XI.

Eine Stunde später war der Fürst bereits in Petersburg, und um zehn Uhr

läutete er bei Rogoshin. Er war von der Straße durch den Haupteingang

des Hauses eingetreten und die breite Treppe hinaufgestiegen -- doch in

der Wohnung Rogoshins blieb alles still. Endlich öffnete sich die

gegenüberliegende Tür, die zur Wohnung der Mutter Rogoshins führte, und

eine alte peinlich saubere Dienerin blickte in den Treppenflur.

»Parfen Ssemjonytsch ist nicht zu Hause,« meldete sie. »Wen wünschen Sie

zu sprechen?«

»Parfen Ssemjonytsch.«

»Der ist nicht zu Hause.«

Die Dienerin betrachtete den Fürsten neugierig und mit prüfendem

Mißtrauen.

»Sagen Sie mir dann wenigstens, ob er hier übernachtet hat? Und ... kam

er gestern allein nach Hause?«

Die Dienerin fuhr fort, ihn zu betrachten, und antwortete nichts.

»War nicht gestern ... gestern abend ... Nastassja Filippowna mit ihm

hier?«

»Erlauben Sie, zu fragen, wer geruhen Sie denn selbst zu sein?«

»Fürst Lew Nikolajewitsch Myschkin, wir sind gut bekannt miteinander.«

»Er ist nicht zu Hause.«

Die Dienerin senkte den Blick.

»Aber Nastassja Filippowna?«

»Ich weiß nichts von ihr.«

»Warten Sie, warten Sie doch! Wann wird er denn zurückkommen?«

»Auch das weiß ich nicht.«

Und damit schloß sich die Tür.

Der Fürst nahm sich vor, nach einer Stunde wiederzukommen. Auf der

Straße erblickte er im Vorübergehen am Hoftor den Hausknecht.

»Ist Parfen Ssemjonytsch zu Hause?« fragte er ihn.

»Jawohl, Euer Gnaden.«

»Wie hat man mir denn soeben sagen können, daß er nicht zu Hause sei?«

»Hat man das bei ihm oben gesagt?«

»Nein, die Dienerin seiner Mutter sagte es. Aber ich habe bei Parfen

Ssemjonytsch vergeblich geläutet, es hat mir niemand aufgemacht.«

»Kann auch sein, daß er ausgegangen ist,« meinte der Hausknecht nach

kurzem Nachdenken, »man kann ja nie wissen, er sagt nicht immer, wann er

kommt und geht. Manchmal nimmt er auch den Schlüssel mit und drei Tage

lang steht seine Wohnung verschlossen.«

»Weißt du genau, daß er gestern zu Hause war?«

»Gestern war er. Aber manchmal kommt er durch die Paradetür herein, da

sieht man ihn dann nicht.«

»Aber weißt du nicht, ob Nastassja Filippowna gestern bei ihm war?«

»Das weiß ich nicht. Die geruht nicht oft zu kommen. Ich denke aber,

wenn sie gekommen wäre, hätt' ich's wohl gesehen.«

Der Fürst trat aus dem Hoftor wieder auf die Straße und ging eine Weile

in Gedanken versunken auf dem Trottoir. Die Fenster waren alle

geschlossen, während die Fenster der Wohnung seiner Mutter fast alle

weit offen standen. Es war ein heller, heißer Tag. Der Fürst ging über

die Straße auf das andere Trottoir und blieb dort gegenüber dem Hause

stehen, um noch einmal zu Rogoshins Fenstern hinaufzuschauen: sie waren

nicht nur alle geschlossen, auch die weißen Stores waren überall

heruntergelassen.

Der Fürst stand eine Weile unbeweglich und sah hinauf, und -- seltsam!

plötzlich schien es ihm, daß ein Vorhang ein wenig zur Seite geschoben

wurde und Rogoshins Gesicht durch den schmalen Spalt auf die Straße sah

... doch im selben Augenblick auch schon wieder verschwand. Er wartete

noch ein wenig und beschloß bereits, noch einmal hinzugehen und zu

läuten, besann sich dann aber eines anderen und schob es auf: nach einer

Stunde wollte er wiederkommen. »Und wer weiß,« dachte er, »vielleicht

hat es mir auch nur so geschienen« ...

Seine erste Sorge war jetzt, schnell nach dem Ismailowskij Polk zu

gelangen, in den Stadtteil, wo Nastassja Filippowna zuletzt gewohnt

hatte. Er wußte, daß sie, als sie vor etwa drei Wochen auf seinen Wunsch

oder seine Bitte hin Pawlowsk verlassen und nach Petersburg

zurückgekehrt war, im Ismailowskij Polk bei ihrer ehemaligen guten

Bekannten, einer Lehrerswitwe -- es war das eine anständige Dame mit

zahlreicher Familie, die fast nur vom Zimmervermieten lebte -- gewohnt

hatte. Er nahm an, daß Nastassja Filippowna nach ihrer Rückkehr nach

Pawlowsk die gemieteten Zimmer nicht aufgegeben, und deshalb schien es

ihm sehr möglich, daß Rogoshin sie gestern abend dorthin gebracht und

daß sie daselbst übernachtet hatte. Um schneller hinzugelangen, nahm er

eine Droschke. Unterwegs kam ihm der Gedanke, daß er ganz zuerst dorthin

hätte gehen sollen, denn es war doch ganz ausgeschlossen, daß sie in der

Nacht sofort zu Rogoshin gegangen wäre. Zugleich fielen ihm auch die

Worte des Hausknechts ein, daß Nastassja Filippowna nicht oft

hinzukommen »geruht« habe -- weshalb sollte sie dann gerade jetzt bei

Rogoshin abgestiegen sein?

Zu seiner größten Bestürzung hatte man aber bei der Lehrerswitwe seit

zwei Tagen nichts von Nastassja Filippowna gehört. Er selbst wurde wie

ein Wunder angestaunt. Die ganze zahlreiche Familie der Lehrerswitwe --

lauter Mädchen, alle Jahrgänge, von fünfzehn bis auf sieben --

versammelte sich um die Mutter und starrte ihn mit offenen Mündern an.

