ihm ausbreitete, um ihn zu segnen, um ihn an sein Herz zu ziehen,
sprach feierlich den Namen des Ewigen aus, des Gottes Abrahams, Isaaks
und Jakobs und begann dann laut zu schluchzen.
Durch die offene Thür stürzte jetzt Simon herein und zu den Füssen
seines Vaters, der den verlorenen Sohn stumm an seine Brust drückte.
Darka folgte, ein kleines Mädchen an der Hand und ein zweites auf dem
Arme.
Als Simon aufstand, staunte ihn der Rabbi an, er stand so gross, so
kräftig vor ihm in seinen hohen Stiefeln, seinem rothen Hemde und
seinem langen Tuchrock, und wie schön kleidete das junge jüdische Weib
der gestickte Lammpelz und der Kokoschnik der russischen Bäuerin.
»Deine Kinder!« sprach Rabbi Abdon. Es waren die ersten Worte, die über
seine Lippen kamen.
»Ja, Vater, dies ist Simon, der älteste, er hilft mir schon säen und
führt die Pferde, wenn ich pflüge, und er liest auch schon die Thora
und den Talmud.«
»Ihr habt Land gekauft? womit?« fragte der Rabbi.
»Aus dem Erlös unserer Arbeit«, erwiderte Simon, »wir haben gepflügt,
gesäet, geerntet und gespart, und heute sind wir reiche Bauern.«
»Und es wird Dir nicht schwer, Dein Feld zu bestellen?« forschte der
Greis, »kann Dein Körper es aushalten?«
»Vater, ich war auch Soldat«, rief Simon stolz, »ich habe mich gegen
die Türken in Asien geschlagen und war dabei, als Grenadier, an dem Tag
der Ehren, wo wir Russen die Festung Kars mit Sturm nahmen.«
»Wir sind gekommen, um Dich zu holen, Vater«, sprach jetzt Darka mit
einem herzlichen Lächeln.
»Ja, Grossvater«, rief der Enkel, der zwischen seinen Knieen stand,
»ich habe schon eine Laube für Dich gebaut vor dem Hause, dort werden
wir zusammen die Haggadoths lesen, willst Du?«
»Ob ich will?« rief der Greis, »gewiss will ich, Simonchen.«
* * * * *
Heute wohnt Rabbi Abdon bei seinen Kindern und mitten unter seinen
Enkeln. Die Gesetzrollen, der Talmud, der Sohar und der Ilan haben die
Reise mitgemacht, er sitzt aber lieber in der Laube vor dem Hause, die
der kleine Simon ihm erbaut hat und noch lieber in dem Haus aus Garben,
das der Knabe ihm aufrichtet jedesmal, wenn die Ernte begonnen hat.
Dann leuchtet der blaue Himmel über ihm, um ihn wehen die Halme und
Gräser, klingen die Sicheln, die Lieder der Schnitter, und er sitzt
mitten in dem Segen mit seinem Talmud, ein Patriarch.
[Illustration]
[Illustration]
Das Mahl der Frommen.
-- NORDDEUTSCHLAND. --
Der Possenreisser.
Adolf Tigersohn war der offizielle Possenreisser der jüdischen Gemeinde
zu Lindenberg. Er war berühmt in Israel, so weit man eben in einer
kleinen Stadt, in einem verlorenen Winkel, zwischen Haide und Moor
berühmt sein kann.
Tigersohn war zur lustigen Person der göttlichen Komödie geboren. Alles
an ihm war komisch, seine hagere Gestalt mit den langen krummen Beinen,
sein galliges, bewegliches Gesicht mit der grossen Hakennase, seine
grossen blauen Rabenaugen, sein Gang, seine Bewegungen, seine Redeweise
und doch war er im Grunde ernster als Alle, die ein grämliches Gesicht
machten. Vielleicht war er nur verkappter Philosoph, dem die Welt aus
der Höhe, aus der er sie betrachtete, klein und lächerlich erschien,
aber sicher hatte er etwas von einem Narren Shakespeares und von dem
Knappen des Ritters von la Mancha an sich.
