Es war spät, als man zur Ruhe ging und zwar ohne das Nachtgebet zu

sprechen. Denn in dieser Nacht wacht Gott selbst über jedem jüdischen

Hause, wie einst in Egypten.

* * * * *

Am folgenden Tage nach dem Essen, während noch alle bei Tisch sassen,

kam fast die ganze Gemeinde zum Besuch in das Haus der Frau Goldenblum.

Da war der Rabbiner, der gerne etwas Neues aus Amerika hören wollte,

der Lehrer, der Schames, der Kantor, die Nachbarn und Nachbarinnen,

alle, und ein Lärm war in dem kleinen Speisesaale, dass man kaum sein

eigen Wort verstehen konnte.

Nur wenn Fritz auf verschiedene Fragen antwortend zu erzählen begann,

trat sofort tiefe Stille ein, und der gemüthliche Kreis lauschte mit

naiver Neugier, bis es Zeit war, zur Minha, zum Nachmittagsgebet.

Am ersten Tage der Halhammad (Halbfesttage) ging Fritz mit Sarah hinaus

in die Felder. Allerorten sah man die grünenden Wintersaaten zwischen

den frisch gepflügten, schwarzen Aeckern, an jedem Rain sprossen

Blumen, die Bäume knospeten und über diesem kleinen Paradiese lachte

der blaue Himmel und leuchtete die Sonne warm und fröhlich.

Die jungen Leute hielten sich an der Hand und sprachen kein Wort, sie

konnten nicht, ihre Herzen waren so voll von Glück und von Dankbarkeit

gegen den Schöpfer des Himmels und der Erde.

Aber endlich fand Fritz doch Worte. »Sarah, wir werden uns jetzt

niederlassen und Hochzeit feiern, sag' mir, mein Leben, mein Kleinod,

willst Du lieber Land haben und Vieh und Geflügel oder ein Geschäft?«

»Wie Du willst, Fritz«, erwiderte sie lächelnd, »was Dir recht ist, ist

mir auch recht, denn Dein Schmerz ist mein Schmerz und Deine Freude

meine Freude.«

»Dann will ich den Hof des François Schnegans kaufen«, sagte Fritz,

»ich kann ihn haben. Es ist der Mutter wegen, es wird ihr das Leben

verlängern.«

»Du guter Fritz!« rief Sarah, »ja, thu' es, es wird uns Segen bringen.

Ehre Vater und Mutter, damit es Dir wohl ergehe auf Erden.«

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Machscheve.

-- ENGLAND. --

Omer. -- Jüdischer Aberglaube. -- Lillith.

Schalom Raphaeli war einer der reichsten Handelsherren in England.

Vordem, in jungen Jahren, hatte er mit Zündhölzchen gehandelt, jetzt

besass er ein Waarenhaus in Bath und ein Palais im italienischen

Stil. Seine Schiffe segelten nach Amerika, nach Indien und Japan.

Sein ältester Sohn, Moses stand an der Spitze des Geschäftes. Schalom

selbst war bequem geworden, er bewohnte mit seiner Familie ein kleines

Schloss in der Nähe. Hier trieb jedes Glied der Familie irgend eine

Liebhaberei, Schalom zog Blumen und Fruchtbäume, seine Frau Edith war

für schöne Pferde und die Hetzjagd passionirt, seine Tochter Noëmi zog

Tauben, und sein jüngster Sohn, Juda, trieb philologische Studien.

Dieser Juda, den sein Vater geradezu abgöttisch liebte, bereitete ihm

auch die meisten Sorgen. Zuerst, weil er keine Lust zum Handel hatte,

und sich in hebräischen, griechischen und lateinischen Folianten

vergrub, dann, weil er jede Braut, die seine Eltern für ihn erwählt

hatten, zurückwies und sich nicht verheirathen wollte.

Schalom Raphaeli war endlich überzeugt, dass sein Sohn behext sei.

Unternehmend als Kaufmann, kühn als Schiffsherr, war Schalom für seine

Person unglaublich furchtsam und abergläubisch. Wenn er im Sommer einen

Besuch bei Nachbarn machte und entdeckte, dass sich kein Blitzableiter

auf dem Dache befand, liess er die Pferde niemals ausspannen und

beeilte sich, wieder den Rückweg anzutreten. Schlief er einmal in einem

fremden Hause, so untersuchte er sofort, ob wohl Gitter an den Fenstern

seien. Begegnete er einem Hunde, der die Zunge heraushängen liess,

war er im Stande, sich über den nächsten Zaun zu schwingen und die

Flucht zu ergreifen. Eine besondere Angst hatte er vor dem Petroleum.

