Seine Erscheinung war durchaus nicht die eines Helden. Er war klein,

hager, unansehnlich, hatte ein fahles Gesicht voll Sommersprossen,

blondes Haar, einen blonden Schnurrbart und zwinkerte stets mit den

kleinen grauen Augen. Kalimann war nämlich furchtbar kurzsichtig, und

da er seine grosse Brille nur dann aus dem rothen Futteral hervorzog,

wenn er an die Arbeit oder an das Lesen ging, so geschah es ihm

zuweilen, dass er auf der Landstrasse einen Meilenzeiger für den

Obergespan ansah und ehrfurchtsvoll grüsste, oder ohne von ihr Notiz zu

nehmen an Frau Barkany, seiner besten Kundin, vorüberging, weil er sie

in ihrem weissen Kleid für Wäsche ansah, die zum Trocknen vor dem Hause

aufgehängt war.

* * * * *

Kalimann arbeitete allein, mit einem kleinen Lehrbuben, Hirsch, den

er mehr aus Mitleid zu sich genommen hatte, denn er hielt sich für

fähig, allein, ohne jede Hilfe, die gesammte europäische Litteratur

einzubinden. Er arbeitete fleissig und gut, er verbrachte meist den

ganzen Tag in der Werkstätte und, wenn es nöthig war, arbeitete er bis

in die Nacht hinein bei einem elenden Talglicht und später bei einer

kleinen Petroleumlampe.

Die Arbeit war sein Stolz und die Lektüre sein Glück. Wenn es in

dieser einfachen, braven Existenz einen Schatten gab, so kam dieser

ausschliesslich auf Rechnung der Frau Rachel Kalimann oder Rosa

Húniády, wie sie sich jetzt gern nannte. Nicht dass diese stattliche,

hübsche Frau, welche durch ihren Körperumfang für das Geschäft ihres

Mannes Reklame zu machen schien, irgend welche bösen Eigenschaften an

sich gehabt hätte, aber sie hatte absolut kein Verständniss für die

geistigen Interessen ihres Gatten, für das was sie seine Grillen nannte.

Vergebens versuchte Kalimann ihr durch Stellen aus der Schrift oder

dem Talmud zu imponiren, vergebens zitirte er das Buch Hiob, um den

Werth der Weisheit zu erläutern: »Nicht wird geläutertes Gold für sie

gegeben, und nicht wird Silber gewogen als ihr Kaufpreis. Nicht wird

sie aufgewogen gegen Ophir's Schätze, gegen kostbaren Onyx und Saphir.

Der Weisheit Schmelz ist mehr als der von Perlen.«

Frau Rosa erwiderte kurz und bündig: »Was kauf' ich mir für Deine

Weisheit? kann ich mich von ihr nähren? kann ich sie anziehen? Nein.

Folglich ist sie werthlos.«

Der gelehrte Buchbinder seufzte und schwieg, aber manchmal reizte ihn

diese Verachtung seiner heiligsten Gefühle doch, und dann gab es einen

Wortwechsel und Streit. Das Ende war aber immer eine Kapitulation

Kalimann's, denn er liebte seine Frau gar zu sehr, um ihren Zorn lange

ertragen zu können. Er suchte in der Regel Rosa zu täuschen, seine

Freuden vor ihr zu verbergen.

Einmal entdeckte sie ihn Abends im Gänsestall, wohin er sich mit

Shakespeares Hamlet und einer kleinen Laterne geflüchtet hatte, und

nachdem sie ihm eine Strafpredigt gehalten hatte, zwang sie ihn sofort

zu Bett zu gehen.

Kalimann gehorchte, aber nahm den Hamlet mit ins Bett. Doch kaum hatte

er ein paar Verse gelesen, so erhob sich Rosa in ihrer ganzen Majestät

und blies ihm das Licht aus.

Kalimann war verzweifelt, aber er wagte keinen Widerstand. In stummer

Ergebung legte er sein Haupt auf den Kopfpolster und schnarchte bald

mit Hirsch um die Wette. Nach einiger Zeit richtete er sich jedoch

vorsichtig auf, und nachdem er sich überzeugt hatte, dass seine Frau

schlief, nahm er leise sein Buch und seine Brille, schlich hinaus und

las draussen auf der morschen Bank vor dem Hause, beim Licht des Mondes

die Tragödie des Dänenprinzen zu Ende.

