endlich von dem Glanze blenden, der ihr an der Seite Skandorff's
winkte, und sie zeigte selbst in einem Briefe, der in seiner falschen
Sentimentalität noch um vieles grausamer war, Förenskjöld ihre
Verlobung an. Dieser gab ihr keine Antwort, sondern verliess einige
Tage später die schwedische Hauptstadt, um sich einer Expedition
anzuschliessen, die nach dem nördlichen Polarmeer segelte.
Seither war er verschollen.
Karola hatte indess das Leben der Residenz in vollen Zügen genossen,
man hatte sie bewundert, gefeiert, angebetet, bis sie endlich nichts
mehr zu erreichen hatte, bis ihre Eitelkeit übersättigt war und der
Eckel kam.
Dann starb ihr Mann, und sie zog sich plötzlich aus den Kreisen, in
denen sie als Königin, als Despotin geherrscht hatte, zurück. Den
Jahren des Taumels war eine Zeit der Sammlung, der Entsagung, der
Wehmuth gefolgt. Karola fühlte sich einsam, unbefriedigt, und mehr und
mehr stieg Siegfried's Bild aus dem Nebel der Erinnerung empor, und
der Verrathene, für immer Verschollene wurde von Neuem ihr Idol.
Was war dieses Leben ohne Gatten, ohne Kinder, ohne Freunde, ohne
Liebe, fragte sie sich an jenem Abend wieder und immer wieder. Sie
hatte das Glück frevelhaft von sich gestossen, um einem Phantom zu
folgen.
[Illustration]
Ja, wenn Förenskjöld noch lebte! aber sie empörte sich gegen den
Gedanken, jetzt, wo sie keine Illusionen hatte, einem Anderen zu
gehören.
Sie zog es vor, um ihn zu trauern, wie um einen Todten, allein mit
ihrer Reue und ihrer Sehnsucht.
Und nun sollte sie hinaus in die frostige Dezembernacht, in das
glänzende Haus ihrer Eltern.
Es war der erste Abend der Hanuka, sie durfte nicht fehlen.
Seufzend erhob sie sich, um Toilette zu machen. »Ganz Israel wird heute
die Hanukalichter anzünden«, murmelte sie, »aber in Deiner Seele ist
das Licht erloschen für immer.«
* * * * *
»Heute will ich kein trauriges Gesicht sehen«, sprach Rubenborg, als
Karola eintrat, »heute muss alles heiter sein. Uebrigens bekommen wir
einen interessanten Gast, der Dich zerstreuen wird.«
Karola zuckte verächtlich die Achseln.
Alle Räume des väterlichen Hauses waren glänzend geschmückt und
erleuchtet. Feierte man doch den grossen Tag, wo Judas Makkabäus nach
seinem Siege über die Syrer den Tempel gereinigt und beim Klang der
Instrumente und Sang der Leviten die heiligen Lampen wieder angezündet
hatte.
Auf dem Kamin stand die alte, siebenarmige Lampe aus getriebenem Silber
mit herrlichen Figuren, biblische Scenen darstellend. Acht Lichter
waren auf diesem Familienkleinod aufgesteckt, denn das Fest währt acht
Tage, und jeden Tag wird eine Kerze mehr angezündet.
Rubenborg, von seiner ganzen Familie umgeben, näherte sich jetzt der
Lampe, sprach laut das Gebet und zündete die erste Kerze an.
In diesem Augenblick ging die Thür auf, und Karola meinte eine
Erscheinung zu sehen.
Es war Siegfried Förenskjöld, der Geliebte ihrer Jugend, der eintrat.
Es war noch sein verständiges, gutes Gesicht mit den treuen, blauen
Augen, aber männlicher, ernster und von Sonne und Wetter mit einer Art
Bronce bedeckt.
Die junge Wittwe blieb wie versteinert in der Nähe des Kamins stehen.
Nachdem Förenskjöld ihre Eltern begrüsst hatte, verneigte er sich stumm
vor ihr.
Sie klammerte sich an den Kaminsims und sah ihn flehend an, da er aber
keinen Schritt vorwärts that, streckte sie ihm die Hand entgegen, und
als er diese schöne vielbegehrte Hand nicht nahm, sprach sie mit einer
Stimme, die leise bebte: »Siegfried, geben Sie mir die Hand.«
Förenskjöld trat auf sie zu, und sie ergriff rasch seine beiden Hände.