In seinem Hause durfte keines gebrannt werden. Er schnitt aus den

Journalen alle Notizen aus, wo von Unglücksfällen durch Petroleum die

Rede war und legte sie seinen Bekannten vor, sobald diese den Heroismus

besassen, Petroleum zu brennen.

[Illustration]

Wenn die Passahwoche vorüber war, begann eine Zeit immerwährender

Aufregung für Schalom. Der Zwischenraum zwischen Passah und Schebuoth

(Ostern und Pfingsten) nach dem Maass Gerste, das man vordem in

Jerusalem zu opfern pflegte, Omer genannt, galt ihm, der noch ganz in

den alten Traditionen des Ghetto befangen war, als eine Zeit der Gefahr

und des Unglücks.

Während des Omer haben die bösen Geister und Dämonen, die Schaïdim und

Masikim, welche Luft und Erde erfüllen, einen besonderen Einfluss und

auch die Machscheves, die Hexen, treiben ihr Unwesen. In dieser Zeit

ist die grösste Vorsicht geboten und Schalom Raphaeli war nicht der

Mann, es an Vorsicht fehlen zu lassen.

Gleich am ersten Abend des Omer schlug er selbst an dem Thürpfosten den

schönen Psalm: »Erhebe ich meine Augen zu den Bergen, woher kommt mir

Hülfe? Meine Hülfe kommt von Adonai, der gemacht Himmel und Erde.«

In dieser gefährlichen Zeit achtete Schalom ängstlich darauf, dass

Niemand die abgeschnittenen Nägel oder Haare wegwarf, sie mussten vor

ihm verbrannt werden, er gestattete weder zu pfeifen, noch Steine zu

werfen, noch eine Feuerwaffe abzuschiessen, noch zu Pferde zu steigen

oder auszufahren. Sogar den Dienern war es strenge verboten, in

Hemdärmeln herumzugehen, verboten Jedermann, einen Kahn zu besteigen,

verboten, Nachts in den Spiegel zu sehen.

Da Schalom ein seelensguter Mensch, da er der Sklave seiner Frau, der

Diener seiner Tochter und der gute Kamerad seines Sohnes war, so

fügten sich alle, aber es gab stets verdriessliche Gesichter, denn

Edith entsagte mit schwerem Herzen dem Sattel, Noëmi vergoss jedesmal

Thränen, wenn ein Habicht ihr ein Täubchen entführte und sie ihre

kleine Flinte nicht von der Wand nehmen durfte, und Juda war noch

stiller und ernster als sonst vor seinen Büchern, seitdem der Kahn

nicht von der Kette gelöst werden durfte.

* * * * *

Als Schalom eines Tages in die Stadt ging, um seine Geschäfte zu

besorgen, athmeten alle befreit auf. Frau Edith liess ihren Rappen

satteln, und Noëmi lud ihre Flinte. Juda liess zwar den Kahn an der

Kette, aber Nachmittags bestieg er gleichfalls ein Pferd und ritt davon.

Als Schalom Abends heimkehrte, sass Edith bereits wieder in ihrem

Salon, und Noëmi stöberte in der Bibliothek umher, aber Juda war noch

nicht zurück.

Schalom ging an den Ort, wo der Kahn lag, dann in den Stall und zählte

die Pferde. Als er in den Salon zurück kam, war er bleich und ging

aufgeregt auf und ab.

»Wo ist Juda?« fragte er endlich.

»Nicht weit«, erwiderte Noëmi, »er muss jeden Augenblick kommen.«

»Muss!« rief Schalom, »wenn er aber nicht kommt?«

»Juda ist doch kein Kind,« bemerkte Edith, »wenn ich ruhig bin,

brauchst Du doch auch keine Angst zu haben.«

»Brauchen?« rief Schalom, »wenn ich aber doch habe? Niemand kann mir

verbieten, Angst zu haben. Wenn er nur nicht zu Cooks ist, dort brennen

sie Petroleum.«

Schalom kämpfte einen schweren Kampf. Aber endlich siegte die Liebe

zu seinem Sohne über seine Furchtsamkeit und er ging hinab, liess ein

Pferd satteln, fragte, in welcher Richtung Juda fortgeritten wäre und

schlug denselben Weg ein.