Ihnen folgte noch eine hagere Tante mit einem gelben Gesicht, die ein

schwarzes Tuch um den Kopf gebunden hatte, und nach dieser erschien auch

noch die Großmutter der Familie, eine kleine Greisin mit einer riesigen

Brille. Die Lehrerswitwe bat den Fürsten untertänig, doch näherzutreten

und Platz zu nehmen, was der Fürst denn auch tat. Er erriet, daß sie

bereits wußten, wer er war, und sich nicht wenig darüber wunderten, von

ihm nach derjenigen gefragt zu werden, die doch seit gestern seine Frau

sein mußte. Freilich wagten sie nicht, mit einer direkten Frage

herauszurücken. Er erzählte in kurzen Worten, daß die Trauung nicht

zustande gekommen war. Da ward dann die Verwunderung noch größer, und

der Fürst sah sich genötigt, noch einige Erklärungen hinzuzufügen. Und

dann kamen die Ratschläge der aufgeregten Damen: zunächst sollte er

unbedingt Rogoshin aufsuchen -- falls er zu Hause war, so lange schellen

und klopfen, bis er die Tür aufmachte -- und von ihm sich alles ganz

genau erzählen lassen. War er jedoch nicht zu Hause -- was zunächst mit

Sicherheit festgestellt werden mußte --, oder falls er nichts mitteilen

wollte: so sollte der Fürst sich nach dem Stadtteil Ssemjonowskij Polk

zu einer deutschen Dame begeben, einer Bekannten Nastassja Filippownas,

die bei ihrer Mutter lebte: vielleicht hatte sich Nastassja Filippowna

in ihrer Aufregung, und um nicht sogleich vom Fürsten gefunden zu

werden, zu dieser begeben und dort die Nacht verbracht. Der Fürst erhob

sich fast ohnmächtig; wie die Familie später erzählte, sei er

»entsetzlich bleich« gewesen. Und in der Tat -- die Füße trugen ihn kaum

noch, das Stimmengewirr erschien ihm noch einmal so laut, als es war, er

verstand fast kein Wort. Endlich begriff er, daß man ihm behilflich sein

wollte und ihn fragte, wo er denn in der Stadt abgestiegen sei, damit

sie ihm, falls sie etwas erfahren sollten, Nachricht zukommen lassen

konnten. Er wußte ihnen aber keine Adresse anzugeben. Da rieten sie ihm,

ein Hotel zu bestimmen. Der Fürst dachte nach und gab dann die Adresse

jenes Gasthofes an, wo er vor etwa fünf Wochen abgestiegen war und wo er

den schweren Anfall gehabt hatte. Darauf begab er sich wieder zu

Rogoshin. Diesmal wurde ihm nicht nur bei Rogoshin nicht aufgemacht,

auch in der Wohnung der Mutter blieb alles still. Da ging der Fürst zum

Hausknecht, den er erst nach langem Suchen auf dem Hof fand. Dieser war

mit irgend etwas beschäftigt und antwortete kaum auf die Fragen, ja, er

sah den Fürsten nicht einmal an, erklärte aber doch in bestimmtem Tone,

daß Parfen Ssemjonytsch früh am Morgen ausgegangen und nach Pawlowsk

gefahren sei und heute nicht mehr nach Hause zurückkehren werde.

»Ich werde warten,« sagte der Fürst. »Vielleicht kommt er doch noch am

Abend zurück?«

»Kann sein, daß er auch 'ne ganze Woche nicht kommt, wer kann's wissen.«

»Dann ist er aber doch in dieser Nacht zu Hause gewesen?«

»Gewesen ... was kann er nicht alles gewesen sein ...«

Diese Antwort und das ganze Gebaren des Hausknechts erschienen dem

Fürsten sehr verdächtig: der Mann schien in der Zwischenzeit besondere

Instruktionen erhalten zu haben: am Morgen war er harmlos-mitteilsam

gewesen und jetzt plötzlich wollte er ihn kaum anhören. Doch der Fürst

beschloß, nach etwa zwei Stunden wiederzukommen und dann, wenn es nötig

sein sollte, vor dem Hause zu warten. Jetzt aber blieb ihm noch die eine

Hoffnung, Nastassja Filippowna bei der deutschen Dame anzutreffen, und

so fuhr er nach dem Ssemjonowskij Polk.

Doch bei der Deutschen begriff man überhaupt nicht, wie er dazu kam,

sich bei ihnen nach Nastassja Filippowna zu erkundigen. Die schöne junge

Dame hatte sich, wie aus einzelnen Bemerkungen hervorging, bereits vor

zwei Wochen mit ihr vollkommen entzweit und besaß nicht das geringste

Interesse mehr für sie -- »und wenn sie auch alle Fürsten der Welt

heiraten sollte!« Der Fürst beeilte sich, aus dem Hause fortzukommen.

Unter anderem kam ihm auch der Gedanke, daß sie vielleicht wie damals

nach Moskau gefahren war und Rogoshin natürlich ihr nach, oder sogar

zusammen mit ihr. »Wenn man doch nur auf ihre Spur kommen könnte!«

dachte er gequält. Da entsann er sich der Verabredung mit der

Lehrerswitwe, die ihm in den Gasthof an der Liteinaja Nachricht hatte

senden wollen, und er beeilte sich sogleich, hinzugehen, um dort ein

Zimmer zu belegen. Der Kellner fragte ihn, ob er auch zu frühstücken

wünsche, und in der Zerstreutheit bejahte der Fürst die Frage. Doch kaum

hatte sich der Kellner entfernt, da kam er plötzlich zur Besinnung und

ärgerte sich unsäglich über sich selbst, weil ihn das Frühstück

wenigstens eine halbe Stunde aufhalten würde, und erst nach einer Weile

verfiel er darauf, daß ihn ja doch niemand festhielt und er das

bestellte Frühstück ja gar nicht zu essen brauchte, wenn er nicht

wollte. Ein seltsames Gefühl überkam ihn in diesem dunklen, dumpfen

Korridor, ein Gefühl, das quälend danach strebte, sich in irgend einen

festen Gedanken zu verwirklichen, aber er konnte nicht erraten, worin

nun dieser neue, sich aufdrängende Gedanke bestand. Da verließ er

endlich den Gasthof und trat hinaus auf die Straße. Ihn schwindelte ...

wohin sollte er fahren? Er fuhr also wieder zu Rogoshin.

Rogoshin war noch immer nicht zurückgekehrt; er läutete, doch es wurde

ihm nicht aufgemacht. Da läutete er auch an der anderen Tür; die alte

Dienerin erschien wieder und sagte, daß Parfen Ssemjonytsch nicht zu

Hause sei und vielleicht nicht vor drei Tagen kommen werde. Es wunderte

den Fürsten nur, daß sie ihn wieder mit so unverhohlener Neugier

betrachtete. Den Hausknecht fand er diesmal überhaupt nicht. Da ging er,

wie am Morgen, auf das gegenüberliegende Trottoir, blickte zu den

Fenstern hinauf und ging wohl eine halbe Stunde in der quälenden

Sonnenglut auf und ab, vielleicht auch noch länger, doch diesmal rührte

sich nichts, die Fenster blieben geschlossen, und die Stores waren

unbeweglich. Da setzte sich in ihm die Überzeugung fest, daß es ihm auch

am Morgen nur so geschienen habe, denn auch die Fensterscheiben waren

trübe und wohl seit langem nicht geputzt, so daß die kaum merkliche

Bewegung des Vorhanges nur ein Flimmern des trüben Glases im

Sonnenschein gewesen sein konnte. Erfreut über diese Erklärung fuhr er

wieder zur Lehrerswitwe.

Dort hatte man ihn erwartet. Die Lehrerswitwe hatte sich inzwischen an

drei oder vier Stellen erkundigt, ja, sie war sogar bei Rogoshin

gewesen, doch hatte sie nichts erfahren können. Der Fürst hörte ihren

Bericht schweigend an, trat dann ins Zimmer, setzte sich auf das Sofa

und begann sie alle anzusehen -- ganz als verstände er kein Wort von

dem, was man zu ihm sprach. Und seltsam: bald bemerkte er alles, bald

aber war er so zerstreut, daß er nichts sah noch hörte. Die ganze

Familie erklärte später, daß er ein »erstaunlich wunderlicher« Mensch

gewesen sei an jenem Tage, so daß vielleicht damals schon »alles

begonnen habe«. Endlich erhob er sich und bat, man möge ihm die von

Nastassja Filippowna bewohnten Zimmer zeigen. Es waren das zwei große,

hohe, helle Räume, sehr anständig eingerichtet und offenbar nicht

billig. Die ganze Familie erzählte später, der Fürst habe jeden

Gegenstand im Zimmer betrachtet. Auf einem kleinen Tisch habe er ein

aufgeschlagenes Buch erblickt -- es war ein französischer Roman, »Madame

Bovary« --, habe eine Ecke der aufgeschlagenen Seite eingebogen und um

die Erlaubnis gebeten, das Buch mitnehmen zu dürfen, worauf er es, ohne

auf die Einwendung, daß es ein Buch aus der Leihbibliothek sei, zu

achten, in die Tasche gesteckt habe. Dann sei er ans offene Fenster

getreten, habe sich dort hingesetzt, und da sei ihm ein mit Kreide

beschriebener Spieltisch aufgefallen, und er habe gefragt, wer an ihm

gespielt hätte. Hierauf hatten sie ihm erzählt, daß Nastassja Filippowna

jeden Abend mit Rogoshin Karten gespielt habe, Duraki, Preference,

Whist, Sechsundsechzig -- kurzum, alle Spiele, die sie nur kannten, und

zwar Abend für Abend, damals, als sie vor drei Wochen aus Pawlowsk nach

Petersburg zurückgekehrt war und sich bei ihnen eingemietet hatte.

