»Willst Du etwas essen, mein Sohn«, begann die Mutter wieder, »oder

einen warmen Thee?«

»Und nimm doch Deinen Mantel ab«, fügte die Kleine hinzu, und schon

hatte sie ihm denselben abgenommen und an den grossen Nagel neben dem

Ofen gehängt. Wie sie sich aber wieder zu David wendete, stiess sie

einen leisen Schrei aus und wich fast erschreckt zurück. Zugleich hatte

sich Mutter Rosa erhoben und den jungen Soldaten bei den Schultern

genommen.

»David«, rief sie, »Du hast etwas Grosses gethan, das hättest Du doch

schreiben müssen. Dein König, der Herr segne ihn! war zufrieden mit

Dir. Er hat Dir ein Zeichen seiner Gunst gegeben, ein Zeugniss der

Tapferkeit, der Ehre!«

»Sprich, mein Held«, jubelte Abigail, »was hast Du gethan?«

»Nicht viel«, erwiderte David bescheiden, »meine Pflicht. Als die

Feinde die Schanzen von Düppel erstiegen, da war die Fahne meines

Regimentes in Gefahr. Wir haben sie gerettet, vier Kameraden und ich.«

»Oh! das war schön!« rief das Mädchen.

»Die ganze Khille (Gemeinde) wird stolz sein auf meinen David«, rief

die Mutter, und dann berührte ihre zitternde Hand leise das Kreuz auf

der Brust des Sohnes und fuhr rasch zurück, als hätte sie zu viel

gewagt.

* * * * *

Am nächsten Tage gingen sie alle zusammen in die Synagoge, um Gott zu

danken, Mutter Rose, David, Abigail und deren Eltern, der Weinhändler

Silberstern und seine Frau.

Es war Sabbath, und die ganze kleine Gemeinde war in dem Tempel

versammelt. Als David hereintrat, ging ein Murmeln durch die Reihen

der Männer und oben drückte sich mehr als ein schönes Frauengesicht,

mehr als ein liebliches Mädchenantlitz an das Gitter, um den prächtigen

Soldaten besser sehen zu können.

Das Haus Gottes strahlte in seinem hellsten Glanze, und all' dieser

Glanz schien in Abigails Augen heute nur dazu bestimmt, das

Ehrenzeichen auf der Brust des Geliebten noch leuchtender erscheinen zu

lassen. Der Rabbiner bestieg die Kanzel um seine Predigt zu halten. Er

hatte seinen Text gewählt und sich alles sorglich zurechtgelegt, als

aber der alte Mann den jüdischen Soldaten erblickte und das Kreuz, mit

dem sein König ihn geschmückt, da riss ihn die Begeisterung fort und

er predigte über eine Stelle aus den Sprüchen Salomos: Besser ist ein

guter Name als grosser Reichthum, guter Ruf besser als Silber und Gold.

Er predigte aus dem Stegreif, wie sein Herz es ihm eingab, und er hatte

niemals besser gepredigt.

Dann sang der Kantor. Auch er that sein Bestes. Er trillerte wie eine

Lerche, er tremolierte wie eine Nachtigall, er schüttelte das Haupt und

gestikulirte, breitete die Hände aus, beugte den Oberkörper und schlug

den Takt, Alles wie ein Künstler, der unter seinen Zuhörern irgend eine

erlesene Person weiss.

Dann ging man an das Vorlesen des Wochenabschnittes aus der Thora. Der

Erste, welcher aufgerufen wurde, war David. Schon stieg er die Stufen

hinan, um die grosse Pergamentrolle in Empfang zu nehmen, worauf die

fünf Bücher Moses geschrieben sind, als eine scharfe, näselnde Stimme

rief: »Kann ein Jude mit dem Kreuz auf der Brust zur Thora aufgerufen

werden?«

Diese hässliche Stimme gehörte Dankmar Bernstein, der sich gleichfalls

um die hübsche Abigail und wahrscheinlich noch mehr um ihre Mitgift

beworben hatte und die Gelegenheit benutzte, um sich an seinem

Nebenbuhler zu rächen.

