Der Doktor dagegen sah dem Kranken, der über Halsweh klagte, in den
Hals, klopfte und horchte demjenigen, der sich über Schmerzen in der
Brust beklagte, die Brust ab, fühlte den Puls, verschrieb eine Arznei
und ordnete eine entsprechende Diät an.
Das war schon ganz anders und nun gar die Elektrisirmaschine, die
er manchmal anwendete, die verschiedenen Instrumente, deren er
sich bediente. Alle diese Geheimnisse seiner Kunst wirkten auf die
abergläubische Bevölkerung noch kräftiger als die Kabbalisten-Formeln
des alten Mebus.
* * * * *
So sah sich denn dieser eines Tages vollständig entthront und dachte
bereits daran, die Gegend zu verlassen, als ihm, wie er glaubte, Gott
Hülfe sendete und ihm plötzlich bei seinem Hausherrn, dem Fleischer,
eine wahre Wunderkur gelang.
Der junge Doktor wollte der Sache auf den Grund kommen und begab sich
ohne weiteres zu Mebus, der ihn mit einem grimmigen Blick empfing,
während die reizende Perle, die Hand auf den alten Lehnstuhl ihres
Vaters gestützt, die Augen zu Boden gesenkt, ein Bild der Unschuld und
Anmuth, dastand.
»Erklären Sie mir, Herr Mebus Kohn,« begann Pfeffermann, »wie
Sie diesen Zimmermann behandelt haben. Da Sie doch nicht Medizin
studirt haben, so setzt mich Ihr Erfolg in Erstaunen, und da ich
jede Erscheinung zu verstehen suche, bitte ich, mir Ihre Methode zu
erläutern.«
»Glauben Sie denn,« erwiderte Mebus, »dass man Leichen zerschneiden
muss, um den menschlichen Körper kennen zu lernen? Ich kenne ihn besser
als Sie und habe niemals sezirt. Und dann -- wer sagt Ihnen, dass man
jede Krankheit heilen soll? Wenn Gott eine Krankheit sendet, darf man
zu ihm beten, um den Tod abzuwenden, nicht aber gegen den Willen des
Schöpfers Krieg führen.«
»Ich bitte, Herr Kohn, ich möchte Ihre Methode kennen lernen,« sagte
der Doktor ruhig, »das hat mich zu Ihnen geführt.«
»Meine Methode?« murmelte Mebus und zog die Augenbrauen zusammen, »Sie
werden sie doch niemals verstehen, Sie haben nicht den Geist dazu,
Ihnen fehlt die wahre Gottesfurcht. Um einen Kranken zu heilen, darf
man sein Leiden nicht von der körperlichen Seite betrachten, man muss
seinen geistigen Zustand kennen. Der Traktat Makoth sagt uns, dass es
im Menschen 248 Glieder und 365 Adern gibt. Dagegen findet man in der
Thora 248 Gebote und 365 Verbote. Begeht der Mensch eine Sünde, sei
es, indem er ein Gebot nicht befolgt oder ein Verbot überschreitet, so
erkrankt das Glied oder die Ader, die mit diesem Gebot oder Verbot in
Zusammenhang steht.«
Pfeffermann sah den Alten erstaunt an, er meinte, wie Faust in der
Hexenküche, einen Chor von hunderttausend Narren sprechen zu hören.
»Je mehr der Mensch sündigt,« fuhr der Talmudist fort, »umsomehr wird
sein Körper zerstört, und wenn er nicht endlich Busse thut, kann ihn
kein Arzt retten. Eine genügende Busse ist allein im Stande, den Tod
abzuwenden, denn Gott hat uns durch den Mund des Propheten Ezehiel
gesagt: Ich begehre nicht den Tod des Sünders, sondern dass er Busse
thue.«
»Und Sie haben auch Zimmermann in der Weise geheilt?« fragte der Arzt
immer verwunderter.
Mebus nickte. »Er hat mir seine Sünden gebeichtet«, sprach er, »und
Busse gelobt. Ich betete zu Gott und verbürgte mich für die Busse des
Zimmermann, und Sie sehen, er wurde gesund.«
* * * * *
Aber dem Tage des Triumphes folgte ein Tag der Niederlage für den armen
Mebus Kohn.
