Barbier, indem er zu ihm trat und ihn lachend betrachtete. "Wahrlich,
wenn man sich dergleichen träumen lassen wollte, so komisch könnte
es einem im Traume nicht vorkommen. Doch ich will Euch einen
Vorschlag machen, kleiner Mann. Mein Barbierzimmer ist zwar sehr
besucht, aber doch seit neuerer Zeit nicht so, wie ich wünsche. Das
kommt daher, weil mein Nachbar, der Barbier Schaum, irgendwo einen
Riesen aufgefunden hat, der ihm die Kunden ins Haus lockt. Nun, ein
Riese zu werden, ist gerade keine Kunst, aber so ein Männchen wie Ihr,
ja, das ist schon ein ander Ding. Tretet bei mir in Dienste,
kleiner Mann, Ihr sollt Wohnung, Essen, Trinken, Kleider, alles sollt
Ihr haben; dafür stellt Ihr Euch morgens unter meine Türe und ladet
die Leute ein, hereinzukommen. Ihr schlaget den Seifenschaum,
reichet den Kunden das Handtuch und seid versichert, wir stehen uns
beide gut dabei; ich bekomme mehr Kunden als jener mit dem Riesen,
und jeder gibt Euch gerne noch ein Trinkgeld."
Der Kleine war in seinem Innern empört über den Vorschlag, als
Lockvogel für einen Barbier zu dienen. Aber mußte er sich nicht
diesen Schimpf geduldig gefallen lassen? Er sagte dem Barbier daher
ganz ruhig, daß er nicht Zeit habe zu dergleichen Diensten, und ging
weiter.
Hatte das böse alte Weib seine Gestalt unterdrückt, so hatte sie doch
seinem Geist nichts anhaben können, das fühlte er wohl; denn er
dachte und fühlte nicht mehr, wie er vor sieben Jahren getan; nein,
er glaubte in diesem Zeitraum weiser, verständiger geworden zu sein;
er trauerte nicht um seine verlorene Schönheit, nicht über diese
häßliche Gestalt, sondern nur darüber, daß er wie ein Hund von der
Türe seines Vaters gejagt werde. Darum beschloß er, noch einen
Versuch bei seiner Mutter zu machen.
Er trat zu ihr auf den Markt und bat sie, ihm ruhig zuzuhören. Er
erinnerte sie an jenen Tag, an welchem er mit dem alten Weibe
gegangen, er erinnerte sie an alle einzelnen Vorfälle seiner Kindheit,
erzählte ihr dann, wie er sieben Jahre als Eichhörnchen gedient habe
bei der Fee und wie sie ihn verwandelte, weil er sie damals getadelt.
Die Frau des Schusters wußte nicht, was sie denken sollte. Alles
traf zu, was er ihr von seiner Kindheit erzählte, aber wenn er davon
sprach, daß er sieben Jahre lang ein Eichhörnchen gewesen sei, da
sprach sie: "Es ist unmöglich, und es gibt keine Feen", und wenn sie
ihn ansah, so verabscheute sie den häßlichen Zwerg und glaubte nicht,
daß dies ihr Sohn sein könne. Endlich hielt sie es fürs beste, mit
ihrem Manne darüber zu sprechen. Sie raffte also ihre Körbe zusammen
und hieß ihn mitgehen. So kamen sie zu der Bude des Schusters.
"Sieh einmal", sprach sie zu diesem, "der Mensch da will unser
verlorner Jakob sein. Er hat mir alles erzählt, wie er uns vor
sieben Jahren gestohlen wurde und wie er von einer Fee verzaubert
worden sei."
"So?" unterbrach sie der Schuster mit Zorn, "hat er dir dies erzählt?
Warte, du Range! Ich habe ihm alles erzählt noch vor einer Stunde,
und jetzt geht er hin, dich so zu foppen! Verzaubert bist du worden,
mein Söhnchen? Warte doch, ich will dich wieder entzaubern." Dabei
nahm er ein Bündel Riemen, die er eben zugeschnitten hatte, sprang
auf den Kleinen zu und schlug ihn auf den hohen Rücken und auf die
langen Arme, daß der Kleine vor Schmerz aufschrie und weinend
davonlief.
