geworden, nachdem sie ihm das erste Kind, einen Knaben, geboren hatte.
Ihre schlanke Gestalt blühte immer üppiger auf und sogar die garstigen
Flecken schienen verschwunden.
Aber die Sorgen, an die sie ihre Kindheit, ihre Jugend durch gewöhnt
war, nisteten sich mehr und mehr bei ihr ein und quälten sie bald noch
grausamer und schrecklicher als vordem im Trödelladen ihrer Eltern. Das
arme Kätzchen, das einige Tage selig, ein paar Monate glücklich und ein
Jahr zufrieden war, hatte wieder keine ruhige Stunde. Eine Art Fieber
trieb sie aus einem Raum des Hauses in den anderen, aus dem Hause in
die Fabrik, in die Stadt und wieder zurück und quälte sie in Traum und
Wachen. Sie erwachte nachts und dachte: »Wenn jetzt Feuer entstände?«
Rasch zog sie ihre seidenen Strümpfe, ihre türkischen Pantoffel an,
schlüpfte in den Schlafpelz von gelber, goldgestickter Seide, der mit
blendendem Hermelin gefüttert und ausgeschlagen war, hüllte ihren
zierlichen Kopf in einen rothen persischen Schleier und schlich dann
durch die Zimmer, um zu sehen, ob man nicht eine Lampe, eine Kerze
auszulöschen vergessen habe, bis in die Küche, wo sie Wasser in die
Gluth goss.
[Illustration]
Im Theater, während man eine lustige Operette gab, wurde sie von dem
Gedanken erfasst: »Wenn mein Mann plötzlich arm würde!« und verliess
rasch ihre Loge, um Modruch in seinem Comptoir aufzusuchen und aus
seinen Büchern Beruhigung zu schöpfen.
Sie stand mitten in einem Diner, das sie den Freunden ihres Gatten gab,
auf und stürzte an die Wiege ihres Kindes, um sich zu überzeugen, dass
es nicht gestorben sei.
Modruch begann endlich auch unter dieser Seelenfolter seiner Frau zu
leiden. Vergebens stellte er ihr vor, dass dies Einbildungen seien,
dass sie sich selbst quäle, dass sie sich und ihrer ganzen Umgebung
das Leben schwer mache durch einen krankhaften Wahn, sie antwortete
jedesmal nur mit einem traurigen Lächeln. Als er ihr aber einmal ihr
Kind brachte und vorwurfsvoll sprach: »Auch dies macht Dich nicht
glücklich?« da murmelte sie: »Sei mir nicht böse, es ist ja alles gut,
aber das Glück ist zu spät gekommen.«
* * * * *
An einem milden Herbstmorgen ging Kätzchen allein durch die entlaubten
Baumgänge ihres Gartens. Die Sonne schien, aber sie zog trotzdem
ihre Pelzjacke auf der Brust zusammen und verbarg die kleinen Hände
in den weiten Aermeln. Sie fröstelte, und sie fühlte sich namenlos
unglücklich, das Weinen war ihr nahe.
Da kam ein grosser Mann durch den Garten gelaufen, Assur Menderson,
den sie alle den Riesen nannten. Er war aus Galizien gekommen, und
Paschallas zog ihn allen seinen Arbeitern vor, denn Assur war Soldat
gewesen, hatte sich bei Jagel die Tapferkeitsmedaille verdient, und
war ebenso pflichttreu als intelligent.
»Gnädige Frau«, rief er schon von weitem, »wo ist der Herr? er ist
nicht in der Fabrik.«
Kätzchen war zu Tode erschrocken, sie fühlte, dass Assur eine
Hiobsnachricht brachte. »Was ist geschehen?« rief sie, bleich bis in
die Lippen.
»Es geht los«, sagte Assur ernst, »diese Schurken, die seit langer Zeit
gegen uns Juden hetzen, haben es endlich erreicht. Der Pöbel ist in
Bewegung. Verschiedene Läden sind schon in der Stadt geplündert worden.
Die Polizei sieht zu, ohne einzuschreiten. Sie werden auch zu uns
kommen. Es heisst bei Zeiten Massregeln zu treffen.«
In diesem Augenblick kam Modruch, er brachte eine zweite schlimme
Nachricht. Die Arbeiter in der Fabrik hatten Erhöhung ihres Lohnes
verlangt, und da diese nicht gewährt worden, hatten sie die Arbeit
eingestellt.
