einem Gange des Gebüsches hinwandelte, auf die Spuren eines Pferdes
aufmerksam wurde. Kaum hatte ich den edlen, kleinen Huf, den feinen
und doch starken Strahl bemerkt, so sagte ich in meinem Herzen: Da
ist gewesen ein Roß von der Rasse Tschenner, die da ist die
vornehmste von allen. Ist es ja noch nicht vier Monate, hat mein
gnädigster Kaiser einem Fürsten in Frankenland eine ganze Koppel von
dieser Rasse verkauft, und mein Bruder Ruben ist dabeigewesen, wie
sie sind handelseinig geworden, und mein gnädigster Kaiser hat dabei
gewonnen so und so viel. Als ich sah, wie die Spuren so weit und so
gleichmäßig voneinander entfernt waren, mußte ich denken: Das
galoppierte schön, vornehm; und ist bloß mein Kaiser wert, solch ein
Tier zu besitzen, und ich gedachte des Streitrosses, von dem
geschrieben steht bei Hiob: Es stampfet auf den Boden und ist
freudig mit Kraft und zeucht aus, den Geharnischten entgegen; es
spottet der Furcht und erschrickt nicht und fleucht vor dem Schwert
nicht, wenngleich wider es erklinget der Köcher, und glänzen beide,
Spieß und Lanzen. Und ich bückte mich, da ich etwas glänzen sah auf
dem Boden, wie ich immer tue, und siehe, es war ein Marmelstein,
darauf hatte das Hufeisen des eilenden Rosses einen Strich gezogen,
und ich erkannte, daß es Hufeisen haben mußte von vierzehnlötigem
Silber; muß ich doch den Strich kennen von jeglichem Metall, sei es
echt oder unecht. Der Baumgang, in dem ich spazierte, war sieben Fuß
weit, und hie und da sah ich den Staub von den Palmen gestreift; der
Gaul hat mit dem Schweif gefochten, sprach ich, und er ist lang drei
und einen halben Fuß; unter Bäumen, deren Krone etwa fünf Fuß vom
Boden aufging, sah ich frisch abgestreifte Blätter; seiner
Schnelligkeit Rücken mußte sie abgestreift haben; da haben wir ein
Pferd von fünfzehn Fäusten; siehe da, unter denselben Bäumen kleine
Büschel goldglänzender Haare, und siehe da, es ist ein Goldfuchs!
Eben trat ich aus dem Gebüsche, da fiel an einer Felswand ein
Goldstrich in mein Auge; diesen Strich solltest du kennen, sprach ich,
und was war's? Ein Probierstein war eingesprengt in dem Gestein und
ein haarfeiner Goldstrich darauf, wie ihn das Männchen mit dem
Pfeilbündel auf den Füchsen der sieben vereinigten Provinzen von
Holland nicht feiner, nicht reiner ziehen kann. Der Strich mußte von
den Gebißstangen des flüchtigen Rosses rühren, die es im
Vorbeispringen gegen dieses Gestein gerieben. Kennt man ja doch
deine erhabene Prachtliebe, König der Könige, weiß man ja doch, daß
sich das geringste deiner Rosse schämen würde, auf einen anderen als
einen goldenen Zaum zu beißen. Also hat es sich begeben, und wenn--"
"Nun, bei Mekka und Medina!" rief Muley Ismael, "das heiße ich Augen;
solche Augen könnten dir nicht schaden, Oberjägermeister, sie würden
dir eine Koppel Schweißhunde ersparen; du, Polizeiminister, könntest
damit weiter sehen als alle deine Schergen und Aufpasser. Nun,
Philister, wir wollen dich in Betracht deines ungemeinen Scharfsinns,
der uns wohlgefallen hat, gnädig behandeln; die fünfzig Prügel, die
du richtig erhalten, sind fünfzig Zechinen wert. Sie ersparen dir
fünfzig; denn du zahlst jetzt bloß noch fünfzig bar; zieh deinen
Beutel und enthalte dich für die Zukunft, unseres kaiserlichen
Eigentums zu spotten! Wir bleiben dir übrigens in Gnaden gewogen."
Der ganze Hof bewunderte Abners Scharfsinn, denn seine Majestät hatte
geschworen, er sei ein geschickter Bursche; aber dies bezahlte ihm
seine Schmerzen nicht, tröstete ihn nicht für seine teuren Zechinen.
