Der junge Mensch erschrak und errötete; denn ihm fiel bei, wie er

damals den Scheik bei dem Alten getadelt und gesagt hatte, an seine

Stelle würde er sich erzählen oder aus Büchern vorlesen lassen. Er

war dem schwatzhaften Alten, der dem Scheik gewiß alles verraten

hatte, in diesem Augenblicke recht gram, warf ihm einen bösen Blick

zu und sprach dann: "O Herr! Allerdings kenne ich für meinen Teil

keine angenehmere Beschäftigung, als mit dergleichen den Tag

zuzubringen. Es bildet den Geist und vertreibt die Zeit. Aber jeder

nach seiner Weise! Ich tadle darum gewiß keinen, der nicht--"

"Schon gut, schon gut", unterbrach ihn der Scheik lachend und winkte

den zweiten herbei.

"Wer bist denn du?" fragte er ihn.

"Herr, ich bin meines Amtes der Gehilfe eines Arztes und habe selbst

schon einige Kranke geheilt."

"Richtig", erwiderte der Scheik, "und Ihr seid es auch, der das

Wohlleben liebet; Ihr möchtet gerne mit guten Freunden hier und da

tafeln und guter Dinge sein? Nicht wahr, ich habe es erraten?"

Der junge Mann war beschämt; er fühlte, daß er verraten war und daß

der Alte auch von ihm gebeichtet haben mußte. Er faßte sich aber ein

Herz und antwortete: "O ja, Herr, ich rechne es unter des Lebens

Glückseligkeiten, hier und da mit guten Freunden fröhlich sein zu

können. Mein Beutel reicht nun zwar nicht weiter hin, als meine

Freunde mit Wassermelonen oder dergleichen wohlfeilen Sachen zu

bewirten; doch sind wir auch dabei fröhlich, und es läßt sich denken,

daß wir es noch um ein gutes Teil mehr wären, wenn ich mehr Geld

hätte."

Dem Scheik gefiel diese beherzte Antwort, und er konnte sich nicht

enthalten, darüber zu lachen. "Welcher ist denn der junge Kaufmann?"

fragte er weiter.

Der junge Kaufmann verbeugte sich mit freiem Anstand vor dem Scheik;

denn er war ein Mensch von guter Erziehung; der Scheik aber sprach:

"Und Ihr? Ihr habt Freude an Musik und Tanz? Ihr höret es gerne,

wenn gute Künstler etwas spielen und singen und sehet gerne Tänzer

künstliche Tänze ausführen?" Der junge Kaufmann antwortete: "Ich sehe

wohl, o Herr, daß jener alte Mann, um Euch zu belustigen, unsere

Torheiten insgesamt verraten hat. Wenn es ihm gelang, Euch dadurch

aufzuheitern, so habe ich gerne zu Eurem Scherz gedient. Was aber

Musik und Tanz betrifft, so gestehe ich, es gibt nicht leicht etwas,

was mein Herz also vergnügt. Doch glaubet nicht, daß ich deswegen

Euch tadle, o Herr, wenn Ihr nicht ebenfalls--"

"Genug, nicht weiter!" rief der Scheik, lächelnd mit der Hand

abwehrend. "Jeder nach seiner Weise, wollet Ihr sagen; aber dort

steht ja noch einer; das ist wohl der, welcher so gerne reisen

möchte? Wer seid denn Ihr, junger Herr?"

"Ich bin ein Maler, o Herr", antwortete der junge Mann, "ich male

Landschaften teils an die Wände der Säle, teils auf Leinwand. Fremde

Länder zu sehen, ist allerdings mein Wunsch; denn man sieht dort

allerlei schöne Gegenden, die man wieder anbringen kann; und was man

sieht und abzeichnet, ist doch in der Regel immer schöner, als was

man nur so selbst erfindet."

