Sehnsucht nach Liebe in seinem Herzen, diese Traumgestalten der Freude,
die in stillen Nächten um ihn webten, er vergass die Schmerzen, das
schleichende Fieber, das ihn quälte, nur Eines vergass er nicht.
Wenn die Sonne leise durch den grünen Vorhang drang, und die elende
Wand vergoldete, da war es, als schriebe eine unsichtbare Hand mit
flammenden Lettern, an diese Wand, die Worte des grossen, jüdischen
Poeten, den einst Spanien gebar, den Vers Jehuda ben Halevy's: Nie
vergess' ich dein, Jerusalem!
Und wenn der Mond die kleine Stube mit seinem keuschen Licht erfüllte,
da schien ein silberner Finger dieselben Worte auf den rauchigen
Querbalken hinzuzaubern, und wenn er in der Dämmerung des Abends auf
dem Friedhof sass und träumte, da flüsterten Geisterstimmen in den
Wipfeln der Zypressen: »Nie vergess' ich dein, Jerusalem!«
Ein brennendes, verzehrendes Heimweh hatte sich seiner bemächtigt, ein
Heimweh nach dem Lande seiner Väter, das er niemals gesehen, das er nur
aus den Schilderungen der heiligen Schrift kannte. Dieses Heimweh war
endlich mächtiger als er, als sein Vaterland, als seine Familie, und es
bezwang sogar seine Schwäche und seine Armuth.
Er lebte von der Liebe seiner Schwester, die ihm ein kleines Stübchen
und Nahrung gegeben hatte, er hatte niemand, der ihm die Mittel zu
dieser grossen Reise gegeben hätte, aber er hatte sich dennoch in
dieser Nacht entschlossen aufzubrechen, und als der junge Tag die weite
Fläche mit seinem goldenen Licht übergoss, setzte er den Hut auf,
ergriff seinen Stock und ging ohne Abschied fort, hinaus in die Fremde,
in die weite, feindliche Welt, nach dem gelobten Lande, nach Jerusalem!
* * * * *
Galeb schlich durch den Garten, trat durch das kleine Pförtchen heraus
in das Freie und setzte seinen Weg dann zwischen den schwankenden
Aehren auf dem schmalen Fusspfad fort.
Am Rande des Waldes stand eine kleine Hütte, in der Juden wohnten. Die
Männer bestellten das Feld, und Midatja, die Tochter des Schalmon, dem
das Bauerngut gehörte, weidete die Kühe in den Büschen.
Als sie Galeb erblickte, liess sie ihre Peitsche knallen und blickte
ihn mit ihren schwarzen Augen halb theilnehmend, halb spöttisch an.
»Du hast recht, einmal hinauszugehen«, sprach sie, »Deine Wangen sind
so bleich, Du lernst zu viel, Galeb, Du gehst zu Grunde zwischen Deinen
Büchern.«
Galeb schüttelte den Kopf, aber er blieb stehen. Er wusste, dass das
Mädchen ihm gut war und auch in seinem Herzen regte sich etwas für
dieses hübsche, gesunde Geschöpf mit dem verständigen Blick.
»Du verstehst mich nicht, Midatja«, sagte er, »mich treibt eine heilige
Pflicht.«
»Oh! ich weiss, was Dir fehlt«, rief sie, »eine Frau, eine Frau wie
ich. Ich wollte Dir schon den Kopf zurecht setzen.«
Galeb lächelte traurig, nickte ihr zu und ging hinein in den Wald.
Als er wieder aus dem Dickicht trat, hatte die Sonne das Gewölk
durchbrochen und ergoss ihre Strahlen in breiten leuchtenden Garben
über die weissen Nebelmassen. Es war ein erhabenes, wahrhaft biblisches
Schauspiel und dabei diese Stille in der Natur, diese Feier!
Galeb Jekarim sprach laut zu sich selbst: »Dort ist Gott!« und dann
erhob er die Arme und das bleiche Antlitz der Sonne zugewendet, begann
er zu beten.
* * * * *
Galeb Jekarim wanderte zu Fuss, mit jenem Muthe und jener Ausdauer,
welche eine grosse Idee dem Menschen einflösst. Er folgte der Sonne.
Dort, wo sie zu Mittag stand, war das Meer und jenseits des Meeres
Jerusalem. Er durchzog Galizien, die Bukowina und betrat die Moldau.