Kätzchen sah ihren Mann an, und als sie ihn kalt und ruhig fand, war
sie mit einem Male ruhig. Sie sagte mit einem Tone, der ihm an ihr
ganz neu war: »Du wirst Deine Anstalten in der Fabrik treffen, nicht
wahr? Ich nehme das Haus auf mich.« Sie reichte ihm die Hand, die er
erstaunt nahm, und ging dann rasch in das Haus. Hier ertheilte sie die
nöthigen Befehle, ruhig, klug und umsichtig. Sie brachte zuerst ihr
Kind in Sicherheit, dann die Kasse und ihre Juwelen. Zuletzt nahm sie
den kleinen Revolver von der Wand herab, lud ihn und liess ihn in die
Tasche ihrer Pelzjacke gleiten.
Plötzlich entstand im Hofe Lärm. Eine Bande betrunkener Strolche war
eingedrungen und begann die Arbeiter zu haranguiren. Der Anführer
der Streikenden, Borescu, rief: »Sie haben Recht, man muss alle
Juden vertreiben«, und bewaffnete sich mit einer Eisenstange. Andere
folgten seinem Beispiel, und jetzt begannen sie mit wildem Geschrei
das Thor der Fabrik, das auf Modruch's Befehl geschlossen worden war,
einzurennen.
Andere versuchten in das Haus zu dringen. Doch mit einem Male trat
Modruch unter die Wüthenden, und sie wichen vor ihm scheu zurück. Er
begann ihnen zuzureden, und seine verständigen Worte schienen eine gute
Wirkung zu üben, aber Borescu unterbrach ihn heftig und fasste ihn bei
der Brust.
»Das Geld oder das Leben, Jude!« schrie er.
Andere fassten ihn bei den Armen. Er schien verloren.
Da warf sich seine Frau mitten unter die Arbeiter und stiess Borescu
zurück. »Was wollt Ihr?« fragte sie und ihre blitzenden Augen schienen
jeden durchbohren zu wollen, der ihrem Mann zu nahe kam, »Räuber,
Mörder!«
»Euer Geld wollen wir«, erwiderte der Anführer und fasste wieder den
Fabriksherrn bei der Brust.
»Zurück!« gebot Kätzchen ein letztes Mal.
»Fort mit ihr!« schrie Borescu, und die Anderen hoben die Eisenstangen.
Doch Kätzchen hatte zugleich den Revolver aus der Tasche gerissen
und feuerte ihn auf Borescu ab. Er wankte, liess ihren Mann los und
stürzte dann auf das Gesicht vor ihr nieder, wie ein Sklave vor seiner
Gebieterin.
Sie stand jetzt vor ihrem Gatten mit flammenden Augen, den Revolver in
der Rechten und zeigte den Arbeitern, die erschreckt zurückgewichen
waren, die Zähne, wie ein Raubthier, das zum Sprunge bereit ist.
Sie wäre aber trotz ihrem Muthe mit ihrem Manne verloren gewesen, wenn
nicht Assur, einen schweren Hammer in der Faust, herbeigeeilt wäre. An
ihn wagte sich keiner. Er deckte den Rückzug, und der Fabrikant und
seine Frau konnten glücklich das Haus erreichen.
Hier verbarrikadirten sie sich, Modruch, Kätzchen und ein paar jüdische
Arbeiter und Diener, besetzten die Fenster und drohten zu schiessen,
sobald die Streikenden Miene machen würden, einzudringen. Diese
berathschlagten einige Zeit und zogen sich dann zurück, jedoch nur,
um die Fabrik an allen Ecken anzuzünden. Bald schlugen die Flammen
allerorten auf und ergriffen das Haus, das die rauflustige Menge
bewachte.
»Wir müssen uns einen Ausweg suchen,« sagte Modruch, »wenn wir nicht
hier im Qualm ersticken wollen.«
Kätzchen nahm ihr Kind auf die Arme, und die jüdischen Männer, alle
bewaffnet, umgaben sie. So stiegen sie langsam die Treppe hinab. Der
Riese begann die Thüre freizumachen.
Da ertönten Trompeten und der Hufschlag der Pferde. Eine Eskadron
Cavallerie kam an und trieb den Pöbel und die streikenden Arbeiter mit
der flachen Klinge auseinander.