[Illustration]

Ja, er liebte die Bücher zärtlich, leidenschaftlich, und da er nicht

genug Geld hatte um sie zu kaufen, so las er jedes Buch, das ihm

anvertraut wurde, ehe er dasselbe einband. Und da nicht er die Bücher

wählte, die sich bei ihm in der Werkstatt ein Stelldichein gaben, da

der Zufall ihm heute einen Roman, morgen ein medizinisches, übermorgen

gar ein theologisches Werk in die Hand spielte, so las er alles

durcheinander und es entstand in seinem armen Kopf ein unglaublicher

Wirrwarr der mannigfachsten Kenntnisse und Anschauungen. Je besser ihm

ein Buch gefiel, desto sicherer konnte der Eigenthümer sein, es erst

nach langer Zeit und nach wiederholten Mahnungen zurück zu erhalten.

In Bezug auf den Einband hatte Kalimann seine Nuancen. Natürlich gab

der Preis, den man ihm festsetzte, den Ausschlag in Bezug auf das

Material, aber Farbe und Verzierung wählte er, unbeirrt durch die

Wünsche und Forderungen seiner Kunden, stets nach dem Inhalt und Wesen

und dem Werth des Buches.

* * * * *

Wenn er die gebundenen Bücher ablieferte, brachte er dieselben stets

in einem grossen farbigen Taschentuche eingeschlagen und benutzte die

Gelegenheit um sein Urtheil abzugeben.

Manchmal hatte er jedoch Meinungen, die ihm gefährlich schienen, die

er nicht auszusprechen wagte, und dann sagte er regelmässig: So lange

man lebt, darf man nicht reden, und wenn man todt ist, kann man nicht

reden.

Da war z. B. Frau Zoë Barkany, eine hübsche, reiche Jüdin, welche

eigentlich Sarah Lämmel hiess. Von ihr erhielt er Werke der klassischen

Litteratur und Romane zum Einbinden. Er nahm für den Deckel blau, grün

oder roth und als Zierrath eine goldene Lyra oder ein von einem Pfeil

durchbohrtes Herz.

Hier schwelgte er in Aesthetik und wagte manchmal Bemerkungen, welche

an ritterliche Galanterie streiften, denn alle Heldinnen der Stücke und

Romane, die er verschlang, nahmen für ihn die Gestalt und die Züge der

hübschen Frau Barkany an.

Als er sie einmal im Garten traf, im weissen Kleide, die Guitarre im

Arm, rief er aus: »Gott soll mich strafen! Die Prinzessin Eboli aus

Don Carlos von Schiller!« Ein anderes Mal, wo sie eine Morgenjacke

aus türkischem Stoff trug, verglich er sie mit der Rebekka aus Walter

Scott's Ivanhoe.

Später wusste Frau Barkany schon, was der Buchbinder auf dem Herzen

hatte, und rief jedesmal lachend: »Nicht wahr? die Esmeralda bin ich,

oder bei der Herzogin haben Sie natürlich wieder an mich gedacht.«

Dem Notar band er juristische Werke ein, da entwickelte er jedes Mal

seine eigenthümliche Rechtsphilosophie, beim Doktor stürzte er sich mit

Eifer in eine medizinische, bei dem in Ruhestand versetzten Professor

Harburg in eine historische oder geographische Diskussion. Und immer

fand er einen originellen, nicht selten spasshaften Gesichtspunkt. So

behauptete er steif und fest, schon Moses habe die Trichinen entdeckt

und deshalb den Genuss des Schweinefleisches verboten.

* * * * *

Simcha Kalimann übte aber auch eine Art moralisches Richteramt aus.

Frau Barkany gab ihm eines Tages Zola's »Nana« in der Budapester

deutschen Ausgabe mit Illustrationen. In der Dämmerungsstunde ertappte

er Hirsch, der sich im Winkel beim Fenster an den Bildern ergötzte.

Er ergriff ihn beim Schopf, schüttelte ihn wie einen jungen Hund und

begann dann in dem Buch zu blättern. Er schüttelte den Kopf, dann

wischte er seine Brille ab, als traue er seinen Augen nicht und endlich

klappte er das Buch zu.

