Ehre sagen, daß dies nicht

geistiger Mutwillen ist, sondern es ist körperlich, es liegt in

seiner Natur. Wollten Sie nun, Herr Bürgermeister, wenn er etwa in

solche Gedanken verfiele, daß er sich auf ein Notenpult setzte oder

daß er durchaus den Kontrabaß streichen wollte oder dergleichen,

wollten Sie ihm dann nur seine hohe Halsbinde etwas lockerer machen

oder, wenn es auch dann nicht besser wird, ihm solche ganz ausziehen,

Sie werden sehen, wie artig und manierlich er dann wird."

Der Bürgermeister dankte dem Kranken für sein Zutrauen und versprach,

im Fall der Not also zu tun, wie er ihm geraten.

Der Konzertsaal war gedrängt voll; denn ganz Grünwiesel und die

Umgegend hatten sich eingefunden. Alle Jäger, Pfarrer, Amtleute,

Landwirte und dergleichen aus dem Umkreis von drei Stunden waren mit

zahlreicher Familie herbeigeströmt, um den seltenen Genuß mit den

Grünwieselern zu teilen. Die Stadtmusikanten hielten sich

vortrefflich; nach ihnen trat der Bürgermeister auf, der das

Violoncell spielte, begleitet vom Apotheker, der die Flöte blies;

nach diesen sang der Organist eine Baßarie mit allgemeinem Beifall,

und auch der Doktor wurde nicht wenig beklatscht, als er auf dem

Fagott sich hören ließ.

Die erste Abteilung des Konzertes war vorbei, und jedermann war nun

auf die zweite gespannt, in welcher der junge Fremde mit des

Bürgermeisters Tochter ein Duett vortragen sollte. Der Neffe war in

einem glänzenden Anzug erschienen und hatte schon längst die

Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf sich gezogen. Er hatte sich

nämlich, ohne viel zu fragen, in den prächtigen Lehnstuhl gelegt, der

für eine Gräfin aus der Nachbarschaft hergesetzt worden war; er

streckte die Beine weit von sich, schaute jedermann durch ein

ungeheueres Perspektiv an, das er noch außer seiner großen Brille

gebrauchte, und spielte mit einem großen Fleischerhund, den er trotz

des Verbotes, Hunde mitzunehmen, in die Gesellschaft eingeführt hatte.

Die Gräfin, für welche der Lehnstuhl bereitet war, erschien; aber

wer keine Miene machte, aufzustehen und ihr den Platz einzuräumen,

war der Neffe; er setzte sich im Gegenteil noch bequemer hinein, und

niemand wagte es, dem jungen Mann etwas darüber zu sagen; die

vornehme Dame aber mußte auf einem ganz gemeinen Strohsessel mitten

unter den übrigen Frauen des Städtchens sitzen und soll sich nicht

wenig geärgert haben.

Während des herrlichen Spieles des Bürgermeisters, während des

Organisten trefflicher Baßarie, ja sogar während der Doktor auf dem

Fagott phantasierte und alles den Atem anhielt und lauschte, ließ der

Neffe den Hund das Schnupftuch apportieren oder schwatzte ganz laut

mit seinen Nachbarn, so daß jedermann, der ihn nicht kannte, über die

absonderlichen Sitten des jungen Herrn sich wunderte.

Kein Wunder daher, daß alles sehr begierig war, wie er sein Duett

vortragen würde. Die zweite Abteilung begann; die Stadtmusikanten

hatten etwas weniges aufgespielt, und nun trat der Bürgermeister mit

seiner Tochter zu dem jungen Mann, überreichte ihm ein Notenblatt und

sprach: "Mosjöh, wäre es Ihnen jetzt gefällig, das Duetto zu singen?"

Der junge Mann lachte, fletschte mit den Zähnen, sprang auf, und die

beiden anderen folgten ihm an das Notenpult, und die ganze

Gesellschaft war voll Erwartung. Der Organist schlug den Takt und

winkte dem Neffen, anzufangen. Dieser schaute durch seine großen

Brillengläser in die Noten und stieß greuliche, jämmerliche Töne aus.