Seine geliebte Perle erkrankte und diesmal half weder das Gelöbniss
der Busse, noch das Gebet, noch der Talmud. Das liebliche Kind welkte
dahin, und Mebus war der Verzweiflung nahe, als er sich endlich
entschloss, den Arzt zu berufen.
Er kam vollständig gebrochen zu Pfeffermann, wie ein besiegter König
des Orients, der seinem Gegner den Nacken darbietet, damit er den Fuss
auf ihn setzen kann.
Doch Pfeffermann zeigte sich edel. Er verrieth mit keiner Miene die
Genugthuung, die er empfand, er begab sich, ohne viele Worte zu
verlieren, zu der Kranken, untersuchte sie gewissenhaft, verordnete was
nöthig war und sendete dann seine Schwester, welche mit allem Eifer und
aller Liebe die Pflege übernahm.
[Illustration]
Der junge Arzt kam täglich zweimal und manchmal brachte er sogar die
Nacht bei der Kranken zu. Wenn er dann an dem bescheidenen Bett sass,
in dem das Mädchen, die Wangen von der Fiebergluth geröthet, fast
theilnahmslos lag, wenn er mit einer Unruhe, die ihm sonst fremd war,
die Körperwärme mit dem Thermometer mass, wenn er bei jedem Symptom,
das ihm ungünstig schien, fühlte, wie sich sein Herz zusammenzog, da
sagte er sich wohl, dass er hier, auch um seinetwillen um ein Leben
ringe, das ihm lieb, das ihm theuer war, und dann, als der schwere Sieg
errungen war, als allmählig das Bewusstsein, die Kräfte wiederkehrten,
welche innige, namenlose Freude empfand er, wenn er eintrat, wenn die
schwarzen Augen Perle's ihn schon von Weitem grüssten.
Schon konnte das liebliche Mädchen die Stube verlassen und im Gärtchen
in der sonnigen Laube sitzen, und der Doktor kam noch immer.
»Ich kann mir nicht vorstellen«, sagte Perle eines Tages mit einem
holden Lächeln, »dass Sie nicht mehr kommen sollten. Ich möchte --«,
sie hielt inne und blickte zu Boden.
»Was möchten Sie, einzige Perle?«
»Ich möchte immer krank sein, damit Sie immer kommen.«
Der junge Arzt nahm sie bei den Händen und sah sie treuherzig an.
»Nein, Perle, krank dürfen Sie mir nicht mehr werden, ich habe zu viel
Angst um Sie ausgestanden, aber wenn Sie mich ein wenig lieb haben, ich
bete Sie an, ich kenne nur noch ein Glück auf Erden, Sie als Hausfrau
in mein Heim einzuführen.«
»Wäre das möglich!« Perle presste die Hand an das Herz und begann am
ganzen Leibe zu beben.
»Wollen Sie, Perle?«
»Und ob ich will!«
»Aber Ihr Vater?«
»Er wird sich schon bekehren lassen.«
* * * * *
Eines Tages hatte der Förster einen Hund erschossen, der herrenlos im
Walde herumlief und das Wild aufstörte. Pfeffermann bemächtigte sich
des Kadavers und liess ihn zu Mebus schaffen.
Als der Talmudist, ein Bündel Kräuter in der Hand, aus dem Walde
heimkehrte, fand er den jungen Arzt mit Perle in der Laube. Pfeffermann
sezirte den todten Hund und erklärte dem mit einer Art Andacht
lauschenden Mädchen den Bau des thierischen Organismus.
Mebus that erst, als bemerke er es nicht, dann sah er von Weitem hin,
allmählig näherte er sich auf den Fussspitzen und schliesslich stand er
sprachlos vor dem offenen Körper, und es war ihm, als habe der junge
Arzt eine geheimnissvolle Pforte vor ihm aufgethan, durch die er in die
Werkstatt Gottes blicken konnte.
»Welches Wunder!« rief er plötzlich, die Hände zum Himmel erhebend.