Der Scheik betrachtete jetzt die schönen jungen Leute, und sein Blick

wurde ernst und düster. "Ich hatte einst auch einen lieben Sohn",

sagte er, "und er müßte nun auch so herangewachsen sein wie ihr. Da

solltet ihr seine Genossen und Begleiter sein, und jeder eurer

Wünsche würde von selbst befriedigt werden. Mit jenem würde er lesen,

mit diesem Musik hören, mit dem anderen würde er gute Freunde

einladen und fröhlich und guter Dinge sein, und mit dem Maler ließe

ich ihn ausziehen in schöne Gegenden und wäre dann gewiß, daß er

immer wieder zu mir zurückkehrte. So hat es aber Allah nicht gewollt,

und ich füge mich in seinen Willen ohne Murren. Doch es steht in

meiner Macht, eure Wünsche dennoch zu erfüllen, und ihr sollt

freudigen Herzens von Ali Banu gehen. Ihr, mein gelehrter Freund",

fuhr er fort, indem er sich zu dem Schreiber wandte, "wohnt von jetzt

an in meinem Hause und seid über meine Bücher gesetzt. Ihr könnet

noch dazu anschaffen, was Ihr wollet und für gut haltet, und Euer

einziges Geschäft sei, mir, wenn Ihr etwas recht Schönes gelesen habt,

zu erzählen. Ihr, der Ihr eine gute Tafel unter Freunden liebet,

Ihr sollet der Aufseher über meine Vergnügungen sein. Ich selbst

zwar lebe einsam und ohne Freude, aber es ist meine Pflicht, und mein

Amt bringt es mit sich, hier und da viele Gäste einzuladen. Dort

sollet Ihr an meiner Stelle alles besorgen und könnet von Euren

Freunden dazu einladen, wen Ihr nur wollet; versteht sich, auf etwas

Besseres als Wassermelonen. Den jungen Kaufmann da darf ich freilich

seinem Geschäft nicht entziehen, das ihm Geld und Ehre bringt; aber

alle Abende stehen Euch, mein junger Freund, Tänzer, Sänger und

Musikanten zu Dienste, so viel Ihr wollet. Lasset Euch aufspielen

und tanzen nach Herzenslust. Und Ihr", sprach er zu dem Maler, "Ihr

sollet fremde Länder sehen und das Auge durch Erfahrung schärfen.

Mein Schatzmeister wird Euch zu der ersten Reise, die Ihr morgen

antreten könnet, tausend Goldstücke reichen nebst zwei Pferden und

einem Sklaven. Reiset, wohin Euch das Herz treibt, und wenn Ihr

etwas Schönes sehet, so malet es für mich!"

Die jungen Leute waren außer sich vor Erstaunen, sprachlos vor Freude

und Dank. Sie wollten den Boden vor den Füßen des gültigen Mannes

küssen; aber er ließ es nicht zu. "Wenn ihr einem zu danken habt",

sprach er, "so ist es diesem weisen Mann hier, der mir von euch

erzählte. Auch mir hat er dadurch Vergnügen gemacht, vier so muntere

junge Leute eurer Art kennenzulernen."

Der Derwisch Mustapha aber wehrte den Dank der Jünglinge ab. "Sehet",

sprach er, "wie man nie voreilig urteilen muß; habe ich euch zuviel

von diesem edlen Manne gesagt?"

"Lasset uns nun noch den letzten meiner Sklaven, die heute frei sind,

erzählen hören", unterbrach ihn Ali Banu.

Jener junge Sklave, der die Aufmerksamkeit aller durch seinen Wuchs,

durch seine Schönheit und seinen mutigen Blick auf sich gezogen hatte,

stand jetzt auf, verbeugte sich vor dem Scheik und fing wohltönend

also zu sprechen an:

Das Fest der Unterirdischen

Wilhelm Grimm

Im "Märchenalmanach auf das Jahr 1827" stand hier "Das Fest der

Unterirdischen" von Wilhelm Grimm.

Schneeweißchen und Rosenrot

Wilhelm Grimm

Im "Märchenalmanach auf das Jahr 1827" stand hier "Schneeweißchen und

Rosenrot" von Wilhelm Grimm.

Die Geschichte Almansors

Wilhelm Hauff

O Herr! Die Männer, die vor mir gesprochen haben, erzählten

mancherlei wunderbare Geschichten, die sie gehört hatten in fremden

Ländern; ich muß mit Beschämung gestehen, daß ich keine einzige

Erzählung weiß, die Eurer Aufmerksamkeit würdig wäre. Doch wenn es

Euch nicht langweilt, will ich Euch die wunderbaren Schicksale eines

meiner Freunde vortragen.