Modruch machte noch einen Versuch, das Haus zu retten, aber er gab es
bald auf und sah finster, die Zähne aufeinandergepresst, sein Hab und
Gut in den Flammen enden.
Da legte sich eine kleine Hand auf seine Schulter und eine Stimme voll
Liebe und Energie sprach: »Mann! Geliebter! verzweifle nicht. Wir
werden das Haus aufbauen und die Fabrik. Ich habe Dich, Du hast Dein
Weib und Dein Kind, und was verloren ist, können wir entbehren.«
* * * * *
Und die kleine Frau hielt Wort. Sie hatte mit einem Male ihre ganze
Energie, ihre ganze Kraft wiedergewonnen, das Unglück fand sie besonnen
und kaltblütig.
Kaum war die Ordnung hergestellt, Leben und Eigenthum der Juden
gesichert, so erschien sie schon bei dem Minister, nicht um zu bitten,
nein, um anzuklagen und zu verlangen. Sie machte die Regierung für
den Schaden, den ihr Mann erlitten, verantwortlich, und sie erlangte
die Hülfe, welche sie forderte. Dann eilte sie von Land zu Land, von
Stadt zu Stadt, überall, wo ihr Mann Geld zu fordern hatte, erschien
sie und bestimmte seine Geschäftsfreunde, früher zu zahlen, als sie
verpflichtet waren. Sie ging von Bessarabien nach der Bukowina und
Galizien, von hier nach Ungarn und Siebenbürgen.
Als sie zurückkehrte, begann man sofort den Schutt wegzuräumen und auf
den Trümmern erhob sich rasch ein neuer Bau. Kätzchen Petersil hatte
das Schicksal bezwungen, und zugleich war der Bann gebrochen, der ihre
Seele gefangen hielt.
Als der Tannenbaum mit Bändern geschmückt auf dem neuen Dachstuhl
aufgepflanzt wurde und der Aelteste der Maurer, in der Hand einen mit
Wein gefüllten Becher, von oben den Bauherrn grüsste, der mit den
Seinen im Hofe stand, da kamen leise die kleinen Hände der hübschen
Frau aus den weichen Aermeln ihrer Pelzjacke hervor und legten sich
gleich einer magischen Schlinge um Modruch's Hals.
»Wir haben viel verloren,« sprach sie, die leuchtenden Augen zu ihrem
Manne erhoben, »aber ich habe alles gewonnen.«
»Bist Du endlich mit mir zufrieden?« fragte Modruch lächelnd.
»Ach! ich bin so glücklich,« rief sie. »Gott hat mich gestraft, aber
seine Hand hat mich geführt, wie einst sein Volk aus Egypten, aus der
Sklaverei zur Freiheit, aus der Finsterniss zum Licht.«
[Illustration]
[Illustration]
Der falsche Thaler.
-- SÜDDEUTSCHLAND. --
Das Laubhüttenfest.
Es war um die Mitte September, als Martin Friedlieb nach langer
Abwesenheit in seine Heimath, eine grössere Stadt Süddeutschlands,
zurückkehrte.
Man sprach denselben Abend in allen israelitischen Familien von ihm und
auch bei Sindel, dem reichsten Juden am Platze, der eine bedeutende
Spielwaarenfabrik besass.
»Was hat er jetzt davon,« sagte Sindel, »hat sein ganzes Geld
verstudirt und verreisst, der Martin, und ist heute gekommen ohne einen
Pfennig in der Tasche. Was wird er nun anfangen? Der Gemeinde zur Last
fallen.«
»Das hat er wohl nicht nöthig,« erwiderte Frau Leonore Sindel,
welche der weibliche Schöngeist der Stadt war, »er hat an den ersten
Universitäten studirt, in München, Berlin, Heidelberg, Prag und Wien,
er hat Italien, Frankreich und die Niederlande bereist, alle Gallerien
gesehen, alle die herrlichen Kunstschätze des Alterthums und der
Neuzeit.«
»Was kauft er sich jetzt dafür?« fragte Sindel spöttisch.
