ich geboren und erzogen bin. Es ist ein Städtchen, wie sie alle sind.
In der Mitte ein kleiner Marktplatz mit einem Brunnen, an der Seite
ein kleines, altes Rathaus, umher auf dem Markt die Häuser des
Friedensrichters und der angesehensten Kaufleute, und in ein paar
engen Straßen wohnen die übrigen Menschen. Alles kennt sich,
jedermann weiß, wie es da und dort zugeht, und wenn der Oberpfarrer
oder der Bürgermeister oder der Arzt ein Gericht mehr auf der Tafel
hat, so weiß es schon am Mittagessen die ganze Stadt. Nachmittags
kommen dann die Frauen zueinander in die Visite, wie man es nennt,
besprechen sich bei starkem Kaffee und süßem Kuchen über diese große
Begebenheit, und der Schluß ist, daß der Oberpfarrer wahrscheinlich
in die Lotterie gesetzt und unchristlich viel gewonnen habe, daß der
Bürgermeister sich 'schmieren' lasse oder daß der Doktor vom
Apotheker einige Goldstücke bekommen habe, um recht teure Rezepte zu
verschreiben. Ihr könnet Euch denken, Herr, wie unangenehm es für
eine so wohleingerichtete Stadt wie Grünwiesel sein mußte, als ein
Mann dorthin zog, von dem niemand wußte, woher er kam, was er wollte,
von was er lebte. Der Bürgermeister hatte zwar seinen Paß gesehen,
ein Papier, das bei uns jedermann haben muß"
"Ist es denn so unsicher auf den Straßen", unterbrach den Sklaven der
Scheik, "daß Ihr einen Ferman Eures Sultans haben müsset, um die
Räuber in Respekt zu setzen?"
"Nein, Herr", entgegnete jener, "diese Papiere halten keinen Dieb von
uns ab, sondern es ist nur der Ordnung wegen, daß man überall weiß,
wen man vor sich hat."
Nun, der Bürgermeister hatte den Paß untersucht und in einer
Kaffeegesellschaft bei Doktors geäußert, der Paß sei zwar ganz
richtig visiert von Berlin bis Grünwiesel, aber es stecke doch was
dahinter; denn der Mann sehe etwas verdächtig aus. Der Bürgermeister
hatte das größte Ansehen in der Stadt, kein Wunder, daß von da an der
Fremde als eine verdächtige Person angesehen wurde. Und sein
Lebenswandel konnte meine Landsleute nicht von dieser Meinung
abbringen. Der fremde Mann mietete sich für einige Goldstücke ein
ganzes Haus, das bisher öde gestanden, ließ einen ganzen Wagen voll
sonderbarer Gerätschaften, als Öfen, Kunstherde, große Tiegel und
dergleichen hineinschaffen und lebte von da an ganz für sich allein.
Ja, er kochte sich sogar selbst, und es kam keine menschliche Seele
in sein Haus als ein alter Mann aus Grünwiesel, der ihm seine
Einkäufe in Brot, Fleisch und Gemüse besorgen mußte. Doch auch
dieser durfte nur in den Flur des Hauses kommen, und dort nahm der
fremde Mann das Gekaufte in Empfang.
Ich war ein Knabe von zehn Jahren, als der Mann in meiner Vaterstadt
einzog, und ich kann mir noch heute, als wäre es gestern geschehen,
die Unruhe denken, die dieser Mann im Städtchen verursachte. Er kam
nachmittags nicht, wie andere Männer, auf die Kegelbahn, er kam
abends nicht ins Wirtshaus, um, wie die übrigen, bei einer Pfeife
Tabak über die Zeitung zu sprechen. Umsonst luden ihn nach der Reihe
der Bürgermeister, der Friedensrichter, der Doktor und der
Oberpfarrer zum Essen oder Kaffee ein, er ließ sich immer
entschuldigen. Daher hielten ihn einige für verrückt, andere für
einen Juden, eine dritte Partie behauptete steif und fest, er sei ein
Zauberer oder Hexenmeister. Ich wurde achtzehn, zwanzig Jahre alt,
und noch immer hieß der Mann in der Stadt der fremde Herr.
