Anmerkungen zur Transkription
Im Original gesperrter Text ist +so dargestellt+.
Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des
Buches.
Jüdisches Leben
in
Wort und Bild.
Von
Sacher-Masoch.
Mit vielen Text-Illustrationen und Vignetten
von
Gérardin, Alphons Levy, Emil Levy, Heinrich Levy,
Eduard Loevy, Schlesinger, Vogel, Worms.
Dritte Auflage.
[Illustration]
MANNHEIM.
DRUCK UND VERLAG VON J. BENSHEIMER.
Vorwort.
Man hat viel über die Juden geschrieben, aber erst seit einem
halben Jahrhundert hat man angefangen sie ohne Voreingenommenheit,
ja mit Interesse zu betrachten. Bis dahin waren ihre grossartigen
wechselvollen Schicksale im Alterthum und ihr langes Märtyrerthum nach
und während ihrer Zerstreuung nur von Gelehrten und Geschichtsforschern
in parteiischen, von Leidenschaft getränkten Werken gewürdigt worden,
die der jüdischen Rasse oft mehr feindlich als sympathisch gesinnt
waren.
Unter der Einwirkung der liberalen und humanitären Ideen, welche jetzt
die Welt beherrschen, werden die barbarischen Vorurtheile, welche die
Juden ausnahmslos als Parias betrachteten, bald gänzlich verschwunden
sein. Ueberall weichen diese Vorurtheile von den Fortschritten der
Freiheit und Zivilisation zurück; man findet sie nur noch und zwar
sehr abgeschwächt, in einigen Provinzen des östlichen Europas. Sonst
geniessen die Juden überall, wo Freiheit herrscht und besonders in den
westlichen Staaten in Frieden alle Vorrechte des freien Mannes, gerade
so wie sie dessen Rechte ausüben und dessen Pflichten erfüllen. Sie
hängen aufrichtig an dem Lande, in dem sie geboren wurden, ohne jedoch
im geringsten die Lebensfähigkeit ihrer Rasse einzubüssen, ohne ihre
traditionellen Gefühle zu verleugnen, ohne die Gemeinschaft mit den
über die ganze Erde zerstreuten Brüdern aufzuheben. Sie lieben ihr
Vaterland und dienen ihm treu.
Sobald es ihnen gestattet ist mit demselben Rechte wie ihre übrigen
Mitbrüder nach allen Berufsstellen, Ehren und Auszeichnungen zu
streben, wissen sie sich derselben auch würdig zu bezeigen und viele
unter ihnen erreichen sogar die höchsten Stellen. Dadurch haben die
Juden ihre Befähigung zur Litteratur, zu den Wissenschaften ebenso wie
zu den Gewerben und zum Handel bewiesen.
Seit aber Juden unter den gebildeten Nationen Bürger geworden sind wie
alle anderen, müssen sie sich dem Einflusse des Kreises, in dem sie
geboren wurden oder in dem sie leben, beugen. Allmählich und unmerklich
nehmen sie die äusseren Gewohnheiten und Sitten desselben an; die
intimen Gebräuche widerstehen länger, aber für viele unter ihnen ist
das alte jüdische Leben heute nur noch eine poetische Erinnerung wie
die an das Ghetto.
Um die alten jüdischen Sitten mit ihrem biblischen Charakter, ihrem
naiven Aberglauben, ihren poetischen Legenden und ihrem stark
ausgeprägten Gefühl für das patriarchalische Leben wiederzufinden, muss
man sie in den Dörfern und kleinen Städten des Ostens, im Elsass, im
östlichen Deutschland, in Oesterreich, Polen und sogar in England und
Spanien, das heisst so ziemlich überall mit Ausnahme der grossen Städte
aufsuchen.
In diesen verschiedenen Landschaften nun hat Sacher-Masoch, der
wohl bekannte Autor des »Vermächtniss Kains« und zahlreicher ebenso
origineller, entzückender Werke, Beobachtungen gesammelt, die er in dem
»Jüdischen Leben«, das heute veröffentlicht wird, niedergelegt hat. Auf
diese Weise hat er eine abwechslungsvolle Reihe kleiner Gedichte in
Prosa geschaffen, von dichterischem Schwung und Kraft, voll schlagender
Gegensätze, lebhafter bald scherzhafter, und komischer, bald ernster,
düsterer aber immer wahrheitsgetreuer Gestalten und Szenen.
Die Litteraturfreunde wissen in wie hohem Grade Sacher-Masoch es
versteht, seinen Schöpfungen Bewegung und Farbe zu verleihen, wie
man zuerst versucht ist zu glauben, dass alles auf einer Nadelspitze
erbaut ist, und wie es sich dann plötzlich zu einer weiten Szene
öffnet, in der sich Personen und Situationen in überraschender Weise
vervielfältigen. Man kennt die glänzenden Eigenschaften des Autors,
seinen humoristischen Geist, seine alles durchdringende Poesie, seine
heit're milde grossmüthige, wenn auch mit einem leichten Anflug von
Pessimismus gefärbte Philosophie, seinen kräftigen, massvollen Stil
voll Leben, Kraft, diesen so originellen, so ganz persönlichen Stil,
der im Geiste des Lesers zahllose Gedanken und Bilder wach ruft.
Der litterarische und moralische Werth dieser reizenden
Sittenschilderungen haben uns veranlasst eine reich illustrirte Ausgabe
zu veranstalten. Wir haben infolge dessen die berufensten Künstler,
die das jüdische Leben aus dem Grunde kennen, zur Mitarbeiterschaft
herangezogen. Nach unserer Meinung hätte der Text nicht geistvoller,
wahrheitsgetreuer, schöner interpretirt werden können, als es Gérardin,
Alphons Lévy, Emil Lévy, Henri Lévy, Eduard Loevy, Schlesinger, Wolf
und Worms gethan haben. Die zahlreichen im Text verstreuten Zeichnungen
tragen einen lebenswarmen Ausdruck.
Wir wagen desshalb zu hoffen, dass alle Leute von Urtheil und gutem
Geschmack uns das Zeugniss geben werden, dass das »Jüdische Leben«
zu den originellsten litterarischen und künstlerischen Erscheinungen
unserer Zeit gehört.
Inhalts-Verzeichniss.
Seite
Vorwort.
Einleitung (Israel) III
Bessure towe (Galizien) 1
Lewana (Türkei) 11
Der Buchbinder von Hort (Ungarn) 25
Rabbi Abdon (Russland) 41
Das Mahl der Frommen (Norddeutschland) 54
David und Abigail (Dänemark) 74
Schimmel Knofeles (Galizien) 87
Galeb Jekarim (Jerusalem) 103
Wie Slobe ihre Schwester verheirathet (Belgien) 117
Frau Leopard (Polen) 129
Der schöne Kaleb (Böhmen) 145
Gelobt sei Gott, der uns den Tod gegeben (Spanien) 159
Schalem Alechem (Elsass) 169
Machscheve (England) 183
Der Todesengel (Italien) 195
Haman und Esther (Polen) 209
Die Erlösung (Ungarn) 223
Das Trauerspiel im Rosengässchen (Holland) 239
Kätzchen Petersil (Rumänien) 253
Der falsche Thaler (Süddeutschland) 267
Zwei Aerzte (Oesterreich) 281
Die Iliade von Pultoff (Russland) 293
Die Geschichte von der römischen Matrone (Schweden) 307
Du sollst nicht tödten (Croatien) 317
Bär und Wolf (Schweiz) 325
Zweierlei Adel (Frankreich) 335
ISRAEL.
