und fragte ihn nach der Ursache seines Jammers. "Stille deine
Tränen", antwortete sie, als sie von der Pastete Souzeraine gehört,
"dieses Gericht kam oft auf meines Vaters Tisch, und ich weiß
ungefähr, was man dazu braucht; du nimmst dies und jenes, so und so
viel, und wenn es auch nicht durchaus alles ist, was eigentlich dazu
nötig, die Herren werden keinen so feinen Geschmack haben." So sprach
Mimi. Der Zwerg aber sprang auf vor Freuden, segnete den Tag, an
welchem er die Gans gekauft hatte, und schickte sich an, die Königin
der Pasteten zuzurichten. Er machte zuerst einen kleinen Versuch,
und siehe, es schmeckte trefflich, und der Oberküchenmeister, dem er
davon zu kosten gab, pries aufs neue seine ausgebreitete Kunst.
Den anderen Tag setzte er die Pastete in größerer Form auf und
schickte sie warm, wie sie aus dem Ofen kam, nachdem er sie mit
Blumenkränzen geschmeckt hatte, auf die Tafel. Er selbst aber zog
sein bestes Festkleid an und ging in den Speisesaal. Als r eintrat,
war der Obervorschneider gerade damit beschäftigt, die Pastete zu
zerschneiden und auf einem silbernen Schäufelein dem Herzog und
seinem Gaste hinzureichen. Der Herzog tat einen tüchtigen Biß hinein,
schlug die Augen auf zur Decke und srach, nachdem er geschluckt
hatte: "Ah, ah, ah! Mit Recht nennt man dies die Königin der
Pasteten; aber mein Zwerg ist auch der König aller Köche! Nicht also,
lieber Freund?"
Der Gast nahm einige kleine Bissen zu sich, kostete und prüfte
aufmerksam und lächelte dabei höhnisch und geheimnisvoll. "Das Ding
ist recht artig gemacht", antwortete er, indem er den Teller
hinwegrückte, "aber die Souzeraine ist es denn doch nicht ganz; das
habe ich mir wohl gedacht."
Da runzelte der Herzog vor Unmut die Stirne und errötete vor
Beschämung. "Hund von einem Zwerg!" rief er, "wie wagst du es,
deinem Herrn dies anzutun? Soll ich dir deinen großen Kopf abhacken
lassen zur Strafe für deine schlechte Kocherei?"
"Ach, Herr! Um des Himmels willen, ich habe das Gericht doch
zubereitet nach den Regeln der Kunst, es kann gewiß nichts fehlen!"
so sprach der Zwerg und zitterte.
"Es ist eine Lüge, du Bube!" erwiderte der Herzog und stieß ihn mit
dem Fuße von sich. "Mein Gast würde sonst nicht sagen, es fehlt
etwas. Dich selbst will ich zerhacken und backen lassen in eine
Pastete!"
"Habt Mitleiden!" rief der Kleine und rutschte auf den Knien zu dem
Gast, dessen Füße er umfaßte. "Saget, was fehlt in dieser Speise,
daß sie Eurem Gaumen nicht zusagt? Lasset mich nicht sterben wegen
einer Handvoll Fleisch und Mehl."
"Das wird dir wenig helfen, mein lieber Nase", antwortete der Fremde
mit Lachen, "das habe ich mir schon gestern gedacht, daß du diese
Speise nicht machen kannst wie mein Koch. Wisse, es fehlt ein
Kräutlein, das man hierzulande gar nicht kennt, das Kraut Niesmitlust;
ohne dieses bleibt die Pastete ohne Würze, und dein Herr wird sie
nie essen wie ich."
Da geriet der Herrscher in Frankistan in Wut. "Und doch werde ich
sie essen", rief er mit funkelnden Augen, "denn ich schwöre bei
meiner fürstlichen Ehre: Entweder zeige ich Euch morgen die Pastete,
wie Ihr sie verlangst--oder den Kopf dieses Burschen, aufgespießt auf
dem Tor meines Palastes. Gehe, du Hund, noch einmal gebe ich dir
vierundzwanzig Stunden Zeit."