Es begab sich aber eines Tages, daß Leute mit fremden Tieren in die
Stadt kamen. Es ist dies hergelaufenes Gesindel, das ein Kamel hat,
welches sich verbeugen kann, einen Bären, der tanzt, einige Hunde und
Affen, die in menschlichen Kleidern komisch genug aussehen und
allerlei Künste machen. Diese Leute durchziehen gewöhnlich die Stadt,
halten an den Kreuzstraßen und Plätzen, machen mit einer kleinen
Trommel und einer Pfeife eine übeltönende Musik, lassen ihre Truppe
tanzen und springen und sammeln dann in den Häusern Geld ein. Die
Truppe aber, die diesmal sich in Grünwiesel sehen ließ, zeichnete
sich durch einen ungeheuren Orang-Utan aus, der beinahe Menschengröße
hatte, auf zwei Beinen ging und allerlei artige Künste zu machen
verstand. Diese Hunds- und Affenkomödie kam auch vor das Haus des
fremden Herrn; er erschien, als die Trommel und Pfeife ertönten, von
Anfang ganz unwillig hinter den dunklen, vom Alter angelaufenen
Fenstern; bald aber wurde er freundlicher, schaute zu jedermanns
Verwundern zum Fenster heraus und lachte herzlich über die Künste des
Orang-Utans; ja, er gab für den Spaß ein so großes Silberstück, daß
die ganze Stadt davon sprach.
Am anderen Morgen zog die Tierbande weiter; das Kamel mußte viele
Körbe tragen, in welchen die Hunde und Affen ganz bequem saßen, die
Tiertreiber aber und der große Affe gingen hinter dem Kamel. Kaum
aber waren sie einige Stunden zum Tore hinaus, so schickte der fremde
Herr auf die Post, verlangte zu großer Verwunderung des Postmeisters
einen Wagen und Extrapost und fuhr zu demselben Tor hinaus den Weg
hin, den die Tiere genommen hatten. Das ganze Städtchen ärgerte sich,
daß man nicht erfahren konnte, wohin er gereist sei. Es war schon
Nacht, als der fremde Herr wieder im Wagen vor dem Tor ankam; es saß
aber noch eine Person im Wagen, die den Hut tief ins Gesicht gedrückt
und um Mund und Ohren ein seidenes Tuch gebunden hatte. Der
Torschreiber hielt es für seine Pflicht, den anderen Fremden
anzureden und um seinen Paß zu bitten; er antwortete aber sehr grob,
indem er in einer ganz unverständlichen Sprache brummte.
"Es ist mein Neffe", sagte der fremde Mann freundlich zum
Torschreiber, indem er ihm einige Silbermünzen in die Hand drückte,
"es ist mein Neffe und versteht bis dato noch wenig Deutsch; er hat
soeben in seiner Mundart ein wenig geflucht, daß wir hier aufgehalten
werden."
"Ei, wenn es Dero Neffe ist", antwortete der Torschreiber, "so kann
er wohl ohne Paß hereinkommen; er wird wohl ohne Zweifel bei Ihnen
wohnen?"
"Allerdings", sagte der Fremde, "und hält sich wahrscheinlich längere
Zeit hier auf."
Der Torschreiber hatte keine weitere Einwendung mehr, und der fremde
Herr und sein Neffe fuhren ins Städtchen. Der Bürgermeister und die
ganze Stadt waren übrigens nicht sehr zufrieden mit dem Torschreiber.
Er hätte doch wenigstens einige Worte von der Sprache des Neffen
sich merken sollen; daraus hätte man dann leicht erfahren, was für
ein Landeskind er und der Onkel wären. Der Torschreiber versicherte
aber, daß es weder Französisch oder Italienisch sei, wohl aber habe
es so breit geklungen wie Englisch, und wenn er nicht irre, so habe
der junge Herr gesagt: "Goddam!" So half der Torschreiber sich selbst
aus der Not und dem jungen Manne zu einem Namen; denn man sprach
jetzt nur von dem jungen Engländer im Städtchen.