Goethe sagt: Das auserwählte unter den Völkern ist nicht das beste,
sondern das andauerndste.
In diesem wunderbaren Ausspruch ist die ganze Geschichte des
israelitischen Volkes enthalten, alle seine Schicksale, gute und
böse, spiegeln sich in demselben. Ja, es war unter allen Völkern,
die den Erdball bewohnen, das ausdauerndste und deshalb hat es viel
grössere und wichtigere, als es selbst war, überlebt und sah den
Ruhm, die lärmenden Thaten, den Glanz der Jahrhunderte vorüberziehen,
gleich Schemen. Es hat das üppige Babylon in den Staub sinken sehen
und das Reich der Pharaonen und Rom, der Sturm der Völker brauste an
ihm vorüber, Gothen, Vandalen und Hunnen, das römische Kaiserreich
Karl's des Grossen fiel in Trümmer, das geistliche Weltreich der
Päpste, die Monarchie Karl's V., in der die Sonne nicht unterging,
Holland, Schweden, Polen, traten vom Schauplatz ab, Spanien erntete die
traurigen Folgen seiner Verfolgungswuth, der Thron der Bourbonen wurde
umgestürzt, und der neue Cäsar fand in den Eiswüsten Russlands sein
Ende, doch Israel bestand noch immer. Es trotzte dem Mord, der Pest,
dem Scheiterhaufen und ging durch den Wechsel der Zeiten, ergeben und
geduldig, die heiligen Gesetzrollen im Arm.
Kein Volk ist so oft von Eroberern unterjocht, in die Sklaverei
geschleppt, getheilt und zerstreut, keines so mit Feuer und Schwert
verfolgt, unterdrückt, beraubt, geschmäht und gequält worden und es
lebte immer und lebt noch heute, frisch und kräftig, wie einst in den
gesegneten Thälern Kanaans.
Und doch ist heute wieder eine grosse Verfolgung gegen dasselbe im
Zuge, ein Kampf, der durch alle Länder Europas geht, bedroht die schwer
errungenen Rechte, die Bildung, das Eigenthum der Israeliten, ja ihre
Existenz.
Woher in unserer Zeit, genau ein Jahrhundert nach der grossen
Revolution, nach der Proklamation der Menschenrechte, dieser Hass,
dieser Rassenkrieg, dieser religiöse Verfolgungswahn?
Mögen sich auch starke, egoistische, zumeist ökonomische Interessen
unter der religiösen und nationalen Maske verbergen, es zeigt sich
trotzdem in dieser ganzen Bewegung unleugbar eine Leidenschaft, welche
nicht durch nüchterne Motive dieser Art erklärt werden kann.
Das jüdische Volk ist das älteste Kulturvolk Europa's. Das ist der
Grund. Andere Völker, welche eine gleich alte Kultur besitzen, sind
ohne Einfluss auf uns geblieben, wie die Chinesen und Inder, oder
vom Schauplatz verschwunden, wie die Egypter, Griechen, Römer. Hier
ist aber ein Volk, mitten unter uns, das eine geordnete, musterhafte
Staatsverfassung, das gute, vernünftige, humane Gesetze, eine reine
Religion, einen erhabenen Kultus, edle Sitten, die einzig richtige
Moral und eine grosse, herrliche Litteratur besass, zu einer Zeit, wo
unsere Voreltern noch in Höhlen oder Pfahlbauten wohnten, und im Kampfe
mit wilden Thieren selbst ein halbthierisches Dasein führten. Und diese
alte Kultur, dieser reine Glaube, diese herrliche Moral sind diesem
Volke nicht zu einer Vergangenheit geworden, mit der spätere Schicksale
und eine neue Civilisation jeden Zusammenhang zerrissen haben, sie
sind keine interessanten Antiquitäten geworden, oft nur mit dem Reiz
der Rarität, wie die Religion des Inkas, wie die altgermanische
Götterwelt der Edda oder der Perun und die Lada der alten Slaven, nein,
der Strom ihrer Bildung geht ununterbrochen, nur immer breiter und
mächtiger durch die Jahrhunderte von Palästina an, durch die Blüthezeit
griechischer Kunst und römischen Staatswesens, durch das finstere
Mittelalter mit seinem grossen Kampfe der Kaiser gegen die Päpste,
durch die kirchliche Revolution Luther's und die Umwälzung von 1789
hindurch bis in unsere Tage.
Das Volk Israel ist aber nicht nur das älteste Kulturvolk, sondern auch
heute in Europa mitten unter gebildeten Völkern, die eine hohe Stufe
der Gesittung erreicht haben, das gebildetste, jenes, das den reinsten
Gottesglauben, die beste Moral, die mildesten Sitten besitzt und auf
allen Gebieten menschlichen Wissens die regste Thätigkeit entwickelt.
Die alte Kultur ist nicht ohne Einfluss auf seine physische
Natur geblieben. Durch Jahrtausende mit grossen Ideen, erhabenen
Empfindungen, edlen Gesinnungen und guten, menschlichen Sitten
vertraut, hat es die thierischen Instinkte, die barbarischen
Atavismen, weit mehr überwunden, als jedes andere und übertrifft alle
an Humanität, das ist an Friedensliebe, Abscheu vor Gewaltthat und
Blutvergiessen, Sittlichkeit und Nächstenliebe.
Dies beweist die europäische Statistik und gegen die Sprache der Zahlen
gibt es keine Einwendung. Der Hass anderer Völker gegen das Volk
Israel's ist also nichts anderes, als der Hass des Indianers gegen den
Trapper, der Hass des Wilden gegen civilisirte Menschen.
Nie hat ein wahrhaft gebildeter Geist, ein wahrhaft edles Herz,
ein wahrhaft reiner Charakter die Juden gehasst oder verfolgt, im
Gegentheil, die erleuchteten Männer aller Zeiten, aller Nationen haben
sie vertheidigt und beschützt.
Diese Auserwählten liebten und lieben die Juden aus verschiedenen
Gründen.
Zuerst, weil in dem jüdischen Volke, wie in keinem anderen, der
+Familiensinn+ lebendig ist, welcher die wichtigste Grundlage einer
gesunden, sittlichen, politischen und sozialen Entwickelung ist.
In unseren Tagen wird viel und von verschiedenen Seiten gegen die
Familie agitirt; in Deutschland sind es die Sozialisten und die Poeten
der freien Bühne, in Frankreich die Kommunisten und die naturalistische
Schule, im Osten die Nihilisten, welche ihr den Untergang geschworen
haben.
Alle diese Feinde der Familie sind in dem merkwürdigen Irrthum
befangen, dass die Ehe, die Familie, eine rein jüdisch-christliche
Einrichtung ist und gegen die Gesetze der Natur verstösst.
Die Natur kennt allerdings in Bezug auf das Verhältniss von Mann und
Weib nur ein Ziel: Die Erhaltung der Gattung.
Es sieht so aus, als ob ihr die Eltern gleichgiltig, die Kinder alles
wären. Um die Gattung zu erhalten, hat sie den Eltern den Trieb gegeben
die Kinder gross zu ziehen, bis sie sich selbst erhalten können.