So rief der Herzog; der Zwerg aber ging wieder weinend in sein
Kämmerlein und klagte der Gans sein Schicksal und daß er sterben
müsse; denn von dem Kraut habe er nie gehört. "Ist es nur dies",
sprach sie, "da kann ich dir schon helfen; denn mein Vater lehrte
mich alle Kräuter kennen. Wohl wärest du vielleicht zu einer anderen
Zeit des Todes gewesen; aber glücklicherweise ist es gerade Neumond,
und um diese Zeit blüht das Kräutlein. Doch, sage an, sind alte
Kastanienbäume in der Nähe des Palastes?"
"O ja!" erwiderte Nase mit leichterem Herzen. "Am See, zweihundert
Schritte vom Haus, steht eine ganze Gruppe; doch warum diese?"
"Nur am Fuße alter Kastanien blüht das Kräutlein", sagte Mimi, "darum
laß uns keine Zeit versäumen und suchen, was du brauchst; nimm mich
auf deinen Arm und setze mich im Freien nieder; ich will dir suchen."
Er tat, wie sie gesagt, und ging mit ihr zur Pforte des Palastes.
Dort aber streckte der Türhüter das Gewehr vor und sprach: "Mein
guter Nase, mit dir ist's vorbei; aus dem Hause darfst du nicht, ich
habe den strengsten Befehl darüber."
"Aber in den Garten kann ich doch wohl gehen?" erwiderte der Zwerg.
"Sei so gut und schicke einen deiner Gesellen zum Aufseher des
Palastes und frage, ob ich nicht in den Garten gehen und Kräuter
suchen dürfe?" Der Türhüter tat also, und es wurde erlaubt; denn der
Garten hatte hohe Mauern, und es war an kein Entkommen daraus zu
denken. Als aber Nase mit der Gans Mimi ins Freie gekommen war,
setzte er sie behutsam nieder, und sie ging schnell vor ihm her dem
See zu, wo die Kastanien standen. Er folgte ihr nur mit beklommenem
Herzen; denn es war ja seine letzte, einzige Hoffnung; fand sie das
Kräutlein nicht, so stand sein Entschluß fest, er stürzte sich dann
lieber in den See, als daß er sich köpfen ließ. Die Gans suchte
vergebens, sie wandelte unter allen Kastanien, sie wandte mit dem
Schnabel jedes Gräschen um, es wollte sich nichts zeigen, und sie
fing aus Mitleid und Angst an zu weinen; denn schon wurde der Abend
dunkler und die Gegenstände umher waren schwerer zu erkennen.
Da fielen die Blicke des Zwerges über den See hin, und plötzlich rief
er: "Siehe, siehe, dort über dem See steht noch ein großer, alter
Baum; laß uns dorthin gehen und suchen, vielleicht blüht dort mein
Glück."
Die Gans hüpfte und flog voran, und er lief nach, so schnell seine
kleinen Beine konnten; der Kastanienbaum warf einen großen Schatten,
und es war dunkel umher, fast war nichts mehr zu erkennen; aber da
blieb plötzlich die Gans stille stehen, schlug vor Freuden mit den
Flügeln, fuhr dann schnell mit dem Kopf ins hohe Gras und pflückte
etwas ab, das sie dem erstaunten Nase zierlich mit dem Schnabel
überreichte und sprach: "Das ist das Kräutlein, und hier wächst eine
Menge davon, so daß es dir nie daran fehlen kann."
Der Zwerg betrachtete das Kraut sinnend; ein süßer Duft strömte ihm
daraus entgegen, der ihn unwillkürlich an die Szene seiner
Verwandlung erinnerte; die Stengel, die Blätter waren bläulichgrün,
sie trugen eine brennend rote Blume mit gelbem Rande.