Auf jenem algerischen Kaperschiff, von welchem mich Eure milde Hand

befreit hat, war ein junger Mann in meinem Alter, der mir nicht für

das Sklavenkleid geboren schien, das er trug. Die übrigen

Unglücklichen auf dem Schiffe waren entweder rohe Menschen, mit denen

ich nicht leben mochte, oder Leute, deren Sprache ich nicht verstand;

darum fand ich mich zu der Zeit, wo wir ein Stündchen frei hatten,

gerne zu dem jungen Mann. Er nannte sich Almansor und war seiner

Aussprache nach ein Ägypter. Wir unterhielten uns recht angenehm

miteinander und kamen eines Tages auch darauf, uns unsere Geschichte

zu erzählen, da dann die meines Freundes allerdings bei weitem

merkwürdiger war als die meinige.

Almansors Vater war ein vornehmer Mann in einer ägyptischen Stadt,

deren Namen er mir nicht nannte. Er lebte die Tage seiner Kindheit

vergnügt und froh und umgeben von allem Glanz und aller

Bequemlichkeit der Erde. Aber er wurde dabei doch nicht weichlich

erzogen, und sein Geist wurde frühzeitig ausgebildet; denn sein Vater

war ein weiser Mann, der ihm Lehren der Tugend gab, und überdies

hatte er zum Lehrer einen berühmten Gelehrten, der ihn in allem

unterrichtete, was ein junger Mensch wissen muß--Almansor war etwa

zehn Jahre alt, als die Franken über das Meer her in das Land kamen

und Krieg mit seinem Volke führten.

Der Vater des Knaben mußte aber den Franken nicht sehr günstig

gewesen sein; denn eines Tages, als er eben zum Morgengebet gehen

wollte, kamen sie und verlangten zuerst seine Frau als Geisel seiner

treuen Gesinnungen gegen das Frankenvolk, und als er sie nicht geben

wollte, schleppten sie seinen Sohn mit Gewalt ins Lager.

Als der junge Sklave also erzählte, verhüllte der Scheik sein

Angesicht, und es entstand ein Murren des Unwillens im Saal. "Wie",

riefen die Freunde des Scheik, "wie kann der junge Mann dort so

töricht handeln und durch solche Geschichten die Wunden Ali Banus

aufreißen, statt sie zu mildern? Wie kann er ihm seinen Schmerz

erneuern, statt ihn zu zerstreuen?" Der Sklavenaufseher selbst war

voll Zorn über den unverschämten Jüngling und gebot ihm zu schweigen.

Der junge Sklave aber war sehr erstaunt über dies alles und fragte

den Scheik, ob denn in seiner Erzählung etwas liege, das sein

Mißfallen erregt habe. Der Scheik richtete sich auf und sprach:

"Seid doch ruhig, Freunde; wie kann denn dieser Jüngling etwas von

meinem betrübten Schicksal wissen, da er nur kaum drei Tage unter

diesem Dache ist! Kann es denn bei den Greueln, die diese Franken

verübten, nicht ein ähnliches Geschick wie das meine geben? Kann

nicht vielleicht selbst jener Almansor--doch erzähle immer weiter,

mein junger Freund!" Der junge Sklave verbeugte sich und fuhr fort:

Der junge Almansor wurde also in das fränkische Lager geführt. Es

erging ihm dort im ganzen gut; denn einer der Feldherrn ließ ihn in

sein Zelt kommen und hatte seine Freude an den Antworten des Knaben,

die ihm ein Dragoman übersetzen mußte; er sorgte für ihn, daß ihm an

Speise und Kleidung nichts abginge; aber die Sehnsucht nach Vater und

Mutter machte dennoch den Knaben höchst unglücklich. Er weinte viele

Tage lang, aber seine Tränen rührten diese Männer nicht. Das Lager

wurde aufgebrochen, und Almansor glaubte jetzt wieder zurückkehren zu

dürfen; aber es war nicht so; das Heer zog hin und her, führte Krieg

mit den Mamelucken, und den jungen Almansor schleppten sie immer mit

sich. Wenn er dann die Hauptleute und Feldherren anflehte, ihn doch

wieder heimkehren zu lassen, so verweigerten sie es und sagten, er

müsse ein Unterpfand von seines Vaters Treue sein. So war er viele

Tage lang auf dem Marsch.