Wir sehen in Folge dessen bei den Thieren, dass die Gatten mit wenigen
Ausnahmen so lange beisammen bleiben, bis die Jungen gross gezogen sind.
Für die Menschen galt wohl im Urzustand ausschliesslich dasselbe
Naturgesetz.
Da aber kein Thier so viel Zeit zu seiner Entwickelung braucht wie der
Mensch, welcher -- sogar im Naturzustand -- nicht vor dem zehnten Jahre
im Stande ist, selbst seine Nahrung zu suchen, so musste es geschehen,
dass, während das erste Kind langsam heranwuchs, ein zweites, drittes
und viertes folgte, und so der Trieb, die Pflicht ihre Kinder
aufzuziehen, die Eltern gebieterisch zwang bis in ihr Alter zusammen zu
bleiben.
Auf diese Weise entstand die Ehe, die Familie, nicht durch religiöse
Satzungen oder politische Gesetze, sondern ausschliesslich infolge
eines Naturtriebes und vollständig den allgemeinen Naturgesetzen
entsprechend.
Wer gegen die Familie ist, ist also nicht allein gegen die Religion und
die Moral, sondern vor allem gegen die Natur, und jenes Volk, wo Mann
und Weib die Ehe scheuen und der Pflicht, Kinder zu erziehen aus dem
Wege gehen, sündigt gegen die Natur und befindet sich in der Phase des
Verfalls und der Auflösung.
Dass das israelitische Volk, als das älteste Kulturvolk den Sinn für
Ehe und Familie am kräftigsten bewahrt hat, dass Ehelose in demselben
eine seltene Ausnahme bilden, dass es mit Kindern reicher gesegnet ist,
als jedes andre, dass in ihm die Liebe zwischen den Gatten, die Liebe
der Eltern zu ihren Kindern und der Kinder zu ihren Eltern so lebendig
ist, beweist, dass die Kultur, welche es besitzt, die geistigen Vorzüge
nicht auf Kosten der physischen entwickelt hat, dass sie, statt den
Verfall der jüdischen Rasse herbeizuführen, dieselbe in einem blühenden
Zustand erhalten hat, somit, dass diese Kultur eine gesunde und
naturgemässe ist.
Ein zweites Moment des jüdischen Wesens, das ihm die Herzen gewinnt,
ist das +Mitleid+.
Schopenhauer, der Philosoph des Pessimismus, sieht im Mitleid die
edelste, schönste Blüthe des Menschenthums, die Ueberwindung des
Willens, der Selbstsucht.
Diese schönste Blüthe der Menschennatur, sie treibt nirgends so
reich wie an dem jüdischen Stamm, in keinem Volke ist das höchste
Moralgesetz, das Gesetz der Nächstenliebe so lebendig wie in dem
israelitischen.
Als die Judenbill im englischen Oberhause diskutirt wurde, fragte ein
Mitglied des Hauses den Erzbischof von Canterbury, den Primas der
englischen Hofkirche: Ist es wahr, dass die Juden eine andere Moral
haben als die Christen?
Da erwiderte der erleuchtete Oberhirt: Die Juden haben dieselbe Moral
wie wir, der Unterschied besteht nur darin, dass sie dieselbe befolgen
und wir nicht.
Kein Volk ist so mitleidig, so wohlthätig wie das jüdische, und es
fragt nicht erst lange, ob der Unglückliche die Hülfe auch verdient,
es fragt auch nicht, welchem Volke oder Glauben er angehört. Der Jude
sieht in dem Hilfsbedürftigen einen Menschen, einen Bruder und hilft
ihm, er kleidet den Blossen, speist den Hungrigen und pflegt den
Kranken.
Der Jude ist so glücklich, wenn er helfen kann, dass der jüdische
Bettler gar nicht gewohnt ist zu bitten, er verlangt und ist stolz auf
seine Armuth, denn indem er dem Wohlhabenden Gelegenheit gibt ein gutes
Werk zu verrichten, baut er ihm eine Stufe in das Himmelreich, welche
die Frommen sicherer dahin führt als Gebet und strenge Befolgung der
rituellen Vorschriften.
Eine weitere Tugend des jüdischen Stammes, welche derselbe aus seinen
ältesten Wohnsitzen mitgebracht und unter allen Verhältnissen bewahrt
hat, ist die +Achtung vor dem Geiste und dem Wissen+.
Der Jude als wahrhaft gebildeter Mensch, den die Bildung von allem
Erbtheil einer finsteren Zeit freimacht und bei dem sie die ganze
physische Konstitution verändert und verfeinert hat, verabscheut den
Krieg und alles was damit zusammenhängt. Der Kampf mit geistigen Waffen
sagt ihm besser zu und mit Recht, denn hier muss, welcher Theil auch
Sieger bleibt, das Ganze, die Menschheit, immer gewinnen, während
dort die Menschheit sich geschädigt, gestört in ihren friedlichen
Fortschritten unterbrochen sieht, gleichgiltig wer die blutigen
Lorbeeren davon trägt.
Mit dieser Achtung vor dem Geiste, vor dem Wissen geht Hand in Hand
die Liebe zur Freiheit und zum Fortschritt. Diese grosse, jüdische
Eigenschaft hat das Volk Israel zu einer ganz besonderen für die ganze
Menschheit segensreichen Rolle berufen. Zerstreut über den ganzen
Erdboden sind die Juden doch ein Volk, eine grosse Gemeinde geblieben,
und so wurden sie gleichsam die elektrischen Drähte, auf denen die
neuen Ideen und Tendenzen durch die Welt liefen, zugleich aber, gewohnt
in den Juden eines fernen Landes ebenso gut einen Bruder zu sehen
wie in jenem, der Thüre an Thüre mit ihnen wohnte, wurden sie erst
unbewusst, dann mehr und mehr mit der edelsten Absicht die Träger des
Kosmopolitismus.
Wenn die andren Völker von ihren nationalen Interessen beherrscht und
eingeengt wurden, blickte der Jude frei über die Grenzpfähle hinweg und
fühlte sich vor allem als Mensch. Sein Gesichtskreis war jederzeit ein
weiter, er umfasste die ganze gebildete Welt, ja, darüber hinaus die
Menschheit, und wenn die Andren sich befehdeten, beraubten, mit Feuer
und Schwert verfolgten, so erinnerte sie der Jude an jene höheren,
grösseren Ziele und Interessen, welche Allen gemeinsam sind und Allen
Segen bringen, während das Schwert dem Sieger ebenso gut Wunden schlägt
wie dem Besiegten.
Eine wahrhafte Geschichte der europäischen Zivilisation, nach den
einzig richtigen naturwissenschaftlichen Prinzipien eines Thomas Buckle
ist noch nicht geschrieben; wenn wir sie eines Tages haben werden,
wird sie zugleich eine ruhmreiche Geschichte des jüdischen Namens sein.
Indem ich es unternommen habe, die Juden in den verschiedenen
europäischen Ländern in einer Reihe kleiner Erzählungen vorzuführen,
hat sich von selbst eine Geschichte des jüdischen Volkes daraus ergeben.