In jener Stadt gibt es, wie überall, wenige mitleidige Seelen, die
einen Unglücklichen, der zugleich etwas Lächerliches an sich trägt,
unterstützen. Daher kam es, daß der unglückliche Zwerg den ganzen
Tag ohne Speise und Trank blieb und abends die Treppen einer Kirche,
so hart und kalt sie waren, zum Nachtlager wählen mußte.
Als ihn aber am nächsten Morgen die ersten Strahlen der Sonne
erweckten, da dachte er ernstlich darüber nach, wie er sein Leben
fristen könne, da ihn Vater und Mutter verstoßen. Er fühlte sich zu
stolz, um als Aushängeschild eines Barbiers zu dienen, er wollte
nicht zu einem Possenreißer sich verdingen und sich um Geld sehen
lassen. Was sollte er anfangen? Da fiel ihm mit einemmal bei, daß
er als Eichhörnchen große Fortschritte in der Kochkunst gemacht habe;
er glaubte nicht mit Unrecht, hoffen zu dürfen, daß er es mit manchem
Koch aufnehmen könne; er beschloß, seine Kunst zu benützen.
Sobald es daher lebhafter wurde auf den Straßen und der Morgen ganz
heraufgekommen war, trat er zuerst in die Kirche und verrichtete sein
Gebet. Dann trat er seinen Weg an. Der Herzog, der Herr des Landes,
o Herr, war ein bekannter Schlemmer und Lecker, der eine gute Tafel
liebte und seine Köche in allen Weltteilen aufsuchte. Zu seinem
Palast begab sich der Kleine. Als er an die äußerste Pforte kam,
fragten die Türhüter nach seinem Begehr und hatten ihren Spott mit
ihm; er aber verlangte nach dem Oberküchenmeister. Sie lachten und
führten ihn durch die Vorhöfe, und wo er hinkam, blieben die Diener
stehen, schauten nach ihm, lachten weidlich und schlossen sich an, so
daß nach und nach ein ungeheurer Zug von Dienern aller Art sich die
Treppe des Palastes hinaufbewegte; die Stallknechte warfen ihre
Striegel weg, die Läufer liefen, was sie konnten, die Teppichbreiter
vergaßen, die Teppiche auszuklopfen, alles drängte und trieb sich, es
war ein Gefühl, als sei der Feind vor den Toren, und das Geschrei:
"Ein Zwerg, ein Zwerg! Habt ihr den Zwerg gesehen?" fällte die Lüfte.
Da erschien der Aufseher des Hauses mit grimmigem Gesicht, eine
ungeheure Peitsche in der Hand, in der Türe. "Um des Himmels willen,
ihr Hunde, was macht ihr solchen Lärm! Wisset ihr nicht, daß der
Herr noch schläft?" Und dabei schwang er die Geißel und ließ sie
unsanft auf den Rücken einiger Stallknechte und Türhalter
niederfallen.
"Ach, Herr!" riefen sie, "seht Ihr denn nicht? Da bringen wir einen
Zwerg, einen Zwerg, wie Ihr noch keinen gesehen."
Der Aufseher des Palastes zwang sich mit Mühe, nicht laut aufzulachen,
als er des Kleinen ansichtig wurde; denn er fürchtete, durch Lachen
seiner Würde zu schaden. Er trieb daher mit der Peitsche die übrigen
hinweg, führte den Kleinen ins Haus und fragte nach seinem Begehr.
Als er hörte, jener wolle zum Küchenmeister, erwiderte er--"Du irrst
dich, mein Söhnchen; zu mir, dem Aufseher des Hauses, willst du; du
willst Leibzwerg werden beim Herzog; ist es nicht also?"
"Nein, Herr!" antwortete der Zwerg. "Ich bin ein geschickter Koch
und erfahren in allerlei seltenen Speisen; wollet mich zum
Oberküchenmeister bringen; vielleicht kann er meine Kunst brauchen."
"Jeder nach seinem Willen, kleiner Mann; übrigens bist du doch ein
unbesonnener Junge. In die Küche! Als Leibzwerg hättest du keine
Arbeit gehabt und Essen und Trinken nach Herzenslust und schöne
Kleider. Doch, wir wollen sehen, deine Kochkunst wird schwerlich so
weit reichen, als ein Mundkoch des Herren nötig hat, und zum
Küchenjungen bist du zu gut." Bei diesen Worten nahm ihn der Aufseher
des Palastes bei der Hand und führte ihn in die Gemächer des
Oberküchenmeisters.
