Schönheit, Sie müssen klug sein und dem Treitel folgen, blind folgen.«
Kaleb versprach es und begann damit, dass er ein Zimmer bezog, das
Treitel in dem Hause gegenüber von Pesach Wolf gemiethet hatte. »Zeigen
Sie sich am Fenster«, sagte der Schadchen, »wenn Sie sehen das Mädchen
gegenüber, meinetwegen als Türke, aber zeigen Sie nur nicht voreilig
Ihre Beine.«
Der schöne Kaleb blickte also mit einem Opernglas den ganzen Tag
hinüber, und wenn Jenta sich an das Fenster setzte, öffnete er das
seine und lehnte sich hinaus.
»Ein schöner Mann!« sagte Jenta, als sie ihn das erste Mal in seinem
prächtigen Schlafpelz mit dem Fez auf dem Kopfe erblickte.
Treitel hatte im Hause Pesach Wolf's dieselben Vorsichtsmassregeln
ergriffen. Er brachte eine Büchse mit Schminke und lehrte Jenta ihr
kleines grüngelbes Gesichtchen mit Hilfe derselben in einen niedlichen
Puppenkopf zu verwandeln, er lehrte sie mit einem über dem Licht
geschwärzten Kork die Augenbrauen zu malen, und bestimmte den alten
Wolf, ihr einen Schlafrock von rothem Atlas zu kaufen, in dem sie aus
der Entfernung einen ganz guten Effekt machte. Kaleb fand sie hübsch
und erklärte sich bereit, um ihre Hand anzuhalten, während Jenta ihn
bereits mit offenen Armen erwartete.
Nun begann Treitel den schönen Kaleb auf die wirkliche Jenta
vorzubereiten.
»Gewiss ist sie hübsch«, sagte er, »sie schielt zwar ein Bischen, aber
das gibt ihr gerade einen besonderen Reiz. Auch ist sie sehr gross und
sehr schlank, doch das macht sie um so majestätischer und endlich ...«
»Was denn noch?« fragte Kaleb ängstlich.
»Na, erschrecken Sie nur nicht gleich«, rief der Schadchen, »ein
Mädchen, das einem 200,000 Gulden zubringt, darf man nicht so genau
ansehen, endlich -- ja -- sie hat auch ein paar falsche Zähne, aber
Zähne wie Perlen, sag' ich Ihnen.«
[Illustration]
»Und wirklich 200,000 Gulden?«
»Ja, das ist sicher.«
So ging denn der schöne Kaleb mit Treitel hin und hielt feierlich bei
dem alten Pesach Wolf um Jenta's Hand an. Nachdem alles abgemacht war,
erschien die reiche Erbin. Kaleb erschrack ein wenig, als er entdeckte,
dass sie um einen halben Kopf grösser war als er und mager, wie ein
Windhund. Aber er konnte nicht mehr zurück. Er tröstete sich mit ihrer
Bildung, ihrem Gelde und fand schliesslich, dass das Schielen sie
pikant mache.
So war denn Beiden geholfen. Der schöne Kaleb hatte endlich die reiche
Frau gefunden, die er seit fünfzehn Jahren erwartet hatte und Jenta
bekam ihr Spielzeug, ihren Gaulim.
Ihr war es Ernst, sie bewunderte ihren Mann, sie betete ihn an, sie
putzte ihn, wie man ein Kind aufputzt und bediente ihn, wie eine
Sklavin ihren Herrn bedient, und so fand sich der schöne Kaleb mehr und
mehr in sein Loos und fühlte sich endlich vollkommen glücklich.
Nur eines beunruhigte ihn, dass seine Frau grösser war als er.
Aber auch dafür fand er eines Tages ein Remedium, wie einst für seine
krummen Beine.
Jenta durfte nur ganz kleine Hüte und Schuhe ohne Absätze tragen,
während er auf einer Art Kothurn einherschritt und stets hohe Hüte
trug. Zu Hause aber sass er immer, wie ein kleiner Junge, auf einem
Polster und trennte sich niemals von seinem Fez, der ihn allein schon
um ein paar Zoll grösser machte.
