in heiterer Aufregung und ein Jeder nach Kräften bemüht, die Nacht
in hellen Tag zu wandeln. Alle Fenster waren erleuchtet, hie und
da die Häuser mit farbigen Lämpchen und Ballons geschmückt, an
den Fenstern sassen schöne jüdische Frauen und Mädchen in üppige
Pelzjacken geschmiegt und lachten und assen Backwerk, und die Strassen
durchzogen fröhliche Menschen in langen Kaftanen und die Maskerade
war in vollem Zug. Hier kam ein Trupp jüdischer Jünglinge, die als
kleinrussische Bauern gekleidet waren, und vor jedem Hause Halt
machten und kleinrussische Volkslieder sangen, wobei sie sich mit
Geigen, Bassgeigen und Flöten begleiteten. Andere kamen als Bären
und schreckten die Mädchen, die in den Thüren standen. Wieder andere
führten das Ahasverusspiel auf. Da war Esther, die, in Seide, Sammt
und Hermelin gekleidet, eine Krone von Goldpapier auf dem Kopfe, von
vier Sklaven getragen wurde, König Ahasverus mit seinem rothen Mantel,
Monderich (Mardochai) mit seinem grossen Turban und endlich Haman,
die Hauptperson, der mit einem schäbigen Kastorhut auf dem Kopfe, in
weisse zusammengenähte Leintücher gehüllt, auf Stelzen einherging,
wie ein Riese die Menge überragte und seine grosse Nase mit den drei
gigantischen Karfunkelwarzen bald hier, bald dort an einem Fenster des
ersten Stockes der kleinen, niederen Häuser erscheinen liess, so dass
die Schönen erschreckt zurückfuhren und das Necken und Lachen kein Ende
nahm.
Haman war natürlich Laktef Wilna. Wer hätte auch in Sandomir gewagt,
den Haman darzustellen, als Laktef Wilna, der hübscheste, kräftigste,
keckste und lustigste jüdische Bursche der ganzen Kreisstadt, der es
wahrlich an Juden in keiner Weise fehlte. Wo der echt türkische Lärm
der grossen Trommel, der Blechdeckel und einer heiseren Trompete das
Herannahen der Personen des Ahasverusspieles ankündigte, wurden trotz
der grimmigen Kälte die Fenster ganz oder doch ein wenig geöffnet und
rosige Mädchengesichter und dunkle Frauenaugen blickten in die Strasse
und schnell war Laktef Wilna zur Stelle und spielte den Neugierigen
irgend einen Possen.
Der Madame Pflaumenbaum, die nur einen Augenblick das Guckfenster
handbreit öffnete, warf er einen alten Pantoffel hinein, der schönen
Frau Zuckerspitz, die in ihrer mit Zobel ausgeschlagenen und
gefütterten Kazabaika im Fenster lag, denn sie wollte gesehen werden,
überreichte er einen grossen vergoldeten Husaren aus Lebkuchen und
machte sie erröthen und blitzschnell verschwinden. Der etwas allzu
schlanken Tochter Grünwald schwor er, dass er einen sehr passenden Mann
für sie gefunden habe und gab ihr einen Hering. Bei Jonathan Schmeikes,
dem Kaufmann, wo ein halbes Dutzend junger Mädchen versammelt war,
liess er eine Maus in das Zimmer und ergötzte sich an der wilden
Jagd, die nun folgte, an dem Zetergeschrei, mit dem Alles, was lange
Röcke trug, auf Stühle und Tische sprang, bis der kleine Störenfried
glücklich in ein Mauerloch geschlüpft war.