Während er stöhnend und seufzend eine nach der anderen aus dem Beutel
führte, jede noch zum Abschiede auf der Fingerspitze wog, höhnte ihn
noch Schnuri, der kaiserliche Spaßmacher, fragte ihn, ob seine
Zechinen alle auf dem Steine sich bewährten, auf dem der Goldfuchs
des Prinzen Abdallah sein Gebiß probiert habe. "Deine Weisheit hat
heute Ruhm geerntet", sprach er; "ich wollte aber noch fünfzig
Zechinen wetten, es wäre dir lieber, du hättest geschwiegen. Aber
wie spricht der Prophet? Ein entschlüpftes Wort holt kein Wagen ein,
und wenn er mit vier flüchtigen Rossen bespannt wäre. Auch kein
Windspiel holt es ein, Herr Abner, auch wenn es nicht hinkt."
Nicht lange nach diesem für Abner schmerzlichen Ereignis ging er
wieder einmal in einem der grünen Täler zwischen den Vorbergen des
Atlas spazieren. Da wurde er, gerade wie damals, von einem
einherstürmenden Haufen Gewaffneter eingeholt, und der Anführer
schrie ihn an:
"He, guter Freund, hast du nicht Goro, den schwarzen Leibschützen des
Kaisers, vorbeilaufen sehen? Er ist entflohen, er muß diesen Weg
genommen haben ins Gebirg."
"Kann nicht dienen, Herr General", antwortete Abner.
"Ach, bist du nicht der pfiffige Jude, der den Fuchsen und den Hund
nicht gesehen hat? Mach nur keine Umstände; hier muß der Sklave
vorbeigekommen sein; riechst du vielleicht noch den Duft seines
Schweißes in der Luft? Siehst du noch die Spuren seines flüchtigen
Fußes im hohen Grase? Sprich, der Sklave muß herbei; er ist einzig
im Sperlingsschießen mit dem Blaserohr, und dies ist Seiner Majestät
Lieblingszeitvertreib. Sprich! Oder ich lasse dich sogleich krumm
fesseln!"
"Kann ich doch nicht sagen, ich habe gesehen, was ich doch nicht hab'
gesehen."
"Jude, zum letzten Male: Wohin ist der Sklave gelaufen? Denk an
deine Fußsohlen, denk an deine Zechinen!"
"O weh geschrien! Nun, wenn Ihr absolut haben wollt, daß ich soll
gesehen haben den Sperlingsschützen, so lauft dorthin; ist er dort
nicht, so ist er anderswo."
"Du hast ihn also gesehen?" brüllte ihn der Soldat an. "Ja denn,
Herr Offizier, weil Ihr es so haben wollt."
Die Soldaten verfolgten eilig die angewiesene Richtung. Abner aber
ging, innerlich über seine List zufrieden, nach Hause. Kaum aber war
er vierundzwanzig Stunden älter geworden, so drang ein Haufe von der
Wache des Palastes in sein Haus und verunreinigte es, denn es war
Sabbat, und schleppte ihn vor das Angesicht des Kaisers von Marokko.
"Hund von einem Juden", schnaubte ihn der Kaiser an, "du wagst es,
kaiserliche Bedienstete, die einen flüchtigen Sklaven verfolgen, auf
falsche Spur ins Gebirge zu schicken, während der Flüchtling der
Meeresküste zueilt und beinahe auf einem spanischen Schiffe entkommen
wäre? Greift ihn, Soldaten! Hundert auf die Sohlen! Hundert
Zechinen aus dem Beutel! Um wieviel die Sohlen schwellen unter den
Hieben, um soviel soll der Beutel einschnurren."
Du weißt es, o Herr, im Reiche Fez und Marokko liebt man schnelle
Gerechtigkeit, und so wurde der arme Abner geprügelt und besteuert,
ohne daß man ihn zuvor um seine Einwilligung befragt hätte. Er aber
verfluchte sein Geschick, das ihn dazu verdammte, daß seine Sohlen
und sein Beutel es hart empfinden sollten, so oft Seine Majestät
geruhten, etwas zu verlieren. Als er aber brummend und seufzend
unter dem Gelächter des rohen Hofvolks aus dem Saale hinkte, sprach
zu ihm Schnuri, der Spaßmacher: "Gib dich zufrieden, Abner,
undankbarer Abner! Ist es nicht Ehre genug für dich, daß jeder
Verlust, den unser gnädiger Kaiser, den Gott erhalte, erleidet, auch
dir empfindlichen Kummer verursachen muß? Versprichst du mir aber
ein gut Trinkgeld, so komme ich jedesmal, eine Stunde bevor der Herr
des Westens etwas verliert, an deine Bude in der Judengasse und
spreche: Gehe nicht aus deiner Hütte, Abner, du weißt schon warum;
schließe dich ein in dein Kämmerlein bis zu Sonnenuntergang, beides
unter Schloß und Riegel."