Auf einmal aber entstand eine Bewegung im Heere, die dem Knaben nicht

entging; man sprach von Einpacken, von Zurückziehen, vom Einschiffen,

und Almansor war außer sich vor Freude; denn jetzt, wenn die Franken

in ihr Land zurückkehrten, jetzt mußte er ja frei werden. Man zog

mit Roß und Wagen rückwärts gegen die Küste, und endlich war man so

weit, daß man die Schiffe vor Anker liegen sah. Die Soldaten

schifften sich ein; aber es wurde Nacht, bis nur ein kleiner Teil

eingeschifft war. So gerne Almansor gewacht hätte, weil er jede

Stunde glaubte, freigelassen zu werden, so verfiel er doch endlich in

einen tiefen Schlaf, und er glaubte, die Franken haben ihm etwas

unter das Wasser gemischt, um ihn einzuschläfern. Denn als er

aufwachte, schien der helle Tag in eine kleine Kammer, worin er nicht

gewesen war, als er einschlief. Er sprang auf von seinem Lager, aber

als er auf den Boden kam, fiel er um; denn der Boden schwankte hin

und wieder, und es schien sich alles zu bewegen und im Kreis um ihn

her zu tanzen. Er raffte sich auf, hielt sich an den Wänden fest, um

aus dem Gemach zu kommen, worin er sich befand.

Ein sonderbares Brausen und Zischen war um ihn her; er wußte nicht,

ob er träume oder wache; denn er hatte nie Ähnliches gesehen oder

gehört. Endlich erreichte er eine kleine Treppe, mit Mühe klimmte er

hinauf, und welcher Schrecken befiel ihn! Ringsumher war nichts als

Himmel und Meer, er befand sich auf einem Schiffe. Da fing er

kläglich an zu weinen. Er wollte zurückgebracht werden, er wollte

ins Meer sich stürzen und hinüberschwimmen nach seiner Heimat; aber

die Franken hielten ihn fest, und einer der Befehlshaber ließ ihn zu

sich kommen, versprach ihm, wenn er gehorsam sei, solle er bald

wieder in seine Heimat zurück, und stellte ihm vor, daß es nicht mehr

möglich gewesen wäre, ihn vom Land aus nach Hause zu bringen, dort

aber hätte er, wenn man ihn zurückgelassen, elendiglich umkommen

müssen.

Wer aber nicht Wort hielt, waren die Franken; denn das Schiff segelte

viele Tage lang weiter, und als es endlich landete, war man nicht an

Ägyptens Küste, sondern in Frankistan! Almansor hatte während der

langen Fahrt und schon im Lager einiges von der Sprache der Franken

verstehen und sprechen gelernt, was ihm in diesem Lande, wo niemand

seine Sprache kannte, sehr gut zustatten kam. Er wurde viele Tage

lang durch das Land in das Innere geführt, und überall strömte das

Volk zusammen, um ihn zu sehen; denn seine Begleiter sagten aus, er

wäre der Sohn des Königs von Ägypten, der ihn zu seiner Ausbildung

nach Frankistan schicke.

So sagten aber die Soldaten nur, um das Volk glauben zu machen, sie

haben Ägypten besiegt und stehen in tiefem Frieden mit diesem Land.

Nachdem die Reise zu Land mehrere Tage gedauert hatte, kamen sie in

eine große Stadt, dem Ziel ihrer Reise. Dort wurde er einem Arzt

übergeben, der ihn in sein Haus nahm und in allen Sitten und

Gebräuchen von Frankistan unterwies.

Er mußte vor allem fränkische Kleider anlegen, die sehr enge und

knapp waren und bei weitem nicht so schön wie seine ägyptischen.

Dann durfte er nicht mehr seine Verbeugung mit gekreuzten Armen

machen, sondern wollte er jemand seine Ehrerbietung bezeugen, so

mußte er mit der einen Hand die ungeheure Mütze von schwarzem Filz,

die alle Männer trugen und die man auch ihm aufgesetzt hatte, vom

Kopfe reißen, mit der anderen Hand mußte er auf die Seite fahren und

mit dem rechten Fuß auskratzen. Er durfte auch nicht mehr mit

überschlagenen Beinen sitzen, wie es angenehme Sitte ist im

Morgenlande, sondern auf hochbeinige Stühle mußte er sich setzen und

die Füße herabhängen lassen auf den Boden. Das Essen machte ihm auch

nicht geringe Schwierigkeit; denn alles, was er zum Munde bringen

wollte, mußte er zuvor auf eine Gabel von Eisen stecken.