* * * * *
Auf diese Weise kam Laktef Wilna auch zu einem ganz kleinen Hause
in der langen Gasse, dessen Mauern sich wie die Blätter eines
Kartenhauses nach innen neigten, und in dem, hinter mit Papier
zusammengeklebten zerbrochenen Scheiben und morschen Thüren, in zwei
Stockwerken und zwölf Zimmern bei dreissig dürftige, jüdische Familien
wohnten. Er blickte durch ein Fenster, dessen Scheibe ein grosses Loch
hatte, das nicht mehr durch bunte Papierstreifen unschädlich gemacht
werden konnte und daher mit verschiedenen alten Strümpfen verstopft
war, und sah in einem Stübchen, nicht grösser als ein Hühnerstall, ein
Mädchen in einem schlechten, geflickten Kattunkleidchen sitzen und
bitterlich weinen. Das verdarb Laktef Wilna den ganzen Schuschan-Purim,
denn er hatte, wie alle leichtsinnigen Menschen, das beste Herz und
konnte vor allem keine Thränen sehen. Er verhielt sich also vollkommen
stille, legte seine Riesennase an die Scheibe und horchte. In dem
Stübchen brannte in einem ausgehöhlten Erdapfel ein Stümpfchen
Talglicht und sass in einem alten Lehnstuhl, dem ein Bein fehlte, ein
Mann in einem zerrissenen Kaftan, die Jarmurka auf dem ergrauten Kopfe,
die Hände gefalten und starrte in das Leere.
Es war der blinde Flickschneider Tobia Fischthran und das Mädchen seine
Tochter Esther. Laktef Wilna kannte sie jetzt.
»Weine nicht«, sprach Tobia milde, »vom Weinen verliert man das
Augenlicht. Was soll werden, wenn auch Du nicht mehr kannst, Esterka.«
»Was hilft es, zu arbeiten, Tate«, erwiderte das Mädchen seufzend,
»wenn man verlassen von Gott?«
»Kein Mensch ist von Gott verlassen«, versetzte Tobia, »keiner, nur
geprüft wird man von Gott, nicht verlassen.«
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»Wir werden aber mehr geprüft als alle Anderen zusammen«, gab Esther
zur Antwort, »und doch haben wir nicht mehr gesündigt als sie. Bin ich
nicht fleissig vom Anbruch des Tages bis tief in die Nacht hinein,
Tate, und kann nicht einmal meinem blinden Vater das Stübchen heizen
und Kuchen backen, die doch der Aermste hat zum Schuschan-Purim.«
»Was brauchen wir Kuchen, wir hören doch die Musik und hören die Leute
lachen«, sagte Vater Fischthran.
»Mir thut es von Herzen weh, wenn sie lachen«, murmelte das arme
Mädchen und begann wieder zu weinen, aber ganz leise, damit es ihr
alter Vater nicht höre, denn sehen konnte er es ja nicht, wie sie
die kleinen mageren Hände vor die Augen presste, aber Haman sah es,
Laktef Wilna sah es und eilte auf seinen Stelzen rasch davon. Er
war der Sohn wohlhabender Eltern, er hätte können Geld in Esther's
Fenster werfen und der Armen wäre geholfen gewesen, aber das hätte ihm
keine Freude gemacht, er war nur dann zufrieden, wenn er den Leuten
irgend einen Schabernack anthun konnte, und so war er auch jetzt
entschlossen, hier den Armen einen liebenswürdigen und anderswo den
Reichen einen ärgerlichen Possen zu spielen. Er ging zuerst zu dem
Hause des Holzhändlers Jainkef Jeiteles, lehnte sich an die Hofmauer
und begann von dem jenseits hoch aufgeschichteten Holze ein Scheit
nach dem anderen herüber zu ziehen und dem untenstehenden Monderisch,
seinem Freunde Teitel Silberbach, zuzuwerfen. Dann kehrten sie rasch zu
dem Hause, wo Esther wohnte, zurück, Laktef stieg von seinen Stelzen
herab, und Beide schlichen bis vor Fischthrans Thüre und schichteten
das Holz vor derselben auf. Als dies geglückt war, eilte Haman rasch
durch die Strassen und blickte in alle Fenster, und richtig, bei
Jonathan Schmeikes, dem Kaufmann, hatten sie auf das Küchenfenster
zwei grosse Schüsseln mit dampfenden Kuchen gestellt und die Köchin
war eben beim Herde beschäftigt und kehrte den Rücken. Schnell hatte
sich Haman der Kuchen bemächtigt und wie mit Siebenmeilenstiefeln ging
es wieder zurück zu der kleinen Esther. Jetzt schlich Monderisch mit
seinem grossen Turban hinauf, klopfte dreimal laut an die Thüre und
entfloh. In dem Augenblick, da Esther aufstand und öffnete, zog Laktef
Wilna eilig die Strümpfe heraus, warf die Kuchen durch das Loch in der
Scheibe hinein, verstopfte dasselbe wieder und versteckte sich dann
hinter der Dachrinne.