David war bleich geworden. »Jeder gute Jude,« sprach er, »hat ein Recht

auf den Aufruf zur Thora. Dieses Rechtes verlustig erklärt werden ist

eine Strafe, eine Entehrung. Wer hat hier den Muth einem Soldaten, der

für Vaterland und König gefochten die Ehre abzusprechen?«

Alle schrieen durcheinander, aber Bernsteins Stimme übertönte Alle:

»Der Talmud verbietet Juden, die unter Heiden wohnen, deren Kleidung

anzunehmen.«

Oben, hinter dem Gitter hatte Mutter Rose die Hände vor das Gesicht

gepresst und weinte, während Abigail sich erhoben hatte, als wollte sie

den Geliebten vertheidigen.

* * * * *

Endlich hatte der Schames, der kleine, wohlbeleibte Synagogendiener

die Ordnung und Ruhe so weit hergestellt, dass der Rabbiner, der schon

wiederholt gewinkt hatte, das Wort ergreifen konnte.

Voll Würde und Milde, neben dem Beleidigten stehend, die Arme

erhoben, begann der alte Mann: »Was musste ich hören? Kann Irrthum

so verblenden, dass der Irrgeführte im blinden Eifer Gott zu dienen,

dessen Tempel entheiligt?«

Ein beifälliges Gemurmel folgte diesen Worten.

»Was bedeutet das Kreuz auf der Brust dieses Mannes?« fuhr er fort.

»Es sagt uns: er ist ein +Jude+! und dieses Zeichen, das einst seine

Vorfahren zu Schmach und Verfolgung ausschied, zeichnet ihn heute mit

Ehren aus. Hallelujah! Preiset den Herrn.«[1]

»Hallelujah!« sang der Kantor.

»Hallelujah!« stimmte die ganze Gemeinde ein.

»Ja, gelobt sei der allmächtige Gott, der heilige Richter über Krieg

und Frieden, dass er uns in seiner gnädigen Führung zu einer Stufe

emporgeleitet hat, wo das Zeugniss der Treue, der erfüllten Pflicht

auch die Brust des Juden schmückt. Welch' eine Wandlung unserer

Geschicke! Vormals der gelbe Schandfleck auf unserem Rücken und jetzt

das Kreuz auf unserer Brust. Gottes Name sei gepriesen!«

Alle nickten zustimmend, viele erhoben die Hände, Einzelne begannen

laut zu weinen.

»Allerdings ist den Juden verboten, die Kleidung der Heiden zu tragen,

aber der Talmud gestattet ihnen, sobald sie mit hohen Personen anderen

Glaubens verkehren, deren Tracht anzunehmen. In diesem Sinne muss auch

dieses Ehrenzeichen als ein erlaubter Schmuck angesehen werden, und

dann ist das christliche Symbol kein heidnisches. Im Traktat Bechorath

Blatt 1 Seite 2, Abschnitt Schemmä heisst es: In unserer Zeit darf dem

Nichtjuden ein Schwur auferlegt werden, denn hier handelt es sich nicht

um die Anerkennung eines anderen Gottes, weil der Sinn der Schwörenden,

auch wenn sie dabei noch einer anderen Person erwähnen, dennoch auf den

Namen des Schöpfers des Himmels und der Erde gerichtet ist.

Das christliche Symbol ist kein heidnisches, und der Jude kann mit

demselben auf der Brust zur Thora aufgerufen werden. Ja, mir erscheint

dieses Symbol auf der Brust des jüdischen Mannes als eine Fügung des

Herrn, als eine erhebende Auszeichnung, als eine Verherrlichung des

göttlichen Namens Kiddusch-Haschem!«

Mit diesen Worten übergab der Greis die Thora dem Soldaten und dieser

begann laut aus derselben vorzulesen.

* * * * *

Als der Gottesdienst zu Ende war, wendete sich der greise Rabbiner noch

einmal an David Lilienkron.

»Mein Sohn«, sprach er, »Du hast der Gemeinde, Du hast dem ganzen

jüdischen Volke, das über den Erdboden zerstreut ist, Ehre gemacht, ich

will Dich dafür »benschen.««

Er erhob die Hände und sprach: »Gott segne Dich und behüte Dich! Gott

lasse leuchten über Dich sein Angesicht und sei Dir gnädig! Gott wende

sich Dir zu und gebe Dir den Frieden!« --

[Illustration]

Als David mit den Seinen aus dem Tempel in den Hof trat, drängten sich

alle, Alt und Jung, an ihn heran, um ihm Glück zu wünschen, ihm die

Hände zu drücken und das Ehrenzeichen auf seiner Brust zu bewundern.