»Er ist Kunsthistoriker,« sagte Leonore, »er schreibt jetzt ein Buch
und wird dann Professor werden.«
»Das kann doch nichts einbringen.«
»Oh! es gibt Professoren, die zehntausend Mark das Jahr bekommen und
mehr.«
»Nun wir werden ja sehen.«
Deborah, die Tochter Sindel's, hatte kein Wort gesagt, sondern stille
an der Puppe weiter gearbeitet, die sie anzog, aber alles, was sie
gehört hatte, hatte sofort Theilnahme und Interesse für den jungen
Gelehrten bei ihr erregt, und als Martin am folgenden Vormittag seinen
Besuch machte, trat sie mit klopfendem Herzen in den Salon.
Martin liess von Zeit zu Zeit seinen Blick mit Wohlgefallen an der
schlanken Gestalt, dem reinen, jungfräulichen Antlitz Deborah's haften,
und sie fand ihn überaus männlich und geistvoll. Als Martin sich
erhob, war das geheimnissvolle Band zwischen Beiden geschlungen. Die
Mutter fühlte es sofort, und da sie von dem jungen Professor, wie sie
Martin nannte, bezaubert war, lud sie ihn zum Essen ein und schlug
ihm zugleich vor, da er weder Vater noch Mutter hatte, mit ihnen die
Laubhütte zu bauen, denn das Fest war vor der Thüre. Martin nahm
dankbar an, und Deborah erröthete, als sie ihm zum Abschied die Hand
drückte.
Am nächsten Tage, beim Essen, fand Martin Gelegenheit, Sindel eine
gewisse Achtung abzunöthigen. Man sprach vom kommenden Fest, und Martin
erklärte in seiner liebenswürdigen, bescheidenen Weise die Bedeutung
desselben. Er setzte auseinander, wie es zugleich zum Andenken an den
Aufenthalt in der Wüste gefeiert wurde und als eine Art Erntefest,
da im gelobten Lande um diese Zeit alle Früchte eingebracht und die
Weinlese beendet war. »Sieben Tage sollst Du unter Zelten wohnen,
schreibt das Gesetz vor, zur Erinnerung an das Nomadenleben in der
Wüste, aber die Früchte, die man in der Laubhütte aufhängt, sind
vielmehr Symbole jenes palästinischen Erntefestes.«
[Illustration]
Schon drei Tage vor dem Feste begann überall der Bau der Laubhütten,
und alle nahmen daran Theil, Alt und Jung, jeder trug sein Scherflein
bei. Hinter der Fabrik lag das stattliche Haus Sindel's im altdeutschen
Stil und hinter diesem der Garten. Hier, auf einer kleinen Wiese,
schlug Martin die vier Pflöcke ein, welche den ganzen Bau tragen
sollten. Die Pfeiler wurden durch Latten verbunden, welche eine Art
Wand bildeten. Sindel und sein Sohn Zelias verkleideten die Suka von
aussen mit Tannenzweigen und Moos, während die Frauen das Innere mit
weissem Stoff überzogen. Martin hatte die Herstellung der Decke
übernommen. Nachdem er ein Dach aus Holzstäben gefertigt, deckte er es
mit Tannenzweigen, aber so, dass kleine Lücken offen blieben, durch
welche der Himmel und die Sterne hereinblicken konnten. Als dies
geschehen war, trat er in das Innere der Suka ein, um den Aufputz
anzubringen, den Eleonore und Deborah vorbereitet hatten. Das reizende
Mädchen liess es sich nicht nehmen, ihm dabei zu helfen. Sie reichte
ihm die Ketten aus farbigem Papier, die Vogelbeerzweige, deren rothe
Früchte freundlich aus dem kräftigen Grün herausblickten, die Birnen,
Aepfel, Trauben, die vergoldeten Nüsse, die er an der Decke aufhing,
und die kleinen Vögel aus geleerten Eiern mit Schnäbeln und Flügeln aus
Goldpapier. Wiederholt berührten sich ihre Hände und jedesmal wurde das
hübsche Mädchen roth.
Nachdem auch der Palmenzweig Lulaf und der Zedruch, der Paradiesapfel
im grünen Reissig untergebracht waren, wurde in der Mitte der Decke der
Mogan Doved, der Schild David's, mit kleinen Nägeln befestigt.
Aus vergoldeten Stäbchen bildete Martin eine Triangel und schlug dann
in der Mitte desselben einen Haken ein, an dem die siebenarmige Lampe
aufgehängt wurde.