Der Doktor aber war ein strenger, böser Mann, der den Knaben plagte:

Denn wenn er sich jemals vergaß und zu einem Besuch sagte: "Salem

aleikum", so schlug er ihn mit dem Stock; denn er sollte sagen:

"Votre serviteur!" Er durfte auch nicht mehr in seiner Sprache denken

und sprechen oder schreiben, höchstens durfte er darin träumen, und

er hätte vielleicht seine Sprache gänzlich verlernt, wenn nicht ein

Mann in jener Stadt gelebt hätte, der ihm von großem Nutzen war.

Es war dies ein alter, aber sehr gelehrter Mann, der viele

morgenländische Sprachen verstand. Arabisch, Persisch, Koptisch,

sogar Chinesisch, von jedem etwas; er galt in jenem Land für ein

Wunder von Gelehrsamkeit, und man gab ihm viel Geld, daß er diese

Sprachen andere Leute lehrte. Dieser Mann ließ nun den jungen

Almansor alle Wochen einigemal zu sich kommen, bewirtete ihn mit

seltenen Früchten und dergleichen, und dem Jüngling war es dann, als

wäre er zu Haus. Denn der alte Herr war gar ein sonderbarer Mann.

Er hatte Almansor Kleider machen lassen, wie sie vornehme Leute in

Ägypten tragen. Diese Kleider bewahrte er in seinem Hause in einem

besonderen Zimmer auf. Kam nun Almansor, so schickte er ihn mit

einem Bediensteten in jenes Zimmer und ließ ihn ganz nach seiner

Landessitte ankleiden. Von da ging es dann nach "Kleinarabien"; so

nannte man einen Saal im Hause des Gelehrten.

Dieser Saal war mit allerlei künstlich aufgezogenen Bäumen, als

Palmen, Bambus, jungen Zedern und dergleichen, und mit Blumen

ausgeschmückt, die nur im Morgenland wachsen. Persische Teppiche

lagen auf dem Fußboden, und an den Wänden waren Polster, nirgends

aber ein fränkischer Stuhl oder Tisch. Auf einem dieser Polster saß

der alte Professor; er sah aber ganz anders aus als gewöhnlich; um

den Kopf hatte er einen feinen türkischen Schal als Turban gewunden,

er hatte einen grauen Bart umgeknüpft, der ihm bis zum Gürtel reichte

und aussah wie ein natürlicher, ehrwürdiger Bart eines gewichtigen

Mannes. Dazu trug er einen Talar, den er aus einem brokatnen

Schlafrock hatte machen lassen, weite türkische Beinkleider, gelbe

Pantoffeln, und so friedlich er sonst war, an diesen Tagen hatte er

einen türkischen Säbel umgeschnallt, und im Gürtel stak ein Dolch,

mit falschen Steinen besetzt. Dazu rauchte er aus einer zwei Ellen

langen Pfeife und ließ sich von seinen Leuten bedienen, die ebenfalls

persisch gekleidet waren und wovon die Hälfte Gesicht und Hände

schwarz gefärbt hatte.

Von Anfang wollte dies alles dem jungen Almansor gar wunderlich

bedünken; aber bald sah er ein, daß solche Stunden, wenn er in die

Gedanken des Alten sich fügte, sehr nützlich für ihn seien. Durfte

er beim Doktor kein ägyptisches Wort sprechen, so war hier die

fränkische Sprache sehr verboten. Almansor mußte beim Eintreten den

Friedensgruß sprechen, den der alte Perser sehr feierlich erwiderte;

dann winkte er dem Jüngling, sich neben ihn zu setzen, und begann

Persisch, Arabisch, Koptisch und alle Sprachen untereinander zu

sprechen und nannte dies eine gelehrte morgenländische Unterhaltung.