Frau Barkany wartete lange Zeit geduldig auf ihre »Nana«, dann sendete

sie ihre Köchin Gütel und bat um dasselbe, da aber Kalimann Ausflüchte

gebrauchte und wieder ein paar Wochen vergingen, ohne dass Zola's Roman

abgeliefert wurde, so erschien eines Tages die schöne Frau selbst in

Kalimann's Hause.

»Ich möchte doch endlich meine »Nana« haben«, sagte sie.

»So?« Kalimann fuhr fort zu arbeiten.

»Haben Sie das Buch noch nicht gebunden?«

»Nein.«

»Wann kann ich es also haben?«

»Das Buch bekommen Sie nicht zurück, Frau Barkany.«

»Wie? Sie sind wohl nicht gescheidt!«

»Es ist besorgt und aufgehoben,

Der Herr wird seine Diener loben«,

antwortete Kalimann mit den Versen aus Schiller's Gang nach dem

Eisenhammer, »die »Nana« habe ich einfach in den Ofen gesteckt.«

»Kalimann, das ist wirklich stark!«

»Das ist kein Buch für eine jüdische Frau.«

Frau Barkany war roth geworden, aber sie gab sich noch nicht für

besiegt. »Wenn Sie mir das Buch verbrannt haben«, sagte sie, »werden

Sie mir Schadenersatz dafür leisten.«

»Sehr gerne«, sagte der Buchbinder, nahm ein Bild von der Wand und gab

es ihr. Es war die Scene aus Schiller's Glocke, wo die Mutter von ihren

Kindern umgeben im Erker ihres Hauses thront. Unter dem Bilde waren die

Verse zu lesen:

Im Hause waltet

Die züchtige Hausfrau,

Die Mutter der Kinder,

Und herrschet weise

Im häuslichen Kreise.

* * * * *

Gelehrte, Dichter, Künstler verehrte der Buchbinder von Hort fanatisch,

ob sie Juden, Christen oder Türken waren. Als er das erste Mal bei Frau

Barkany das bekannte Bild sah, das Schiller zu Karlsbad auf einem Esel

sitzend, darstellt, begann Kalimann zu weinen.

»So ein Mann muss reiten auf einem Esel«, rief er aus, »während so

gewöhnliche Menschen, wie der Baron Fay oder der Herr von Mariassy

reiten stolz auf Pferden.«

Später erinnerte er sich aber, dass Bileam eine Eselin geritten hatte

und kam schliesslich zu dem Resultat, dass Schiller auch ein Prophet

war.

Vielleicht steckte auch in Kalimann ein Poet, ein Prophet.

Er trieb nämlich neben der Buchbinderei noch ein anderes Handwerk,

das unter den Juden im Osten nicht allzu selten ist und auch seinen

goldenen Boden hat.

Kalimann war nämlich Liebessekretär.

Das will sagen, er machte ein Geschäft daraus, Leuten, die weder lesen

noch schreiben konnten, Liebesbriefe zu verfassen. Hier zeigte er sich

als der Anakreon und Petrarca von Hort. Zahlreiche Kunden strömten ihm

zu und Kalimann sicherte sich durch seine zärtliche, gefühlvolle Feder

ein ganz hübsches Nebeneinkommen.

Eines Tages erschien auch Gütel Wolfram, die Köchin der Frau Barkany,

bei ihm und bestellte einen Liebesbrief an ihren Freund in Gyöngös.

»Also, mein Schatz, Sie hat auch Amor's Pfeil getroffen«, sagte

Kalimann schäkernd.

»Gott über die Welt!« rief Gütel, »er heisst doch nicht Amor, sondern

Mendel Sucher und mit Pfeilen schiesst er auch nicht.«

Nachdem die verliebte Köchin dem Buchbinder ihre Gefühle geoffenbart

hatte, verlangte sie den Preis zu wissen.

»Das hängt nicht von der Länge des Briefes ab«, erwiderte Kalimann,

»sondern ganz von der Qualität.«

1. Ein freundlicher Brief 10 Kreuzer

2. Ein Brief, der liebenswürdig und ermunternd 15 "

3. Ein zärtlicher Brief 20 "

4. Rührend 30 "

5. Ein recht zum Herzen sprechender ½ Gulden.

»Also für diesmal einen freundlichen«, sprach Gütel und legte 10

Kreuzer auf den Tisch.