Zuerst habe sich Nastassja Filippowna beklagt, daß es langweilig sei,

denn Rogoshin habe ganze Abende gesessen und geschwiegen und kein Wort

gesagt, und eines Abends sei sie in Tränen ausgebrochen. Da habe

Rogoshin am nächsten Abend plötzlich ein Spiel Karten aus der Tasche

hervorgezogen: Nastassja Filippowna hätte zu lachen begonnen, und dann

sei an jedem Abend gespielt worden. Hierauf habe der Fürst gefragt, wo

die Karten wären, mit denen sie gespielt hatten. Die Karten waren aber

von Rogoshin jedesmal mitgebracht worden, an jedem Abend ein neues

Spiel, und er hatte sie dann immer wieder mitgenommen.

Die Lehrerswitwe, deren Schwester und Mutter rieten ihm, noch einmal zu

Rogoshin zu fahren, jedoch nicht sogleich, sondern erst gegen Abend, und

dann möglichst stark die Klingel zu ziehen und an die Tür zu pochen,

vielleicht würde er sich dann doch noch zeigen. Und die Lehrerswitwe

erbot sich, inzwischen nach Pawlowsk zu Darja Alexejewna zu fahren,

vielleicht wußte diese etwas näheres. Der Fürst aber sollte auf jeden

Fall am Abend gegen zehn Uhr wiederkommen, damit sie sich für den

nächsten Tag verabreden könnten. Der Fürst verließ sie ungeachtet aller

Beruhigungen und Hoffnungsäußerungen innerlich ganz verzweifelt. Von

unerklärlicher Sehnsucht gemartert, begab er sich nach seinem Gasthof.

Der staubige, drückende Sommernachmittag Petersburgs umfing ihn

herzbeklemmend, er fühlte sich förmlich wie in einen Schraubstock

eingeklammert; müde drängte er sich durch das rohe, betrunkene

Volksgetümmel auf den Straßen, blickte unbewußt in fremde Gesichter und

machte vielleicht einen großen Umweg. Es war fast schon Abend, als er in

sein Zimmer trat. Er wollte sich ein wenig erholen und dann wieder zu

Rogoshin gehen, wie man ihm geraten hatte, und so setzte er sich denn

aufs Sofa, stützte die Ellenbogen auf den Tisch und versank in Gedanken.

Gott weiß, wie lange, und nur Gott mag wissen, an was er dachte. Vieles

fürchtete er, und er fühlte, fühlte unter Schmerz und Qual, daß seine

Angst ihm selbst unheimlich wurde. Da dachte er plötzlich an Wjera

Lebedewa, und es kam ihm in den Sinn, daß Lebedeff vielleicht etwas

wissen konnte, vielleicht sogar von Rogoshin unterrichtet war, oder wenn

nicht, dann doch leichter und schneller von ihm etwas erfahren könnte,

als er, der Fürst, es vermochte. Plötzlich dachte er an Hippolyt und

auch daran, daß Rogoshin zu Hippolyt gefahren war. Und plötzlich fiel

ihm Rogoshin ein: Rogoshin in der Kirche bei der Totenmesse, dann

Rogoshin im Park, und dann -- plötzlich hier in der Treppennische, als

er sich damals in der Dunkelheit verborgen und mit dem Messer auf ihn

gewartet hatte. Er zuckte zusammen: der sich ihm aufdrängende Gedanke,

den er vorhin nicht hatte fassen können, stand plötzlich vor ihm.

Dieser Gedanke bestand zum Teil darin, daß Rogoshin, wenn er sich in

Petersburg befand und sich womöglich zeitweilig verbarg, schließlich

doch unbedingt zu ihm, dem Fürsten, kommen würde, gleichviel ob in einer

guten oder schlechten Absicht, und wär's auch in derselben wie damals.

Und wenn Rogoshin aus irgendeinem Grunde zu ihm kommen mußte, wohin

sollte er dann gehen -- da er doch keine Adresse wußte --, wenn nicht

wieder in diesen selben Gasthof, wieder in diesen selben Treppenflur? Er

konnte ja gar nichts anderes annehmen, als daß der Fürst in diesem

Gasthof abgestiegen war. Wenigstens würde er hier nach ihm fragen ...

wenn er seiner wirklich bedurfte. Und man konnte es ja nicht wissen,

vielleicht bedurfte er seiner wirklich?

So dachte der Fürst und dieser Gedanke erschien ihm aus irgendeinem

Grunde sehr möglich. Doch um keinen Preis würde er sich Rechenschaft

darüber gegeben haben, wenn er sich in seinen Gedanken vertieft hätte:

weshalb zum Beispiel Rogoshin seiner plötzlich so bedürfen könnte, und

weshalb es ganz »ausgeschlossen« war, daß sie sich zu guter Letzt nicht

doch noch »treffen« würden? Doch dieser Gedanke war nicht leicht. »Wenn

er glücklich ist, dann wird er nicht kommen,« fuhr der Fürst fort, zu

denken, »er wird kommen, wenn er nicht glücklich ist -- und er ist doch

bestimmt nicht glücklich ...«

Wenn er aber davon überzeugt war, so hätte er Rogoshin im Gasthof, in

seinem Zimmer, erwarten müssen. Doch es war, als könne er seinen neuen

Gedanken nicht ertragen: plötzlich sprang er auf, ergriff seinen Hut und

eilte hinaus. Im Korridor war es fast schon ganz dunkel. -- »Wie, wenn

er jetzt wieder aus jener Nische hervortritt und mich auf der Treppe

anfällt?« durchzuckte es ihn blitzartig, als er sich jener Stelle

näherte. Doch es trat niemand hervor. Er stieg hinunter, trat hinaus

aufs Trottoir, wunderte sich über die dichte Menschenmenge, die sich auf

der Straße durcheinanderschob -- wie in Petersburg gewöhnlich an den

Hundstagen, sobald die Sonne sinkt --, und schlug unwillkürlich wieder

die Richtung zur Gorochowaja, zum Hause Rogoshins ein. Etwa fünfzig

Schritte vom Gasthof, in dem Gedränge an der dritten Straßenkreuzung,

berührte ihn plötzlich jemand am Ellenbogen und sagte halblaut dicht an

seinem Ohr:

»Lew Nikolajewitsch, komm mir nach, es ist nötig, Bruder.«

Es war Rogoshin.

Seltsam: der Fürst begann plötzlich, vor lauter Freude fast stotternd,

fast nach Worten ringend, ihm zu erzählen, wie er ihn soeben im Gasthof,

in seinem Zimmer und im Korridor erwartet hatte.

»Ich war dort,« sagte Rogoshin ruhig, »gehen wir.«

Der Fürst wunderte sich über seine Antwort, wunderte sich aber erst nach

etwa zwei Minuten, als er sie begriffen hatte. Als er aber dann über sie

nachdachte, erschrak er und sah Rogoshin an. Dieser ging neben ihm fast

einen halben Schritt voraus, sah starr vor sich hin, sah in keines der

ihm begegnenden Gesichter und wich mit mechanischer Vorsicht allen aus.

»Weshalb hast du nicht nach mir gefragt ... wenn du im Gasthof warst?«

fragte plötzlich der Fürst.

Rogoshin blieb stehen, sah ihn an, dachte nach und sagte, als hätte er

die Frage gar nicht verstanden:

»Höre, Lew Nikolajewitsch, du geh jetzt hier geradeaus, bis zum Hause,

du weißt? Ich aber werde dort auf jener Seite gehen. Nur sieh zu, daß

wir nicht auseinander kommen ...«

Nachdem er das gesagt, ging er über die Straße, trat auf das

gegenüberliegende Trottoir, blickte sich um, ob auch der Fürst ging, und

als er sah, daß dieser stand und ihm mit weit offenen Augen unbeweglich

nachschaute, winkte er ihm mit der Hand nach der Gorochowaja und ging

selbst weiter, während er sich immer wieder umblickte, um nach dem

Fürsten zu sehen und ihn zum Weitergehen aufzufordern. Er war sichtlich

ermuntert, als er dann sah, daß der Fürst ihn begriffen hatte und ihm

auf seinem Trottoir zur Gorochowaja folgte. Der Fürst dachte, daß

Rogoshin irgend jemanden unterwegs suchen wollte und deshalb aufs andere

Trottoir gegangen war, damit die Entgegenkommenden zwischen ihnen beiden

durchgehen sollten und der Betreffende dann leichter zu finden sei. »Nur

-- warum hat er mir dann nicht gesagt, wer es ist, den er sucht?« So

gingen sie an fünfhundert Schritt, und plötzlich begann der Fürst aus

irgendeinem Grunde zu zittern; Rogoshin fuhr immer noch fort, wenn auch

seltener, sich nach ihm umzublicken. Doch der Fürst hielt es nicht mehr

aus und winkte ihn mit der Hand zu sich herüber. Ohne zu zögern, kam

Rogoshin sofort über die Straße zu ihm.