Wir sehen in den östlichen Ländern die Juden vielfach auf einer
Stufe, die nicht weit von jener entfernt ist, die sie im Mittelalter
einnahmen, ja manchmal sogar an biblische Verhältnisse erinnert,
man sieht noch die Herrschaft des Aberglaubens, den Kampf, den
erleuchtete Geister gegen denselben führen, und langsam gegen Westen
ziehend, verfolgen wir die Fortschritte des Judenthums im Laufe der
Jahrhunderte, bis wir dasselbe in den westlichen Landen auf dem
Höhepunkt der Freiheit und der Gesittung finden, gleichberechtigt im
Staate wie in der Gesellschaft, und infolge der errungenen Rechte
doppelt eifrig in der Erfüllung aller nationalen und patriotischen
Pflichten.
Zugleich mit dieser Kulturgeschichte des jüdischen Volkes ziehen die
Sitten, die religiösen Lehren und Meinungen, die mit dem Glauben und
den Schicksalen Israels eng verbundenen, jährlich wiederkehrenden Feste
vorüber, und so fügt sich Bild zum Bilde und hilft das grosse Gemälde
vollenden, das ein Denkmal sein soll für Israel, seine Kämpfe und
Leiden, seine Befreiung und Erhebung.
Leopold von Sacher-Masoch.
Bessure towe.
-- GALIZIEN. --
Der Prosteck. -- Cheder. -- Chassidim. -- Masser.
Herz Maisel galt bei den Chassidim, den Zeloten, die in Sadagora
herrschten, als Prosteck. Es ist dies nicht etwa ein Mensch, der die
Gesetze verletzt, aber ein Simpel, der die Welt nicht versteht und
deshalb stets an der Schattenseite stehen bleibt. Und doch hatten ihn
die Chassidim sorgsam beschützt, als er zur Welt kam und während er
sich die Kinderschuhe ablief, sie hatten Alles gethan, um sein Glück
auf Erden und im Himmel zu sichern.
Kaum war Herz geboren, gab der Zadik, der weise wunderthätige Rabbi der
Chassidim, dem Himmel und Hölle gehorchten, seinem Vater einen Zettel.
Sein Vater hatte einen besonderen Eifer entwickelt, dem Zadik die Lulka
(Pfeife) zu stopfen, er hatte also ein Anrecht auf diesen Zettel,
welcher den Neugeborenen während der ersten acht Tage beschützen sollte.
In dieser Zeit umschwärmt nämlich Lillith, die schöne Teufelin, das
Haus im Bunde mit ihrem Gefolge von vierhundert und achtzig unreinen
Geistern. Der Pergamentstreifen mit den Namen der drei Engel Senoï,
Sansenoi und Sammangelef an den Thürpfosten genagelt, beschirmte den
kleinen Herz vor dieser Vorhut des höllischen Heeres.
Nun rückten aber andere Dämonen an, zu Tausenden, zu Millionen. Wieder
ging der Vater zum Zadik, und diesmal brachte er einen ganzen Stoss
kleiner Zettel mit, sorgsam in sein rothes Schnupftuch gewickelt. Auf
diesen Zettelchen standen die Namen der Erzväter und Erzmütter, der
Propheten und der grossen Talmudisten und Zadikim und noch verschiedene
kräftige Stellen aus der heiligen Schrift und dem Talmud.
Es galt nun dieselben richtig zu vertheilen. Abraham, Isaak und Jakob
wurden rechts vom Kinde postiert, Sarah, Rebekka, Lea und Rachel links,
Moses und der grosse Bescht, der Begründer des Chassidismus, kamen
unter den Kopfpolster. Mit den übrigen Zettelchen wurden die Fenster,
die Schlüssellöcher, der Rauchfang und die Ritzen in der Mauer besetzt.
[Illustration]
An die Thüre kamen die Namen der Engel Jehoel, Michael und Sangsagael,
welcher der Lehrer des Moses war und die Stelle aus dem Psalm 55: »Er
erlöst mein Leben, dass sie sich mir nicht nahen können.«
Trotzdem wollte der kleine Herz kein kaballistisches Genie werden,
ja er lernte in der Cheder nur mit Mühe hebräisch lesen. Aleph und
Beth waren für ihn zwei Dämonen, die ihn quälten, er verwechselte sie
unausgesetzt, und der Melamed (Lehrer) verschwendete vergeblich alle
seine Geduld an ihn, wenn der Unglückliche vor dem Sidur (Gebetbuch)
sass. Vergeblich zeigte er ihm immer wieder die Buchstaben mit dem
Deutel (Stäbchen), vergeblich versprach die hübsche, dunkeläugige
Rebezin (Frau des Lehrers) dem Chederjüngel Kuchen und Obst. Die
Hühner, welche in dem Schulzimmer umherliefen und gackerten,
beschäftigten ihn mehr als die Hieroglyphen, welche er entziffern
sollte. Da sagte der Melamed: »Höre, Herz, sobald Du Aleph und Beth
kannst, wird Dir ein Engel von der Decke einen Groschen herabwerfen.«
Das verstand der Bocher (Junge) und blickte nun mit Eifer statt nach
dem Buche, nach der Decke der Stube und erwartete den Groschen mit
offenem Munde. Der Melamed griff nun zu einem drastischeren Mittel, er
griff in die grosse Dose, die auf dem Tisch stand, schob dem kleinen
Herz eine Prise Schnupftabak in die Nase und jagte ihn unter den Tisch,
wo schon zwei andere Jüngel dieselbe Strafe erduldeten. Jedesmal,
wenn unten ein verzweifeltes Niesen ertönte, rief der Melamed: Zur
Gesundheit! und die ganze Cheder rief mit ihm: zur Gesundheit!
Doch Herz begriff noch immer nichts. Es währte lange Zeit, ehe er das
Alphabet erlernt hatte und der Melamed erklärte eines Tages, dass er
keinen Kopf zum Lernen habe und schickte ihn aus der Schule fort.
* * * * *
So kam es, dass Herz im Geschäft seines Vaters mitzuhelfen begann,
dass der Zadik seine mächtige Hand von ihm zurückzog und dass er ein
Prosteck wurde.
Als echter Prosteck nahm er ein Weib ohne Mitgift, setzte ein Dutzend
Kinder in die Welt und kämpfte bei allem Fleiss, allem Geschäftsgeist,
den er besass, sein Leben lang mit Noth und Elend.
Es kümmerte ihn wenig, dass die Chassidim ihn einen Chamer (Esel)
und einen Schlemil (ungeschickten, unglücklichen Menschen) nannten,
wusste er sich doch keines Chilul hasthem (Vergehen gegen Gott oder das
Gesetz) schuldig, konnte er denn dafür, dass sich Riceh (Teufel) und
Dalles (Elend) bei ihm ein Stelldichein gegeben hatten?
Er wohnte mit seiner Familie in einem kleinen Hause, dessen Mauern von
aussen mit Balken gestützt waren. Eine grosse Stube war durch einen
Kreidestrich abgetheilt, wie die Staaten auf der Karte durch farbige
Grenzen von einander geschieden sind. Auf einer Seite wohnte Herz mit
seiner Frau Jüdke, seiner erwachsenen Tochter Riffke und seinen anderen
Kindern, jenseits des Striches hauste der Schneider Saduel Pjetruschka
mit seiner alten Mutter, seinem Sohne Gideon und seinem Schwager, dem
Talmudisten Reb Isaschar.