»Für Sie«, sagte Kalimann galant, »soll er für denselben Preis

freundlich, liebenswürdig und ermunternd sein.«

Mendel Sucher bekam den nächsten Tag den Brief, und da er auch nicht

lesen konnte, so ging er zu Saul Wehl, der Schreiber bei einem

Advokaten in Gyöngös war und dasselbe erotische Metier betrieb.

Wehl las ihm den Brief Kalimann's mit solchem Pathos vor, dass Mendel

ganz ergriffen war und sofort einen Zwanziger auf den Tisch legte,

damit Saul ihm einen ebenso schönen an Gütel schreiben möge.

Saul erkannte sofort Kalimann's Schrift und dachte: »Ich will dem

Buchbinder einmal beweisen, dass man auch in Gyöngös Briefe schreiben

kann und die Klassiker liest«. Und er schrieb an Gütel einen Brief, der

vollständig gespickt war mit Zitaten aus dem hohen Lied, aus Goethe,

Petöfii, Heine und Chateaubriand, dass der armen, kleinen Köchin der

Kopf davon ganz wirblig wurde, als Kalimann ihr die Liebesepistel

vorlas und dass der Buchbinder selbst sich hinter dem Ohr kratzte und

murmelte: Er ist belesen, der Saul, und hat eine kräftige Feder; wer

hätte das gedacht!

In dieser Weise ging der Briefwechsel zwischen Gütel und Mendel, oder

eigentlich zwischen Kalimann und Saul fort.

Wenn Kalimann den Mendel »mein holder Freund« oder »mein Täubchen«

nannte, so prunkte wieder Saul mit Wendungen, wie: »Ihre Gazellenaugen,

Ihre Elfengestalt, Ihre Rosenlippen, Ihre Stimme, die wie Sphärenmusik

erklingt.«

Dem liebenswürdigen Brief hatte Kalimann mehrere zärtliche und zwei

rührende folgen lassen. Endlich kam der recht zu Herzen sprechende.

Gütel hatte sich entschlossen, den halben Gulden zu opfern und brachte

Kalimann überdies noch eine gute Flasche Wein. Der Buchbinder schenkte

ein, trank, schnalzte mit der Zunge und begann zu schreiben.

Plötzlich aber rief er aus: »Wissen Sie, Gütel, das war eine gute Idee

mit dem Wein, aber Hafis singt nicht vom Wein allein, auch frische

Mädchenlippen haben ihn begeistert.«

Diesmal verstand Gütel sofort: »Da ich schon einen halben Gulden

spendirt habe«, sagte sie verschämt, indem sie sich den Mund mit der

Schürze abwischte, »und die Flasche Wein, kommt es mir auf einen Kuss

auch nicht mehr an«, und sie gab dem glücklichen Buchbinder einen

kräftigen Schmatz. Nun flog die Feder über das Papier, und als Kalimann

Gütel den Brief vorlas, vergoss sie Thränen.

Mendel war vollständig geknickt, als Saul ihm den zum Herzen

sprechenden Brief noch überdies mit tremulirender Stimme vordeklamirte.

Er stürzte hinaus, lief geradenwegs zu Herrn Schönberg, in dessen

Fabrik er beschäftigt war und bat um seinen Abschied.

»Was haben Sie denn?« fragte der Fabrikant, »weshalb wollen Sie denn

fort? soll ich Ihnen den Gehalt aufbessern?«

»Nein, nein, Herr Schönberg, aber ich halte es nicht mehr in Gyöngös

aus, ich muss nach Hort.«

»Nach Hort? Weshalb?«

Stumm reichte ihm Mendel den Brief.

Der Fabrikant las und lächelte. »Ein Teufelskerl, der Kalimann!«

murmelte er, »an dem ist ein Romancier verdorben. Aber das wollen wir

anders machen, Mendel. Sie bleiben bei mir und heirathen die Gütel. Ich

gebe Ihnen eine kleine Wohnung im Fabriksgebäude, und Frau Barkany soll

das Mädchen ausstatten.«

Mendel strahlte, am Liebsten hätte er den guten Schönberg umarmt.