»Ist Nastassja Filippowna bei dir?«

»Bei mir.«

»Warst du es, der vorhin hinter dem Vorhang nach mir sah?«

»Ja, ich ...«

»Aber weshalb hast du denn ...«

Der Fürst wußte nicht, was er sagen, wie er die Frage beenden sollte --

zudem pochte sein Herz so stark, daß ihm das Sprechen schwer wurde.

Rogoshin schwieg gleichfalls und sah ihn an wie vorhin, wie in Gedanken

versunken.

»Nun, ich gehe,« sagte er plötzlich, und er schickte sich an, wieder

über die Straße zurückzugehen, »du aber geh hier weiter. Laß uns auf der

Straße getrennt gehen ... so ist's besser ... auf verschiedenen Seiten

... wirst sehen.«

Als sie endlich auf verschiedenen Trottoiren in die Gorochowaja einbogen

und sich dem Hause Rogoshins näherten, wurden die Beine des Fürsten

wieder so schwach, daß sie ihm fast den Dienst versagten und es ihm

schon schwer wurde, zu gehen. Es war gegen zehn Uhr abends. Die Fenster

auf der Hälfte, wo die alte Mutter wohnte, standen immer noch weit

offen, die Fenster der Wohnung Rogoshins dagegen waren geschlossen, und

in dem dämmrigen Abendlicht war's, als würden die herabgelassenen weißen

Vorhänge noch bemerkbarer. Der Fürst näherte sich dem Hause auf dem

entgegengesetzten Trottoir, Rogoshin auf der Seite des Hauses, und als

er bei der Tür anlangte, winkte er mit der Hand. Der Fürst ging über die

Straße zu ihm. Sie traten auf die Treppe.

»Auch der Hausknecht weiß jetzt nicht, daß ich zurückkomme. Ich sagte

vorhin, daß ich nach Pawlowsk fahre, auch bei der Mutter sagte ich es,«

flüsterte er mit einem listigen und fast zufriedenen Lächeln. »Wir gehen

jetzt so leise hinein, daß uns niemand hört.«

Den Schlüssel hatte er bereits in der Hand. Als sie die massive

Steintreppe hinaufstiegen, wandte er sich zum Fürsten zurück und erhob

den Finger, zum Zeichen, daß der Fürst nur ja leise gehen solle. Leise

schloß er die Tür zu seiner Wohnung auf, ließ den Fürsten eintreten,

folgte ihm leise, schloß die Tür leise wieder hinter sich zu und steckte

den Schlüssel in die Tasche.

»Gehen wir,« sagte er flüsternd.

Schon auf der Straße, auf der Liteinaja, hatte er begonnen, leise zu

sprechen. Trotz seiner äußeren Ruhe befand sich sein Inneres in einer

seltsamen tiefen Aufregung. Als sie in den Saal vor dem Arbeitskabinett

traten, ging er leise an eines der Fenster und winkte geheimnisvoll den

Fürsten zu sich heran.

»Als du vorhin dort bei mir läutetest, erriet ich hier sogleich, daß du

es warst. Ich schlich mich zur Tür und da hörte ich, wie du mit der

Pafnutjewna sprachst; ich aber hatte ihr schon in aller Frühe gesagt und

anbefohlen, daß sie dann, wenn du oder von dir jemand oder gleichviel

wer kommt und an meiner Tür zu klopfen anfängt -- daß sie dann nichts

sagen solle, unter keiner Bedingung, und besonders nicht, wenn du selbst

kämest und nach mir fragen würdest. Ich nannte ihr deinen Namen. Dann

aber, als du fortgingst, dachte ich: wenn er jetzt unten steht und nach

oben sieht, oder auf der Straße wartet und aufpaßt? Da trat ich an

dieses selbe Fenster, schob die Gardine etwas weg, sieh, da standest du

und sahst gerade auf mich ... So war es.«

»Wo ist denn ... Nastassja Filippowna?« fragte der Fürst stockend.

»Sie ... ist hier,« antwortete Rogoshin langsam, als hätte er einen

Augenblick mit der Antwort gezögert.

»Wo denn?«

Rogoshin erhob seinen Blick zum Fürsten und blickte ihn unverwandt an.

»Gehen wir ...«

Er sprach immer noch flüsternd und ohne sich zu beeilen, sprach langsam,

und schon die ganze Zeit über eigentümlich nachdenklich.

Sie traten in das hohe Zimmer, das dem Vater als Arbeitszimmer gedient

hatte. In diesem hatte sich, seit der Fürst es gesehen, einiges

verändert: durch das ganze Zimmer zog sich ein Vorhang aus grünem

Seidendamast, der zu beiden Seiten geteilt war, so daß man hindurchgehen

konnte. Der Raum hinter dem Vorhang diente Rogoshin als Schlafzimmer,

dort stand sein Bett. Der schwere Vorhang war heruntergelassen und die

Eingänge waren zugezogen. Im Zimmer war es ziemlich dunkel; die »hellen«

Petersburger Nächte hatten nach der Sonnenwende schon ein wenig von

ihrer Helligkeit eingebüßt, und wenn es nicht Vollmond gewesen wäre,

hätte man in den dunklen Zimmern Rogoshins, deren Fenster noch dazu weiß

verhängt waren, kaum etwas unterscheiden können. So aber konnte man

wenigstens die Gesichtszüge erkennen. Das Gesicht Rogoshins war bleich,

wie gewöhnlich; der Blick seiner Augen, die einen starken Glanz hatten,

lag seltsam unbeweglich auf dem Fürsten.

»Wirst du nicht eine Kerze anzünden?« fragte der Fürst.

»Nein, nicht nötig,« sagte Rogoshin, und den Fürsten bei der Hand

fassend, nötigte er ihn, auf einem Stuhl Platz zu nehmen; er selbst

setzte sich ihm gegenüber und zog seinen Stuhl so dicht heran, daß ihre

Knie sich fast berührten. Zwischen ihnen, etwas seitwärts, stand ein

kleiner, runder Tisch. »Setz' dich, sitzen wir ein wenig!« sagte

Rogoshin, als wolle er ihn zum Sitzen bereden. Eine Weile schwieg er.

»Ich wußte, daß du in diesem Gasthause absteigen würdest,« begann er

dann wieder zu sprechen, wie man es zuweilen tut, wenn man nicht

sogleich von der Hauptsache reden will und zuerst mit nebensächlichen

Einzelheiten beginnt, die kaum eine unmittelbare Beziehung zur Sache

haben. »Als ich in den Korridor trat, dachte ich bei mir: wer weiß,

vielleicht sitzt er dort und erwartet mich jetzt ebenso wie ich ihn

erwarte? Warst du bei der Lehrerin?«

»Ja,« brachte der Fürst vor Herzklopfen kaum hervor.

»Auch daran dachte ich. Wird noch ein Gerede entstehen, dachte ich ...

und dann dachte ich: ihn aber bringe ich zur Nacht her, damit wir diese

Nacht noch zusammen sind ...«

»Rogoshin! Wo ist Nastassja Filippowna?« flüsterte plötzlich der Fürst,

und er erhob sich, an allen Gliedern zitternd.

Da erhob sich auch Rogoshin.