Seine Talente waren unerschöpflich. Er war zugleich Taschenspieler,
Sänger, Schauspieler, Akrobat, Musiker, Zeichner und Poet. Wenn er die
Anwesenden nachzuahmen, wenn er Karrikaturen zu zeichnen, Gedichte,
Lieder zu improvisiren begann, so nahm die Heiterkeit kein Ende. Alle
Welt liebte ihn, die Jugend vergötterte ihn. Wer Tigersohn in seinem
Glanz sehen wollte, musste einer Hochzeit in Lindenberg beiwohnen,
da gab er sein bestes nach dem Spruche des Talmud: »Wer Braut und
Bräutigam erfreut, der hat soviel gethan, als habe er eine der Ruinen
Jerusalems auferbaut.«
Auch seine Heirath war in der lustigsten Weise vor sich gegangen.
In Lindenberg lebte ein hübsches und kluges jüdisches Mädchen Fischele
Löwenhaupt, ein Muster von einem Mädchen, aber sehr mager. Diese gute
Seele hatte den unglücklichen Einfall, eines Tages zu behaupten, dass
ein so lächerlicher Mensch, wie Adolf Tigersohn, niemals eine Frau
bekommen könne.
»Wer hat das gesagt?« fragte der Possenreisser, als ihm dieses Urtheil
hinterbracht wurde.
»Fischele Löwenhaupt.«
»So -- gerade sie wird mich nehmen.«
Nicht lange darnach war Purim, der jüdische Karneval. Fischele
war zu ihrem Oheim, dem reichen Kaufmann Marderkopf, geladen, und
als die jungen Leute heiter zu werden begannen, erschien auch der
Possenreisser, denn was wäre Purim ohne Adolf Tigersohn gewesen.
Der heitere Weise war diesmal als Türke gekleidet, hatte eine riesige
Maskennase, eine grosse Brille und eine fuchsrote Perücke.
Ein von Frau Marderkopf wunderbar nach Art des Leviathan zubereiteter
Hecht gab dem Possenreisser Anlass, mit den Leberreimen zu beginnen,
in denen er besonders gross war. Nachdem er alle Anwesenden mehr oder
minder durchgehechelt hatte, wendete er sich an Fischele und sprach
unter köstlichen Grimassen:
Die Leber ist von einem Hecht und nicht von einem Bär,
Wenn manches Mädchen schweigen könnt', es vielmals besser wär.
Die Leber ist von einem Hecht und nicht von einem Rochen,
Man findet schwerlich einen Mann mit nichts als Haut und Knochen.
Während die Anderen in ein schallendes Gelächter ausbrachen, floh
die arme Fischele hinaus auf den Flur und als Tigersohn sich nun
gleichfalls aus dem Staube machte, sah er sie draussen in einem dunklen
Winkel stehen und weinen.
* * * * *
Der Possenreisser liess erst ein paar Wochen in das Land gehen, dann
kam er eines Tages in das Haus des Tapezierers Löwenhaupt, und da er
ein helles Kleid hinter den Stachelbeerhecken erblickte, schlich er
vorsichtig in den Garten und sah richtig Fischele in der Laube mit
einem Buch und einem Strickstrumpf.
Sie sah ihn gar böse an, wie eine Katze, die sich zum Sprunge bereit
macht, aber er kehrte sich nicht daran.
»Na, das ist schon ein guter Anfang,« sprach er, »Sie lachen wenigstens
nicht mehr über mich.«
»Gehen Sie, Sie sind ein schlechter Mensch,« rief Fischele, »wenn ich
keinen Mann bekomme, so sind Sie daran schuld, Sie allein.«
»Einen Mann bekommen Sie schon,« erwiederte der Possenreisser, »aber
hier in der Gegend nimmt Sie keiner -- ausser mir. Das ist richtig.«
»Sie geben es zu.«
»Gewiss, aber ich nehme Sie.«
Fischele sah ihn starr an, dann begann sie laut zu lachen.
»Sie wollen mich zur Frau nehmen? Das ist doch gar zu komisch.«
Tigersohn setzte sich gelassen auf die Bank zu Fischele und suchte ihre
Hand zu erhaschen, aber sie versteckte sie und rückte von ihm fort.
»Hören Sie,« flüsterte er, »jetzt haben wir uns nichts mehr
vorzuwerfen. Ich bin lächerlich, Sie sind lächerlich, das stimmt.
Tigersohn und Löwenhaupt stimmt auch. Man kann einen Pfau und eine Gans
nicht zusammen einspannen, aber zwei reissende Thiere, wie wir, geben
ein herrliches Gespann.«
Fischele wendete sich ab und lachte in ihr Taschentuch hinein.