"Gelobt sei Gott!" rief er endlich aus. "Welches Wunder! Wisse, ich
glaube, es ist dies dasselbe Kraut, das mich aus einem Eichhörnchen
in diese schändliche Gestalt umwandelte; soll ich den Versuch machen?"
"Noch nicht", bat die Gans. "Nimm von diesem Kraut eine Handvoll mit
dir, laß uns auf dein Zimmer gehen und dein Geld, und was du sonst
hast, zusammenraffen, und dann wollen wir die Kraft des Krautes
versuchen!" Sie taten also und gingen auf seine Kammer zurück, und
das Herz des Zwerges pochte hörbar vor Erwartung. Nachdem er fünfzig
oder sechzig Dukaten, die er erspart hatte, einige Kleider und Schuhe
zusammen in ein Bündel geknüpft hatte, sprach er: "So es Gott
gefällig ist, werde ich diese Bürde loswerden", steckte seine Nase
tief in die Kräuter und sog ihren Duft ein.
Da zog und knackte es in allen seinen Gliedern, er fühlte, wie sich
sein Kopf aus den Schultern hob, er schielte herab auf seine Nase und
sah sie kleiner und kleiner werden, sein Rücken und seine Brust
fingen an, sich zu ebnen, und seine Beine wurden länger.
Die Gans sah mit Erstaunen diesem allem zu. "Ha! Was du groß, was
du schön bist!" rief sie. "Gott sei gedankt, es ist nichts mehr an
dir von allem, was du vorher warst!"
Da freute sich Jakob sehr, und er faltete die Hände und betete. Aber
seine Freude ließ ihn nicht vergessen, welchen Dank er der Gans
schuldig sei; zwar drängte ihn sein Herz, zu seinen Eltern zu gehen;
doch besiegte er aus Dankbarkeit diesen Wunsch und sprach: "Wem
anders als dir habe ich es zu danken, daß ich mir selbst
wiedergeschenkt bin? Ohne dich hätte ich dieses Kraut nimmer
gefunden, hätte also ewig in jener Gestalt bleiben oder vielleicht
gar unter dem Beile des Henkers sterben müssen. Wohlan, ich will es
dir vergelten. Ich will dich zu deinem Vater bringen; er, der
erfahren ist in jedem Zauber, wird dich leicht entzaubern können."
Die Gans vergoß Freudentränen und nahm sein Anerbieten an. Jakob kam
glücklich und unerkannt mit der Gans aus dem Palast und machte sich
auf den Weg nach dem Meeresstrand, Mimis Heimat, zu.
Was soll ich noch weiter erzählen, daß sie ihre Reise glücklich
vollendeten, daß Wetterbock seine Tochter entzauberte und den Jakob,
mit Geschenken beladen, entließ, daß er in seine Vaterstadt zurückkam
und daß seine Eltern in dem schönen jungen Mann mit Vergnügen ihren
verlorenen Sohn erkannten, daß er von den Geschenken, die er von
Wetterbock mitbrachte, sich einen Laden kaufte und reich und
glücklich wurde?
Nur so viel will ich noch sagen, daß nach seiner Entfernung aus dem
Palaste des Herzogs große Unruhe entstand; denn als am anderen Tage
der Herzog seinen Schwur erfüllen und dem Zwerg, wenn er die Kräuter
nicht gefunden hätte, den Kopf abschlagen lassen wollte, war er
nirgends zu finden; der Fürst aber behauptete, der Herzog habe ihn
heimlich entkommen lassen, um sich nicht seines besten Kochs zu
berauben, und klagte ihn an, daß er wortbrüchig sei. Dadurch
entstand denn ein großer Krieg zwischen beiden Fürsten, der in der
Geschichte unter dem Namen "Kräuterkrieg" wohlbekannt ist; es wurde
manche Schlacht geschlagen, aber am Ende doch Friede gemacht, und
diesen Frieden nennt man bei uns den "Pastetenfrieden", weil beim
Versöhnungsfest durch den Koch des Fürsten die Souzeraine, die
Königin der Pasteten, zubereitet wurde, welche sich der Herr Herzog
trefflich schmecken ließ.