»Haben Sie mir vergeben?«
»Man vergibt nur, wenn man vergisst.«
»Sie haben mich also nicht vergessen,« murmelte sie, und ein
schmerzliches Lächeln überflog ihr bleiches Gesicht.
Während man bei Tische sass, erzählte Förenskjöld seine Schicksale.
Das Schiff, auf dem er gegen Norden segelte, war gescheitert. Er hatte
einige Monate in der Eiswüste der Polargegend zugebracht und war dann
durch einen amerikanischen Schoner gerettet worden. In New-York gut
aufgenommen, hatte er dort rasch eine gute Praxis als Arzt gefunden und
war vor wenigen Tagen zurückgekehrt, um seine Verwandten zu sehen.
Als die Tafel aufgehoben war, tanzten die Kinder um die Lichter und
kamen dann zu den Eltern, um das Hanukageld in Empfang zu nehmen.
Nun kamen noch verschiedene alte Freunde des Hauses an, und bald war
alle Welt, Alt und Jung, mit dem Spiel beschäftigt, wie es an diesem
Abend Sitte ist. Die Kinder würfelten einige Zeit, dann kam Gustav,
der Jüngste, zu Förenskjöld gesprungen und bat ihn, eine Geschichte
zu erzählen, eine recht schreckliche von dem endlosen Eismeer, von
schwimmenden Gletschern, Eisbären und Nordlicht.
»Wohl ist es Sitte«, sprach Förenskjöld, »an diesem Abend Geschichten
zu erzählen, aber nur jüdische Geschichten.«
Gustav bat also um eine solche. Förenskjöld setzte sich zum Kamin,
die Kinder umgaben ihn, und Karola trat leise hinter seinen Stuhl und
stützte sich auf die Lehne desselben.
* * * * *
Einst fragte eine römische Matrone den Rabbi José be Chalafta, in wie
viel Tagen Gott die Welt erschaffen habe?
»In sechs Tagen«, war die Antwort.
Auf eine zweite Frage, was Gott seitdem thue, erwiderte Rabbi José,
seine Hauptbeschäftigung bestehe darin, die Menschen durch das Band
der Ehe zu vereinen und glücklich zu machen.
Die römische Matrone fand diese Antwort spasshaft und sprach: »Dies
soll eine Beschäftigung für einen Gott sein? Ehen zu schliessen ist
leicht, ich wette, dass ich das eben so gut kann, wie Dein Gott. Ich
habe eine grosse Zahl Sklaven und Sklavinnen und will sie alle in einer
Stunde verheirathen, dazu bedarf man keiner göttlichen Macht.«
»Mag sein«, erwiderte der Rabbi, »aber unserem Gott ist es gerade so
schwer, wie jedes andere Wunder.«
Die römische Matrone nahm hierauf tausend ihrer Sklaven und ebenso viel
Sklavinnen und vermählte sie alle an einem Abend.
Was aber war die Folge dieser so rasch, ohne Ueberlegung, ohne Liebe
geschlossenen Bündnisse?
Schon am anderen Morgen kamen sie alle im kläglichsten Zustande und
warfen sich ihrer Herrin zu Füssen. Die einen hatten zerschlagene
Köpfe, die Anderen wunde Augen, andere Striemen auf dem Rücken und
alle, alle flehten um Scheidung ihrer Ehe.
Die römische Matrone gewährte ihre Bitte, und als sie wieder dem Rabbi
begegnete, sprach sie: »Du hast recht. Meine Gottheit kann sich mit der
Deinen nicht messen, unsere Gesetze stehen den Euren nach. Eure Lehre
ist auf Wahrheit gegründet.«
Doch Rabbi José lächelte und erwiderte: »Habe ich Dir nicht gleich
gesagt, dass eine Ehe zu stiften zu den schwierigsten Dingen gehört?«
* * * * *
»Und die Moral?« rief Rubenborg von seinem Whisttisch herüber.
»Vordem wurden die Ehen im Himmel geschlossen«, antwortete Förenskjöld,
»heute ist das anders, und die römische Matrone würde diesmal recht
behalten. Heute gelten nur noch die schönen Worte des Horaz:
Geld ist die Königin
Der Welt, schafft alles Dir, ein reiches Weib,
Kredit und Freunde, Schönheit, Adel, Alles!«
»Nein, alles nicht«, sprach Karola leise, »die Liebe nicht und nicht
das Glück.«
Förenskjöld stand auf, und während er sich an den Kamin lehnte, trat
die arme, bleiche Frau vor ihn hin und ergriff von neuem seine Hände.
