längerer Zeit um ihre Hand. Sie begünstigte ihn unter allen ihren
Bewerbern, aber zögerte noch, das entscheidende Wort auszusprechen.
Um sie vollends zu besiegen, sprach Zadokin die Absicht aus, den Rosche
herauszufordern, doch als Frau Leopard es erfuhr, verbot sie ihm das
Duell. »Ich selbst will ihn züchtigen«, sagte sie, »und in einer Weise,
die ihn für immer unschädlich macht.«
Koscieloski wohnte bei einem jüdischen Schneider, Oser Weinstock, der
auch für Frau Leopard arbeitete. Die hübsche Wittwe hatte den Schneider
stets zu sich beschieden, kam aber jetzt jedesmal, wenn es etwas Neues
zu bestellen oder anzuprobiren gab, zu ihm. Sie berechnete schlau die
Wirkung ihrer Reize auf den Judenfeind. Als dieser ihr das erste mal
auf der Treppe begegnete, sah er sie starr an, das zweite mal, wo er
sie im Hausthor traf, grüsste er sie bereits, das dritte mal kam sie,
um ein Kleid zu probiren.
»Ich wette, Herr Koscieloski blickt durch das Schlüsselloch«, flüsterte
der Schneider, indem er pfiffig mit den Augen zwinkerte, »er sagte mir
erst gestern, Sie wären die schönste Dame in Zamosta.«
»Um so besser«, erwiderte Frau Leopard und beeilte sich ihre Jacke
und Taille abzulegen. Als sie dann Büste und Arme entblösst, vor
Weinstock stand, der die neue Taille probirte und mit Nadeln und Kreide
arrangirte, blickte sie unwillkürlich nach der Thüre, hinter der in
der That Koscieloski stand, und ein boshaftes Lächeln spielte um ihre
rothen Lippen.
Als sie fort war, nahm der Rosche seinen Hut und rannte hinaus in das
Freie. Die Waldluft, die Ruhe der Felder, besänftigte etwas sein Blut,
als er aber in die Stadt zurückkehrte, zog es ihn doch wieder zu dem
Hause der hübschen Jüdin hin. Er stand lange auf der Strasse in einem
dunklen Winkel und war zufrieden, als er einmal ihre Hände über die
Tasten des Pianos hingleiten hörte und zweimal ihren Schatten an der
hellen Gardine vorüberschweben sah.
Nachdem er einige Zeit gekämpft hatte, sagte er sich eines Tages,
dass er sterblich in dieses Weib, die Tochter einer verhassten Rasse,
verliebt sei, und dass ihm nichts übrig bleibe, als sich eine Kugel
durch den Kopf zu jagen, oder sich dem schönen Satan zu ergeben.
Koscieloski zog das letztere vor.
Frau Leopard hatte in ihrem Hause einen kleinen Juwelenladen. Als
Koscieloski sie eines Abends in demselben allein sah, trat er ein, bat
sie, ihm einige Ringe vorzulegen und sagte plötzlich, indem er ihre
Hand ergriff: »Welche Hand! ein Kunstwerk aus Elfenbein.«
»Die Hand einer Jüdin, Herr Koscieloski«, erwiderte Frau Leopard
spöttisch, ohne jedoch ihre Hand zurückzuziehen.
»Das Weib bleibt schön unter jedem Himmelsstrich und in jeder Sphäre«,
sagte der Rosche. »Sie könnten ebenso gut als Gräfin oder Sultanin
geboren sein.«
»Wie galant mit einem Male!«
»Sie strafen mich, schöne Frau, indem Sie mich an meine Abneigung gegen
die Juden erinnern. Ich gebe dieselbe zu, aber sie macht ja Ihren Sieg
um so grösser.«
»Sie sind sehr ungeduldig, Herr Koscieloski, wir sind ja bereits bei
der Liebeserklärung angelangt.«
»Wozu verbergen«, murmelte er, »was Sie ja doch auf den ersten Blick
errathen haben. Ja, Frau Leopard, ich bin rasend verliebt in Sie.«
»Und was weiter?«
»Erlauben Sie mir, mich um Ihre Hand zu bewerben.«
»Ich bin doch eine Jüdin, Herr Koscieloski.«
»Das ist kein Hinderniss, sobald Sie meinen Wünschen Gehör schenken.«
»Wir wollen sehen«, sprach sie immer liebenswürdig und kokett, »aber
ich muss Sie doch erst kennen lernen.«
»Gestatten Sie mir also, Sie zu besuchen?«
»Gewiss, mit Vergnügen.«
Koscieloski küsste der hübschen Jüdin galant die Hand und verliess sie
für diesmal, kam aber schon am folgenden Vormittag, um ihr seine erste
Visite zu machen und erschien dann jeden Abend in ihrem Laden oder in
ihrem kleinen Salon, um mit ihr zu plaudern und ihr feurig den Hof zu
machen.