Der Gaulim des Rabbi Löb ruht aber nach wie vor auf dem Boden der
geheimnisvollen Alt-Nai-Schule und um das Grab des grossen Kabbalisten,
der einen Tycho de Brahe und einen Kaiser Rudolf zu seinen Freunden
zählen durfte, rauschen die düsteren Weiden des alten Prager
Judenkirchhofs und weben noch heute wunderbare Sagen, die immer wieder
vom Grossvater auf den Enkel kommen, ein theures Vermächtniss aus
längstvergangenen, finsteren, grausamen Zeiten.
[Illustration]
[Illustration]
Gelobt sei Gott, der uns den Tod gegeben!
-- SPANIEN. --
Das Haus des Lebens. -- Tod und Begräbniss.
Das Haus des Lebens, wie die Juden den Friedhof nennen, lag in einem
kleinen Thal, das von zwei Hügeln eingeschlossen war. Uralte Bäume
füllten den ganzen Raum und breiteten ihre Aeste wie ein grünes
Dach über die aufrecht stehenden Leichensteine, über verwitterte
Mausoleen und von hohem Gras und wilden Blumen überwucherten Grüfte.
Seit der Zerstörung des Tempels begruben die Kinder Israels hier
ihre Todten. Das Reich der Römer war gefallen, wie das der Gothen,
von der maurischen Herrlichkeit waren nur noch stolze, schwermüthige
Ruinen da, die spanische Weltmonarchie, in der die Sonne nicht mehr
unterging, hatte dasselbe Schicksal ereilt, aber sie, die Vertriebenen,
Heimathlosen, hatten alles überdauert, sogar die Inquisition und die
Scheiterhaufen.
Während oben, auf dem Plateau, in der kleinen, spanischen Stadt
und unten im Hafen der Lärm und die Unruhe der Arbeit, des Handels
herrschten, war hier die Stille und der Frieden.
Alles lag im Schatten und kein Laut drang von aussen herein. Nur selten
glitt ein warmer Sonnenstrahl durch das düstere Blattwerk und beschien
kurze Zeit eine hebräische, halb erloschene Inschrift, nur selten sang
ein Vogel hier. Nur die Bienen summten unablässig in dieser von Blumen
in allen Farben und von einem schweren Duft erfüllten Wildniss.
In einem Winkel des Friedhofs, von zwei Zypressen beschattet, lag
ein kleines Grab und auf diesem Grabe sass ein Greis. Er sass immer
hier, zu jeder Jahreszeit, Tag und Nacht. Mit seinem langen weissen
Sterbgewand, seinem weissen Haar, seinem Bart, der wie Schnee über
seine Brust niederwallte, glich er selbst einem Denkmal von Stein.
Er sass unbeweglich, in Gedanken, in Erinnerungen oder in sein Gebet
versunken und schien niemand zu sehen, wer auch vorüber kam.
Ihn aber kannte ein Jeder, den Vater Menachem, der hundert Jahre alt
geworden war und noch immer rüstig, mit frischem Geist unter einem
neuen Geschlecht wandelte, ein Patriarch voll Güte und Würde.
Während der Greis sann und träumte, hatte sich ein Falter unmittelbar
vor ihm auf eine Rose gesetzt, und jetzt kam ein grosser, schöner Knabe
gelaufen um ihn zu fangen.
Menachem erhob das Haupt, sah dem Kinde in das edelgeschnittene
Antlitz, das von blondem Haar umrahmt war, und aus dem ihn zwei grosse
blaue Augen anlächelten und murmelte: »Ghiron!«
»Nein, Vater Menachem«, sagte der Knabe, »ich heisse Schamai und bin
der Sohn der Kive Castallio.«
»Du hast aber die Gestalt, die Züge und den Blick meines Sohnes, den
ich verlor, als er zehn Jahre zählte. Es ist lange her. Ein halbes
Jahrhundert. Mein Gott, wie rasch die Zeit vergeht und wie langsam.«
»Dies ist sein Grab?« fragte Schamai.
Der Greis nickte, strich ihm die Haare aus der Stirn und lächelte.