»Sind Sie noch böse?«
Sie antwortete nicht, aber er erhaschte ihre Hand und küsste sie.
»Ich werde aber immer über Sie lachen müssen, Adolf, wenn ich Ihre Frau
bin.«
»Es ist doch besser, als wenn Sie über mich weinen müssten.«
»Und ...«
»Was, meine einzige Fischele?«
»Sie lieben doch die mageren Frauen nicht?«
»Ich kenne einen kleinen Doktor, der wird Sie von Ihrer Magerkeit
kurieren.«
»Also, Sie wollen mich durchaus?«
»Durchaus.«
»Gut. Ich nehme Sie.«
Der Possenreisser klatschte jubelnd in die Hände, dann packte er das
hübsche Mädchen beim Kopf und küsste sie.
Im Herbste feierten sie ihre Hochzeit. Alle Welt wünschte ihnen Glück
und Segen, aber heimlich sagte ein Jeder:
Was soll das werden? Ein Narr und eine Närrin, denn wäre sie keine
Närrin, hätte sie ihn nicht genommen.
* * * * *
Und was wurde es? Die beste Ehe, welche Lindenberg seit
Menschengedenken gesehen hatte.
Vor allem geschah ein Wunder, Fischele war mit einem Male nicht mehr
mager. Sie fragte wiederholt nach dem kleinen Doktor, der lange
auf sich warten liess, aber plötzlich war er da, es war der kleine
Possenreisser, der schreiend in der Wiege lag und komische Gesichter
schnitt, wie sein Vater, und zugleich war Fischele zu einem üppig
schönen Weibe erblüht, um das mehr als einer den lächerlichen Tigersohn
beneidete.
Sie lebten wie zwei Täubchen. Wenn es überall Zank gab, im Hause des
Possenreissers gab es keinen, ja nicht einmal eine Gardinenpredigt, die
doch in einem deutschen Hausstand unerlässlich scheint.
»Wie macht es doch dieser Narr,« sagte eines Tages der reiche Moritz
Weintraub, »dass ihm seine Frau niemals den Kopf wäscht. Er sitzt doch
oft länger im Gasthaus als wir und niemals hat er Verdruss mit ihr.«
Das war so einfach. Als die Honigwochen zu Ende waren, kam der
Possenreisser einmal spät in der Nacht aus dem Wirthshaus zurück. Die
junge Frau war schon zu Bett. Tigersohn kam in aller Hast herein und
rief: »Schnell, Fischele, steh' auf, aber recht schnell.«
»Brennt es denn?« fragte sie erschrocken, während ihr Mann ihr die
Hausschuhe anzog.
»Nein, nein, zieh' Dich nur an.«
Sie schlüpfte rasch in den blauen Morgenrock, welchen der Possenreisser
bereit hielt.
»So,« sagte er, »noch die kleine Haube, die Dir so gut steht.«
Sie lächelte und setzte auch die Haube mit den rothen Bändern auf.
»Nein, bist Du hübsch!« rief der Possenreisser, »wer hat solch' eine
Frau in Lindenberg? Niemand als Adolf Tigersohn. So, jetzt kann es
losgehen.«
Er kniete vor ihr nieder, faltete die Hände und bat: »Gieb mir eine
Maulschelle, Fischele.«
»Warum?«
»Weil ich eine Dummheit begangen habe.«
»Was für eine Dummheit?«
»Bin ich doch geblieben so lang in der Kneipe und hab' so ein Frauchen
zu Hause. Ist das nicht eine grosse Dummheit?«
[Illustration]
Fischele begann zu lachen; sie war nicht mehr böse.
»Also -- ich bitte Dich ...«
Sie gab ihm, noch immer lachend, eine Ohrfeige.
»Noch eine, Fischele.«
Sie gab ihm noch eine.
»Aber weisst Du, dass das eigentlich gar keine Strafe ist?« rief
Tigersohn, »das thut so gut, Dein kleines Patschhändchen. Ich habe Dich
nur deshalb so hübsch angezogen, weil ich mir die Strafe versüssen
wollte, aber ich sehe, dass es überflüssig war, eine Frau, wie Du, kann
thun was sie will, sie wird dem Manne immer ein Vergnügen bereiten.«
Er begann ihre kleinen Hände zu küssen und sie -- vergass die Vorwürfe,
die sie ihm machen wollte.