Dieser gab ihm gern Urlaub für einen Tag und der Glückliche eilte nach

Hort in die Arme Gütel's. Wirklich entschloss sich Frau Barkany,

ihre Köchin, die vom dreizehnten Jahre treu bei ihr gedient hatte,

auszustatten, und zur fröhlichen Zeit der Weinlese wurde in Hort die

Hochzeit gefeiert.

Oben an der Tafel, auf dem Ehrenplatz neben dem Rabbiner sass der

Buchbinder von Hort. War doch alles sein Werk und es war nicht das

erste Paar, das er vereint und das der Rabbiner gesegnet hatte.

Als die Reihe an ihn kam, einen Toast auf das Brautpaar auszubringen,

erhob er sich, das Glas mit dem perlenden Wein in der Hand und sprach

die Verse Schiller's:

Ehret die Frauen, sie flechten und weben,

Himmlische Rosen in's irdische Leben.

[Illustration]

[Illustration]

Rabbi Abdon.

-- RUSSLAND. --

Die Kabbalah. -- Der Jude als Ackerbauer.

Die Sonne war untergegangen. Die Nebel des düsteren Winterabends

breiteten sich langsam um die Thürme und Dächer der kleinen Stadt,

welche tief im Süden Russlands zwischen wilden Waldrevieren, Sümpfen

und Steppen verloren war. Der Sturm hatte überdies hohe Schneewälle

aufgeführt, welche die Menschen in ihren kleinen hölzernen Häusern

gefangen hielten. Im letzten Abendstrahl schienen die Frostblumen

an den kleinen Fenstern noch einmal in den Farben des Frühlings

aufzublühen.

Dann erlosch auch dieser armselige Schimmer und graue eintönige

Dämmerung erfüllte das weite Gemach, in dem der greise Rabbi Abdon

sass, vertieft in seltsame Gedanken und Erinnerungen.

Die alte Magd kam leise herein, zündete die Lampe an und verschwand

wieder unbemerkt, wie sie gekommen. Der Rabbi regte sich keinen

Augenblick. Das flackernde Licht tauchte all' die heiligen und

geheimnissvollen Dinge, die ihn umgaben, die Gesetzrollen, die

Lederbände des Talmud, den Sochar, das Buch des Glanzes und den Ilan,

den Baum des Lebens, an der Wand in eine Art Verklärung, aber der Greis

sah sie heute nicht. Sein hagerer Körper, in sich zusammengesunken,

schien leblos, sein mit Runzeln bedecktes Antlitz erstarrt, nur die

grossen Augen verriethen, dass sein Geist noch nicht entflohen war.

Er fragte sich in diesem Augenblick, warum er noch lebe? Er hatte

ein gottesfürchtiges tadelloses Leben hinter sich, und er hatte alle

Geheimnisse der Kabbalah erschlossen, ihn erwartete die Seligkeit der

Frommen und der grosse Lohn, welcher jedem zugesagt ist, der sich mit

der Wissenschaft beschäftigt, die Gott selbst dem Adam überliefert

haben soll. Was half ihm aber seine Frömmigkeit? was half ihm sein

Wissen. Er war allein, einsam in einer Welt, die er nicht verstand,

und die ihn nicht verstand, verlassen, ohne Liebe, unter Menschen, die

ihm nur mit heiliger Scheu und Ehrfurcht nahten.

Was nützten ihm am Rande des Grabes Gematria, Notarikon und Themurah,

die Lehre, mit deren Hilfe man den geheimen Sinn entziffert, den Gott

in die heilige Schrift gelegt? Was nützte es ihm, dass er in stillen

Nächten den Urquell des Lichtes, des Geistes und des Lebens, den

Verborgendsten der Verborgenheiten wie hinter einem Schleier sah?

dass er im Menschen die Welt im Kleinen wie in einem Zauberspiegel

betrachten konnte? dass er mit den zehn Sephirot und den vier Welten

vertraut war, dass die Engel bei ihm aus- und eingingen? Wozu diente

ihm seine Macht über die Geister und Dämonen? Er konnte Samael und

Aschmadin bannen, wenn er wollte und die schöne Lillith zwingen seinen

Geboten zu gehorchen, aber er war machtlos gegen den Nebel, der sich um

ihn zu Gestalten zusammenballte, gegen die Stimmen, die in der Stille

des Abends heimlich zu flüstern begannen.