»Siegfried, vergeben Sie mir«, murmelte sie, »auch ich könnte Ihnen
eine Geschichte erzählen von einer Frau, die der Reichthum, die der
Luxus geblendet hat und die inmitten rauschender Feste wie eine Todte
wandelte mit ihrem Herzen. Sie hat Unrecht gethan, diese Frau, auch
sich, sich am meisten, aber sie hat auch gebüsst, an der Seite eines
ungeliebten Gatten, umgeben von den Nichtigkeiten der Gesellschaft und
dann in der freudenlosen Einsamkeit ihrer Wittwenjahre.
Das Licht ihrer Nächte war die Erinnerung, die Hoffnung.
Wenn Sie finden, Siegfried, dass sie nicht genug bereut, nicht genug
gebüsst hat, sprechen Sie es aus, sie wird fortfahren, zu entsagen und
zu lieben, aber nehmen Sie ihr die Hoffnung nicht.«
»Was verlangen Sie von mir, Karola?«
»Vergebung.«
»Ich soll Sie also vergessen?«
»Nein, nein,« rief die junge Frau; sie machte eine Bewegung, als wollte
sie ihm zu Füssen fallen, »ich gehöre Ihnen, ich habe immer Ihnen
gehört, nur Ihnen, stossen Sie mich nicht zurück, rauben Sie mir nicht
die Hoffnung.«
»Und was hoffen Sie noch, Karola?«
»O! mein Freund!« fuhr sie fort, »heute ist Hanuka! Es ist der Tag, wo
Judas Makkabäus die falschen Götter gestürzt und den Altar des wahren
Gottes aufgerichtet hat. Lassen Sie auch uns diese Götter zertrümmern,
denen wir geopfert haben, die Eitelkeit, der Hang zum Reichthum, zum
Genuss, die Hoffart und auch den Hass und die Rache.«
»Ich habe Sie niemals gehasst«, erwiderte Förenskjöld.
»Lassen Sie uns also zu unserem Gotte zurückkehren, zu dem einzig
wahren.«
»Und dieser Gott wäre?«
»Sie fragen noch?« rief sie und warf sich an seine Brust, »die Liebe,
Siegfried.«
Förenskjöld hielt sie in seinen Armen, während sie mit ihren schönen,
lächelnden und weinenden Augen zu ihm emporblickte.
[Illustration]
[Illustration]
Du sollst nicht tödten.
-- CROATIEN. --
Jüdische Ehre. -- Das Duell.
Die Gräfin Mara Barowic war in einer Person die Circe, Omphale und
Semiramis des kroatischen Berglandes Zagorien. Alle Männer, jung und
alt, lagen zu ihren Füssen und doch war sie eher hässlich als hübsch zu
nennen.
Aber sie besass jene Hässlichkeit, welche frappirt, fesselt und reizt.
Dann hatte sie eine Geschichte hinter sich, welche sie interessant
machte.
Man behauptete, dass sie ihren Mann durch einen ihrer Günstlinge auf
der Jagd erschiessen liess, als dieser kroatische Ninus ihr lästig zu
werden begann.
Und sie war originell!
Wenn das Weib ein Kunstwerk ist, wie ein berühmter Dichter gesagt
hat, so darf man nicht vergessen, dass heute die Zeit des Gefälligen,
Anmuthigen in der Kunst vorüber ist, man zieht die grausame Wahrheit
der liebenswürdigen Schönheit vor, in der Kunst und ebenso in der Liebe.
Die Gräfin war ein Weib in diesem Geschmack. Von ihren beiden
glühendsten Verehrern nannte sie der eine, Baron Kronenfels,
»décadente«, und der andere, Herr von Broda, »naturalistisch«.
Sie ritt wie ein Husar, sie kutschirte, sie hetzte Hasen und Füchse,
sie liebte es, in der malerischen Tracht einer kroatischen Bäuerin die
Felder und die Forste zu durchstreifen und traktirte ihre Gläubiger mit
der Hundepeitsche, wenn sie ihr Geld haben wollten.