Es gab jedesmal eine lebhafte Diskussion zwischen ihnen. Frau Leopard
warf ihm seine Feindschaft gegen die Juden vor und er vertheidigte
sich so gut er konnte, musste aber jedesmal vor der geistreichen und
schlagfertigen Jüdin die Waffen strecken.
Als letzte Karte spielte er Shakespeares Shylock aus.
Frau Leopard begann laut zu lachen: »Sie wissen also nicht«, rief
sie, »was der italienische Historiker Lotti in seinem Leben Syxtus V.
erzählt? Im 16. Jahrhundert fand in Rom zwischen einem Christen, Namens
Secchi, und einem Juden, Sansone Ceneda, eine Wette statt. Der Christ
setzte hundert Scudi ein und verlangte vom Juden als Einsatz ein Pfund
von dessen Fleische. Der Christ gewann die Wette und forderte sein
Fleisch, aber der erleuchtete Papst gab ihm unrecht und verwies Beide
aus Rom. Es gab also wirklich einen Shylock, aber er war ein Christ und
hiess Paolo Marini Secchi.«
Koscieloski war vollständig besiegt, er ergab sich und bat um Gnade,
die ihm zum Schein von dem schlauen Weibe gewährt wurde. Sie versprach,
sich taufen zu lassen und ihm ihre Hand zu reichen, wogegen der Rosche
sein Ehrenwort gab, die ganze Sache vorläufig mit dem strengsten
Stillschweigen zu behandeln, um nicht vorzeitig die ganze Familie der
Frau Leopard gegen dieselbe aufzuregen. Im Rausche des Liebesglückes
sank Koscieloski zu den Füssen der reizenden Jüdin und empfing den
ersten Kuss von ihren duftigen Lippen. Dann hiess sie ihn gehen,
und als er draussen war, drohte sie ihm mit der geballten Faust und
murmelte: »Jetzt habe ich Dich und will Dich belohnen, wie Du es
verdienst, verliebter Thor!«
* * * * *
Ein heiterer Zufall kam dem Racheplan der hübschen Wittwe zur Hülfe.
Der Schneider Oser Weinstock hatte den Kredit seiner Mitbürger bis
auf das Aeusserste missbraucht, ihre Geduld war zu Ende, und da der
polnische Jude den Glaubensgenossen ungern vor Gericht belangt, so
verklagten die Gläubiger des Schneiders denselben bei dem Rabbiner und
dieser lud den kleinen Schneider Weinstock vor den Beschdin.
An dem Verhandlungstage hatte der Schames, der Gemeindediener,
Mühe, die Kläger an der Thüre des Saales im Zaum zu halten, und als
endlich die Rabbiner Rabbi Lewensohn, Reb Baruch und Reb Krakier an
der mit einem grünen Tuch bedeckten Tafel Platz genommen, stürzten
alle zugleich schreiend herein, allen voran Haim Mojsewitsch,
der Schlächter, ein Goliath an Gestalt und Lidde Fiebisch, die
Mehlhändlerin.
Zuletzt erschien verlegen und lächelnd der arme Schneider.