Ja, er war allein mit seinen todten Schätzen, und er hatte doch einst

ein geliebtes Weib gehabt, schön und tugendsam, und einen Sohn -- ja

dieser Sohn -- wo war er? lebte er noch? oder war er geschieden von der

Erde wie seine Mutter?

Sie war ein stilles, reizendes Geschöpf, diese kleine Frau, die

schlank und scheu wie ein Reh durch seine Zimmer schlüpfte, wenn er in

seine Folianten versunken war. Selten nur stahl sich ihr Lächeln wie

Mondlicht in seine Seele, meist beachtete er sie gar nicht. Vergebens

schmückte sie ihre anmuthigen Glieder, vergebens liess sie ihre helle

Stimme, ihr verschämtes Lachen in diesem finstern Raum ertönen, in dem

sich ein kleiner Menschengeist vermass die Pforten des Paradieses und

der Hölle aufzureissen.

Und sie hatte ihn dennoch geliebt, aber einsam, mit ihrem armen,

darbenden Herzen war sie zu früh dahingewelkt, und eines Tages lag sie

mit ihrem letzten Lächeln auf den kalten Lippen da.

Er hatte sie verloren für immer.

Und jetzt! jetzt hätte er den kleinen Sammtpantoffel an ihrem Fusse

küssen mögen, wenn er nur wieder einmal ihren leisen Schritt hätte

vernehmen können inmitten dieser mit Staub und Moder bedeckten Welt,

die ihn umgab.

* * * * *

Aber sein Sohn! Er lebte vielleicht noch, nur weit von ihm, sehr weit

in der Ferne.

Er war sein ganzer Stolz gewesen. Er sollte nicht allein der Erbe

seines Namens, aller seiner Habe werden, ein ungleich kostbareres,

heiliges Vermächtniss wollte er ihm hinterlassen, seine ganze

Weisheit, das Gold der Wissenschaft, das er aufgespeichert, alle

Geheimnisse, die ihm die Zauberkraft der Kabbalah aufgeschlossen hatte,

und er hatte dies alles verschmäht um eines thörichten Mädchens, um

einiger grünen Bäume und um eines Feldes voll reifender Aehren willen.

Zum Rabbiner war er bestimmt, der kleine Simon, aber er liebte die

Stubenluft nicht. Wenn der erste Sonnenstrahl auf den Lederband fiel,

vor dem er sass, war es wie ein goldener Faden von Feenhand gewoben,

der ihn hinauszog und hatte er erst diese schwarze Erde betreten, die

der russische Bauer so zärtlich liebt, da fühlte er gleich diesem den

Athem der treuen unwandelbaren Freundin, der einzigen, die uns jede

Sorgfalt, jeden Dienst tausendfach zurückgiebt, da hörte er in den

säuselnden Halmen, in den rauschenden Blättern die geheimnissvolle

Stimme der ewigen Mutter.

»O! ich kenne ein schöneres Buch«, sprach er dann zu seinem Vater, auf

den Talmud deutend, »das hat Gott selbst geschrieben, darin ist der

grüne Wald zu sehen und Sonne, Mond und Sterne.«

Wenn die Bauern ackerten, folgte er von Ferne gleich den Krähen ihrem

Pfluge, und wenn die Sicheln zur Erntezeit erklangen, verbarg er sich

hinter den Garben und weinte.

Rabbi Abdon hatte ihn schon als Kind verlobt mit der Tochter eines

reichen Mannes, von gleich edlem Stamme, des Kaufherrn Jonathan Ben

Levy in Amsterdam, dessen Schiffe bis nach Indien segelten.

Als Simon aber herangewachsen war, nahm eine Andere sein Herz gefangen.

Es war ein armes Mädchen, Darka Bariloff. Ihre Eltern besassen eine

elende Schenke in der Vorstadt draussen und einen kleinen Acker.

[Illustration]

Auf diesem Acker hatte Simon das schöne kräftige Mädchen mit dem

Leib einer Judith und dem holden, von rothblonden Flechten gekrönten

Haupt einer Ruth, das erste Mal getroffen. Er war mit seinem Sohne

Luchot-Haberith hinausgegangen in die Felder, um sich in den Geist

der Kabbalah zu versenken und sah plötzlich das jüdische Mädchen, das

hinter dem Pfluge ging, vor den ein mageres kleines Pferd gespannt war.