Neben ihm stand ein Bediensteter oder, was sie an diesem Tage

vorstellten, ein Sklave, der ein großes Buch hielt; das Buch war aber

ein Wörterbuch, und wenn dem Alten die Worte ausgingen, winkte er dem

Sklaven, schlug flugs auf, was er sagen wollte, und fuhr dann zu

sprechen fort.

Die Sklaven aber brachten in türkischem Geschirr Sorbet und

dergleichen, und wollte Almansor dem Alten ein großes Vergnügen

machen, so mußte er sagen, es sei alles bei ihm angeordnet wie im

Morgenland. Almansor las sehr schön Persisch, und das war der

Hauptvorteil für den Alten. Er hatte viele persische Manuskripte;

aus diesen ließ er sich von dem Jüngling vorlesen, las aufmerksam

nach und merkte sich auf diese Art die richtige Aussprache.

Das waren die Freudentage des armen Almansor; denn nie entließ ihn

der alte Professor unbeschenkt, und oft trug er sogar kostbare Gaben

an Geld und Leinenzeug oder anderen notwendigen Dingen davon, die ihm

der Doktor nicht geben wollte. So lebte Almansor einige Jahre in der

Hauptstadt des Frankenlandes, und nie wurde seine Sehnsucht nach der

Heimat geringer. Als er aber etwa fünfzehn Jahre alt war, begab sich

ein Vorfall, der auf sein Schicksal großen Einfluß hatte.

Die Franken nämlich wählten ihren ersten Feldherrn, denselben, mit

welchem Almansor so oft in Ägypten gesprochen hatte, zu ihrem König

und Beherrscher; Almansor wußte zwar und erkannte es an den großen

Festlichkeiten, daß etwas dergleichen in dieser großen Stadt geschehe;

doch konnte er sich nicht denken, daß der König derselbe sei, den er

in Ägypten gesehen; denn jener Feldherr war noch ein sehr junger Mann.

Eines Tages aber ging Almansor über eine jener Brücken, die über

den breiten Fluß fahren, der die Stadt durchströmt; da gewahrte er in

dem einfachen Kleid eines Soldaten einen Mann, der am Brückengeländer

lehnte und in die Wellen sah. Die Züge des Mannes fielen ihm auf,

und er erinnerte sich, ihn schon gesehen zu haben. Er ging also

schnell die Kammern seiner Erinnerung durch, und als er an die Pforte

der Kammer von Ägypten kam, da eröffnete sich ihm plötzlich das

Verständnis, daß dieser Mann jener Feldherr der Franken sei, mit

welchem er oft im Lager gesprochen und der immer gütig für ihn

gesorgt hatte. Er wußte seinen rechten Namen nicht genau; er faßte

sich daher ein Herz, trat zu ihm, nannte ihn, wie ihn die Soldaten

unter sich nannten, und sprach, indem er nach seiner Landessitte die

Arme über der Brust kreuzte: "Salem aleikum, Petit-Caporal!"

Der Mann sah sich erstaunt um, blickte den jungen Menschen mit

scharfen Augen an, dachte über ihn nach und sagte dann: "Himmel, ist

es möglich! Du hier, Almansor? Was macht dein Vater? Wie geht es

in Ägypten? Was führt dich zu uns hierher?"

Da konnte sich Almansor nicht länger halten; er fing an, bitterlich

zu weinen, und sagte zu dem Mann: "So weißt du also nicht, was die

Hunde, deine Landsleute, mit mir gemacht haben, Petit-Caporal? Du

weißt nicht, daß ich das Land meiner Väter nicht mehr gesehen habe

seit vielen Jahren?"

"Ich will nicht hoffen", sagte der Mann, und seine Stirne wurde

finster, "ich will nicht hoffen, daß man dich mit hinwegschleppte."

"Ach, freilich", antwortete Almansor, "an jenem Tage, wo Eure

Soldaten sich einschifften, sah ich mein Vaterland zum letztenmal;

sie nahmen mich mit sich hinweg, und ein Hauptmann, den mein Elend

rührte, zahlt ein Kostgeld für mich bei einem verwünschten Doktor,

der mich schlägt und halb Hungers sterben läßt. Aber höre,

Petit-Caporal", fuhr er ganz treuherzig fort, "es ist gut, daß ich

dich hier traf, du mußt mir helfen."