[Illustration]
Nachdem einige Zeit alle zugleich geschrieen, gejammert, gedroht und
gestikulirt hatten, gelang es der Stimme des Rabbiners und den Fäusten
des Schames, einigermassen die Ordnung herzustellen, so dass Einer nach
dem Andern vortreten und seine Klage anbringen konnte. Der Kaufmann
Hirsch Glückskind schwor, dass Weinstock seit Jahren bei ihm Seide,
Sammt und andere Stoffe für genau 861 Rubel genommen und bis nun nicht
mehr als 11 Rubel bezahlt habe, der Kürschner Eisig Iserles hatte gar
1250 Rubel zu fordern, der Kurzwaarenhändler Just Fassel hatte für
230 Rubel Waare geliefert und 114 Rubel erhalten. Der Fleischer Haim
forderte 62 Rubel ein, der Bäcker Fantes 34 Rubel, die alte, zahnlose
Gänsehändlerin Chave Krendel 17 Rubel und die kleine erboste Lidde 12
Rubel für Mehl. Die letztere schrie am meisten, wahrscheinlich weil
sie am wenigsten zu fordern hatte und hielt nach jedem Satz, den sie
sprach, dem zitternden Schneider die geballte Faust, als eine Art
Schlusspunkt unter die Nase.
Der Geklagte erklärte mit einer jämmerlichen Miene, er habe kein Geld
und könne deshalb nicht zahlen.
»Aber Sie haben doch immer verdient«, warf der Rabbiner ein.
»Nicht mehr, als was nöthig war, um nicht Hungers zu sterben.«
»Wozu haben Sie denn immer wieder Stoff genommen und Band und Knöpfe
und Fischbein?« fragte Reb Krakier.
»Gott hat die Welt erschaffen aus Nichts«, erwiderte Weinstock. »Das
ist wahr, aber Gott selbst hat müssen Felle nehmen, um Adam und Eva
Röcke anzufertigen, nachdem er sie aus dem Paradies verjagt hatte. Und
ich soll Kleider machen aus Nichts? Ich kann nicht eine Robe machen aus
Feigenblättern und einen Pelz aus Spinnweben fertigen.«
»So bezahlen Sie Jedem etwas in Raten«, schlug Reb Baruch vor.
»Es ist doch alles eins«, erwiderte Weinstock, »ob ich die Raten
schuldig bleibe oder das Ganze.«
Der Beschdin erwies sich diesem furchtsamen, demüthigen Menschen
gegenüber, der keiner Frage, keinem Vorwurf, keinem Vorschlag Stand
hielt, ohnmächtig und begnügte sich schliesslich damit, die Forderungen
anzuerkennen und Oser Weinstock zu verurtheilen, als dieser sich aber
durch ein Hinterpförtchen verloren hatte, sprach Rabbi Lewensohn: »Ihr
bekommt doch alle zusammen keine Kopeke von ihm, und da Ihr doch nicht
das Herz haben werdet, einen Juden bei Gericht zu verklagen, ihn zu
pfänden, ihm das Letzte zu nehmen ...«
»Nein, nein«, riefen alle.
»So gebe ich Euch einen Rath. -- Prügelt ihn einmal tüchtig durch, das
ist noch das Beste, aber so, dass die Behörde nichts davon erfährt und
nicht gegen Euch einschreiten kann.«
»Ja, ja!« rief der Chor und alle zusammen zogen in die Schenke des
Strohsack, wo sie sich Muth tranken und Kriegsrath hielten.
Nun lauerten jeden Abend an der Strassenecke sieben dunkle Gestalten,
aber die hübsche, derbe Lidde schwang umsonst ihren Ochsenziemer mit
wilder Grazie, Oser Weinstock war schlau wie ein Fuchs, und seine
Gläubiger gaben endlich alle Hoffnung auf, ihm jemals den Pelz bläuen
zu können.
* * * * *
Da hörte Frau Leopard von dem homerischen Streit und sofort entwickelte
sie ihrem Anbeter, dem jungen Kaufmann Zadokin, einen schlauen,
köstlichen Plan, welcher sie endlich zum Ziele führen und den
ahnungslosen Rosche ihrer Rache preisgeben sollte.
Sie kam noch denselben Tag zu Oser Weinstock und bestellte eine neue
Kazabaika. Als dieselbe fertig war, schrieb sie Koscieloski und bat
ihn, sie Abends um 8 Uhr, wo in Zamosta keine Katze mehr auf der
Strasse war, hinter der katholischen Kirche zu erwarten.
Es war ein frostiger Februartag, trotzdem erschien der Pole pünktlich
und bald kam auch die hübsche Jüdin in einen grossen Pelz gehüllt und
dicht verschleiert.
»Ich komme nur für zwei Minuten«, sagte sie, »man hat unser Verhältniss
entdeckt und bewacht mich. Es bleibt nichts übrig, als dass Sie mich
entführen, Herr Koscieloski, ich bin sonst meines Lebens nicht sicher,
sobald ich mich taufen lassen will.«
»Sie machen mich zum Glücklichsten der Sterblichen«, rief Koscieloski
und bedeckte ihre Hände mit Küssen.