Die Gräfin war nämlich vollständig verschuldet, nicht nur, dass auf
ihrem Gute Granic kein Nagel mehr ihr gehörte, nicht einmal der falsche
Zopf, den sie trug, war ihr Eigenthum.
Die jungen Cavaliere, welche sich um ihre Gunst bewarben, erklärten
sich desshalb die Vorliebe der zagorischen Circe für die beiden »Weisen
aus dem Morgenlande«, wie sie Broda und Kronenfels nannten, durch die
glänzende materielle Lage dieser jüdischen Edelleute.
Baron Kronenfels war von etwas älterem Adel und genoss daher ein
gewisses Ansehen, Herr von Broda dagegen war erst selbst geadelt worden
und diente umsomehr als Stichblatt aller schlechten Spässe, als er
einen geradezu lächerlichen Kultus mit seinem Wappen trieb. Es gab
keinen Ort, wo er dasselbe nicht anbrachte, es glänzte sogar auf dem
Halsband seines Hundes und auf den Cigaretten, die er sich apart bei
Laferme fabriziren liess.
Kronenfels und Broda waren gute Freunde und Kameraden, denn Beide
waren Offiziere in der Reserve, aber wie lange hält Männerfreundschaft
gegenüber einer Frau Stand?
Ihre gegenseitige Eifersucht steigerte sich von Tag zu Tag und nahm
endlich jenen akuten Charakter an, wo man sich jeden Augenblick auf
einen Conflict gefasst machen muss.
* * * * *
Eines Abends beim Spiel und beim schäumenden Champagner fand die von
ihren Freunden längst erwartete Explosion statt.
Baron Rukawina gab eine lustige Geschichte aus dem bewegten Leben der
Gräfin zum Besten.
Sie sollte wegen der seit Jahren rückständigen Steuer exequirt werden
und setzte daher Himmel und Erde in Bewegung, um das drohende Unheil
abzuwenden. Sie reiste nach Agram und von da nach Budapest. Hier
bestürmte sie den Minister, die einflussreichen Deputirten, ja sie
erbat sogar eine Audienz beim König. Ueberall gab man ihr Hoffnung,
aber die Gefahr wurde trotzdem immer dringender.
Da stellte sich ihr der Baron Meyerbach vor, und bot sich an, die Sache
zu arrangiren.
Meyerbach war ein intelligenter Mensch mit einem guten Herzen und einer
offenen Börse, aber die ungarische Aristokratie nahm ihn dennoch nicht
in ihre intimen Kreise auf, aus dem einfachen Grunde, weil er Jude war.
»Haben Sie denn wirklich so viel Einfluss?« fragte die Gräfin erstaunt.
»Fragen Sie mich nicht, wie ich verfahren werde, Gräfin«, erwiderte der
Baron, »genug, ich bin des Erfolges vollkommen sicher.«
»Und was verlangen Sie von mir für diesen Dienst?«
»Nichts, als dass Sie während zweier Wochen täglich eine Stunde mit
mir in der Waitzner Gasse promeniren, täglich eine Stunde in meiner
Gesellschaft auf dem Eisplatz im Stadtwäldchen zubringen und sich jeden
Abend an meiner Seite in einem anderen Theater sehen lassen.«
»Das ist alles?«
»Alles.«
Die Gräfin that alles, was der Baron verlangt hatte.
Vierzehn Tage später erhielt sie die Quittung über die bezahlten
Steuern -- 32,000 Gulden -- und Baron Meyerbach fand die Thüren der
ungarischen Aristokratie nicht mehr verschlossen. Die Gräfin hatte ihn,
wie man sagt, lancirt.
Man lachte und liess den schlauen Meyerbach leben, nur Broda machte ein
trauriges Gesicht. Seufzend murmelte er die Worte Goethe's vor sich
hin: »Nach Gelde drängt, am Gelde hängt doch alles.«
Baron Kronenfels legte die Karten mit Ostentation auf den Tisch und sah
ihn an.
»Wollen Sie damit sagen, dass eine Dame, wie die Gräfin Maria Barowic,
sich durch Geld oder Reichthum blenden lässt?«
Broda zuckte die Achseln.