»Das Wort des Propheten Joel ist wahr geworden: Einst werde ich meinen
Geist über alles Fleisch ergiessen und Eure Söhne und Töchter werden
weissagen. -- Meine Hand, Herr Pfeffermann, ich werde mir auch nicht
mehr anmassen, einen Menschen heilen zu wollen.«
»Doch, Herr Kohn«, sagte der Arzt, »aber wir wollen theilen, ich nehme
die Leiber auf mich und Sie die Seelen. Sie sehen, ich gebe Ihnen den
besseren Theil, denn es gibt auch kranke Seelen, und für diese sind
Schrift und Talmud eine oft erprobte Medizin.«
»Sie haben recht. Wir wollen Freunde sein und bleiben, Herr
Pfeffermann.«
»Das ist mir zu wenig, Herr Mebus Kohn«, rief der junge Arzt.
»Ja, was wollen Sie denn noch?«
»Ihre Tochter, Herr Kohn.«
»Perle?«
Das liebe Mädchen sah ihn verschämt an und nickte mit dem Kopfe.
»Ihr liebt Euch?«
»Ja, mein Vater.«
»Und der Herr Doktor ist nicht zu stolz, die Tochter des armen Kohn zum
Weibe zu nehmen?«
»Herr Kohn, Sie beschämen mich.«
»Nein, nein, ich bin stolz auf solch einen Schwiegersohn,« rief Mebus,
»sagt doch schon Salomon: Wenn mein Sohn weise ist, so freut sich mein
Herz.«
[Illustration]
[Illustration]
Die Iliade von Pultoff.
-- RUSSLAND. --
Der Zadik. -- Theologischer Streit. -- Hairem. -- Ein Wunder.
Bendavid Kaftan und Mordahil Grünspan waren Nachbarn. Beide waren
Kaufleute und verkehrten in Freundschaft zusammen, ebenso wie ihre
Frauen, Vögele und Veigele.
Da aber nichts in der Welt Bestand hat, so kam eines Tages ein
Ereigniss, das sie veruneinigte und verfeindete.
Bendavid und Mordahil reisten zusammen zu der grossen Messe nach
Novgorod. Bendavid dachte im Sinne des Talmud: »Wer sein Weib liebt wie
sich selbst, und sie noch mehr ehrt als sich selbst, dessen Zelt ist
der Friede.«
Beim Abschied gab er Vögele eine grosse Summe Geldes und bat sie, sich
während seiner Abwesenheit nichts abgehen zu lassen, ja sich alles
zu gestatten, wonach ihr Herz begehren würde. Mordahil folgte seinem
Beispiel und gab Veigele eine gleiche Summe.
Als nun die beiden Männer von Novgorod heimkehrten, da empfing Veigele
ihren Gatten mit einem grossen Sack voll Geldes in der Hand. Sie hatte
gespart und glaubte Mordahil eine grosse Freude zu bereiten, aber
dieser sah ihre bleichen Wangen, er sah, dass sie mager geworden war,
dass sie schlecht und unsauber angezogen war und verbarg mit Mühe
seinen Aerger.
Dagegen hatte Vögele keinen Rubel erspart, aber sie stand auf der
Schwelle ihres Hauses, schön wie ein Leben, ein Häubchen mit rothen
Bändern auf dem schwarzen Haar, Hals und Arme mit Juwelen bedeckt,
die mit ihren schönen Augen um die Wette funkelten, den üppigen Leib
in eine prächtige Pelzjacke geschmiegt. Und schöner als alles war ihr
Lächeln.
Ihr Mann war glücklich, sie so zu sehen, er zog sie an sein Herz und
fragte wenig darnach, ob sie etwas gespart habe oder nicht. Wusste er
doch, dass sie sich für ihn gepflegt, für ihn geschmückt hatte. »Endlos
ist die Bosheit des bösen, endlos die Güte des guten Weibes«, rief er,
den Midrasch zitirend, während Mordahil seine Frau kaum eines Blickes
würdigte.
Veigele setzte sich in einen Winkel und weinte, während Vögele
die Hände auf die Schultern ihres Mannes legte und ihn schalkhaft
anlächelte.
»Was hast Du?« fragte Bendavid.
»Weisst Du, welchen Rath der Talmud der Frau ertheilt?« sagte sie.
»Nun?«
»Er lässt die Mutter zu ihr sprechen: Meine Tochter, stehe vor dem
Gatten wie vor einem Könige und diene ihm, indem Du ihm dienst, machst
Du ihn zu Deinem Sklaven und wirst seine Herrin.«
»Und Du meinst, dass ich schon ganz und gar Dein Sklave bin?« rief
Bendavid lachend.