Dies, o Herr, ist die Geschichte von Abner, der nichts gesehen hat.
Als der Sklave geendet hatte und es wieder stille im Saale geworden
war, erinnerte der junge Schreiber den Alten, daß sie den Faden ihrer
Unterhaltung abgebrochen hatten, und bat, ihnen zu erklären, worin
denn eigentlich der mächtige Reiz des Märchens liege.
"Das will ich Euch jetzt sagen", erwiderte der Alte. "Der
menschliche Geist ist noch leichter und beweglicher als das Wasser,
das doch in alle Formen sich schmiegt und nach und nach auch die
dichtesten Gegenstände durchdringt. Er ist leicht und frei wie die
Luft und wird wie diese, je höher er sich von der Erde hebt, desto
leichter und reiner. Daher ist ein Drang in jedem Menschen, sich
hinauf über das Gewöhnliche zu erheben und sich in höheren Räumen
leichter und freier zu bewegen, sei es auch nur in Träumen. Ihr
selbst, mein junger Freund, sagtet: Wir lebten in jenen Geschichten,
wir dachten und fühlten mit jenen Menschen, und daher kommt der Reiz,
den sie für Euch hatten. Indem Ihr den Erzählungen des Sklaven
zuhöret, die nur Dichtungen waren, die einst ein anderer erfand, habt
Ihr selbst auch mitgedichtet. Ihr bliebet nicht stehen bei den
Gegenständen um Euch her, bei Euren gewöhnlichen Gedanken, nein, Ihr
erlebtet alles mit, Ihr waret es selbst, dem dies und jenes
Wunderbare begegnete, so sehr nahmet Ihr teil an dem Manne, von dem
man Euch erzählte. So erhob sich Euer Geist am Faden einer solchen
Geschichte über die Gegenwart, die Euch nicht so schön, nicht so
anziehend dünkte; so bewegte sich dieser Geist in fremden, höheren
Räumen freier und ungebundener, das Märchen wurde Euch zur
Wirklichkeit, oder, wenn Ihr lieber wollet, die Wirklichkeit wurde
zum Märchen, weil Euer Dichten und Sein im Märchen lebte."
"Ganz verstehe ich Euch nicht", erwiderte der junge Kaufmann, "aber
Ihr habt recht mit dem, was Ihr sagtet, wir lebten im Märchen oder
das Märchen in uns. Sie ist mir noch wohl erinnerlich, jene schöne
Zeit; wenn wir Muße dazu hatten, träumten wir wachend; wir stellten
uns vor, an wüste, unwirtbare Inseln verschlagen zu sein, wir
berieten uns, was wir beginnen sollten, um unser Leben zu fristen,
und oft haben wir im dichten Weidengebüsch uns Hütten gebaut, haben
von elenden Früchten ein kärgliches Mahl gehalten, obgleich wir
hundert Schritte weit zu Haus das Beste hätten haben können, ja, es
gab Zeiten, wo wir auf die Erscheinung einer gütigen Fee oder eines
wunderbaren Zwerges warteten, die zu uns treten und sagen würden:
Die Erde wird sich alsobald auftun, wollet dann nur gefälligst
herabsteigen in meinen Palast von Bergkristall und euch belieben
lassen, was meine Diener, die Meerkatzen, euch auftischen."
Die jungen Leute lachten, gaben aber ihrem Freunde zu, daß er wahr
gesprochen habe. "Noch jetzt", fuhr ein anderer fort, "noch jetzt
beschleicht mich hier und da dieser Zauber; ich würde mich zum
Beispiel nicht wenig ärgern über die dumme Fabel, wenn mein Bruder
zur Türe hereingestürzt käme und sagte: Weißt du schon das Unglück
von unserem Nachbarn, dem dicken Bäcker? Er hat Händel gehabt mit
einem Zauberer, und dieser hat ihn aus Rache in einen Bären
verwandelt, und jetzt liegt er in seiner Kammer und heult
entsetzlich; ich würde mich ärgern und ihn einen Lügner schelten.