Aber auch der junge Engländer wurde nicht sichtbar, weder auf der
Kegelbahn noch im Bierkeller; wohl aber gab er den Leuten auf andere
Weise viel zu schaffen.--Es begab sich nämlich oft, daß von dem sonst
so stillen Hause des Fremden ein schreckliches Geschrei und ein Lärm
ausging, daß die Leute haufenweise vor dem Hause stehenblieben und
hinaufsahen. Man sah dann den jungen Engländer, angetan mit einem
roten Frack und grünen Beinkleidern, mit struppichtem Haar und
schrecklicher Miene unglaublich schnell an den Fenstern hin und her
durch alle Zimmer laufen; der alte Fremde lief ihm in einem roten
Schlafrock, eine Hetzpeitsche in der Hand, nach, verfehlte ihn oft,
aber einigemal kam es doch der Menge auf der Straße vor, als müsse er
den Jungen erreicht haben; denn man hörte klägliche Angsttöne und
klatschende Peitschenhiebe die Menge. An dieser grausamen Behandlung
des fremden jungen Mannes nahmen die Frauen des Städtchens so
lebhaften Anteil, daß sie endlich den Bürgermeister bewogen, einen
Schritt in der Sache zu tun. Er schrieb dem fremden Herrn ein
Billett, worin er ihm die unglimpfliche Behandlung seines Neffen in
ziemlich derben Ausdrücken vorwarf und ihm drohte, wenn noch ferner
solche Szenen vorfielen, den jungen Mann unter seinen besonderen
Schutz zu nehmen.
Wer war aber mehr erstaunt als der Bürgermeister, wie er den Fremden
selbst, zum erstenmal seit zehn Jahren, bei sich eintreten sah. Der
alte Herr entschuldigte sein Verfahren mit dem besonderen Auftrag der
Eltern des Jünglings, die ihm solchen zu erziehen gegeben; er sei
sonst ein kluger, anstelliger Junge, äußerte er, aber die Sprachen
erlerne er sehr schwer; er wünsche so sehnlich, seinem Neffen das
Deutsche recht geläufig beizubringen, um sich nachher die Freiheit zu
nehmen, ihn in die Gesellschaft von Grünwiesel einzuführen, und
dennoch gehe demselben diese Sprache so schwer ein, daß man oft
nichts Besseres tun könne, als ihn gehörig durchzupeitschen. Der
Bürgermeister fand sich durch diese Mitteilung völlig befriedigt,
riet dem Alten zur Mäßigung und erzählte abends im Bierkeller, daß er
selten einen so unterrichteten, artigen Mann gefunden als den Fremden;
"es ist nur schade", setzte er hinzu, "daß er so wenig in
Gesellschaft kommt; doch ich denke, wenn der Neffe nur erst ein wenig
Deutsch spricht, besucht er meine Cercles öfter."
Durch diesen einzigen Vorfall war die Meinung des Städtchens völlig
umgeändert. Man hielt den Fremden für einen artigen Mann, sehnte
sich nach seiner näheren Bekanntschaft und fand es ganz in der
Ordnung, wenn hier und da in dem öden Hause ein gräßliches Geschrei
aufging. "Er gibt dem Neffen Unterricht in der deutschen
Sprachlehre", sagten die Grünwiesler und blieben nicht mehr stehen.
Nach einem Vierteljahr ungefähr schien der Unterricht im Deutschen
beendigt; denn der Alte ging jetzt um eine Stufe weiter vor. Es
lebte ein alter gebrechlicher Franzose in der Stadt, der den jungen
Leuten Unterricht im Tanzen gab. Diesen ließ der Fremde zu sich
rufen und sagte ihm, daß er seinen Neffen im Tanzen unterrichten
lassen wolle. Er gab ihm zu verstehen, daß derselbe zwar sehr
gelehrig, aber, was das Tanzen betreffe, etwas eigensinnig sei; er
habe nämlich früher bei einem anderen Meister tanzen gelernt, und
zwar nach so sonderbaren Touren, daß er sich nicht füglich in der
Gesellschaft produzieren könne; der Neffe halte sich aber eben
deswegen für einen großen Tänzer, obgleich sein Tanz nicht die
entfernteste Ähnlichkeit mit Walzer oder Galopp (Tänze, die man in
meinem Vaterlande tanzt, o Herr!), nicht einmal Ähnlichkeit mit
Ekossaise oder Française habe. Er versprach übrigens einen Taler für
die Stunde, und der Tanzmeister war mit Vergnügen bereit, den
Unterricht des eigensinnigen Zöglings zu übernehmen.
