Bitten rührten ihn ebenso wenig, wie ihre Thränen, wie ihre von Tag zu
Tag bleicher werdenden Wangen. Vergebens kam Jonas Bienenfeld, um zu
ihren Gunsten zu sprechen.
»Soll ich mein Kind geben, meine Mathele«, schrie Teller Herschmann,
»einem Manne, der verachtet die Gesetze, einem Menschen, der kein eigen
Haus hat und keinen Kreuzer in der Tasche!«
»Abner hat mehr als ein eigen Haus und mehr als Geld«, erwiderte
Bienenfeld, »er hat einen guten Kopf und er hat etwas Rechtes
gelernt, er trägt seinen Schatz mit sich herum, und kann ihn deshalb
niemals verlieren, weder durch eine Feuersbrunst noch durch verfehlte
Spekulationen. Er wird aber Geld verdienen und wird sich bauen ein
eigen Haus, denn er wird ein Arzt werden, den man wird bezahlen mit
vollen Händen.«
»Mag sein, aber ich will ihn nicht zum Schwiegersohne haben,« gab
Herschmann erbost zur Antwort, »ich will nicht, Jonas, hörst Du, ich
will nicht.«
»Auch ich will ihn nicht«, sagte Maecha.
»Ihr wollt Euer Kind opfern«, entgegnete jetzt Bienenfeld gleichfalls
gereizt, »Eurer Thorheit, Eurer Geldgier wollt Ihr es opfern, denn ich
sage Euch, als Arzt sage ich es Euch, Mathele wird sterben, wenn man
sie von Abner trennt, wie die Blume stirbt, die man ausreisst. Eure
Kinder werden dahinsterben, eines wie das andere, und Ihr werdet allein
stehen im Alter, einsam, ungeliebt und verlassen, denn alle Eure Kinder
sind nur die Kapores Eurer Habsucht.«
»Gott wird uns beschützen.«
»Gott hat mit Euresgleichen nichts zu schaffen. Guten Morgen.«
Seitdem durfte Abner das Haus Herschmann's nicht mehr betreten, aber
Mathele entfloh, so oft es nur anging, den finsteren Räumen, in denen
der Wahn und die Selbstsucht regierte und schlich heimlich zu ihrem
Oheim Jonas Bienenfeld und sprach dort mit dem Geliebten.
Das währte einige Zeit. Dann musste Abner nach Wien, sein Examen zu
machen, und die Liebenden sahen sich lange Zeit nicht, aber Dank dem
guten Onkel konnten sie sich wenigstens schreiben, er nahm Abner's
Briefe für Mathele in Empfang und sendete die ihren an ihn.
Nachdem er sich das Doktordiplom errungen hatte, liess sich Abner in
der Hauptstadt Budapest nieder und begann seine Praxis, und jetzt
lächelte ihm das Glück. Ein paar glückliche Kuren machten ihn bekannt,
und bald war er ein gesuchter Arzt in der Hauptstadt. Indess wurde
Mathele von Tag zu Tag bleicher, sie sehnte sich nach dem Geliebten,
sie kränkelte, ihre Augen glühten unheimlich und auf ihren Wangen
zeigten sich von Zeit zu Zeit die traurigen Rosen des schleichenden
Fiebers.
[Illustration]
Zum Ueberfluss entdeckte die Mutter auch noch ihren Briefwechsel mit
Abner, und der Vater drohte sie zu verfluchen, wenn sie noch eine Zeile
an Abner schreibe oder von ihm empfange. Mathele ergab sich, aber sie
welkte dahin, wie ein Mairöslein im Wasserglase.
Und wieder war es Col-Nidre, der Abend vor dem Versöhnungstage, und als
Maecha die Kinder in die grosse Stube berief, um die Kapores zu opfern,
da fehlte Mathele. Sie war nicht mehr im Stande, ihr Zimmer, den
Lehnstuhl, in dem sie sass, zu verlassen. Als die Mutter, einen jungen,
mit blauen Bändern aufgeputzten Hahn in der Hand, bei ihr eintrat,
streckte sie ihr abwehrend beide Hände entgegen.
»Kein Kapores für mich«, stammelte sie, von heisser Fiebergluth
geröthet, »ich werde dennoch sterben. Der Tate soll zu mir kommen auf
der Stelle.«
Teller Herschmann kam, noch immer hart und trotzig, aber der Anblick
seines Kindes erweichte sein steinernes Herz.