Da erhob sich Kronenfels entrüstet und rief: »Sie sind ein +Jude+!«
Einen Augenblick blieben alle starr, dann sprang Broda gleichfalls auf
und erwiderte vor Wuth bebend: »+Sie+ sind ein +Jude+!«
Die Folge dieses Wortwechsels war eine Herausforderung. Beide
Herren wählten auf der Stelle ihre Sekundanten. Man entschied sich
für Pistolen, und das Rendezvous sollte am nächsten Morgen in dem
Eichenwalde von Granic stattfinden.
* * * * *
Broda war nicht lange nach Hause zurückgekehrt und hatte kaum begonnen,
seine Papiere zu ordnen, als der Rabbiner Salomon Zuckermandel bei ihm
erschien.
»Sie wollen sich duelliren?« waren die ersten Worte des weisen gütigen
Alten.
»Ja.«
»Und noch dazu mit einem Juden? Nein, Herr von Broda, Sie können, Sie
dürfen, Sie werden nicht auf einen Menschen schiessen.«
»Verzeihen Sie, Rabbi Salomon, aber von Ehrensachen verstehe ich mehr
als Sie.«
»Glauben Sie?« erwiderte der Rabbiner lächelnd, »nun, wir werden sehen.
Sie glauben, die Ehre kann nur durch Blut reingewaschen werden? Mein
lieber Herr von Broda, eine Ehre, die makellos ist, braucht überhaupt
nicht erst gewaschen zu werden, und eine Ehre, die einen Makel hat,
kann auch durch Blut nicht reingewaschen werden. Der Baron hat Sie
einen Juden genannt. Ist das eine Beleidigung?«
»In dem Sinne, in dem er das Wort gebraucht hat, ja.«
»Nein, weder in diesem noch in einem anderen Sinne«, fuhr der Rabbiner
fort, »sollte der Name Soldat zu einem Schimpfwort werden, weil es
Soldaten gibt, die ihre Fahne verlassen haben? Diese Juden, die man
meint, wenn man den Namen Jude als Schimpfwort ausspricht, haben auch
ihre Fahne verlassen, es sind keine Juden mehr. Das Judenthum ist die
Ehrfurcht vor Gott, die Liebe zur Freiheit, die Liebe zur Familie,
die Menschenliebe, und die jüdische Ehre besteht nicht darin, Blut zu
vergiessen, sondern recht zu handeln und Gutes zu thun.«
»Sie haben recht, aber --«
»Nein, nein, kein Aber. Als Gott auf dem Sinai in Donner und Blitz dem
Moses die Gesetztafeln gab, da gab es kein Aber, da sprach er: »+Du
sollst nicht tödten.+« -- Sie sind ein Jude, Herr von Broda, das heisst
ein Mensch, Sie werden nicht tödten.«
Der junge Edelmann trat an das Fenster, um seine Thränen zu verbergen,
das jüdische Herz war bewegt, der alte Mann im schlichten Talar hatte
das glänzende Wappen aus dem Felde geschlagen.
* * * * *
Es war Mitternacht, als Rabbi Salomon bei dem Baron ankam und demselben
einen Brief seines Gegners übergab. Kronenfels las:
Mein Herr!
Sie haben mich schwer beleidigt, indem Sie mich in einer
Gesellschaft von Cavalieren einen Juden genannt haben und dies
zu einer Zeit, wo Herr von Treitschke in Berlin die Juden
das »Schlamassel«, das Unglück des deutschen Volkes genannt
hat. Allein Sie sind der einzige Sohn, die Hoffnung Ihrer
Familie, und es würde mir leid thun, wenn ich Sie treffen
würde. Sie haben mich mehr als einmal das Herz aus dem Asse
schiessen sehen, Sie wissen, dass ich keine Redensarten mache.
Ich schlage Ihnen desshalb vor, dass wir beide in die Luft
schiessen und dass wir uns gegenseitig das Ehrenwort geben,
dieses Uebereinkommen niemals zu verrathen.
+Broda.+
Kronenfels zeigte dem Rabbiner den Brief.
»Was ist da zu thun?« fragte er lächelnd.
»Herr von Broda hat bewiesen, dass er ein Jude ist«, sagte
Zuckermandel, »bleiben Sie nicht zurück, beweisen Sie gleichfalls, dass
Sie der Sohn eines Stammes sind, der als das älteste Kulturvolk alle
anderen an Menschlichkeit übertrifft.«
Kronenfels warf einige Zeilen auf das Papier, welche Rabbi Salomon bei
Tagesanbruch überbrachte. Die Antwort des Barons lautete:
Mein Herr!