Es gab, wie der Franzose unterderhand versicherte, auf der Welt
nichts Sonderbareres als diese Tanzstunden. Der Neffe, ein ziemlich
großer, schlanker junger Mann, der nur etwas sehr kurze Beine hatte,
erschien in einem roten Frack, schön frisiert, in grünen, weiten
Beinkleidern und glasierten Handschuhen. Er sprach wenig und mit
fremdem Akzent, war von Anfang ziemlich artig und anstellig; dann
verfiel er aber oft plötzlich in fratzenhafte Sprünge, tanzte die
kühnsten Touren, wobei er Entrechats machte, daß dem Tanzmeister
Hören und Sehen verging; wollte er ihn zurechtweisen, so zog er die
zierlichen Tanzschuhe von den Füßen, warf sie dem Franzosen an den
Kopf und setzte nun auf allen Vieren im Zimmer umher. Bei diesem
Lärm fuhr dann der alte Herr plötzlich in einem weiten, roten
Schlafrock, eine Mütze von Goldpapier auf dem Kopf, aus seinem Zimmer
heraus und ließ die Hetzpeitsche ziemlich unsanft auf den Rücken des
Neffen niederfallen. Der Neffe fing dann an, schrecklich zu heulen,
sprang auf Tische und hohe Kommoden, ja selbst an den Kreuzstöcken
der Fenster hinauf und sprach eine fremde, seltsame Sprache. Der
Alte im roten Schlafrock aber ließ sich nicht irremachen, faßte ihn
am Bein, riß ihn herab, bleute ihn durch und zog ihm mittels einer
Schnalle die Halsbinde fester an, worauf er immer wieder artig und
manierlich wurde und die Tanzstunde ohne Störung weiterging.
Als aber der Tanzmeister seinen Zögling so weit gebracht hatte, daß
man Musik zu der Stunde nehmen konnte, da war der Neffe wie
umgewandelt. Ein Stadtmusikant wurde gemietet, der im Saal des öden
Hauses auf einen Tisch sich setzen mußte. Der Tanzmeister stellte
dann die Dame vor, indem ihm der alte Herr einen Frauenrock von Seide
und einen ostindischen Schal anziehen ließ; der Neffe forderte ihn
auf und fing nun an, mit ihm zu tanzen und zu walzen; er aber war ein
unermüdlicher, rasender Tänzer, er ließ den Meister nicht aus seinen
langen Armen; ob er ächzte und schrie, er mußte tanzen, bis er
ermattet umsank oder bis dem Stadtmusikus der Arm lahm wurde an der
Geige. Den Tanzmeister brachten diese Unterrichtsstunden beinahe
unter den Boden, aber der Taler, den er jedesmal richtig ausbezahlt
bekam, der gute Wein, den der Alte aufwartete, machten, daß er immer
wiederkam, wenn er auch den Tag zuvor sich fest vorgenommen hatte,
nicht mehr in das öde Haus zu gehen.
Die Leute in Grünwiesel sahen aber die Sache ganz anders an als der
Franzose. Sie fanden, daß der junge Mann viele Anlagen zum
Gesellschaftlichen habe, und die Frauenzimmer im Städtchen freuten
sich, bei dem großen Mangel an Herren einen so flinken Tänzer für den
nächsten Winter zu bekommen.
Eines Morgens berichteten die Mägde, die vom Markte heimkehrten,
ihren Herrschaften ein wunderbares Ereignis. Vor dem öden Hause sei
ein prächtiger Glaswagen gestanden, mit schönen Pferden bespannt, und
ein Bediensteter in reicher Livree habe den Schlag gehalten. Da sei
die Türe des öden Hauses aufgegangen und zwei schön gekleidete Herren
herausgetreten, wovon der eine der alte Fremde und der andere
wahrscheinlich der junge Herr gewesen, der so schwer Deutsch gelernt
und so rasend tanze. Die beiden seien in den Wagen gestiegen, der
Bedienstete hinten aufs Brett gesprungen, und der Wagen, man stelle
sich vor, sei geradezu auf Bürgermeisters Haus zugefahren.
Als die Frauen solches von ihren Mägden erzählen hörten, rissen sie
eilends die Küchenschürzen und die etwas unsauberen Hauben ab und
versetzten sich in Staat; "es ist nichts gewisser", sagten sie zu
ihrer Familie, indem alles umherrannte, um das Besuchszimmer, das
zugleich zu sonstigem Gebrauch diente, aufzuräumen, "es ist nichts
gewisser, als daß der Fremde jetzt seinen Neffen in die Welt einführt.