»Ich muss Sie jedoch vorher sprechen«, fuhr die schlaue Wittwe fort,
»alles muss genau verabredet werden.«
»Natürlich.«
»Sie werden also heute Abend um neun Uhr in den Kleidern Weinstock's,
mit einem falschen Bart und falschen Peisselöckchen zu mir kommen und
mir die Pelzjacke bringen, die er für mich gemacht hat.«
»Ausgezeichnet«, rief Koscieloski, »ich eile, Ihrem Befehl Folge zu
leisten.«
Beide entfernten sich nach verschiedenen Richtungen.
Koscieloski erlangte für fünf Rubel leicht ein vollständiges
Einverständniss mit Weinstock. Dieser gab ihm seine Kleider und Punkt
neun Uhr trat der Rosche im jüdischen Kaftan, die Jarmurka auf dem
Kopfe, das Gesicht durch einen röthlichen Bart und Löckchen entstellt,
die Kazabaika auf dem Arme, in das Ankleidezimmer der hübschen Jüdin.
Indess hatte Zadokin sich gleichfalls vermummt und den Gläubigern des
Schneiders im Vertrauen mitgetheilt, dass Oser Weinstock um neun Uhr
bei Frau Leopard sein werde.
Die hübsche Jüdin war so vorsichtig gewesen, zwei Freundinnen, Frau
Salon und Frau Abrahamowitsch, einzuladen. Ihre Anwesenheit zwang
Koscieloski, in der Rolle zu bleiben. Die beiden Frauen bewunderten
erst einige Zeit die prächtige Pelzjacke, dann schlüpfte Frau Leopard
mit Hilfe Koscieloski's in dieselbe und trat vor den grossen Spiegel.
Oh! sie war schön in dieser Kazabaika von purpurrothem Sammt,
ausgeschlagen und gefüttert mit Hermelin, der sich so weich an ihren
schlanken Leib schmiegte. Koscieloski sah nur den Hals, um den die
zarten Härchen spielten, die Hüften, die sich in dem schwellenden
Pelzwerk abzeichneten, und bemerkte nicht, was hinter ihm vorging.
Zadokin hatte leise die Thüre geöffnet und die Gläubiger des Schneiders
waren auf den Fussspitzen hereingeschlichen.
Plötzlich fasste Haim den Rosche beim Kragen und zugleich traf ihn die
kräftige Lidde mit dem Ochsenziemer. Alle schrieen zugleich: »Haben
wir Dich endlich, Schneiderseele!« und Lidde fügte hinzu: »Da Du nicht
bezahlen willst, wollen wir Dir auf dem Rücken quittiren!« Während es
von allen Seiten Hiebe auf den verrathenen und betrogenen Koscieloski
regnete, stand Frau Leopard, den Rücken an den grossen Ofen gelehnt,
die Hände in den pelzgefütterten Aermeln versteckt, ruhig und behaglich
da.
Sie sah mit grausamem Vergnügen zu, wie sich der Unglückliche unter
der Hundepeitsche ihres Anbeters, unter dem Ochsenziemer der erbosten
Lidde, dem rothen Regenschirm der alten Chave, unter den Stöcken
des Fleischers, des Bäckers, des Kaufmanns, des Kürschners und des
Kurzwaarenhändlers wand. Ja, von Zeit zu Zeit rief sie: »Schont ihn
nicht, besser! besser! keine Gnade!«
Zuletzt flog der arme Rosche die Treppe hinab und zur Hausthüre, bis
auf die Strasse hinaus, von ihrem spöttischen Lachen verfolgt.
* * * * *
Koscieloski hatte sofort begriffen, dass die schlaue Jüdin ihn in eine
Falle gelockt hatte, aber er hatte sich in demselben Augenblick gesagt,
dass er die Rolle des Schneiders zu Ende spielen müsse, wenn er nicht
vor der ganzen Stadt lächerlich werden, ja sogar sein Amt verlieren
wolle.