»Dort,« sagte er leise, mit dem Kopf nach dem Vorhang weisend.

»Schläft sie?« flüsterte der Fürst.

Wieder sah ihn Rogoshin unbeweglich an.

»Nun denn, meinetwegen! ... Nur, wirst du auch ... nun, gehen wir!«

Er trat zum Vorhang, schob ihn zur Seite, blieb stehen und wandte sich

zum Fürsten zurück.

»Komm!« sagte er und forderte ihn mit einer Kopfbewegung auf,

einzutreten, während er den Vorhang zur Seite hielt.

Der Fürst trat in den Schlafraum.

»Hier ist es dunkel,« sagte er.

»Man kann sehen!« murmelte Rogoshin.

»Ich sehe kaum ... ein Bett.«

»Geh doch näher,« forderte Rogoshin leise auf.

Der Fürst trat einen Schritt näher, dann noch einen Schritt, und blieb

stehen. Er stand und schaute unbeweglich eine lange Zeit. Beide sprachen

sie die lange Zeit über, die sie am Bett standen, kein Wort. Das Herz

des Fürsten schlug so laut, daß es, wie es schien, im Zimmer zu hören

war, bei dem toten Schweigen, das hier herrschte. Doch sein Auge

gewöhnte sich langsam an das Licht, so daß er bereits das ganze Bett

deutlich unterscheiden konnte; es schlief jemand auf dem Bett, in

vollkommen reglosem Schlaf; nicht das geringste Geräusch, nicht das

geringste Atmen war zu hören. Der Schlafende war vom Kopf bis zu den

Füßen mit einem weißen Laken bedeckt, doch die Glieder zeichneten sich

seltsam undeutlich ab, man sah nur an den Umrissen und den Erhöhungen,

daß es ein Mensch war, der auf dem Rücken ausgestreckt lag. Ringsum, auf

dem Bett, auf dem Sessel am Fußende des Bettes, sogar auf dem Fußboden

neben dem Sessel lagen weiße Kleidungsstücke unordentlich hingeworfen,

ein weißes kostbares Seidenkleid, Blumen, Bänder. Auf dem kleinen Tisch

am oberen Ende des Bettes lag verstreut blitzendes Geschmeide. Am

unteren Ende des Bettes waren irgendwelche Spitzen zusammengeschoben,

und von dem weißen Gekräusel hob sich, unter dem Laken hervorschimmernd

die Spitze eines nackten Fußes ab: sie war wie aus Marmor gemeißelt und

erschien unheimlich regungslos. Der Fürst sah und fühlte -- je länger er

sah, um so toter und lautloser wurde es im Zimmer. Plötzlich begann eine

erwachte Fliege zu summen, flog über das Bett und verstummte am oberen

Ende. Der Fürst fuhr zusammen.

»Gehen wir,« sagte Rogoshin, indem er ihn leise am Arm berührte.

Sie traten hinaus aus dem Schlafraum, setzten sich auf dieselben Stühle

und saßen schweigend wieder einander gegenüber. Der Fürst zitterte,

immer heftiger wurde sein Zittern. Er wandte seinen fragenden Blick

nicht einmal auf eine Sekunde von Rogoshins Antlitz ab.

»Du, ich sehe, du zitterst, Lew Nikolajewitsch,« sagte endlich Rogoshin,

»fast ganz so, wie wenn du ... deinen Anfall bekommst, weißt du noch, in

Moskau einmal? Oder wie es vor dem Anfall war. Ich kann mir gar nicht

denken, was ich mit dir jetzt anfangen soll ...«

Der Fürst hörte mit krampfhafter Anspannung, was Rogoshin zu ihm sprach,

um den Sinn der Worte zu erfassen, und immer noch fragte sein Blick.

»Das hast du ...?« brachte er schließlich flüsternd hervor, mit dem Kopf

nach dem Vorhang weisend.

»Das ... hab' ich ...« sagte Rogoshin ebenso leise und senkte den Blick

zu Boden.

Sie schwiegen lange.

»Denn wenn du jetzt krank wirst,« fuhr plötzlich Rogoshin fort, als wäre

er gar nicht unterbrochen worden, »den Anfall bekommst, und dann der

Schrei kommt, so kann man es auf der Straße oder auch auf dem Hof hören

und erraten, daß hier in der Wohnung Menschen sind, nun, und dann werden

sie kommen und klopfen und herein wollen ... denn die glauben doch alle,

daß ich nicht zu Hause bin. Ich habe auch kein Licht gemacht -- damit

man von der Straße oder vom Hof nichts sieht. Denn wenn ich fortgehe,

nehme ich die Schlüssel mit, und dann kommt oft drei, vier Tage kein

Mensch hier herein und die Wohnung bleibt so wie sie ist, unaufgeräumt.

So habe ich es eingeführt. Damit man also nicht erfährt, daß wir hier

sind ...«

»Wart',« unterbrach ihn der Fürst, »ich habe aber doch vorhin die Alte

und auch den Hausknecht gefragt, ob Nastassja Filippowna nicht hier

gewesen ist. Die wissen es dann doch schon.«

»Ich weiß, daß du gefragt hast. Ich habe aber der Pafnutjewna gesagt,

daß Nastassja Filippowna gestern hier gewesen und gestern auch nach

Pawlowsk wieder zurückgekehrt, hier bei mir aber nur fünf Minuten

gewesen sei. Sie wissen nicht, daß sie zur Nacht hier blieb -- niemand

weiß es. Gestern, als wir kamen, gingen wir die Treppe ebenso leise

hinauf, wie ich heute mit dir. Ich dachte noch unterwegs, sie würde

nicht so heimlich eintreten wollen -- aber nein! Flüsterte nur, auf den

Zehen schlich sie, das Kleid raffte sie zusammen, damit es nicht

rauschte, trug die Schleppe, drohte mir beim Hinaufsteigen noch mit dem

Finger, damit ich leiser ginge -- alles nur aus Furcht vor dir. Im Coupé

war sie zuerst ganz wie eine Wahnsinnige, alles vor Angst, und sie

selbst wünschte, hierher zu mir zu kommen, um hier zu übernachten. Ich

dachte zuerst, sie zur Lehrerin, zu jener Witwe, zu bringen, aber sie

selbst wollte nicht. >Nein, nein,< sagte sie, >dort wird er mich

sogleich aufsuchen, du aber versteck' mich bei dir, und morgen, ganz

früh, fahren wir nach Moskau<, und von dort wollte sie nach Orel oder

irgendwo dahin. Auch als sie sich hinlegte, sprach sie immer noch, daß

wir nach Orel fahren würden ...«

»Wart' ... aber was willst du tun, Parfen, was willst du jetzt tun?«

»Ja, sieh, ich habe nur Bedenken, weil du immer noch zitterst. Die Nacht

verbringen wir hier beide zusammen. Ein Bett, außer jenem, gibt es hier

nicht, aber ich habe mir gedacht, daß man von diesem Diwan und von jenem

dort die Kissen nimmt und dann hier, hier gleich beim Vorhang, ein Lager

macht, für dich und für mich, nebeneinander, so daß wir zusammen sind.

Denn wenn man dann kommt, und zu fragen anfängt oder zu suchen, dann

wird man sie sogleich finden und hinaustragen. Mich aber wird man

fragen, und ich werde sagen, daß ich es gewesen bin, und man wird mich

fortführen. So laß sie denn jetzt noch hier liegen, neben uns, neben mir

und dir ...«

»Ja, ja!« stimmte der Fürst eifrig bei.