Da warf er den kostbaren Band weit von sich, ergriff den Pflug und

setzte die Furche fort, welche Darka begonnen hatte, und als die Arbeit

gethan war, sassen sie auf dem Feldrain und sprachen zusammen ernst und

verständig, während sie aus Feldblumen einen Kranz wand, und zwischen

ihnen blühte unsichtbar eine Wunderblume auf, die Blume der Liebe.

Der alte Rabbi erinnerte sich auch des Tages, wo es zu der

verhängnissvollen Auseinandersetzung mit seinem Sohne kam. Er sah ihn

in diesem Augenblicke vor sich mit seinen leicht gerötheten Wangen und

seinen leuchtenden Augen. Jedes der harten Worte, die er damals im Zorn

herausgestossen, war noch in seinem Gedächtniss geblieben, und er hörte

in dieser einsamen Stunde der Verlassenheit noch einmal die Antwort

seines Simon, der ruhig und ehrerbietig, aber muthig und begeistert wie

ein Prophet sprach:

»Der Jude«, rief er zuletzt, »hat sich die unglückliche Lage, in der

er sich heute noch in den östlichen Ländern befindet, nicht selbst

geschaffen; er wurde durch seine Verfolger in die engen, finsteren

Strassen des Ghetto gesperrt und von jeder Arbeit, jedem anderen

Berufe ausgeschlossen, gezwungen sich ausschliesslich dem Handel

zu widmen. Es ist aber unsere Schuld, wenn wir heute diese zweite

babylonische Gefangenschaft verlängern, die Ketten sind gesprengt,

die Schranken gefallen. Wer es mit seinem Volk, seinem Glauben

ehrlich meint, der verlasse diese finstren Winkel, in denen nur ein

kleinlicher, engherziger Geschäftsgeist zu blühen vermag, oder eine

düstre, grillenhafte, unfruchtbare Wissenschaft. Heute liegt das

Feld der geistigen Arbeit offen vor uns, offen jede Art menschlicher

Thätigkeit. In Odessa haben erleuchtete Männer unseres Stammes sich

an die Spitze einer Bewegung gestellt, welche den Juden vor allem zu

der Landwirthschaft, zum Ackerbau zurückführen soll, welche das Volk

Israel im gelobten Lande glücklich und mächtig gemacht hat.

Ich will nicht mein Leben bei den Büchern versitzen, ich will nicht

handeln und feilschen in einem dunklen Gewölbe, ich brauche Luft und

Licht, und ich will selbst meinen Acker bestellen wie Boas.«

Der Vater blieb seinen Bitten verschlossen wie seinen Gründen, und als

der Sohn bei seinem Entschluss beharrte, hatte er schon den Fluch auf

den Lippen, aber er sprach ihn gottlob nicht aus.

Dieselbe Nacht hatte sein Sohn die Stadt verlassen, und Darka war mit

ihm entflohen.

Seither, seit mehr als zehn Jahren, hatte man nichts von ihm gehört.

* * * * *

Die Lampen brannten trüber, der Nebel um ihn wurde dichter, seine Augen

schienen zu erlöschen. Der alte Rabbi barg sein Gesicht in den Händen

und heisse Thränen flossen seine Wangen herab.

Da ging leise, ganz leise die Thüre, ein Schritt liess sich vernehmen,

so sanft und zaghaft wie vormals jener seines Weibes, und dann zupfte

es am Aermel, erst furchtsam und dann immer dringender.

Rabbi Abdon liess die Hände sinken und hob den Kopf. Träumte er noch

weiter oder war es eine selige Vision? Vor ihm stand ein Knabe, gross

und schön -- Simon -- sein Sohn -- wie er in jenen Tagen gewesen war,

als der Greis sich abgemüht hatte ihn beim Talmud und der Kabbalah

festzuhalten. Langsam, immer von der Furcht geleitet, das schöne

Bild könnte zerfliessen wie der Nebel, wie die Phantome, die seine

Erinnerung ihm vorzauberte, hob Rabbi Abdon die zitternde Hand und

berührte den Knaben.

[Illustration]

Jüdisches Leben in Wort und Bild · 第 2 / 14 段