Und so geschah es jedesmal. Wenn der Possenreisser irgend etwas auf
dem Gewissen hatte, sagte er zu Fischele: »Ich bitte Dich, gieb mir
eine Maulschelle.« Und sie gab ihm lachend einen Streich auf die Backe
und ärgerte sich keinen Augenblick, wenn er auch wirklich einen Fehler
gemacht hatte.
* * * * *
Ja, es war eine gute Ehe und eine lustige Wirthschaft. Der
Possenreisser spielte seine Schwänke vor keinem Publikum mit soviel
komischem Eifer als vor seiner Frau. Sie bekam alle seine Einfälle und
Schnurren aus erster Hand.
Eines Abends hatte sie nichts als Bohnen gekocht, die er nicht so
sonderlich liebte. Dagegen trank er gern ein Gläschen Branntwein.
Tigersohn setzte sich also an die dampfende Schüssel und bat Fischele,
die Branntweinflasche auf den Tisch zu stellen. Dann begann er:
»Adolfchen, wenn Du die Bohnen aufisst, bekommst Du ein grosses Glas
Branntwein.«
[Illustration]
Nachdem er einige Zeit tapfer zugegriffen hatte, sagte er wieder:
»Adolfchen, wenn Du die Bohnen aufisst, bekommst Du ein kleines Glas
Branntwein.«
Nun ging es wieder vorwärts. Endlich als der Teller vor ihm fast
geleert war: »Adolf, wenn Du die Bohnen aufisst, bekommst Du einen
Tropfen Branntwein.«
Eine letzte Anstrengung, und der Possenreisser hatte die Bohnen
gezwungen.
»So,« sprach er, sich den Bauch streichelnd, »jetzt bekommst Du erst
recht keinen Branntwein, Spatzenkopf, warum warst Du so dumm und hast
die Bohnen gegessen.«
Einmal, am Freitag, hatte Fischele eine Kugel gemacht und zum Bäcker
getragen. Die Kugel war klein und bescheiden, und als sie zurückkam,
war sie gross und duftete gar köstlich.
»Unsere Kugel ist vertauscht worden,« sagte Tigersohn, als sie sich zu
Tisch setzten.
»Was macht mir das?« erwiderte Fischele, »ich habe die Köchin des
reichen Moritz Weintraub im Hausthor getroffen, es wird ihn nicht
umbringen, wenn er einmal unsere kleine Kugel isst.«
»Du hast recht,« sagte der Possenreisser, aber mit einem Seufzer. Da
klopfte es, und ein Schnorrer trat herein und bat um Speise und Trank.
Vergnügt lud ihn Tigersohn ein, sich mit ihm an den Tisch zu setzen
und ging in seiner Gastfreundschaft sogar so weit, dem Bettler zuerst
die Kugel anzubieten. Als das Mahl zu Ende war und der Schnorrer sich
entfernt hatte, sprach Fischele: »Und Du verlangst keine Maulschelle?«
»Wofür?«
»Weil Du dem Schnorrer zuerst die Kugel angeboten.«
»Oh!« rief der Possenreisser, »das habe ich wohl überlegt. Wie der
reiche Weintraub unsere kleine Kugel aufgetischt bekommen hat, da hat
er gewiss ausgerufen: Ersticken soll der, der zuerst von meiner Kugel
isst. Darum habe ich sie zuerst dem Schnorrer angeboten und nicht Dir.«
Fischele lachte und war zufrieden.
Da ihr Mann jedesmal viel Zeit gebrauchte, um sich an- und auszuziehen,
stellte ihm Fischele vor, er möchte doch seine Kleider jedesmal
ordentlich der Reihe nach hinlegen.