»Also jetzt noch nicht gestehen und nicht forttragen lassen.«

»Nei--nein, auf keinen Fall!« entschied der Fürst. »Nicht -- nicht!«

»So hatte auch ich beschlossen ... auf keinen Fall. Die Nacht verbringen

wir ganz still. Ich war heute nur auf eine Stunde ausgegangen, am

Morgen, sonst war ich die ganze Zeit bei ihr. Und dann gegen Abend, als

ich dich suchen ging. Nur fürchte ich, daß es hier zu drückend ist und

der Leichengeruch sich bald bemerkbar machen wird. Riechst du schon

etwas oder noch nicht?«

»Vielleicht rieche ich etwas, ich weiß es nicht. Am Morgen wird man es

bestimmt riechen ...«

»Ich habe sie mit Wachstuch zugedeckt, mit gutem, amerikanischem, und

über dem Wachstuch dann noch mit dem Laken, und vier Fläschchen mit

desinfizierender Flüssigkeit habe ich aufgestellt, sie stehen auch jetzt

dort offen.«

»So wie dort ... in Moskau?«

»Denn sonst, Bruder, riecht es. Sie aber liegt doch so ... Am Morgen,

wenn es hell wird, sieh sie dir an. Was ist dir, kannst du nicht

aufstehen?« fragte er, mit ängstlicher Verwunderung, als er sah, daß der

Fürst so zitterte, daß er sich nicht vom Stuhle zu erheben vermochte.

»Die Füße versagen ...« murmelte der Fürst. »Das ist nur von der Angst,

ich kenne das ... Wenn die Angst vergangen ist, werde ich auch aufstehen

können ...«

»Dann bleib nur sitzen, ich werde inzwischen das Lager zurecht machen,

dann kannst du dich gleich hinlegen ... und ich neben dir ... und dann

können wir sehen ... Denn ich, Bruder, ich weiß noch nicht ... ich ...

sieh, Bruder, ich weiß jetzt noch nicht alles, und so sage ich es auch

dir im voraus, damit du das alles beizeiten erfährst ...«

Undeutlich diese rätselhaften Worte murmelnd, machte sich Rogoshin

daran, das Lager herzurichten. Offenbar hatte er schon früher,

vielleicht schon am Morgen, darüber nachgedacht, wie er das machen

würde. Der Diwan war für zwei Personen zu schmal, er aber wollte nun

einmal unbedingt Seite an Seite mit dem Fürsten liegen, und da schleppte

er denn mit großer Mühe die schweren Polsterkissen durch das ganze

Zimmer, dicht an den Eingang zum Schlafzimmer, schleppte noch andere

Kissen herbei, Kissen von verschiedener Größe. Als das Lager fertig war,

trat er an den Fürsten heran, faßte ihn mit rührender Zartheit unter den

Arm und führte ihn stolz und froh zu seinem Lager. Übrigens konnte der

Fürst schon allein gehen. »Die Angst war also vergangen.« Doch fuhr er

fort, zu zittern.

»Denn sieh, Bruder,« begann plötzlich wieder Rogoshin, nachdem er den

Fürsten zur Linken auf die besseren Kissen gebettet und sich selbst zur

Rechten hingestreckt hatte, indem er beide Hände unter den Kopf schob,

»bei der Hitze, weißt du, geht das schneller ... Die Fenster

aufzumachen, fürchte ich mich. Aber, weißt du, bei meiner Mutter sind

viele Blumen, sie blühen jetzt gerade und haben solch einen wundervollen

Duft, ich dachte schon daran, sie herzubringen, aber die Pafnutjewna

hätte Verdacht geschöpft, sie ist sehr neugierig.«

»Ja, sie ist sehr neugierig,« wiederholte der Fürst.

»Oder soll ich viele, viele Buketts kaufen, und sie ganz mit Blumen

umstellen? Ich denke aber, es wird traurig sein, so in Blumen!«

»Hör' ...« begann der Fürst, als suche er nach einem Gedanken, als wisse

er nicht, was er eigentlich fragen wollte, oder als vergesse er immer

wieder, was es war. »Hör' ... ja sag' mir: womit hast du sie denn ...?

Mit einem Messer? Mit demselben?«

»Mit demselben ...«

»Wart'! Ich will dich noch fragen, Parfen ... ich werde dich noch vieles

fragen, ich will alles wissen ... aber du sag' mir zuerst, ganz zuerst,

damit ich es weiß: wolltest du sie vor meiner Hochzeit, vor der Trauung,

in der Kirche ermorden, mit dem Messer erstechen? Wolltest du es, oder

wolltest du es nicht?«

»Ich weiß nicht, ob ich es wollte ...« antwortete Rogoshin trocken, als

hätte er sich über die Frage ein wenig gewundert und sie nicht ganz

begriffen.

»Hast du das Messer niemals nach Pawlowsk mitgenommen?«

»Nein, niemals. Von diesem Messer kann ich dir nur das sagen, Lew

Nikolajewitsch,« fuhr er nach kurzem Schweigen fort: »Ich habe es aus

einem verschlossenen Schubfach heute morgen herausgenommen, denn das

Ganze geschah am Morgen zwischen drei und vier. Es lag bei mir in dem

Buch ... Und ... und ... und sieh, was mich wundert: das Messer ging auf

anderthalb ... oder sogar auf zwei Zoll hinein ... gerade unter der

linken Brust ... Blut aber floß im ganzen nur so ein halber Eßlöffel

aufs Hemd, nicht mehr.«

»Das, das, das,« begann plötzlich der Fürst, indem er sich in

furchtbarer Erregung aufzurichten begann, »das, das, ich weiß, das, ich

habe davon gelesen ... innere Verblutung wird das genannt ... Es kommt

sogar vor, daß kein einziger Tropfen Blut herausfließt. Das ist dann,

wenn der Stoß gerade ins Herz geht ...«

»Scht! -- Hörst du?« unterbrach ihn Rogoshin hastig, indem et sich

erschrocken aufrichtete. »Hörst du?«

»Nein!« sagte ebenso schnell und erschrocken der Fürst und sah Rogoshin

an.

»Jemand geht! Hörst du? Im Saal ...«

Beide begannen zu lauschen.

»Ich höre,« flüsterte der Fürst überzeugt.

»Man geht?«

»Ja, man geht!«

»Soll ich die Tür verschließen?«

»Ja, verschließ' ...«

Rogoshin verschloß die Tür und wieder legten sie sich beide hin. Lange

Zeit schwiegen sie.

»Ach, ja!« begann der Fürst, sich plötzlich aufrichtend, in demselben

aufgeregten, schnellen Geflüster, als habe er endlich einen Gedanken

erfaßt und fürchte nun, ihn wieder zu vergessen. »Ja ... ich wollte doch

... diese Karten! die Karten ... Du sollst doch mit ihr Karten gespielt

haben?«

»Ja,« sagte Rogoshin nach einigem Schweigen.

»Wo sind denn ... die Karten?«

»Hier ...« sagte Rogoshin nach noch längerem Schweigen, zog aus der

Tasche ein gebrauchtes, in Papier gewickeltes Spiel Karten hervor und

reichte es dem Fürsten. »Da ...«

Der Fürst nahm es zögernd, als begriffe er nicht, weshalb man es ihm

reichte. Ein neues, trauriges, trostloses Gefühl schnürte ihm das Herz

zusammen; doch plötzlich begriff er, daß er schon lange gar nicht davon

sprach, wovon er sprechen wollte, und immer nicht das tat, was er tun

müßte, und daß diese Karten, die er jetzt in der Hand hielt, und über

die er sich so gefreut hatte, jetzt nichts, nichts mehr ändern konnten.