Der alte Narr war seit zehn Jahren nicht so artig, einen Fuß in
unser Haus zu setzen, aber es sei ihm wegen des Neffen verziehen, der
ein charmanter Mensch sein soll." So sprachen sie und ermahnten ihre
Söhne und Töchter, recht manierlich auszusehen, wenn die Fremden
kämen, sich gerade zu halten und sich auch einer besseren Aussprache
zu bedienen als gewöhnlich. Und die klugen Frauen im Städtchen
hatten nicht unrecht geraten; denn nach der Reihe fuhr der alte Herr
mit seinem Neffen umher; sich und ihn in die Gewogenheit der Familien
zu empfehlen.
Man war überall ganz erfüllt von den beiden Fremden und bedauerte,
nicht schon früher diese angenehme Bekanntschaft gemacht zu haben.
Der alte Herr zeigte sich als ein würdiger, sehr vernünftiger Mann,
der zwar bei allem, was er sagte, ein wenig lächelte, so daß man
nicht gewiß war, ob es ihm Ernst sei oder nicht, aber er sprach über
das Wetter, über die Gegend, über das Sommervergnügen auf dem Keller
am Berge so klug und durchdacht, daß jedermann davon bezaubert war.
Aber der Neffe! Er bezauberte alles, er gewann alle Herzen für sich.
Man konnte zwar, was sein Äußeres betraf, sein Gesicht nicht schön
nennen; der untere Teil, besonders die Kinnlade, stand allzusehr
hervor, und der Teint war sehr bräunlich; auch machte er zuweilen
allerlei sonderbare Grimassen, drückte die Augen zu und fletschte mit
den Zähnen; aber dennoch fand man den Schnitt seiner Züge ungemein
interessant. Es konnte nichts Beweglicheres, Gewandteres geben als
seine Gestalt. Die Kleider hingen ihm zwar etwas sonderbar am Leib,
aber es stand ihm alles trefflich; er fuhr mit großer Lebendigkeit im
Zimmer umher, warf sich hier aufs Sofa, dort in einen Lehnstuhl und
streckte die Beine von sich; aber was man bei einem anderen jungen
Mann höchst gemein und unschicklich gefunden hätte, galt bei dem
Neffen für Genialität.
"Er ist ein Engländer", sagte man, "so sind sie alle; ein Engländer
kann sich aufs Kanapee legen und einschlafen, während zehn Damen
keinen Platz haben und umherstehen müssen, einem Engländer kann man
so etwas nicht übelnehmen." Gegen den alten Herrn, seinen Oheim, war
er sehr fügsam; denn wenn er anfing, im Zimmer umherzuhüpfen oder,
wie er gerne tat, die Füße auf den Sessel hinaufzuziehen, so reichte
ein ernsthafter Blick hin, ihn zur Ordnung zu bringen. Und wie
konnte man ihm so etwas übelnehmen, als vollends der Onkel in jedem
Haus zu der Dame sagte: "Mein Neffe ist noch ein wenig roh und
ungebildet; aber ich verspreche mir viel von der Gesellschaft, die
wird ihn gehörig formen und bilden, und ich empfehle ihn namentlich
Ihnen aufs angelegenste."
So war der Neffe also in die Welt eingeführt, und ganz Grünwiesel
sprach an diesem und den folgenden Tagen von nichts anderem als von
diesem Ereignis. Der alte Herr blieb aber hierbei nicht stehen; er
schien seine Denk- und Lebensart gänzlich geändert zu haben.
Nachmittags ging er mit dem Neffen hinaus in den Felsenkeller am Berg,
wo die vornehmeren Herren von Grünwiesel Bier tranken und sich am
Kegelschieben ergötzten. Der Neffe zeigte sich dort als ein flinker
Meister im Spiel; denn er warf nie unter fünf oder sechs; hier und da
schien zwar ein sonderbarer Geist über ihn zu kommen; es konnte ihm
einfallen, daß er pfeilschnell mit der Kugel hinaus- und unter die
Kegel hineinfuhr und dort allerhand tollen Rumor anrichtete, oder
wenn er den Kranz oder den König geworfen, stand er plötzlich auf
seinem schön frisierten Haar und streckte die Beine in die Höhe, oder
wenn ein Wagen vorbeifuhr, saß er, ehe man sich's dessen versah, oben
auf dem Kutschenhimmel und machte Grimassen herab, fuhr so ein
Stückchen weit mit und kam dann wieder zur Gesellschaft gesprungen.