»Nun das Letzte,« sprach Deborah und lachte ihn mit ihren Kinderaugen
an.
»Was meinen Sie?« fragte Martin.
Deborah, welche bisher die Hände auf dem Rücken verborgen hatte, hielt
ihm plötzlich eine grosse rothe Zwiebel unter die Nase, die mit
Hahnenfedern bespickt war.
»Richtig!« rief Martin, »den Zauber gegen alle bösen Geister dürfen wir
ja nicht vergessen.«
Sie hingen die Zwiebel an die Thüre auf und nun waren alle Schaïdim und
Massekim von der Schwelle der Laubhütte gebannt.
»Sie müssen uns für recht beschränkt halten,« sagte Deborah, »Sie, der
Sie die halbe Welt gesehen haben.«
»Glauben Sie nicht, dass man dort, wo die grossen Wogen des Volkslebens
branden, aufgeklärter und glücklicher ist. Der Aberglaube ist
unsterblich. Er nimmt immer neue Gestalten an, aber er schwindet
niemals. Heute ist er ein religiöser Wahn, morgen ein politischer,
übermorgen ein wissenschaftlicher, aber ohne Thorheit kann die
Menschheit nicht bestehen.«
»Also thöricht sind wir doch!« rief Deborah und machte eine muthwillige
Bewegung, so dass ihr dicker, schwarzer Zopf, mit dem sie spielte,
Martin auf die Wange traf. Er zuckte zusammen.
»Habe ich Ihnen wehe gethan?« fragte sie.
»Nein, Sie haben nur eine Art Zauberstab geschwungen,« sagte er
lächelnd, »und wenn ich jetzt eine grosse rothe Zwiebel vor mein Herz
hängen wollte, dürfte es zu spät sein.«
»Sie Schalk!« rief das Mädchen lachend und traf ihn noch einmal mit dem
Zopf, diesmal auf die Nase.
* * * * *
Am ersten Halbfeiertage war Sindel zu einer Whistparthie geladen,
und Frau Leonore vertiefte sich in einen Roman von Spielhagen, denn
es war ein langweiliger Regentag mit einem bleiernen Himmel, grauen
Nebelschleiern und rieselnden Bächen in den Strassen.
Doch Deborah wollte ungestört träumen und hatte sich trotz dem
schlechten Wetter in der kleinen Laubhütte ganz behaglich eingerichtet.
Sie hatte Bretter über das Dach gelegt und einen Teppich vor die Thüre
gehängt, die Lampe angezündet, sich einen Sitz aus Kissen gebildet
und sass nun da, die kleinen Füsse auf einem Schemel, in einen Shawl
gewickelt und hörte die Tropfen klatschen, sah die kleinen Vögel
und Nüsse in der bewegten Luft schaukeln und athmete den feuchten
Harzgeruch der Tannenzweige.
Sie erschrak ein wenig, als der Teppich zurückgeschlagen wurde und
Martin hereinblickte, aber es war ein freudiger Schreck, der ihre
jungen Glieder erbeben machte und sie streckte ihm so herzlich die
Hände entgegen, dass auch ein minder Gelehrter verstanden hätte, dass
er willkommen war und mehr als das.
»Vergeben Sie meine Kühnheit, Deborah,« begann Martin, indem er
eintrat, »aber ich wollte aus Regen, Whist und Spielhagen Vortheil
ziehen und ein paar Worte allein mit Ihnen sprechen.«
»Sprechen Sie also.«
»Deborah, ich kann nicht schöne Phrasen machen,« fuhr Martin fort,
»wozu auch? Wenn Sie mir gut sind, brauche ich sie nicht, und wenn Sie
mich nicht wollen, nutzen sie mir nichts. Ich habe Sie lieb, von Herzen
lieb.«
»Und ich ... ich will keinen anderen Mann als Sie,« erwiderte Deborah
rasch. »Mein Vater wird Schwierigkeiten machen, aber ich habe auch
meinen Kopf und ich gebe nicht nach, ehe ich nicht ...«
»Ehe Sie nicht Frau Professor sind.«
»Ja,« rief sie, »hier meine Hand, sie gehört Ihnen.«
Sie sprachen noch manches zusammen, während der Regen auf das Dach
schlug und die Musik des Herbstwindes durch die Tannenzweige zog, und
wie sich ihre Herzen gefunden, so fanden sich auch ihre Hände, ihre
Lippen.