Es war indess dunkel geworden und zum Ueberfluss stieg noch dichter

Nebel aus den Wiesen und Gehölzen empor. Schalom war es recht

unheimlich zu Muthe, aber er trieb sein Pferd an und sprach sich

Trost zu. »Du hast täglich Deine Gebete verrichtet«, sagte er, »Du

hast strenge alle Vorschriften beobachtet, Du hast reichlich Almosen

gegeben, Gott wird Dich nicht verlassen.«

Doch in demselben Augenblick tauchte aus Nacht und Nebel eine weisse

Gestalt, die ihm zu winken schien. Das Pferd fiel in Schritt, während

Schalom, am ganzen Leibe bebend, zu beten begann. Eine zweite Gestalt,

vom Monde geisterhaft beschienen, der langsam aus den Wolken trat!

Schon wollte Schalom umkehren, da erinnerte er sich, dass hier der

Friedhof lag. Er näherte sich der Mauer und erblickte jetzt die Reihen

der Gräber und die Grabdenkmäler von Cypressen umgeben.

Wieder trabte er vorwärts, als plötzlich vor ihm ein schreckliches

Getöse entstand, das rasch auf ihn zukam. Er trieb sein Pferd über den

Graben, in das Feld, diesmal waren es ohne Zweifel Schaïdim oder gar

Lillith selbst mit ihrem Gefolge.

Vor diesem weiblichen Teufel hatte Schalom einen besonderen Respekt.

Aus dem Unflath der Erde erschaffen, war sie Adam's erste Frau gewesen

und von Gott verflucht, jagte sie Nachts, von einem Heer von Dämonen

begleitet durch die Luft. Alle tausend Jahre versucht sie einen Mann zu

verführen, um von dem Fluche, der auf ihr lastet, erlöst zu werden.

Wenn sie Juda antraf? Wenn er in ihre Netze fiel?

Schon stürmte ein kleiner Wagen heran, an den zehn schwarze Ponnis

gespannt waren. Die Funken stoben unter dem wilden Gefährte, das im Nu

vorüberraste und sofort im Nebel verschwand.

Wenige Minuten später ertönte der Hufschlag eines Pferdes, und ein

junges, schönes Weib sprengte heran und hielt vor Schalom. Sie war

phantastisch gekleidet. Man hätte sie für eine Zigeunerin halten

können, wenn sie nicht so blendend weiss gewesen wäre, und wenn ihr

Haar nicht goldroth wie eine Flamme um ihre Schultern gespielt hätte.

Es war Lillith, die Verführerin, kein Zweifel. Schalom hatte Lust, die

Flucht zu ergreifen, aber sie fragte ihn in gutem Englisch: »Ist dies

der Weg nach Bath?« und das beruhigte ihn ein Wenig.

»Es ist etwas spät, um einen Spazierritt zu machen«, sagte er,

»fürchten Sie sich nicht, Madame?«

»Oh! ich bin auf dem Pferde geboren,« rief die Schöne lachend. »Haben

Sie nicht von Miss Cornills gehört? Gesellschaft ist auf dem Wege nach

Bath, wo wir einige Zeit Vorstellungen geben werden.«

»Sie sind also?«

»Eine Kunstreiterin«, erwiderte Miss Cornills und gab ihrem Pferde

einen Schlag mit der Gerte. Während sie im Nebel verschwand und Schalom

seinen Weg fortsetzte, dachte er: »Wenn es auch nicht Lillith ist, eine

Teufelin ist es doch, und ich bin froh, dass Juda ihr nicht begegnet

ist.«

* * * * *

In demselben Augenblick strauchelte sein Pferd, und Schalom fiel in den

Strassengraben.

»Da haben wir's«, rief er laut. Als er sich wieder erhoben und sich

überzeugt hatte, dass er weder Hals noch Arm gebrochen, entdeckte er,

dass das rechte Bein ihn schmerzte. »Habe ich nicht gesagt«, murmelte

er, »dass man zu Omer nicht reiten soll.«

Indess hatte der Nebel sich etwas verzogen, und Schalom sah, dass

er sich nur hundert Schritte von dem Landhaus befand, das die ihm

befreundete jüdische Familie Cook bewohnte. Als er sein Pferd beim

Zügel führend sich dem Thor des Parkes näherte, gewahrte er einen

Reiter, der an der Mauer hielt, und eine weibliche Gestalt, die sich

von derselben zu ihm herüberneigte.