Die heissen Strahlen versengten seinen Scheitel, der Regen, der Hagel
peitschte seinen Nacken, Blitze zuckten um ihn, Spott und Hass schlug
an sein Ohr, aber nichts konnte ihn aufhalten. Er wanderte unermüdlich.
Wenn die Nacht anbrach, bettelte er um Nachtquartier, um etwas Nahrung,
dort, wo er an der Pforte die kleine Rolle mit einem Talmudspruch
erblickte, und überall fand der arme jüdische Pilger offene Thüre und
offene Herzen.
Nicht selten übernachtete er auch in einem Busch oder in dem Versteck,
das ihm die Garben auf dem Felde boten.
In einem kleinen Karpathenthal fiel er in die Hände von Räubern. Er
dachte nicht daran, sich zu vertheidigen. Als er sich von den wilden
Gesellen umringt sah, sprach er ruhig: »Ich bin ein Pilger, der nach
Jerusalem wandert.«
Was war es in diesem bleichen Antlitz, was die Mordgesellen bewegte?
»Nach Jerusalem«, wiederholte der Hauptmann. Alle betrachteten ihn mit
einer Neugierde, in die eine Art Ehrfurcht gemischt war. Dann winkte
ihm der Hauptmann ihnen zu folgen.
In einer Felsenhöhle, vor der ein grosses Feuer loderte, boten ihm
diese Ausgestossenen ein Lager und luden ihn ein, mit ihnen zu essen.
Als er am Morgen weiterzog, sagte der Hauptmann: »Bete auch für uns,
wenn Du dort bist, es gibt doch nur einen Gott über uns allen.«
Endlich die Donau, das Meer. Da lag die feuchte Wüste vor ihm, mit
ihrem Silberschein, ihren wandernden Segeln, ihren Küsten, die sich in
der Ferne verloren.
Ein türkischer Kapitän nahm ihn auf sein Schiff. Da er nicht bezahlen
konnte, sollte er ihm als Matrose dienen. Doch schon in der zweiten
Nacht kam ein Sturm. Das Schiff verlor seine Maste und das Wrack wurde
von einem Korsaren aus Tripolis gekapert.
Galeb Jekarim wurde von dem Piraten als gute Prise betrachtet und in
einer kleinen Stadt an der Küste von Kleinasien auf den Sklavenmarkt
gebracht. Hier kaufte ihn ein reicher Muselmann, der ihn zum Gärtner
machte, ihn, der niemals eine andere Blume beachtet, als jene, die aus
den Versen der Bibel emporblühen oder zwischen den Legenden des Talmud.
* * * * *
Der Garten war eine kleine Wildniss voll Zypressen und Blumen, mit
Duft erfüllt und von den blauen Meereswogen bespült. Jedesmal, wenn
Galeb Jekarim durch die Orangen- und Zitronenbäume den leuchtenden
Spiegel erblickte, auf dem irgend ein Segel schwamm, seufzte er auf:
»Nimmer vergess' ich dein, Jerusalem!« und heisse Thränen überströmten
seine eingesunkenen Wangen, wenn die holde Lewana, wenn der Mond an
dem blauen Himmel heraufzog und silberne Brücken baute über das Meer
hinüber.
[Illustration]
Mehr als einmal war Galeb nach Sonnenuntergang einer Frau begegnet,
die ganz in einen weissen Burnus und einen weissen Schleier gehüllt,
einem Geiste gleich, durch die Laubgänge schritt. Jedesmal blieben ihre
dunklen Augen auf dem Sklaven ruhen, der sich vor ihr niederwarf und
das Haupt zur Erde neigte.
In einer mondhellen Nacht, als er an dem Ufer des Meeres sass und
betete, legte die Türkin ihm plötzlich die kleine weisse Hand auf die
Schulter. »Still!« murmelte sie, »antworte rasch auf meine Fragen. Du
bist unglücklich. Hast Du ein Weib, eine Braut in Deinem Lande, die Du
liebst?«
Galeb Jekarim schüttelte den Kopf.
»Weshalb weinst Du also?«
»Ich war auf der Pilgerfahrt nach Jerusalem,« gab er zur Antwort, »als
mich die Räuber gefangen nahmen, ich fühle, dass mir der Todesengel
nahe ist, und ich kann nicht sterben, ehe ich nicht die heilige Erde
geküsst habe, ehe ich nicht Gott angerufen habe, dort im Lande der
Verheissung.«
Die Türkin sah ihn staunend an, dann schlug sie langsam den Schleier
zurück und den goldgestickten Haremspelz auseinander.