Er liess sich geduldig durchbläuen und die Treppe hinabwerfen, blieb
einen Tag im Bett und ging dann wieder in das Bureau, als ob nichts
geschehen wäre. Alle an diesem grausamen Spass Betheiligten hatten
Ursache, darüber zu schweigen, umsomehr, als Koscieloski von seinem
Judenhass geheilt schien und fortan den Juden, noch mehr aber den
Jüdinnen aus dem Wege ging.
Frau Leopard wollte jedoch die Wollust gesättigter Rache bis zur Neige
geniessen. Eines Tages bekam Koscieloski ein parfümirtes Billet. Es war
die Einladung zu der Hochzeit der reizenden Wittwe mit David Zadokin.
[Illustration]
[Illustration]
Der schöne Kaleb.
-- BÖHMEN. --
Der Schadchen. -- Meschugge. -- Der Gaulim.
In einer kleinen Strasse der finsteren Judenstadt, die sich um die
berühmte Alt-Nai-Schul zusammendrängt, stand das Haus der Familie
Schmelkes, welche unter den Israeliten der alten Königsstadt Prag
grosse Achtung genoss und im ganzen Königreich Böhmen bekannt war.
Das Haupt der Familie, welche eine Wechselstube besass, war seit Jahren
aus der Welt geschieden und dessen Wittwe, Frau Eugenie Schmelkes,
regierte allein das Haus und erzog ihre Söhne so gut sie konnte.
Bei dem älteren, Nathan, der von Haus aus ernst und nüchtern war,
genügte die sanfte Hand der Mutter. Er wurde ein tüchtiger Mensch,
heirathete und übernahm die Leitung des Geschäftes. Dagegen wurde
der jüngere, Kaleb, durch seine Mutter und ein halbes Dutzend Tanten
verzärtelt und verzogen, sodass schliesslich, nach jüdischen Begriffen,
ein ganz unnützer Mensch aus ihm wurde.
Kaleb hatte keine bösen Eigenschaften, er hatte nur einen Fehler: er
war unglaublich eitel auf sein Aeusseres, und auch das war vielleicht
nicht sein Fehler. Man hatte ihm unablässig gesagt, dass er schön sei,
man hatte ihn erst wie ein Mädchen, dann wie einen Prinzen angezogen,
man fand keine noch so schöne und prächtige Rose des Prager Ghettos
würdig, seine Hand zu besitzen, und so war er endlich geworden, was
er war: der schöne Kaleb, wie ihn spöttisch die gebildeten Juden
nannten, ein »Purez«, ein Geck, nach den Begriffen der armen Hebräer im
schäbigen Kaftan.
Der schöne Kaleb hatte weder etwas gelernt, noch betrieb er irgend ein
Geschäft, er spazierte den ganzen Tag in den Strassen von Prag herum
und erwartete die schöne und reiche Braut, die eines Tages vom Himmel,
wo die Ehen nach Ansicht der Talmudisten geschlossen werden, vor seine
Füsse fallen sollte, wie eine reife Frucht.
[Illustration]
Aber die Jahre verstrichen und Kaleb hatte noch immer keine Stellung,
kein eigenes Einkommen und keine Frau.
Da erschien eines Tages Treitel, der berühmte Schadchen, bei ihm und
bot ihm seinen Beistand an, den Kaleb mit einem spöttischen Lächeln
ablehnte. Dies war dem kleinen Treitel noch nie geschehen. Er richtete
sich in seiner ganzen Grösse auf den Fussspitzen auf, erhob drohend den
Finger und sprach: »Junger Mensch! ohne Schadchen bekommen Sie keine
Frau, so wahr ich Treitel heisse, der liebe Gott kennt mich und weiss,
was er von mir zu halten hat, sonst hätt' er mir nicht anvertraut das
Geschäft hier auf Erden. Aber wenn Sie schon wollen suchen eine Frau
ohne Treitel, so geb' ich Ihnen einen Rath: Verstecken Sie doch vor
allem Ihre krummen Beine.«
Treitel verschwand und Kaleb blieb versteinert mitten in der Stube
stehen. Hatte er wirklich krumme Beine? Noch wollte er es nicht
glauben. Zögernd trat er vor den grossen Spiegel und betrachtete sein
Ebenbild, dann sank er vernichtet auf einen Stuhl.