"Gnädiger Herr", sprach dort der Zwerg und verbeugte sich so tief,
daß er mit der Nase den Fußteppich berührte, "brauchet Ihr keinen
geschickten Koch?"
Der Oberküchenmeister betrachtete ihn vom Kopf bis zu den Füßen,
brach dann in lautes Lachen aus und sprach: "Wie?" rief er, "du ein
Koch? Meinst du, unsere Herde seien so niedrig, daß du nur auf einen
hinaufschauen kannst, wenn du dich auch auf die Zehen stellst und den
Kopf recht aus den Schultern herausarbeitest? O lieber Kleiner! Wer
dich zu mir geschickt hat, um dich als Koch zu verdingen, der hat
dich zum Narren gehabt." So sprach der Oberküchenmeister und lachte
weidlich, und mit ihm lachten der Aufseher des Palastes und alle
Diener, die im Zimmer waren.
Der Zwerg aber ließ sich nicht aus der Fassung bringen. "Was liegt
an einem Ei oder zweien, an ein wenig Sirup und Wein, an Mehl und
Gewürze in einem Hause, wo man dessen genug hat?" sprach er. "Gebet
mir irgendeine leckerhafte Speise zu bereiten auf, schaffet mir, was
ich dazu brauche, und sie soll vor Euren Augen schnell bereitet sein,
und Ihr sollet sagen müssen, er ist ein Koch nach Regel und Recht."
Solche und ähnliche Reden führte der Kleine, und es war wunderlich
anzuschauen, wie es dabei aus seinen kleinen Äuglein hervorblitzte,
wie seine lange Nase sich hin und her schlängelte und seine dünnen
Spinnenfinger seine Rede begleiteten.
"Wohlan!" rief der Küchenmeister und nahm den Aufseher des Palastes
unter dem Arme, "wohlan, es sei um des Spaßes willen; lasset uns zur
Küche gehen!" Sie gingen durch mehrere Säle und Gänge und kamen
endlich in die Küche. Es war dies ein großes, weitläufiges Gebäude,
herrlich eingerichtet; auf zwanzig Herden brannten beständig Feuer;
ein klares Wasser, das zugleich zum Fischbehälter diente, floß mitten
durch sie, in Schränken von Marmor und köstlichem Holz waren die
Vorräte aufgestellt, die man immer zur Hand haben mußte, und zur
Rechten und Linken waren zehn Säle, in welchen alles aufgespeichert
war, was man in allen Ländern von Frankistan und selbst im
Morgenlande Köstliches und Leckeres für den Gaumen erfunden.
Küchenbedienstete aller Art liefen umher und rasselten und hantierten
mit Kesseln und Pfannen, mit Gabeln und Schaumlöffeln; als aber der
Oberküchenmeister in die Küche eintrat, blieben sie alle regungslos
stehen, und nur das Feuer hörte man noch knistern und das Bächlein
rieseln. "Was hat der Herr heute zum Frühstück befohlen?" fragte der
Meister den ersten Frühstücksmacher, einen alten Koch. "Herr, die
dänische Suppe hat er geruht zu befehlen und rote Hamburger Klößchen."
"Gut", sprach der Küchenmeister weiter, "hast du gehört, was der Herr
speisen will? Getraust du dich, diese schwierigen Speisen zu
bereiten? Die Klößchen bringst du auf keinen Fall heraus, das ist
ein Geheimnis."
"Nichts leichter als dies", erwiderte zu allgemeinem Erstaunen der
Zwerg; denn er hatte diese Speisen als Eichhörnchen oft gemacht;
"nichts leichter! Man gebe mir zu der Suppe die und die Kräuter,
dies und jenes Gewürz, Fett von einem wilden Schwein, Wurzeln und
Eier; zu den Klößchen aber", sprach er leiser, daß es nur der
Küchenmeister und der Frühstücksmacher hören konnten, "zu den
Klößchen brauche ich viererlei Fleisch, etwas Wein, Entenschmalz,
Ingwer und ein gewisses Kraut, das man Magentrost heißt."
"Hai Bei St. Benedikt! Bei welchem Zauberer hast du gelernt?" rief
der Koch mit Staunen. "Alles bis auf ein Haar hat er gesagt, und das
Kräutlein Magentrost haben wir selbst nicht gewußt; ja, das muß es
noch angenehmer machen. O du Wunder von einem Koch!"