Ich war eben im Begriff an Sie zu schreiben, als ich Ihren
Brief erhielt.
Auch ich würde es bereuen, einen so hoffnungsvollen, jungen
Mann zu tödten.
Uebrigens -- entre nous soit dit -- sind wir doch wirklich
Juden, d. h. Nachkommen von Ahnen, welche älter als die
Lichtenstein und Auersperg sind und von denen wir zwei
Eigenschaften ererbt haben, die Herr von Treitschke, als der
Sohn eines spät civillisirten Volkes wahrscheinlich nicht
besitzt. Ich meine die Scheu vor Blutvergiessen und das
jüdische Herz voll +Rachmonus+.
+Kronenfels.+
Um sechs Uhr morgens fand das Rencontre im schönen Eichenwald von
Granic statt. Die beiden Gegner hielten Wort und schossen in die Luft.
Als die Sekundanten erklärt hatten, dass der Ehre Genüge geschehen sei,
trat plötzlich Rabbi Salomon aus dem Gebüsch hervor, in dem er sich
verborgen gehalten hatte und während Kronenfels und Broda sich versöhnt
die Hände reichten, erhob der Greis segnend die Arme und sprach: »Meine
Herren, Sie sind Juden!«
[Illustration]
Bär und Wolf.
-- SCHWEIZ. --
Rosch haschonnah. -- Jom Kipur.
Herta Bär und Selma Wolf galten als die hübschesten Frauen in Basel,
nicht allein unter den Jüdinnen. Man sah sie immer zusammen, und es gab
Leute, welche behaupteten, dass Beide sehr gut wussten, dass sie sich
gegenseitig als Folie dienten.
Herta war blendend weiss, üppig, blond, und Selma hatte jenen warmen
Teint, der an den Orient mahnte, die schlanken Glieder der Braut des
hohen Liedes und schwarze Haare, die in das Blaue schimmerten.
Ihre Männer, der Weinhändler Wolf und der Kaufmann Bär waren
gleichfalls Freunde.
Da kam ein jugendlicher Dichter auf den unglücklichen Gedanken, Selma
in einem kleinen Journal zu besingen und fortan war die Rivalität unter
den beiden Frauen geweckt. Sie kämpften um die Palme auf Kosten ihrer
Männer, sie überboten sich in Bezug auf Toiletten und Schmuck, in Bezug
auf die Einrichtung ihrer Wohnungen, jede wollte die andere durch die
Kunst der Küche in Schatten stellen und jede pries die Intelligenz, die
Talente, die Schönheit ihrer Kinder auf Kosten jener der Anderen.
So entstand aus Neigung Widerwillen, und endlich sogar Hass.
Herta, welche gleich jeder jüdischen Frau für Litteratur und Kunst
schwärmte, wurde zu unrechter Zeit von einer etwas übertriebenen
Begeisterung für einen Schauspieler erfasst, den sie als Faust, Egmont,
Karl Moor, Marquis Posa und Tempelherr in Lessing's Nathan bewundert
hatte, und eines Abends, als er den Romeo spielte, warf sie ihm einen
Kranz auf die Bühne.
Selma machte sich über sie lustig und gab ihr den Spitznamen Julia,
den die bösen Zungen von Basel bereitwillig annahmen und verbreiteten.
Herta vergoss zahllose Thränen und Bär brach alle Beziehungen mit Wolf
ab.
Einige Zeit wich man sich gegenseitig aus, dann begann die scheinbare
Gleichgültigkeit in Feindseligkeit auszuarten.
Bär erzählte in seinen Kreisen, dass Wolf seinen Wein verfälsche, dass
er seinen Kunden ein langsam aber sicher wirkendes Gift gebe, und
Wolf blieb die Antwort nicht schuldig. Er verbreitete seinerseits,
dass Bär geknetetes Brod als Kaffee verkaufe und Nussbaumblätter als
chinesischen Thee, dass er gestossene Ziegel unter den Zimmt mische und
Kreide unter das Mehl.
Man glaubte Beiden, und Beide litten unter der gehässigen Verläumdung,
welche immer weiter um sich griff, und die Reihen ihrer Kunden mehr und
mehr lichtete.
* * * * *
In diesem gegenseitigen Hasse war fast ein Jahr vergangen und wieder
nahte Rosch haschonnah, das jüdische Neujahr.