Als Esther die Thüre öffnete, rief sie: »Tate, wir haben Holz, wer hat
uns das gebracht?«
»Holz?« sprach Tobia staunend, »wer sollte uns Holz bringen?«
»Es hat doch dreimal geklopft«, fuhr Esther fort, »und als ich öffne,
liegt das Holz da, und was für ein prächtiges Holz! Darf ich das
nehmen?«
»Frage nicht lange, mein Kind.«
»Aber es ist wie ein Zauber.« Sie schichtete das Holz hinter dem Ofen
auf, zerhackte eines der grossen Scheiter, machte Spähne, und bald
prasselte im Ofen ein herrliches Feuer und die kleine Stube erwärmte
sich behaglich. Esther trocknete ihre Thränen. »Und hier! was soll das
bedeuten. Tate«, schrie sie auf, »das ganze Fenster voll Kuchen!«
»Kuchen?« wiederholte der Blinde ungläubig, vor Freude bebend.
Esther reichte ihm einen und Beide begannen zu essen.
»Noch ganz warm«, sprach sie, »aber das ist ja alles wie ein Wunder.«
»Siehst Du, Esterka, Gott hat uns nicht verlassen«, sprach der Blinde,
»das ist der Prophet Elias, der hat gesehen Deine Thränen und ist
gekommen uns zu beschenken zum Schuschan-Purim.«
»Ja, Tate, niemand als der Prophet Elias.«
Beide begannen zu beten.
»Wenn er aber da ist bei uns und sieht unsere Noth«, begann wieder
Esterka, »warum bringt er mir nicht auch warme Kleider und Schuhe, zu
kleiden meinen blinden Vater?«
»Was brauche ich warme Kleider«, rief Tobia lächelnd, »hab' ich doch
jetzt ein warmes Stübchen, aber Du, mein Kind, Du thust laufen eppes
zu die Leute durch Frost und Schnee in Deinen zerrissenen Schuhen und
Deinem dünnen Kleidchen.«
»Verlange nicht zu viel, Tate«, beschwichtigte ihn Esther, »hab' ich
doch auch ein warmes Tuch.«
»Wenn der Prophet Elias will«, entgegnete der Blinde ärgerlich, »so
kann er Dich kleiden wie eine Prinzessin, er kann Dich kleiden in einen
Zobelpelz, wenn er nur will.«
»Aber Tate --«
»Und ja, wenn man schon bittet, soll man ordentlich bitten, und so
bitte ich ihn um einen Zobelpelz für Dich.«
»Tate, er wird böse werden, und es wird verschwinden das Holz.«
»So soll es nicht Zobel sein, aber Du sollst haben einen Pelz.«
»Wozu? bedenke doch.«
»So soll es nur eine Jacke sein, gefüttert mit Pelz, dass Du nicht mehr
frierst.«
* * * * *
Laktef Wilna hörte alles und lachte heimlich in sein gutes, mitleidiges
Herz hinein, und wieder eilten die Stelzen hin und her, und Haman's
grosse Nase blickte in alle Fenster und sein Arm langte hinein, wo
es nur anging und bemächtigte sich der Sachen, die der Prophet Elias
nöthig hatte. Vor dem Laden des Trödlers Winkelfeld hingen ein paar
rothe Hausstiefel, die er von einem Edelmann erhandelt, Haman nahm
sie, ohne viel zu fragen, mit. Bei dem reichen Sprintze Veigelstock
entlehnte er einen schwarzen Atlaskaftan, bei den Töchtern des
Freudenthal ein Paar neue Schuhe und ein Kleid. Aber die Pelzjacke?
Richtig, bei Frau Zuckerspitz waren die maskirten jungen Leute
eingedrungen und sie tranken jetzt Tscha und tanzten, und die schöne,
kokette Frau hatte ihre mit Zobelpelz ausgeschlagene und gefütterte
Kazabaika abgeworfen, und da das Fenster nur zugelehnt war, öffnete es
Laktef Wilna leise und nahm die Kazabaika vom Stuhl.
Mehrere Minuten später klopfte es an Esther's Fenster.