»Ich will also die Hochzeit feiern mit Mark Leiser«, sprach Mathele,
»aber Du musst Dich damit beeilen, Tate. Wenn ich schon das Kapores
bin, so will ich doch nicht zwecklos geopfert sein. Hast Du Mark
Leiser's Geld in Dein Geschäft gezogen, dann darf ich ja wohl sterben,
und ich werde sterben. Mach' es rasch ab, Tate, denn Du kannst doch
nicht dem Mark Leiser eine Todte zum Weibe geben.«
Teller Herschmann nahm sich mit beiden Händen beim Kopf und rannte
fort, er rannte geradeaus zu Jonas Bienenfeld.
»Mathele stirbt,« schrie er und raufte sich den Bart, »rette sie,
Jonas. Ich bezahle, was Du willst.«
»Ich bin nicht der Arzt, um Mathele zu heilen.«
»Also keine Hülfe? keine?«
»Doch -- aber der sie heilen kann -- ist nur Einer -- Abner Barach.«
»Er soll kommen«, schrie Teller Herschmann, »wenn er Mathele rettet,
geb' ich sie ihm zur Frau, Gott soll mich strafen, die Erde soll sich
aufthun, und das Feuer der Hölle soll mich verschlingen, wenn ich es
nicht thue; wenn er sie aber nicht rettet, dann bekommt er sie nicht.«
»Du kluger Mensch«, erwiderte Bienenfeld bitter lächelnd, »wenn er
Mathele nicht rettet, wenn sie stirbt, wird sie Abner so nicht zum
Weibe nehmen können.«
»Ich bin schon ganz verwirrt«, seufzte Teller Herschmann.
Bienenfeld sendete sofort eine Depesche an Abner, und als der
Abendstern die tröstliche Botschaft brachte, dass der »lange Tag« zu
Ende sei, dass Gott sich mit dem Volke Israel versöhnt habe, trat er
mit Abner in Mathele's Stübchen.
»Nun, Mathele,« rief Bienenfeld lachend, »willst Du auf der Stelle
gesund werden?«
»Du willst nicht?« fuhr der Arzt fort, »warte nur, ich will Dir schon
eine Medizin verschreiben, die sofort hilft, und die Du gerne nehmen
wirst.«
Er setzte sich an den kleinen Schreibtisch, an dem sonst Mathele ihre
Briefe an Abner und ihr wehmüthiges Tagebuch geschrieben hatte, und
warf auf einen Streifen Papier ein Rezept hin: »da!«
Mathele las: »Recipe den Abner Barach von früh bis abends Dein ganzes
Leben lang.« Jetzt lächelte sie wieder, aber nicht mehr schmerzlich,
sondern froh und glücklich.
»Er soll Dein Mann werden«, rief Teller Herschmann, »aber nur, wenn er
Dich retten kann.«
»Siehst Du, dass Du gesund werden musst«, fügte Bienenfeld hinzu,
»willst Du also, oder bleibst Du halsstarrig, Du ungerathenes Kind?«
»Oh! ich bin schon gesund«, flüsterte Mathele und blickte so selig auf
Abner, der vor ihr kniete und ihre Hände küsste. Und sie wurde wirklich
gesund, Dank der Kunst der beiden Aerzte und Dank jener süssen, alles
heilenden Arznei der Liebe, welche den Balsam des Lebens in todtkranke
Herzen träufelt.
Als es wieder Frühling wurde, blühte das holde Mädchen mit den Blumen
um die Wette auf, und ehe es Sommer ward, war sie Abner's Frau und
baute sich ihr kleines, liebes Nest in Budapest, mitten unter seinen
Skeletten, Spirituspräparaten und Instrumenten.
[Illustration]
[Illustration]
Das Trauerspiel im Rosengässchen.
-- HOLLAND. --
Jüdische Liebe. -- Purim. -- Handel.