Er stand auf und rang die Hände. Rogoshin blieb unbeweglich liegen und

schien den Fürsten weder zu sehen noch zu hören; seine Augen aber

glänzten hell im Dunkel und waren ganz offen und unbeweglich. Der Fürst

setzte sich auf einen Stuhl und sah ihn angstvoll an. Wohl eine halbe

Stunde verging so. Plötzlich lachte Rogoshin laut auf, es war ein fast

schreiendes, abgerissenes Lachen -- als hätte er ganz vergessen, daß er

nur flüsternd sprechen durfte:

»Den Offizier, den Offizier ... weißt du noch, wie sie den Offizier mit

der Peitsche schlug, beim Konzert, weißt du noch, ha ha ha! Und der

Kadett ... Kadett ... Kadett sprang noch hinzu.«

Der Fürst schnellte erschrocken vom Stuhle empor. Als Rogoshin verstummt

war -- ebenso plötzlich, wie er aufgelacht hatte --, beugte sich der

Fürst leise über ihn, setzte sich neben ihm nieder und begann mit stark

klopfendem Herzen, schwer atmend, sein Gesicht zu betrachten. Rogoshin

wandte den Kopf nicht zu ihm und schien ihn sogar völlig vergessen zu

haben. Der Fürst sah ihn an und wartete. Die Zeit verging. Die Nacht

wurde heller. Rogoshin begann von Zeit zu Zeit irgendwelche Worte zu

murmeln, leise, laut, schroff hervorstoßend, zusammenhanglos, begann

schließlich laut aufzuschreien und zu lachen. Dann streckte der Fürst

jedesmal seine zitternde Hand aus und berührte leise seinen Kopf, seine

Haare, streichelte sie und streichelte seine Wangen ... das war alles,

was er tun konnte! Er selbst begann wieder zu zittern und plötzlich

empfand er auch wieder das Schwächegefühl in den Beinen. Irgendein ganz

neues Gefühl quälte sein Herz mit unendlicher Sehnsucht. Der Morgen

brach an; da beugte er sich endlich in völliger Erschöpfung und

Verzweiflung auf das Kissen nieder und schmiegte sich mit seinem Gesicht

an das bleiche, unbewegliche Antlitz Rogoshins. Tränen flossen aus

seinen Augen auf Rogoshins Wangen -- doch wird er wohl kaum seine Tränen

gefühlt haben und vielleicht wußte er von nichts mehr ...

Wenigstens fand man, als nach mehreren Stunden die Tür gewaltsam

geöffnet wurde und Leute eindrangen, den Mörder bewußtlos und im Fieber.

Der Fürst aber saß unbeweglich neben ihm. Und jedesmal, wenn der Kranke

einen Schrei ausstieß oder zu phantasieren begann, beeilte er sich,

wieder mit zitternder Hand sein Haar und seine Wangen zu streicheln, wie

um ihn zu beruhigen und zu liebkosen. Doch er begriff nichts mehr,

begriff nicht, was man ihn fragte, und von den Eingetretenen, die ihn

umgaben, erkannte er keinen einzigen. Wenn Professor Schneider jetzt

selbst aus der Schweiz gekommen wäre, um seinen einstigen Schüler und

Patienten zu sehen, so würde er, der ihn einmal vor der Heilung in den

Stunden nach einem Anfall gesehen hatte, wieder nur mit der Achsel

gezuckt und wie damals gesagt haben: »Ein Idiot!«

XII.

Schluß.

Die Lehrerswitwe war, der Verabredung gemäß, nach Pawlowsk gefahren und

hatte sogleich Darja Alexejewna, die sich von der Aufregung noch ganz

krank fühlte, in ihrem Hause aufgesucht und durch die Mitteilung alles

dessen, was sie wußte, in große Angst versetzt. Beide Damen hatten sich

dann nach kurzer Beratung zu Lebedeff begeben, der sich als ergebener

Freund und Hauswirt des Fürsten gleichfalls beunruhigt fühlte. Nachdem

dann noch Wjera alles erzählt hatte, was sie über die Abfahrt des

Fürsten erzählen konnte, waren die beiden Damen und Lebedeff nach

Petersburg gefahren, auf Lebedeffs Rat, um »eventuell noch zu verhüten,

was sehr leicht geschehen könnte«. So kam es, daß am nächsten Morgen

schon um elf Uhr die Tür zur Wohnung Rogoshins auf Veranlassung der

Polizei in Anwesenheit Lebedeffs, der beiden Damen und des älteren

Bruders von Rogoshin, Ssemjon Ssemjonytsch Rogoshin, der den

Seitenflügel des Hauses bewohnte, aufgebrochen wurde. Das polizeiliche

Vorgehen wurde wesentlich beschleunigt durch die Aussage des

Hausknechts, der am Abend vorher gesehen hatte, wie Parfen Ssemjonytsch

mit einem Gast ins Haus eingetreten, und ganz leise die Treppe

hinaufgegangen war. Nach dieser Aussage hatte man nicht länger gezögert

die Tür mit Gewalt aufzubrechen.

Rogoshin lag zwei Monate an einer Gehirnentzündung danieder. Als er

gesund geworden war, kam sein Prozeß zur Verhandlung. Seine Aussagen

waren klar, genau, unzweideutig und genügten vollkommen, so daß der

Fürst auf Grund derselben ohne weiteres von der Untersuchung

ausgeschlossen wurde. Bei der Gerichtsverhandlung war Rogoshin im

übrigen schweigsam. Er widersprach zwar nicht seinem Verteidiger, der

geschickt, klar, logisch und beredt zu beweisen suchte, daß der Mord von

ihm in bereits unzurechnungsfähigem Krankheitszustande verübt worden sei

und daß man ihn eigentlich nur als Folge der Gehirnentzündung, die

bereits früher begonnen habe, betrachten müsse; doch fügte Rogoshin von

sich aus nichts hinzu, was die Richtigkeit dieser Annahme bestätigen

konnte, und auf die an ihn gestellten Fragen antwortete er wieder klar,

bestimmt, und durchaus bemüht, sich aller Einzelheiten des Geschehenen

zu entsinnen. Er wurde unter Annahme mildernder Umstände zu fünfzehn

Jahren Zwangsarbeit nach Sibirien verbannt. Wortlos, mit fast strenger

Miene, vernahm er sein Urteil, »wie in Gedanken versunken«, erzählte

man. Sein ganzes, großes Vermögen, von dem er, im Verhältnis gesprochen,

nur einen kleinen Teil verschwendet hatte, ging auf seinen Bruder

Ssemjon Ssemjonytsch über, zur nicht geringen Zufriedenheit dieses

letzteren. Die Mutter Rogoshins lebte nach wie vor in ihrer stillen

Wohnung, und mitunter scheint es, als gedenke sie ihres geliebten Sohnes

Parfen, doch sind ihre Gedanken wohl nur unklar: Gott hat ihren Geist

und ihr Herz davor bewahrt, das Entsetzen, das ihr trauervolles Haus

heimgesucht, in seiner ganzen Größe zu erfassen.

Lebedeff, Keller, Ganjä und Ptizyn und noch viele andere Personen, die

wir kennen gelernt haben, leben gleichfalls in alter Weise weiter, haben

sich wenig verändert -- daher läßt sich auch nichts Besonderes über sie

berichten. Hippolyt starb etwas früher, als er erwartet hatte, etwa zwei

Wochen nach dem Tode Nastassja Filippownas. Er soll vorher entsetzlich

aufgeregt gewesen sein. Koljä war durch die Ereignisse tief erschüttert.

In der Folge traten er und seine Mutter sich bedeutend näher, ja er

schloß sich sogar ganz an sie an. Nina Alexandrowna ist recht besorgt um

ihn: sie findet ihn zu nachdenklich für seine Jahre. Vielleicht aber

wird aus ihm doch noch einmal ein tätiger und tüchtiger Mensch. Zum Teil

ist es auch auf seine Bemühungen zurückzuführen, daß für das weitere

Schicksal des Fürsten gesorgt wurde. Unter all seinen neuen Bekannten

hatte ihm am meisten Jewgenij Pawlowitsch Radomskij gefallen; zu diesem

hatte er sich denn auch sogleich aufgemacht und ihm das Ereignis

mitgeteilt, sowie alles Nähere, was er selbst über den Zustand des

Fürsten wußte. Seine Erwartung täuschte ihn nicht: Jewgenij Pawlowitsch

nahm den lebhaftesten Anteil am traurigen Schicksal des armen »Idioten«,

und dank seiner Bemühungen kam der Fürst wieder in die Schweiz zu

Professor Schneider, der ihn von neuem in seine Heilanstalt aufnahm.

Jewgenij Pawlowitsch begab sich ins Ausland. Er hatte sogar die Absicht,

recht lange in »Europa« zu bleiben, da er sich selbst ganz offen einen

»in Rußland vollkommen überflüssigen Menschen« nannte. Seinen kranken

Freund besucht er ziemlich oft, wenigstens ein paarmal im Jahre.