Herz ertrug alles geduldig, die Grenzstreitigkeiten mit Saduel, den
Rauch, mit dem der Ofen die Stube füllte, den Regen, der zu Zeiten
durch die Decke herabtropfte, die kärgliche Nahrung, den Mangel an
Kleidern, alles, nur eines schmerzte ihn, dass er für seine Riffke,
die so hübsch und klug war, keinen Mann fand und dass sie immer so
»verschmuddelt« (vernachlässigt) herumging.
Er hätte sie so gern wie eine Prinzessin oder doch mindestens wie eine
Schlachtzizenfrau angezogen.
Doch Riffke verlor deshalb ihre gute Laune nicht. Sie sang den ganzen
Tag, denn sie konnte nicht arbeiten ohne zu singen und sie arbeitete
den ganzen Tag. Während sie ihre grobe Wäsche nähte, sass jenseits
der Grenze Gideon auf seinem Tisch da wie ein Pascha mit gekreuzten
Beinen und liess gleichfalls die Nadel fliegen, nur dass es prächtige
Stoffe waren, Seide, Sammt, türkische Gewebe, die er zu Kunstwerken der
Toilette vereinte.
Allmählig begannen die jungen Leute ein Wort, eine Phrase zu wechseln,
und endlich fing Gideon an mit Riffke zu wetteifern. Sobald sie ihren
Gesang unterbrach, begann er zu erzählen und gab als wahre Geschichten
zum Besten, was er in den abgegriffenen Bänden der Leihbibliothek
zusammengelesen hatte, heute den Grafen von Monte-Christo, morgen die
Kapitänstochter, übermorgen die Geisterseher.
Und jedesmal, wenn irgend eine reiche Robe, eine prächtige Kazabaika,
ein königlicher Mantel fertig war, lud er Riffke ein, das Kunstwerk zu
probiren, und dann hoben alle die Köpfe um sie zu bewundern, und sogar
Reb Isaschar vergass für einen Augenblick seinen Talmud.
* * * * *
»Wissen Sie etwas, Herz?« sagte dieser einmal plötzlich in der Nacht,
als Alle bereits zu Bette waren.
»Was? Ich weiss nichts.«
»Sie müssen versuchen Ihr Glück, um zu bekommen eine Mitgift für Ihre
Riffke.«
»Kann ich dafür,« rief Herz, »dass ich habe Unglück in Allem? Wenn
Jemand etwas Dummes thut in Sadagora, muss ich es gewesen sein, und
thut Jemand etwas Schlechtes, ist es wieder Herz Maisel, der Bösewicht,
gewesen. Soll ich denn das Kaporehändl sein für alle?«
»Sie haben recht, Herz,« gab der Alte zur Antwort, »und so will ich
Ihnen geben einen guten Rath. Heute ist die Hoschana-Raba-Nacht, wo ein
Jeder kann sein Schicksal befragen. Stehen Sie auf, wir wollen suchen
drei Nummern im Talmud. Geben Sie mir das Buch.«
Herz brachte das Buch, und Reb Isaschar, ohne sein elendes Lager zu
verlassen, die Augen geschlossen, schlug es auf.
»Sehen Sie die Seite nach.«
»Es ist einunddreissig.«
»Schreiben Sie einunddreissig.« Wieder schlug der Alte den Talmud auf.
»Und jetzt?«
»Sieben.«
»Schreiben Sie sieben, und jetzt?«
»Fünfundachtzig.«
»Schreiben Sie fünfundachtzig! Jetzt haben Sie drei Nummern 31, 7, 85.
Diese Nummern setzen Sie morgen in die Lotterie, secco terno und setzen
zehn Gulden darauf.«
»Wo hab' ich zehn Gulden?«
»Sie müssen leihen zehn Gulden, Herz, es muss geliehenes Geld sein, das
bringt Glück.«
Herz Maisel ging am Morgen über Land, brachte der Edelfrau Bistonizka
verschiedene Gegenstände, die sie bestellt hatte und bat sie ihm
zehn Gulden zu leihen. Mit diesen zehn Gulden ging er in die
Lotteriekollektion und setzte die drei Nummern, die ihm der Talmud
gegeben. Dann ging er auf den Friedhof auf das Grab seines Vaters, um
zu beten.
* * * * *
Am nächsten Sonntag, als beide Familien gerade den Mittagstisch
deckten, kam Reb Isaschar feierlich herein, die Zobelmütze kühn wie ein
Kosak auf dem Kopfe. Sein gutes Gesicht strahlte wie eine Sonne aus
Lebkuchen. »Bessure towe« (Gute Nachricht!) rief er, »Bessure towe!«
»Was ist geschehen?« fragten alle zugleich.
»Welch' ein Massel! (Glück!) Soll noch einer sagen, dass der Herz ist
ein Schlemil.«
»Reden Sie doch, Reb Isaschar.«
»Ich rede ja immerfort. Also -- aber setzen Sie sich Herz, sonst fallen
Sie um.«
Herz setzte sich.
»Hören Sie, Herz. Bessure towe! Sie haben gewonnen, Herz! Das grosse
Terno haben Sie gemacht, Herz, 48,000 Gulden haben Sie gewonnen, Herz!«
Herz blieb wie versteinert auf seinem Stuhle sitzen.
»Hören Sie, Herz, 48,000 Gulden!«
Das erste Wort, welches Herz aussprach, war »Riffke!«, dann fügte er
nach einiger Zeit hinzu: »Jetzt sollst Du haben einen Mann, mein Kind,
jeden, den Du willst.«
Dann stand er auf, ging langsam bis zu der Wand und, das Gesicht gegen
diese gekehrt, begann er laut zu beten und zu schluchzen.
* * * * *
Als man sich etwas von dem Schrecken erholt hatte, denn eine grosse
Freude zermalmt uns ebenso wie ein grosses Unglück, sagte Herz: »Nun,
vor allem will ich geben Masser und dann erst soll Riffke einen Mann
haben.«
»Wenn Sie wollen geben Masser«, sagte Reb Isaschar, »das macht 4800
Gulden nach dem Gesetz.«
»So will ich geben die 4800 Gulden dem Saduel Pjetruschka«, sagte Herz,
»es ist besser zu helfen einem braven Menschen, als vielen geben eine
Kleinigkeit, das kann keinem dienen.«
Saduel sah Herz erstaunt an, dann nahm er ihn um den Hals und küsste
ihn.
»Danken Sie mir nicht«, sagte Herz, »es geschieht um meinetwillen. Und
Riffke? Hast Du etwa schon einen Bocher gefunden, der Dir gefällt?
Sprich, mein Kind, Du sollst ihn haben.«
»So will ich Gideon«, sagte sie rasch, »wenn er mich nämlich will.«
Gideon lächelte verlegen und reichte ihr die Hand. »Sagen Sie mir,
Riffke«, flüsterte er, »ist das alles ein Traum oder ist es wahr?«
[Illustration]
[Illustration]
Lewana.
-- TÜRKEI. --
Das Mondheiligen. -- Befreiung aus der Sklaverei.