Aber wie anders, wenn mir erzählt würde, der dicke Nachbar hab' eine
weite Reise in ein fernes, unbekanntes Land unternommen, sei dort
einem Zauberer in die Hände gefallen, der ihn in einen Bären
verwandelte. Ich würde mich nach und nach in die Geschichte versetzt
fühlen, würde mit dem dicken Nachbar reisen, Wunderbares erleben, und
es würde mich nicht sehr überraschen, wenn er in ein Fell gesteckt
würde und auf allen vieren gehen müßte."
So sprachen die jungen Leute; da gab der Scheik wiederum das Zeichen,
und alle setzten sich nieder. Der Aufseher der Sklaven aber trat zu
den Freigelassenen und forderte sie auf, weiter forzufahren. Einer
unter ihnen zeigte sich bereit, stand auf und hub an, folgendermaßen
zu erzählen:
(im Märchenalmanach auf das Jahr 1827 stand hier "Der arme Stephan"
von Gustav Adolf Schöll.)
Der Sklave hatte geendet, und seine Erzählung erhielt den Beifall des
Scheik und seiner Freunde. Aber auch durch diese Erzählung wollte
sich die Stirne des Scheik nicht entwölken lassen, er war und blieb
ernst und tiefsinnig wie zuvor, und die jungen Leute bemitleideten
ihn.
"Und doch", sprach der junge Kaufmann, "und doch kann ich nicht
begreifen, wie der Scheik sich an einem solchen Tage Märchen erzählen
lassen mag, und zwar von seinen Sklaven. Ich für meinen Teil, hätte
ich einen solchen Kummer, so würde ich lieber hinausreiten in den
Wald und mich setzen, wo es recht dunkel und einsam ist, aber auf
keinen Fall dieses Geräusch von Bekannten und Unbekannten um mich
versammeln."
"Der Weise", antwortete der alte Mann, "der Weise läßt sich von
seinem Kummer nie so überwältigen, daß er ihm völlig unterliegt. Er
wird ernst, er wird tiefsinnig sein, er wird aber nicht laut klagen
oder verzweifeln. Warum also, wenn es in deinem Innern dunkel und
traurig aussieht, warum noch überdies die Schatten dunkler Zedern
suchen? Ihr Schatten fällt durch das Auge in dein Herz und macht es
noch dunkler. An die Sonne mußt du gehen, in den warmen, lichten Tag,
für was du trauerst, und mit der Klarheit des Tages, mit der Wärme
des Lichtes wird dir die Gewißheit aufgehen, daß Allahs Liebe über
dir ist, erwärmend und ewig wie seine Sonne."
"Ihr habt wahr gesprochen", setzte der Schreiber hinzu, "und geziemt
es nicht einem weisen Mann, dem seine Umgebungen zu Gebot stehen, daß
er an einem solchen Tage die Schatten des Grams so weit als möglich
entferne? Soll er zum Getränke seine Zuflucht nehmen oder Opium
speisen, um den Schmerz zu vergessen? Ich bleibe dabei, es ist die
anständigste Unterhaltung in Leid und Freude, sich erzählen zu lassen,
und der Scheik hat ganz recht."
"Gut", erwiderte der junge Kaufmann, "aber hat er nicht Vorleser,
nicht Freunde genug; warum müssen es gerade Sklaven sein, die
erzählen?"
"Diese Sklaven, lieber Herr", sagte der Alte, "sind vermutlich durch
allerlei Unglück in Sklaverei geraten und sind nicht gerade so
ungebildete Leute, wie Ihr wohl gesehen habt, von welchen man sich
nicht könnte erzählen lassen. Überdies stammen sie von allerlei
Ländern und Völkern, und es ist zu erwarten, daß sie bei sich zu
Hause irgend etwas Merkwürdiges gehört oder gesehen, das sie nun zu
erzählen wissen. Einen noch schöneren Grund, den mir einst ein
Freund des Scheik sagte, will ich Euch wiedergeben: Diese Leute waren
bis jetzt in seinem Hause als Sklaven, hatten sie auch keine schwere
Arbeit zu verrichten, so war es doch immer Arbeit, zu der sie
gezwungen waren, und mächtig der Unterschied zwischen ihnen und
freien Leuten. Sie durften sich, wie es Sitte ist, dem Scheik nicht
anders als mit den Zeichen der Unterwürfigkeit nähern. Sie durften
nicht zu ihm reden, außer er fragte sie, und ihre Rede mußte kurz
sein. Heute sind sie frei; und ihr erstes Geschäft als freie Leute
ist, in großer Gesellschaft und vor ihrem bisherigen Herrn lange und
offen sprechen zu dürfen. Sie fühlen sich nicht wenig geehrt dadurch,
und ihre unverhoffte Freilassung wird ihnen dadurch nur um so werter."