Zindel, der Schuster, von seiner lebhaften Phantasie hingerissen,

verstieg sich soweit, auszurufen: »Das hat ihm der König an die Brust

geheftet, mit eigener Hand, ja, mit eigener Hand!«

Am äusseren Thore aber stand der kleine Chames, umgeben von allen

Knaben, welche die Cheder besuchten, und als David, Mutter Rose am Arm,

herankam, stimmten hundert helle Stimmen das Lied an, das er und seine

Kameraden im Pulverrauch von Oversee und Düppel gesungen hatten: +Der

tappere Landsoldat+.

[Illustration]

Schimmel Knofeles.

-- GALIZIEN. --

Der Handelsjude. -- Sabbath. -- Familienleben. -- Eheliche

Treue.

Schon stand der Abendstern am Himmel, schon wurden in den hölzernen

Häusern der kleinen Stadt die Lichter auf den Kronleuchtern angezündet,

als sich Schimmel Knofeles endlich auf der Schwelle seines Hauses

zeigte. Zebedia, seine Frau, hatte bereits Angst, dass er, der Fromme,

Gewissenhafte, den Sabbath verletzen könnte, sie sah ihn noch mit

dem Bündel auf dem Rücken durch den Staub der Landstrasse waten,

während Israel bereits im Festglanz prangte, aber da war er schon,

Gott sei gedankt! und stand in der offenen Thüre mit seinem gutmüthig

schalkhaften Lächeln. Zebedia hatte schon die grosse Stube und den

Tisch hergerichtet, die Kinder angezogen und sich selbst mit dem

Ueberrock von dunkelrother Seide und der Stirnbinde geschmückt. Der

Rubinglanz ihres Gewandes und das Feuer der falschen Steine, die ihr

Haupt umgaben, stimmte trefflich zu ihrer südlichen Schönheit, welche

die Lieder des Hafis in das Gedächtniss zurückrief, zu ihrer üppigen

Gestalt, ihrem weissen Teint, ihren rothen Lippen und den grossen,

schwarzen Augen. Das dunkle Haar war am Hochzeitstage unter der

unerbittlichen Scheere gefallen.

Schimmel lächelte noch immer, zuerst in seiner herzlichen Freude

über das schöne, geliebte Weib und dann im Gefühl der Schätze, die

er brachte. Er stellte zuerst einen grossen Käfig zur Erde, in dem

bisher ein Geier gehaust hatte und den er als altes Eisen billig genug

erhandelt hatte und entfaltete dann eine prächtige Pelzjacke, diese

war aber vollkommen neu. Eine polnische Gräfin hatte sie spottwohlfeil

hergegeben, nur weil das Roth des Sammtes zu ihren mattgelben Möbeln

nicht stimmen wollte, und Schimmel Knofeles hatte die Gelegenheit

benutzt, seiner Frau ein fürstliches Geschenk zu machen.

Der kleine magere Jude, dessen Nase wie vom Sturm geknickt herabhing

und dessen Rücken gekrümmt war, als hätte ihn die Natur erschaffen,

Lasten zu tragen, lief die ganze Woche umher, von Stadt zu Stadt, von

Dorf zu Dorf, von Edelhof zu Edelhof, im Schneegestöber, im Regen, in

der glühenden Sonnenhitze, schwer beladen mit seinen Waaren. Er opferte

sich auf, nicht etwa, weil die Seinen sonst nichts zu Essen hatten,

nein, um seine Knaben studiren, seine Tochter Klavierspielen lernen zu

lassen und Zebedia mit aller Bequemlichkeit, ja selbst mit Luxus zu

umgeben.

Wenn er aber am Freitag zurückkehrte und wieder im Kreise der Seinen

beim Nachtessen sass, war er für alle Mühe, für alle Entbehrungen

reichlich belohnt.

So war es auch jetzt, als er die Pelzjacke ausbreitete und seine Frau,

nachdem sie dieselbe sattsam bewundert und geprüft hatte, lächelnd,

mit zwei behaglichen Bewegungen in das weiche Pelzwerk schlüpfte. Die

Kinder freuten sich indess nicht minder lebhaft über den grossen Käfig,

der in eine Ecke gestellt wurde und ein prächtiges Spielzeug zu werden

versprach.