Der Organist aber schrie ihm zu: "Zwei Töne tiefer, Wertester, C

müssen Sie singen, C!"

Statt aber C zu singen, zog der Neffe einen seiner Schuhe ab und warf

ihn dem Organisten an den Kopf, daß der Puder weit umherflog. Als

dies der Bürgermeister sah, dachte er. "Ha, jetzt hat er wieder

seine körperlichen Zufälle!", sprang hinzu, packte ihn am Hals und

band ihm das Tuch etwas leichter; aber dadurch wurde es nur noch

schlimmer mit dem jungen Mann. Er sprach nicht mehr Deutsch, sondern

eine ganz sonderbare Sprache, die niemand verstand, und machte große

Sprünge. Der Bürgermeister war in Verzweiflung über diese

unangenehme Störung; er faßte daher den Entschluß, dem jungen Mann,

dem etwas ganz Besonderes zugestoßen sein mußte, das Halstuch

vollends abzulösen. Aber kaum hatte er dies getan, so blieb er vor

Schrecken wie erstarrt stehen; denn statt menschlicher Haut und Farbe

umgab den Hals des jungen Menschen ein dunkelbraunes Fell, und

alsobald setzte derselbe auch seine Sprünge noch höher und

sonderbarer fort, fuhr sich mit den glasierten Handschuhen in die

Haare, zog diese ab, und o Wunder, diese schönen Haare waren eine

Perücke, die er dem Bürgermeister ins Gesicht warf, und sein Kopf

erschien jetzt mit demselben braunen Fell bewachsen.

Er setzte über Tische und Bänke, warf die Notenpulte um, zertrat

Geigen und Klarinette und erschien wie ein Rasender. "Fangt ihn,

fangt ihn!" rief der Bürgermeister ganz außer sich, "er ist von

Sinnen, fangt ihn!" Das war aber eine schwierige Sache; denn er hatte

die Handschuhe abgezogen und zeigte Nägel an den Händen, mit welchen

er den Leuten ins Gesicht fuhr und sie jämmerlich kratzte. Endlich

gelang es einem mutigen Jäger, seiner habhaft zu werden. Er preßte

ihm die langen Arme zusammen, daß er nur noch mit den Füßen zappelte

und mit heiserer Stimme lachte und schrie. Die Leute sammelten sich

umher und betrachteten den sonderbaren jungen Herrn, der jetzt gar

nicht mehr aussah wie ein Mensch. Aber ein gelehrter Herr aus der

Nachbarschaft, der ein großes Naturalienkabinett und allerlei

ausgestopfte Tiere besaß, trat näher, betrachtete ihn genau und rief

dann voll Verwunderung: "Mein Gott, verehrte Herren und Damen, wie

bringen Sie nur dies Tier in honette Gesellschaft, das ist ja ein

Affe, der Homo Troglodytes Linnaei, ich gebe sogleich sechs Taler für

ihn, wenn Sie mir ihn ablassen, und balge ihn aus für mein Kabinett."

Wer beschreibt das Erstaunen der Grünwieseler, als sie dies hörten!

"Was, ein Affe, ein Orang-Utan in unserer Gesellschaft? Der junge

Fremde ein ganz gewöhnlicher Affe?" riefen sie und sahen einander

ganz dumm vor Verwunderung an. Man wollte nicht glauben, man traute

seinen Ohren nicht, die Männer untersuchten das Tier genauer, aber es

war und blieb ein ganz natürlicher Affe.

"Aber, wie ist dies möglich!" rief die Frau Bürgermeister. "Hat er

mir nicht oft seine Gedichte vorgelesen? Hat er nicht wie ein

anderer Mensch bei mir zu Mittag gespeist?"

"Was?" eiferte die Frau Doktorin. "Wie? Hat er nicht oft und viel

den Kaffee bei mir getrunken und mit meinem Manne gelehrt gesprochen

und geraucht?"

"Wie! Ist es möglich!" riefen die Männer. "Hat er nicht mit uns am

Felsenkeller Kugeln geschoben und über Politik gestritten wie

unsereiner?"