Vögele nickte und schloss ihm den Mund mit ihren duftigen Lippen.
Sie verstand es aber nicht nur, ihren schönen Leib für ihren Gatten
zu schmücken, sondern auch ihren Geist. Sie las viel und da Bendavid
wenig Zeit hatte, sich mit Büchern zu beschäftigen, so erzählte sie
ihm, wenn sie abends bei dem warmen Ofen sassen, oder im Sommer auf der
Bank vor dem Hause, alles, was sie Schönes oder Merkwürdiges in ihren
Büchern gefunden hatte, sie erzählte ihm Romane, wie man einem Kinde
Märchen erzählt, und sie belehrte ihn zugleich über die Wunder des
Sternenhimmels, über Thiere, Pflanzen und Steine, über die Entstehung
des Erdballs, über fremde Länder und Völker und ihre Schicksale im Buch
der Geschichte.
So kam es, dass Bendavid nach und nach eine Art Freigeist wurde,
während Mordahil die Befriedigung, die er daheim nicht fand, ausser dem
Hause suchend, in die Hände der Chassidim gerieth und ein Zelot wurde.
* * * * *
Die ganze Stadt stand unter der Herrschaft, ja unter der Tyrannei des
Zadik, des Frommen und Gerechten, den die Chassidim als ihr Oberhaupt
abgöttisch verehrten. Der Rabbiner Mayer Gorwitz, ein gelehrter Mann
von tadellosem Charakter, war diesem Papst der jüdischen Ketzer
gegenüber machtlos und war zufrieden, dass er noch eine kleine Gemeinde
verständiger Menschen um sich versammelt sah, die den wahren Glauben
festhielten und vertheidigten.
Veigele, welche mehr und mehr von einem hässlichen Neid, einer
verzehrenden Eifersucht gegen Vögele erfasst wurde, hetzte ihren Mann
gegen sie, und Mordahil wieder hetzte den Zadik auf.
Eines Abends, als der Mächtige in seinem Empfangszimmer auf dem Divan
sass, von seinen Getreuen und Scholaren umgeben, die bewundernd an
seinen Lippen hingen, bemerkte Mordahil, dass dem Zadik die lange,
türkische Pfeife ausgegangen war. Er stopfte sie, reichte sie ihm,
zündete sie an und flüsterte ihm zugleich in das Ohr: »Vögele Kaftan
lässt sich das Haar wachsen, Rabbi, nun wird sie wohl Dein Blitzstrahl
treffen!«
Der Zadik, Lewi Jaffa Löwenstamm, verzog keine Miene. Er war in
seinem Kaftan von dunkelrothem Atlas, der mit Zobelpelz besetzt und
gefüttert war, das rothe, seidene Käppchen auf dem schwarzen Haar, auf
den weichen Kissen ruhend, vollkommen das Bild des heiligen Mannes,
welcher nach Ansicht der Chassidim der Ruhesitz der Schechinach, der
personifizirten Gottheit ist. Aber er glich auch einem Sultan, von
Sklaven umgeben und bedient.
Mit kaum fünfzig Jahren übte er eine Macht aus, welche andere erst im
hohen Alter erreicht hatten, und man begriff diese Macht, sobald man
seine gedrungene, kräftige Gestalt sah, sein ausdrucksvolles, schönes
Gesicht und seinen gebietenden Blick, der Jeden erzittern machte, auf
den er sich zürnend oder strafend richtete.
»Sie liest auch profane Bücher,« fuhr Mordahil fort.
»Für den Sünder gibt es nur ein einziges Mittel, sich mit Gott
auszusöhnen«, sprach der Lieblingsschüler des Zadik, Ruben Nesselblatt,
»dieses Mittel ist zu Folge dem Sophar Hamidoth (ein Werk des Bescht,
des Stifters der Sekte der Chassidim), wenn er sich stets befleissigt,
das Einkommen des Zadik zu vermehren.«
Der Zadik nickte zustimmend.
Schames Mäckler, der Dorfgeher, ging aber noch denselben Abend zu
Bendavid und rieth diesem, Gott und den Zadik durch ein Geschenk zu
versöhnen.
* * * * *
Als das Geschenk auf sich warten liess, kam wieder Schames Mäckler zu
Vögele und drohte ihr und ihrem Manne mit dem grossen Bann.