Das Rosengässchen der kleinen holländischen Stadt Waarnam verdankte
seinen Namen wohl einer Ironie des Schicksals. Man fand hier eher
jeden anderen Geruch als den einer Rosenflur. Das Gässchen war so
eng, dass man sich aus den gegenüberliegenden Häusern beinahe die
Hände reichen konnte, und alle die alten Häuser waren so hoch, dass
kein Sonnenstrahl in die Strassen drang. Zu beiden Seiten gab es nur
kleine, düstere Gewölbe, in denen alles Erdenkliche verkauft wurde,
und die Waaren breiteten sich bis in die Gasse hinein aus. Alle diese
Ballen und Tonnen erfüllten die Luft mit einem abscheulichen Geruch von
Feuchtigkeit und Moder, von Fett, Heringen, Fischen, Leder und Fellen.
Seit hundert Jahren waren hier zwei kleine Geschäfte eines dem anderen
gegenüber. In jedem handelte man mit denselben Waaren, mit Stoffen
aller Art, und so war es begreiflich, dass die beiden Familien sich
niemals sonderlich liebten. Doch seit einiger Zeit war der Neid und die
Eifersucht der beiden Kaufleute Joseph van Markus und Abraham Honigmann
in Hass und Feindschaft ausgeartet.
Bei Beiden sah man so recht den Unterschied der Sabbathseele und der
Wochenseele.
Einmal in der Woche, wenn sie im Kreise der Ihren den letzten
Schöpfungstag feierten, waren sie beide Patriarchen, Könige, edel,
weise, gütig, erleuchtet, aber in der Woche waren sie Handelsleute
der schlimmsten Art, bornirte, ungebildete Kleinstädter, egoistisch,
habgierig und abergläubisch.
Wenn ein Käufer nahte, suchten sie sich ihn beide streitig zu machen,
und nicht Markus und Honigmann allein, beide Familien stürzten sich
vollzählig auf ihn, wie Raubvögel auf ein Aas. Von der einen Seite Frau
Markus, ihre Töchter, Löwy, der Bruder der Frau Markus und dessen Frau
und Kinder, von der anderen Seite Abraham, Frau Honigmann, Jonas, ihr
Sohn und dessen Frau und Kinder.
[Illustration]
Ein wahrhaft homerischer Kampf entstand.
Hewa Markus z. B. hielt den Mann, der einen rothen Sammt suchte,
beim linken Arm und Ovadia Honigmann beim rechten, die kleine Lise
Markus und die kleine Mirza Honigmann hingen sich an die Rockschösse,
Frau Markus verbarrikadirte ihm den Weg mit ihrem grossen Busen und
Frau Honigmann schnitt ihm mit ihren riesigen Hüften den Rückzug ab.
Während Markus und Löwy von der einen Seite die Ballen auf die Strasse
herausschleppten und den Sammt ausbreiteten, liessen Honigmann und
Jonas von der anderen Seite den königlichen Purpur in dem bischen Licht
spielen, das sich in das Rosengässchen stahl.
Und hatte der Käufer gewählt, begleiteten ihn Segenswünsche von der
einen Seite und von der anderen Flüche wie: Steine sollen ihm wachsen
im Bauch und Ribisel (Johannisbeeren) auf der Nase.
* * * * *
Wo es nur anging, neckten sich die beiden Familien und suchten einander
Aerger zu bereiten. Heute goss z. B. Markus dem Honigmann, während
sie Beide an einer Hochzeit theilnahmen, Wein in die Tasche seines
Sabbathrockes, morgen schmierte Honigmann dem Markus die Thürklinke mit
Honigleim ein, so dass er fast an derselben kleben blieb, als er aus
der Taverne zurückkehrte.
Markus sendete dem Honigmann einen polnischen Schnorrer, den dieser für
einen Amerikaner ansah, und der Schnorrer bestellte einen Mantel für
den Admiral Tom Pouce, der sich gerade in Waardam produzierte.
Honigmann fertigte mit vieler Sorgfalt einen kleinen, niedlichen Mantel
für den Zwerg, den er im Theater gesehen hatte, denn der Schnorrer
hatte ihm erklärt, dass der Admiral keine Zeit habe sich erst Maass
nehmen zu lassen.
Als der Mantel fertig war, erschien der Schnorrer in Gesellschaft
eines grossen, dicken Mannes, der mit Mühe durch die Thüre des kleinen
Gewölbes eintreten konnte, und sprach: »Hier ist der Admiral!«
Honigmann sah ihn verblüfft an und breitete sein kleines Mäntelchen
aus: »Der Herr ist ja ein Riese, und Sie haben bestellt einen Mantel
für einen Zwerg.«
»Ja mein Lieber«, sagte der Admiral, »ich bin nur so klein, wenn ich
auftrete, ausserhalb des Theaters mach' ich mir's bequem.«
Damit verliessen die Beiden den Laden und liessen den armen Honigmann
sprachlos stehen.