"Und wie?" klagten sie alle. "Hat er nicht sogar vorgetanzt auf

unseren Bällen? Ein Affe! Ein Affe? Es ist ein Wunder, es ist

Zauberei!" sagten die Bürger. "Ja, es ist Zauberei und teuflischer

Spuk", sagte der Bürgermeister, indem er das Halstuch des Neffen oder

Affen herbeibrachte. "Seht! In diesem Tuch steckte der ganze Zauber,

der ihn in unseren Augen liebenswürdig machte. Da ist ein breiter

Streifen elastischen Pergaments, mit allerlei wunderlichen Zeichen

beschrieben. Ich glaube gar, es ist Lateinisch; kann es niemand

lesen?"

Der Oberpfarrer, ein gelehrter Mann, der oft an den Affen eine Partie

Schach verloren hatte, trat hinzu, betrachtete das Pergament und

sprach: "Mitnichten! Es sind nur lateinische Buchstaben, es heißt:

DER--AFFE--SEHR--POSSIERLICH--IST--ZUMAL--WANN--ER--VOM--APFEL--FRISST

-Ja, ja, es ist höllischer Betrug, eine Art von Zauberei", fuhr er

fort, "und es muß exemplarisch bestraft werden."

Der Bürgermeister war derselben Meinung und machte sich sogleich auf

den Weg zu dem Fremden, der ein Zauberer sein mußte, und sechs

Stadtsoldaten trugen den Affen; denn der Fremde sollte sogleich ins

Verhör genommen werden.

Sie kamen, umgeben von einer ungeheuren Anzahl Menschen, an das öde

Haus; denn jedermann wollte sehen, wie sich die Sache weiter begeben

würde. Man pochte an das Haus, man zog die Glocke, aber vergeblich,

es zeigte sich niemand. Da ließ der Bürgermeister in seiner Wut die

Türe einschlagen und begab sich hierauf in die Zimmer des Fremden.

Aber dort war nichts zu sehen als allerlei alter Hausrat. Der fremde

Mann war nicht zu finden. Auf seinem Arbeitstisch aber lag ein

großer, versiegelter Brief, an den Bürgermeister überschrieben, den

dieser auch sogleich öffnete. Er las:

"Meine lieben Grünwieseler!

Wenn Ihr dies leset, bin ich nicht mehr in Eurem Städtchen, und Ihr

werdet dann längst erfahren haben, wes Standes und Vaterlandes mein

lieber Neffe ist. Nehmet den Scherz, den ich mit Euch erlaubte, als

eine gute Lehre auf, einen Fremden, der für sich leben will, nicht in

Eure Gesellschaft zu nötigen. Ich selbst fühlte mich zu gut, um Euer

ewiges Klatschen, um Eure schlechten Sitten und Euer lächerliches

Wesen zu teilen. Darum erzog ich einen jungen Orang-Utan, den Ihr

als meinen Stellvertreter so liebgewonnen habt. Lebet wohl und

benützet diese Lehre nach Kräften!"

Die Grünwieseler schämten sich nicht wenig vor dem ganzen Land. Ihr

Trost war, daß dies alles mit unnatürlichen Dingen zugegangen sei.

Am meisten schämten sich aber die jungen Leute in Grünwiesel, weil

sie die schlechten Gewohnheiten und Sitten des Affen nachgeahmt

hatten. Sie stemmten von jetzt an keinen Ellbogen mehr auf, sie

schaukelten nicht mit dem Sessel, sie schwiegen, bis sie gefragt

wurden, sie legten die Brillen ab und waren artig und gesittet wie

zuvor, und wenn je einer wieder in solche schlechten, lächerlichen

Sitten verfiel, so sagten die Grünwieseler: "Es ist ein Affe." Der

Affe aber, welcher so lange die Rolle eines jungen Herrn gespielt

hatte, wurde dem gelehrten Mann, der ein Naturalienkabinett besaß,

überantwortet. Dieser läßt ihn in seinem Hof umhergehen, füttert ihn

und zeigt ihn als Seltenheit jedem Fremden, wo er noch bis auf den

heutigen Tag zu sehen ist.