Nachdem Schimmel sich gewaschen und das Wochenkleid mit dem seidenen

Talar vertauscht hatte, traten alle zusammen an den Tisch, über dem

die Sabbathlampe brannte und Schimmel begann das Sabbathgebet. Seine

Stimme klang erst gedrückt, wie wenn er noch den Wochenstaub im Halse

hätte, aber immer freier und mächtiger; der kleine Mann, der die Hände

erhoben hatte und den Gott Abraham's, Isaak's und Jakob's anrief,

schien mehr und mehr zu wachsen, und sein braunes Gesicht verklärte

sich, der Schacherjude wurde zum Priester, zum Fürsten, zum Patriarchen.

Als das Gebet zu Ende war, brach er das Brod und Zebedia trug den

Karpfen in der Rosinensauce auf, alle setzten sich an den Tisch und

assen und als Schimmel um sich blickte, stolz wie ein König, sah er,

dass die Sabbathlampe nur zufriedene, glückliche Gesichter beschien.

* * * * *

Kaum hatte die Woche wieder angefangen, war Schimmel Knofeles auch

schon mit seinem Bündel aufgebrochen, und während die Kinder in der

düsteren Schulstube vor den hebräischen Hieroglyphen sassen, war

Zebedia allein in ihrem kleinen Gewölbe, allein mit ihren bunten

Waaren und ihren seltsamen Gedanken. Sie hatte manchmal ein Gefühl

der Einsamkeit in diesen Tagen, wo Schimmel wie ein Kameel der Wüste,

die galizische Ebene durchstrich, und hie und da fragte sie sich,

ob sie eigentlich glücklich war an der Seite dieses Mannes, der so

schwer arbeiten musste, um ihr Freude zu machen, und der nur zu sehr

den jüdischen Karrikaturen glich, die sie manchmal in den Wiener

Witzblättern sah.

So war es auch an diesem Abend. Sie hatte vergessen Licht zu machen, so

sehr war sie in ihre Pelzjacke und in ihre Träume versunken, und sie

bemerkte erst, dass es dunkel geworden, als ein fremder Mann hereintrat

und Zigarren verlangte.

Sie zündete rasch die Lampe an, und als das rothe Licht derselben über

ihr zugleich hartes und weiches, eine milde Leidenschaft athmendes

Antlitz fiel, sah der junge vornehme Mann, dem sie das Kistchen mit

den Zigarren liebenswürdig anbot, sie überrascht an. Sie erkannte

ihn jetzt, es war der Graf Gorewski, welcher ein Schloss in der Nähe

besass. Er war schon manchmal eingetreten, aber es war, als ob er sie

zum ersten Male sähe. Es währte geraume Zeit, ehe er sich für eine

Sorte Zigarren entschied, er liess sich alle Kistchen zeigen, um nur

recht lange das Vergnügen haben zu können, in die schönen, lebhaften

Augen Zebedia's zu blicken. Als er fortging, schüttelte sie den Kopf.

Sie war ein Weib. Sie wusste, dass sie ihm gefallen hatte, und sie fand

ihn gleichfalls hübsch. Wieder sass sie lange, die Hände in den Aermeln

ihrer Pelzjacke versteckt. Dann machte sie eine Bewegung mit dem Kopf,

als wollte sie eine Fliege verscheuchen, oder war es ein böser Gedanke?

[Illustration]

Der Graf kam nun öfter und sie war liebenswürdig gegen ihn, weil

sie klug war. Sie sagte sich, dass er nicht so viel bei ihr kaufen

würde, wenn sie ihm eine saure Miene machen würde. Es gehörte mit

zum Geschäft, liebenswürdig zu sein, zu lächeln, die Augen ein wenig

zu verdrehen und mit ihren Händen, die doppelt weiss aus dem dunklen

Pelzwerk hervorkamen, seine Zigarren anzuzünden. Aber warum zündete sie

den Bauern, die auch ihren Tabak bei ihr kauften, nicht auch die Pfeife

an?