Ja, er hatte krumme Beine, er, der Adonis der Prager Judenstadt,
er, der sich für schön und unwiderstehlich hielt, dem das beste
jüdische Mädchen zu gering war, der seine Hand nach den Komtessen
und Prinzessinnen des böhmischen Adels ausstreckte, es war einfach
schrecklich.
Wieder trat er an den Spiegel und prüfte sich und dachte nach, und
endlich fand er, wie eine eitle Frau, die sich die ersten Runzeln mit
Hilfe der Schminke wegzaubert, ein Mittel, den Fehler, der ihn so
namenlos unglücklich machte, zu verbergen.
Er begab sich zu seinem Schneider, machte verschiedene Bestellungen und
kehrte dann beruhigt zurück. Seine Freunde staunten, als er sich wieder
unter ihnen zeigte, denn er trug fortan nur noch ganz lange Röcke, die
fast bis zu den Knöcheln reichten und einen langen, faltigen Paletot
von schwarzem Tuch, der ihm im Verein mit einem breitkrämpigen Hut, das
Ansehen eines Künstlers gab. Zu Hause fanden ihn Mutter, Tanten und
Cousinen jetzt noch schöner und poetischer, denn hier hüllte er sich
im Sommer in eine Art weissen arabischen Burnus und im Winter in einen
langen Schlafpelz im Style des Doktor Faust.
* * * * *
Nun glaubte er wieder an seinen Stern, nun war er wieder überzeugt,
dass alle Frauen ihm entgegen schmachteten, dass alle Mädchen von
ihm träumten, und dass alle Eltern ihn mit Sehnsucht als Freier
erwarteten. In jedem Zufall sah er einen Wink des Schicksals, in dem
unbedeutendsten Vorfalle geheimnissvolle Zeichen, die er stets mit der
Dame, für die er gerade schwärmte, in Beziehung brachte. Er hatte schon
eine ganze Reihe von Romanen erlebt, aber alle nur in seiner Phantasie,
er war glücklich ohne Grund, er kämpfte ohne Grund, und er litt und
trauerte ohne Grund.
Jeden Sonntag stand er an der Thüre der katholischen Domkirche und
liess nach der Messe die aristokratischen Damen Revue passiren. Einmal,
ein einziges mal, sah ihn die Tochter des Generals Rothfeld an,
vielleicht weil er wirklich einen schönen Kopf hatte. Sofort war er
überzeugt, dass sie ihn liebe und verfolgte sie auf Schritt und Tritt.
So oft er dem General begegnete, grüsste er ihn respektvoll.
Als eines Tages der General seine Cigarre anzünden wollte und ihn
um Feuer bat, schloss er sich ihm an, und begann ein Gespräch über
Theater, Litteratur, Politik, das kein Ende nahm.
Der General wurde endlich ungeduldig. Kaleb empfahl sich, erzählte
aber den Vorfall seiner Mutter, mit der Bemerkung: »Jetzt ist alles
verloren, der General ist beleidigt, weil ich mich nicht erklärt habe.«
Einige Tage später las er in der »Bohemia«, dass die schöne Tochter des
Generals mit einem Obersten verlobt sei. »Ich wusste es«, murmelte er,
»ich habe sie unglücklich gemacht. Oh! meine Unentschlossenheit.«
In einer Loge des deutschen Theaters sah er die reizende Comtesse
Waldstein. Neben ihm sass ein junger Offizier, den die Comtesse durch
das Opernglas ansah. Natürlich galt dies ihm, dem schönen Kaleb.
Er war nun überall zu sehen, wo die Comtesse erschien, in jedem
Concert, auf jedem öffentlichen Ball, auf dem Eisplatz und in der
Kirche. Eines Tages sah er ihren Vater, den Grafen, der von der Jagd
heimkehrte und einen grünen Tannenzweig auf dem Hute trug. »Er wollte
mir damit andeuten«, sagte er zu einem seiner vertrauten Freunde, »dass
ich hoffen dürfe.«
Doch die »Bohemia« schnitt wieder mit einer grausamen Notiz den
Faden seiner Einbildungen ab. Die Comtesse Waldstein verlobte sich
gleichfalls. In einem Kaffeehause erzählten die Freunde des schönen
Kaleb, dass die Comtesse nur gezwungen ihre Einwilligung gegeben habe
und dass sie ihr Herz einem armen Baron geschenkt habe, den ihre Eltern
nicht zum Eidam haben wollten.