»Das ist er«, flüsterte Tobia, »thu' ihm auf.«
Esther öffnete das Fenster und lief dann hinter den Ofen und schloss
die Augen. Als sie dieselben wieder öffnete, lagen der Kaftan da und
die Kazabaika, das Kleid und die Schuhe und Stiefel. »Tate«, rief
sie, »er hat uns gebracht alles, was wir haben erbeten.« Sie schloss
das Fenster und zog dem blinden Vater die warmen Stiefel an und
den seidenen Kaftan und zog selbst die Schuhe an und das Kleid und
schlüpfte in die prächtige Kazabaika der Frau Zuckerspitz.
»Was für ein Glück!« rief der Blinde, »gewiss stehst Du jetzt da,
Esterka, wie eine Prinzessin. Komm' doch zu mir.« Und da er sie nicht
sehen konnte, so strich er mit der zitternden Hand, sie zitterte jetzt
vor Freude, über den Sammt der Kazabaika und das schwellende Pelzwerk.
»Das ist Zobel, mein Kind«, sprach er fast erschreckt, »der gute
Prophet Elias hat mich gehört und hat Dir gebracht zum Schuschan-Purim
eine Jacke mit Zobelpelz. Siehst Du, wie uns Gott liebt? Und da der
Prophet Elias uns hat geschenkt so viel, soll er auch bringen meinem
Kinde einen braven, schönen und jungen Mann.«
Esther hielt ihm den Mund zu. »Sei ruhig, Tate, sonst verschwindet noch
alles, so wunderlich, wie es gekommen ist.«
[Illustration]
Laktef Wilna aber blickte durch das Fenster in das Stübchen, und als
er Esther so stehen sah in dem hübschen Kleide und der prächtigen
Pelzjacke, da dachte er: was für ein schönes Mädchen, und so brav und
klug, und so reinen Herzens, warum soll sie nicht finden einen Mann?
Sie aber lächelte und sprach: »Tate, wer sollte mich nehmen, die keinen
Groschen hat?«
»Weisst Du was?« flüsterte Tobia, »Du sollst versuchen Dein Glück,
Esterka, und am Schuschan-Purim legen eine Schlinge.«
»Warum nicht?« rief Esther lachend, »ich will gehen auf die Strasse,
und will legen einem Manne eine Schlinge, aber wenn ein Alter schreitet
über die Schlinge und fängt sich, oder Einer, der einen Buckel hat?«
Sie lachte und lachend riss sie sich drei ihrer glänzenden, schwarzen
Haare aus und knüpfte sie zu einer Schlinge, während ihre rothen Lippen
kabbalistische Worte murmelten und Laktef Wilna sah sie die Schlinge
knüpfen und lachte und dachte: »Warte nur, Du sollst den losesten Vogel
der ganzen Khille fangen in Deiner Schlinge.«
Und als Esther vorsichtig aus dem Hause trat, war Haman von seinen
Stelzen herabgestiegen, hatte Hut und Gewand und Nase seinem Freunde
übergeben und in dem Augenblicke, wo sie die Schlinge gelegt hatte und
sich scheu in das Hausthor zurückzog, kam Laktef Wilna daher, schritt
über die Schlinge hinweg und war gefangen und Esther mit ihm, denn er
erhaschte sie im Hausthor, schlang die kräftigen Arme um die schlanke,
bebende Gestalt und küsste sie auf die rothen Lippen. Sie aber machte
sich los und floh die Treppe hinauf.
* * * * *
Am nächsten Morgen beklagte Frau Zuckerspitz ihre Kazabaika und
Veigelstock seinen Kaftan und der Trödler seine Stiefel, und Laktef
Wilna erschien und klärte alles auf. »Ich habe genommen Ihre Kazabaika
und habe sie gegeben einem armen Mädchen«, sprach er zu der schönen
Kokette, »und sie glaubt, dass der Prophet Elias sie hat beschenkt,
aber Sie sollen die Kazabaika wieder haben.«
»Nein, nein«, rief die Schöne, »sie war so nicht mehr ganz neu. Sie
haben gethan ein gutes Werk für mich, und mein Mann soll mir kaufen
eine neue.« Und genau so erging es ihm bei den Anderen, denn einen
Armen beschenken, ist für den gläubigen Juden stets nur eine Freude.
An demselben Vormittag erschien aber der alte Wilna bei Tobia
Fischthran und hielt bei ihm, für seinen Sohn, um die schöne Esther an.