Sie spielte eine Art Hazardspiel, aber sie kam nicht in die Gefahr, zu

verlieren, denn der Graf war leidenschaftlich, und sie war schlau und

kaltblütig.

Eines Abends zwang er sie dennoch, die Karten aufzulegen. Er fasste sie

bei der Hand und blickte ihr in die Augen.

»Ist es nicht schade, dass Sie hier, in diesem dumpfen Winkel,

verblühen, wie eine Rose in einem Kerker«, sprach er.

»Dies ist noch lange kein Kerker«, sagte sie ein wenig erschreckt und

ein wenig spöttisch, »und ich bin keine Rose.«

»O! Sie sind schön, Zebedia, Sie wissen nicht, wie schön Sie sind.«

»Ich bitte -- Herr Graf --«

»Was haben Sie auf einmal?«

»Ich bin eine ehrliche Frau ...«

»Wer zweifelt daran?«

»Sprechen Sie also nicht mehr in dieser Weise zu mir.«

»Welcher böse Geist ist denn mit einem Mal in Sie gefahren?«

»Ein guter Geist, Herr Graf, der Geist der Familie.«

Gorewski zuckte die Achseln. »Sie werden mir doch nicht sagen wollen,

dass Sie mit diesem krummbeinigen Moschku glücklich sind?«

[Illustration]

»Doch.«

»Sie? -- Die schönste Frau auf zehn Meilen im Umkreise und diese

Spatzenschrecke?«

»Ich weiss nicht, ob ich schön bin«, erwiderte Zebedia stolz und ruhig,

»aber mein Mann ist gar nicht so hässlich, wie Sie meinen. Für mich

ist er schön und ich liebe ihn. Sein Aeusseres mag noch so komisch

sein, sein Inneres ist nur um so schöner. Er hat ein Herz wie ein Engel

und einen Charakter wie pures Gold, und einen Geist! der kann einen

Rabbiner lehren!«

»Aber das alles hindert Sie doch nicht, sich ein wenig den Hof machen

zu lassen, schöne Frau.«

»Ein wenig?« erwiderte Zebedia schalkhaft, »warum nicht? Aber Sie sind

nicht der Mann, sich mit diesem Wenigen zufrieden zu stellen.«

»Oh! bei einer Frau, wie Sie, ist schon das Wenige viel.«

Er küsste rasch und feurig ihre Hand und verliess sie mit einer

ritterlichen Verneigung.

Sie blickte ihm nach und seufzte.

* * * * *

Der Herbst meldete sich diesmal früh. Die Bäume prangten bereits im

Schmuck ihres rothen und gelben Laubes, ein kalter Wind fegte über die

Pappeln. Schaaren von Vögeln zogen nach dem Süden und die Meisen nahmen

ihren Platz ein. Man sah sie aller Orten und hörte ihren lustigen Pfiff.

Am Tage vor dem Beginn des Laubhüttenfestes trat jedoch die Sonne

wieder aus dem grauen Wolkenschleier hervor und Israel konnte sein

schönstes Fest mit Ruhe und Freude begehen. Auch Schimmel Knofeles

hatte aus hölzernen Latten und Tannenreisig eine Hütte in seinem Garten

errichtet. Zebedia fertigte indess aus Eiern, die sie geschickt geleert

hatte, und aus farbigem Papier kleine Vögel, und die Kinder klebten

Ketten aus Goldpapier. Als die Hütte fertig war, wurden alle diese

Dinge in den Zweigen befestigt und mit ihnen auch der +Lulaf+, die

seltsame Frucht und der Zweig, welche das Land der Verheissung, welche

das verlorene Paradies in das Gedächtniss zurückrufen sollten.

Dann standen Schimmel und die Seinen vergnügt in der kleinen Hütte, in

der sich eine Bank und ein Tischchen befanden und bewunderten das Werk

ihrer Hände.

Jedes Glied der Familie brachte täglich einige Stunden des Tages oder

der Nacht in der Hütte zu, wie einst das auserwählte Volk während

seiner Wanderung in der Wüste. Schimmel sprach hier seine Gebete und

las seinen Talmud, die Kinder spielten, Zebedia beschäftigte sich mit

einer Stickerei.