Vögele begab sich sofort zum Rabbiner.
»Kehren Sie sich nicht an diese Drohungen«, sagte dieser, »ich werde
Sie beschützen, falls es nöthig sein sollte.«
Die schöne Frau kehrte beruhigt nach Hause zurück, und da der Zadik
ihr den Krieg erklärt hatte, beschloss sie ihrerseits die Offensive zu
ergreifen.
Es ergab sich sofort eine köstliche Gelegenheit.
Der strenge Winter hatte die Wölfe bis in die Nähe der Stadt getrieben.
Als Schames Mäckler eines Tages über Land gehen sollte, hatte er Angst
und bat den Zadik um seinen Beistand.
»Du hast doch einen Stock«, sprach Lewi Jaffa, »wenn Gott will, kann
auch der Stock losgehen, und wenn er nicht will, wird Dir auch die
Pistole versagen.«
Mäckler trat beruhigt seine Wanderung an und als er im Walde einen
grossen Wolf auf sich zukommen sah, zielte er mit dem Stocke nach ihm.
Da fiel ein Schuss und das Raubthier sank in den Schnee.
Erschreckt gab Mäckler Fersengeld, als er sich aber wieder gefasst
hatte, rief er: »So lange habe ich diesen Stock und wusste nicht, dass
er geladen ist.«
Die Schüler des Zadik aber priesen dessen Macht und seinen Einfluss
im himmlischen Reiche. Mitten in dem allgemeinen Jubel aber erschien
Vögele und verlangte Lewi Jaffa zu sprechen. Die Thürhüter wollten
sie nicht einlassen, aber Ruben rief: »Das blose Ansehen des Zadik
verscheucht die Laster (Sophar Hamidoth § 14), sie soll eintreten.«
Vögele überschritt also die Schwelle, vor der die Dämonen
zurückschrecken und stand jetzt in ihrem weissen, goldgestickten
Scharafan und ihrer Pelzjacke vor dem Zadik.
»Was willst Du?« fragte dieser, das schöne Weib mit Wohlgefallen
musternd.
»Dir erklären, dass Du entweder ein Narr oder ein Betrüger bist«, rief
Vögele.
Ein wilder Tumult entstand unter den Chassidim, welche Miene machten,
die Ketzerin zu zerreissen. Doch Vögele kannte keine Furcht.
»Du behauptest, dass Schames Mäckler von Dir unterstützt einen Wolf mit
seinem Stocke erschossen hat. Das ist eine Lüge.«
»Sie ist vom Teufel besessen«, sagte der Zadik.
In diesem Augenblick trat der Förster ein, welcher an der Thür gewartet
hatte.
»Ich habe den Wolf erschossen«, sprach er.
Doch nichts vermag den Geist eines Zadik zu verwirren.
»Ich weiss es«, sprach Lewi Jaffa, »aber ich habe Dich gesendet.«
Der Förster zuckte die Achseln.
»Du machst die Worte des Rabbi Bechai wahr«, fuhr der Zadik zu Vögele
gewendet fort, »dass mit dem Weibe der Satan zur Welt gekommen ist.«
»Beweise es mir.«
»Es ist bewiesen«, gab Lewi Jaffa zur Antwort. »Bis zur Schöpfung
des Weibes kommt in der Schrift der Buchstabe Sameih -- der
Anfangsbuchstabe des Wortes Satan -- nicht vor, aber sofort nach der
Schöpfung des Weibes heisst es: Er schloss das Fleisch, und da kommt
der Buchstabe Sameih das erste Mal vor.«
»Dein Rabbi Bechai ist ein Tropf«, rief Vögele, »und Jene, die den
Zadik die Krone des Weltalls nennen, sind gleichfalls Tröpfe. Die Krone
der Schöpfung ist das Weib.«
»Beweise es mir.«
»An jedem Tage hat Gott etwas Besseres, Vollkommeneres geschaffen«,
sprach Vögele, »und am letzten Tage den Menschen als den Herrn der
Erde. Ist das wahr?«
»Ja.«
»Also. Und da er zuletzt nach dem Manne das Weib erschaffen hat, so ist
das Weib sein vollkommenstes Geschöpf, sie ist die Herrin des Mannes.«
»Ich sehe, Du bist klüger als ich dachte«, erwiderte der Zadik, »und so
will ich mir die Mühe nicht verdriessen lassen, Dich zu bekehren.«