[Illustration]
[Illustration]
Die Erlösung.
-- UNGARN. --
Col-Nidre. -- Kapores.
Es war Col-Nidre, der Abend vor dem Versöhnungstage. Die sonnige
Heiterkeit des Herbstes lag wie süsser Duft auf den buntfarbigen
Bäumen des Waldes, den weiten, stillen Fluren und den kleinen, mit
rauchigen Schindeln gedeckten Häusern des ungarischen Städtchens.
Ein letzter warmer Lichtstrahl stahl sich fast verschämt durch die
halb erblindeten Fensterscheiben in das Haus des Kaufmanns Teller
Herschmann und zitterte auf der Diele der grossen Stube, gerade als die
beiden Männer hier eintraten, von deren Antlitz gleichfalls Licht, der
Sonnenschein des Geistes und der Wissenschaft, in diesen dunklen Raum
strahlte, in dem die Seelen ebenso dunkel waren, wie die zahlreichen
Winkel und Winkelchen, welche die alten, massiven Möbel bildeten.
Der zuerst hereinkam, war der Arzt Jonas Bienenfeld, der Bruder der
Frau Herschmann. Er kam, um ihr und den Ihren Glück zu wünschen,
und es war nur an diesem Tage, dass er kam, denn er galt als arger
Freigeist in der frommen strenggläubigen Gemeinde und war deshalb
halb ausgestossen, einer von Jenen, denen die Zeloten der Synagoge
von ganzem Herzen wünschen, »dass sie die Erde verschlinge«, und wenn
ihn die Erde noch nicht verschlungen hatte, so war es wahrlich nicht
die Schuld der Eiferer, die an den Wänden des Tempels zu stehen und
dieselben anzurufen pflegten.
Mit Jonas Bienenfeld war diesmal ein junger Mann gekommen, dessen
schlanke Gestalt, dessen feines, ein wenig bleiches Gesicht bei all'
seiner Jugend den Denker, den ernst und entschlossen nach Erkenntniss,
nach Wahrheit Ringenden verriethen. Es war dies der Liebling des
geistvollen, jovialen Arztes, der Student der Medizin, Abner Barach,
den der Erstere mitgebracht hatte, damit er seine Nichten kennen lerne.
[Illustration]
Als die Beiden erschienen, hatte Frau Maecha Herschmann eben mit den am
Col-Nidre üblichen, seltsamen, jüdischen Zeremonien begonnen. Während
die übrigen Kinder, festlich gekleidet, feierlich im Halbkreise um
sie standen und eine Anzahl Hühner, die Kapores (Opfer) gleichfalls
geschmückt und die Füsse mit farbigen Bändern zusammengebunden,
auf dem Boden lag, sass mitten in der Stube, auf einem Stuhl, mit
gesenktem Haupte ein Mädchen, ihre älteste Tochter Mathele. Von
dem einfachen weissen Kleid, das sie trug, hob sich ihr leicht
geröthetes, unschuldiges Gesicht mit den dunklen Flechten reizvoll und
herzgewinnend ab.
Abner's Blick ruhte überrascht auf dieser keuschen, schönen
Erscheinung, die geboren schien, um zu dienen, zu gehorchen, zu leiden,
und jetzt schlug auch sie die Augen auf, zwei grosse, dunkle, sanfte
Augen, in denen ein schwermüthiger Glanz war, der Glanz der Thränen.
Sie sahen sich zum erstenmal, der junge Arzt und die Tochter des
Zeloten, aber sie blickten einander an, als wären sie sich schon einmal
auf einem anderen Sterne begegnet, ja, als wären ihre Seelen seit
Ewigkeit mit einander vereint.