So führen oft die kleinsten Ursachen zu großen Folgen; und dies, o
Herr, ist die Geschichte des Zwerges Nase.
So erzählte der Sklave aus Frankistan; nachdem er geendet hatte, ließ
der Scheik Ali Banu ihm und den anderen Sklaven Früchte reichen, sich
zu erfrischen, und unterhielt sich, während sie aßen, mit seinen
Freunden. Die jungen Männer aber, die der Alte eingeführt hatte,
waren voll Lobes über den Scheik, sein Haus und alle seine
Einrichtungen. "Wahrlich", sprach der junge Schreiber, "es gibt
keinen angenehmeren Zeitvertreib als Geschichten anzuhören. Ich
könnte tagelang so hinsetzen, die Beine untergeschlagen, einen Arm
aufs Kissen gestützt, die Stirne in die Hand gelegt, und, wenn es
ginge, des Scheiks große Wasserpfeife in der Hand, und Geschichten
anhören--so ungefähr stelle ich mir das Leben vor in den Gärten
Mahomeds."
"So lange Ihr jung seid und arbeiten könnt", sprach der Alte, "kann
ein solcher träger Wunsch nicht Euer Ernst sein. Aber das gebe ich
Euch zu, daß ein eigener Reiz darin liegt, etwas erzählen zu hören.
So alt ich bin, und ich gehe nun ins siebenundsiebzigste Jahr, so
viel ich in meinem Leben schon gehört habe, so verschmähe ich es doch
nicht, wenn an der Ecke ein Geschichtenerzähler sitzt und um ihn in
großem Kreis die Zuhörer, mich ebenfalls hinzusetzen und zuzuhören.
Man träumt sich ja in die Begebenheiten hinein, die erzählt werden,
man lebt mit diesen Menschen, mit diesen wundervollen Geistern, mit
Feen und dergleichen Leuten, die uns nicht alle Tage begegnen, und
hat nachher, wenn man einsam ist, Stoff, sich alles zu wiederholen,
wie der Wanderer, der sich gut versehen hat, wenn er durch die Wüste
reist."
"Ich habe nie so darüber nachgedacht", erwiderte ein anderer der
jungen Leute, "worin der Reiz solcher Geschichten eigentlich liegt.
Aber mir geht es wie euch. Schon als Kind konnte man mich, wenn ich
ungeduldig war, durch eine Geschichte zum Schweigen bringen. Es war
mir anfangs gleichgültig, von was es handelte, wenn es nur erzählt
war, wenn nur etwas geschah; wie oft habe ich, ohne zu ermüden, jene
Fabeln angehört, die weise Männer erfunden und in welche sie einen
Kern ihrer Weisheit gelegt haben, vom Fuchs und vom törichten Raben,
vom Fuchs und vom Wolf, viele Dutzend Geschichten vom Löwen und den
übrigen Tieren. Als ich älter wurde und mehr unter die Menschen kam,
genügten mir jene kurzen Geschichten nicht mehr; sie mußten schon
länger sein, mußten von Menschen und ihren wunderbaren Schicksalen
handeln." "Ja, ich entsinne mich noch wohl dieser Zeit", unterbrach
ihn einer seiner Freunde. "Du warst es, der uns diesen Drang nach
Erzählungen beibrachte. Einer Eurer Sklaven wußte so viel zu
erzählen, als ein Kameltreiber von Mekka nach Medina spricht; wenn er
fertig war mit seiner Arbeit, mußte er sich zu uns setzen, und da
baten wir so lange, bis er zu erzählen anfing, und das ging fort und
fort, bis die Nacht heraufkam."