Doch Honigmann blieb dem Markus nichts schuldig. Eines Tages begegnete
er der kleinen Lise Markus, die um den Arzt lief. Er schickte sie nach
Hause und versprach, selbst den Schüler Aeskulaps zu benachrichtigen.
Wirklich erschien wenige Zeit hernach ein Freund Honigmann's unter der
Maske eines Doktors.
»Was fehlt Ihnen?« fragte er barsch den Markus, den er allein in seinem
Laden traf.
»Ach Herr Doktor«, antwortete dieser kläglich, »ich glaube, ich habe
mir gestern den Magen verdorben.«
»Gut«, sprach der falsche Arzt, »setzen Sie sich auf diesen Stuhl,
mitten in den Laden, schliessen Sie die Augen und zeigen Sie mir die
Zunge. Ich werde Ihnen schon sagen, wenn es genug ist.«
Markus that, wie ihm geheissen und wartete so lange auf das Zeichen des
Arztes, bis ein lautes Gelächter ihn veranlasste, die Augen zu öffnen.
Der Doktor war verschwunden, dagegen war das kleine Gewölbe vollständig
von Neugierigen angefüllt, und die Gasse war gleichfalls durch eine
gaffende Menge gesperrt.
[Illustration]
»Nun gottlob!« rief der Fleischer Schmul, sein Nachbar, »wir haben
schon alle geglaubt, dass Sie verrückt geworden sind, Herr Markus.«
* * * * *
Mitten in diesem kriegerischen Zustand der Dinge kehrte eines Tages
Honigmann's jüngerer Sohn Baruch zurück, der sich dem Studium der
Rechte gewidmet und an verschiedenen Universitäten des Auslandes
studirt hatte. Er bereitete sich jetzt zu seinem Examen vor und brachte
fast den ganzen Tag zu Hause zu.
Sein Stübchen lag hoch oben unter dem Dache. Jedesmal, wenn er von
seinem Corpus juris aufblickte, sah er an dem Fenster gegenüber,
hinter Blumentöpfen ein allerliebstes Mädchen, kaum den Kinderschuhen
entwachsen, das emsig mit der Nadel arbeitete.
Es war Jessika, die jüngste Tochter des Markus. Sie hatten Beide die
Fenster offen, denn es war im Monat August, wo die linde Sommerluft
sogar in das Rosengässchen drang und so kam es, dass Jessika
verstohlen hinüberblickte, wenn Baruch's feines, etwas bleiches Gesicht
über den Lederband gebeugt war, und dass er durch die Blumentöpfe
nach ihrem weissen Hals, ihren blonden Zöpfen, ihrem kleinen Näschen
spähete, wenn sie sich über den Sammt oder die Seide neigte, die auf
ihren Knieen schimmerte.
Jessika hatte eine kleine Freundin, ein reizendes, weisses Kätzchen,
Mimi genannt, das auf dem Fensterbrett schlief, wenn sie arbeitete.
Eines Abends, im Mondlicht, spazierte sie auf dem Dache herum und,
da ihr die beiden Dachrinnen, welche in Gestalt von Drachenköpfen in
die Strasse hinaussprangen und sich in die Augen zu blicken schienen,
eine Art lustiger Brücke bauten, schlich sie leise herüber und blickte
plötzlich in Baruch's Fenster. Dieser verschwendete alle seine
Schmeichelworte an sie und nachdem er ihr erst einmal das weisse Fell
gestreichelt hatte, war Jessika's Freundin auch die seine geworden.
Baruch riss von dem Stock, der auf seinem Fenster stand, eine Rose ab,
befestigte sie an Mimi's blauem Halsband, und diese entledigte sich
ihrer delikaten Mission in bester Weise.
Am folgenden Morgen sah Baruch seine Rose an Jessika's Brust.
Einige Tage später brachte ihm Mimi in derselben Weise ein Lesezeichen,
das Jessika für ihn gestickt hatte.