"Siehe", unterbrach ihn der Schreiber, "dort steht der vierte Sklave
auf; der Aufseher hat ihm wohl schon das Zeichen gegeben, lasset uns
niedersetzen und hören!"
(Im Märchenalmanach auf das Jahr 1827 stand hier "Der gebackene Kopf"
von James Justinian Morier)
Der Scheik äußerte seinen Beifall über diese Erzählung. Er hatte,
was in Jahren nicht geschehen war, einigemal gelächelt, und seine
Freunde nahmen dies als eine gute Vorbedeutung. Dieser Eindruck war
den jungen Männern und dem Alten nicht entgangen. Auch sie freuten
sich darüber, daß der Scheik, auf eine halbe Stunde wenigstens,
zerstreut wurde; denn sie ehrten seinen Kummer und die Trauer um sein
Unglück, sie fühlten ihre Brust beengt, wenn sie ihn so ernst und
stille seinem Grame nachhängen sahen, und gehobener, freudiger waren
sie, als die Wolke seiner Stirne auf Augenblicke vorüberzog.
"Ich kann mir wohl denken", sagte der Schreiber, "daß diese Erzählung
günstigen Eindruck auf ihn machen mußte; es liegt so viel Sonderbares,
Komisches darin, daß selbst der heilige Derwisch auf dem Berge
Libanon, der in seinem Leben noch nie gelacht hat, laut auflachen
müßte."
"Und doch", sprach der Alte lächelnd, "und doch ist weder Fee noch
Zauberer darin erschienen; kein Schloß von Kristall, keine Genien,
die wunderbare Speisen bringen, kein Vogel Rock, noch ein
Zauberpferd--"
"Ihr beschämt uns", rief der junge Kaufmann, "weil wir mit so vielem
Eifer von jenen Märchen unserer Kindheit sprachen, die uns noch jetzt
so wunderbar anziehen, weil wir jene Momente aufzählten, wo uns das
Märchen so mit sich hinwegriß, daß wir darin zu leben wähnten, weil
wir dies so hoch anschlugen, wollet Ihr uns beschämen und auf feine
Art zurechtweisen; nicht so?"
"Mitnichten! Es sei ferne von mir, eure Liebe zum Märchen zu tadeln;
es zeugt von einem unverdorbenen Gemüt, daß ihr euch noch so recht
gemütlich in den Gang des Märchens versetzen konntet, daß ihr nicht
wie andere vornehm darauf, als auf ein Kinderspiel, herabsehet, daß
ihr euch nicht langweilt und lieber ein Roß zureiten oder auf dem
Sofa behaglich einschlummern oder halb träumend die Wasserpfeife
rauchen wolltet, statt dergleichen euer Ohr zu schenken. Es sei
ferne von mir, euch darum zu tadeln; aber das freut mich, daß auch
eine andere Art von Erzählung euch fesselt und ergötzt, eine andere
Art als die, welche man gewöhnlich Märchen nennt."
"Wie versteht Ihr dies? Erklärt uns deutlicher, was Ihr meinet.
Eine andere Art als das Märchen?" sprachen die Jünglinge unter sich.
"Ich denke, man muß einen gewissen Unterschied machen zwischen
Märchen und Erzählungen, die man im gemeinen Leben Geschichten nennt.