Einmal geschah es, dass sie unter Tags unausgesetzt im Gewölbe und in

der Küche beschäftigt war. Sie konnte erst ihre Pflicht erfüllen und

sich in die Laubhütte begeben, als es Nacht geworden war, und ihr Mann

und die Kinder schon schliefen. Die schöne Frau schlüpfte in ihre warme

Pelzjacke, setzte sich in das grüne Zelt, lehnte den müden Kopf an den

Pfosten und träumte. Es war eine Nacht zum Träumen. Der Mond stand

hinter den hohen Pappeln und tauchte das Haus, den Garten, die fernen

Felder in einen matten Silberglanz. Der Brunnen, welcher unablässig

murmelte, schien Diamanten auszuwerfen. Die Astern und Georginen im

Garten flüsterten leise im frischen Nachtwind und aus den Büschen stieg

ein feuchter, angenehmer Duft auf.

Plötzlich nahten Schritte auf dem Kieswege. Zebedia schrack zusammen,

und sie hatte alle Ursache, denn im nächsten Augenblicke stand der Graf

vor ihr.

»Ich muss bitten,« stammelte sie, »was suchen Sie hier -- zu dieser

Stunde -- wenn man Sie sähe ...«

»Ich suche Sie, schöne Frau«, sagte der Graf leise, »Ihre

Gazellenaugen, Ihre elfenbeinernen Arme, Braut des hohen Liedes.«

»Machen Sie mich nicht unglücklich«, gab die Jüdin bebend zur Antwort,

»verlassen Sie mich.«

Der Graf lachte. »Nein, so leicht werden Sie mich nicht los. Sie haben

nur die Wahl, meinem Flehen nachzugeben und ihren Ruf zu retten,

oder eine Eisstatue zu bleiben und in den Augen der Welt schuldig zu

erscheinen. Ich liebe Sie, ich muss Sie besitzen.«

Gorewski warf sich zu ihren Füssen nieder und legte langsam den Arm um

sie. Sie wehrte ihn nicht ab, sie lächelte sogar, denn in demselben

Augenblick war ihr ein schlauer und lustiger Gedanke gekommen, ein

Gedanke so drollig, wie aus den Novellen des Boccaccio oder der

galanten Chronik des Brantome.

»Gut«, sprach sie lauernd, »ich will Ihren Bitten nachgeben, wenn

Sie mir versprechen, alle Vorsicht zu beobachten, die ich von Ihnen

verlange, und mir Ihr Ehrenwort geben, mich unter keinen Umständen zu

kompromittiren.«

Der Graf, von der schönen Eroberung entzückt, versprach alles.

»Sobald ich zur Ruhe gegangen bin«, fuhr sie fort, »wird mein Mann noch

einmal die Runde durch das Haus machen und dann das Hausthor sperren.

Sie treten also mit mir ein, verbergen sich in dem Speisezimmer und

warten, bis ich Ihnen ein Zeichen gebe.«

»Ich werde gern gehorchen,« sagte Gorewski.

Zebedia legte hierauf den Finger auf den Mund und gab ihm einen

Wink, ihr zu folgen. Sie führte ihn leise in das Haus und in das

Speisezimmer, in dem finstere Nacht herrschte. Hier hörte der Graf eine

Thüre knarren und dann hiess ihn die schöne Frau eintreten. Da er den

Weg nicht sofort fand, drückte sie ihm mit der Hand den Kopf nieder und

schob ihn mit der anderen vorwärts. Dann schloss sie eine Thür hinter

ihm, schloss sie zu und zog den Schlüssel ab.

Der Graf verhielt sich einige Zeit vollkommen ruhig. Er erwartete,

dass Schimmel die Runde machen werde, aber bald hörte er diesen im

Nebenzimmer laut schnarchen, und Zebedia kehrte nicht wieder. Leise

begann der Unglückliche umherzutasten und entdeckte bald, dass er

hinter eisernen Stäben gefangen war. Er wollte Lärm machen, aber das

Lächerliche seiner Lage zwang ihn, sich in sein Schicksal zu ergeben.

Die grausame Tugend hatte ihn überlistet, er war ihr auf Gnade und

Ungnade preisgegeben. Sie hatte offenbar die Absicht, ihn die ganze

Nacht eingesperrt zu halten, er liess sich also langsam nieder,

versuchte sich auszustrecken und fand endlich eine Stellung, in der ihn

schliesslich der Schlummer überraschte.