Es entstand ein Gelächter im Saal, als der Sklave geendet hatte, und

auch die jungen Männer lachten mit. "Es muß doch sonderbare Leute

geben unter diesen Franken, und wahrhaftig, da bin ich lieber beim

Scheik und Mufti in Alessandria als in Gesellschaft des Oberpfarrers,

des Bürgermeisters und ihrer törichten Frauen in Grünwiesel!"

"Da hast du gewiß recht gesprochen", erwiderte der junge Kaufmann.

"In Frankistan möchte ich nicht tot sein. Die Franken sind ein rohes,

wildes, barbarisches Volk, und für einen gebildeten Türken oder

Perser müßte es schrecklich sein, dort zu leben."

"Das werdet ihr bald hören", versprach der Alte, "so viel mir der

Sklavenaufseher sagte, wird der schöne junge Mann dort vieles von

Frankistan erzählen; denn er war lange dort und ist doch seiner

Geburt nach ein Muselmann."

"Wie, jener, der zuletzt sitzt in der Reihe? Wahrlich, es ist eine

Sünde, daß der Herr Scheik diesen losgibt! Es ist der schönste

Sklave im ganzen Land; schaut nur dieses mutige Gesicht, dieses kühne

Auge, diese schöne Gestalt! Er kann ihm ja leichte Geschäfte geben;

er kann ihn zum Fliegenwedeler machen oder zum Pfeifenträger; es ist

ein Spaß, ein solches Amt zu versehen, und wahrlich, ein solcher

SkIave ist die Zierde von einem ganzen Haus. Und erst drei Tage hat

er ihn und gibt ihn weg? Es ist Torheit, es ist Sünde!"

"Tadelt ihn doch nicht, ihn, der weiser ist als ganz Ägypten!" sprach

der Alte mit Nachdruck. "Sagte ich euch nicht schon, daß er ihn

losläßt, weil er glaubt, den Segen Allahs dadurch zu verdienen? Ihr

sagt, er ist schön und wohlgebildet, und ihr sprecht die Wahrheit.

Aber der Sohn des Scheik, den der Prophet in sein Vaterhaus

zurückbringen möge, der Sohn des Scheik war ein schöner Knabe und muß

jetzt auch groß sein und wohlgebildet. Soll er also das Gold sparen

und einen wohlfeilen, verwachsenen Sklaven hingeben in der Hoffnung,

seinen Sohn dafür zu bekommen? Wer etwas tun will in der Welt, der

tut es lieber gar nicht oder--recht!"

"Und sehet, des Scheik Augen sind immer auf diesen Sklaven geheftet;

ich bemerkte es schon den ganzen Abend. Während der Erzählungen

streifte oft sein Blick dorthin und verweilte auf den edlen Zügen des

Freigelassenen. Es muß ihn doch ein wenig schmerzen, ihn freizugeben."

"Denke nicht also von dem Mann! Meinst du, tausend Tomans schmerzen

ihn, der jeden Tag das Dreifache einnimmt?" sagte der alte Mann.

"Aber wenn sein Blick mit Kummer auf dem Jüngling weilt, so denkt er

wohl an seinen Sohn, der in der Fremde schmachtet; er denkt wohl, ob

dort vielleicht ein barmerziger Mann wohne, der ihn loskaufe und

zurückschicke zum Vater. "

"Ihr mögt recht haben", erwiderte der junge Kaufmann, "und ich schäme

mich, daß ich von den Leuten nur immer das Gemeinere und Unedle denke,

während Ihr lieber eine schöne Gesinnung unterlegt. Und doch sind

die Menschen in der Regel schlecht, habt Ihr dies nicht auch gefunden,

Alter?"