"Das hätte ich nicht gedacht", sagte der Oberküchenmeister, "doch
lassen wir ihn die Probe machen; gebt ihm die Sachen, die er verlangt,
Geschirr und alles, und lasset ihn das Frühstück bereiten."
Man tat, wie er befohlen, und rüstete alles auf dem Herde zu; aber da
fand es sich, daß der Zwerg kaum mit der Nase bis an den Herd reichen
konnte. Man setzte daher ein paar Stühle zusammen, legte eine
Marmorplatte darüber und lud den kleinen Wundermann ein, sein
Kunststück zu beginnen. In einem großen Kreise standen die Köche,
Küchenjungen, Diener und allerlei Volk umher und sahen zu und
staunten, wie ihm alles so flink und fertig von der Hand ging, wie er
alles so reinlich und niedlich bereitete. Als er mit der Zubereitung
fertig war, befahl er, beide Schüsseln ans Feuer zu setzen und genau
so lange kochen zu lassen, bis er rufen werde; dann fing er an zu
zählen, eins, zwei drei und so fort, und gerade als er fünfhundert
gezählt hatte, rief er: "Halt!" Die Töpfe wurden weggesetzt, und der
Kleine lud den Küchenmeister ein, zu kosten.
Der Mundkoch ließ sich von einem Küchenjungen einen goldenen Löffel
reichen, spülte ihn im Bach und überreichte ihn dem Oberküchenmeister.
Dieser trat mit feierlicher Miene an den Herd, nahm von den Speisen,
kostete, drückte die Augen zu, schnalzte vor Vergnügen mit der Zunge
und sprach dann: "Köstlich, bei des Herzogs Leben, köstlich! Wollet
Ihr nicht auch ein Löffelchen zu Euch nehmen, Aufseher des Palastes?"
Dieser verbeugte sich, nahm den Löffel, versuchte und war vor
Vergnügen und Lust außer sich. "Eure Kunst in Ehren, lieber
Frühstücksmacher, Ihr seid ein erfahrener Koch; aber so herrlich habt
Ihr weder die Suppe noch die Hamburger Klöße machen können!"
Auch der Koch kostete jetzt, schüttelte dann dem Zwerg ehrfurchtsvoll
die Hand und sagte: "Kleiner! Du bist Meister in der Kunst, ja, das
Kräutlein Magentrost, das gibt allem einen ganz eigenen Reiz."
In diesem Augenblick kam der Kammerdiener des Herzogs in die Küche
und berichtete, daß der Herr das Frühstück verlange. Die Speisen
wurden nun auf silberne Platten gelegt und dem Herzog zugeschickt;
der Oberküchenmeister aber nahm den Kleinen in sein Zimmer und
unterhielt sich mit ihm. Kaum waren sie aber halb so lange da, als
man ein Paternoster spricht (es ist dies das Gebet der Franken, o
Herr, und dauert nicht halb so lange als das Gebet der Gläubigen), so
kam schon ein Bote und rief den Oberküchenmeister zum Herrn. Er
kleidete sich schnell in sein Festkleid und folgte dem Boten.
Der Herzog sah sehr vergnügt aus. Er hatte alles aufgezehrt, was auf
den silbernen Platten gewesen war, und wischte sich eben den Bart ab,
als der Oberküchenmeister zu ihm eintrat. "Höre, Küchenmeister",
sprach er, "ich bin mit deinen Köchen bisher immer sehr zufrieden
gewesen; aber sage mir, wer hat heute mein Frühstück bereitet? So
köstlich war es nie, seit ich auf dem Thron meiner Väter sitze; sage
an, wie er heißt, der Koch, daß wir ihm einige Dukaten zum Geschenk
schicken."
"Herr, das ist eine wunderbare Geschichte", antwortete der
Oberküchenmeister und erzählte, wie man ihm heute früh einen Zwerg
gebracht, der durchaus Koch werden wollte und wie sich dies alles
begeben. Der Herzog verwunderte sich höchlich, ließ den Zwerg vor
sich rufen und fragte ihn aus, wer er sei und woher er komme. Da
konnte nun der arme Jakob freilich nicht sagen, daß er verzaubert
worden sei und früher als Eichhörnchen gedient habe; doch blieb er
bei der Wahrheit, indem er erzählte, er sei jetzt ohne Vater und
Mutter und habe bei einer alten Frau kochen gelernt. Der Herzog
fragte nicht weiter, sondern ergötzte sich an der sonderbaren Gestalt
seines neuen Kochs.