[Illustration]

Schalom band sein Pferd an und schlich durch die Gebüsche an das

verliebte Pärchen heran. Ja, es war sein Juda, wie er gleich vermuthet

hatte, und die Dame war Lea Meborah, die Erzieherin der Kinder Cook's.

Ein hübsches Mädchen aus achtbarer jüdischer Familie und sehr gebildet,

ja gelehrt, denn sie verstand ebenso gut Griechisch, wie Latein,

Hebräisch und Arabisch.

»Das ist also die Machscheve«, dachte Schalom, »diese hübsche Hexe ist

es, die ihn behext hat. Darum ist ihm keine Braut vornehm genug.«

»Ich muss nun fort«, sprach Juda, »mein Vater könnte zurückkehren und

ich will ihm keinen Kummer bereiten.«

»Sie haben recht,« erwiderte Lea, »Sie bereiten ihm ohnehin Kummer

genug, da Sie sich nicht verheirathen wollen.«

»Ich werde niemals verlangen, dass er uns seinen Segen gibt«, sagte

Juda, »aber ebenso wenig werde ich jemals eine Andere zur Frau nehmen,

als Sie, Lea. Sie, Sie sind mein Alles, nichts kann uns trennen.«

»Ich warte jetzt schon drei Jahre«, gab Lea zur Antwort, »ich kann noch

länger warten, mein ganzes Leben, wenn Sie nur Ihr Herz keiner Anderen

schenken.«

Schalom hatte genug gehört.

* * * * *

Am nächsten Morgen sagte Schalom lächelnd zu Juda: »Ich habe wieder

eine Braut für Dich.«

»Ich danke«, erwiderte Juda, »ich bleibe lieber unverheirathet.«

»Aber diesmal ist es eine Gelehrte.«

»Ich will keine Gelehrte und keine Ungelehrte.«

»Auch Lea Meborah nicht?«

»Vater scherzen Sie nicht«, rief Juda erregt.

»Ich scherze nicht«, gab Schalom zur Antwort, »Du sollst Lea haben,

aber unter einer Bedingung.«

»Oh! ich nehme jede an.«

»Also unter der Bedingung, dass Du nie wieder zu Omer ein Pferd

besteigst, und dass Du in Deinem Hause kein Petroleum brennst.«

[Illustration]

[Illustration]

Der Todesengel.

-- ITALIEN. --

Der Schnorrer. -- Galoth. -- Jüdische Askese.

Es war in einer frostigen Dezembernacht. Der Winter hatte die Appeninen

in schimmernde Eiswälle verwandelt und alle Thäler mit Schnee gefüllt.

Ein eisiger Wind blies durch die Wipfel der Bäume und schüttelte die

Eiszapfen gleich tausend klingender Schellen. Das Heer der Sterne

bedeckte den weiten Himmel. Weisse Gestalten standen am Wege,

geheimnissvoll, gespensterhaft. Und ringsum war die Stille des Todes.

Trotzdem wanderte ein Mann durch diese wilde Gegend, durch diese

Nacht voll Schrecken. In ein härenes Gewand gehüllt, barhaupt, auf

einen Stock gestützt, schleppte sich Zeruja Nebusch nur noch mit Mühe

vorwärts; aber er fürchtete weder Frost, noch Ermattung, noch die

Lawinen, die von den Bergen stürzten, noch die Abgründe, die sich

von Zeit zu Zeit am Rande seines Weges öffneten. Er befand sich auf

jener grauenhaften Wanderung, die der Jude Galoth nennt und welche den

Menschen zum Gefährten des Wolfes und des Raubvogels macht.

Drei Tage und drei Nächte hatte er ununterbrochen gefastet, nicht

einmal ein Tropfen Wasser war über seine Lippen gekommen und ebenso

lange hatte er unter keinem menschlichen Dache geruht. Noch trugen

ihn seine Füsse vorwärts, aber er fühlte, dass seine Kräfte zu Ende

waren. Der Frost peinigte seinen erschöpften Körper, der weiche Schnee

lud ihn zum Schlafen ein. Er wusste, dass er erfrieren würde, sobald

er nur einen Augenblick ruhen wollte, und so ging er vorwärts, obwohl

eine Art sanft betäubender Musik in seine Ohren klang und um ihn ein

überirdischer Glanz war, wie vor den brechenden Augen eines Sterbenden.