"Gerade, weil ich dies nicht gefunden habe, denke ich gerne gut von

den Menschen", antwortete dieser, "es ging mir gerade wie euch; ich

lebte so in den Tag hinein, hörte viel Schlimmes von den Menschen,

mußte selbst an mir viel Schlechtes erfahren und fing an, die

Menschen alle für schlechte Geschöpfe zu halten. Doch da fiel mir

bei, daß Allah, der so gerecht ist als weise, nicht dulden könnte,

daß ein so verworfenes Geschlecht auf dieser schönen Erde hause. Ich

dachte nach über das, was ich gesehen, was ich erlebt hatte, und

siehe--ich hatte nur das Böse gezählt und das Gute vergessen. Ich

hatte nicht achtgegeben, wenn einer eine Handlung der Barmherzigkeit

übte, ich hatte es natürlich gefunden, wenn ganze Familien tugendhaft

lebten und gerecht waren; so oft ich aber Böses, Schlechtes hörte,

hatte ich es wohl angemerkt in meinem Gedächtnis. Da fing ich an,

mit ganz anderen Augen um mich zu schauen; es freute mich, wenn ich

das Gute nicht so sparsam keimen sah, wie ich anfangs dachte; ich

bemerkte das Böse weniger, oder es fiel mir nicht so sehr auf, und so

lernte ich die Menschen lieben, lernte Gutes von ihnen denken und

habe mich in langen Jahren seltener geirrt, wenn ich von einem Gutes

sprach, als wenn ich ihn für geizig oder gemein oder gottlos hielt."

Der Alte wurde bei diesen Worten von dem Aufseher der Sklaven

unterbrochen, der zu ihm trat und sprach: "Mein Herr, der Scheik von

Alessandria, Ali Banu, hat Euch mit Wohlgefallen in seinem Saale

bemerkt und ladet Euch ein, zu ihm zu treten und Euch neben ihn zu

setzen."

Die jungen Leute waren nicht wenig erstaunt über die Ehre, die dem

Alten widerfahren sollte, den sie für einen Bettler gehalten, und als

dieser hingegangen war, sich zu dem Scheik zu setzen, hielten sie den

Sklavenaufseher zurück, und der Schreiber fragte ihn: "Beim Bart des

Propheten beschwöre ich dich, sage uns, wer ist dieser alte Mann, mit

dem wir sprachen und den der Scheik also ehrt?"

"Wie!" rief der Aufseher der Sklaven und schlug vor Verwunderung die

Hände zusammen. "Diesen Mann kennet ihr nicht?"

"Nein, wir wissen nicht, wer er ist."

"Aber ich sah euch doch schon einigemal mit ihm auf der Straße

sprechen, und mein Herr, der Scheik, hat dies auch bemerkt und erst

letzthin gesagt: 'Das müssen wackere junge Leute sein, die dieser

Mann eines Gespräches würdigt.'"

"Aber, so sage doch, wer er ist!" rief der junge Kaufmann in höchster

Ungeduld.

"Gehet, Ihr wollet mich nur zum Narren haben", antwortete der

Sklavenaufseher. "In diesen Saal kommt sonst niemand, wer nicht

ausdrücklich eingeladen ist, und heute ließ der Alte dem Scheik sagen,

er werde einige junge Männer in seinen Saal mitbringen, wenn es ihm

nicht ungelegen sei, und Ali Banu ließ ihm sagen, er habe über sein

Haus zu gebieten."

"Lasse uns nicht länger in Ungewißheit; so wahr ich lebe, ich weiß

nicht, wer dieser Mann ist. Wir lernten ihn zufällig kennen und

sprachen mit ihm."

"Nun, dann dürfet ihr euch glücklich preisen; denn ihr habt mit einem

gelehrten, berühmten Mann gesprochen, und alle Anwesenden ehren und

bewundern euch deshalb; es ist niemand anders als Mustapha, der

gelehrte Derwisch."

"Mustapha, der weise Mustapha, der den Sohn des Scheik erzogen hat?

Der viele gelehrte Bücher schrieb, der große Reisen machte in alle

Weltteile! Mit Mustapha haben wir gesprochen? Und gesprochen, als

wär' er unsereiner, so ganz ohne alle Ehrerbietung?" So sprachen die

jungen Männer untereinander und waren sehr beschämt; denn der

Derwisch Mustapha galt damals für den weisesten und gelehrtesten Mann

im ganzen Morgenland.