»Bin ich nicht schön?« fragte sie.
»Ja, Du bist schön«, erwiderte Galeb.
»Dann schenk' mir Dein Herz, denn ich liebe Dich.«
Sie schlang die mit goldenen Reifen bedeckten Arme um ihn und küsste
ihn.
Galeb schauerte zusammen. »Verlange mein Leben«, murmelte er, »aber
nicht mein Herz. Es ist dort, wo die Mauer des Tempels gegen den
Himmel ragt und die Gläubigen an Jehovah mahnt. Ich darf Dich nicht
lieben.«
Die Türkin neigte traurig den Kopf, dann richtete sie sich plötzlich
auf, verhüllte ihr Antlitz und machte Galeb ein Zeichen, ihr zu folgen.
Im Dickicht zeigte sie ihm einen Kahn, in dem ein Ruder lag.
»Wenn Du muthig bist«, sprach sie, »fliehe, rette Dich.«
Galeb kniete vor ihr nieder, presste die Lippen auf ihren kleinen Fuss,
sprang in den Kahn und stiess ab.
Noch lange sah man die Türkin am Ufer stehen und mit ihrem Schleier
winken. Dann verschwamm alles in der silbernen Dämmerung des Mondes,
das schöne Weib, die Bäume, das Landhaus, und ringsum war nichts als
das Meer und der leuchtende Himmel.
* * * * *
Ein englisches Schiff hatte den Pilger aufgenommen und in Jaffa an das
Land gesetzt.
Von neuem begann die Wanderung auf steinigen Wegen, auf denen die
heisse Sonne brütete, durch Kaktusgestrüpp, durch öde, kahle, traurige
Felsen, nur selten zeigte sich eine Ortschaft, von Zeit zu Zeit eine
Zisterne, an welcher der Pilger seinen Durst löschen konnte.
Das Fieber brannte in seinen Adern, seine Kräfte liessen nach, aber
er ging trotzdem vorwärts. Er hatte nicht den Muth, lange zu rasten,
er fürchtete einzuschlafen und nicht mehr zu erwachen, aber er hatte
den Muth, der Sonnengluth Trotz zu bieten, dem Hunger, dem Durst, der
Erschöpfung.
Nachts hörte er Stimmen, die ihm Trost zusprachen, und eine weisse
Gestalt schien vor ihm zu schweben, und ihm den Weg zu weisen, ein
Engel des Himmels.
Und endlich, am Morgen, die Mauern der heiligen Stadt.
Jerusalem!
Galeb Jekarim warf sich auf sein Antlitz nieder und küsste die geweihte
Erde, dann erhob er sich und schritt eilig vorwärts. Er fühlte keine
Mattigkeit mehr, keinen Hunger, keinen Durst. Goldene Kuppeln glänzten
im Morgenlicht. Auf seinem Wege waren jetzt Obstbäume, ein Wald von
Kakteen, rothe, flammende Blüthen und ein frisches Grün, hier eine Flur
von Anemonen, Skabiosen, Schwertlilien, dort ein Hain von grossen,
farbigen Disteln. Ueber ihm leuchtete der reine Himmel und um ihm war
diese balsamische Luft, der Duft der Rosen und Trauben von Kanaan.
Jerusalem!
Er blickte nicht rechts, nicht links, er eilte vorwärts.
Noch hundert Schritte!
Da war die heilige Mauer, ein Rest jener hohen, mächtigen Terrassen,
auf denen einst der Tempel gestanden hatte.
Am Fusse dieser Mauer sank der Pilger hin.
Er erhob sich noch einmal, um gegen die Steine gelehnt, mit lauter
Stimme sein Gebet zu sprechen, das wie ein Jubellied aus voller
Seele erklang, und glitt dann noch einmal zur Erde, um nicht wieder
aufzustehen.
Vor ihm stand leuchtend der Bote mit den weissen Flügeln, der ihn
geleitet hatte, und hoch oben ertönte Gesang ...
Galeb lehnte sich zurück an die heilige Mauer, und das letzte Wort,
das über seine Lippen kam, wie ein Hauch, ein seliger Seufzer, war:
Jerusalem!