"Und erschloß sich uns", entgegnete der Schreiber, "erschloß sich uns
da nicht ein neues, nie gekanntes Reich, das Land der Genien und Feen,
bebaut mit allen Wundern der Pflanzenwelt, mit reichen Palästen von
Smaragden und Rubinen, mit riesenhaften Sklaven bevölkert, die
erschienen, wenn man einen Ring hin und wider dreht oder die
Wunderlampe reibt oder das Wort Salomos ausspricht, und in goldenen
Schalen herrliche Speisen bringen. Wir fühlten uns unwillkürlich in
jenes Land versetzt, wir machten mit Sindbad seine wunderbaren
Fahrten, wir gingen mit Harun Al-Raschid, dem weisen Beherrscher der
Gläubigen, abends spazieren, wir kannten Giaffar, seinen Wesir, so
gut als uns selbst, kurz, wir lebten in jenen Geschichten, wie man
nachts in Träumen lebt, und es gab keine schönere Tageszeit für uns
als den Abend, wo der alte Sklave uns erzählte. Aber sage uns, Alter,
worin liegt es denn eigentlich, daß wir damals so gerne erzählen
hörten, daß es noch jetzt für uns keine angenehmere Unterhaltung
gibt?"
Die Bewegung, die im Zimmer entstand, und die Aufforderung zur
Aufmerksamkeit, die der Sklavenaufseher gab, verhinderte den Alten zu
antworten. Die jungen Leute wußten nicht, ob sie sich freuen sollten,
daß sie eine neue Geschichte anhören durften, oder ungehalten sein
darüber, daß ihr anziehendes Gespräch mit dem Alten unterbrochen
worden war; aber ein zweiter Sklave erhob sich bereits und begann:
Abner, der Jude, der nichts gesehen hat
Wilhelm Hauff
Herr, ich bin aus Mogador am Strande des großen Meers, und als der
großmächtigste Kaiser Muley Ismael über Fez und Marokko herrschte,
hat sich die Geschichte zugetragen, die du vielleicht nicht ungerne
hören wirst. Es ist die Geschichte von Abner, dem Juden, der nichts
gesehen hat.
Juden, wie du weißt, gibt es überall, und sie sind überall Juden:
pfiffig, mit Falkenaugen für den kleinsten Vorteil begabt,
verschlagen, desto verschlagener, je mehr sie mißhandelt werden,
ihrer Verschlagenheit sich bewußt und sich etwas darauf einbildend.
Daß aber doch zuweilen ein Jude durch seine Pfiffe zu Schaden kommt,
bewies Abner, als er eines Abends zum Tore von Marokko hinaus
spazierenging.
Er schreitet einher, mit der spitzen Mütze auf dem Kopf, in den
bescheidenen, nicht übermäßig reinlichen Mantel gehüllt, streichelt
sich den Knebelbart, und trotz der umherrollenden Augen, welche ewige
Furcht und Besorgnis und die Begierde, etwas zu erspähen, womit etwas
zu machen wäre, keinen Augenblick ruhen läßt, leuchtet Zufriedenheit
aus seiner Miene; er muß diesen Tag gute Geschäfte gemacht haben; und
so ist es auch. Er ist Arzt, ist Kaufinann, ist alles, was Geld
einträgt; er hat heute einen Sklaven mit einem heimlichen Fehler
verkauft, wohlfeil eine Kamelladung Gummi gekauft und einem reichen
kranken Mann den letzten Trank, nicht vor seiner Genesung, sondern
vor seinem Hintritt bereitet.
Eben war er auf seinem Spaziergang aus einem kleinen Gehölz von
Palmen und Datteln getreten, da hörte er lautes Geschrei
herbeilaufender Menschen hinter sich; es war ein Haufe kaiserlicher
Stallknechte, den Oberstallmeister an der Spitze, die nach allen
Seiten unruhige Blicke umherwarfen, wie Menschen, die etwas
Verlorenes eifrig suchen.