»Sieh' zu, dass ich Dich nicht bekehre«, rief Vögele, indem sie den
weissen Arm auf die mit Sammt und Pelz bedeckte üppige Hüfte stemmte,
»wo hat jemals ein Mann eine Frau bekehrt? Der Talmud erzählt uns,
dass sich eines Tages ein edles Ehepaar aus unbekannten Gründen
getrennt und Jedes wieder sich verheirathet hat, wobei Mann und Frau
leider eine gleich unglückliche Wahl trafen. Was geschah nun? Die
edle Frau verwandelte ihren zweiten schlechten Mann in kurzer Zeit in
einen vorzüglichen Menschen, während der edle Mann durch seine zweite
lasterhafte Frau ebenso rasch zum Bösewicht wurde. Du siehst also, dass
das Weib aus dem Manne macht, was es nur will, und wenn ich nur wollte,
würde ich aus Dir, die Krone des Weltalls, meinen Diener, meinen
Knecht, meinen Sklaven machen.«
Mit diesen Worten verliess Vögele stolz das Haus des Zadik und liess
die Chassidim sprachlos und versteinert zurück. Ruben sah das Unheil,
welches sie angerichtet hatte, und um der Verwirrung der Geister ein
Ende zu machen, stimmte er das mystische Lied Rabbi Luria's an:
Die Kinder des Palastes, welche sich scheuen,
Den Sair Anphin (Mikrokosmus) anzusehen,
Mögen hier erscheinen, wo der König in seinem Bilde gegenwärtig ist.
* * * * *
Nicht lange nach dem ersten Triumph Vögele's bereitete ihr der Zufall
einen zweiten, noch glorreicheren.
In einer stürmischen Frühlingsnacht brach in dem Judenviertel Feuer aus
und griff rasch um sich, da die Gemeinde keinerlei Löschanstalten, ja
nicht einmal eine Spritze besass.
Man hatte allerdings eine Feuerwehr errichtet, aber diese erschien dem
Zadik als ein Eingriff in die göttliche Macht und seine Rechte und
wurde auf seinen Befehl wieder aufgelöst.
Als nun die Flammen das ganze Judenviertel zu verschlingen drohten,
trat Vögele unter die Verzweifelten, welche den Marktplatz füllten
und rief: »Seht Ihr jetzt, wie weit die Macht des Zadik reicht und
was sein Einfluss bei Gott werth ist? Der Zadik hat Euch gesagt, dass
Eure Löschanstalten Gott herausfordern. Er hat die Stadt gesegnet und
hat erklärt, dass er einen Vertrag mit Gott abgeschlossen habe, dem
zu Folge jährlich nur ein Dach vom Feuer verzehrt werden dürfte. Und
jetzt sind es schon elf Häuser, welche brennen und wenn uns nicht die
Christen retten, wird unser ganzer Stadttheil in dieser Nacht ein Raub
der Flammen.«
»Sie hat recht,« rief Tait Feintuch und Wohl Krakow und viele Andere
stimmten bei.
Zum Glück erschien jetzt die christliche Feuerwehr und rettete, was
noch zu retten war.
Das Ansehen Lewi Jaffa's hatte aber einen neuen Stoss bekommen, und
der Zadik sah sich das Scepter der Allmacht mehr und mehr durch die
schwache Hand eines Weibes entwunden.
Am dritten Morgen nach dem Brande fand Vögele vor ihrer Thür das Wort
»Hairem« geschrieben. Es war der grosse Bann des Zadik. Sie nahm ruhig
einen Küchenlappen, wischte das schreckliche Wort aus und ging ihren
Geschäften nach, als wenn nichts geschehen wäre.
[Illustration]
Es war ein schöner sonniger Tag. Die Bäume blühten, die Felder grünten
und die Vögel sangen in den Hainen.
Der Zadik ging hinaus mit seinen Schülern, um ihnen, wie er es liebte,
unter freiem Himmel einen Vortrag zu halten.
Kaum sass er unter einer Linde, die ihren Duft in die milde Maienluft
strömte, kaum hatten sich seine Schüler um ihn gelagert, da kam eine
Frau durch die Felder geschritten.