Professor Schneider macht aber, wenn er nach der Genesungsmöglichkeit

seines Patienten gefragt wird, eine immer bedenklichere Miene, schüttelt

den Kopf und deutet an, daß es diesmal wohl eine vollständige Zerrüttung

der Verstandeskräfte sei; zwar redet er nicht von Unheilbarkeit, äußert

aber doch die traurigsten Mutmaßungen. Jewgenij Pawlowitsch nimmt sich

das sehr zu Herzen -- und _er hat_ ein Herz, was allein schon durch den

einen Umstand bewiesen wird, daß er von Koljä Briefe erhält, und diese

Briefe hin und wieder sogar beantwortet. Außerdem aber haben wir noch

etwas sehr Seltsames über ihn erfahren, und da dieses Seltsame ein guter

Charakterzug ist, so sei es hier mitgeteilt: Jewgenij Pawlowitsch

schreibt nämlich nach seinen Besuchen in der Heilanstalt des Professor

Schneider außer an Koljä regelmäßig noch einen Brief nach Petersburg,

der den ausführlichsten Bericht über den Zustand des Fürsten enthält.

Doch außer diesen Berichten und der höflichsten Versicherung seiner

Hochachtung, finden sich in diesen Briefen mitunter -- und zwar immer

häufiger -- auch einige Darlegungen seiner Anschauungen, Begriffe,

Gefühle, und diese werden mit jedem Brief sogar immer länger. Mit einem

Wort, es beginnt in ihnen etwas durchzublicken, das an freundschaftliche

oder noch innigere Gefühle gemahnt. Die Person aber, an die Jewgenij

Pawlowitsch diese Briefe schreibt -- natürlich tut er es immerhin noch

ziemlich selten -- und die seine Aufmerksamkeit und Achtung in so hohem

Maße gefesselt und erworben hat, ist Wjera Lebedewa. Leider ist es uns

nicht möglich gewesen, Näheres darüber zu erfahren, wie sich diese

Beziehungen haben anknüpfen können, doch nehmen wir an, daß es wohl

infolge des Unglücks gewesen sein wird, das den Fürsten betroffen hatte.

Wjera war durch das Geschehnis zunächst so erschüttert, daß auch sie

erkrankte. Doch wie gesagt -- bei welcher Gelegenheit sie sich näher

getreten sind, wissen wir nicht. Im übrigen haben wir dieser Briefe auch

deshalb Erwähnung getan, weil einzelne von ihnen Mitteilungen über

Jepantschins und namentlich über Aglaja Iwanowna enthalten. In einem

ziemlich krausen Brief aus Paris teilte er mit, daß diese zu einem

polnischen Grafen und Emigranten eine große Neigung gefaßt und ihn bald

darauf geheiratet habe, sehr gegen den Wunsch ihrer Eltern, die, wenn

sie auch schließlich ihre Einwilligung gegeben, es nur deshalb getan

hätten, weil es sonst zu einem vielleicht aufsehenerregenden Skandal

gekommen wäre. Im nächsten Brief, den Wjera nach etwa einem halben Jahre

erhielt, schrieb Jewgenij Pawlowitsch -- es war wieder ein langer,

ausführlicher Brief -- daß er während seines letzten Aufenthaltes in der

Schweiz bei Professor Schneider mit Jepantschins und dem Fürsten Sch.

zusammengetroffen sei. Das Wiedersehen mußte, so wie er es schilderte,

ein sehr seltsames gewesen sein: alle hatten ihn fast begeistert

empfangen, Alexandra und Adelaida hatten sich ihm sogar zu heißem Dank

verpflichtet gefühlt für alles Gute, das er dem Fürsten erwies, und für

seine »rührende Sorge um ihn«. Lisaweta Prokofjewna hatte beim Anblick

des armen Fürsten in seinem kranken, erniedrigenden Zustande bitterlich

zu weinen begonnen. Offenbar hatte sie ihm längst alles verziehen. Fürst

Sch. hatte bei der Gelegenheit ein paar gute Gedanken ausgesprochen. Wie

es Jewgenij Pawlowitsch geschienen, hätte sich das junge Ehepaar noch

nicht so ganz harmonisch verbunden gefühlt, doch wäre es vorauszusehen,

daß Adelaidas lebhaftes, mitunter recht feuriges Temperament sich mit

der Zeit freiwillig und von Herzen der geistigen Überlegenheit und

Erfahrenheit des Fürsten anpassen und unterordnen würde. Hinzu kam noch,

daß die Lehren, die die Familie in letzter Zeit erhalten hatte, für sie

unvergeßlich waren, so vor allem das letzte Erlebnis Aglajas mit dem

polnischen Grafen. Alles, was man befürchtet, als man die Einwilligung

zur Heirat Aglajas mit diesem Grafen verweigert hatte, war schon nach

wenigen Monaten, nach kaum einem halben Jahre, in Erfüllung gegangen,

und dazu noch mit solchen Überraschungen, daß man an die leidigen

Tatsachen fast immer noch nicht glauben wollte. Es hatte sich nämlich

herausgestellt, daß der emigrierte Graf zwar ein Emigrant, deshalb aber

noch längst kein Graf war, seine Vergangenheit vielmehr etwas sehr

Dunkles und Zweideutiges hatte. Aglaja hatte er durch die »seltene

Vornehmheit seiner von Heimweh nach dem Vaterlande sich verzehrenden

Seele« gefesselt und bezaubert, und das in solchem Maße, daß sie bereits

vor der Heirat Mitglied irgendeines Emigrantenkomitees geworden war, das

sich die Wiederherstellung des Königreichs Polen zum Ziel gesetzt hatte.

Überdies war sie noch in den Beichtstuhl irgendeines berühmten

Jesuitenpaters geraten, der ihren Geist bis zum Wahnsinn zu beeinflussen

wußte. Das riesige Vermögen des Grafen, von dem er Lisaweta Prokofjewna

und dem Fürsten Sch. erzählt und für das er ihnen fast unantastbare

Beweise geliefert hatte, war nichts als Schwindel gewesen. Außerdem war

es ihm mit Hilfe seines Freundes, des Jesuitenpaters, in dieser kurzen

Zeit gelungen, Aglaja vollständig mit ihrer Familie zu entzweien, so daß

die Mutter und Geschwister sie schon seit mehreren Monaten nicht gesehen

hatten ... Kurzum, erzählen ließe sich noch manches, doch hatten

Lisaweta Prokofjewna, ihre Töchter und Fürst Sch. schon so viel unter

diesem »Schrecken« gelitten, daß sie im Gespräch mit Jewgenij

Pawlowitsch fast angstvoll gewisse Dinge zu umgehen gesucht hatten,

zumal sie wußten, daß er ohnehin über die letzten Verirrungen Aglaja

Iwanownas gut unterrichtet war. Die arme Lisaweta Prokofjewna wäre gern

sogleich nach Rußland zurückgekehrt: nach dem Bericht Jewgenij

Pawlowitschs habe sie sehr parteiisch, fast sogar erbittert alles

Ausländische kritisiert. »Nicht einmal Brot verstehen sie zu backen, den

Winter über frieren sie wie die Mäuse im Keller!« habe sie ganz erbost

gesagt. »Hier habe ich mich doch wenigstens über diesen Armen auf gut

Russisch ausweinen können,« habe sie hinzugefügt, erregt auf den Fürsten

weisend, der keinen von ihnen erkannt hatte. »Aber jetzt hat man sich

genug hinreißen lassen, es ist Zeit, endlich wieder vernünftig zu

werden! Und all das hier, euer ganzes Europa, alles das ist nur

Phantasie, und wir Russen, wir alle hier im Auslande, sind nichts als

Phantasie ... behaltet meine Worte, ihr werdet es selbst sehen!« habe

sie sich beim Abschied von Jewgenij Pawlowitsch fast zornig geäußert.

Sämtliche Werke 3-4 · 第 71 / 75 题