Der alte Herr pflegte dann bei solchen Szenen den Bürgermeister und
die anderen Männer sehr um Entschuldigung zu bitten wegen der
Ungezogenheit seines Neffen; sie aber lachten, schrieben es seiner
Jugend zu, behaupteten, in diesem Alter selbst so leichtfüßig gewesen
zu sein, und liebten den jungen Springinsfeld, wie sie ihn nannten,
ungemein.
Es gab aber auch Zeiten, wo sie sich nicht wenig über ihn ärgerten
und dennoch nichts zu sagen wagten, weil der junge Engländer
allgemein als ein Muster von Bildung und Verstand galt. Der alte
Herr pflegte nämlich mit seinem Neffen auch abends in den Goldenen
Hirsch, das Wirtshaus des Städtchens, zu kommen. Obgleich der Neffe
noch ein ganz junger Mensch war, tat er doch schon ganz wie ein Alter,
setzte sich hinter sein Glas, tat eine ungeheure Brille auf, zog
eine gewaltige Pfeife heraus, zündete sie an und dampfte unter allen
am ärgsten. Wurde nun über die Zeitungen, über Krieg und Frieden
gesprochen, gab der Doktor die Meinung, der Bürgermeister jene, waren
die anderen Herren ganz erstaunt über so tiefe politische Kenntnisse,
so konnte es dem Neffen plötzlich einfallen, ganz anderer Meinung zu
sein; er schlug dann mit der Hand, von welcher er nie die Handschuhe
ablegte, auf den Tisch und gab dem Bürgermeister und dem Doktor nicht
undeutlich zu verstehen, daß sie von diesem allem nichts genau wüßten,
daß er diese Sachen ganz anders gehört habe und tiefere Einsicht
besitze. Er gab dann in einem sonderbar gebrochenen Deutsch seine
Meinung preis, die alle, zum großen Ärgernis des Bürgermeisters, ganz
trefflich fanden; denn er mußte als Engländer natürlich alles besser
wissen.
Setzten sich dann der Bürgermeister und der Doktor in ihrem Zorn, den
sie nicht laut werden lassen durften, zu einer Partie Schach, so
rückte der Neffe hinzu, schaute dem Bürgermeister mit seiner großen
Brille über die Schulter herein und tadelte diesen oder jenen Zug,
sagte dem Doktor, so und so müsse er ziehen, so daß beide Männer
heimlich ganz grimmig wurden. Bot ihm dann der Bürgermeister
ärgerlich eine Partie an, um ihn gehörig matt zu machen, denn er
hielt sich für einen zweiten Philidor, so schnallte der alte Herr dem
Neffen die Halsbinde fester zu, worauf dieser ganz artig und
manierlich wurde und den Bürgermeister matt machte.
Man hatte bisher in Grünwiesel beinahe jeden Abend Karten gespielt,
die Partie um einen halben Kreuzer; das fand nun der Neffe erbärmlich,
setzte Kronentaler und Dukaten, behauptete, kein einziger spiele so
fein wie er, söhnte aber die beleidigten Herren gewöhnlich dadurch
wieder aus, daß er ungeheure Summen an sie verlor. Sie machten sich
auch gar kein Gewissen daraus, ihm recht viel Geld abzunehmen; denn
"er ist ja ein Engländer, also von Hause aus reich", sagten sie und
schoben die Dukaten in die Tasche.