In einer jener engen dunklen Strassen des alten Belgrad, die zugleich
ein Bazar, ein Paradies Muhameds und ein Schlupfwinkel des Verbrechens
sind, befand sich ein kleines Kaffeehaus, das von einer Italienerin,
Frau Peregrino, gehalten wurde. Hier sass eines Abends ein junger Mann
in ein Wiener Journal vertieft, während ringsum Geschäfte aller Art
verhandelt wurden und im Hinterzimmer Zigeuner ihre wilden Weisen
spielten, gluthäugige Zigeunerinnen die Tambourine schwangen und
tanzten.
Plötzlich legte ihm die Wirthin die Hand auf die Schulter und
flüsterte: »Sie sind immer so traurig, Herr Bukarest, was haben Sie
denn eigentlich?«
»Ich möchte fort«, gab er zur Antwort.
»Weil Sie das Mädchen, das Sie lieben, nicht bekommen können.«
Nahum Bukarest zuckte die Achseln. »Mein Oheim ist Kaufmann in
Konstantinopel«, sagte er, »ich will zu ihm reisen. Können Sie mir
sagen, wie ich am billigsten hinkomme.«
»Oh! das trifft sich sehr gut«, erwiderte die Wirthin, »hier ist eine
Dame, die Sie schon mehrmals gesehen hat und Gefallen an Ihnen findet.
Ihr Vater ist Kapitän, er wird Sie auf sein Schiff nehmen. Kommen Sie.«
Frau Peregrino führte den jungen, hübschen Israeliten in ein kleines
Kabinet, in dem nur ein türkischer Divan stand. Auf diesem sass ein
schönes Weib in halborientalischer Tracht und begrüsste Nahum mit einem
koketten Lächeln. Die Wirthin sprach von seinen Plänen und liess ihn
dann mit der schlanken Schönen allein. Diese zog ihn zu sich auf die
schwellenden Kissen, und während sie heiter plauderte, fühlte Nahum
mehr und mehr die Macht ihrer fremdartigen Reize und befand sich
endlich in einer Art von Opiumrausch, von anmuthig phantastischen
Bildern umgaukelt.
Es wurde abgemacht, dass er mit Varsava, so hiess die Fremde, und ihrem
Vater, dem griechischen Kapitän Trifoniades, nach dem goldenen Horn
segeln sollte, und als die Schöne das Kaffeehaus verliess und Nahum sie
begleitete, schlang sie plötzlich auf der dunklen Strasse die Arme um
seinen Hals und küsste ihn.
Am folgenden Abend erschien der Kapitän in demselben Kaffeehaus und
vereinbarte mit Nahum das Reisegeld. Es war in der That sehr wenig, was
er verlangte, so dass Nahum von der Summe, die er zur Verfügung hatte,
noch einen beträchtlichen Theil in seiner Tasche behalten konnte.
Er fand diesmal Varsava in dem kleinen Kabinet in Gesellschaft von
drei jungen bildhübschen Mädchen, von denen zwei Ungarinnen waren,
während die Dritte aus Serbien stammte. Varsava hatte ihnen gute
Stellen in Konstantinopel zugesichert. Die eine sollte in einem
Konfektionsgeschäft, die zweite als Kassiererin in einem Kaffee, die
dritte als Kammerjungfer bei einer österreichischen Gräfin eintreten.
»Sehen Sie, mein Freund,« rief Varsava, »was Sie für eine reizende
Reisegesellschaft haben werden. Ich fürchte, dass Sie mir untreu
werden.«
Nahum erröthete und Varsava gab ihm einen leichten Schlag mit der Hand,
der beiläufig sagen wollte: Oh! ich bin Deiner vollkommen sicher.
Zwei Tage später bestiegen alle zusammen das Schiff des Kapitän
Trifoniades und fuhren die Donau hinab. Varsava beschäftigte
sich viel mit Nahum. Sie wechselte Blicke mit ihm, welche ihm
die kühnsten Hoffnungen erweckten und erlaubte sich eine Reihe
kleiner Vertraulichkeiten, welche den jungen, unerfahrenen Mann mit
unsichtbaren magischen Schlingen umgaben.
Es wurde Abend, als sie die Donaumündung verliessen. Mitten in der
Nacht, im offenen Meer, steuerte ein anderes Schiff auf sie zu. Die
beiden Kapitäne wechselten Zeichen, dann legten sich ihre Fahrzeuge
gegen einander, und der Grieche hiess Nahum und die drei Mädchen auf
das fremde Schiff übersteigen.
»Weshalb?« fragte Nahum erstaunt, »Was soll denn dies bedeuten?«
»Fragen Sie nicht erst lange,« rief Varsava, »kommen Sie.«
Sie ging voran über die Brücke, die man von Bord zu Bord gelegt hatte
und die Anderen folgten.
Während der Grieche weitersegelte, gab die seltsame Schöne Nahum einen
Wink ihr zu folgen und führte ihn in eine geräumige Kajüte, die einem
kleinen Harem glich, mit ihren türkischen Divans, ihren persischen
Teppichen und ihren weichen Pantherfellen. Varsava streckte sich auf
den goldgestickten Kissen aus, betrachtete den immer mehr verwunderten
Nahum mit einem spöttischen Lächeln und sprach: »Jetzt bist Du mein.«
Zugleich rauschte der Teppich, welcher den Eingang schloss, und ein
kräftiger hübscher Mann, in armenischer Tracht trat ein. Er stemmte die
Arme in die Seiten und lachte, dann stiess er einen leisen Pfiff aus,
und sofort drangen zwei Neger in die Kajüte, ergriffen Nahum, warfen
ihn zu Boden und fesselten ihn.
[Illustration]
»Du hast einen guten Fang gemacht«, sagte der Armenier, »die Mädchen
sind jung und schön, sie werden jedem Harem zur Zierde gereichen, was
willst Du aber mit diesem hier beginnen?« Er deutete auf Nahum.
»Wir werden ihn in Kleinasien verkaufen«, erwiderte Varsava, »weisse
Sklaven sind heute eine Seltenheit, es findet sich leicht ein Liebhaber
für solche Waare.«
Die Neger hoben jetzt den armen Nahum wie einen Sack auf, trugen ihn
hinaus und warfen ihn in einen dunklen Winkel, in dem Taue und Tonnen
lagen.
»Sagt mir doch, wo bin ich«, bat Nahum die Matrosen, »wer ist der Mann,
dem das Schiff gehört?«
»Der Herr heisst Sahag und ist ein armenischer Sklavenhändler.«
»Und Varsava?«
»Das ist seine Frau. Sie ist schlau wie eine Schlange und geschickt im
Vogelfang wie keine zweite. Du bist nicht der erste, den sie liefert.
Sie versteht sich auf Menschenwaare und auf den Sklavenhandel.«
Nahum fragte nicht weiter. Er sank zurück auf die Schiffstaue und
presste seine heisse Stirn gegen die feuchte Holzwand.
* * * * *
Sahag landete in einem kleinen Hafen an der Küste von Kleinasien. Die
vier Opfer wurden jetzt geknebelt, in Säcke gesteckt und mit anderen
Waaren auf einen Wagen geladen. In dem von hohen Mauern umgebenen
kleinen Hofe des Hauses, das dem Armenier gehörte, befreite man sie von
ihren Fesseln.