Endlich ertönte Hundegebell und wurde ein Dach sichtbar, aus dem blauer

Rauch emporstieg.

Zeruja konnte nicht mehr weiter. Er näherte sich dem Gebäude, einem

stattlichen Bauernhof, fand das Thor einer Scheune offen, trat ein und

warf sich auf das Stroh.

[Illustration]

Noch immer war der seltsame Glanz um ihn, noch immer klang es ihm in

die Ohren. Er sagte sich, dass sein Ende nahe sei, zog den Sohar, das

heilige Buch der Kabbalisten, aus der Brust und erwartete betend den

Tod.

Plötzlich ging die Thüre auf und auf der Schwelle zeigte sich eine

herrliche Erscheinung. Ein Weib von biblischer Schönheit, im weissen

Gewande, die schwarzen Haare über die Schulter niederwallend, einen

krummen Säbel in der Rechten.

»Sei mir gegrüsst, Engel des Todes!« rief Zeruja und sank zurück. Seine

Sinne schwanden.

* * * * *

Als der wandernde Büsser wieder die Augen öffnete, befand er sich auf

einem weichen Lager in einer grossen Stube. Vor ihm stand ein Mann im

besten Alter, eine kleine Lampe in der Hand, und das schöne Weib, das

er für den Todesengel gehalten hatte, war damit beschäftigt ihn mit

Hülfe verschiedener Essenzen in das Leben zurückzurufen.

»Wo bin ich?« fragte Zeruja.

»In einem frommen, jüdischen Hause«, erwiderte der Mann hebräisch.

Er hiess Salamone Bologna und besass im Dorfe ein Haus, einen Acker

und eine Schenke. Sulamith, seine Tochter, war durch das Hundegebell

aufmerksam geworden, hörte das Thor der Scheune knarren, und da sie

meinte, ein Dieb habe sich eingeschlichen, eilte sie mit einem alten

Säbel in der Hand hinaus und fand den zu Tode erschöpften Pilgrimm.

»Woher kommt Ihr?« fragte das Mädchen.

»Aus Polen.«

»Und wohin geht Ihr?«

»Weiss ein Mensch, wohin er geht?« erwiderte Zeruja. »Ich suche Gott,

wer weiss, ob ich ihn finden werde.« Er sank zurück in die Kissen und

schlief ein.

Es war Mittag, am anderen Tage, als er wieder erwachte. Er kleidete

sich rasch an, ergriff seinen Stock und wollte fort. Doch das Mädchen

hielt ihn zurück.

»Ich darf nicht länger als eine Nacht unter einem Dache weilen«, sagte

Zeruja.

»Bist Du wahnsinnig?«

»Hat nicht Gott zu Kain gesagt: Du sollst unstät und flüchtig auf der

Erde sein?«

»Hast Du Deinen Bruder ermordet, wie Kain?«

»Nein, aber jeder Mensch ist sündhaft, und habe ich meine Sünden

abgebüsst, so büsse ich für die Sünden der Anderen.«

»Du kannst nicht fort«, erwiderte Sulamith, »es sind Lawinen

herabgestürzt diese Nacht, und die Brücken sind allerorten zerstört.«

Zeruja seufzte.

»Und heute Abend ist Sabbathanfang, Du kannst nicht am Sabbath wandern.«

Der Pilger ergab sich in sein Schicksal. Er liess sich auf einen

Schemel bei dem grossen Kamin nieder, in dem ein riesiger Holzblock

verglühte und starrte in die Flammen. Sulamith füllte aus einer dicken

Flasche eine röthliche Flüssigkeit in ein kleines Glas und reichte es

dem Pilger.

»Was soll ich damit?« fragte er.

»Trinken -- es ist Arznei.«

»Wer zu Gott nach rechter Art zu beten versteht, der bedarf weder des

Arztes noch der Arznei«, sagte der polnische Schnorrer.