Es war heller Tag, als er erwachte. Er sah jetzt, dass er in einem

grossen eisernen Käfig sass. Seine Lage war einfach abscheulich.

Dennoch sagte er sich, dass er nichts thun könne, als geduldig

erwarten, was die neue Delila mit ihm beginnen werde.

Sie liess nicht lange auf sich warten. Schön und frisch wie der Morgen

kam sie in ihrem weissen Kopfputz und ihrer Pelzjacke herein, rief

ihren Mann und ihre Kinder und zeigte ihnen den seltenen Vogel.

[Illustration]

»Was hast Du gethan?« rief Schimmel, »eingesperrt den Herrn Grafen?«

»Ich habe ihm nicht unrecht gethan«, entgegnete Zebedia, »er hat mich

fangen wollen, und ich war ein wenig schlauer als er.«

»Bitte, kommen Sie heraus.«

Sie öffnete die Thüre. Der Graf kam aus dem Käfig, dehnte seine Glieder

und trat, ohne ein Wort zu sprechen, den Rückzug an, noch lange

verfolgt von dem grausamen Gelächter Zebedia's, welche, die Arme in die

Hüften gestemmt, auf der Schwelle ihres Hauses stand.

[Illustration]

[Illustration]

Galeb Jekarim.

-- JERUSALEM. --

Der Schwärmer. -- Ein jüdischer Pilger. -- Die Mauer des

Tempels.

Nie vergess' ich dein, Jerusalem.

+Jehuda Ben Halevy.+

Zweierlei Licht kämpfte in der kleinen düstern Dachkammer

gegeneinander, das Licht der Unschlittkerze, die zum Stümpfchen

herabgebrannt war, und das Licht des Morgens, das durch den grünen

Vorhang hereindrang. Es war hier wie das letzte Aufflackern eines

Sterbenden und dort wie der frische Athem eines Neugeborenen. Eine

scheidende Seele und eine zweite, welche erwachte.

Das fahle, unruhige Licht der Kerze spielte auf den vergilbten Blättern

des grossen Buches, das auf dem Tisch aufgeschlagen war, während der

röthliche Schimmer des jungen Tages die bleiche Stirne des jungen

Mannes beschien, der in seinem armseligen Lehnstuhl lag, in tiefes

Sinnen versunken.

Seine schlanke Gestalt war in einen fadenscheinigen Kaftan

eingewickelt, unter dem kleinen schwarzen Sammtkäppchen quoll schwarzes

Haar in wirren Locken hervor und fiel schwermüthig in ein Gesicht,

auf dem der Frühling der Jugend niemals aufgeblüht war, ein Gesicht,

in das Leiden, Entsagung und Studium ihre scharfen Linien gezeichnet

hatten, in dem nur die grossen Augen leuchteten, dunkle Augen, die den

Himmel suchten, die sich vom Leben abgewendet hatten, in eine andere

Welt, in jene Oede, in welcher jede Farbe erlischt, jeder Ton erstirbt,

in welcher die Hand in das Leere tastet und nur der Gedanke herrscht,

erhaben, einsam, unbeschränkt.

[Illustration]

Er war arm und krank, dieser bleiche Galeb Jekarim, welcher die Nächte

vor seinen Büchern durchgewacht hatte, und doch war er glücklich. Er

hatte keine Mutter und seine Lippen hatten noch niemals den rothen Mund

eines Weibes berührt, aber er hatte eine Geliebte gefunden, schöner

als alle Frauen der Erde, und reicher geschmückt als alle Sultaninnen.

Nichts war sein eigen, nicht einmal der Talmud, das heilige Buch, die

einzige Quelle seiner Freuden, aber wenn er sich in die vergilbten

Blätter versenkte, da war es, als ob ihm Fittiche wüchsen, die ihn

emportrügen, hoch, immer höher, bis er endlich in einem Meer von Licht

schwamm, tief unter sich den Qualm und das Gewimmel der Städte, die

engen, dunklen Thäler, die weiten Flächen, die der Pflug durchzieht,

die feuchte Wüste des Ozeans mit ihren segelnden Schiffen.

Jüdisches Leben in Wort und Bild · 第 4 / 14 段