Das gab ihm Muth, ein paar Zeilen auf ein Rosenpapier zu werfen und
sie der kleinen Botin anzuvertrauen. Den folgenden Tag brachte Mimi
die liebliche Antwort. So entstand ein unschuldiger und zugleich
vertraulicher Briefwechsel und die Kinder der beiden feindlichen
Väter lernten sich kennen und lieben, ohne je ein Wort mit einander
gewechselt zu haben.
Doch die Blätter begannen zu fallen, es kam die Regenzeit und dem Regen
folgte der Schnee, der Winter, die Fenster mussten geschlossen bleiben,
und auch die kleine Botin kam nicht mehr.
Doch die Liebe macht erfinderisch. Jessika hauchte die Scheiben an, um
durch die Frostblumen Baruch erblicken zu können, und er thaute das
Eis mit Hülfe seiner brennenden Studentenpfeife an. An die Stelle des
Briefwechsels trat die Zeichen- und die Blumensprache. Der Orient zog
in das kleine, holländische Gässchen ein, und mitten im Eise blühten
die Rosen von Sharon auf.
* * * * *
Da geschah eines Tages etwas Schreckliches. Honigmann rief dem Markus,
neben dem gerade sein Schwager Löwy vier Ellen Sammt abmass, zu:
»Wissen Sie, dass Venedig eine jüdische Stadt ist?«
»Sie wissen immer mehr als die anderen«, erwiderte Markus.
»Doch«, sagte Honigmann, »denn sie haben dort einen Markusplatz und
zwei geflügelte Löwy's.«
Das war zu viel. Markus stürzte über die Strasse, auf Honigmann los,
um ihm eine Ohrfeige zu geben, doch die Frauen warfen sich von beiden
Seiten dazwischen und trennten die Todfeinde.
An diesem Abend rief Pinkele, der Spassmacher, aus: »Das ist ja schon
das reine Trauerspiel, nächstens wird es Mord und Todschlag geben.«
Markus aber schwor, dass er sich nicht zufrieden geben werde, ehe nicht
Honigmann sein Theuerstes verloren habe.
»Was gibst Du mir«, rief in diesem Augenblick Jessika, »wenn ich Dein
Wort wahr mache, wenn ich dem Honigmann sein Theuerstes nehme, so dass
er sich die Haare rauft?«
»Was Du willst, Jessika, Alles, das Kostbarste.«
»Gut, aber gib es mir schriftlich.«
Markus schrieb, was sie ihm diktirte, und sie steckte die Schrift
lächelnd an ihre Brust.
Vierzehn Tage später war Purim, der jüdische Carneval.
Mit Anbruch der Dämmerung strahlte das Viertel der Juden in einem Meere
von Glanz. Alle Thüren waren offen. Die jungen Leute durchzogen maskirt
die Strassen und traten in die befreundeten Häuser ein, um allerhand
Possen zu treiben. Hier und da wurde getanzt. Bei Markus führten sie
die Geschichte der Esther auf. Natürlich stellte die reizende Jessika
die schöne Königin dar. Die Familie hatte sich zum Nachtessen um den
langen Tisch versammelt, als man draussen Lärm und Stimmen hörte.
Hewa, die ältere Schwester Jessika's, deren Vertraute und
Bundesgenossin, stürzte herein und meldete, dass Baruch Honigmann an
der Thüre sei und durchaus hereindringen wolle.
»Baruch?« rief Esther, »das trifft sich gut. Ich werde ihn bedienen,
wie es ihm gebührt.«
Sie eilte hinaus und die Treppe hinab. Bald liess sich ein wildes
Brummen vernehmen, und Esther kehrte triumphirend zurück, einen grossen
Bären an der Kette führend und einen Karbatsch in der Hand.
»Hier«, rief sie, »Baruch! Ich habe ihn in einen Bären verwandelt.«
Markus zweifelte keinen Augenblick, dass sein Kind die Wahrheit
sprach, hatte ihm doch vor Kurzem erst ein polnischer Jude erzählt,
dass eine Gans in seinem Orte, als man sie schlachtete, Schma Israel!
(Wehe Israel!) gerufen und dass man hierauf grossen Missbrauch in der
Gemeinde entdeckt habe. Auch der Talmud erzählte ja ähnliche Fälle.
»Wie hast Du ihn aber verwandelt?« fragte die Mutter starr vor
Schrecken.