Frau Maecha Herschmann sprach indess mit einem vielsagenden Blick auf
ihren halb verlorenen Bruder das uralte, wundersame Eingangsgebet:
»Menschenkinder, welche in Finsterniss sitzen, sie sind gefesselt in
Armuth und Eisen. Er soll sie aus der Finsterniss herausführen und
ihre Bande zerreissen. Sie sind bethört von ihrem frevelhaften Wesen,
von ihren Sünden sind sie gequält. Jede Speise verabscheut ihre Seele
und sie gelangen bis zur Pforte des Todes, sie flehen zum Ewigen in
ihrer Noth. Von ihren Drangsalen hilft er ihnen, er schickt seine Worte
und rettet sie von ihrem Verderben. Sie danken dem Ewigen für seine
Gnade und seine Wunderthaten. Wenn er einen Engel zum Vorsprecher hat,
der von des Menschen Redlichkeit zu sagen weiss, dann wird er ihn
begnadigen und wird ihn erretten vom Untergange, von der Gruft, und er
wird sagen: Ich habe Erlösung gefunden.«
Als dies Gebet zu Ende war, schwang die Mutter den ängstlich
flatternden und schreienden, jungen Hahn, den sie in der Hand hielt,
dreimal um das Haupt Matheles und fuhr fort: »Das ist meine Umwandlung,
das ist mein Tausch, das ist meine Vergebung. Dieser Hahn soll dem Tode
geweiht sein, und ich soll langes Wohlleben und Freude erlangen.«
Nachdem die Sühnezeremonie auch an den anderen Kindern vollzogen war,
wurden die armen Opfer, die Kapores den armen Leuten geschenkt, welche
bereits freudig erregt in der Flur den willkommenen Braten erwarteten.
Die Familie sass dann um den grossen Tisch herum, und während
Bienenfeld seinen gutmüthigen Witz an den Zeloten des Städtchens übte,
Teller Herschmann beharrlich schwieg und Frau Maecha entrüstet seufzte,
wechselten Abner und Mathele von Zeit zu Zeit einen Blick oder ein paar
Worte, die, so gewöhnlich sie auch klangen, für diese Beiden süsse
Musik waren.
Der lange Tag, so genannt, weil das strenge Fasten und Dürsten von
Sonnenuntergang zu Sonnenuntergang auch dem Frömmsten schwer wird, ging
glücklich vorüber. Alles nahm wieder fröhliche Miene in Israel an, und
Abner, der bei Bienenfeld wohnte, und sich zu seinem Doktorexamen
vorbereitete, begann in seinen freien Stunden das dunkle Haus des
strengen finsteren Teller Herschmann fleissig und immer fleissiger zu
besuchen.
Als er wieder eines Nachmittags kam, fand er die schönen Augen
Mathele's in der That mit echtem Thränenglanz gefüllt.
»Was ist denn geschehen?« fragte er erschreckt.
Das schöne Mädchen deutete auf ihre Katze, die unter dem Ofen lag und
schwer athmete.
»Ich glaube, sie stirbt.«
»Wer?«
»Meine Lili.«
»Oh! man stirbt nicht so schnell,« versetzte Abner lächelnd, »und die
Katzen insbesondere haben ein zähes Leben. Machen Sie mich also nur
getrost zu Ihrem Hofmedikus, und lassen Sie mich Ihre kleine Freundin
sehen.«
Mathele lächelte verlegen, nahm Lili auf den Arm und der zukünftige
Doktor begann das niedliche Thier zu untersuchen.
»Das hat nicht viel zu bedeuten,« sagte er dann, »ein Katarrh, weiter
nichts. Lili ist meine erste Patientin, und ich will es als ein gutes
Omen nehmen, wenn ich sie heilen kann. Aber, um Sie zu beruhigen,
Fräulein, will ich sofort Arznei holen.«
Abner ging und kehrte rasch mit einem homöopathischen Mittel zurück.
Während jetzt Mathele das niedliche Thierchen festhielt, öffnete
der junge Mediziner demselben mit einem kleinen Löffel die Zähne
und flösste demselben die Medizin ein. Das Kätzchen wehrte sich
heldenmüthig mit den beiden Sammtpfötchen, indem es zugleich miaute,
aber trotz seines Widerstandes wurde die Kur glücklich begonnen und zu
Ende geführt, und als Lili zum erstenmal, ihr schneeweisses Fell an der
Sonne wärmend, behaglich zu schnurren begann, da blickten Mathele's
grosse Kinderaugen mit heiterer Dankbarkeit auf Abner, sie hätten nicht
dankbarer blicken können, wenn er sie selbst vom Tode errettet hätte.
Fortan bekam der Mediziner jedesmal ein freundliches, gutes Lächeln zum
Gruss, und wenn er unter den Kindern sass und ihnen von den Wundern des
menschlichen Organismus erzählte, da hingen die grossen Augen Mathele's
mit fast zärtlicher Bewunderung an seinem geistvollen Gesicht, seinen
feurigen Lippen.