[Illustration]
[Illustration]
Wie Slobe ihre Schwester verheirathet.
-- BELGIEN. --
Werbung und Hochzeit.
Auf dem grossen Platze, wo das alte gothische Rathhaus stand,
befand sich auch das Haus der Familie Ohrenstein und deren Magazin
für Damentoilette. Man fand in demselben alles, vom Hut bis zum
Schuh herab, und ausserdem zwei bildhübsche Mädchen, die Töchter
Ohrenstein's, welche den Käufer anzogen. Die Frauen kauften lieber,
wenn sie die Sachen erst auf dem Kopfe oder an dem Körper der schlanken
schwarzen Slobe oder der üppigen blonden Bele gesehen hatten, und die
Männer traten ein, um die beiden Schönen zu bewundern.
Die jüngere, Slobe, liebte die Lektüre und kam manchmal selbst in die
Buchhandlung und Leihbibliothek des Louis Jadassohn, um neue Bücher zu
wählen. Jadassohn war ein junger, hübscher, eleganter Mann, gebildet,
nicht ohne Geist und Slobe sprach immer drei Sprachen zugleich, eine
verständige, nüchterne mit den rothen Lippen, eine schalkhafte,
mit ihren dunklen Augen und eine gleichfalls stumme aber kokette
Zeichensprache mit ihren reizenden, kleinen Händen, die unermüdlich in
den abgegriffenen Bänden blätterten, welche ihr der junge Buchhändler
vorlegte. Immer häufiger wurden die Besuche Slobe's im Buchladen und
sie selbst immer wählerischer in Bezug auf ihre Lektüre, während
Jadassohn sie immer zärtlicher anblickte.
Eines Abends flüsterte er ihr zu: »Die erlebten Romane sind doch
schöner als die gedruckten.«
»Oh gewiss!« erwiderte die schlaue Slobe, »aber ich mag nur Jene, wo
die Liebenden zuletzt heirathen.«
Am nächsten Tage kam Jadassohn im Frack und weisser Kravatte zu
Ohrenstein und bat um Slobe's Hand. Ohrenstein rief seine Tochter.
»Willst Du ihn?« fragte er lächelnd.
Slobe nickte.
»Gut, abgemacht«, sagte Ohrenstein und gab Jadassohn die Hand, »aber
geheirathet wird nicht, ehe nicht Bele unter der Haube ist.«
Das war nun eine schwere Bedingung, aber alle Bitten der Liebenden
waren nicht im Stande, Ohrenstein zu rühren, er blieb fest.
Slobe's ältere Schwester Bele, war früher viel umworben worden, aber
ihr böser Engel hatte eines Tages einen jungen Maler in das kleine
Städtchen am Fusse der Argonnen geführt, und dieser hatte sie als
Esther, auf üppigen Kissen ausgestreckt, gemalt. Seither war das
schöne Mädchen von masslosem Stolz erfüllt und zeigte sich so spröde
und wählerisch, dass endlich kein Mann mehr den Muth hatte, um sie zu
werben, und sie das fünfundzwanzigste Jahr erreicht hatte, ohne den
goldenen Reif am Finger.
Slobe kam noch denselben Abend in die Buchhandlung und die Liebenden
beriethen.
»Wir müssen Bele verheirathen«, entschied Slobe, »ich nehme meine
Schwester auf mich, und Sie müssen den Bräutigam zur Stelle schaffen.«
»Das wird nicht so leicht sein«, sagte Jadassohn seufzend.
Nachdem Slobe ihn verlassen, dachte er nach, aber er fand unter allen
seinen Bekannten niemand, den er Bele zu präsentiren gewagt hätte.
Da kehrte eines Tages der Sohn seiner Hausfrau aus Genf zurück, wo
er in einer Uhrenfabrik gearbeitet hatte. Die Wittwe Schnick, seine
Mutter, war wohlhabend und gab ihm das Geld, um sich zu etabliren, und
Simon Schnick war ein junger Mann von zweiunddreissig Jahren, der die
Welt gesehen hatte und der einem Mädchen wohl gefallen konnte.
Das Opfer war also gefunden, und sofort begannen Slobe und ihr
Bräutigam zu operiren.