»Ich habe ihm Wasser in das Gesicht gespritzt«, gab Jessika zur
Antwort, »und habe dreimal gerufen: Werde ein Thier! werde ein Bär!
durch Jehuel, den Vorsteher der Thiere und dessen Gehilfen Passiel,
Gasiel und Chosiel.«
Indess war Hewa mit der Schreckensbotschaft zu Honigmann
hinübergelaufen, und dieser stürzte jetzt von seiner ganzen Familie
gefolgt in den Speisesaal des Markus. Sie fanden Jessika stolz auf
einem Lehnstuhl thronend, ihre Füsse ruhten auf dem Bären, der auf dem
Teppich vor ihr ausgestreckt lag und sich in dieser Lage ganz wohl zu
fühlen schien.
»O mein Sohn!« schrie Honigmann, »mein unglücklicher Sohn!«
Jessika aber erhob sich, schwang den Karbatsch und liess den Bären
tanzen.
»Sehen Sie, Honigmann,« sprach Markus, »das ist das Gericht Gottes.«
»Wenn Sie ihn verzaubert haben, Jessika«, rief Honigmann, »so können
Sie ihm auch wieder die Menschengestalt zurückgeben.«
»Gewiss«, sagte sie lächelnd, »aber unter einer Bedingung. Baruch
gehört mir, ich gebe ihn nicht mehr her. Mein Vater hat geschworen,
dass er sich nicht zufrieden gibt, ehe Sie nicht das Theuerste verloren
haben. Dies ist geschehen. Sie haben Baruch verloren. Ich kann jetzt
von meinem Vater verlangen, was ich will, ich habe es schriftlich. Ich
bin also des Segens meines Vaters sicher und werde Baruch nur dann
seine Menschengestalt zurückgeben, wenn auch Sie, Herr Honigmann, uns
Ihren Segen geben.«
»Meinetwegen,« sagte dieser.
»Und die Hochzeit wird auf der Stelle gefeiert?«
»Auf der Stelle«, sagten beide Väter.
Jessika berührte Baruch mit der Hand und murmelte eine kabbalistische
Formel. Baruch nahm hierauf den Kopf des Bären wie einen Hut ab und
grüsste die Anwesenden spöttisch.
»Oh!« schrien Markus und Honigmann zugleich, »man hat uns zum Besten
gehabt.«
»Vergessen Sie nicht, dass heute Purim ist«, rief Jessika, »heute ist
jeder Scherz erlaubt.«
»Also dies alles war nur ein Scherz?« fragte Honigmann.
»Alles«, antwortete Baruch, »nur unsere Liebe nicht.« Und er zog die
reizende Jessika an sein Herz.
[Illustration]
[Illustration]
Kätzchen Petersil.
-- RUMÄNIEN. --
Chochmad Jad. -- Industrie. -- Judenverfolgung.
Eigentlich hiess sie Fradel Levi und Kätzchen Petersil war nur ihr
Spitzname. Sie wurde so genannt, weil sie stets wie ein kleines
Kätzchen zusammengerollt schlief, und weil sie stets eine Flasche mit
Petersilien-Aufguss hinter dem Fenster stehen hatte. Sie führte mit
Hülfe desselben einen erbitterten Krieg gegen die kleinen garstigen
Flecken, mit denen ihr hübsches feines Gesicht übersäet war. Es war ein
armes, aber braves, kluges und fleissiges Mädchen, das ihrem Vater, dem
Trödler Schawa Levi und ihrer Mutter Händel Tag und Nacht kaufen und
verkaufen und die alten Sachen aufbessern half.
Dennoch konnte Kätzchen die Sorgen nicht bannen, die sie unablässig
quälten und vergebens sehnte sie sich nach dem Tage, wo sie sagen
konnte: Heute kann ich ausruhen.
Für Leute, die so unglücklich sind wie die Levi's, gibt es nicht einmal
einen Sabbath. Mehr als ein junger Mann in der kleinen moldaischen
Stadt sah das kleine, schlanke Kätzchen mit Wohlgefallen an, aber wer
konnte daran denken, sie zur Frau zu nehmen? Nur ein reicher Mann und
dessen Eltern zogen wiederum eine reiche Braut vor. So hatten denn
Vater und Mutter die Hoffnung aufgegeben, die Kleine zu verheirathen.