So kam der Neffe des fremden Herrn in kurzer Zeit bei Stadt und
Umgegend in ungemeines Ansehen. Man konnte sich seit
Menschengedenken nicht erinnern, einen jungen Mann dieser Art in
Grünwiesel gesehen zu haben, und es war die sonderbarste Erscheinung,
die man je bemerkt. Man konnte nicht sagen, daß der Neffe irgend
etwas gelernt hätte als etwa tanzen. Latein und Griechisch waren ihm,
wie man zu sagen pflegt, böhmische Dörfer. Bei einem
Gesellschaftsspiel in Bürgermeisters Hause sollte er etwas schreiben,
und es fand sich, daß er nicht einmal seinen Namen schreiben konnte;
in der Geographie machte er die auffallendsten Schnitzer; denn es kam
ihm nicht darauf an, eine deutsche Stadt nach Frankreich oder eine
dänische nach Polen zu versetzen, er hatte nichts gesehen, nichts
studiert, und der Oberpfarrer schüttelte oft bedenklich den Kopf über
die rohe Unwissenheit des jungen Mannes; aber dennoch fand man alles
trefflich, was er tat oder sagte; denn er war so unverschämt, immer
recht haben zu wollen, und das Ende jeder seiner Reden war: "Ich
verstehe das besser!"
So kam der Winter heran, und jetzt erst trat der Neffe mit noch
größerer Glorie auf. Man fand jede Gesellschaft langweilig, wo nicht
er zugegen war, man gähnte, wenn ein vernünftiger Mann etwas sagte;
wenn aber der Neffe selbst das törichteste Zeug in schlechtem Deutsch
vorbrachte, war alles Ohr. Es fand sich jetzt, daß der treffliche
junge Mann auch ein Dichter war; denn nicht leicht verging ein Abend,
an welchem er nicht einiges Papier aus der Tasche zog und der
Gesellschaft einige Sonette vorlas. Es gab zwar einige Leute, die
von dem einen Teil dieser Dichtungen behaupteten, sie seien schlecht
und ohne Sinn, einen anderen Teil wollten sie schon irgendwo gedruckt
gelesen haben; aber der Neffe ließ sich nicht irremachen, er las und
las, machte dann auf die Schönheiten seiner Verse aufmerksam, und
jedesmal erfolgte rauschender Beifall.
Sein Triumph waren aber die Grünwieseler Bälle. Es konnte niemand
anhaltender, schneller tanzen als er; keiner machte so kühne und
ungemein zierliche Spränge wie er. Dabei kleidete ihn sein Onkel
immer aufs prächtigste nach dem neuesten Geschmack, und obgleich ihm
die Kleider nicht recht am Leibe sitzen wollten, fand man dennoch,
daß ihn alles allerliebst kleide. Die Männer fanden sich zwar bei
diesen Tänzen etwas beleidigt durch die neue Art, womit er auftrat.
Sonst hatte immer der Bürgermeister in eigener Person den Ball
eröffnet, die vornehmsten jungen Leute hatten das Recht, die übrigen
Tänze anzuordnen aber seit der fremde junge Herr erschien, war dies
alles ganz anders. Ohne viel zu fragen, nahm er die nächste beste
Dame bei der Hand, stellte sich mit ihr oben an, machte alles, wie es
ihm gefiel, und war Herr und Meister und Ballkönig. Weil aber die
Frauen diese Manieren ganz trefflich und angenehm fanden, so durften
die Männer nichts dagegen einwenden, und der Neffe blieb bei seiner
selbstgewählten Würde.
Das größte Vergnügen schien ein solcher Ball dem alten Herrn zu
gewähren; er verwandte kein Auge von seinem Neffen, lächelte immer in
sich hinein, und wenn alle Welt herbeiströmte, um ihm über den
anständigen, wohlgezogenen Jüngling Lobsprüche zu erteilen, so konnte
er sich vor Freude gar nicht fassen; er brach dann in ein lustiges
Gelächter aus und bezeugte sich wie närrisch; die Grünwieseler
schrieben diese sonderbaren Ausbrüche der Freude seiner großen Liebe
zu dem Neffen zu und fanden es ganz in der Ordnung. Doch hier und da
mußte er auch sein väterliches Ansehen gegen den Neffen anwenden.
Denn mitten in den zierlichsten Tänzen konnte es dem jungen Mann
einfallen, mit einem kühnen Sprung auf die Tribüne, wo die
Stadtmusikanten saßen, zu setzen, dem Organisten den Kontrabaß aus
der Hand zu reißen und schrecklich darauf umherzukratzen; oder er
wechselte auf einmal und tanzte auf den Händen, indem er die Beine in
die Höhe streckte. Dann pflegte ihn der Onkel auf die Seite zu
nehmen, machte ihm dort ernstliche Vowürfe und zog ihm die Halsbinde
fester an, daß er wieder ganz gesittet wurde.