»Wenn Gott wollte, dass Du zu Grunde gehst«, entgegnete das Mädchen,

»so hätte er Dich in dieser Nacht verderben lassen. Er hat Dich aber

unter unser Dach geführt, damit wir Dich retten. Hier nimm.« Sie sah

ihn an und vielleicht war es mehr ihr dunkles Auge, geheimnissvoll, wie

die Kabbalah, das ihn zwang, als dass ihre Worte ihn überredeten. Er

nahm das Glas und leerte es.

»Und nun sollst Du essen.«

»Heute Abend, zum Sabbath, ja.«

»Nein, auf der Stelle. Du willst für fremde Sünden büssen«, rief

Sulamith, »nimm Dich in acht vor allem, dass nicht Andere um

Deinetwillen sündigen.«

»Wie?«

»Du willst uns hindern, das Gebot Gottes zu erfüllen, den Hungrigen zu

speisen, den Durst des Verschmachtenden zu löschen.«

»Gib mir also zu essen.«

* * * * *

Eine Woche war vergangen und Zeruja hatte seine Wanderung nicht

fortgesetzt. Die Ruhe und die Pflege hatten ihm wohl gethan, das

unheimliche Feuer in seinen Augen war gewichen, die Blässe des Todes

auf seinen eingesunkenen Wangen hatte einer gesunden Farbe Platz

gemacht.

»Ich bin mit Dir zufrieden,« sagte eines Tages Sulamith, »Dein Körper

erholt sich langsam, hoffentlich wird Dein Geist gesunden.«

»Ich bin nicht wahnsinnig«, antwortete der Büsser.

»Deine Seele ist krank,« sagte das Mädchen, »weil Du im Irrthum

befangen bist.«

»Ich weiss, was ich thue«, sagte Zeruja, »es ist nicht genug, Gottes

Gebote zu erfüllen, man muss aus Liebe zu Gott mehr thun, als er

von uns verlangt, man muss sich sogar das Erlaubte versagen, nichts

Weltliches darf den wahrhaft Eifrigen in Anspruch nehmen, kein

Geschäft, keine Arbeit, kein Vergnügen. Er soll auch kein Weib haben.

Ja, er muss seinen Körper tödten, um das Thier in sich zu bezwingen.«

Sulamith schüttelte den Kopf. »Und zu welchem Zweck dies alles? Dieser

Eifer? Diese Qual?«

»Damit sich die Pforten der Geisterwelt öffnen, damit die Seele sich

mit Gott vereinigen kann.«

»Gibt es nicht andere Mittel, Gott zu gefallen?«

»Es giebt nur eines«, erklärte der Schnorrer feierlich, »die Busse:

Beten, Nachtwachen, Fasten, Geisseln, Qualen erdulden und immerfort

wandern.«

»Und Du hast in dieser Weise Busse gethan?«

»Ja, ich habe mich im Winter im Schnee gewälzt und im Sommer auf

Dornen, ich habe mich geisseln lassen, bis mein Blut floss, ich bin auf

der Schwelle der Synagoge gelegen, damit mich ein Jeder mit dem Fusse

tritt, der in den Tempel Gottes eingeht.«

»Zeruja, Du bist doch ein Narr!«

»Ich bin auch gewohnt Spott zu erdulden.«

»Wer sagt Dir, dass ich über Dich lache«, versetzte das Mädchen, »im

Gegentheil, ich habe Mitleid mit Dir. Ich möchte Dich heilen.«

* * * * *

In derselben Nacht hörte Sulamith die Thüre gehen. Es war Mitternacht,

als sie sich erhob, rasch ankleidete und hinaus eilte. Ihr erster

Gedanke war, dass Zeruja heimlich das Haus verlassen, und seine

Wanderung fortsetzen wolle.

Sie fand ihn vor dem kleinen Teich, der dem Hause gegenüber lag, damit

beschäftigt, das Eis aufzuhacken.

»Was willst Du hier?« fragte sie erstaunt.

»Mich in das Wasser tauchen.«

»Zu welchem Zweck?«

»Um Busse zu thun. Ich sündige, indem ich meine Wanderung unterbreche,

ich muss etwas thun, um Gott zu versöhnen.«

Sulamith nahm ihm die Haue aus der Hand und wies mit einer

gebieterischen Bewegung auf die Thüre des Hauses. »Geh' hinein,

sofort«, rief sie.