"Philister", rief ihm keuchend der Oberstallmeister zu, "hast du
nicht ein kaiserlich Pferd mit Sattel und Zeug vorüberrennen sehen?"
Abner antwortete: "Der beste Galoppläufer, den es gibt; zierlich
klein ist sein Huf, seine Hufeisen sind von vierzehnlötigem Silber,
sein Haar leuchtet golden, gleich dem großen Sabbatleuchter in der
Schule, fünfzehn Fäuste ist er hoch, sein Schweif ist drei und einen
halben Fuß lang, und die Stangen seines Gebisses sind von
dreiundzwanzigkarätigem Golde."
"Er ist's!" rief der Oberstallmeister.
"Er ist's!" rief der Chor der Stallknechte.
"Es ist der Emir", rief ein alter Bereiter, "ich habe es dem Prinzen
Abdallah zehnmal gesagt, er solle den Emir in der Trense reiten, ich
kenne den Emir, ich habe es vorausgesagt, daß er ihn abwerfen würde,
und sollte ich seine Rückenschmerzen mit dem Kopf bezahlen müssen,
ich habe es vorausgesagt. Aber schnell, wohinzu ist er gelaufen?"
"Habe ich doch gar kein Pferd gesehen", erwiderte Abner lächelnd,
"wie kann ich sagen, wohin es gelaufen ist, des Kaisers Pferd?"
Erstaunt über diesen Widerspruch wollten die Herren vom Stalle eben
weiter in Abner dringen; da kam ein anderes Ereignis dazwischen.
Durch einen sonderbaren Zufall, wie es deren so viele gibt, war
gerade zu dieser Zeit auch der Leibschoßhund der Kaiserin entlaufen.
Ein Haufe schwarze Sklaven kam herbeigerannt, und sie schrien schon
von weitem: "Habt Ihr den Schoßhund der Kaiserin nicht gesehen?"
"Es ist kein Hund, den Ihr suchet, meine Herren", sagte Abner, "es
ist eine Hündin."
"Allerdings!" rief der erste Eunuch hocherfreut. "Aline, wo bist du?"
"Ein kleiner Wachtelhund", fuhr Abner fort, "der vor kurzem Junge
geworfen, langes Behänge, Federschwanz, hinkt auf dem rechten
vorderen Bein."
"Sie ist's, wie sie leibt und lebt!" rief der Chor der Schwarzen.
"Es ist Aline; die Kaiserin ist in Krämpfe verfallen, sobald sie
vermißt wurde; Aline, wo bist du? Was soll aus uns werden, wenn wir
ohne dich in den Harem zurückkehren? Sprich geschwind, wohin hast du
sie laufen sehen?"
"Ich habe gar keinen Hund gesehen; weiß ich doch nicht einmal, daß
meine Kaiserin, welche Gott erhalte, einen Wachtelhund besitzt."
Da ergrimmten die Leute vom Stalle und vom Harem über Abners
Unverschämtheit, wie sie es nannten, über kaiserliches Eigentum
seinen Scherz zu treiben, und zweifelten keinen Augenblick, so
unwahrscheinlich dies auch war, daß er Hund und Pferd gestohlen habe.
Während die anderen ihre Nachforschungen fortsetzten, packten der
Stallmeister und der erste Eunuch den Juden und führten den halb
pfiffig, halb ängstlich Lächelnden vor das Angesicht des Kaisers.