Da richtete sich der schöne Kaleb stolz auf und sprach mit leuchtenden
Augen: »Der arme Baron bin ich.«
Jedes Inserat, das Liebende, das galante Frauen mit ihren Anbetern
wechselten, wie es in Oesterreich Mode ist, bezog Kaleb auf sich.
Er antwortete jedesmal, rief unglaubliche Verwirrungen hervor und
gab diese Art von Sport erst auf, als eines Tages eine verschleierte
Dame zu ihm kam und ihn mit der Reitpeitsche bedrohte und ein
Husarenoffizier ihn im Kaffeehause bei den Ohren nehmen wollte.
Die Dame war die Baronin Divin, welche er durch seine Inserate fast mit
ihrem Anbeter, dem Rittmeister Legedy, entzweit hatte.
Da er selbst nichts verdiente, nahm er bald seine Mutter, bald eine
seiner Tanten, bald seinen Bruder Nathan in Anspruch. Wenn der Letztere
ihm Vorstellungen machte, gab er verächtlich zur Antwort: »Ich werde
alles zurückzahlen, sobald ich eine reiche Heirath mache.«
Diese reiche Heirath war seine fixe Idee, und es war natürlich,
dass die Leute des Ghetto endlich die Köpfe schüttelten und sich
zuflüsterten: »Er ist meschugge.«
* * * * *
Mehr und mehr wurde der schöne Kaleb von seinen Gläubigern bedrängt und
gequält, denn er lebte wirklich wie ein Baron, und endlich konnte die
Mutter nichts mehr geben und der Bruder wollte nichts mehr geben.
Da erschien wieder Treitel, der Schadchen auf dem Schauplatz.
Das kam so. In der Prager Judenstadt lebte damals ein alter Mann,
Pesach Wolf, der eine Buchhandlung besass. Er war reich und in Folge
seiner Orthodoxie geachtet und gefürchtet. Wolf hatte seine Frau
und seine Kinder begraben und hatte nur noch eine Enkelin, Jenta,
die sein Stolz und seine Freude war. Diese wollte er um jeden Preis
verheirathen, aber es fand sich kein Mann, trotz der reichen Mitgift.
Endlich gab Wolf jede Hoffnung auf, und da er den Kopf voll Mystizismus
und Aberglauben hatte, so umschlich er eines Abends die Alt-Nai-Schule,
in der Absicht, einen gelehrten polnischen Talmudisten zu finden, der
ihm helfen sollte, denn nur zu einem Kabbalisten des Ostens hatte er
Zutrauen.
Hier traf ihn Treitel und liess ihn nicht mehr los. Endlich begann
Pesach Wolf: »Sagen Sie mir, Treitel, auf dem Boden der Alt-Nai-Schule
soll der Gaulim des berühmten Rabbi Löb aufbewahrt sein.«
»Ja, so sagt man.«
»Könnte man diesen Gaulim nicht bekommen?«
»Zu welchem Zweck? Aber Sie wissen doch, dass sich Niemand auf den
Boden wagt. Wahrscheinlich haben in früheren Zeiten die Rabbiner
allerhand unheimliche Geschichten über die Alt-Nai-Schule verbreitet,
um die Christen abzuschrecken und sind dort heute noch Schätze und
Geheimnisse aller Art verborgen.«
»Kennen Sie Jemand, Treitel«, fuhr Pesach Wolf leise fort, »der ein
Kabbalist ist, wie Rabbi Löb einer war, der einen Gaulim bilden kann
und ihn zu beleben versteht durch Einhauchen heiliger Namen?«
»Das sind doch Märchen!« rief Treitel lachend. »Rabbi Löb mag einen
Automaten gehabt haben, der Anlass zu der Sage gab. Aber wozu wollen
Sie denn solch einen Gaulim haben?«
»Für meine arme Jenta«, sagte der Greis seufzend, »da sie schon keinen
Mann haben soll, möchte ich ihr einen schönen Gaulim zum Spielzeug
geben.«
Treitel legte den Finger an die Nase. »Einen schönen Gaulim? Sollen Sie
haben.«
Und so klopfte der Schadchen wieder an die Thüre des schönen Kaleb.
Diesmal war die Aufnahme ungleich besser, und als Treitel von einer
reichen Erbin sprach, wurde Kaleb sogar liebenswürdig.