»Was thust Du hier, mein Kind?« sprach er dann, »dies ist kein Ort
für Dich. Du kannst es noch nicht fassen, warum dieser friedliche
Platz das Haus des Lebens genannt wird. Bleib draussen, Schamai, wo
die Sonne scheint, wo die Meereswogen singen, wo der Pflug die Erde
durchzieht, wo die weissen Segel irdische Schätze herbeiführen, lebe,
lebe mein Kind, dann, eines Tages, wirst Du hierher kommen, und Du
wirst verstehen. Du wirst hier den Frieden finden und das Glück, das Du
vergebens gesucht im Strome der Zeiten.«
»Vater Menachem«, sagte der Knabe, indem er sich neben dem Greise
niederliess und sich sanft an ihn schmiegte, »man sagt, dass Du alle
Haggadoths kennst, erzähle mir ein Märchen.«
»Ein Märchen?« Menachem nickte mit dem Kopfe. »Ja, ein Märchen oder ein
Traum, was wäre es sonst?« Er strich mit der Hand über die Stirne und
begann:
»Es war einmal ein Mann, nicht besser, nicht gerechter, nicht klüger,
als die anderen. Er verehrte Gott und liebte die Menschen. Er suchte
die Wahrheit, und fand den Irrthum, er wollte recht handeln und
beging Fehler, er unterrichtete sich, er dürstete nach Weisheit
und sah endlich, dass ein Mensch ist wie der andere und dass ein
Menschenschicksal dem anderen gleicht. Er nährte Hoffnungen, Wünsche,
Träume, die niemals in Erfüllung gingen, er strebte nach Dingen, die
er niemals erreichte. Er begnügte sich zuletzt damit, für sich und die
Seinen zu sorgen und lebte dahin, wie alle anderen. Er nahm ein Weib,
schön, wie eine junge Rose, er liebte sie. Sie schenkte ihm ihr ganzes
Herz, und sie schenkte ihm auch Kinder, die er liebte. Er war nicht
reich und nicht arm, er konnte den Seinen geben, was sie brauchten und
war zufrieden.
Aber die Jahre zogen dahin und mit ihnen die Menschen, sie fielen wie
die Blätter im Herbste und kehrten nicht wieder, andere traten an ihre
Stelle und wieder andere, und endlich war der Mann allein.
Er hatte alle begraben, Eltern und Geschwister, Weib und Kinder,
Verwandte und Freunde, alle, alle, aber an ihm ging der Todesengel
vorüber Jahr für Jahr, und er blieb Jahre und Jahre allein, einsam,
verlassen, in einer Welt, die ihm fremd geworden war, unter Menschen,
die er nicht verstand und die ihn nicht verstanden.
Er hatte gelebt, Glück und Unglück, Freud und Schmerz waren an
ihm vorüber gegangen, die Welt bot ihm nichts Neues mehr, keine
Ueberraschung, keine Freude, nicht einmal einen neuen Schmerz, eine
neue Sorge.
Und so begann der Mann, sich nach dem Tode zu sehnen, den alle
fürchten, und wenn er zu seinem Gotte betete, rief er aus der Tiefe
seiner Seele: Herr, nimm mich hinweg aus diesem Thal der Schatten und
lass mich endlich sehen Dein ewiges Licht.«
Der Knabe schwieg einige Zeit, dann sprach er: »Der Mann bist Du, Vater
Menachem.«
»Ja, der Mann bin ich.«
»Und Du willst sterben?«
»Ja, mein Kind, für mich ist der Tod, was für Dich das Leben ist.« Der
Greis erhob sich und nahm den Knaben bei der Hand. »Komm. Dir stehen
noch die goldenen Pforten des irdischen Paradieses offen, Dir lacht die
Jugend entgegen, das Glück, die Schönheit, Ehre und Ruhm, komm.«
Sie schritten zusammen durch die Reihen der Gräber zur Pforte hinaus
und dann den Abhang hinauf. Oben, vor dem Thore der Stadt, wies der
Greis auf die maurischen Kuppeln, die im Abendlicht glänzten, und auf
das blaue, sonnige Meer. Dann geleitete er das Kind bis zu dem kleinen
Hause, vor dem seine Mutter, die schöne Kive, stand, ihr jüngstes Kind
an der Brust, und nahm mit einem gütigen Lächeln Abschied.
* * * * *
Drei Tage später lief der Knabe eilig durch die jüdische Gasse, er
kam vom Friedhof. Vater Menachem hatte ihn gesendet, zehn Männer der
Chebura Kdischa zu suchen, er fühlte die Stunde nahen, die er so lange
mit geduldiger Sehnsucht erwartet hatte.