Bei der nächsten Sabbathpromenade machte Jadassohn den Uhrmacher auf
Bele aufmerksam. Schnick fand sie superb. Slobe wieder flüsterte der
Schwester zu: »Wer mag denn der feine hübsche Mann sein, der mit
Jadassohn geht?«
»Ein Fremder«, sagte Bele, »unsere Herren sind nicht so distinguirt.«
Den nächsten Tag, beim Mittagessen, begann Jadassohn den jungen Schnick
zu necken. »Sie sind ja ein wahrer Fraueneroberer«, sagte er, »Sie
haben Glück bei den Damen. Erinnern Sie sich des schönen Mädchens von
gestern?«
»Bele Ohrenstein?«
»Ja, sie ist entzückt von Ihnen.«
Und Slobe flüsterte ihrer Schwester zu: »Bele, Du hast schon wieder
einen Sklaven an Deinen Triumphwagen gespannt.«
»Wen denn?«
»Den schönen, eleganten jungen Mann, den Du für einen Fremden angesehen
hast. Es ist Simon Schnick. Er schwärmt für Dich.«
»Wenn Sie sich etabliren wollen, müssen Sie unbedingt eine Frau
nehmen«, sprach wieder der Buchhändler zum Uhrmacher. »Eine reiche
Frau und eine schöne Frau, welche die Kunden anzieht. Sie können keine
bessere Wahl treffen, als Bele.«
»Aber sie soll sehr stolz sein«, erwiderte Schnick, »sie wird mich
nicht nehmen.«
»Ich sage Ihnen ja, dass sie sterblich in Sie verliebt ist.«
Den nächsten Tag führte Jadassohn den Uhrmacher bei Ohrenstein ein.
Slobe hatte alles prächtig in Scene gesetzt. Frau Porges, die Gattin
des reichen Wechslers kam einige Minuten vorher in das Geschäft
Ohrenstein's. Sie spielte Slobe zu lieb in der Komödie mit und
verlangte eine kostbare neue Toilette zu sehen, welche eben von Paris
angekommen war. Auf Vorschlag Slobe's probirte Bele dieselbe, und die
beiden Herren kamen eben an, als Bele, strahlend vor Schönheit, in die
eleganteste Pariser Weltdame verwandelt, mitten im Laden stand.
Schnick war mit allen seinen Bedenken zu Ende, er ergab sich und machte
Bele feurig den Hof. Diese zeigte sich wider Erwarten liebenswürdig und
schenkte ihm sogar ein paar ermunternde Blicke.
Trotzdem zweifelte der Uhrmacher noch an seinem Sieg. Und nun entstand
eine neue Schwierigkeit. Frau Schnick hatte bereits eine Braut für
ihren Sohn erwählt, Clara ben Schoren, die Tochter eines reichen
Kürschners in Gent.
»Oh! Das ist lächerlich«, rief der Buchhändler, »einem Manne wie Sie
ein solches Mädchen vorzuschlagen.«
»Wie das?«
»Erstens schielt sie auf einem Auge. Dann hat sie einen Klumpfuss, und
endlich -- die Motten, die sie aus ihrem Geschäfte mitbringen muss.«
»Sie haben recht, ich nehme sie nicht.«
Denselben Tag noch hielt Simon Schnick um Bele an und erhielt ihr
Jawort und den Segen der Eltern. Es gab zwei glückliche Paare im
Städtchen und alles rüstete sich zur Hochzeit.
Von Nah und Fern kamen die Verwandten, die Gäste herbei, nicht etwa
nur aus Brüssel, Antwerpen und Amsterdam, sogar aus London, Paris,
Genua, Frankfurt, Warschau und Prag. Man sah die merkwürdigsten Typen,
vom Börsenmakler bis zum Dorfjuden, von der eleganten Weltdame bis
zur simplen Gänsehändlerin herab, Herren im Frack mit Dekorationen und
alte, langbärtige Männer im langen Kaftan den Hut auf dem Kopf, Frauen
in kostbaren Brokatroben, mit Diamanten bedeckt und alte Tanten im
verblichenen Seidenüberrock mit antidiluvianischen Roben, und alle,
schön oder lächerlich, einflussreich oder unbedeutend, reich oder arm,
wurden mit derselben Liebe und Achtung aufgenommen.
[Illustration]
Da Grossvater Ohrenstein und Grossvater Jadassohn ziemlich orthodox
waren, so beobachtete man bei dieser Hochzeit mehr von den alten
Bräuchen, als es sonst noch im Lande Mode war.