Wenn ich euch sage, ich will euch ein Märchen erzählen, so werdet
ihr zum voraus darauf rechnen, daß es eine Begebenheit ist, die von
dem gewöhnlichen Gang des Lebens abschweift und sich in einem Gebiet
bewegt, das nicht mehr durchaus irdischer Natur ist. Oder, um
deutlicher zu sein, ihr werdet bei dem Märchen auf die Erscheinung
anderer Wesen als allein sterblicher Menschen rechnen können; es
greifen in das Schicksal der Person, von welcher das Märchen handelt,
fremde Mächte, wie Feen und Zauberer, Genien und Geisterfürsten, ein;
die ganze Erzählung nimmt eine außergewöhnliche, wunderbare Gestalt
an und ist ungefähr anzuschauen wie die Gewebe unserer Teppiche oder
viele Gemälde unserer besten Meister, welche die Franken Arabesken
nennen. Es ist dem echten Muselmann verboten, den Menschen, das
Geschöpf Allahs, sündigerweise wiederzuschöpfen in Farben und
Gemälden, daher sieht man auf jenen Geweben wunderbar verschlungene
Bäume und Zweige mit Menschenköpfen, Menschen, die in einen Fisch
oder Strauch ausgehen, kurz, Figuren, die an das gewöhnliche Leben
erinnern und dennoch ungewöhnlich sind; ihr versteht mich doch?" "Ich
glaube, Eure Meinung zu erraten", sagte der Schreiber, "doch fahret
weiter fort!"
"Von dieser Art ist nun das Märchen; fabelhaft, ungewöhnlich,
überraschend; weil es dem gewöhnlichen Leben fremd ist, wird es oft
in fremde Länder oder in ferne, längst vergangene Zeiten verschoben.
Jedes Land, jedes Volk hat solche Märchen, die Türken so gut als die
Perser, die Chinesen wie die Mongolen; selbst in Frankenland soll es
viele geben, wenigstens erzählte mir einst ein gelehrter Giaur davon;
doch sind sie nicht so schön als die unsrigen; denn statt schöner
Feen, die in prachtvollen Palästen wohnen, haben sie zauberhafte
Weiber, die sie Hexen nennen, heimtückisches, häßliches Volk, das in
elenden Hütten wohnt, und statt in einem Muschelwagen, von Greisen
gezogen, durch die blauen Lüfte zu fahren, reiten sie auf einem Besen
durch den Nebel. Sie haben auch Gnomen und Erdgeister, das sind
kleine verwachsene Kerlchen, die allerlei Spuk machen. Das sind nun
die Märchen; ganz anders ist es aber mit den Erzählungen, die man
gemeinhin Geschichten nennt. Diese bleiben ganz ordentlich auf der
Erde, tragen sich im gewöhnlichen Leben zu, und wunderbar ist an
ihnen meistens nur die Verkettung der Schicksale eines Menschen, der
nicht durch Zauber, Verwünschung oder Feenspuk, wie im Märchen,
sondern durch sie selbst oder die sonderbare Fügung der Umstände
reich oder arm, glücklich oder unglücklich wird."
"Richtig!" erwiderte einer der jungen Leute. "Solche reinen
Geschichten finden sich auch in den herrlichen Erzählungen der
Scheherazade, die man Tausendundeine Nacht nennt. Die meisten
Begebenheiten des Königs Harun Al-Raschid und seines Wesirs sind
dieser Art. Sie gehen verkleidet aus und sehen diesen oder jenen
höchst sonderbaren Vorfall, der sich nachher ganz natürlich auflöst."
"Und dennoch werdet ihr gestehen müssen", fuhr der Alte fort, "daß
jene Geschichten nicht der schlechteste Teil der Tausendundeine
Nacht sind. Und doch, wie verschieden sind sie in ihren Ursachen,
in ihrem Gang, in ihrem ganzen Wesen von den Märchen eines Prinzen
Biribinker oder der drei Derwische mit einem Auge oder des Fischers,
der den Kasten, verschlossen mit dem Siegel Salomos, aus dem Meere
zieht! Aber am Ende ist es dennoch eine Grundursache, die beiden
ihren eigentümlichen Reiz gibt, nämlich das, daß wir etwas
Auffallendes, Außergewöhnliches miterleben. Bei dem Märchen liegt
dieses Außergewöhnliche in jener Einmischung eines fabelhaften
Zaubers in das gewöhnliche Menschenleben, bei den Geschichten
geschieht etwas zwar nach natürlichen Gesetzen, aber auf
überraschende, ungewöhnliche Weise."
"Sonderbar!" rief der Schreiber, "sonderbar, daß uns dann dieser
natürliche Gang der Dinge ebenso anzieht wie der übernatürliche im
Märchen; worin mag dies doch liegen?"