Langsam erklomm der Greis den Abhang, warf noch einen letzten Blick auf
Meer und Land und trat dann durch das düstere Thor in die Stadt. Als er
auf der Schwelle seines Hauses Athem holte, kam schon Schamai mit den
zehn Männern.
»Was wollt Ihr, Vater Menachem?« fragte der Aelteste unter ihnen
erstaunt.
»Sterben«, erwiderte der Greis. Langsam trat er in das Haus, in die
grosse Stube des Erdgeschosses, mit der Hand an der Wand tastend und
sank, wie er war, im weissen Sterbgewande, auf sein einfaches Lager.
»Wollt Ihr einen Arzt?«
»Ich will sterben«, erwiderte Menachem. In die Kissen zurückgelegt, den
Blick erhoben, die Hände auf der Brust gefaltet, begann er schwerer und
schwerer zu athmen.
Die zehn Männer bildeten einen Halbkreis um ihn, und der Sterbende
betete das Schema, das Sterbegebet, und sprach die dreizehn
Glaubensartikel.
Als er zu Ende war, begannen die zehn Männer einen Psalm zu beten.
[Illustration]
Plötzlich richtete sich der Greis auf. Sein Antlitz war verklärt. Er
hatte die Hände erhoben und murmelte: »Gelobt sei Gott, der uns den Tod
gegeben!« Dann sank er in die Kissen zurück und lag da, ein Lächeln um
die Lippen.
Nachdem eine Viertelstunde verstrichen war, hoben die Männer den
Todten auf und legten ihn mitten in die Stube auf den Boden. Die Arme
lagen straff zu beiden Seiten, und die geballten Fäuste bildeten ein
hebräisches Sch -- Schadai.
Nachdem ein Leintuch über die Leiche gebreitet war und das Lämpchen zu
Häupten derselben angezündet, wurde das Fenster geöffnet. Die Seele zog
in ihre Heimath.
Im Hause war es stille und stille draussen unter dem Abendhimmel, an
dem sich die ersten Sterne zeigten.
* * * * *
An dem Tage, wo man Menachem begrub, waren alle Läden geschlossen,
Niemand blieb zu Hause, alle gaben ihm das Geleite, alle.
Schon lag er im Leichenhemd, im Talar mit den Schaufäden, die weisse
Kappe auf dem Kopf, auf dem Brett.
Einer nach dem andern trat heran, berührte die grosse Zehe des Todten
und bat ihn leise um Vergebung.
Dann stimmten die Männer das herzzerreissende »Joschef besseser«, das
Geleitgebet an.
Die schluchzenden Frauen hielt man ferne, um die Ruhe des Todten nicht
zu stören und langsam trug man die Leiche auf dem Brett hinaus, mit den
Füssen voran.
Auf dem Friedhof angelangt, bildeten alle, die dem Todten gefolgt
waren, einen Kreis um das Grab, das man ihm neben dem seines Sohnes
gegraben hatte.
Die Wenigen, welche entfernt mit ihm verwandt waren, traten vor und
sprachen: »Gott hat es gegeben, Gott hat es genommen, der Name Gottes
sei gelobt!«
Dann zerrissen sie ihr Gewand an der linken Seite.
Nun trat der Rabbiner an den Todten heran und sprach: »Wir gedenken,
Gott, vor Dir, des geschiedenen Menachem Ben Joseph und beten für das
Heil seiner Seele. Nimm ihn auf, lass' seine Seele einziehen zur ewigen
Ruhe, zur ewigen Freude, zur ewigen Seligkeit, lass' ihn theilhaftig
werden der Segnungen, die Du den Frommen und Gerechten verheissen hast,
als Lohn für alles irdische Leid, für all' ihre Sorgen, ihr Ringen und
Mühen dahier. Der Allerbarmende vergibt. Ja, Menachem, Du bist schon im
Lichte und wir sind noch in der Finsterniss. Du bist in der Wahrheit
und wir sind noch im Irrthum, Du bist im Frieden und wir im Kampfe und
in der Zerstörung.
Gib uns, o Gott, dass auch wir den Kampf zu Ende kämpfen und in Frieden
eingehen in Dein Reich.