»Du hast recht,« sagte der Possenreisser, und als er Abends nach
Hause kam, nahm er Tinte, Feder und Papier und schrieb, so wie er die
Gegenstände der Reihe nach ablegte:
1. Den Hut auf den Tisch;
2. Den Oberrock im Schrank;
3. Den Rock gleichfalls;
4. Die Weste auf dem Stuhl;
5. Das Beinkleid auf dem Nagel an der Thür;
6. Die Stiefel neben dem Bett;
7. Die Socken unter dem Kopfkissen;
8. Das Hemd auf der Bettlehne;
9. Die Halsbinde auf dem Bilde neben dem Bett;
10. Tigersohn liegt im Bett.
Als Fischele am Morgen ihren Mann weckte, rief er: »Nun sollst Du
sehen, wie alles am Schnürchen geht.« Hierauf begann er sich anzuziehen
und zwar fing er mit Nummer 1 an. Er setzte den Hut auf, zog den
Oberrock an, darüber den Rock, die Weste, das Hemd und endlich schrie
er: »Aber wo ist Adolf Tigersohn? -- hier steht: er liegt im Bett, Du
siehst, dass das Bett leer ist. Wo ist Adolf Tigersohn?« und er suchte
sich selbst in der ganzen Stube, während Fischele lachte, dass ihr die
Thränen herabliefen.
* * * * *
Eines Tages kündigte der Possenreisser an: Morgen ist bei mir ein Pferd
zu sehen, das soviel Augen hat, als man Tage im Jahre zählt.
Ganz Lindenberg strömte am folgenden Tag zusammen, um das Wunderthier
zu sehen, und jeder bezahlte gern zehn Pfennig Eintritt.
Endlich führte der Possenreisser feierlich sein Pferd vor.
»Aber das Thier hat doch nur zwei Augen,« schrie Weintraub, »wie jedes
andere Pferd.«
»Ich habe gesagt, soviel Augen, als man Tage im Jahr zählt,« erwiderte
der Possenreisser würdevoll, »und heute ist der zweite Januar.«
[Illustration]
An einem kalten Herbstmorgen ging Tigersohn nach der Stadt. Fischele,
um seine Gesundheit besorgt, zwang ihn, seinen schweren Pelz
anzuziehen. Doch bald kam die Sonne heraus, es wurde heiss, und der
Possenreisser schleppte seinen Pelz keuchend, wie eine Last. Da holte
er bei einem Wirthshause den Krämer Nathan Formstecher ein, der
gleichfalls nach der Stadt ging.
Nachdem sie eine kurze Strecke gegangen, begann Tigersohn: »Nathan,
können Sie mir fünf Thaler borgen?«
»Ich borge nur auf Pfand,« sagte Nathan.
Der Possenreisser, der diese Antwort erwartet hatte, erwiderte:
»Natürlich, hier ist mein Pelz, ich verpfände ihn so lange, bis ich die
fünf Thaler abbezahlt habe.«
»Abgemacht,« sagte Nathan, zog die fünf Thaler aus der Tasche, gab sie
Tigersohn und zog dessen Pelz an.
Nun keuchte Nathan unter der Last, und der Possenreisser schritt leicht
und fröhlich neben ihm her, bis zu dem Stadtthor. Hier sagte er: »Hören
Sie, Nathan, ich habe mir die Sache überlegt, es könnte kalt werden bis
zum Abend. Ich brauche meinen Pelz, geben Sie mir ihn wieder, hier sind
die fünf Thaler.«
Nathan nahm das Geld und der Possenreisser seinen Pelz. Er hatte
erreicht, was er wollte, der einfältige Nathan hatte ihm den schweren
Pelz bis zur Stadt getragen und ihm Mühe und Schweiss erspart.
Ein Landjunker, der seinen Witz auch gern mit jenem des Possenreissers
zu messen liebte, stellte sich einmal durch einen Scherz Tigersohns
beleidigt und forderte ihn zum Zweikampf.
Tigersohn nahm ruhig an.
»Wir werden uns also schiessen,« rief der Landjunker.
»Ja, schiessen,« sagte der Possenreisser, »bestimmen Sie nur Ort und
Stunde.«
»Also im Grafenwäldchen, morgen um sechs Uhr früh.«
»Sehr gut,« sagte der Possenreisser, »wenn ich aber etwas später kommen
sollte, genieren Sie sich gar nicht, fangen Sie nur an.«
* * * * *
Es kam aber auch eine Zeit schwerer Prüfung für den lustigen
Philosophen von Lindenberg.
Der alte Rabbiner, der ihn stets begünstigte, starb und der neue war
ein Mann der modernen aufgeklärten Schule. Seine erste That war, den
Possenreisser, in dem er ein Stück altjüdischen Vorurtheils sah,
zu verbannen. Tigersohn war verzweifelt, er sollte nicht mehr den
Hochzeiten beiwohnen, nicht mehr beim Purimfeste seinen Geist leuchten
lassen, das war nicht zu ertragen.