"Willst du bei mir bleiben", sprach er, "so will ich dir jährlich
fünfzig Dukaten, ein Festkleid und noch überdies zwei Paar
Beinkleider reichen lassen. Dafür mußt du aber täglich mein
Frühstück selbst bereiten, mußt angeben, wie das Mittagessen gemacht
werden soll, und Oberhaupt dich meiner Küche annehmen. Da jeder in
meinem Palast seinen eigenen Namen von mir empfängt, so sollst du
Nase heißen und die Würde eines Unterküchenmeisters bekleiden."
Der Zwerg Nase fiel nieder vor dem mächtigen Herzog in Frankenland,
küßte ihm die Füße und versprach, ihm treu zu dienen.
So war nun der Kleine fürs erste versorgt, und er machte seinem Amt
Ehre. Denn man kann sagen, daß der Herzog ein ganz anderer Mann war,
während der Zwerg Nase sich in seinem Hause aufhielt. Sonst hatte es
ihm oft beliebt, die Schüsseln oder Platten, die man ihm auftrug, den
Köchen an den Kopf zu werfen; ja, dem Oberküchenmeister selbst warf
er im Zorn einmal einen gebackenen Kalbsfaß, der nicht weich genug
geworden war, so heftig an die Stirne, daß er umfiel und drei Tage zu
Bett liegen mußte. Der Herzog machte zwar, was er im Zorn getan,
durch einige Hände voll Dukaten wieder gut, aber dennoch war nie ein
Koch ohne Zittern und Zagen mit den Speisen zu ihm gekommen. Seit
der Zwerg im Hause war, schien alles wie durch Zauber umgewandelt.
Der Herr aß jetzt statt dreimal des Tages fünfmal, um sich an der
Kunst seines kleinsten Dieners recht zu laben, und dennoch verzog er
nie eine Miene zum Unmut. Nein, er fand alles neu, trefflich, war
leutselig und angenehm und wurde von Tag zu Tag fetter.
Oft ließ er mitten unter der Tafel den Küchenmeister und den Zwerg
Nase rufen, setzte den einen rechts, den anderen links zu sich und
schob ihnen mit seinen eigenen Fingern einige Bissen der köstlichsten
Speisen in den Mund, eine Gnade, welche sie beide wohl zu schätzen
wußten.
Der Zwerg war das Wunder der Stadt. Man erbat sich flehentlich
Erlaubnis vom Oberküchenmeister, den Zwerg kochen zu sehen, und
einige der vornehmsten Männer hatten es so weit gebracht beim Herzog,
daß ihre Diener in der Küche beim Zwerg Unterrichtsstunden genießen
durften, was nicht wenig Geld eintrug; denn jeder zahlte täglich
einen halben Dukaten. Und um die übrigen Köche bei guter Laune zu
erhalten und sie nicht neidisch auf ihn zu machen, überließ ihnen
Nase dieses Geld, das die Herren für den Unterricht ihrer Köche
zahlen mußten.
So lebte Nase beinahe zwei Jahre in äußerlichem Wohlleben und Ehre,
und nur der Gedanke an seine Eltern betrübte ihn; so lebte er, ohne
etwas Merkwürdiges zu erfahren, bis sich folgender Vorfall ereignete.
Der Zwerg Nase war besonders geschickt und glücklich in seinen
Einkäufen. Daher ging er, so oft es ihm die Zeit erlaubte, immer
selbst auf den Markt, um Geflügel und Früchte einzukaufen. Eines
Morgens ging er auch auf den Gänsemarkt und forschte nach schweren,
fetten Gänsen, wie sie der Herr liebte. Er war musternd schon
einigemal auf und ab gegangen. Seine Gestalt, weit entfernt, hier
Lachen und Spott zu erregen, gebot Ehrfurcht; denn man erkannte ihn
als den berühmten Mundkoch des Herzogs, und jede Gänsefrau fühlte
sich glücklich, wenn er ihr die Nase zuwandte.