Gesegnet sei das Angedenken des Gerechten. Amen.«
Langsam wurde der Todte in das Grab gesenkt, sitzend das Antlitz gegen
Sonnenaufgang.
Dann fielen die Schollen hinab in die Tiefe, und die Menge verliess
ernst und schweigend den Friedhof. Ein Jeder riss, ehe er heraustrat,
eine Handvoll Gras aus, warf es hinter sich ohne umzublicken und
sprach: »Gedenke, dass Du Staub bist!«
Zuletzt war Niemand da, als der Todtengräber und der Knabe. Als der
Hügel aufgeworfen war, legte das Kind einen grossen Strauss aus Blumen,
die er auf dem Friedhof gepflückt, auf denselben. »Schlafe sanft, Vater
Menachem!« sprach er. Dann ging er hinaus in das Licht, wo die Aehren
wogten, und die Meereswellen rauschten.
[Illustration]
[Illustration]
Schalem Alechem.
-- ELSASS. --
Der Dalles. -- Kindesliebe. -- Passahfest. -- Der Prophet Elias.
Nicht alle Menschen tragen Schuld an ihrem Schicksal. Es gibt brave,
fleissige Leute, die alles aufbieten, um dem Unglück, das sie verfolgt,
die Spitze zu bieten und dennoch scheitern.
Bei solchen Leuten hat sich der »Dalles« eingerichtet. Ein böser Geist,
das Elend in Person. Je grösser das Ungemach, das die Armen zu erdulden
haben, je grösser die Noth, um so wohler befindet sich der Dalles. Er
mästet sich, während alle um ihn abmagern.
Ein solcher Dalles schien auch bei Mutter Jette Goldenblum eingekehrt.
Sie war als eine treffliche Frau bekannt in dem elsässischen Städtchen,
und vordem war ihr kleiner Kramladen eine ausgiebige Einnahmsquelle
für sie gewesen, aber sie hatte Unglück seit einiger Zeit, und ihr
kleines Haus war jetzt vollständig verschuldet. Ihr Vater, Beer Taubes,
war zu gut gewesen, er hatte allen seinen Verwandten, seinen Freunden
geholfen, hatte sein kleines Vermögen auf diese Weise verzettelt und
jetzt dachte Niemand daran, ihm zu helfen und er war froh, einen alten
Lehnstuhl bei seiner Tochter zu haben und ein Gedeck an ihrem Tische.
Jette's Sohn, der begabte, arbeitsame Fritz, wurde in gleicher Weise
vom Dalles verfolgt. Trat er in ein Geschäft ein, so machte sein Herr
bald bankerott oder die Tochter verliebte sich in ihn und er musste
fort, weil er seiner Braut, der hübschen, verständigen Sarah Meier,
nicht die Treue brechen wollte.
Wieder war er einmal zu Hause bei seiner Mutter, ohne Arbeit, ohne
Verdienst, und alle zusammen liessen einige Zeit geduldig Armuth,
Kummer, Entbehrung über sich ergehen.
[Illustration]
Endlich hatte Fritz einen Entschluss gefasst. German Kugel, der ihn
kannte und ihm Vertrauen schenkte, hatte ihm das Reisegeld nach
Amerika vorgestreckt, Fritz wollte über den Ocean segeln und drüben
sein Glück versuchen.
Alle hörten ihn traurig und seufzend an, aber sie gaben ihm recht, und
Mutter Jette traf sofort alle Vorbereitungen.
Fritz sass diesen Abend mit Sarah auf der Bank beim Ofen. Sie sprachen
wenig, sie hatten sich bei der Hand und verstanden sich.
»Ich werde auf Dich warten«, sagte endlich die arme Sarah, »und kommst
Du nicht zurück, so nehme ich doch keinen Anderen.«
Am nächsten Morgen nahm Fritz Abschied. Der Grossvater segnete
ihn, Mutter und Braut gaben ihm das Geleite bis zur nächsten
Eisenbahnstation.
Es währte nicht einen Monat, so kam der erste Brief mit Geld. Fritz
hatte in Milwaukee Arbeit gefunden, wurde gut bezahlt, und versprach,
jede Woche sein Erspartes zu senden. Und er hielt Wort. Dieser Sohn,
der seine Familie, seine Braut verlassen hatte, um jenseits des Meeres
für seine Mutter zu arbeiten, er verstand das Gebot Gottes: Ehre Vater
und Mutter, damit es Dir wohl gehe auf Erden.