Man feierte deshalb die Hochzeit am Abend. Nachdem die beiden Bräute
von ihrer Mutter und ihren Cousinen angezogen worden waren, traten sie
beide in den Salon hinaus, beide in schleppender weisser Atlasrobe,
einen Orangenblüthenkranz auf dem Kopf, einen kleinen Strauss in der
Hand. Sofort wurden sie von ihren Freundinnen und den Mädchen aus ihrer
Verwandtschaft umringt und nahmen von ihnen Abschied unter Küssen und
Thränen. Zuletzt nahm Bele ihren Brautkranz ab und gab ihn der jüngsten
unter den Mädchen, Sorl van Ruben, und Slobe den ihren Katalin Meerboom.
Dann begaben sich die beiden Bräute in das Nebenzimmer, wo die älteren
Verwandten versammelt waren. Sie knieten eine nach der anderen vor
ihren Eltern nieder, baten sie um Vergebung und empfingen deren Segen.
Hierauf beteten sie einige Zeit aus der Thina.
Nach beendetem Gebet erschienen wieder die jungen Mädchen und führten
die beiden Bräute zu dem Bedeckstuhl. Nachdem die Schwestern auf dem
erhöhten Sitz, wie auf einem Throne Platz genommen hatten, trat der
Rabbiner ein. Er warf zuerst Bele ein mit Gold verbrämtes Seidentuch,
das sogenannte Decktuch über den Kopf und sprach: »Gelobt seist Du,
Gott, unser Herr, Herr der Welt, der Du gebildet den Menschen nach
Deinem Ebenbild, Du hast aus ihm geschaffen einen Bau für die Ewigkeit.
Und so sei denn die Pessula (Jungfrau) Bele geweiht dem Ehestande.
Werde wie eine Rebe, blühend in Deinem Hause, und Deine Kinder mögen
Dich umgeben wie Oelzweige. So behüte Dich Gott und segne Dich. Gott
gebe Dir den Frieden. Amen!«
Dieselbe Zeremonie wiederholte sich bei Slobe, dann banden die
Brautjungfern beiden das Tuch in Form eines Turbans und während alle
Verwandten und Gäste sie umgaben, trat der Narr vor und begann sein
Lied.
Er sang eine Art Chronik aller drei betheiligten Familien und zugleich
einen Lobgesang auf die Eltern, dann schilderte er das Leben der beiden
Bräute und pries ihre Schönheit und Geistesgaben. Er verglich die
schöne Bele mit der goldhaarigen Sulamith des hohen Liedes, die sich
wie Morgenroth aus den Wolken erhebt und Slobe mit der Königin Esther,
zu deren Füssen der mächtigste Herrscher lag. Er sprach von der Ehe,
ihren Freuden und Pflichten und pries zuletzt die Frauen, indem er
Sprüche des Talmud in seine Reime verwob.
Drei Dinge erheitern das Herz im Leib,
Eines davon ist das schöne Weib.
Wer ohne Weib lebt auf Erden,
Verdient nicht Mensch genannt zu werden.
Bereite Deinem Weib Vergnügen,
Sie hilft Dir ernten und pflügen.
Des Weibes Tugend, so gross und hoch,
Macht uns leichter Egyptens Joch.
Fiel ein gutes Weib zum Lohne Dir,
Was brauchst Du noch auf Erden hier.
Als der Narr geendet hatte, meldete der Schames, dass im Tempel alles
bereit sei, die Wagen fuhren vor, und die ganze zahlreiche Gesellschaft
setzte sich in Bewegung.
In der glänzend erleuchteten Synagoge erwartete der Rabbiner die
beiden Paare. Nachdem die Ketuba, die Heirathsurkunde, verlesen war,
wurde zuerst Bele ihrem Chassan (Bräutigam) unter dem seidenen Chupo
(Trauhimmel) verschleiert zugeführt. Der Rabbiner gab Simon den Ring,
den dieser Bele mit den Worten an den Finger steckte: »Ich gelobe mich
Dir für die Ewigkeit, ich gelobe Dich mir in Tugend und Gerechtigkeit,
in Treue und Wahrheit, auf dass Du Gott erkennst.«
Hierauf empfing Simon aus den Händen des Rabbiners einen Becher mit
Wein, den er zur Erde warf. Wie der Becher nicht wieder ganz werden
kann, so soll die Ehe niemals getrennt werden.