»Meine Lieben«, sprach Varsava zu den Mädchen, die furchtsam vor ihr
standen, »Euch steht ein grosses Glück bevor, bald wird Euch Glück und
Reichthum umgeben, aber vorher müsst Ihr erst eine Schule bei mir
durchmachen, ich werde Euch die Kunst lehren Eurem künftigen Herrn
stets zu gefallen und ihn zu fesseln. Und Du«, -- wendete sie sich
an Nahum -- »Du musst erst Gehorsam und Demuth lernen. Ich gebe Dir
deshalb einen guten Rath. Ergieb Dich ruhig in Dein Schicksal. Du
wirst an Sahag einen trefflichen Lehrmeister haben, wenn Du Dich aber
wiederspenstig zeigen solltest ...«
»Dann gibt es Mittel«, sagte der Armenier ruhig, »die noch jeden zahm
gemacht haben.« Er nahm die grosse Sklavenpeitsche vom Nagel und liess
sie knallen, während die schöne Verrätherin in ein lautes brutales
Gelächter ausbrach.
Nahum senkte stumm das Haupt und ergab sich. Sahag liess ihn
verschiedene Arbeiten im Hause und Garten verrichten. Er zeigte sich
willig und gelehrig, so dass der Armenier mit ihm ausnehmend zufrieden
war und keinen Anstand nahm, ihn schon einen Monat später einer reichen
Wittwe vorzuführen, welche zu ihm kam, um einen Sklaven zu kaufen.
Nahum blickte scheu von der Seite auf die mittelgrosse schlanke
Gestalt, die in einem blauen, goldgestickten Burnus vor ihm stand und
deren schwarze Augen ihn aus dem dichten Schleier hervor neugierig
musterten.
»Das ist ein Prachtstück«, sprach Sahag, indem er Nahum auf die
Schulter klopfte, »jung, kräftig, aus gutem Hause, unterrichtet und
gelehrig. Sie werden einen vorzüglichen Diener an ihm haben, Zamira Ben
Oporte, und solch' ein Gesicht zu sehen, ist auch angenehmer als das
eines Negers.«
Zamira erwiderte nichts, sondern begnügte sich die angebotene Waare zu
prüfen. Sie untersuchte den Arm, sie besah, wie bei einem Pferde, die
Zähne und klopfte auf Nahum's Brust. Endlich nickte sie und verlangte
den Preis zu wissen. Nach langem Handeln wurden sie einig. Die Wittwe
bezahlte, und eine Stunde später wurde der neue Sklave in ihrem Hause
abgeliefert.
Zamira war die Wittwe eines reichen Kaufherrn. Sie handelte mit
orientalischen Stoffen, Pantoffeln, Schmuckgegenständen, Pfeifen und
Waffen, und besass drei Schiffe, die abwechselnd auf dem schwarzen
Meer, dem Mittelmeer und nach Indien segelten.
Es machte sie von Anfang ungeduldig, dass Nahum nur wenig arabisch
verstand, sie wollte ihn in ihrem Kaufladen beschäftigen und musste
sich vorläufig damit begnügen, ihn den Lastträgern beizugesellen,
welche die Waarenballen in ihrem Hause abluden und in den Magazinen
aufstapelten.
Es regte sich jedoch noch eine Empfindung in dem stolzen Herzen des
schönen Weibes, welche Zamira gegen Nahum aufbrachte. Sie war böse auf
sich selbst, weil sie mehr und mehr an ihrem Sklaven ein Wohlgefallen
fand, das ihr unwürdig und verächtlich erschien.
Und er? Er hatte nur einmal ihre schlanke, elastische Gestalt, ihr
edles, feingeschnittenes Gesicht unverhüllt gesehen, und seitdem
gehörte er ihr, auch ohne dass sie ihn gekauft hätte, seine Phantasie
beschäftigte sich Tag und Nacht mit ihr, und ihre Nähe versetzte ihn
jedesmal in eine unbeschreibliche Verwirrung.
* * * * *
Eines Tages rief ihn Zamira in ihr Gemach und kündigte ihm an, dass er
fortan im Hause zu bleiben und sie selbst zu bedienen habe. Nahum sah
mit einem wollüstigen Schauer das schöne Weib, das in einem langen Pelz
von grünem, silberdurchwirkten persischen Stoff in den rothseidenen
Kissen ruhte und die schwarzen, bösen Augen auf ihn geheftet hatte. Sie
befahl ihm, ihr die kleinen, goldgestickten Pantoffel anzuziehen und
nachdem dies geschehen war, ihr den Kaffee zu bringen.
Nahum gehorchte, aber in seiner Verwirrung stolperte er auf dem Teppich
und vergoss den duftenden Mokka.
»Du bist ungeschickt«, rief Zamira zornig, »man muss Dich zuerst
abrichten, wie ich sehe.«
Sie erhob sich und ergriff die Peitsche, die stets für ungehorsame
Sklaven bereit lag. Nahum warf sich vor ihr auf die Knie nieder
und kreuzte die Arme auf der Brust, aber seine Demuth entwaffnete
sie nicht. Zamira schwang die Peitsche und traf ihn wiederholt mit
grausamer Energie.
Plötzlich warf sie dieselbe weg und hiess ihn gehen. Dann warf sie sich
unmuthig in die Kissen zurück und nagte an den Nägeln ihrer kleinen
Hand. Sie war unzufrieden mit sich selbst, sie schämte sich, während
er die Stelle an seinem Arm küsste, wo ihn ihre Peitsche getroffen
hatte.
* * * * *
An demselben Abend war der Mond in sein erstes Viertel eingetreten. Als
es dunkel war, hüllte sich Zamira in Pelz und Schleier und ging hinaus
in den Garten. Die schöne Lewana schwebte bereits an dem tiefblauen
Himmel. Ihr holder tröstender Schimmer hatte auch Nahum herausgelockt.
Er sass unter einem Oelbaume, vor ihm war ein kleiner Grasplatz mit
Anemonen, Skabiosen und Schwertlilien bedeckt, weiter hinaus standen
Orangen- und Zitronenbäume und schimmerte das Meer. Um ihn war die
Stille der Nacht und der balsamische Duft des Orients. Nahum erinnerte
sich der schönen Mythe, welche der Talmud erzählt.
[Illustration]
»Als der Schöpfer die beiden Himmelslichter vollendet und eingesetzt
hatte, näherte sich ihm der Mond und sprach: »Herr! es ist doch nicht
schicklich, dass zwei Diener den gleichen Rang haben, lass mich um
etwas grösser und leuchtender sein als die Sonne.« Das erzürnte Gott
und er erwiderte: »Da Du Dich über Deinen Gesellen erheben willst,
sollst Du vielmehr erniedrigt werden. Du sollst von nun an kleiner sein
als er und Dein Licht soll dem seinen nachstehen.«
Der Mond erblich und ging bedrückt von dannen. Da erbarmte sich Gott
seiner und gab ihm das funkelnde Heer der Sterne zur Gesellschaft.«
Der fromme Jude aber vergisst keinen Monat den Mond zu segnen, wenn
dieser in seinem ersten Viertel steht und Nahum empfand hier in der
Fremde, im Unglück, in der Sklaverei noch mehr das Bedürfniss dieser
Pflicht zu genügen als daheim, im Kreise der Seinen.