"Tröst' euch darüber", antwortete der Sklavenaufseher, seid froh, daß

ihr ihn nicht kanntet; er kann es nicht leiden, wenn man ihn lobt,

und hättet ihr ihn ein einziges Mal die Sonne der Gelehrsamkeit oder

das Gestirn der Weisheit genannt, wie es gebräuchlich ist bei Männern

dieser Axt, er hätte euch von Stund' an verlassen. Doch ich muß

jetzt zurück zu den Leuten, die heute erzählen. Der, der jetzt kommt,

ist tief hinten in Frankistan gebürtig, wollen sehen, was er weiß."

So sprach der Sklavenaufseher; der aber, an welchen jetzt die Reihe

zu erzählen kam, stand auf und sprach: "Herr! ich bin aus einem Lande,

das weit gegen Mitternacht liegt, Norwegen genannt, wo die Sonne

nicht, wie in deinem gesegneten Vaterlande, Feigen und Zitronen kocht,

wo sie nur wenige Monde über die grüne Erde scheint und ihr im Flug

sparsame Blüten und Früchte entlockt. Du sollst, wenn es dir

angenehm ist, ein paar Märchen hören, wie man sie bei uns in den

warmen Stuben erzählt, wenn das Nordlicht über die Schneefelder

flimmert." (Im Märchenalmanach auf das Jahr 1827 standen hier "Das

Fest der Unterirdischen" (norwegisches Märchen nach mündlicher

Überlieferung) und "Schneeweißchen und Rosenrot" von Wilhelm Grimm)

Noch waren die jungen Männer im Gespräch über diese Märchen und über

den Alten, den Derwisch Mustapha; sie fühlten sich nicht wenig geehrt,

daß ein so alter und berühmter Mann sie seiner Aufmerksamkeit

gewürdigt und sogar öfters mit ihnen gesprochen und gestritten hatte.

Da kam plötzlich der Aufseher der Sklaven zu ihnen und lud sie ein,

ihm zum Scheik zu folgen, der sie sprechen wolle.

Den Jünglingen pochte das Herz. Noch nie hatten sie mit einem so

vornehmen Mann gesprochen, nicht einmal allein, viel weniger in so

großer Gesellschaft. Doch sie faßten sich, um nicht als Toren zu

erscheinen, und folgten dem Aufseher der Sklaven zum Scheik. Ali

Banu saß auf einem reichen Polster und nahm Sorbet zu sich. Zu

seiner Rechten saß der Alte, sein dürftiges Kleid ruhte auf

herrlichen Polstern, seine ärmlichen Sandalen hatte er auf einen

reichen Teppich von persischer Arbeit gestellt; aber sein schöner

Kopf, sein Auge voll Würde und Weisheit zeigten an, daß er würdig sei,

neben einem Mann wie dem Scheik zu sitzen.

Der Scheik war sehr ernst, und der Alte schien ihm Trost und Mut

zuzusprechen. Die Jünglinge glaubten auch in ihrem Ruf vor das

Angesicht des Scheik eine List des Alten zu entdecken, der

wahrscheinlich den trauernden Vater durch ein Gespräch mit ihnen

zerstreuen wollte.

"Willkommen, ihr jungen Männer", sprach der Scheik, "willkommen in

dem Hause Ali Banus! Mein alter Freund hier hat sich meinen Dank

verdient, daß er euch hier einführte; doch zürnte ich ihm ein wenig,

daß er mich nicht früher mit euch bekannt machte. Wer von euch ist

denn der junge Schreiber?"

"Ich, o Herr und zu Euren Diensten!" sprach der junge Schreiber,

indem er die Arme über der Brust kreuzte und sich tief verbeugte.

"Ihr hört also gerne Geschichten und leset gerne Bücher mit schönen

Versen und Denksprüchen?"

Märchen-Almanach auf das Jahr 1827 · 第 6 / 8 段