Und es erging ihm wirklich gut. Fünf Jahre war er schon fort, fünf
Jahre erwartete ihn schon Sarah in Geduld, ohne Klage, schon fünf
Jahre arbeitete er für die Seinen und jede Woche kam der Brief mit
demselben Gelde.
Die Leute im Städtchen wussten es und grüssten Mutter Jette noch
achtungsvoller als sonst, aber eigentlich nahmen sie den Hut vor dem
Sohne ab, eigentlich galt der Gruss dem braven Fritz in Amerika.
* * * * *
Es war Passahfest. Ein dicker Brief war aus Milwaukee gekommen mit
vielem, vielem Gelde, und alle waren guter Dinge. Sarah hatte Mutter
Jette geholfen das Geschirr zu reinigen, das vorerst über dem Feuer
ausgebrannt worden war, und das Haus zu säubern vom Dache bis in den
Keller hinab.
Denn das Passahfest feiert die Erinnerung an den Auszug aus Egypten
und es heisst in Bezug darauf im Exodus: Ihr werdet sieben Tage
ungesäuertes Brod essen und in den ersten Tagen alles Gesäuerte aus
Euren Häusern entfernen. Den ersten Monat, den vierzehnten Tag vom
Abend, werdet Ihr ungesäuertes Brod essen bis zum einundzwanzigsten
Tage den Abend. Während sieben Tage werdet Ihr nichts Gesäuertes im
Hause haben.
Vordem hatte man das ganze Geschirr erneuert und alles verkauft, was
als gesäuert angesehen werden konnte, jetzt wird dieser Verkauf nur zum
Schein ausgeführt. Alles wird einem befreundeten Christen übergeben,
der es bezahlt und nach Ostern das Geld zurück erhält und den ganzen
Kram zurück erstattet.
Auch Mutter Jette hatte diese Comödie aufgeführt, und jetzt war alles
in Ordnung, alles glänzte, in dem frischgescheuerten Speisesaal
war die Diele mit rothem und gelbem Sand bestreut, blüthenweisse
Vorhänge prangten an den Fenstern, am Ende der Tafel stand der »Lahne«
(Lehnstuhl) für das Familienhaupt, und der ganze Raum war von dem Duft
der Märzveilchen erfüllt, welche Sarah im Wäldchen gepflückt hatte.
Die beiden Frauen hatten nun auch das Matze, das ungesäuerte Brod
bereitet und gebacken, und jetzt war Mutter Jette's erster Gedanke, die
Geschenke zu versenden und das Almosen zu spenden, die jeder Jude zu
dieser Zeit gibt.
Mit einem grossen Korbe, der mit Weinflaschen und ungesäuerten Broden
gefüllt war, ging Sarah durch den Ort und brachte die Gaben zu dem
Rabbiner, dem Kantor, dem Schames, dem Lehrer, zu dem armen Talmudisten
und zu einigen dürftigen Juden und Christen, denn der wahrhaft fromme
Jude kennt für seine Wohlthätigkeit keinerlei Schranken.
Schon nahte der erste Abend des Festes. Grossvater Taubes sass vor dem
Hause und erwartete den Stern, der den Anbruch des 14. Nissan und den
Beginn der Passahwoche verkündigt.
Der Schulklopfer ging durch die Strassen und klopfte an jede jüdische
Thüre dreimal, das Zeichen, dass es Zeit sei zum Gebet.
Da entstand eine fröhliche Bewegung, man hörte Rufe und laute Grüsse in
der Ferne, und jetzt kam ein Mann, den Tornister auf dem Rücken, den
Stock in der Hand, heran, umringt von der jubelnden Jugend. Er blieb
auf der Strasse stehen, und zugleich steckten Mutter Jette und Sarah
die Köpfe zum Fenster heraus.
»Schalem Alechem!« (Der Friede sei mit Euch!) sprach der Mann, den sie
alle für einen Fremden hielten.