Als Zamira sich der kleinen Wiese näherte, sah sie ihn mitten auf der
Wiese stehen, dort wo ein Cypressengebüsch sie seinen Blicken verbarg.
Sie hörte ihn den Segensspruch sprechen, den sie so lange nicht gehört:
Gelobt sei der, der den Mond erneuert! Sie sah ihn dreimal gegen die
leuchtende Sichel hüpfen und lauschte immer erregter den Worten, mit
denen er diese Bewegung begleitete: »So wie ich gegen Dich hüpfe und
Dich nicht berühren kann, sollen auch meine Feinde mir stets fern
bleiben.« Während Nahum noch die Zipfel seines Kaftans schüttelte und
ausrief: »Wie ich den Staub von mir schüttle, so sollen auch meine
Hasser und die bösen Geister von mir weichen«, trat Zamira rasch aus
dem Gebüsch.
Nahum erschrack und warf sich zu ihren Füssen nieder.
»Du bist ein Jude!« rief Zamira und da er keine Antwort gab, fuhr sie
fort, »warum hast Du mir das verschwiegen? Auch ich bin eine Jüdin.
Ich muss jedoch hier, wo nur Muhamedaner und Armenier wohnen, meinen
Glauben verbergen. Vergieb mir, was ich Dir gethan. Ich will es gut
machen, indem ich Dir die Freiheit schenke, und Dich mit dem nächsten
Schiff zu den Deinen zurücksende.«
»Nein Herrin«, erwiderte Nahum, »das wäre eine Strafe, grausamer als
die Peitsche. Lass mich bleiben, ich verlange nichts weiter, als immer
Dein Sklave zu sein. Setz' Deinen Fuss auf meinen Nacken und erlaube
mir ihn nur jedesmal zu küssen, wenn er mich getreten hat.«
Zamira sah ihn überrascht an. »Du hassest mich nicht?« fragte sie
verwirrt.
»Wer könnte Dich hassen?«
»Gut, Du bleibst bei mir«, entschied sie mit einer stolzen
Kopfbewegung, »aber nicht als mein Diener, das ginge nicht an.«
»Wie Du willst«, rief er, »schick mich nur nicht fort.«
Die schöne Wittwe begann leise zu lachen.
»Weisst Du, warum ich Dich geschlagen habe?« fragte sie schalkhaft.
»Weil ich gegen mich aufgebracht war. Ich schämte mich meinen Sklaven
zu lieben und einen Mann, der nicht meines Glaubens ist, dem ich
niemals meine Hand reichen könnte.«
»Zamira! Ist es möglich!« stammelte Nahum.
Statt zu antworten legte sie ihm die Arme um den Hals, neigte sich zu
ihm und küsste ihn.
[Illustration]
[Illustration]
Der Buchbinder von Hort.
-- UNGARN. --
Das jüdische Handwerk. -- Liebe zum Vaterland. -- Wissensdrang.
-- Der Liebessekretär.
Wenn man von der Höhe hinter Esced in die ungarische Ebene
hinausblickt, die sich hier vom Fusse der Matra bis Szolnok und weiter
bis zur Theiss ergiesst, erblickt man mitten unter Weinbergen und
Weizenfeldern eine grosse grüne Insel. Es ist weder ein Wald, noch
ein Park, noch ein grosser Obstgarten, der uns so freundlich anlacht,
sondern das stattliche Dorf Hort, dessen weisse Häuser sich hinter dem
üppigen Blattwerk verbergen.
In diesem Dorfe lebte ein jüdischer Buchbinder, Namens Simcha Kalimann,
welcher sich durch verschiedene Eigenheiten bemerkbar machte. Er war
zugleich ein Orakel und eine lebende Chronik der Gegend, des ganzen
Komitates.
In seinen Schicksalen spiegelten sich jene seines Volkes in Ungarn. Er
stammte noch aus der Zeit, wo der Jude rechtlos war, er hatte damals
manches ertragen müssen, manches erduldet und bewahrte mehr als eine
tragikomische Geschichte aus jenen Tagen in dem Schatzkästlein seiner
Erinnerungen auf. Dann war die grosse Bewegung der Geister gekommen,
deren Grenzstein das berühmte Buch: »Licht« des Grafen Szechenyi
bildet, den man den »grössten Ungar« nannte.
Die Revolution von 1848 brachte die neue ungarische Konstitution, das
Ende des Feudalstaates. Das Licht drang auch in die finsteren Gassen
des Ghetto, und durch die Fenster, die sich sonst nur beim Gewitter
geöffnet hatten, den Messias zu empfangen, zog der Erlöser ein, der den
fast zweitausend Jahre Verfolgten Freiheit und Gleichheit brachte. Und
das arme furchtsame jüdische Herz verstand sofort die grosse Botschaft.
Der ungarische Jude hatte ein Vaterland gefunden, und an demselben
Tage fand dieser ängstliche, bespöttelte Mensch auch den Muth, dieses
Vaterland zu vertheidigen.
Tausende verliessen das Ghetto und schaarten sich um die ungarische
Trikolore, unter ihnen auch Simcha Kalimann. Als einfacher Honved
folgte er der Trommel Koszuth's und focht bei Kapolna, bei Waitzen und
bei Temesvar.
Dem Aufschwung, der Begeisterung folgte die Niederlage, folgten
schwere Jahre des Stillstandes, des Druckes, aber der Jude hatte seine
Menschenrechte errungen, und er vergass nicht, wem er sie verdankte.
Als der Ausgleich Ungarn seinen König und seine Konstitution wiedergab,
da gab es nirgends so viele jubelnde, glückliche Herzen, als im Ghetto.
Diesmal zog die Freiheit nicht mit Schwerterklang ein, mit ihr kam der
Friede, die Versöhnung.
Damals begannen die Juden die ungarische Sprache und ungarische Namen
anzunehmen. Da diesmal mit den letzteren nicht jener schlimme Handel
getrieben wurde, wie zur Zeit Joseph's II., wo sich die Beamten die
Familien-Namen, welche die Juden annehmen mussten, je nach ihrer
Schönheit theuer und theurer bezahlen liessen, da diesmal ein schöner
Name nicht mehr kostete als ein hässlicher, so nahm Kalimann den
schönsten, den er nach seinen Begriffen in der Geschichte fand und
nannte sich Húniády Sándor.
Damals war es auch, wo er die Flinte und die Patronentasche ausgrub,
die er nach der Kapitulation von Vilagós in seinem Garten verscharrt
hatte, und seine Trophäen aus der Honvédzeit stolz über seinem Bette
aufhing.
Wo Freiheit ist, herrscht auch der religiöse Friede. Die gegenseitige
Achtung und Toleranz aber erzeugt wieder die Aufklärung und zerstört
die Vorurtheile.
Húniády oder Kalimann galt in Hort als Freigeist, und doch war er fromm
und beobachtete streng alle religiösen Vorschriften, aber er hatte sich
von verschiedenen Gebräuchen losgemacht, die ihm weder in der Lehre
begründet, noch mit dem Fortschritt vereinbar erschienen.
Er bedeckte sein Haupt nur im Tempel, er kümmerte sich wenig um die
minutiösen Speisegesetze des Talmud, er zog sich an, wie alle anderen,
er gestattete seiner Frau, das Haar wachsen zu lassen und verbot in
seinem Hause strenge jede Art von Aberglauben.