Da sah er ganz am Ende einer Reihe in einer Ecke eine Frau sitzen,
die auch Gänse feil hatte, aber nicht wie die übrigen ihre Ware
anpries; zu dieser trat er und maß und wog ihre Gänse. Sie waren,
wie er sie wünschte, und er kaufte drei samt dem Käfig, lud sie auf
seine breiten Schultern und trat den Rückweg an. Da kam es ihm
sonderbar vor, daß nur zwei von diesen Gänsen schnatterten und
schrien, wie rechte Gänse zu tun pflegen, die dritte aber ganz still
und in sich gekehrt dasaß und Seufzer ausstieß und ächzte wie ein
Mensch--"Die ist halbkrank", sprach er vor sich hin, "ich muß eilen,
daß ich sie umbringe und zurichte." Aber die Gans antwortete ganz
deutlich und laut:
"Stichst du mich, So beiß' ich dich. Drückst du mir die Kehle ab,
Bring' ich dich ins frühe Grab."
Ganz erschrocken setzte der Zwerg Nase seinen Käfig nieder, und die
Gans sah ihn mit schönen, klugen Augen an und seufzte.
"Ei der Tausend!" rief Nase. "Sie kann sprechen, Jungfer Gans? Das
hätte ich nicht gedacht. Na, sei Sie nur nicht ängstlich! Man weiß
zu leben und wird einem so seltenen Vogel nicht zu Leibe gehen. Aber
ich wollte wetten, Sie ist nicht von jeher in diesen Federn gewesen.
War ich ja selbst einmal ein schnödes Eichhörnchen."
"Du hast recht", erwiderte die Gans, "wenn du sagst, ich sei nicht in
dieser schmachvollen Hülle geboren worden. Ach, an meiner Wiege
wurde es mir nicht gesungen, daß Mimi, des großen Wetterbocks Tochter,
in der Küche eines Herzogs getötet werden soll!"
"Sei Sie doch ruhig, liebe Jungfer Mimi", tröstete der Zwerg. "So
wahr ich ein ehrlicher Kerl und Unterküchenmeister Seiner Durchlaucht
bin, es soll Ihr keiner an die Kehle. Ich will Ihr in meinen eigenen
Gemächern einen Stall anweisen, Futter soll Sie genug haben, und
meine freie Zeit werde ich Ihrer Unterhaltung widmen; den übrigen
Küchenmenschen werde ich sagen, daß ich eine Gans mit allerlei
besonderen Kräutern für den Herzog mäste, und sobald sich Gelegenheit
findet, setze ich Sie in Freiheit."
Die Gans dankte ihm mit Tränen; der Zwerg aber tat, wie er
versprochen, schlachtete die zwei anderen Gänse, für Mimi aber baute
er einen eigenen Stall unter dem Vorwande, sie für den Herzog ganz
besonders zuzurichten. Er gab ihr auch kein gewöhnliches Gänsefutter,
sondern versah sie mit Backwerk und süßen Speisen.
So oft er freie Zeit hatte, ging er hin, sich mit ihr zu unterhalten
und sie zu trösten. Sie erzählten sich auch gegenseitig ihre
Geschichten, und Nase erfuhr auf diesem Wege, daß die Gans eine
Tochter des Zauberers Wetterbock sei, der auf der Insel Gotland lebe.
Er sei in Streit geraten mit einer alten Fee, die ihn durch Ränke
und List überwunden und sie zur Rache in eine Gans verwandelt und
weit hinweg bis hierher gebracht habe. Als der Zwerg Nase ihr seine
Geschichte ebenfalls erzählt hatte, sprach sie: "Ich bin nicht
unerfahren in "lesen Sachen. Mein Vater hat mir und meinen
Schwestern einige Anleitung gegeben, so viel er nämlich davon
mitteilen durfte. Die Geschichte mit dem Streit am Kräuterkorb,
deine plötzliche Verwandlung, als du an jenem Kräutlein rochst, auch
einige Worte der Alten, die du mir sagtest, beweisen mir, daß du auf
Kräuter verzaubert bist, das heißt, wenn du das Kraut auffindest, das
sich die Fee bei deiner Verzauberung gedacht hat, so kannst du erlöst
werden." Es war dies ein geringer Trost für den Kleinen; denn wo
sollte er das Kraut auffinden? Doch dankte er ihr und schöpfte
einige Hoffnung.