Fischele weinte und der Possenreisser schwor dem Mann der neuen Schule
Rache.
Als wieder einmal eine Hochzeit gefeiert wurde, meldete der Diener
während der Mahlzeit, Tigersohn stehe draussen und bitte vorgelassen zu
werden, um eine wichtige, religiöse Frage vortragen zu dürfen.
Der Rabbiner wollte anfangs nicht, da aber die Gäste, welche einen
drastischen Scherz des Possenreissers erwarteten, für ihn baten, so gab
er endlich die Erlaubniss.
Tigersohn kam hierauf feierlich herein, neigte sich tief vor der
Tafelrunde und begann:
»Ich wollte den Herrn Rabbiner bitten, mich durch seine Weisheit zu
erleuchten und mir eine kitzliche Frage zu beantworten.«
Der Rabbiner gab ihm ein Zeichen, fortzufahren.
»Es steht geschrieben,« sprach der Possenreisser, »der Heilige, gelobt
sei Er! wird im Paradiese den Auserwählten ein Mahl zubereiten, das
Alles übertreffen wird, was die Einbildung eines Sterblichen ersinnen
könnte. Man wird Lendenbraten speisen von dem wilden Ochsen, dem der
Herr vierzig Hügel voll saftigen Grases eingeräumt hat, um ihn wohl
zu mästen. Man wird Ragout vom Leviathan haben in einer himmlischen
Sauce, ein Gericht, das alles übertrifft, was uns Erde und Wasser an
Leckerbissen liefern. Und vieles andere wird den Frommen vorgesetzt
werden, nur -- kein Geflügel.«
»Vom Geflügel ist bei dem Mahl der Frommen keine Rede.«
»Wie kommt dies? Es ist eine ernste Frage, deren Beantwortung ich von
dem weisen und gelehrten Rabbiner erwarte.«
Der Rabbiner zuckte mit den Achseln und sprach: »Ich wette, Du hast die
Antwort bereit, also lass' sie hören.«
»Werden Sie mir nicht böse sein, Herr Rabbiner,« sprach der
Possenreisser scheinheilig, »wenn ich spreche, wie ich denke?«
»Nein, nein!«
»Ich denke,« fuhr der Possenreisser fort, »die Sache verhält sich sehr
einfach. Bei allen anderen Thieren ist es leicht zu unterscheiden,
ob das Fleisch koscher ist oder nicht, beim Geflügel gibt es jedoch
grosse Schwierigkeiten, verwickelte Fälle, in denen nur ein Rabbiner
richtig entscheiden kann. Da aber niemals ein Rabbiner in das Paradies
kommt, müsste man das Geflügel in die Hölle schicken, und dort würde
es ohne Zweifel von den Verdammten aufgefressen werden. Deshalb, denke
ich, hat der Herr in seiner Weisheit das Geflügel vom Mahl der Frommen
ausgeschlossen.«
Der Rabbiner begann laut zu lachen und alle mit ihm, dann sprach er zu
Tigersohn:
»Ich sehe, Du bist kein gewöhnlicher Possenreisser, man kann sich den
Scherz auch in ernsten Momenten gefallen lassen, wenn sich ein edler
Kern, ein tiefer Gedanke in demselben verbirgt. Du sollst fortan frei
Deines heiteren Amtes walten und Deine Mitbürger belehren und ermahnen,
indem Du sie nur zu belustigen scheinst.«
Der Possenreisser verneigte sich tief und dankbar, und sofort rief es
von allen Seiten: »Setzen Sie sich zu uns, Tigersohn, und geben Sie uns
etwas zum Besten.«
Der Possenreisser leerte ein Glas Wein, das man ihm reichte, auf das
Wohl des Rabbiners und begann dann:
Die Leber ist von einer Gans und nicht von einem Fisch,
Unser Herr Rabbiner schien zu Anfang viel zu kritisch.
Die Leber ist von einer Gans und nicht von einer Meise,
Erst in der Folge sieht man es, wie gütig er und weise.
[Illustration]
[Illustration]
David und Abigail.
-- DÄNEMARK. --
Ein jüdischer Soldat. -- Die Synagoge. -- Der Rabbiner. --
Aufruf zur Thora. -- Schames. -- Das Benschen.