Aufgebracht berief Mulen Ismael, als er den Hergang vernommen, den
gewöhnlichen Rat des Palastes und führte in Betracht der Wichtigkeit
des Gegenstandes selbst den Vorsitz. Zur Eröffnung der Sache wurde
dem Angeschuldigten ein halbes Hundert Streiche auf die Fußsohlen
zuerkannt. Abner mochte schreien und winseln, seine Unschuld
beteuern oder versprechen, alles zu erzählen, wie es sich zugetragen,
Sprüche aus der Schrift oder dem Talmud anführen, mochte rufen: "Die
Ungnade des Königs ist wie das Brüllen eines jungen Löwen, aber seine
Gnade ist Tau auf dem Grase"; oder: "Laß nicht zuschlagen deine Hand,
wenn dir Augen und Ohren verschlossen sind"--Mulen Ismael winkte und
schwur bei des Propheten Bart und seinem eigenen, der Philister solle
die Schmerzen des Prinzen Abdallah und die Krämpfe der Kaiserin mit
dem Kopfe bezahlen, wenn die Flüchtigen nicht wieder beigebracht
würden. Noch erschallte der Palast des Kaisers von Marokko von dem
Schmerzgeschrei des Patienten, als die Nachricht einlief, Hund und
Pferd seien wiedergefunden. Aline überraschte man in der
Gesellschaft einiger Möpse, sehr anständiger Leute, die sich aber für
sie, als Hofdame, durchaus nicht schickte, und Emir hatte, nachdem er
sich müde gelaufen, das duftende Gras auf den grünen Wiesen am Bache
Tara wohlschmeckender gefunden als den kaiserlichen Hafer; gleich dem
ermüdeten fürstlichen Jäger, der, auf der Parforcejagd verirrt, über
dem schwarzen Brot und der Butter in der Hütte des Landmanns alle
Leckereien seiner Tafel vergißt.
Muley Ismael verlangte nun von Abner eine Erklärung seines Betragens,
und dieser sah sich nun, wiewohl etwas spät, imstande, sich zu
verantworten, was er, nachdem er vor seiner Hoheit Thron dreimal die
Erde mit der Stirne berührte, in folgenden Worten tat:
"Großmächtigster Kaiser, König der Könige, Herr des Besten, Stern der
Gerechtigkeit, Spiegel der Wahrheit, Abgrund der Weisheit, der du so
glänzend bist wie Gold, so strahlend wie der Diamant, so hart wie das
Eisen, höre mich, weil es deinem Sklaven vergönnt ist, vor deinem
strahlenden Angesichte seine Stimme zu erheben! Ich schwöre bei dem
Gott meiner Väter, bei Moses und den Propheten, daß ich dein heiliges
Pferd und meiner gnädigen Kaiserin liebenswürdigen Hund mit meines
Leibes Augen nicht gesehen habe. Höre aber, wie sich die Sache
begeben:
Ich spazierte, um mich von des Tages Last und Arbeit zu erholen,
nichts denkend, in dem kleinen Gehölze, wo ich die Ehre gehabt habe,
Seiner Herrlichkeit, dem Oberstallmeister, und Seiner Wachsamkeit,
dem schwarzen Aufseher deines gesegneten Harems, zu begegnen; da
gewahrte ich im feinen Sande zwischen den Palmen die Spuren eines
Tieres; ich, dem die Spuren der Tiere überaus gut bekannt sind,
erkenne sie alsbald für die Fußstapfen eines kleinen Hundes; feine
langgezogene Furchen liefen über die kleinen Unebenheiten des
Sandbodens zwischen diesen Spuren hin; es ist eine Hündin, sprach ich
zu mir selbst, und sie hat hängende Zitzen und hat Junge geworfen vor
so und so langer Zeit; andere Spuren neben den Vordertatzen, wo der
Sand leicht weggefegt zu sein schien, sagten mir, daß das Tier mit
schönen, weit herabhängenden Ohren begabt sei; und da ich bemerkt,
wie in längeren Zwischenräumen der Sand bedeutender aufgewühlt war,
dachte ich: Einen schönen langbehaarten Schwanz hat die Kleine, und
er muß anzusehen sein als ein Federbusch, und es hat ihr beliebt,
zuweilen den Sand damit zu peitschen; auch entging mir nicht, daß
eine Pfote sich beständig weniger tief in den Sand eindrückte; leider
konnte mir da nicht verborgen bleiben, daß die Hündin meiner
gnädigsten Frau, wenn es erlaubt ist, es auszusprechen, etwas hinke.