Zeruja sah sie an und gehorchte. Sie folgte ihm in die grosse Stube,

sperrte die Thüre und liess sich dann beim Kamin nieder.

[Illustration]

»Du willst Gott dienen«, sprach sie mit einem Ton voll Strenge und

Erbarmen zugleich, »Wahnsinniger! Du kennst Gott nicht. Du kennst nur

einen Gott des Hasses und der Rache, den Du versöhnen willst, ich kenne

einen anderen Gott, den Gott der Liebe und des Erbarmens, den Gott,

der den Regenbogen ausgespannt hat nach der Sündfluth als Zeichen des

Friedens, den Gott, der sein Volk Israel aus Egypten geführt hat, und

der uns in der babylonischen Gefangenschaft beschützt hat, und der uns

auch heute nicht verlassen hat, wo wir zur Strafe unserer Sünden über

den Erdboden zerstreut sind.«

Zeruja blickte zu Boden und schwieg.

»Thue nicht mehr, als Dein Gott von Dir verlangt«, fuhr das Mädchen

fort, »was massest Du Dir an, den Willen Deines Schöpfers besser zu

kennen, als er selbst, der ihn ausgesprochen hat auf dem Berge Sinai

und durch den Mund des Propheten.«

»Ich muss etwas thun, um Gott zu versöhnen,« murmelte Zeruja, »wenn Du

Mitleid mit mir hast, so hilf mir Busse thun. Lege mir schwere Ketten

an Hände und Füsse.« Er warf sich mit dem Antlitz zur Erde vor ihr

nieder, wie vor seinem Richter und erwartete sein Urtheil.

»Nein«, sagte Sulamith, »Gott will nicht, dass der Mensch sich selbst

Leiden auferlegt, er hat jedem sein Theil zugemessen in diesem Leben.

Arbeit, Kummer, Schmerz, verlange nicht Prüfungen, die er Dir nicht

zugedacht, erwarte alles von Gott und nimm geduldig hin, was er über

Dich beschliesst. Suche nicht frömmer zu sein als die Anderen und nicht

eifriger als Jene, denen Gott sich geoffenbart hat.«

Zeruja richtete sich auf und blickte das Mädchen an, auf den Knien

vor ihr, die Hände gefaltet, wie ein Betender: »Ich glaube, Du hast

recht«, murmelte er, »ich verstehe jetzt, wenn es im Traktat Nidah

heisst: Gott hat dem Weibe einen schärferen Verstand gegeben, als dem

Manne.«

»Gott sei gelobt, der Dich erleuchtet hat.«

»Er hat mich zugleich gestraft.«

»Wie?«

»Weil ich die Qual gesucht habe, hat er mich heimgesucht mit

Höllenpein.«

»Ich verstehe Dich nicht.«

»Er hat mich unter dieses Dach geführt, um mich für meinen Uebereifer

zu strafen.«

»Welche Einbildungen!« sprach Sulamith. »Du bist bei guten Menschen,

die Dich retten wollen.«

»Dich, Sulamith, hat der Herr ausersehen, mich zu züchtigen«, fuhr der

Schnorrer fort, »Du bedarfst keiner Ketten um mich zu fesseln, und Du

geisselst mich, ohne die Geissel zu schwingen. Quäle mich, reiss' mir

das Herz aus dem Leibe, Gottes Wille geschehe!«

Sulamith lächelte. »Es ist eine Fügung«, sprach sie, »aber eine

glückliche. Nicht zu Deiner Qual hat mich Gott erschaffen, sondern zu

Deiner Freude.«

Zeruja warf sich nochmals vor ihr nieder und presste seine Lippen auf

ihren Fuss.

»Du liebst mich«, fuhr Sulamith fort, indem sie, die schönen Augen voll

Thränen, auf ihn herabblickte, »auch mein Herz gehört Dir, es hat

Dir vom ersten Augenblick an gehört, als ich Dich erstarrt und halb

verschmachtet in jener Nacht in der Scheune fand. Steh' auf!«

Zeruja regte sich nicht, da neigte sie sich leise zu ihm herab, hob ihn

auf und schloss seinen Kopf mit den wirren blonden Locken sanft an ihre

Brust.

[Illustration]

[Illustration]

Haman und Esther.

-- POLEN. --

Schuschan-Purim. -- Hamanspiel.

Jüdisches Leben in Wort und Bild · 第 8 / 14 段