Der Krieg war zu Ende. Der Postillon hatte Nachmittags die Nachricht in
das Städtchen gebracht und hatte dazu das Horn geblasen, so fröhlich
und stolz, dass alle verstanden, er bringe eine grosse und glückliche
Botschaft. Die trug ein jeder rasch dem andern zu. Die Leute riefen
sich auf der Strasse und aus den Fenstern zu: Friede! und wohl nirgends
klang dieser Ruf so freudig, so aus dem Herzen in die Herzen hinein,
wie in der langen, engen, finstren Gasse, welche die Israeliten
bewohnten.
In einem kleinen Hause mit Giebel und Erker sass hier noch spät Abends
eine alte Frau, beschäftigt Hauswäsche zu flicken und betete. Wer
kannte sie nicht im Orte, die gute Rose Lilienkron, die Vertraute aller
Liebenden, die Beratherin aller verheiratheten Frauen, der Engel aller
Unglücklichen, Armen und Kranken.
Plötzlich klopfte es. Die Thüre ging leise auf, und die alte Rose,
welche ihre Brille auf die Stirn heraufgeschoben hatte, erblickte einen
jungen, hübschen Mädchenkopf, der mit leuchtenden, dunklen Augen in die
grosse Stube hereinblickte.
»Friede!« rief das Mädchen.
»Friede!« wiederholte die Alte.
Dann trat die niedliche Kleine herein, setzte sich auf den hölzernen
Schemel zu Roses Füssen, sah sie an und fragte: »Haben Sie keinen
Brief?«
»Nein.«
Die Kleine seufzte.
»Mach' Dir keine bösen Gedanken, Abigail,« fuhr Mutter Rose fort, »wenn
mein David nicht geschrieben hat, so ist es weil Gott ihn beschützt
hat. Wenn er krank oder verwundet wäre, hätten wir Nachricht.«
[Illustration]
»Und --« Abigail endete nicht. Sie neigte den Kopf, und an ihren
Wimpern hingen grosse Thränen.
»Wenn er gefallen wäre, hätte es einer seiner Kameraden geschrieben.«
Beide schwiegen einige Zeit, man hörte nur das Pochen des Windes an den
Scheiben und das sanfte Miauen der Katze, die langsam durch die Stube
schritt und jetzt mitten in derselben sitzen blieb und sich zu putzen
begann.
»Mieze macht Toilette,« rief Abigail oder wie ihre Eltern sie nannten
Adele Silberstern.
»Wir werden einen Gast bekommen,« sagte Rose.
Wieder war es einige Zeit stille, dann schlug unten der alte Hund an,
und jetzt begann er laut und freudig zu bellen. Schwere Schritte kamen
die Treppe herauf.
»Wer kann das sein? so spät?« murmelte Mutter Rose. Sie wagte nicht
auszusprechen was sie dachte und fühlte und hoffte, sie faltete
die Hände und begann zu beten. Und wieder pochte es an die alte
wurmstichige Thüre und zugleich kratzte der Hund an derselben und
begann von neuem zu bellen. Jetzt konnte sich das Mutterherz nicht mehr
halten.
»David!« rief die alte Frau und breitete ihre Arme aus.
Langsam ging die Thüre auf und ein Soldat erschien auf der Schwelle,
die Mütze auf dem Kopf, den Mantel um die Schultern.
»David!«
»Mutter!«
[Illustration]
Der gute Sohn stürzte herein in die Stube und zu den Füssen der alten
Mutter, die ihn mit zitternden Händen um den Hals nahm, ihn küsste und
segnete und wieder ansah, als wollte sie sich überzeugen, dass er es
wirklich sei, als könnte sie noch nicht an das Glück glauben, ihr Kind
unversehrt wieder zu haben. Neben ihr stand das Mädchen glücklich und
stolz, und als David ihr jetzt die Hand reichte, da rief sie aus:
»Ach, Mutter Rose! das Leben ist doch schön.«
David stand jetzt auf und schloss Abigail an seine Brust.
»Oh! wie Du von der Sonne verbrannt bist«, rief diese aus, indem sie
den Geliebten bewunderte, »und gross und stark, und ich bin so klein
gegen Dich.«
»Ich habe immer gehört,« erwiderte David, »es sei am Besten, wenn die
Frau nicht weiter reicht als bis zum Herzen des Mannes.«