Der Mann, zu welchem er dies sprach, lächelte und fragte, auf welche

Weise er denn helfen sollte.

"Siehe", sagte Almansor, "es wäre unbillig, wollte ich von dir etwas

verlangen; du warst von jeher so gütig gegen mich, aber ich weiß, du

bist auch ein armer Mensch, und wenn du auch Feldherr warst, gingst

du nie so schön gekleidet wie die anderen; auch jetzt mußt du, nach

deinem Rock und Hut zu urteilen, nicht in den besten Umständen sein.

Aber da haben ja die Franken letzthin einen Sultan gewählt, und ohne

Zweifel kennst du Leute, die sich ihm nahen dürfen, etwa seinen

Janitscharen-Aga oder den Reis-Effendi oder seinen Rapudan-Pascha;

nicht?"

"Nun ja", antwortete der Mann, "aber wie weiter?"

"Bei diesen könntest du ein gutes Wort für mich einlegen,

Petit-Caporal, daß sie den Sultan der Franken bitten, er möchte mich

freilassen; dann brauche ich auch etwas Geld zur Reise übers Meer;

vor allem aber mußt du mir versprechen, weder dem Doktor noch dem

arabischen Professor etwas davon zu sagen."

"Wer ist denn der arabische Professor?" fragte jener. "Ach, das ist

ein sonderbarer Mann; doch von diesem erzähle ich dir ein andermal.

Wenn es die beiden hörten, dürfte ich nicht mehr aus Frankistan weg.

Aber willst du für mich sprechen bei den Agas? Sage es mir

aufrichtig!"

"Komm mit mir", sagte der Mann, "vielleicht kann ich dir jetzt gleich

nützlich sein."

"Jetzt?" rief der Jüngling mit Schrecken. "Jetzt um keinen Preis, da

würde mich der Doktor prügeln; ich muß eilen, daß ich nach Hause

komme."

"Was trägst du denn in diesem Korb?" fragte jener, indem er ihn

zurückhielt.

Almansor errötete und wollte es anfangs nicht zeigen; endlich aber

sagte er: "Siehe, Petit- Caporal, ich muß hier Dienste tun wie der

geringste Sklave meines Vaters. Der Doktor ist ein geiziger Mann und

schickt mich alle Tage von unserem Hause eine Stunde weit auf den

Gemüse- und Fischmarkt; da muß ich dann unter den schmutzigen

Marktweibern einkaufen, weil es dort um einige Kupfermünzen

wohlfeiler ist als in unserem Stadtteil. Siehe, wegen dieses

schlechten Herings, wegen dieser Handvoll Salat, wegen dieses

Stückchens Butter muß ich alle Tage zwei Stunden gehen. Ach, wenn es

mein Vater wüßte!"

Der Mann, zu welchem Almansor dies sprach, war gerührt über die Not

des Knaben und antwortete: "Komm nur mit mir und sei getrost; der

Doktor soll dir nichts anhaben dürfen, wenn er auch heute weder

Hering noch Salat verspeist! Sei getrosten Mutes und komm!" Er nahm

bei diesen Worten Almansor bei der Hand und führte ihn mit sich, und

obgleich diesem das Herz pochte, wenn er an den Doktor dachte, so lag

doch so viel Zuversicht in den Worten und Mienen des Mannes, daß er

sich entschloß, ihm zu folgen. Er ging also, sein Körbchen am Arm,

neben dem Soldaten viele Straßen durch, und wunderbar wollte es ihm

bedünken, daß alle Leute die Hüte vor ihnen abnahmen und

stehenblieben und ihnen nachschauten. Er äußerte dies auch gegen

seinen Begleiter, dieser aber lachte und sagte nichts darüber.

Sie gelangten endlich an ein prachtvolles Schloß, auf welches der

Mann zuging. "Wohnst du hier, Petit-Caporal?" fragte Almansor.

"Hier ist meine Wohnung", entgegnete jener, "und ich will dich zu

meiner Frau führen."

"Ei, da wohnst du schön!" fahr Almansor fort. "Gewiß hat dir der

Sultan hier freie Wohnung gegeben?"

Märchen-Almanach auf das Jahr 1827 · 第 7 / 8 段