"Das liegt in der Schilderung des einzelnen Menschen", antwortete der
Alte; "im Märchen häuft sich das Wunderbare so sehr, der Mensch
handelt so wenig mehr aus eigenem Trieb, daß die einzelnen Figuren
und ihr Charakter nur flüchtig gezeichnet werden können. Anders bei
der gewöhnlichen Erzählung, wo die Art, wie jeder seinem Charakter
gemäß spricht und handelt, die Hauptsache und das Anziehende ist. So
die Geschichte von dem gebackenen Kopf, die wir soeben gehört haben.
Der Gang der Erzählung wäre im ganzen nicht auffallend, nicht
überraschend, wäre er nicht verwickelt durch den Charakter der
Handelnden. Wie köstlich zum Beispiel ist die Figur des Schneiders.
Man glaubt den alten, gekrümmten Mantelflicker vor sich zu sehen. Er
soll zum erstenmal in seinem Leben einen tüchtigen Schnitt machen,
ihm und seinem Weibe lacht schon zum voraus das Herz, und sie
traktieren sich mit recht schwarzem Kaffee. Welches Gegenstück zu
dieser behaglichen Ruhe ist dann jene Szene, wo sie den Pack begierig
öffnen und den greulichen Kopf erblicken. Und nachher glaubt man ihn
nicht zu sehen und zu hören, wie er auf dem Minarett umherschleicht,
die Gläubigen mit meckernder Stimme zum Gebet ruft und bei Erblickung
des Sklaven plötzlich, wie vom Donner gerührt, verstummt? Dann der
Barbier! Sehet ihr ihn nicht vor euch, den alten Sünder, der,
während er die Seife anrührt, viel schwatzt und gerne verbotenen Wein
trinkt? Sehet ihr ihn nicht, wie er dem sonderbaren Kunden das
Barbierschüsselchen unterhält und--den kalten Schädel berührt? Nicht
minder gut, wenn auch nur angedeutet, ist der Sohn des Bäckers, der
verschmitzte Junge, und der Bratenmacher Yanakil. Ist nicht das
Ganze eine ununterbrochene Reihe komischer Szenen, scheint nicht der
Gang der Geschichte, so ungewöhnlich er ist, sich ganz natürlich zu
fügen? Und warum? Weil die einzelnen Figuren richtig gezeichnet
sind und aus ihrem ganzen Wesen alles so kommen muß, wie es wirklich
geschieht."
"Wahrlich, Ihr habt recht!" erwiderte der junge Kaufmann, "ich habe
mir nie Zeit genommen, so recht darüber nachzudenken, habe alles nur
so gesehen und an mir vorübergehen lassen, habe mich an dem einen
ergötzt, das andere langweilig gefunden, ohne gerade zu wissen, warum.
Aber Ihr gebt uns da einen Schlüssel, der uns das Geheimnis öffnet,
einen Probierstein, worauf wir die Probe machen und richtig urteilen
können."
"Tuet das immer", antwortete der Alte, "und euer Genuß wird sich
vergrößern, wenn ihr nachdenken lernet über das, was ihr gehört.
Doch siehe, dort erhebt sich wieder ein neuer, um zu erzählen."
So war es, und der fünfte Sklave begann:
Der arme Stephan
Gustav Adolf Schöll
Im "Märchenalmanach auf das Jahr 1827" stand hier "Der arme Stephan"
von Gustav Adolf Schöll.
Der gebackene Kopf
James Justinian Morier
Im "Märchenalmanach auf das Jahr 1827" stand hier "Der gebackene
Kopf" von James Justinian Morier.
Der Affe als Mensch
Wilhelm Hauff
"Herr! ich bin ein Deutscher von Geburt und habe mich in Euren Landen
zu kurz aufgehalten, als daß ich ein persisches Märchen oder eine
ergötzliche Geschichte von Sultanen und Wesiren erzählen könnte. Ihr
müßt mir daher schon erlauben, daß ich etwas aus meinem Vaterland
erzähle, was Euch vielleicht auch einigen Spaß macht. Leider sind
unsere Geschichten nicht immer so vornehm wie die Euren, das heißt,
sie handeln nicht von Sultanen oder unseren Königen, nicht von
Wesiren und Paschas, was man bei uns Justiz- und Finanzminister, auch
Geheimräte und dergleichen nennt, sondern sie leben, wenn sie nicht
von Soldaten handeln, gewöhnlich ganz bescheiden und unter den
Bürgern.