Um diese Zeit bekam der Herzog einen Besuch von einem benachbarten
Fürsten, seinem Freunde. Er ließ daher seinen Zwerg Nase vor sich
kommen und sprach zu ihm: "Jetzt ist die Zeit gekommen, wo du mir
zeigen mußt, ob du mir treu dienst und Meister deiner Kunst bist.
Dieser Fürst, der bei mir zu Besuch ist, speist bekanntlich außer mir
am besten und ist ein großer Kenner einer feinen Küche und ein weiser
Mann. Sorge nun dafür, daß meine Tafel täglich also besorgt werde,
daß er immer mehr in Erstaunen gerät. Dabei darfst du, bei meiner
Ungnade, so lange er da ist, keine Speise zweimal bringen. Dafür
kannst du dir von meinem Schatzmeister alles reichen lassen, was du
nur brauchst. Und wenn du Gold und Diamanten in Schmalz baden mußt
so tu es! Ich will lieber ein armer Mann werden, als erröten vor ihm."
So sprach der Herzog! Der Zwerg aber sagte, indem er sich anständig
verbeugte: "Es sei, wie du sagst, o Herr! So es Gott der gefällt,
werde ich alles so machen, daß es diesem Fürsten der Gutschmecker
wohlgefällt."
Der kleine Koch suchte nun seine ganze Kunst hervor. Er schonte die
Schätze seines Herrn nicht, noch weniger aber sich selbst. Denn man
sah ihn den ganzen Tag in eine Wolke von Rauch und Feuer eingehüllt,
und seine Stimme hallte beständig durch das Gewölbe der Küche; denn
er befahl als Herrscher den Küchenjungen und niederen Köchen. Herr!
Ich könnte es machen wie die Kameltreiber von Aleppo, wenn sie in
ihren Geschichten, die sie den Reisenden erzählen, die Menschen
herrlich speisen lassen. Sie führen eine ganze Stunde lang alle die
Gerichte an, die aufgetragen worden sind, und erwecken dadurch große
Sehnsucht und noch größeren Hunger in ihren Zuhörern, so daß diese
unwillkürlich die Vorräte öffnen und eine Mahlzeit halten und den
Kameltreibern reichlich mitteilen; doch ich nicht also.
Der fremde Fürst war schon vierzehn Tage beim Herzog und lebte
herrlich und in Freuden. Sie speisten des Tages nicht weniger als
fünfmal, und der Herzog war zufrieden mit der Kunst des Zwerges; denn
er sah Zufriedenheit auf der Stirne seines Gastes. Am fünfzehnten
Tage aber begab es sich, daß der Herzog den Zwerg zur Tafel rufen
ließ, ihn seinem Gast, dem Fürsten, vorstellte und diesen fragte, wie
er mit dem Zwerg zufrieden sei.
"Du bist ein wunderbarer Koch", antwortete der fremde Fürst, "und
weißt, was anständig essen heißt. Du hast in der ganzen Zeit, da ich
hier bin, nicht eine einzige Speise wiederholt und alles trefflich
bereitet. Aber sage mir doch, warum bringst du so lange nicht die
Königin der Speisen, die Pastete Souzeraine?"
Der Zwerg war sehr erschrocken; denn er hatte von dieser
Pastetenkönigin nie gehört; doch faßte er sich und antwortete: "O
Herr! Noch lange, hoffte ich, sollte dein Angesicht leuchten an
diesem Hoflager, darum wartete ich mit dieser Speise; denn womit
sollte dich denn der Koch begrüßen am Tage des Scheidens als mit der
Königin der Pasteten?"
"So?" entgegnete der Herzog lachend. "Und bei mir wolltest du wohl
warten bis an meinen Tod, um mich dann noch zu begrüßen? Denn auch
mir hast du die Pastete noch nie vorgesetzt. Doch denke auf einen
anderen Scheidegruß; denn morgen mußt du die Pastete auf die Tafel
setzen."
"Es sei, wie du sagst, Herr!" antwortete der Zwerg und ging. Aber er
ging nicht vergnügt; denn der Tag seiner Schande und seines Unglücks
war gekommen. Er wußte nicht, wie er die Pastete machen sollte. Er
ging daher in seine Kammer und weinte über sein Schicksal.