»Alechem Schalem!« (Der Friede sei auch mit Dir!) antworteten die
anderen, zugleich riefen aber auch schon die Kinder: »Frau Goldenblum,
kennen Sie denn Ihren Fritz nicht?«
Ja, es war Fritz, in grossen Juchtenstiefeln und mit einem langen Bart,
und jetzt hatte die Freude keine Grenzen. Nachdem ihn alle sattsam
angesehen und umarmt, gingen sie zur Synagoge, und als der Gottesdienst
beendet war, auf dem Wege nach Hause, begann Fritz von seinem Schicksal
zu erzählen.
Der Dalles war wirklich daheim geblieben, Fritz hatte Glück gehabt in
Amerika, hatte viel verdient, viel erspart, ein Geschäft begründet
und wieder vortheilhaft verkauft und kam zurück mit mehr als
dreissigtausend Franken in seinem Tornister.
[Illustration]
Sein erster Gang war zu German Kugel gewesen. Ihm das vorgeschossene
Reisegeld zurückzuerstatten, schien ihm die vornehmste Pflicht, dann
erst war er zu seiner Mutter, seiner Braut geeilt.
* * * * *
Die Sterne waren indess am Himmel heraufgezogen und ganz Israel ging an
die Feier des ersten Passahabends, des Seder.
Grossvater Taubes nahm im grossen Lehnstuhl am Tische Platz, über dem
die siebenarmige Lampe brannte, neben ihm Mutter Jette und Sarah, ihm
gegenüber Fritz. Vor jedem lag auf dem weissen Tischtuch die Haggada,
das hebräische Buch der Gebete und Gesänge für diesen Abend.
Beide Männer hatten das Haupt bedeckt. In der Mitte der Tafel lagen
drei grosse Brode, jedes von dem anderen durch ein weisses Tuch
getrennt. Um sie herum befanden sich verschiedene Symbole. Eine
Marmelade, welche den Thon und Kalk darstellte, mit dem die Israeliten
in Egypten gearbeitet hatten, Essig, hartes Ei, Meerrettig zum Andenken
an das Elend der Sklaverei, ein mit etwas Fleisch bedeckter Knochen
stellte das Osterlamm und der rothe Wein das Blut der hebräischen
Kinder dar, in dem sich die Pharaonen badeten.
Der Grossvater sprach das Gebet, den Segen, der die Feier eröffnet,
dann stand Fritz auf, nahm einen kleinen Krug und goss Wasser über die
Hände Beer's und dann standen alle auf und berührten die Schüssel, auf
der die drei Brode lagen.
»Dies ist das Brod des Elends«, sprachen alle zugleich, »das unsere
Väter in Egypten gegessen haben. Jeder, der Hunger hat, der komme mit
uns, zu essen, Jeder, der dürstet, er komme, Ostern mit uns zu feiern.«
In diesem Augenblick klopfte es an die Thüre, und ein Bettler, ein
Schnorrer aus Polen, trat herein und nahm, nachdem man sich gegenseitig
begrüsst hatte, an dem Tische Platz.
Nun begann Fritz, die Haggada vor sich, in hebräischer Sprache: »Zu
welchem Zwecke diese Feier?«
»Wir waren Sklaven in Egypten«, erwiderte der Greis, »und der Ewige,
unser Gott, hat uns befreit mit seiner mächtigen Hand.«
Nachdem man noch die Leiden in der Sklaverei und des Auszugs aus
Egypten vorgelesen hatte, kostete jeder von den symbolischen Speisen,
der Greis füllte indess einen grossen Becher, der vor ihm stand und der
für den Propheten Elias, den heiligen Beschützer des jüdischen Volkes
bestimmt war.
Das Mahl begann. Fritz erzählte von dem fernen Amerika und der
polnische Schnorrer gab einige Anekdoten zum Besten. Dann theilte Beer
das Brod als Symbol des Durchgangs durch das rothe Meer, gab jedem ein
Stück davon und schloss das Mahl mit dem Tischgebet.
»Fritz«, sagte er endlich, »öffne die Thüre.«
Fritz stand auf, öffnete weit die Thüre und trat bei Seite. Während
Alle ein feierliches Schweigen beobachteten, trat unsichtbar der
Prophet Elias herein. Nachdem Fritz wieder die Thüre geschlossen und
der Heilige den für ihn bestimmten Becher mit den Lippen berührt hatte,
stimmten Alle zusammen den 115. Psalm an. Andere Gesänge folgten.