Kätzchen hatte ihrerseits gar keine Zeit, an einen Mann zu denken,
ihr einziger Traum war ein Pelz. Kein kostbarer, wie ihn die schönen
Bojarinnen trugen, nein, nur eine Hausjacke mit Kaninchenfellen besetzt
und gefüttert. Kätzchen war nervös, wenn sie im Winter in dem kleinen
Gewölbe arbeitete, schüttelte sie der Frost, und selbst im Sommer
erbebte sie manchmal, als ob sie fröre und so erschien es ihr als die
höchste Seligkeit, sich in weiche, warme Felle zu schmiegen.
Als sie wieder eines Abends in dem kleinen, mit allerhand Kram
vollgestopften Gewölbchen sass und eine Gardinenstange vergoldete,
schlüpfte ein kleines langbärtiges Männchen herein, grüsste sie
lächelnd und bot sich an, ihr wahrzusagen. Es war Chas Messing,
der die Gabe der Chochmad Jad besass und als Prophet sein bischen
Lebensunterhalt verdiente.
Kätzchen dankte. Sie konnte nichts für eine so unnütze Sache ausgeben.
Aber Chas gab nicht nach. »Geben Sie mir eine Birkendose«, sagte er,
»und ich bin zufrieden.« »Gut.« Sie gab ihm die Dose und er blickte in
ihre Hand.
»Glück!« rief er, »und was für ein Glück! Der Reichthum steht Ihnen
nahe und was für ein Reichthum! und ein Mann, was für ein Mann.«
Kätzchen lächelte ungläubig, aber keine Woche verging und Barom, ein
Schadchen aus Jassy kam zu Schawa Levi, und nachdem er dessen Tochter
gesehen und gesprochen, sagte er: »Das Mädchen ist hübsch, klug und
brav. So eine Frau will der reiche Paschallas für seinen Sohn haben.
Es ist eine grosse Familie, die im ganzen Königreich nicht ihres
Gleichen hat, die Braut muss aus dem Stamme Levi sein, und Gott war mir
behülflich, dass ich dieses Mädchen gefunden habe, so tadellos und aus
so edlem Geschlechte.«
Nach einigen Tagen kam der junge Modruch Paschallas mit Barom zur
Brautschau, einen Monat später war die Hochzeit und am folgenden Tage
zog Kätzchen als Herrin in das Haus ihres Gatten in Jassy ein.
[Illustration]
Sie glaubte zu träumen und fürchtete, dass sie jeden Augenblick
erwachen würde, aber nein, sie träumte nicht. Diese Wollust, die sie
empfand, als sie das erstemal in den grossen Pelz schlüpfte, den ihr
Gatte ihr gebracht, als sie in den weichen Fellen sass, sie empfand sie
wirklich und fort und fort, während der Fahrt im Eisenbahnkupee und als
sie in Jassy an der Seite Modruch's durch die Strassen fuhr, es waren
wirklich Pferde vor den Wagen gespannt, sie wurden nicht scheu, und die
Marmortreppe in dem kleinen Palast stürzte nicht ein, als sie dieselbe
hinaufstieg. Nein, sie träumte nicht, das Glück, das Chas Messing ihr
prophezeit hatte, es war da, sie konnte es mit Händen greifen, und sie
wurde nicht satt, die Damastvorhänge ihres Schlafzimmers durch die
Finger gleiten zu lassen, den Sammt der Möbel zu streicheln und vor
allem den goldigen Zobel, mit dem ihre rothsammtne Hausjacke gefüttert
und ausgeschlagen war.
* * * * *
Das währte einige Zeit. Die Sorgen schienen verbannt für immer, sie
schienen vor dem mit Gypsabgüssen antiker Bildwerke und mit exotischen
Pflanzen geschmückten Vestibule zurückzuscheuen, aber nach und nach
schlichen sie sich durch Mauerritzen und Schlüssellöcher ein.
Kätzchen Petersil sass im Ueberfluss, wie die Frau eines Nabob, sie
fröstelte nicht mehr und sie brauchte nur den Finger auf einen der
Elfenbeinknöpfe zu legen, die allerorten angebracht waren, und der
elektrische Funke trug ihre Befehle durch das Haus, durch die Stadt
oder setzte ein Heer von Dienern in Bewegung.