An einem trüben Herbsttage fanden sich die jüdischen Männer bei
Tagesanbruch im Tempel zusammen und beteten hier bis zehn Uhr morgens.
Jetzt erschien der Rabbiner Goldschmidt, öffnete die Lade, nahm die
Thora heraus, bestieg die Estrade, rollte das geheiligte Pergament auf,
und der Sänger begann in hebräischer Sprache die Geschichte Abrahams
und das Opfer Isaak's vorzutragen.
In einer bilderreichen Predigt erinnerte der Rabbiner daran, dass an
diesem Tage das erwählte Volk einen Bund mit Gott geschlossen habe und
rief dann den frommen Nathan auf, mit dem Sophar, dem Widderhorn zu
blasen.
Nathan bestieg langsam die Estrade. Nachdem er und der Rabbiner ihr
Haupt mit dem Thaleth verhüllt hatten und das Gebet gesprochen war,
senkten alle den Blick zur Erde, denn Niemand darf es sehen, wenn das
heilige Horn geblasen wird.
Mit einer wahrhaft erhabenen Bewegung setzte Nathan dasselbe an den
Mund und jedesmal, auf die rituelle Aufforderung des Rabbiners liess er
dasselbe laut ertönen.
Nachdem der letzte schauerliche Ton, an die Posaune des jüngsten
Gerichts mahnend, verklungen war, wurde die Thora in die Lade
zurückgebracht, und der Sänger erhob von Neuem seine Stimme, die
Versammlung warf sich zur Erde nieder, die Barmherzigkeit Gottes zu
erflehen.
Die Kaduscha schloss die erhebende Feier, das dreimalige Hosannah!
Als Bär aus der Synagoge trat, erwartete ihn der Schames und bat ihn,
zu dem Rabbiner zu kommen.
Dieser empfing ihn wohlwollend, fragte nach dem Befinden seiner Frau
und seiner Kinder und sagte endlich: »Sie wissen, mein lieber Bär, dass
wir in zehn Tagen den Versöhnungstag feiern.«
Bär nickte.
»Haben Sie bereits daran gedacht, diese kindische Feindschaft mit Wolf
zu beenden?«
»Ich kann nicht den ersten Schritt thun«, sagte Bär, »Selma Wolf hat
meine Frau beleidigt.«
»Und Sie haben zuerst Wolf verleumdet.«
Bär schwieg und betrachtete verlegen seine glänzenden Stiefel.
»Sie wissen«, fuhr der Rabbiner fort, »dass Gott am Jom Kipur nur
jene Sünden vergibt, welche wir gegen ihn, nicht aber jene, die wir
gegeneinander begangen haben. Sie müssen am Col Nidre zu Wolf gehen und
ihn um Vergebung bitten, und Selma Wolf wird zu Ihrer Frau kommen.«
* * * * *
Die neun Tage der Einkehr und Busse, die dem Jom Kipur vorangehen,
hatten Bär mürbe gemacht.
Als die Männer um zwei Uhr im Tempel erschienen, um das Gebet
zu sprechen, war er bereits entschlossen, zu seinem Feinde zu
gehen. Vorher that er noch reumüthig Busse. Vor dem Tempeldiener
niedergekauert, empfing er die traditionellen neununddreissig Streiche
mit der Geissel auf den Rücken und kehrte dann still und ernst nach
Hause zurück.
Nach dem Abendessen segnete er die Seinen, zog sich an und ging
wieder zur Synagoge. Es war schon dunkel in den Strassen und überall
sah man durch den Herbstnebel gespensterhafte Gestalten schreiten,
ernste Männer mit gesenktem Haupt, mit dem weissen, silbergeränderten
Sterbegewand und der weissen Kappe angethan. Wenn zwei sich
begegneten, baten sie sich gegenseitig um Vergebung.
Die Schritte Bär's wurden langsamer, dort an der Ecke glänzte das
Weinfass Noah's, dort war das Haus seines Feindes.
Noch einmal hielt Bär inne, dann aber beschleunigte er seine Schritte
umsomehr und trat in das Haus.
Wolf kam eben die Treppe hinab.
»Ich bin gekommen!! ...« begann Bär, er konnte nicht weiter, Thränen
erstickten seine Stimme.
»Ich bitte Dich um Vergebung«, rief Wolf, »ich bin der Schuldige --
meine Frau ...«