Es war Vögele.
Als sie vor dem Zadik stehen blieb, in ihrer blausammtenen mit
silbergrauem Pelzwerk ausgeschlagenen Jacke, das schwarze Haar mit
einem gelbseidenen Tuche umwunden, schien sie eine prächtige Blume
mehr, die der Lenz der Erde entlockt hatte.
»Wer hat das Hairem an meine Thür geschrieben?« fragte sie
herausfordernd.
»Ich habe es angeordnet«, gab der Zadik zur Antwort.
»Welche Macht massest Du Dir an?« rief Vögele, »bist Du ein Rabbi? Und
nicht einmal ein Rabbiner kann den Bann aussprechen, nur der Beschdin
hat das Recht dazu.«
»Ich frage wenig nach dem Beschdin«, sagte Lewi Jaffa.
»Der Zadik ist die Krone, die Zierde und das Licht des Weltalls«, rief
sein treuer Schüler Ruben.
»Wenn Du dies wirklich bist«, fuhr Vögele fort, »so zeige jetzt Deine
Macht, zermalme mich, lass ein Wunder geschehen.«
Allmählig hatte sich eine neugierig lauschende Menge um Vögele und den
Zadik versammelt. »Ja, gib uns ein Wunder!« riefen mehrere Stimmen.
»Dieses Weib verstumme auf der Stelle!« rief Lewi Jaffa in dem Ton
eines strafenden Richters.
Doch Vögele verstummte nicht. »Ich habe es Dir schon einmal gesagt«,
rief sie, »Du bist ein Narr oder ein Betrüger.«
»Die Erde soll sich aufthun und Dich verschlingen!« rief der Zadik
immer aufgebrachter.
Aber die Erde verschlang Vögele nicht und jetzt wirkte diese ein Wunder.
»Du bist gerichtet«, sprach sie lachend, »Gott hat Dich vor mir
niedergeworfen, komm hierher zu mir, damit ich den Fuss auf Deinen
Nacken setzen kann, denn Du bist vom Saamen der Schlange.«
Wüthend sprang der Zadik auf und schritt auf sie zu, um ihr seinen
Fluch in das Gesicht zu schleudern, aber sein böser Engel wollte, dass
er über einen Feldstein stolperte und der Länge nach zu den Füssen der
schönen Frau hinstürzte.
Mit einem lauten, grausamen Lachen setzte Vögele rasch den kleinen Fuss
auf den Nacken des besiegten Feindes und stand jetzt über ihm, schön
und triumphirend, wie ein Racheengel.
»Gott ist mit ihr!« rief die Menge.
Einige Fanatiker sanken vor Vögele auf die Kniee, andere rissen grüne
Reiser ab und schwangen sie um ihr Haupt, gleich Palmenzweigen.
Als sie endlich den Fuss zurückzog, erhob sich Lewi Jaffa, bleich und
vernichtet und wankte der Stadt zu, ein geschlagener Feldherr ohne
Armee.
[Illustration]
[Illustration]
Die Geschichte von der römischen Matrone.
-- SCHWEDEN. --
Hanuka.
Während der Wind im Kamin sang und die Schneeflocken an die Scheiben
pochten, sass in einem eleganten Boudoir eine junge, hübsche Frau, den
Kopf mit den bleichen Wangen und den grossen dunklen Augen auf beide
Hände gestützt und schien in die weite Ferne zu blicken.
Und es lag auch im Nebel hinter ihr, was sie sah, gleich einem Traum,
gleich einem Märchen.
Karola hatte geliebt, als sie fast noch ein Kind war. Ein junger Arzt
kam in das Haus ihres Vaters, des Bankiers Rubenborg. Siegfried
Förenskjöld war in der reichen, jüdischen Gesellschaft von Stockholm
gut aufgenommen, obwohl er kein Vermögen besass, weil Jeder in ihm den
ehrlichen Mann, den begabten Gelehrten schätzte.
Rubenborg selbst pflegte zu sagen: »Siegfried wird seinen Weg machen«,
als er aber eines Tages entdeckte, dass Karola dem jungen Arzt ihr
Herz geschenkt hatte, beeilte er sich doch, sie mit dem Schiffsherrn
Skandorff zu verheirathen.