* * * * *
Deborah hatte sich der Mutter anvertraut, und diese hatte ihre Wahl
vollständig gebilligt. Als Martin am folgenden Vormittag erschien, um
feierlich zu werben, nahm Leonore lebhaft seine Partei, aber Sindel zog
die Augenbrauen zusammen und sagte kurz und trocken:
»Ich habe nichts gegen Sie, Herr Friedlieb, aber womit wollen Sie Ihre
Frau ernähren?«
»Ich trage meinen Schatz mit mir,« erwiderte der junge Gelehrte.
[Illustration]
»Mag sein, aber so lange kann das Mädchen nicht warten, bis Sie
Professor sind,« entgegnete der Fabrikant. »Auch muss ich einen
Schwiegersohn haben, der in das Geschäft treten kann, und endlich sind
Sie ein Verschwender, das ist das Schlimmste an der ganzen Sache, ich
kann mein Kind nicht dem sicheren Elend preisgeben.«
Vergebens entwickelte Leonore ihre ganze Beredsamkeit, vergebens
vergoss Deborah Thränen, Sindel blieb fest.
Am folgenden Tage kam Aaron Bierkopf, das Faktotum Sindel's, zu Martin.
»Ich bringe einen Vorschlag zur Güte,« sprach er, mit seinem ganzen
dicken rothen Gesichte lachend, »da Sie nun einmal dem Mädchen den Kopf
verdreht haben, so müssen Sie ihn wieder zurechtsetzen. Deshalb will
Herr Sindel Ihnen zehntausend Mark geben unter der Bedingung, dass Sie
auf seine Tochter verzichten.«
»Niemals!«
»Warum niemals? Das Mädchen bekommen Sie doch nicht und zehntausend
Mark ist ein schönes Stück Geld.«
»Mag sein. Ich liebe Deborah und verkaufe mein Lebensglück nicht für
zehntausend Millionen.«
Bierkopf zog kopfschüttelnd ab.
Martin nahm seinen Hut und ging zu Sindel, er wollte Deborah noch
einmal sprechen und dann die Stadt verlassen. Als er die Treppe
emporstieg, flog sie ihm entgegen.
»Nehmen Sie doch das Geld an,« sagte sie rasch, »mit dieser Summe
werden Sie sich eine Stellung machen und wenn Sie erst Professor sind,
wird mein Vater schon einwilligen. Ich heirathe doch keinen Anderen.«
Martin überlegte, dann nickte er mit dem Kopf, führte Deborah's Hand an
seine Lippen und kehrte nach Hause zurück, wo er einen kurzen Brief an
Sindel schrieb.
Eine Stunde später erschien Bierkopf pustend und brachte ihm, begleitet
von mehreren Arbeitern aus der Fabrik, zehn Säcke, von denen jeder
tausend Mark enthielt.
* * * * *
Und wieder eine Stunde später klopfte Martin Friedlieb an Sindel's
Thüre.
»Was wollen Sie denn noch?« fragte Sindel, »haben Sie Ihre zehntausend
Mark nicht bekommen?«
»Nein,« erwiderte Martin und warf einen Thaler auf Sindel's Tisch, der
einen dumpfen Klang gab.
»Dieser Thaler ist falsch.«
Sindel nahm den Thaler, musterte ihn mit Hülfe seines Glases, liess ihn
auf dem Tische klingen und sagte endlich: »Ja, der Thaler ist falsch.«
Dann sah er Martin lange an, ohne ein Wort zu sprechen.
»Herr Sindel, meine Zeit ist kostbar.«
»Meine auch,« sagte der Fabrikant, »damit imponiren Sie mir gar nicht,
aber was mich vollständig umgeworfen hat, das ist dieser Thaler. Hören
Sie, ein so arger Verschwender sind Sie doch nicht, sonst hätten Sie
das Geld ungezählt genommen, und da ich nun einmal keine rothgeweinten
Augen sehen mag, so sollen Sie den Thaler haben und das Mädchen dazu.«
[Illustration]
»Herr Sindel, Sie sind ein Prachtmensch,« rief Martin.