Nachdem der Rabbiner das Paar gesegnet hatte, sprach er: »Erfreue
Gott diese, die im treuen Bunde der Liebe zusammenhalten, wie Du die
ersten Menschen erfreut hast im Paradiese. Gelobt seist Du, Gott, der
erschaffen Braut und Bräutigam zur Freude, zur Einigkeit und Liebe.
Halte ferne von ihnen Schmerz und Gram und geleite sie zum Heil, Amen!«
Damit war die Ehe geschlossen.
In gleicher Weise wurde die schwarzäugige Slobe mit Jadassohn vereint.
[Illustration]
Dann drängten sich alle an die beiden neuvermählten Paare heran, um
Glück zu wünschen und jeder von den Gästen bekam einen Splitter von dem
zerbrochenen Becher als Andenken.
Eine Rede des Rabbiners voll von orientalischer Weisheit und
Bilderpracht schloss die Feier.
Alle kehrten in das Haus Ohrenstein's zurück, und hier begann jetzt das
Hochzeitsmahl. Während desselben unterhielt der Narr die Gesellschaft,
und als man sich erhob, erschienen die Sänger des Tempels und sangen
die schönen alten Hochzeitsweisen.
Den Schluss bildete ein Ball. Grossvater Ohrenstein und Grossvater
Jadassohn wurden schliesslich heiter, und da zu ihrer Zeit bei den
Juden nur Männer mit Männern und Frauen mit Frauen tanzen durften,
tanzten die beiden alten Herren unter allgemeinem Jubel zusammen.
»Wie sich alles ändert«, sagte zuletzt Grossvater Jadassohn, »da haben
wir zwei Hochzeiten auf einmal, ohne Schadchen.«
»Oh! doch nicht!« rief Bele lachend, »der Schadchen war Slobe.«
[Illustration]
[Illustration]
Frau Leopard.
-- POLEN. --
Jüdische Justiz. -- Beschdin. -- Der Rosche.
Die kleine Stadt Zamosta an der Weichsel war vorwiegend von Juden
bewohnt. Die wenigen Christen lebten in bester Eintracht mit denselben,
nur einer unter ihnen war ein grimmiger Judenfeind, was die polnischen
Juden einen »Rosche« nennen. Er war ein Beamter des Magistrats Agenor
Koscieloski. Er neckte und verfolgte die Juden, wo sich nur eine
Gelegenheit dazu ergab und wurde von allen gefürchtet und gehasst.
Begegnete er einem jungen Elegant im schwarzen Atlastalar, der sich
seiner schönen Schmachtlöckchen freute, fragte er ihn ernsthaft, ob er
Korkzieher zu verkaufen habe.
Nie konnte er einer Butka, einem jener mit Leinwand gedeckten
langen Wagen begegnen, in denen die polnischen Juden wie Heringe
zusammengepfercht sitzen, ohne dass er die Insassen derselben laut,
mit dem Finger auf sie deutend, zu zählen begann. Vergebens jammerten
die Unglücklichen, welche sich bereits sämmtlich dem Schwerte des
Todesengels verfallen sahen[2], vergebens schrieen sie ihm die
lächerlichsten Schimpfworte, die schrecklichsten Flüche zu, er hörte
nicht auf, ehe er nicht seine Unthat vollendet hatte.
Traf er auf der Strasse einen Handelsjuden, Schnorrer oder Fuhrmann,
der neben seinen Pferden herging, so richtete er gewiss an ihn die
freundliche Frage: »Was thut sich in Pintschew?« und der Jude spuckte
wüthend aus, antwortete aber gewissenhaft: »Es tugt.«[3]
Diese Scherze waren am Ende noch unschuldig, aber er that andere Dinge,
die weniger unschuldig waren.
Niemand liebte den Rosche, aber mehr als alle hasste ihn Frau Leopard,
eine junge hübsche Wittwe, die gut erzogen, gebildet und ziemlich
aufgeklärt, aber trotzdem eine gute Jüdin war und jede Beleidigung
ihres Stammes zugleich als eine persönliche auffasste. Sie hatte ihm
Rache geschworen und wartete nur auf eine günstige Gelegenheit um
Koscieloski empfindlich zu bestrafen.