Und so geschah es, dass er einmal zur Dämmerstunde in das
Verkaufsgewölbe Herrn Teller Herschmann's trat, und während die Mutter
mit den Kleinbürgern und Bauern schacherte, die Tochter in dem kleinen,
mit allerhand bunten Bildern beklebten Verschlag vor dem Hauptbuch
sitzend und emsig rechnend fand. Sie sah zu ihm auf, steckte die Feder
hinter das Ohr und bot ihm die Hand.
»Guten Abend, Herr Barach.«
»Guten Abend, mein Fräulein.«
»Ich bitte Sie, sich nur einige Minuten zu gedulden«, fuhr sie fast
flehend fort, »ich bin gleich fertig.«
»Oh! ich kann warten.«
Er setzte sich auf einen Ballen, der in der Ecke lag, und wurde nicht
müde, der kleinen weissen Hand zu folgen, die eilig auf dem Papier hin
und her flog, oder das feine gute Gesicht zu betrachten, das sich mit
kindischem Ernst über das grosse Buch neigte, während die vollen rothen
Lippen sich zählend bewegten.
Endlich legte das Mädchen die Feder hin, und als Abner aufstand, sah
er, dass ihre niedlichen Finger ganz schwarz von Tinte waren. Sie hob
sie in die Höhe und blickte rathlos empor.
»Erlauben Sie mir, Mathele, von diesen reizenden, kleinen Fingern die
garstige Tinte wegzuküssen«, sprach Abner, und ehe noch die Erlaubniss
ertheilt war, hatte er die Hand des süssen Mädchens ergriffen und seine
Lippen auf ihre Finger gedrückt.
»Was thun Sie?« flüsterte Mathele, »wenn die Mutter ...«
»Ich thue, was ich muss«, murmelte Abner.
»Und was müssen Sie?« fragte Mathele schalkhaft, »doch nicht mir die
garstige Hand ...«
»Ich muss Sie lieben, Mathele«, fiel Abner ein, »ich kann nicht anders,
ich liebte Sie vom ersten Augenblicke an, wo ich Sie gesehen. Es ist
wie ein Märchen.«
»Oh! ich kann Ihnen ein Märchen erzählen«, erwiderte Mathele selig
lachend, »das ebenso schön ist, von einem thörichten Mädchen, dessen
armes Herz auch beim ersten Blick erobert wurde von einem jungen Manne,
der sehr gescheidt ist und gelehrt. Ach, Abner! ich liebe Sie ja auch.
Aber was soll daraus werden?«
»Etwas Gutes, Mathele«, rief der Mediziner, »denn wo zwei Herzen sich
in Treue begegnen, da wachen Gottes Engel, und kein Dämon hat Macht
über sie.«
Aber der Dämon war doch nicht so leicht zu besiegen, der Dämon der
Finsterniss, des Zelotismus, vereint mit jenem der Habsucht.
Maecha sah die Besuche Abner's in ihrem Hause von allem Anfang
mit misstrauischen Blicken an, und mit der Zeit wurde auch Teller
Herschmann aufmerksam. Er hatte eine gute Partie für seine Tochter,
einen Mann, »wie Gold«, und nun sollte ihm dieser »Bettler«, dieser
Amcharetz (Ketzer), wie er ihn nannte, seine Fäden zerreissen. Nein,
das duldete er nicht, er war Herr des Hauses und auch seiner Tochter.
Sie musste gehorchen, das war eine religiöse Pflicht in seinen Augen.
Es kam der Tag, wo Teller Herschmann unerwartet den reichen Kornhändler
Mark Leiser aus Kaschau seiner Frau und Tochter als den Bräutigam der
letzteren vorstellte. So sanft und folgsam Mathele war, diesmal fand
sie doch Worte des Widerspruches, ja sie setzte sich sogar muthig zur
Wehre.
»Du machst mich unglücklich, Tate«, sprach sie, als sie mit ihrem Vater
allein war, »ich will nicht, ich kann nicht Mark Leiser's Frau werden,
Du brichst mir das Herz, denn ich liebe Abner Barach, ich kann keinen
Anderen lieben.«