»Umarmen Sie mich, Herr Schwiegersohn,« sagte Sindel feierlich, »ich
gestatte es Ihnen.«
Martin schloss ihn herzlich in seine Arme.
»Sie können mich auch küssen, wenn Sie wollen,« fuhr Sindel fort, »wenn
ich auch nicht so hübsch bin, wie die Deborah.«
[Illustration]
[Illustration]
Zwei Aerzte.
-- ÖSTERREICH. --
Der Talmud. -- Zweierlei Medizin.
Mitten im österreichischen Waldland, nahe der böhmischen Grenze,
zwischen mächtigen Forsten, rauschenden Wassern und grünen Bergen, auf
denen die Trümmer stolzer Burgen gegen den Himmel ragen, liegt ein
freundlicher Ort mit weissgetünchten Häusern und rothen Ziegeldächern.
Hier lebte seit undenklicher Zeit eine kleine, jüdische Gemeinde, die
ferne der Strasse, welche der Welthandel nimmt und auf der die Heere
ziehen, ihr Wesen und ihre Bräuche ziemlich unverfälscht erhalten hatte.
Das grosse Licht, der Ilau dieser Gemeinde, war Mebus Kohn, der
Talmudist. Er war ihr Lehrer, ihr Rathgeber, ihr Orakel und ihr Arzt.
Mebus lebte mit seiner Tochter Perle sehr still und glücklich unter
dem Dache des kleinen mit Weinlaub umrankten Hauses, das dem jüdischen
Fleischer Berthold Zimmermann gehörte, bis zu dem Tage, wo sich ein
junger, jüdischer Arzt, Leopold Pfeffermann, mit seiner Schwester in
dem kleinen Waldort niederliess.
Nun war es um seine Ruhe geschehen. Bisher hatten die Juden in diesem
stillen Winkel keine andere Arznei gekannt, als den Talmud. Mit Hülfe
dieses heiligen Buches heilte Mebus jede Art von Leiden und Gebrechen
oder er heilte sie nicht, je nachdem die guten oder bösen Geister die
Oberhand gewannen.
Nun machte ihm plötzlich ein Fremder, ein junger Mensch, ein Purez
(Geck), seinen wohlerworbenen Ruhm streitig.
Der alte Talmudist hasste diesen Doktor von Anbeginn, ehe er ihn
noch gesehen hatte, und seine Abneigung wurde allmählig noch durch
das Gebahren der Schwester Pfeffermann's gesteigert. Diese, eine
junge, anmuthige, gebildete Dame, zeichnete sich durch eine elegante
Toilette und einen freien Geist aus, der alles Gute und Vernünftige
im Judenthume mit Feuer vertheidigte, sich aber von allen veralteten
Vorurtheilen und Gebräuchen losgemacht hatte. Schon dass sie Bücher
las, die nicht in Folio gedruckt und nicht hebräisch waren, genügte, um
sie in den Augen des Talmudisten zu einer Ketzerin zu machen. Nun kam
noch dazu, dass der Doktor einen Todtenkopf auf seinem Schreibtisch und
ein menschliches Gerippe in einem Winkel seines Studirzimmers stehen
hatte.
Dies war geradezu eine Verletzung des Gesetzes nach der Ansicht des
Talmudisten.
Doch sein frommer Eifer half ihm wenig. Der Doktor machte einige
glückliche Kuren, und seine Schwester scheute keine Mühe, keine Gefahr,
wo es zu helfen, zu retten galt. Sie ging in die Hütten der Armen, um
in einer verpesteten Luft die Kranken zu pflegen, den Dürftigen die
nöthige Nahrung zu bringen und mehr und mehr blieben die Patienten bei
Mebus aus und erholten sich Raths bei dem jungen, gelehrten Doktor, der
vielleicht nicht koscher ass, aber ein echtes, jüdisches Herz besass.
Kam ein Kranker zu Mebus, so fragte er ihn aus, ob er vielleicht beim
Abschneiden der Fingernägel einen Fehler begangen habe, ob er nicht
Speisen gegessen habe, die verboten seien, ob er nicht eine Ruine
betreten habe, in der die Massikim hausen, und dergleichen mehr. Dann
schlug er den Talmud auf, sprach Gebete, legte dem Patienten die Hände
auf und im besten Falle gab er ihm einen Abguss von Kräutern, die er
selbst im Walde gesucht hatte.